Ungedanken – Kassel – Tel Aviv: Die Geschichte einer Auswanderung

Sally und Helene Kaufmann, eine bemerkenswerte Zeitung aus Nordhessen und wie aus dem Kasseler Straßenjungen Martin Mordechai Tadmor wurde
(letztes Update: 16.04.2017)

Am 27. September 2015 postete das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf Facebook einen Artikel von Sebastian M. Hafner über die Praxis vieler Medien, mit gestellten oder gefakten Fotos im Nahen Osten Politik zu machen (Inszenierte Opfer). Die Notiz des BgA-Kassel kommentierte ein Herr Mordechai Tadmor: „Es erinnert mich an meinen Vater, s.A. Er war der Herausgeber der ‚juedischen Wochenzeitung‘ in Kassel in den Jahren 1928-1932. Sein Name war Sally Kaufmann (1890-1966).“ Diese Zeitung* war mir ein Begriff, einige Notizen, nicht viel – aber das wesentliche – zu dieser Zeitung findet man in Kassels einschlägigen Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte.**

Zu Sally Kaufmann erfährt man aber im Prinzip nichts. Dieser Kommentar ließ mich also aufhorchen. Ich nahm mit Herrn Tadmor Kontakt auf. Nach reger Korrespondenz verabredeten wir uns in Israel. Herr Tadmor ist der älteste Sohn*** Sally Kaufmanns, und lebt in Giv’Atajim. Giv’Atajim liegt bei Tel Aviv, direkt hinter dem Ayalon. Ich erhoffe mir von dem Besuch bei Herrn Tadmor, mehr über den Menschen Sally Kaufmann in Erfahrung zu bringen.

Es stellte sich schnell heraus, dass Herr Tadmor über seinen Vater wenig berichten kann, dafür aber um so mehr aus seinem Leben.

Eine Kindheit in Kassel

Herr Mordechai Tadmor wurde als Martin (Mordechai) Kaufmann 1922 in Darmstadt geboren. In Deutschland war sein Rufname Martin, gute Freunde nennen ihn heute Motke. In Darmstadt lebten die Eltern seiner Mutter Helene (Rikva) Kaufmann, geb. Enoch. Eine Woche nach seiner Geburt kam Martin dann mit seiner Mutter nach Kassel um dort als kleiner Junge aufzuwachsen. Seine Eltern wanderten 1932 mit seinen Brüdern und ihm – dem damals zehnjährigen Kasseler Jungen – nach Palästina aus. „Mein Vater war kein großer Denker, aber er ahnte was kommen wird,“ erzählt mir Herr Tadmor bei unserem ersten Treffen. Diese Ahnung rettete ihm, seinen Brüdern, seiner Mutter und seinem Vater das Leben. Auch die Großeltern mütterlicherseits wurden von den Kaufmanns 1934 nach Palästina geholt.

Die Kaufmanns wohnten bis 1930 in der Hohentorstraße. Die Hohentorstraße gibt es heute nicht mehr, sie verlief damals vom Lutherplatz an der Martinskirche vorbei Richtung Altmarkt, etwas südlich von der heutigen Kurt-Schuhmacher-Straße gelegen.

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Die Hohentorstraße auf einer alten Postkarte. Vorne links ist die Hausnummer 3. Drei Häuser weiter ist das Haus in dem Sally Kaufmann und seine Familie bis 1932 lebte.

Die schönsten Erinnerungen an Kassel verbindet Herr Tadmor mit dem Gelände an der Martinskirche. Dort rauchte er seine ersten Zigaretten (R6), sammelte im Frühling Maikäfer und verbrachte den Großteil seiner Zeit. Er erinnert sich: „Unser Stammplatz war die Anlage um die Martinskirche. Dort rauchten wir, trieben allerhand Unsinn und belästigten die Besucher.“ Herr Tadmor beschreibt sich selbst als Gassenjunge. Weil die Wohnverhältnisse in der Hohentorstraße sehr beengt waren, seine Mutter sich vor allem um seinen kränklichen Bruder Benno kümmern musste, schlief er öfters zusammen mit dem Hofhund Tell in dessen Hundehütte.

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Martin Kaufmann Ende der Zwanziger. „Ich war ein ziemlicher Gassenjunge“ erinnert sich Herr Tadmor an seine Zeit als Kasseler Schlacke. (© J. D.)

„Manchmal strichen wir um die Geschäfte und klauten aus den Auslagen – das ist nach mehr als 85 Jahren hoffentlich verjährt. Ich ‚klaute‘ hauptsächlich Süßigkeiten. Nicht für mich selbst, sondern für die Gruppe – sozusagen zur Bestechung, damit ich mit ihnen Fußball spielen durfte, denn ich war kein guter Spieler damals. Am liebsten aber ging ich allein in die Anlage an der Martinskirche. Dort saßen oft auf zwei Bänken alte Frauen und Männer, alle schwarz gekleidet (vielleicht waren das Insassen eines Altenheims) und sangen patriotische Lieder. Bruchteile dieser Lieder sind mir noch in Erinnerung: ‚Hörnerklang und wilder verwegener Jagdgesang‘. ‚Auf lasst die Faulen liegen, lasst sie in ihrer Ruh‘, wir rücken mit Vergnügen dem lieben König zu‘, ‚Schleswig-Holstein meerumschlungen‘. Vielleicht waren das meine schönsten Stunden.“

Kurz bevor die Kaufmanns nach Palästina auswanderten zog die Familie Kaufmann in die Kölnische Straße um. Dort wurde der zweite Bruder Micha geboren. Martin besuchte als 10-jähriger zuletzt das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Vorher besuchte er die jüdische Volksschule in der Großen Rosenstraße. Die Zeit am Wilhelmsgymnasium und in der Kölnischen Straße hat er im Gegensatz zur jüdischen Volksschule und der Kasseler Innenstadt in keiner guten Erinnerung behalten. „Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde sehr gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus. …

Sally und Helene Kaufmann schalten eine Dankesanzeige in der Jüdischen Wochenzeitung für Aufmerksamkeit angesichts der Geburt Michas.

In dem Haus in der Kölnischen Str. 77, wo wir zuletzt wohnten, wohnte die Familie Ernst mit ihrem Sohn Günther. Dieser Junge ging mit mir in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums. Seine Eltern verboten ihm den Umgang mit mir (ich war ihnen wohl nicht fein genug und dazu jüdisch) und er war der Anführer der Hetze gegen mich“ berichtet Herr Tadmor. „Manchmal frage ich mich, was aus ihm wohl geworden ist. Er war mein Jahrgang (1922). Vielleicht standen wir uns ja in Tobruk, El Alamein oder in Salerno gegenüber?“

Vom Kibbuz zur britischen Armee

Über Haifa gelangte die Familie nach Tel Aviv.  An seinem Leben auf der Straße ändert sich auch in Tel Aviv zunächst nichts. „Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht,“ denkt Herr Tadmor zurück. Damals war Martin 10 Jahre alt, rebellisch und aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechseln musste.

„Meine Eltern meldeten mich in der Tachkemonischule an, wohl um meinem Großvater einen Gefallen zu tun, denn diese Schule war eine sehr religiöse Schule. Sie lag an der Grenze zwischen dem damaligen Jaffa und Tel Aviv. Die Schüler kamen alle aus armen, zumeist orientalischen Familien. Alle anderen Einwandererkinder besuchten eine Schule im Norden Tel Avivs, die ihnen bei der Integration half. Meine Integration verlief anders. Als ich am ersten Schultag, sauber angezogen nach deutschem Muster, in der Schule eintraf, sorgte ich für eine Sensation. Die Schüler versammelten sich um mich herum und droschen auf mich ein. Dabei schrien sie: ‚Yecke Potz‘. – Yecke ist der noch heute existierende Begriff für Juden deutscher Abstammung und Potz heißt Schwanz. – Als ich mich wehrte, ließen sich die Angreifer zu Boden fallen und fingen an, jämmerlich zu schreien. Die Lehrer eilten herbei und da war ich natürlich der böse Junge.“ Das ging an dieser Schule nicht lange gut, aber auch in den anderen Schulen war das nicht anders, als alles nichts mehr half, wurde Motke dann von seinen Eltern in den Kibbuz geschickt.

Es war der Kibbuz En Gev, am östlichen Ufer des See Genezareth an den Hängen des Golans gelegen. Dieser Kibbuz war, wie viele andere in diesen Jahren, eine sogenannte „Turm und Palisaden-Siedlung“. Das waren landwirtschaftlich geführte Kommunen und gleichzeitig Wehrdörfer in einer damals feindlichen Umgebung. „Ich arbeitete für den Kibbuz als Fischer auf dem See Genezareth, so wie Petrus. Es war eine arbeitsreiche aber auch wilde und romantische Zeit“ erzählt Herr Tadmor.

1940 mussten dann „Freiwillige“ für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen Italiens Truppen, dann gegen die Wehrmacht kämpften. „Ich war 18 Jahre alt, unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht,“ erinnert sich Herr Tadmor. Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen und von dort im Bündnis mit den antienglisch und judenfeindlich eingestellten Arabern in Palästina, Syrien, Jordanien und im Irak weiter nach Russland vorzustoßen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Vor Tobruk wehrte Herr Tadmor als „Soldat King Georges“, wie er sich selbst mir gegenüber bezeichnet, mit einem MG bewaffnet deutsche Fliegerangriffe ab. „Dafür bekam ich später die ‚Silberne 8‘ meiner Afrikamedaille.“

Herrn Tadmors Auszeichnung für den Kampf gegen Nazideutschlands Armee (© J.D.)

Die Pläne der Nazis konnten aber erst bei El Alamein von den britischen Truppen vereitelt werden. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina leisteten dazu einen Beitrag. Später dann wurde aus den Freiwilligen die jüdische Brigade gebildet, die über Italien sich bis zur Kapitulation Deutschlands an Österreich heran kämpfte.

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Herr Tadmor als britischer Soldat in Nordafrika. „Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg.“ (© J.D.)

Die, die diesen Krieg wie Herr Tadmor überlebten, bildeten 1948 den Kernbestandteile der Israel Defence Forces (IDF). Herr Tadmor war Offizier bei den IDF, arbeitete nach dem Unabhängigkeitskrieg zuerst als Korrespondent der Jerusalem Post und für die Zeitung der Arbeiterpartei Davar in Deutschland und dann als Botschaftsrat in den Jahren 1962 – 1966 für den diplomatischen Dienst Israels in Österreich.

In Deutschland war er 1955 der erste israelische Korrespondent überhaupt. Herr Tadmor zeigte sich in dieser Funktion den Deutschen gegenüber erstaunlich nachsichtig. Sein Anspruch war es, möglichst objektiv über die junge Bundesrepublik zu berichten.  Die unangenehmste Erfahrung, von der er mir erzählt, sei für seine Familie der kalte Winter 1955 / 1956 gewesen. Er erzählt mir, dass er stolz darauf ist, Franz Josef Strauß kennen gelernt zu haben, der damals mit Shimon Peres wichtige Waffenlieferungen für Israel organisierte. Insbesondere hatte es ihn aber Konrad Adenauer angetan. Seine Rolle in der Bundesrepublik sieht Herr Tadmor bis heute weitgehend positiv: „Konrad Adenauer und David Ben-Gurion hatten den Mut und die Voraussicht dieses schwierige Thema anzugehen und auch durchzuführen. Die Wiedergutmachung ermöglichte letztendlich den Aufbau und die Industrialisierung Israels.“ Die Hochachtung Adenauers gegenüber beruhte wohl auf Gegenseitigkeit, so erfuhr Herr Tadmor, dass Adenauer seine Berichterstattung schätzte und er konnte ihn mehrfach zu seinen politischen Terminen begleiten. Ergebnis einer dieser Reisen war unter anderem der Artikel „On the road with Adenauer“ (JP, 15. Sept. 1957), indem er aus einem Gespräch mit Adenauer zitierte. Adenauer bekundete darin eine große Hochachtung gegenüber den Israelis, bemerkte dass er ihren Mut bewundere und betonte, dass er sich zur Freundschaft zu Israel bekenne. Als Korrespondent bemerkte Herr Tadmor, dass die Bewunderung des Mutes alleine Israel wenig nützen würde, schrieb aber auch davon, dass Adenauer Größe besäße. Gegenüber Adenauer äußerte Herr Tadmor auch seine Bedenken über die regen Waffenlieferungen der Sowjetunion an die arabischen Staaten. Im Gegensatz zu einigen der in die arabischen Staaten ausgewanderten Nazis (Raketentechniker, Judenverfolger), die Herr Tadmor damals aufmerksam beobachtete, seien die sowjetischen Waffen eine viel größere Gefahr für Israel – eine Einschätzung, die sich 1973 auf bestürzende Weise bewahrheitete.

Der Presseausweis des ersten israelischen Korrespondenten in Deutschland, Mordechai Tadmor (© J.D.).

Während seines Deutschlandaufenthaltes unterstützte Herr Tadmor indirekt die Arbeit Fritz Bauers und später in Wien vor allem Simon Wiesenthal beim Aufspüren von Nazis. In dem Film „Die Akte General“ ist seine Rolle kurz zu sehen. Seine Frau Edith sagt in unserem Gespräch, „Motke war Nazijäger“.

Zu Simon Wiesenthal entwickelte Herr Tadmor eine tiefe Freundschaft, die sich auf beide Familien erstreckte, aber sie hatten auch beruflich viel miteinander zu tun. „Es war meine Aufgabe, ihn zu kontaktieren,“ lacht Herr Tadmor, als ich ihn fragte, wie er denn Wiesenthal kennen gelernt hat. Tom Segev schreibt, „die Vorgesetzten von Mordechai E. haben  inzwischen beschlossen, Herrn Wiesenthal in ihren Dienst zu nehmen, ihm Gehalt zu zahlen und ein Büro zu seiner Verfügung zu stellen.“ Mordechai E., wie Herr Tadmor von Segev genannt wird, und Wiesenthal trafen sich gerne in einem Wiener Café. Dort überbrachte Mordechai E.  Wiesenthal die vereinbarte Bezahlung. Zunehmend lernen sie sich gegenseitig schätzen und unternahmen dann auch viel privat.**** Auch wenn Herr Tadmor von den Österreichern nicht viel hält – „Ich … verglich die Haltung der Bevölkerung der Bundesrepublik mit der österreichischen Einstellung: Lange Jahre stellten sie sich als Opfer vor und jammerten anstatt die Opfer zu entschädigen. … Das waren und sind die eigentlichen Antisemiten.“ – Herr Tadmor lebte gerne mit seiner Familie in Wien. Seine beiden Söhne gingen dort zur Schule und können daher bis heute gut deutsch sprechen. Es war keine Diplomatenschule, sondern eine gewöhnliche Schule in der unmittelbaren Umgebung ihres Wohnorts. „Obwohl es anfangs Vorbehalte gegenüber meinen Söhnen gab, sie waren schnell und gut integriert“, bemerkt Herr Tadmor.

Von Ungedanken nach Kassel

Herr Tadmors Vater, Sally Kaufmann wurde 1890 als Sohn des Lehrers Markus (Mordechay) Kaufmann und seiner Frau Bettina (geb. Katzenberg) in Ungedanken, einem kleinen Dorf bei Fritzlar, geboren. In der Jüdischen Wochenzeitung widmet sich ein mehrteiliger Artikel Elias Lissauers diesem Dorf. Lissauer entstammte einer seit mehreren Generationen in Ungedanken ansässigen Familie der Thoraschreiber.

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Der Grabstein des Lehrers Markus Kaufmann auf dem Friedhof in Ungedanken. Die Inschrift des Grabsteins ist hier übersetzt. Von der kleinen jüdischen Gemeinde Ungedankens ist außer den Grabsteinen des Friedhofs nichts übriggeblieben. Ein Gedenkstein vor dem Friedhof erinnert an die Opfer des Holocaust.

Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Ungedanken eine „israelitische Gemeinde“. Unter dem Schutz des Kurfürsten von Mainz ließen sich dort Juden nieder. Man nimmt an, dass sie Flüchtlinge aus Polen kamen, als dort der Kosakenführer Bogdan Chielmicki das Land verwüstete und es zu zahllosen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam. In der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das jüdische Gemeindeleben in Ungedanken. Mitte des 19 Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Ungedankens Juden.

Über Markus Kaufmann schreibt Lissauer: Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine israelitische Volksschule errichtet. In derselben wirkten die Lehrer Edelmuth Lange von 1862 – 1869, Frank von 1869 – 1873, Kaufmann von 1873 – 1893, und Kaschmann von 1893 – 1901. Die Höchstzahl der Schüler betrug 45 – 50. … Lehrer Markus Kaufmann, der 1893 starb war nicht nur im Jüdischen, sondern auch im Deutschen ein großer Gelehrter. Die Gemeinde nahm in seiner Zeit einen einen großen Aufschwung und .. das religiöse Leben [stand] während seiner Amtszeit auf der Höhe. Auch die Schülerzeit war damals die höchste.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 17, 1927; Der Artikel und weitere Angaben sind auf der Seite alemannia-judaica.de zu finden.)

Sally Kaufmann: Herausgeber, Patriot, Zionist und Nazigegner

Sally Kaufmann erlernte den Beruf des Kaufmanns. 1914 wurde er als Soldat eingezogen und im Juni 1916 an der Somme als Unteroffizier in die Schlacht gegen englische Truppen geschickt. Er hatte Glück im Unglück und überlebte schwer verletzt das Gemetzel.

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Sally Kaufmann als Soldat im ersten Weltkrieg. 12.000 deutsche Juden werden in diesem Krieg „für Deutschland“ fallen. Sally Kaufmanns Sohn kämpfte 25 Jahre später für die britische Armee gegen Nazideutschland.

Nach dem Krieg gründete er einen Kolonialwarenladen. Dieser Laden war zugleich die Adresse der von ihm herausgegebenen Zeitung. Von Herrn Tadmor will ich mehr über seinen Vater Sally Kaufmann erfahren. „Ich war nie innerhalb des Geschäfts meines Vaters, ich kannte auch nicht das Sortiment oder die Kunden,“ so Herr Tadmor über die Tätigkeiten seines Vaters. „Oft, wenn viel Betrieb im Geschäft war, rief mein Vater meine Mutter zu Hilfe und sie ließ mich dann allein zurück. Sie sah oft sehr verbittert aus, lächelte nie und umarmte mich nicht. Ich glaube, es passte ihr nicht, die Frau eines Kolonialwarenhändlers zu sein. Später, als mein Vater die ‚Jüdische Wochenzeitung‘ herausgab und wir in die Kölnische Straße zogen, änderte sich die Lage. Wir waren irgendwie Prominenz, in der Gemeinde wurden wir respektiert.“

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Eine Werbeanzeige Sally Kaufmanns Kolonialwarenhandel aus dem Jahre 1925

Herr Tadmor erzählt mir, dass die Rolle seines Vaters ihm gegenüber und in der Familie stark von der Kaiserzeit geprägt war. „Er war durch und durch Unteroffizier, sein Verlangen mir gegenüber, ihm zu gehorchen war sein ständiges Kredo.“ Mit den Kindern redete sein Vater also nicht viel, schon gar nicht teilte er seinem Sohn etwas über seine politischen Tätigkeiten und Auffassungen mit.  „Mein Vater war einfach da, ohne viele Worte zu verlieren. Sein ganzes Wesen drückte einen für ihn selbstverständlichen Patriotismus aus. … Seine Erinnerungen an das ‚Feld‘, das Eiserne Kreuz, sein Silbernes Verwundetenabzeichen.“

Doch Sally Kaufmann organisierte sich als überlebender Weltkriegsteilnehmer nicht im Stahlhelm sondern als Jude im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten (RjF) und als solcher unterschied sich sein Soldatentum von dem der meisten Weltkriegsteilnehmern, die sich in der Mehrheit im Stahlhelm organisierten. In der Jüdischen Wochenzeitung berichtete am 31.10.1924 ein Autor (mutmaßlich Sally Kaufmann mit dem Kürzel Kfm.) über den Auftritt des Segelfliegers Jakob Ledermann in Kassel. Dieser betonte in seinem Vortrag, dass der RjF kein Kriegerverein sei, sondern die Aufgabe habe, die Wacht am Grabe der gefallenen 12.000 jüdischen Soldaten gegenüber Schmähungen und Verdächtigungen zu halten. Ein vorzügliches Mittel der Abwehrbewegung sei die körperliche Ertüchtigung der jüdischen Jugend. (In Kassel gab es den äußerst aktiven Sportverein Bar Kochba.)

Ein Überblick über die wichtigsten Positionen des RjF in einer Anzeige in der Jüdischen Wochenzeitung vom 23. Jan 1924

Sally Kaufmann war nach dem Krieg in der Kasseler Gruppe des RjF aktiv. Seine Mitstreiter in der Kasseler Gruppe waren damals u.a. Julius Dalberg, Walter Bacher und Ludwig Horwitz. Der Vorsitzende des Landesverbandes Kurhessen Louis Engelbert schrieb zur kurhessischen Gruppe in der Sondernummer der Verbandszeitung „Der Schild“ (Nr. 37/38, 6. Jahrgang, 12. Sept. 1927) über die Ausrichtung der im August 1921 gegründeten Kasseler Gruppe, dass sie Anerkennung in allen jüdischen Gruppen erlangte, weil sie sowohl gute Beziehungen zum Zentralverein, als auch zur Zionistischen Vereinigung pflegte. Die hessische Gruppe des RjF sah ihre Aufgabe im „antisemitisch verseuchten Kurhessen“ in der Zurückdrängung der völkischen Bewegung. In der zur Pogromen „aufreizenden Zeit“ 1923 wurde auch ein Selbstschutz gegründet, der sich durch sein energisches Auftreten Achtung bei den Gegnern verschaffte. In der gleichen Ausgabe steuerte Sally Kaufmann einen Artikel über jüdische Lehrer als Kriegsteilnehmer sowohl an der Front, als auch im oft „nicht minder beschwerlichen Heimatdienst“ bei. 1927 wurde Sally Kaufmann als Beisitzer in den Vorstand des RjF Kassel gewählt. Die Treffen der Kasseler RjF-Gruppe finden auch in der Wohnung Kaufmanns statt.

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Die Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten (RjF) in Kassel lädt zur Wahl des Central-Vereins in das Wahllokal Hohentorstr. 9 ein.

Doch auch die Rolle der Bildung jenseits des Krieges muss ein Thema gewesen sei, dass Sally Kaufmann interessierte. So war er im Elternbeirat der Jüdischen Volksschule aktiv, der Vorsitzende des Elternbeirats bescheinigt ihm in einem Brief, dass er sich stets nachdrücklich für die Belange der Schule eingesetzt hat.

Sally Kaufmann hinterließ keine Tagebücher oder Notizen, noch überlieferte er seine Gedankenwelt mündlich an seine Nachkommen. Um mehr über ihn und seine Gedankenwelt etwas zu erfahren ist das Studium seiner von ihm herausgebrachten Zeitung der einzige Weg.

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck trat am 4. April 1924 mit einem ambitionierten Anspruch an die Öffentlichkeit. In der ersten Nummer der Zeitung umriss Dr. Joseph Prager das Programm der Zeitung. Prager schrieb, dass vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs und Niedergangs, in den er auch das jüdische Leben in Deutschland mit einbezogen sah, ein Neuaufbau nötig sei. Die Zeitung solle dem Judentum dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit eintreten und an der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitarbeiten. Prager betonte, dass die Zeitung keiner Partei im Judentum dienstbar sein solle, vielmehr sollen alle Fragen behandelt und alle Nachrichten vermittelt werden, „die zu kennen für Juden jeglicher Partei wichtig sind.“ Der Focus sei auf die heimatlichen Angelegenheiten, die Geschichte und das Wirken der örtlichen Gemeinden, zu richten. Prager plädierte dafür, den Kampf gegen Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit aufzunehmen und hoffte darauf, für diesen Kampf alle Parteien des Judentums zu gewinnen.

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Die erste Nummer der jüdischen Wochenzeitung aus dem Jahr 1924. Den Aufmacher schrieb Dr. Joseph Prager.

Sally Kaufmann tauchte als Autor fast nie namentlich auf. Dass es nur wenig Artikel von ihm gibt, lag vermutlich an seiner Kriegsverletzung, die ihm die Nutzung der rechten Hand unmöglich machte. Nach einem halben Jahr wurde er aber namentlich als inhaltlich Verantwortlicher, sprich als Herausgeber im Impressum genannt.

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Die Jüdische Wochenzeitung erinnert auf ihrer Titelseite die säumigen Abonnenten, dass sie die Zeitung auch bezahlen sollten. Sally Kaufmann wird als inhaltlich Verantwortlicher genannt.

Zusammen mit seinen Mitstreitern, vor allem mit dem auch als Redakteur wirkenden Rechtsanwalt Julius Dalberg und den z.T. prominenten Autoren entwickelte sich das Wochenblatt zu einer Zeitung, die nicht nur Mitteilungen aus der jüdischen Gemeinde veröffentlicht, sondern sich mit den unterschiedlichsten Facetten der Geschichte jüdischer Gemeinden, Persönlichkeiten und Wirkens in der Region befasst, sich in die zeitgenössischen politischen Themen einmischte und einer Zeitung, die für den Zionismus und immer häufiger gegen den Nationalsozialismus Stellung bezog. Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar schreibt ferner über die Zeitung: „Politisch fällt die Nähe zur demokratischen Republik auf, die sich durch alle Jahrgänge … beobachten lässt.“ (Krause-Vilmar, 2013, S. 177) Immer wieder sind Aufrufe zu finden, zu den Wahlen zu gehen und dabei die demokratischen Parteien zu wählen.

Ein Aufruf in der Jüdischen Wochenzeitung aus dem Jahr 1929 wählen zu gehen. Aufrufe dieser Art sind zu allen Wahlen zu finden.

In den vielen Ausgaben, die Sally Kaufmann bis 1932 herausbrachte, wurde regelmäßig über die Entwicklung im damaligen Mandatsgebiet Palästina berichtet. Es schrieben neben den Redakteuren berühmte Autoren wie z.B. Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod für die Zeitung, auch lokale Größen wie z.B. Philipp Scheidemann oder Rudolf Hallo veröffentlichten in der Jüdischen Wochenzeitung Artikel. Lesenswerte Nachrufe z.B. auf Paul Levi, Franz Rosenzweig und Friedrich Ebert wurden veröffentlicht, man beschäftigte sich oft sehr ausführlich mit Stefan Zweig, Franz Kafka, Moses Mendelsohn, Eduard Bernstein u.v.a.. Oft sind Berichte über die Situation der Juden in anderen Ländern zu finden, insbesondere beschäftigte sich die Zeitung immer wieder mit der Situation der Juden in der Sowjetunion. Vor allem aber gibt es wichtige Artikel über die regionale Geschichte der Juden in Nordhessen, viele davon werden von Rudolf Hallo, dem Gründer des jüdischen Museums in Kassel beigesteuert.

Wichtige Themen in der Jüdischen Wochenzeitung sind Antisemitismus und Zionismus …

In fast jeder Ausgabe sind Meldungen und Auseinandersetzungen mit dem grassierenden Antisemitismus zu finden. Schon die Nr. 4 des ersten Jahrgangs wartete mit einem Leitartikel über Antisemitismus auf. Dr. Werner Bab konstatierte darin, dass zwar das Thema Antisemitismus in aller Munde sei, so dass man meinen könnte, es gebe in Deutschland 99 % Juden, aber er problematisierte, dass Juden immer als Objekt auftauchen. Die Aufgabe der Jüdischen Wochenzeitung sei es, über die Fraktionen hinweg dazu beizutragen, dass Juden sagen können: „Ich bin ein Jude und glaube, dass nichts Jüdisches mit fremd ist.“ So sei dem Antisemitismus entgegenzutreten, der den Eindruck hinterlasse, dass sich das 20. Jahrhundert im Antlitz des Mittelalters zeige. Es sei ein Kampf, der das Wahre und Gute zur Weltmacht zu führen habe.

Der Autor Erwin Baer schrieb im Oktober 1927 für die Jüdische Wochenzeitung in seinem Artikel „Zur Beurteilung des Judenhasses“: „Ob die Mehrheit des deutschen Volkes die deutschen Juden als ihr gleichwertig und in jeder Hinsicht gleichberechtigt anerkennt, oder ob sie sie als einen minderwertigen Fremdkörper betrachtet, davon hängt das Schicksal jedes einzelnen Juden weitgehend ab.“ (Jüdische Wochenzeitung Nr. 39, 1927) Baer brachte das Dilemma der Juden auf den Punkt. Ihr Wohl und Wehe liegt nicht in ihrer Hand, als Objekt unergründlicher pathischer Projektionen, bleiben sie abhängig vom goodwill der nichtjüdischen Bevölkerung. Sally Kaufmann schrieb in einem der wenigen ihm zuzuordnenden Artikel anlässlich des Besuchs Chaim Weizmanns in Deutschland einen Monat später, „... wir erachten es daher als Pflicht nicht nur derjenigen Juden in Deutschland, die sich Zionisten nennen, sondern aller Juden, denen das Judentum Herzenssache ist und die den Bestand des Judentums für die weitere Zukunft sichern wollen, dass sie dem Appell Chaim Weizmanns Folge leisten und ihre Kräfte mit den Juden in der ganzen Welt vereinigen um die Last des Palästinaaufbaus tragen zu helfen.“ (Jüdische Wochenzeitung Nr. 45, 1927)

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Die Zionistische Ortsgruppe in Kassel wirbt für eine ihrer Veranstaltungen in der Jüdischen Wochenzeitung

In einer Auseinandersetzung mit dem Ältestenrat der jüdischen Gemeinde im Dezember 1930, wies  Sally Kaufmann den Vorwurf von Vertretern der jüdischen Gemeinde, seine „Gesinnungsgenossen“ Kugelmann und Dalberg öfters als die Kontrahenten in der Berichterstattung zu erwähnen wie folgt zurück: „Auch an Zeilenzahl sind die Ausführungen der nichtzionistischen Redner wesentlich umfangreicher, wie der Herren Kugelmann und Dalberg.“ (Jüdische Wochenzeitung Nr. 50, 1930) Diese Bemerkung macht deutlich wie Kaufmanns Standpunkt einzuordnen ist.

Die Siedlungsbewegung, der Zionismus und die Aktivitäten der Jewish Agency waren heiß umstrittener Gegenstand intensiver Debatten innerhalb der jüdischen Gemeinde sowohl in Deutschland als auch auf lokale Ebene in Kassel. Die Jüdische Wochenzeitung ließ durchweg beide Standpunkte zu Wort kommen, nahm aber unverkennbar Partei für die zionistische Bewegung. Berichte über die Situation im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina nahmen großen Raum in der Zeitung ein, Zionistenkongresse als auch die Aktivitäten der Jewish Agency wurden ausführlich und wohlwollend besprochen. Der antijüdische Aufstand im Mandatsgebiet im Jahre 1929 und das in diesem Zusammenhang verübte Pogrom an den Juden in Hebron wurden erschrocken zur Kenntnis genommen, auch die Umtriebe des Mufti von Jerusalem waren bei den Autoren in der Jüdischen Wochenzeitung immer wieder Thema. Die Haltung der KPD zu diesen antisemitischen Ausschreitungen wurde in einem kurzen Artikel deutlich kritisiert. Über die in Folge dieser Ereignisse durchgeführten Versammlungen der zionistischen Ortsgruppe in Kassel, wurde in der Jüdische Wochenzeitung ausführlich berichtet.

… und die Gegnerschaft zum Nationalsozialismus

Es wurden zahlreiche Artikel prominenter Autoren über den Nationalsozialismus, die Judenfeindschaft und den Antisemitismus publiziert. Die Untaten von Nazis und ihren Spießgesellen in ganz Deutschland aber auch in Kassel und Umland wurden laufend dokumentiert und thematisiert. 1926 druckte die Jüdische Wochenzeitung z.B. einen Artikel über den antisemitischen Antiquitätenhändler Edler von Dolsperg aus Kassel ab. Im Schaufenster seines Ladens am Ständeplatz hatte dieser einen illustrierten Bericht über die Ritualmordlegende ausgehängt. Es kam zur Anklage gegen den Händler. Dieser wurde von Roland Freisler verteidigt, der vor Gericht mit wüsten antisemitischen Beschimpfungen auftrat, die er auch explizit gegen den Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung, eben gegen Sally Kaufmann, richtete. (Vgl., Jüdische Wochenzeitung, Nr. 24, 1927)

Als 1929 in einer Ausflugsgaststätte am Brasselsberg Nazis ihre Fahnen präsentierten, schrieb Sally Kaufmann einen Brief an die Wirtin und fragte sie, warum sie dies nicht unterbunden hätte und ob sie noch künftig Juden als Gäste wünschte. Die Wirtin beteuerte in ihrer Antwort, keine Handhabung gegen die Präsentation der Nazifahnen gehabt zu haben und man sei auf jeden Gast angewiesen. Aber sie würde es auch zukünftig begrüßen, „viele Angehörige Ihrer Kreise“ als Gäste willkommen zu heißen. Der Briefwechsel wurde von der örtlichen NS-Zeitung als „jüdische Frechheit“ denunziert und unmissverständlich gedroht: „Diesen Juden, S. Kaufmann, Hohentorstr. 9, wollen wir uns merken.“ (Vgl., Jüdische Wochenzeitung, Nationalsozialistische Frechheit, Nr. 34, 1929)

Die letzte Nummer, in der Sally Kaufmann als verantwortlicher Herausgeber genannt wurde, war die Nr. 17 des Jahrgangs 1932, die am 6. Mai erschien.  Doch so wie Sally Kaufmann quasi inkognito in dieser Zeitung aktiv war, so verschwindet er auch lautlos von der Bühne. Über Prager, der kurz vor den Kaufmanns nach Palästina auswanderte findet sich ein Nachruf, dass die Familie Kaufmann Kassel verließ, erfuhr die Öffentlichkeit nicht.

Wenn es also auch in der Jüdischen Wochenzeitung nur wenig Artikel gibt, die sich mit Sicherheit auf Sally Kaufmann zurückführen lassen, die Ausrichtung der Zeitung, verschiedene dort dokumentierte Auseinandersetzungen, an denen Sally Kaufmann beteiligt war, lassen Rückschlüsse auf das Denken des Menschen Sally Kaufmann zu. Was mit Sicherheit zu sagen ist, ist dass er ein Anhänger der demokratischen Republik, ein Patriot, Zionist und ein Gegner der Nazis war. Mit der Zeitung hat sich Sally Kaufmann ein Denkmal gesetzt. Mit seiner Zeitung, die nach der Auswanderung der Familie Kaufmann noch ein paar Jahre weiter erschien, wurde in Kassel ein Niveau des lokalen Journalismus erreicht, dass es später nie mehr so geben wird.

Das zur Volksgemeinschaft formierte deutsche Volk verriet jedoch die Republik, die Entwicklung war für hellsichtige Köpfe wie Sally Kaufmann schon vor 1933 absehbar. Sally Kaufmann fand sich wie viele andere Anhänger der Republik zunehmend isoliert und verlor dadurch Deutschland, Nordhessen und Kassel als seinen Bezugs- und Identifikationspunkt. Herr Tadmor sagt zu mir: „Sein Leben hörte auf, als er Kassel verließ. Er war Zionist und auch aktiv, aber ich glaube es war mehr ideologisch als praktisch, denn als er mit der Wirklichkeit im Jishuv konfrontiert wurde, brach für ihn eine Welt zusammen.“ In Israel vergrub er sich in sein Bücherantiquariat, das er dort wenig erfolgreich führte. Da er kein Hebräisch sprach, musst sein Sohn Benno ihm im Laden helfen.

Das Vermächtnis des Sally Kaufmann

1933 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland geändert, die nationalsozialistische Bewegung unter Führung Hitlers hatte die Macht ergriffen und der Antisemitismus war deutsche Staatsräson geworden. Der „Bestand“ des Judentums, auf das Sally Kaufmann hoffte, wurde weder vom (internationalen) Proletariat, noch von dessen Vaterland und auch nicht von den westeuropäischen Demokratien gegen diejenigen verteidigt, die sich mit Mehrheit gegen eine Zukunft für die Juden entschieden und zur antisemitischen Tat schritten, zuerst in Deutschland, dann in fast ganz Europa. Ein Land, das jedem verfolgten Juden Schutz vor antisemitischer Verfolgung bietet, gab es damals noch nicht. Gleichwohl konnten sich diejenigen Juden vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik retten, die den Weg trotz aller Hindernisse nach Palästina in den Jishuv fanden.

Dass es den deutschen Truppen nicht gelang, bis nach Palästina vorzustoßen, daran waren auch Juden aus dem Jishuv beteiligt, viele von ihnen waren wie Martin Kaufmann erst vor kurzem dort eingetroffen.

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Herr Tadmor während des Sechs-Tage-Krieges (© J.D.)

So wie Herr Tadmor als „Soldat King Georges“ seinen Beitrag in der jüdischen Brigade zum Sieg über den deutschen Nazifaschismus beisteuerte und damit auch die Juden in Palästina gegen den Zugriff der deutschen Vernichtungspläne verteidigte, so kämpfte  er als Offizier zunächst der Hagana im Unabhängigkeitskrieg, dann für die IDF von Beginn an für die Existenz und Sicherheit Israels. Herr Tadmor hatte nie ein Problem mit Arabern, die zeitweilig auch in seiner Nachbarschaft wohnten, mit denen er Zigaretten rauchte und die er auf dem See Genezareth beim Fischen traf. Über die Zeit am See Genezareth erzählt er mir: „Der Graben zwischen den arabischen und syrischen Fischern und Bauern auf der einen Seite und uns auf der anderen Seite war trotz andauernder Konflikte noch nicht so tief. Wir stritten zwar oft mit den arabischen Fischern um die besten Fischgründe, aber diese Konflikte gab es auch mit den Fischern vom Kibbuz Ginossar, die uns manchmal sogar die Netze zerschnitten.“

Die großmäuligen Pläne des Muftis von Jerusalem, Ahmad Shukeiris, Gamal Abdel Nassers und seiner Verbündeten waren aber auch ihm bewusst.  „Wir wussten, und das kam in unzähligen Gesprächen unter dem Wüstenhimmel zur Sprache: Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg. Wir haben uns bekanntlich nicht geirrt.“

Es sollte das berufliche Lebenswerk des Herrn Tadmor sein, für den Staat Israel einzutreten und somit das ideelle Lebenswerk seines Vaters in realiter fortzusetzen. Wenn er auch nach 1945 nicht in den Einheiten an vorderster Linie kämpfen sollte, was er mir gegenüber bedauert, so waren seine Einsätze für die Existenz dieses Staates genauso wichtig, weil sie 1948 dazu beitrugen, die existentiell wichtige Versorgungslinie nach Jerusalem zu sichern. Wie sein Vater in publizistischer Hinsicht gegen Nazis und für eine sichere Heimstatt der Juden eintrat, so tat dies sein Sohn Mordechai Tadmor mit der Waffe in der Hand, bis 1945 gegen die Nazis, nach 1945 gegen die Umsetzungsversuche der Vernichtungsphantasien arabischer Führer als auch im Dienste des „Institutes für Aufklärung und besondere Aufgaben“ gegen Nazis und Neonazis und sowjetische Umtriebe, die arabischen Führer bei ihren Bestrebungen zu unterstützen. Dafür erhielt er den Orden als verdienter Kämpfer im Befreiungskrieg und als Kämpfer gegen die Nazis.

Orden als Kämpfer gegen Nazis und als Kämpfer im Befreiungskrieg (© J.D.)

Auf die großen Zeiten der israelischen Arbeiterpartei, deren letzter Vertreter 2016 starb und erst Recht auf die heroische Zeit der Kibbuzbewegung, blickt Herr Tadmor mit Wehmut zurück. „Ich bin ein Linker, ein Sozialist,“ sagt er mir. Von der aktuellen Regierung hält er nichts. „Als ehemaliger Gassenjunge und Schlacke verfüge ich über die passende Terminologie, aber die möchte ich Ihnen nicht zumuten.“ In einer demokratischen Gesellschaft, wie die Israels, ist letzteres eine Selbstverständlichkeit, für den Nahen Osten nicht. Ein bekennender Sozialist und Linker, der sein Leben lang für Israel eintrat, ist allerdings auch ein Unikum.

Erinnerung

Kaufmanns Mitstreiter Julius Dalberg gelang die Flucht aus dem Machtbereich der Nazis nicht, er und seine Frau wurden in Sobibor ermordet. Was an ihn heute in Kassel erinnert, ist ein unscheinbarer Stolperstein vor dem Gloriakino am Ständeplatz. Von ihm nimmt nur derjenige Notiz, der weiß, wonach er suchen muss. Für einen Hinweis auf die Tätigkeit Dalbergs ist auf dem Stein zu wenig Platz. Dass Dalberg selbst Anhänger des Zionismus war und eine Zeitung mit herausgegeben hat, die durchweg Stellung für das zionistische Projekt bezogen hat, wird von den z.T. stramm antizionistisch gesinnten Stolpersteinlegern auf ihrer Homepage inzwischen immerhin erwähnt.

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Der Erinnerungsstein für Julius Dalberg und seine Frau Bella in Sobibor.

„Mein Vater liebte Hessen,“ erzählt Motke Tadmor, „er liebte Fritzlar, Ungedanken, das Edertal, die grünen Wiesen, die bewaldeten Hügel.“ Sally Kaufmann war durch und durch ein Deutscher und fasste keinen Fuß in Israel. „Er ist hier nie heimisch geworden und weigerte sich Hebräisch zu lernen,“ erzählt Herr Tadmor, „er war Zionist, ohne zu wissen, was das ist.“

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Sally und Helene Kaufmann mit Enkel Joav, erster Sohn von Mordechai und Edith Tadmor. (© J.D.)

Aus Martin Kaufmann ist Mordechai Tadmor geworden. Herr Tadmor und seine Frau Edith sind Eltern von 2 Söhnen, 6 Enkeln und 3 Urenkeln. Die Entscheidung Sally Kaufmanns  1932 trotz seines Patriotismus aus Deutschland auszuwandern, hat also dazu beigetragen, dass 3 Generationen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern haben – das ist in Israel keine Selbstverständlichkeit. Herr Tadmor lebt mit seiner Frau heute in Giv’Atajim und erinnert sich gerne an eine Stadt, die es, wie die Hohentorstraße, eine gute Wochenzeitung, und die Kasseler Juden nicht mehr gibt.

*Die „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Nordhessen und Waldeck“ ist in Teilen im Netz auf der Seite des Leo Baeck Institutes hinterlegt. Die Jahrgänge 1924 – 1933 sind komplett in der Murhardschen Landesbibliothek in Kassel vorhanden und können dort eingesehen werden. Auf diesem Blog werden unter dem Tag „Jüdische Wochenzeitung für Cassel“ verschiedene Themen, die in diese Zeitung behandelt wurden, in loser Reihenfolge abgehandelt.

**Im Buch „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg) J. Fleming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 1973″, widmet der Kasseler Wissenschaftler und Mitherausgeber des Bandes Dietfrid Krause-Vilmar der Jüdischen Wochenzeitung im Aufsatz „Juden in Kassel“ ein paar Seiten, ebda., S. 176ff
Siehe Auch: Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13, Kassel 2014, S. 38f

***Ben-Zion (Benno) Kaufmann (1924 – 2017); Micha Kaufmann (1931 – 2006)

**** Tom Segev, Simon Wiesenthal. Die Biographie, München 2010

©Alle Rechte des Textes liegen beim Autor. Der Text und die entsprechend gekennzeichneten Fotos und Abbildungen unterliegen dem Urheberrecht und sind -auch auszugsweise- nur mit Genehmigung des Autors zu verwenden.

In loser Reihenfolge werden auf diesem Blog verschiedene Artikel zu Themen, die in der Jüdischen Wochenzeitung intensiv diskutiert wurden, veröffentlicht.

Ein ausführliches biographisches Interview mit Herrn Mordechai (Motke) Tadmor, aus dem die meisten hier angeführten Zitate entstammt, ist ebenfalls in Arbeit und wird demnächst veröffentlicht.

Sie seifen Euch ein: Das Gebet und der Trialog

„Nein, tun sie [die DITIB] nicht! Mit solchen Aussagen können sie vielleicht ahnungslose Politiker überzeugen, jedoch jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass ihr Islamverständnis, ihre Werte erst die Basis schafft, auf der Radikale ihre Ideologie aufbauen. Sie sind für die Entstehung der ‚Generation Allah‘ mitverantwortlich. Sie sind nicht Teil der Lösung, sie sind Teil des Problems! Ihre Politik, Ihre Moscheen (auch wenn sie nicht homogen sind) dienen nicht Deutschland, nicht unserer Verfassung oder Demokratie. Sie dienen einem antidemokratischen Regime, das Abschottung und Isolation zu seiner Maxime erklärt!“ (Ahmad Mansour, 2017)

Am 17. Juli 2016 gab es in Kassel eine Kundgebung anlässlich des Putschversuchs in der Türkei. Bis auf vereinzelte Stimmen blieb eine kritische Resonanz zu dem Ereignis in Kassel bis zum Dezember aus. Die HNA berichtete über eine friedliche Kundgebung. Die Überschrift, „Vereint im Protest gegen Putschversuch“ verdeutlicht die Wahrnehmung der Presse. Was zunächst unbeachtet blieb, war der Beitrag des Kasseler Imam Semih Ögrünc. Am 8. Dezember stellte die Initiative „DITIB – Die Marionetten Erdogans“ eine Übersetzung des Redebeitrags des Imams Ögrünc auf Facebook. Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel folgte am 9. Dezember. Danach herrschte wieder Grabesstille. Die HNA, wie auch der Hessische Rundfunk hatten dann Ende Januar, bzw. Anfang Februar den in vielen DITIB-Gemeinden gepredigten Juden- und Christenhass thematisiert um dann am 20. Februar die Sache auf dem Königsplatz an die große Glocke zu hängen. Am 27. Februar 2017 reagierte der Imam Ögrünc auf die späte Berichterstattung der HNA.

Seiner Replik vorangestellt sind auf türkisch genau die kritisierten Worte, nämlich dass man bereit sei, für das Vaterland und die Regierung Märtyrer zu werden. Danach beginnt er auf deutsch mit dem Mantra „Ich bin gegen jede Form von Diskriminierung, Terror und Gewalt und fördere den gesellschaftlichen Frieden“ gefolgt vom Bezug auf den Koran: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es so, als hätte er die ganze Menschheit getötet und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, ist es so, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ Und schon sind alle eingeseift und können sich wieder dem Schlafe hingeben, aus dem sie wohl nur kurz aufgeschreckt waren. Ungestört kann also der Imam weiter seine kruden Ansichten zum Besten geben. Seine Berufung sei es, „das Leben in Achtung und Respekt zu fördern.“ Was will er damit uns wohl sagen, wenn das Leben unter der Prämisse der Achtung und des Respekts zu fördern sei? Achtung vor wem und Respekt wem gegenüber? Das wird ausgelassen. Ist etwa das Leben desjenigen zu fördern, der den Islam achtet, der das Türkentum respektiert? Und überhaupt, was heißt hier Leben fördern? Das Leben vom Imam fördern zu lassen, heißt das, dass diejenigen, die sich nicht vom Imam das Leben fördern lassen wollen, zum Tode befördert werden? Eine Antwort darauf weiß nicht der Wind, sondern gibt sein „Gebet“.

Weiter beschwert sich der Imam, dass „in den letzten Tagen falsche Tatsachenbehauptungen gegen meine Person in der Öffentlichkeit tangiert haben.“ Er meint wohl, dass falsche Tatsachenbehauptungen über ihn lanciert wurden. Welche falsche Behauptungen sollen das sein? Ögrünc erklärt: „Bei dem Treffen in Kassel habe ich keine Rede gehalten sondern ein Gebet zelebriert.“ Klar ein Gebet ist Ausübung der Religion und die ist im Verständnis der Islamisten in Deutschland geschützt. Scheren wir uns an dieser Stelle mal einen feuchten Kehricht um das islamistische Verständnis von Religionsfreiheit, die Frage bleibt, was wurde da gebetet, bzw. gehetzt? Das Gebet oder die Rede hat sich positiv auf den Märtyrertod bezogen, hat von Parallelorganisationen und Mächten schwadroniert, den Allerbarmer um die Vernichtung und Verwahrlosung der Feinde angehalten und die Gemeinschaft gepriesen. Wahrhaftig ein Gebet, welches dem Islam zur Ehre gereicht. Die Initiative „DITIB – Marionetten Erdogans“ hatte den Bezug auf das Märtyrertum kritisiert, das Bga-Kassel, das Raunen über die Mächten, die Ideologie der Volksgemeinschaft, den Vernichtungswille und das Sein zum Tode (vgl., Die Todessehnsucht im Islam).

Der Imam Ögrünc geht in seiner Stellungnahme mit keinem Wort auf die inhaltliche Kritik ein. Er behauptet schlicht: „In meinem Gebet habe ich die Menschen zur Solidarität mit der Demokratie und dem Rechtsstaat in der Türkei eingeladen.“ Eine seltsam zweideutige Einladung. Entweder lädt man Mitstreiter dazu ein, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei einzutreten, was in der Türkei ein gefährliches Geschäft ist, weil dies gegen die herrschende Regierung und einer großen Mehrheit der türkischen Bevölkerung getan werden muss und hierzulande von den DITIB-Leuten im Auftrage der AKP beobachtet wird oder man lügt und betreibt die Propaganda Erdogans und seiner AKP-Regierung, indem man die Verhältnisse in der Türkei als demokratisch und rechtsstaatlich bezeichnet.

Im Folgenden gibt der Imam sich dann beleidigt und beginnt unverblümt zu drohen: „Es verletzt meine Kollegen und mich als Personen dargestellt zu werden die spalten, stigmatisieren und polarisieren.“ Na klar, er hat ja nur von einer Parallelgesellschaft schwadroniert, die die Einheit des Volkes gefährde, dafür kann er doch gerade in Deutschland Verständnis erwarten. Es dürfte klar sein, es ist nicht nur seine Person, die hier verletzt wird, sondern seine Ehre, denn er befürchtet „… das diese undifferenzierte Form der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen der nicht-muslimischen und der muslimischen Bevölkerung, insbesondere in der globalisierten Welt, tiefe Gräben schlägt“ und er mache sich dann „große Sorgen darüber, dass diese Umgangsformen insbesondere junge Muslime traumatisieren können. Am Ende würden solche potenziellen Umstände der gesellschaftlichen Vielfalt und dem harmonischen Zusammenleben leider nur schaden.“ Es hat ein paar Windungen und Zeilen gedauert, bevor er Klartext schreibt: Nehmt Euch in Acht, Kritik an unserer Gemeinschaft kann dazu führen, dass einige aus unserer Gemeinschaft die Contenance verlieren. Ja und wenn dann wieder einer über die Stränge schlägt und ein LKW besteigt, das Messer oder eine Schnellfeuerwaffe zückt oder eine Bombe platziert, es soll keiner sagen, er wäre nicht gewarnt worden. „In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Frieden“ beendet der Imam seine Philippika.

In Kassel gibt es im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ seit ein paar Jahren eine Veranstaltung die sich „Trialog“ nennt. Dort sollen die drei großen Weltreligionen miteinander in den „Trialog“ treten. Die HNA vermeldet nun, dass die Ereignisse auf dem Königsplatz dazu geführt hätten, dass die Veranstalter den Wunsch äußerten, „die Veranstaltung nicht in der Moschee stattfinden zu lassen. … Als Ausweichort für den Trialogtag hat das Team das Gemeindehaus Oberzwehren, Berlitstraße 2, gewählt. Es liegt in der Nachbarschaft der Moschee.“

Der „Dialogbeauftragte“ und offiziell von Kassels 4. Gewalt im Amt bestätigte Nebelwerfer der DITIB hat verstanden. „Das war meine große Bitte“, so Eryilmaz. Dadurch könne die türkisch-islamische Gemeinde weiterhin ihre Gastgeberrolle einnehmen und müsse sich nicht abgestraft fühlen.“ Das was sich der Imam wünscht, findet also statt. Man bezeugt sich gegenseitig Respekt und Achtung, redet nicht über das, was ein Imam so hetzt, weil das ja ein Gebet ist, was als Religionsausübung zu respektieren ist und auch nicht darüber und was ihn und seine Spießgesellen so antreibt, weil das ja seine bzw. ihre Religion ist. Und die Nichtmuslime des Trialoges hoffen dann wohl darauf, dass die Jungs von der DITIB das ihrige Leben fördern. Und anstatt den Jungs von der DITIB einzuhämmern was Freiheit des Individuums, was Antisemitismus bedeutet, was es mit Staat, Recht und Gewaltenteilung so auf sich hat, was Vermittlung im Glauben heißen könnte, oder über das islamfaschistische Regiment Erdogans zu sprechen, von der DITIB das Nein – HAYIR – einzufordern, zusammen mit der DITIB die Freilassung Deniz Yüzels und aller anderen politischen Gefangenen in der Türkei proklamieren, salbadern sie über „Engel der Kulturen“, beraten über Übergang von Schule in den Beruf, über religiöse Bildung und ethische Wertorientierung. Warum nicht gleich die AfD und oder die NPD mit eingeladen wird, bleibt unklar.

Das freundliche Gesicht der DITIB oder die Kultur der Nebelwerfer

Am 19.01.2017 vermeldet die HNA in einer kleinen Notiz auf der Nachrichtenseite, dass gegen die DITIB wegen Spionage ermittelt wird. Die mutmaßliche Spionagetätigkeit steht mittlerweile im Vordergrund der Diskussion um die DITIB. Die Kritik, dass die DITIB ein reaktionäres Gesellschaftsbild und eine konservative Islaminterpretation propagiert, als auch Schwierigkeiten damit hat, über Lippenbekenntnis hinaus sich vom terroristischen Islam zu distanzieren, ist dagegen eher randständig. Auch dass die DITIB sich nicht gegen Antisemitismus stellt, sondern im Gegenteil anfällig dafür ist, selbst Antisemitismus zu propagieren, ist in der gesellschaftlichen Debatte kaum Thema. Letzteres stört insbesondere auch die Linke nicht, die gelegentlich auch gegen die DITIB agitiert. Der in Kassel von der Partei Die Linke aufgestellte OB-Kandidaten, beschränkt sich eher darauf, die politischen Verhältnisse in der Türkei als vom Westen manipulierte zu kritisieren, wobei sein Augenmerk der Gülen-Bewegung gilt, die als CIA-Projekt gegeisselt oder gleich als Verschwörung des Westens angesehen wird. Cakir bläst mit dieser Argumentation letztendlich in das gleiche Horn, wie der von ihm ebenfalls hin und wieder kritisierte Erdogan. Was die Claqueure Erdogans in Kassel so treiben, interessieren ihn und die Partei hingegen weniger.

Überregional versucht sich, die aus anderen Zusammenhängen einschlägig bekannte Linksparteipolitikerin Sevim Dagdelen als DITIB-Kritikerin. Bei beiden dürfte als Motiv die eigene Verortung im Konflikt zwischen kurdischen Organisationen und der türkischen Regierung im Vordergrund stehen. Für diese Interpretation spricht, dass zwar gelegentlich die DITIB Gegenstand der Kritik der Linkspartei ist, jedoch nicht die zahllosen islamischen Vereine, geschweige denn der Islam – von letzterem will die Linke nichts wissen.

Screenshot HNA, 19.01.2017, "Auf eine Tasse Kaffee

Screenshot HNA, 19.01.2017, „Auf eine Tasse Kaffee

Aber die Sache mit der DITIB scheint auch nicht bis in die Niederungen der Lokalberichterstattung angekommen zu sein. Am selben Tag, an dem die HNA über die Spionagetätigkeiten der DITIB berichtet, trinkt die Lokalredaktion eine Tasse Kaffee mit einem gewissen Mahmut Eryilmaz. Mahmut Eryilmaz ist Mitglied im Vorstand der Mevlana-Moschee in Kassel, dies ist eine Moschee der DITIB. Mit Mahmut Eryilmaz will, wie es scheint, die HNA ein freundliches Gesicht der DITIB präsentieren. Brav plädiert er für Dialog und Vermittlung zwischen Religionen und verortet sich gar als Sozialdemokrat. Nun, auch die Sozialdemokratie ist nicht bekannt dafür, in Sachen Kritik des Islam Avantgarde zu sein.

Was die Lokalredakteure nicht tun, ist, ein paar kritische Fragen zu stellen, eben das zu tun, was ihre Aufgabe wäre. Herr Eryilmaz, was verstehen Sie unter Antisemitismus? Was tragen Sie dazu bei, dem Antisemitismus in Ihren eigenen Reihen entgegen zu treten?  Und was halten Sie vom jüngst in Kassel getätigten Aufruf des DITIB-Imams, den Märtyrer-Tod zu sterben und den politischen Gegnern Erdogans, die Vernichtung zu wünschen?

Diese Fragen fallen den Journalisten nicht ein, sie notieren lediglich, dass Eryilmaz darunter leidet, ständig auf seine türkische Nationalität angesprochen zu werden und unter „Generalverdacht zu stehen“. Er und seine Leidensgenossen wüssten nicht einmal, „wie viel ein Brot in der Türkei kostet.“ Der Brotpreis ist sicher eine relevante soziale Frage – nicht nur in der Türkei dürften allerdings andere Fragen brennender sein. Diese Fragen so scheint es, gehören aber nicht zum Programm der „Kultur des Dialoges“. Und es überrascht daher auch nicht, Eryilmaz ist Mitglied des Kasseler „Rat der Religionen“.

Jüdische Ethik und Kommunismus – Eine Debatte in einer Kasseler Zeitung

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Nordhessen und Waldeck war eine inhaltlich sehr anspruchsvolle Zeitung. Sie erschien in den Zwanziger- und Dreißigerjahren und wurde von Sally Kaufmann herausgegeben. Nicht nur über Vorkommnisse der jüdischen Gemeinden und Verbände aus der Region wurde dort berichtet, sondern es erschienen immer wieder anspruchsvolle Artikel über die Fragen der Zeit. Autoren wie z.B. Max Brodt und Arnold Zweig waren in der Zeitung prominente Autoren. Inhaltlich herausragend sind die Auseinandersetzung über Zionismus und Assimilation, über moderne Wissenschaften wie z.B. Psychologie, zur aktuellen wie auch historischen Situation der Juden in Hessen und in anderen Ländern Europas. Dem Antisemitismus in Deutschland und anderswo, sowie der Besiedlung Palästinas sind viele Artikel gewidmet.

Und so überrascht es nicht, dass die damals spektakuläre Befreiungsaktion der Olga Benario einen Niederschlag fand und zu einer interessanten Debatte in dieser Zeitung führte. Olga Benario war Aktivistin der kommunistischen Jugend. Sie befreite mit der Waffe in der Hand den Kommunisten Otto Braun aus der Untersuchungshaft. Daraufhin wurde nach ihr deutschlandweit gefahndet. In dem Artikel „Das Fiasko einer freireligiösen Mädchenerziehung. Eine Mahnung an unsere jüdischen Eltern“ führt ein ungenannter Autor am 11. Mai 1928 zunächst die Erklärungsversuche des Vaters Leo Benario an. „Wie kommt im Jahre 1928 ein Bougeois-Mädel vom Isarstrande dazu, das Elternhaus stolz zu verlassen, um bei Arbeitern in Neukölln wohnen zu wollen?“ Wie es die meisten Eltern tun würden, klagt er sich nicht öffentlich als Elternteil selbst an, sondern sieht die Handlungen seine Tochter als Ergebnis der seit der Marneschlacht existierenden „preußischen Schuld“, die die „leicht empfänglichen und kritikschwachen Gemüter beeinflusst hätte.“ Das sieht der Autor anders und fordert eine strengere religiöse Erziehung. Er ist der Meinung, dass der Weg zum politischen Verbrechertum Ergebnis dessen sei, dass dem Kind kein Ideal im Elternhause geboten worden sei. Statt eine Stütze im jüdischen Glauben zu finden, wäre das Mädchen von „modernen Literaturerzeugnissen überfüttert worden.“ Zum Schluss folgt das Plädoyer: „Gebt euren Kindern die richtigen Bücher in die Hand, damit sie nicht in fremden Lagern nach Idealen suchen müssen, damit ihr Tun nicht zum Chissul Haschem werde, dessen sich unsere Feinde rühmen …“

Dieser Kommentar führt zum Widerspruch. Der Münchner Rechtsanwalt Ernst Mosbacher fragt in seiner am 1. Juni 1928 veröffentlichten Entgegnung, „Olga Benario, die politische Verbrecherin“, wie es dazu kommt, dass die jüdische Jugend sich zum „religionslosen marxistischen Sozialismus“ bekenne. Dabei gehöre es doch zu den besten Eigenschaften der Juden, ein ausgeprägtes Sozialgefühl zu besitzen, nachdem „die sozialen Verhältnisse in prinzipieller Weise zu gestalten [seien], den Ausgleich von arm und reich nicht der privaten Wohltätigkeit zu überlassen.“ Im Folgenden führt er aus, dass die Religionen, sowohl die christliche als auch die jüdische, aber auch Machtmittel der herrschenden Klasse sei, obwohl doch beide die Gleichheit der Menschen einforderten. Und obwohl sich nach Ansicht Mosbachers das Judentum deutlicher der sozialen Frage widme als es das Christentum tue, würden von keiner jüdischen Organisation konkrete Maßnahmen zur Überwindung der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit erwogen. Über die Abwendung der Jugend müsse man sich also nicht wundern und der Appell, dem jüdischen Glauben zu befolgen wäre zwecklos, wenn nicht das Judentum als Protest gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit verstanden würde. Und gerade letzteres Verständnis rechtfertige nicht, die Benario zu verurteilen.

Die abschließenden Sätze lassen aufhorchen. Hier wendet sich Mosbacher gegen die vom dem unbekannten Autor ausgeführte Befürchtung, dass Aktionen wie die der Benario den Antisemitismus befördern würde. Das Blicken nach der Meinung der Nichtjuden sei überkommener Ausdruck „ghettohafter Gesinnung“. Im Gegenteil, es dürfe kein Jude davon abgehalten werden, mannhaft für die ethischen Ideale einzutreten. Mosbacher nimmt keine Partei für die Art und Weise der Aktionen der Benario und die Brauns, die zu dessen Inhaftierung führte. Ihm geht es um die handlungsbegründenden Ideen der beiden Kommunisten. Diese seien die für eine bessere Welt und die seien eben auch Grundlage des Glaubens.

In einem weiteren Artikel „Olga Benario, ein Typus heutige jüdischer Jugend“, vom 8. Juni 1928, insistiert ein Dr. Max Köhler darauf, Verfechtern des jüdischen Glaubens nicht vorzuwerfen, wenn diese nicht die Kraft besitzen, „objektiv die sozialen Grundsätze im Leben auszuführen, welche die Lehre gebietet.“ Aber auch er akzeptiert die subjektiven Motive des Handelns Olga Benarios, weist aber darauf hin, dass das Judentum sehr wohl Arm und Reich kenne und dass Armut und Elend „Prüfungen des Lebens (Hiob)“ seien. Gleichwohl müsse diese Erkenntnis nicht darauf hinauslaufen, schicksalergeben die bestehenden Verhältnisse hinzunehmen, nein, es sei durchaus angebracht „die Mängel der Zeit zu geißeln und alle mögliche Kraft aufzuwenden, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen.“ Köhler lehnt es aber strikt ab, Gewalt gegen den Staat und Ordnung auszuüben, denn sowohl die Erhaltung des staatlichen Rechts als auch der staatlichen Ordnung seien gerade für die Juden überlebenswichtig. Er beendet seinen Beitrag mit der altväterlich anmutenden Aufforderung: „Frag‘ deinen Vater, er wird es Dir sagen, frag‘ deine Alten (darunter sind die Autoritäten der Lehre gemeint) und sie werden es Dir künden.“

Liest man sich diese Diskussion durch, so wird zum einen die Unaufgeregtheit deutlich, mit der eine Aktion einer jungen Aktivistin debattiert wird, deren Motive auf der einen Seite ernst genommen werden und es gleichzeitig versucht wird diese zu erden und deren Aktionsform, in einer, aus heutiger Sicht fast prophetisch anmutender Weitsicht, einmütig abgelehnt wird und statt dessen, kritisches Denken und die gesellschaftliche Einmischung eingefordert wird.

Es wird deutlich, dass politisches Handelns (mit oder ohne Ausübung direkter Gewalt) einer auf die Möglichkeit einer besseren Welt reflektierenden ethischen Rückkoppelung bedarf, soll sie nicht zum Selbstzweck geraten.   – Eine durchaus aktuelle Diskussion und ein Anschauungsbeispiel dafür, inwiefern eine Religion sich dafür eignen kann, andere aber eben nicht.  Eine Diskussion, die nicht nur für ein regional erscheinende Zeitung, sondern auch für eine religiös motivierte Debatte bemerkenswert ist.

Olga Benario gelang es nach der Befreiung Otto Brauns nach Moskau zu fliehen. Dann ging sie nach Brasilien und nahm dort an einem Aufstandsversuch brasilianischer Kommunisten teil, der jedoch scheiterte. Sie wurde verhaftet und, weil schwanger, gesetzeswidrig an Nazideutschland ausgeliefert. Hier wurde sie im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin gefangen gehalten, dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht um von dort in die Euthanasieanstalt Berneburg verschleppt und ermordet zu werden.

Leo Benario war Rechstanwalt, Autor und bekennender Sozialdemokrat in München. Nach dem ersten Weltkrieg trat er für eine demokratische Umgestaltung des Justizwesens ein. Leo Benario starb 1933 eines natürlichen Todes, seine Frau und sein Sohn waren wie Olga ebenfalls Opfer der Judenvernichtung der Deutschen. (vgl., R. Weber, Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933, S. 24)

Otto Braun absolvierte eine militärische Ausbildung an der Militärakademi Frunse in der Sowjetunion und nahm dann als Beauftragter der Komintern am Langen Marsch Mao Tse Tungs teil. Er starb 1974 in der DDR.

Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung Sally Kaufmann wanderte mit seiner Familie 1932 nach Palästina aus. Der wichtigste Autor dieser Zeitung Julius Dalberg wurde mit seiner Frau von den Nazis nach Sobibor deportiert und dort umgebracht

Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei Max Köhler um ein in Kassel geborenen Rabbiner, der u.a. in Berlin, Frankfurt, Borken und zuletzt in Schweinfurt tätig war. Köhler konnte noch 1939 über England nach Israel emigrieren.

Ernst Mosbacher, Rechtsanwalt aus München war später auch als Theatersänger tätig und fand verschiedene Engagements an Schweizer Theatern. Zuletzt trat er auch in Frankreich auf, wo er als Jude von den Nazis verhaftet, nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurde.

 

22. Oktober in Kassel – Deutsches Gedenken und die Volksgemeinschaft

oder: Trotz Bomben – Ora et labora für den Sieg

Kassel wurde am 22.10.1943 von der Royal Air Force gründlich bombardiert. Ich habe mich diesbezüglich schon das eine oder andere mal an dieser Stelle geäußert (Bomben auf Kassel). Anlass sich erneut zu äußern, gibt der aktuelle Text des Portals der Stadt Kassel (Zäsur der Stadtgeschichte). Dort wurde der bisher zu findende Beitrag zu diesem Ereignis überarbeitet.

Erwähnung finden nun auch die Opfer unter den Fliegerbesatzungen, die ihr Leben im Kampf gegen Nazideutschland verloren. Dieser Trend, anscheinend den Focus auch auf die Opfer der Alliierten zu richten, hat einen fahlen Beigeschmack. Seit Kohls Bitburgauftritt ist das Bestreben zu beobachten, die Opfer der deutschen Diktatur (die europäischen Juden, die rassisch, politisch und anderweitig Verfolgten, die Soldaten und umgekommenen und ausgeraubten Zivilisten der Alliierten) zwar anzuerkennen und ordnungsgemäß zu betrauern, die toten deutschen Täter ihnen aber einfach zuzuordnen und so eine allgemeine Gemeinschaft der Opfer des 2. Weltkrieges zu bilden. Besonders deutlich wird diese problematische Sichtweise auch auf dem Portal der Stadt im Zusammenhang des Ehrenmals für die Opfer des Faschismus.

Es waren über 150.000 junge Soldaten, die als Fliegerbesatzungen gegen Nazideutschland kämpften und mit ihrem Leben bezahlten, weil es die Deutschen nicht taten – häufig mit der Ausrede, man hätte nichts tun können, jeder Widerstand hätte das Leben, mindestens aber die Einlieferung in das KZ gekostet. Bis in die 80iger Jahre hinein war man mit der offenen Schizophrenie der Volksgenossen konfrontiert, die die Gräuel in den KZs immer dann ins Gespräch brachten, wenn man sie fragte, warum sie ihre Stimme nicht erhoben hätten, im gleichen Atemzug aber steif und fest behaupteten, von nichts gewusst zu haben.

A Dutch woman cares for the graves of a Lancaster bomber crew of No. 460 Squadron RAAF, shot down when returning from a raid on Cologne, Germany, on 24 December 1944.

Das einzig legitime Gedenken. Eine holländische Frau pflegt das Grab einer britischen Bomberbesatzung, die im Dezember 1944 nach einem Angriff auf Köln ums Leben kam

Im Portal der Stadt wird ferner ausgeführt, dass Kassel Rüstungszentrum und deswegen Ziel alliierter Luftangriffe war. Das ist z.T. richtig, aber es verschweigt den entscheidenden Punkt. Ziel der alliierten Bombenangriffe war es auch, die Bevölkerung in den Städten zu demoralisieren. Die Bevölkerung, die als formierte Volksgemeinschaft die Grundlage und das Rückgrat der Naziherrschaft bildete, die in der Rüstungsindustrie arbeitete, die als Angehörige den moralischen Rückhalt der Soldaten bildete, die überall in Europa für die Durchsetzung der deutschen Ordnung kämpften, d.h. für die Vernichtung des Judentums und für die Eroberung eines Lebensraumes im Osten. Auch in Kassel formierte sich beispielhaft die Volksgemeinschaft. Die Wahlergebnisse für die NSDAP waren überdurchschnittlich, Kassels Bevölkerung war begeistert, als der Führer die Stadt besuchte, als der Reichskriegertag in Kassel stattfand, in Kassel fand der Pogrom gegen die Juden eigeninitiativ zwei Tage vor dem offiziell dafür vorgesehenen Datum statt. Auch in Kassel wurden die Soldaten, die von ihren ersten „Feldzügen“ von der Front kamen begeistert empfangen. Der Widerstand gegen die Nazis war bis zum Kriegsende gesellschaftlich isoliert, einfluss- und hoffnungslos.

Immer wieder wird das Argument angeführt, dass diese Intention der Royal-Air-Force vergeblich war. Was man den Strategen der Alliierten vorwerfen könnte ist, dass sie vergeblich einen Grad an Restvernunft in den Köpfen der Deutschen vermuteten. Stattdessen, je mehr Bomben auf die deutschen Städte fielen, desto fester schlossen sich die Reihe der Volksgenossen. Dass sich die Volksgenossen hinter die lokalen NS-Größen sammelten um die Trümmer, anstatt ihr Regime beiseite zu räumen, dass konnten die Luftkriegsplaner nicht ahnen. Den alliierten Soldaten die Verantwortung für eine solch aberwitzige und todessehnsüchtige Reaktion zuzuschieben ist grotesk aber bis heute en vogue.

Auch auf dem Portal der Stadt Kassel klingt dies durch, wenn im Stile der Durchhaltepropaganda dargelegt wird, das trotz der massiven Zerstörung „manche Begebenheiten .. den Menschen aber auch Kraft“ gegeben hätten. Kraft für was? Für den Widerstand, endlich die Naziherrschaft von innen heraus zu erschüttern? Wohl kaum! „Ora et labora“ heißt es nebulös. Was das damals bedeutete wird nicht ausgeführt, nämlich in die Hände zu spucken, aufzuräumen um die zerstörte Infrastruktur und die z.T. zerstörten Fabrikgebäude notdürftig zu reparieren um dort wieder für den Sieg arbeiten zu können.

Der Oberbürgermeister der Stadt  sieht in dem Angriff auf Kassel eine „schreckliche Zäsur in der Geschichte unserer Stadt“. Die schreckliche Zäsur fand  zehn Jahre vorher – 1933 – statt, als die deutsche Bevölkerung eine Koalition wählte, die Hitler an die Macht brachte und ein Jahr zuvor einen Präsidenten wiederwählte, der ihm den Weg bahnte, als die Demokraten versäumten gegen Hitler und seine Bündnispartner die Stimme zu erheben, als das Proletariat es versäumte zur revolutionären Tat zu schreiten und sich anstatt dessen in die Volksgemeinschaft einreihte.

Ich höre schon die Einwände, versetzte dich in die damalige Zeit, sei nicht so selbstgerecht, jeder Widerstand sei ob der totalen Herrschaft und Überwachung sinn- und hoffnungslos, ja selbstmörderisch gewesen, … Eben, weil wir es mit einer Volksgemeinschaft zu tun hatten! Deswegen mussten die Alliierten zu den Waffen greifen und zu Millionen ihr Leben geben, damit der deutschen Barbarei ein Ende bereitet wird.

Murat Cakir oder das Man-wird-es-ja-noch-mal-sagen-dürfen-Prinzip

Ein Bürgermeisterkandidat gegen Israel

Die Partei „Die Linke“ hat in Kassel den Politiker Murat Cakir zum Kandidaten für die OB-Wahl gekürt. Cakir ist Mitglied der Partei „Die Linke“ und hauptamtlicher Funktionär der „parteinahen“ Rosa-Luxemburg-Stiftung. Auf seinem Blog bekundet er, Beiträge zur Türkei, zur „Kurdenfrage“ und zur gesellschaftlichen und politischen Linken beizusteuern. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung taucht in Kassel immer wieder als Mitveranstalterin von Veranstaltungen des Café Buch-Oase auf. Es dürfte also nahe liegen, eine gewisse Affinität der RLS, ihres regionalen Leiters und des besagten Cafés in Sachen Hass auf Israel zu vermuten. Und man muss nur ein bisschen suchen, dann wird man auch schon fündig.

Der Kandidat mit einschlägiger Lektüre

Der Kandidat mit einschlägiger Lektüre

Ein Versuch eines Abgrenzungsbeschlusses und der Mantel der Geschichte

2011 wollte die Bundestagsfraktion der Partei „Die Linke“ einen Beschluss fassen, der einen eher salomonischen denn klaren Trennungsstrich zu den Hardcore-Antizionisten in der eigenen Partei ziehen sollte. Aber auch das blieb nicht ohne Widerspruch. Einer der Widerspruchsführer war Cakir, der den Beschluss in einer längeren Ausführung auf seinem Blog den „dümmsten in der Geschichte der Fraktion“ nannte. Schauen wir da mal genauer hin (alle folgenden kursiv gesetzten Zitate sind dort zu finden):

Andersdenkende, die in Sachen Nahostkonflikt nicht die bundesdeutsche Staatsräson mittragen wollen, [werden] von eigenen GenossInnen als »Antisemiten« denunziert ...“

Als Mitarbeiter der RLS bemüht Cakir also das notorische Zitat der Luxemburg, um gegen eine Staatsräson zu argumentieren. Wohl an, das hört sich gut an, solange nicht formuliert wird, welche Staatsräson gemeint ist. Die hat Angela Merkel in der Knesset so umschrieben: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“ Ohne es zu formulieren, munkelt Cakir, vom Mantel der Heroinen und Heroen der linken Geschichte umweht: Klar doch! Im Namen der Andersdenkenden, die Sicherheit des Staates Israel ist zur Disposition zu stellen.

Dieser Mantel der Geschichte umweht auch sein ganzes Statement. Die Tradition linker Geschichte bemühend will er seine Genossen Israelfresser unter Artenschutz stellen. „Dem Karl Liebknecht, dem haben wir’s geschworen. Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand“ und auch in Buchenwald haben wir es geschworen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg …“ Also: Nur in einer „offene[n], auf den antifaschistischen, antirassistischen und demokratischen Traditionen stehende[n] und sich an der historischen Verantwortung am Holocaust sowie den Grundwerten der linken orientierende Debatte wäre dies möglich.“ Dies? – Dies was? Darüber frei zu debattieren nämlich, ob nicht Israels Sicherheit doch zur Disposition zu stellen ist. Klar doch, wenn es um Israel geht, geht nichts ohne den Verweis auf den Holocaust. Haben die Juden schon nichts aus Auschwitz gelernt, wir die deutschen Linken werden ihnen Mores lehren.

Mit diesem Pathos arbeitet dann Cakir drei Punkte durch, die ein Teil der Parteifraktionäre mit ihrem Beschluss am liebsten erledigt sehen wollten.

Grundsätzliche Fragen

Dass der Fraktionsbeschluss für eine solche Debatte“ – darüber, ob nicht Israels Sicherheit zur Disposition zu stellen ist – „untauglich ist, macht sich an dem endgültigen Charakter der drei Punkte (Ein-Staaten-Lösung, Boykottaufruf und Gaza-Flottille) deutlich, weil der Beschluss keine grundsätzlichen Fragen zulässt.“

Und weil nicht sein darf, was zu vermuten ist, dass die Verve, mit der hier das Grundrecht auf Israelkritik als grundsätzlicher Inhalt linker Politik verteidigt wird, daher rührt, dass die Leidenschaft und die Wut einer Weltanschauung anstatt abwägendes Urteilsvermögen und Rationalität Pate stehen, werden zunächst die Kronzeugen aufgeführt. Am besten eignen sich als Israelkritiker bekanntlich Juden, denn nur so kann man scheinbar unbefangen das Gerücht über den Staat Israel streuen und so wird man doch mal fragen dürfen „warum ein Ein-Staaten-Lösung als »antisemitisch« gesehen wird? [wo doch sogar jüdische] Menschen wie Hannah Arendt, Martin Buber, Albert Einstein und MitstreiterInnen von linkszionistischen Strömungen sich »für einen säkularen, demokratischen Staat, in dem Juden und Araber gemeinsam leben« engagiert hätten und [man wird es doch wohl mal fragen dürfen], ob eben sie »Antisemiten« seien.“ (Hervorhebungen im Original)

Dass in Israel Juden und Araber gemeinsam leben, dass der Staat, obwohl sich als jüdisch verstehend, trotzdem säkular und demokratisch ist, wen interessiert das schon. Ist aber nicht so, suggeriert Cakir mit dem Satz und seine Zeugen sind bekanntlich ehrwürdige Juden. Natürlich haben die linken Zionisten, aber auch die rechten – die Revisionisten – nie für einen Staat ohne Araber aber für eine jüdischen Staat plädiert. Die Kritik daran, einen jüdischen Staat zu gründen, formulierten nicht die Linkszionisten, sondern die Antizionisten, die es auch unter Juden gab. Die Argumentation Cakirs erspart sich jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Umstand, dass es zwar tatsächlich eine lange Tradition des jüdischen Antizionismus gibt, die aber schon in den zwanziger Jahren, also durchaus zu Zeiten Bubers, auf sehr dünnem Eis stand und spätestens jedoch nach 1945 nicht mehr ernst genommen werden kann. Die Antwort warum dies so ist, gab nicht nur, aber auch der einst als Außenminister des Vaterlandes der Werktätigen tätige Gromyko, der deswegen hier zitiert wird, weil er ja in die Tradition gehört, die Cakir und Genossen gerne bemühen, wenn es ihnen zupass kommt:

„As we know, the aspirations of a considerable part of the Jewish people are linked with the problem of Palestine and of its future administration. This fact scarcely requires proof…. During the last war, the Jewish people underwent exceptional sorrow and suffering….
The United Nations cannot and must not regard this situation with indifference, since this would be incompatible with the high principles proclaimed in its Charter….
The fact that no Western European State has been able to ensure the defence of the elementary rights of the Jewish people and to safeguard it against the violence of the fascist executioners explains the aspirations of the Jews to establish their own State. It would be unjust not to take this into consideration and to deny the right of the Jewish people to realize this aspiration.“

Wenn es um Israel geht, gibt es selbst in der Partei Die Linke Staatskritiker

Aber anstatt sich mit der Geschichte des Zionismus auseinander zu setzten, sich mit den Hintergründen des Scheiterns der jüdischen Emanzipation in den bürgerlichen und sozialistischen Gesellschaften und sich mit den daraus resultierenden Folgen zu befassen, kehrt Cakir ein weiteres Lieblingsprojekt der Linksdeutschen hervor: die „Staatskritik“. Wenn auch die Partei Die Linke sonst mit Staatskritik nichts am Hut hat, wenn es um Israel geht, dann wird sie doch noch mal hervorgekramt.

Die Frage ist jedoch, ob diese Tatsache allein die Grundlage einer linken Antwort bleiben kann und ob nicht die linke Kritik an der Religion im Allgemeinen, an der Nation an sich und der nationalstaatlich Verfasstheit eine weitere Grundlage bilden sollte. …. Nation und Nationalstaaten sind als künstliche Produkte des Kapitalismus von Linken grundsätzlich in Frage zu stellen.

Es mutet schon seltsam an, wenn Vertreter dieser staatfetischistischen Linke auf einmal die Staatskritik entdecken. Aber weil wir es bei den Linken mit Freunden des naturgewachsenen Staats zu tun haben, die in Israel das künstlichste Gebilde aller künstlichen Gebilde sehen und es bei der linksdeutschen Partei keinen Begriff für radikale Staatskritik gibt, findet man auch keine Staatskritik, sondern eine „Ein-Staaten-Lösung“ und da wird man ja doch mal sagen dürfen:

Die pure Ablehnung einer Ein-Staaten-Lösung bedeutet im Umkehrsinn, die Befürwortung von monoethnisch bzw. monoreligiös ausgerichteten Nationalstaaten in Israel und Palästina, die keinen Raum für ethnische und religiöse Minderheiten zulassen.

So beiläufig wie demagogisch wird hier die gezielte Fehlinformation eingestreut, in Israel würde kein Raum für Minderheiten existieren. Was für alle anderen Staaten im Nahen und Mittleren Osten zwar bittere Realität ist, davon kann in Israel jedoch nicht die Rede sein. In keinem anderen Land des Nahen Osten gibt es so etwas wie Religionsfreiheit, haben Minderheiten die gleichen Bürgerrechte, sind Mann und Frau gleichgestellt, trauen sich Homosexuelle auf die Straßen und herrschen demokratische und rechtsstaatliche Verhältnisse.

Immerhin ist Cakir Realpolitiker und anstatt den revolutionären Vortänzer der infantilen Truppe von der REVO zu mimen und gleich Feuer und Flamme gegen Israel zu proklamieren, kommt er ganz staatsmännisch – denn er will ja OB werden – mit einer Frage und einer Antwort daher, die er gerne ein mal stellen und beantworten können will:

Nun sind Nationalstaaten die Realität in unserer Welt, aber das ändert grundsätzlich nichts an dieser Frage. Denkbar wäre hier eine linke Antwort, für den Nahen Osten eine soziale, gerechte, emanzipatorische, säkulare und demokratische – Union auf freiwilliger Basis der Völker – nicht nur der Israelis und PalästinenserInnen – zu fordern.

Ein Staat, nein eine Union, das hört sich nicht so abstrakt, respektive jüdisch an, auf freiwilliger Basis? Viel von Staatstheorie hat Cakir, wie man sieht, noch nicht vernommen, von Marx’scher Staatskritik schon gar nichts. Staaten sind der Inbegriff eines vermittelten Gewaltverhältnisses in dem nicht Völker, sondern Individuen die Subjekte sind und in denen Mechanismen wie Gewaltenteilung, Recht und Repräsentation Konflikte zwischen den Individuen nach rationalen Methoden austarieren. Dadurch werden die unmittelbaren Interessen der Subjekte in den politischen Willen und das Handeln der Parteien und Verbände transformiert, die dann als staatliches Agieren zu Tage treten. Völker als Subjekte der Staaten und Politik, das ist der urdeutsche Traum, der mit dem Ende des 1000-jährigen Reiches zunächst auf den Müllhaufen der Geschichte landete – aber in den Gedanken vieler Linker (und Rechter) fortwest – Aber und das nur nebenbei, was sagt uns der  von der Partei bestallte Antisemitismusforwurfforscher, völkisches Denken bei den Linken, das gibt es nicht.

Die Sache mit dem Boykott

Irgendwie schwant es dem Cakir, dass der Boykott israelischer Produkte an den Boykott jüdischer Läden anno dazumal 1933 erinnert, aber trotz aller Geschichtsbewusstheit, wenn es um das von der internationalen Linken beklagte staatliches Unrecht geht, wird man ja noch mal fragen (und antworten) dürfen. Also:

Zweitens ist die Frage zu stellen, warum DIE LINKE sich aus den Diskussionen um den Boykottaufruf für israelische Waren aus den besetzten Gebieten heraushalten sollte. … wie haben wir uns als Linke zu verhalten, wenn ein Staat einen Teil seiner StaatsbürgerInnen die vollen BürgerInnenrechte verwehrt; aus religiöser Motivation heraus den Grund und Boden seiner Nachbarn zu seinem Eigentum erklärt; nicht gewillt ist, UN-Resolutionen umzusetzen und sein nukleares Arsenal unter internationaler Kontrolle zu stellen; jegliche Standards eines demokratischen Rechtsstaates missachtet, gezielt »Staatsfeinde« exekutiert; Tausende ohne einen Gerichtsbeschluss inhaftiert; in fremden Gebieten, die sie besetzt hält, ein offenes Willkür- und Apartheidregime installiert hat, diese Gebiete mit international geächteten Munition bombardiert und bilaterale Abkommen mit den Nachbarstaaten als ein strategisches Instrument seiner weiteren Militarisierung sieht?

In diesem Abschnitt lässt er alle Hemmungen fallen und zieht vom Leder, freilich in der rhetorischen Form einer offenen Fragestellung und ohne den Teufel in Staatsform namentlich zu nennen. Er fragt, wie haben wir uns zu verhalten, wenn ein Staat das tut, was er dann aufzählt. Meint er damit Russland, Tadschikistan, China, meint er damit den Iran, Syrien, den Sudan oder Saudi Arabien, meint er damit Uganda, Kolumbien, meint er damit die Philippinen, nein die meint er alle nicht. Selbst als Fachmann für die Türkei, meint er hier nicht die Türkei – eine Diskussion, türkische Produkte zu boykottieren, die gibt es nicht. Somit streut er das Gerücht über einen Staat, der ein offenes Willkür- und Apartheidregime installiert hätte und die anderen aufgezählten schlimmen Untaten begehen würde, die man diesem Staat so andichtet, ohne dies belegen zu müssen. Und weil ja jeder weiß, wer gemeint ist, wenn diese Stichworte fallen, nämlich: Israel, braucht er den Namen des Staates gar nicht in den Mund zu nehmen.

Die Bootsfahrt

Wenn VertreterInnen der Fraktion GUE/NGL im Europäischen Parlament, von jüdischen Organisationen aus Europa und USA, zahlreiche Linke aus Großbritannien, Frankreich, Kanada, Skandinavien und den USA sowie verschiedene linke aus Israel daran teilnehmen, die dem Aufruf von Organisationen in Israel folgen, wie haltbar ist dann die Behauptung, dass diese Flottille eine »antisemitische Aktion« ist?

Wieder bemüht er die rhetorische Figur, wenn eine oder mehrere der linken Bewegungen sogar jüdisch sind, was kann an deren Positionen in Bezug auf Israel dann falsch sein. Auch hier wird die perfide Logik dieser Volte klar, nicht die Inhalte sind entscheidend, sondern die Einteilung der Akteure gemäß der Nürnberger Gesetze. Wenn‘s gegen Israel geht, dann ist es entscheidend, welcher Abstammung, welchen Blutes der „Kritiker“ ist.

Nun mag man darüber streiten, ob es politisch korrekt ist, mit islamischen oder islamistischen Organisationen, welche die Hamas unterstützen, in einer Flottille gen Gaza zu reisen.“ Auch diese Frage wird man ja wohl noch stellen dürfen. Kann es nicht schnell genug gehen, den Staat zu boykottieren, der seinen Bürgern die gleichen Rechte gewährt, der seit Jahrzehnten versucht, mit seinen Nachbarn über ein einvernehmliches Nebeneinander zu verhandeln und mit Ägypten und Jordanien einen erträglichen Modus Vivendi auch gefunden hat. Israel, das diesen Weg mit der politischen Vertretung der unmittelbaren Nachbarn aus der Westbank, der Fatah und aus dem Gaza, der Hamas, mangels Ernst zu nehmender Angebote bis heute nicht finden konnte. Israel, dessen Armee versucht in militärischen Konflikten möglichst zu vermeiden, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen, dessen rechtsstaatliche Gewaltenteilung besser funktioniert, als die mancher anderer Demokratien des Westens, usw., ja wer will denn da gleich vorab die Hamas oder die Hisbollah verurteilen und Bündnisse mit ihnen unterbinden? Cakir will es nicht.

Ihm schwant wohl, dass diese Bewegungen trotz internationaler Fürsprecher einen schlechten Leumund haben, und schlussfolgert daher: „Auch die Berechtigung einer linken Kritik an der Politik der Hamas oder der Fatah kann nicht in Abrede gestellt werden.“ Aber Morde an politischen Oppositionellen, Gewerkschaftern und Homosexuellen, Vernichtungsaufrufe gegen Israel, militärisch sinnloser Raketenbeschuss ziviler Ziele, die Berufung auf die Protokolle der Weisen von Zion usw. usf. hin oder her, darüber brauchen wir ja jetzt nicht zu reden, ging es doch auf der „letzten Fahrt [der] »Mavi Marmara« … [um die] eigentlichen Frage[n], ob der Versuch einer Durchbrechung der illegalen Blockade des Gaza-Streifens eine legitime Aktion ist und die völkerrechtswidrige Gaza-Politik der israelischen Regierung … hingenommen werden darf.“ Völkerrechtswidrig wird einfach mal gesetzt und ja, da kann man schon mal für die Hamas und mit islamistischen Organisationen gemeinsam in ein Boot steigen und zum Schutze dieser auch für militärisch Auslandseinsätze der Bundeswehr träumen. (Norman Paech: Im Zweifelsfall dem faschistischen Regime einen vor den Latz knallen)

Was hat das alles mit Kommunalpolitik zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig. Aber in regelmäßigen Abständen kommt es in Kassel, wie anderswo auch, zu den antisemitischen Massenkundgebungen, gegen die ein deutliches Wort des Repräsentanten der Bürger dieser Stadt wünschenswert wäre. Der noch amtierende OB hatte 2014 sich, wenn auch mit reichlich Verspätung und eher nicht in der Öffentlichkeit, klar positioniert. Ein Cakir, so steht zu vermuten, würde zwar vielleicht nicht rufen „Zionisten = Faschisten“, oder „Israel = Kindermörder“ oder noch schlimmeres, er würde als guter Linker sich aber an die Spitze der Bewegung zu setzten versuchen und für die Radauantisemiten das Wort führen und ihrer Wut und Leidenschaft die Legitimation eines Linken, der aus der deutschen Geschichte gelernt hat, verleihen. Rosa Luxemburg würde sich ob solcher politischer Nachkommen vor Scham im Grabe umdrehen.

Vor 75 Jahren*

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Veronika Alexandrowna Opachowa und ihre Töchter im Frühjahr 1942 in Leningrad

Und Städte wechseln ihre Namen, und
Die Zeugen dessen, was geschah, sind tot,
Und niemand tauscht mit uns Erinnerungen
Und weint mit uns. Die Schatten gehn und schwinden.
Nicht dürfen wir sie bitten umzukehren,
Denn furchtbar träf uns, kehrten sie zurück.
Einmal erwachen wir, und wir erkennen,
Daß wir den Weg dorthin vergessen haben,
Und laufen, atemlos vor Scham und Zorn,
Zu jenem Haus, – doch wie so oft im Traum –
Ist alles anders: Menschen, Dinge, Mauern.
Und niemand kennt und liebt uns – wir sind Fremde
Am fremden Ort. Wir gingen fehl … O Gott!
Und dann erst kommt das Bitterste: wir sehen,
Daß wir in unsres Lebens Grenzen nicht
Jene Vergangenheit zu halten wußten,
Daß sie uns fast so fremd geworden ist
Wie jenen, die mit uns das Haus bewohnen,
Daß wir die Toten nimmermehr erkennten,
Daß die, von denen Gott uns trennte, glänzend
Zu leben wußten ohne uns, und daß
Zum Besten war, was je an uns geschah …

(Anna Achmatowa 1945**)

*Vor 75 Jahren begann die deutsche Wehrmacht Leningrad zu belagern. Die Einwohner dieser Stadt sollten keine Chance haben, denn eine Kapitulation hätte sie nicht gerettet. Die Stadt sollte ausgelöscht werden. Ca. 1. Million Menschen starben aufgrund dieser deutschen Strategie – sie waren keine „Kollateral-Schäden“, sie sollten sterben. Jeder der sich ein wenig mit der Geschichte des 2. Weltkrieges auskennt, weiß darüber.

Dass ähnliches heute nicht geschehe, diese Lehre wurde freilich nicht gezogen, auch nicht in dem Land, in dem dieses schreckliche Kriegsverbrechen geschah, und das heute das Massenelend in Aleppo mit zu verantworten hat, auch nicht von jenen, die Jahrzehnte lang (zurecht) in der Sowjetunion das Land erkannten, das am meisten unter der deutschen Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie gelitten hatte und daraus den Schluss zogen: Nie wieder Krieg.

Diese Geschichtsvergessenheit hat auch damit zu tun, dass Leningrad lieber als Heldenstadt, denn als Stätte eines der schlimmsten Verbrechen in der Moderne betrachtet wurde. Dass auch aufgrund der militärischen Inkompetenz und russischen Großmannssucht der stalinschen Führung und der Roten Armee dieses Verbrechen nicht verhindert werden konnte, ist mit einer der Gründe, weswegen in der Sowjetunion lange über die tatsächliche Opferzahl Nebelkerzen verbreitet wurden, dass das erste Museum, das unmittelbar nach Kriegsende errichtet wurde, wieder geschlossen wurde und dass wichtige Protagonisten der politischen Führung während der Blockade den Justizmorden der sogenannten Leningrader Affäre zum Opfer fielen. Die Geschichtsvergessenheit auf der anderen Seite zeigt sich in der unterkomplexen Dichotomie von Krieg und Frieden, mit der vor allem in der überwiegend russlandfreundlichen Friedensbewegung der deutsche Vernichtungskrieg betrachtet wurde und wird.

Das Verbrechen damals wurden jedoch von Deutschen begangen. Einige gefangen genommene Offiziere der Wehrmacht wurden in Leningrad hingerichtet, sonst wurde dieses Verbrechen aber nie angemessen gesühnt. Einer der Täter konnte später sogar Bundeskanzler in Deutschland werden.


**  Anstatt die Fakten in den Vordergrund zu stellen, die Interessierten überall zugänglich sind, ein Auszug aus Achmatowas „Poem ohne Held“. Achmatowa verlor fast alle ihre Freundinnen und Freunde durch den stalinschen Terror, verfolgte aber aus Taschkent, wohin sie während der Belagerung ausgeflogen wurde, „begierig alle Nachrichten über Leningrad“. Als sie im Juni 1944 nach Leningrad zurückkehrte war sie schockiert über das „gespenstische Antlitz“ ihrer Stadt.

Eindrücke einer Reise nach Triest und Istrien

Mehrfach habe ich das Gebiet Istrien bereist. Außer schönes Wetter, beschauliche Städtchen, leckeres Essen und ein badefreundliches Meer ist an dieser Region jedoch auch die Geschichte bemerkenswert.

In Jugoslawien fand 1941 nach dem Überfall Deutschlands auf das Land ein spontaner und bewaffneter Aufstand gegen die nazifaschistische deutsche Besatzungsmacht statt. Den überwiegend von Kommunisten angeführten jugoslawischen Partisanen gelang es in der Folge – freilich zu einem entsetzlich hohen Preis – über längere Zeiträume größere Gebiete der italienischen und deutschen Besatzungsmacht zu entreißen und zu kontrollieren und zuletzt auch die deutsche Besatzungsmacht zu vertreiben. Dieser Vorgang war einmalig in Europa. Diese Geschichte dieses Landes – auch die jüngere, die man nicht verstehen kann, ohne den Blick auf die Vergangenheit zu richten, beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Die Gedanken, die ich mir bei den Reisen in dieses Land mache, kreisen um dieses historische Phänomen, aber auch darum, warum dieses Land immer wieder bei mir selbst als Projektionsfläche unerfüllter politischer Ideale  dient.

Anbei daher eine subjektiv gehaltene Reflexion über eine Reise in ein Gebiet, welches viele nur als Urlaubsgebiet und vielleicht noch als Gegend der Trüffel kennen. Sie beginnt in Triest, das mit der Bahn von Deutschland aus ganz gut zu erreichen ist und führt dann weiter nach Istrien, heute aufgeteilt in Slowenien und Kroatien.

Triest ist eine sehr beeindruckende italienische Hafenstadt an der Grenze zu Slowenien. Eher untypisch für italienische Städte ist die Innenstadt. Sie ist stark vom imperialen Zuckerbäckerstil aus der Zeit Österreichs-Ungarns geprägt – man könnte, betrachtet man die Zeit nach 1914 bis in die Gegenwart sich fast dazu hinreißen lassen zu sagen, aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Piazza Della Borsa

Piazza Della Borsa in Triest

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Der repräsentativ, zentral gelegene und sehr großzügig angelegte Platz „Piazza Unita D’Italia“ von der Mole aus gesehen. Schöner als der Platz einer anderen Einheit in Kassel ist er allemal.

Triest war neben Pula und Rijeka eine wichtige Hafenstadt der KuK-Monarchie Österreich-Ungarns. In diesem Gebiet lebten und leben Italiener, Slowenen, Kroaten und Österreicher. Nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie fiel Triest an Italien, im zweiten Weltkrieg gehörte es zeitweilig zur sogenannten Operationszone Adriatisches Küstenland, wodurch das Gebiet nach dem Sturz Mussolinis direkt dem deutschen Reichsgebiet zugeschlagen und dem Kommando der SS unter Friedrich Rainer und Odilo Globocnik unterstellt wurde. Nachdem die jugoslawischen Truppen von Süden und englische Truppen von Westen kommend, sowie jugoslawische und italienische Partisanen die letzten Nazitruppen Ende April und Mai 1945 aus Norditalien und Istrien vertrieben hatten, besetzten jugoslawische Truppen zunächst Triest. Dann wurde einige Tage später Triest alliierter Herrschaft unterstellt und zu einem „freien Territorium“ erklärt um dann schließlich 1954 Italien zugeordnet zu werden.

Spuren und Zeichen der Erinnerung in Triest

Italien stand im 1. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten. Blutige Kämpfe fanden am Isonzo, der ca. 100 km westlich von Triest in das Mittelmeer fließt, statt. Erst durch die massive Verstärkung durch englische und amerikanische Truppen gelang es in Italien, die Truppen der Achsenmächte zurückzudrängen. Bis heute wird an dieses blutige Schlachten auch in Triest mit zahlreichen Denkmälern uns Skulpturen erinnert.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Man  findet auf den Spaziergängen in der Stadt viele in Stein gemeißelte oder in Bronze gegossene Zeugnisse des italienischen Nationalismus vor. Die Stadt wird durch den zentral gelegenen Hügel San Guisto geprägt. Oben auf dem Hügel steht das Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Soldaten.

Von faschistischer Ästhetik geprägtes Kriegerdenkmal in Triest

Das von faschistischer Ästhetik geprägte Kriegerdenkmal in Triest

Läuft man durch den am westlichen Hang gelegenen Park findet man unzählige Erinnerungssteine gefallener italienischer Soldaten. Gefallen in Afrika, in Italien und im Mittelmeer, aber auch in Spanien und in Palästina. Mitten drin, die Erinnerungsstätten an die antifaschistischen Kämpfer Italiens. Unten in der Stadt werden auf Erinnerungstafeln diejenigen geehrt, die nach 1945 für den Anschluss Triest an Italien demonstrierten und bei Zwischenfällen mit Sicherheitskräften ums Leben kamen.

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Am Hügel San Guisto wird an Alle erinnert. An die, die in allen möglichen Ländern für Faschismus und das italienische Vaterland ums Leben kamen, als auch an die, die gegen Faschismus und deutsche Besatzung kämpften.

Unter Mussolini versuchten die italienischen Faschisten die im Küstenland um und in Triest und nun in Italien lebenden Slowenen zu italienisieren. Die slowenische Sprache war verboten, renitente slowenische Nationalisten wurden verhaftet und / oder ausgewiesen. In Triest kam es 1920 zu einem Pogrom. Der Narodni-Dom, das Kulturzentrum der Slowenen in Triest wurde von einem faschistischen Mob angezündet. Gegen die slowenische Untergrundbewegung, die gegen die faschistische Politik kämpfte, wurde mit Härte vorgegangen. Nach dem Überfall auf Jugoslawien durch deutsche und italienische Truppen 1941, wurde diese Politik auf das nun von italienische Truppen besetzte slowenische Gebiet Jugoslawiens ausgeweitet. (Die italienische Besatzungspolitik war rassistisch und brutal, wurde aber von der deutschen, mit der der serbische Teil Jugoslawiens überzogen wurde, bei weitem in den Schatten gestellt. Der Terror des kroatischen Ustaschastaates stand der deutschen Herrschaft im serbischen Teil wiederum in nichts nach.)

Auch unter Mussolini setzte sich in Italien in den dreißiger Jahren eine immer stärker antisemitisch ausgeprägte Politik durch, die  noch vor dem Sturz Mussolinis 1943 in Triest zu einem Pogrom nun gegen die jüdische Bevölkerung führte. Die große Triester Synagoge wurde dabei geplündert.

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Die Synagoge von Triest. Sie ist eine der größten im Mittelmeerraum. 1943 wurde sie von faschistischen Italienern geplündert. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung wurde nach dem Sturz Mussolinis von den Deutschen deportiert und umgebracht.

Doch erst die deutsche Politik setzte den eliminatorischen Antisemitismus um. Ein Großteil der bis dahin noch nicht geflüchteten, untergetauchten oder von Italienern oder Jugoslawen versteckten jüdischen Bevölkerung Triests und Istriens wurde nach Auschwitz deportiert. Nur wenige kamen zurück.

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. Ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Nach dem Sieg der jugoslawischen Partisanen kam es in Slowenien zu blutigen Racheaktionen. Mit Resten der deutschen Wehrmacht versuchten Kollaborateure aus Slowenien und Kroatien Mitte Mai 1945 in das kürzlich von englischen Truppen besetzte Österreich  zu fliehen, dort wurden sie aber zurückgewiesen und viele von ihnen wurden dann von jugoslawischen Truppen und Verbänden direkt an die Wand gestellt. Mehrere Tausend tatsächliche und vermeintliche Kollaborateure wurden so umgebracht. Auch bei Triest kam es zu solchen extralegalen Hinrichtungen. Diese Morde wurden und werden von Geschichtsrevisionisten aller Couleur zu Delegitimierung des von jugoslawischen Kommunisten angeführten Aufstandes und Volkskrieges gegen die deutsche Nazibesatzung instrumentalisiert oder mit dem Terror des Naziregimes auf eine Stufe gestellt.

Fährt man durch das italienische Hinterland von Triest, so sieht man überall, sowie auch in Istrien zweisprachige Orts- und Straßenschilder. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der Versuch in Kärnten eine ähnliche Praxis umzusetzen von rechten und rechtsextremen Österreichern auf das schärfste bekämpft wurde. In Triest ist das Slowenische weniger präsent, der niedergebrannte Narodni-Dom wurde aber wieder aufgebaut, es gibt ihn heute wieder und wird von der slowenischen Bevölkerung Triests und Umgebung als Kulturzentrum genutzt.

Jugoslawische Erinnerungs- und Gedenkpolitik

Ob den jugoslawischen Juden in Istrien gedacht wird und wurde ist mir nicht bekannt. Im Gegensatz zur Situation in den sozialistischen Ländern, ist der Massenmord an den Juden in Jugoslawien jedoch nicht verschwiegen worden. Es gibt in Belgrad ein Mahnmal, das sich explizit dem Holocaust widmet und seit 1948 auch ein jüdisches Museum.

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Das Mahnmal in Belgrad, das den ermordeten jugoslawischen Juden gewidmet ist.

Aus Istrien wurden nach 1945 viele Italiener vertrieben, die,  die jedoch bereit waren, die jugoslawische Staatsbürgerschaft anzunehmen, konnten in ihrer Heimat bleiben. Das auch Italiener sich den Partisanen und dem Widerstand anschlossen, ist in Jugoslawien nicht verschwiegen worden. Einige Erinnerungsstätten für den Kampf gegen den Nazifaschismus sind in Istrien auch in italienisch verfasst.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Auch wenn die Erinnerung an Tito bei vielen Zeitgenossen verblasst. In Istrien findet man nach wie vor viele Erinnerungsstätten an die im Partisanenkampf Gefallenen und von den Deutschen Ermordeten und Deportierten.

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Anders als in anderen kroatischen Gebieten sind diese dort in den neunzigern und 2000er Jahren stehen geblieben, oder wurden wieder aufgerichtet.

Eine Büste für eine Partisanin in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neuzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

Eine Büste für die Partisanin Olga Ban in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neunzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

In Pazin beispielsweise wurden die in den 2000er Jahren z.T. zerstörten Büsten der „Volkshelden“ des antifaschistischen Befreiungskrieges wieder hergerichtet.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole, die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Novigrad erinnert ein Büste an die von den Deutschen ermordete Partisanin Irma Bencic.

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste der Partisanin Irma Bencic

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste für die Partisanin Irma Bencic

Viele der Mahnmale sind in den Achtzigern errichtet worden, es gibt aber auch ältere oft schlicht gehaltene Denkmäler und Erinnerungsstätten. In Porec hingegen grüßt pathetisch vor dem Eingang zur Altstadt der Genosse Joakim Rakovac. Porec, bevorzugtes Reisegebiet vieler Urlauber aus Deutschland und Österreich ist auch Bischofssitz, vielleicht ist das kriegerische Denkmals dort doch nicht ganz fehl am Platze. Die katholische Kirche in Kroatien hat sich in der deutschen Besatzungszeit nicht mit Ruhm bekleckert und ist von der jugoslawischen Regierung 1948 völlig zurecht enteignet worden.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovic in Porec ist seltener anzutreffen.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovac in Porec ist seltener anzutreffen.

Etwas nördlich von Porec, an idyllischer und ruhiger Stelle direkt am Meer gelegen, liegt das ehemalige Kloster Dajla. Es wurde in Jugoslawien als Altenheim und Sanatorium genutzt. Nach Rückübertragung an die katholische Kirche und Rechtsstreit steht es seit Jahren leer und verfällt. Es gibt mehrere Beispiel für ehemals sozial sinnvoll genutzte Gebäude an prominenter Stelle, die heute nicht nur ungeklärter Besitzverhältnisse wegen, dem Verfall preisgegeben sind.

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die meisten Mahnmale und Erinnerungsstätten sind zurückhaltend und das Leid des Befreiungskrieges angemessen ausdrückend gestaltet. Auch die Rolle der Frauen ist nicht zu übersehen.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft. Das Leiden steht im Vordergrund.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier im istrischen Städtchen Buje der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft dargestellt. Das Leiden steht im Vordergrund.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar trägt die Frau ebenfalls eine Waffe und sucht nicht nur Schutz hinter dem tapferen männlichen Kämpfer.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar sucht die Frau nicht den Schutz hinter dem tapfer kämpfenden Mann, sondern trägt selbst in kämpferischer Weise eine Waffe.

Im glichen Städchenauf der gegenüberliegenden Seite ist ebenfalls ein Monument jüngeren Datums errichtet. Dort ist

Im gleichen Städtchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Rollenverteilung auf dem gleichwohl sehr eindrucksvollen Monument jüngeren Datums anders. Die endlose Zahl der Opfer dieses kleinen Orts, die auf der Mauer dieses Memorials aufgeführt werden, sagt viel über das Ausmaß des Leidens der Menschen unter deutscher Besatzung aus.

Erinnerung an die deutsche Vernichtungspolitik in Triest

Unter deutscher Herrschaft spielte das Sammel- und Durchgangslager Risiera Di San Sabba ein wichtige Rolle. In der am Rande Triests gelegenen ehemaligen Fabrik wurden unter der Regie der SS mehrere tausend Juden, Slowenen und italienische Widerstandskämpfer und Gefangene ermordet. Hier ist ein beeindruckende Erinnerungsstätte errichtet worden, die 1965 vom italienischen Präsidenten der Republik zum Nationalmonument erklärt wurde.

Deutsche Fachmänner errichteten in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Deutsche Fachmänner für Mord und Totschlag errichteten und betrieben in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die von ihnen Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Ausführlich zur politischen Geschichte dieser Region:

  • Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915 – 1955, Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum, Paderborn 2014
  • Kärnten|Slowenien|Triest, Umkämpfte Erinnerungen. (Hg.) Tanja v. Fransecky u.a., Bremen 2010
  • Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia, 1941 – 1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001
  • Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010

 

6. August – Basteltag der Friedensbewegung

Alle Jahre wieder begräbt die Bewegung ihr Hirn an der Biegung eines Flusses

In Kassel: 6. August 2016 – basteln von schwimmenden Lichterketten. 6. August und 9. August 1945: In Hiroshima und Nagasaki warfen Bomber der United States Air Force jeweils eine Atombombe ab. Dabei kamen ca. 100.000 Menschen ums Leben, über hunderttausend Menschen verstarben an den Spätfolgen. Die Gründe des Atombombenabwurfs sind bis heute umstritten. Tatsächlich dürfte es auch nicht nur einen Grund gegeben haben, sondern eine Gemengenlage an Gründen. Das Ende des Krieg mit einer fürchterlichen aber mächtigen Demonstration militärischer Überlegenheit zu erzwingen, gegenüber der stalinistischen Sowjetunion militärische Macht zu signalisieren, weltweit den militärischen und politischen Führungsanspruch zu untermauern und nicht zuletzt, das Interesse eine neue Waffe unter Echtbedingungen zu testen, sowie die Bereitschaft zu demonstrieren, diese auch einzusetzen. Die hauptsächliche Ursachen des Bombenabwurfs waren aber, der von Japan begonnene Vernichtungskrieg und der Umstand, dass Japan sich bis zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Krieg gegen China, gegen die USA und gegen andere Nationen befand und es bis zu dem Zeitpunkt des Abwurf zwar den einen oder anderen Hinweis aus politischen Kreisen Japans gab, über das Ende des Krieges zu verhandeln, offiziell aber jede Bereitschaft den Krieg zu beenden von sich gewiesen wurde. Die einfache Logik: Hätte Japan am 5. August kapituliert, hätte es keinen Atombombenabwurf gegeben, die will bis heute niemand hören – insbesondere die nicht, die mit Verve und Geschmacklosigkeiten an diese beiden schrecklichen Tage erinnern.

In Kassel gibt es einen Teil des Fuldaufers, der nach Hiroshima benannt ist. Es gibt in Kassel keine Straße, keinen Platz, keinen Hain oder keine Schlucht, die an die deutschen Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschheit erinnern. Es gibt mit dem Aschrottbrunnen zwar ein gelungenes Mahnmal, das eher abstrakt, aber in gelungener Einheit von Form und Inhalt an den Judenmord der Deutschen erinnert. Auch einige schwer zu entdeckende Stolpersteine und mittlerweile ein aber auch ebenso schwer auszumachendes Gleis am Hauptbahnhof, auf dem die Namen jüdischer Bürger eingraviert sind, erinnern an die aus Kassel deportierten und umgebrachten Juden – immerhin. Auf dem Hauptfriedhof hingegen, für alle unübersehbar das Gräberfeld und ein Gedenkstein für die Kasseler Bombenopfer, am Weinberg, das „Ehrenmal für die Opfer des Faschismus“ – ebenfalls Wallfahrtsort der Friedensbewegung – erinnert, für die Kasseler in praktischer Weise, an Alle, an die Bombenopfer, an die Soldaten und an die Verfolgten und die Gegner des Nationalsozialismus – zusammengefasst: An „die Vernichteten“. Das Ensemble macht deutlich wie Gedenken und Erinnerung in Kassel praktiziert wird.

Und die Friedensbewegung ruft angesichts des Atombombenabwurfs zur Bastelstunde auf. Um dies zu erklären hat sie ein Flugblatt verfasst. Dort wird erzählt, dass die NATO massiv aufrüste und daher Russland dazu zwinge, ebenfalls zu rüsten. Dazu wäre anzumerken: Einige souveräne Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten, suchten sich nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion der NATO anzuschließen oder anzunähern – verständlich angesichts der historischen Erfahrung, die diese Nationen mit dem russischen Imperialismus und der stalinistischen Gewaltherrschaft machten und wie es sich am Beispiel Georgiens und der Ukraine zeigt, eine nicht ganz irrationale Furcht. Wer hier also wen zu rüsten zwingt, ist nicht ganz so einfach zu beantworten, wie es sich die Friedensbewegung so vorstellt.

Eine seltsame Standpunktlogik kann die Annährung mancher souveräner Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten auch als Einkreisungspolitik der NATO gegen Russland interpretieren. Dass Georgien, die Krim, die Ukraine mit tatsächlicher militärischer Gewalt, die von Russland ausging, konfrontiert wurden und werden, wird vornehm verschwiegen. Einige ganz Gewitzte meinen, man könne diese Politik Russlands mit der Monroedoktrin der USA vergleichen,  sie verteidigen die Machtpolitik Russlands mit diesem Hinweis – eine Doktrin, deren antikoloniale Stoßrichtung von den Linken nie verstanden wurde sondern als Beispiel US-Amerikanischen Imperialismus den schärfsten Protest hervorrief und darauf verweist, wie selektiv die Wahrnehmung ist, wenn sie der jeweiligen Weltanschauung angepasst werden soll.

Weiter heißt es im Flugblatt der Friedensbewegung: „1.800 strategische Atomwaffen werden in den USA und Russland nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft gehalten. Das Risiko des Atomkrieges aufgrund eines Fehlalarms bleibt hoch.“ Diese Feststellung ist gewiss nicht falsch. Doch, bei aller Konfliktträchtigkeit der Beziehungen zwischen Deutschland, der EU, den USA einerseits und Russlands andererseits bleibt diese Problematik angesichts des nach wie vor stattfindenden Dialoges zwischen den Konfliktparteien eher randständig und erweist sich vielmehr als müder Abklatsch der German-Angst aus den Achtzigern, als der von den bösen Supermächten zu verantwortende atomare Volkstod der Deutschen als das die Gemeinschaft der Friedensfreunde einigendes Ideologem errichtet wurde.

„Dazu kommen neue Risiken durch die Weiterverbreitung der Atomwaffen in neun weiteren Staaten, die in verschiedene politische Konflikte involviert sind“ heißt es im Flugblatt dann noch nebulös. Der Staat, der mit europäischer, insbesondere aber mit deutscher und russischer Unterstützung an einer Atombombe baut, der Iran, der wird nicht benannt. Dass dieser Staat immer wieder ein Land – nämlich Israel – mit der Vernichtung droht und dass dazu eine Atombombe sehr hilfreich ist, wird auch nicht benannt.

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging.

Ein Einzeltäter und sein Offenbarungseid

Ein junger Mann zündet eine Flüchtlingsunterkunft an. Er malt Hakenkreuze an die Wand, als Passanten vorbei kommen, ruft er „Heil Hitler“ und verschwindet. Später nimmt die Polizei ihn in seiner Wohnung fest und findet dort eine Reichskriegsflagge. Über die, die jetzt die Aussage treffen würden, „wer jeden, der eine Flüchtlingsunterkunft anzündet und dabei Heil Hitler ruft einen Nazi nennt, beteiligt sich am Hokuspokus der Nazis“ würde die übliche Empörungswelle vieler Linker und Nazigegner hereinbrechen – durchaus nicht zu Unrecht.

“Wer jeden Selbstmörder, der Allahu akbar ruft, einen Jihadisten nennt, beteiligt sich am Hokuspokus der Islamisten. In der Rede von Moslems kommt Allah fast so häufig vor wie bei den Amerikanern das fuck’n. Im Fall des Selbstmörders soll die Anrufung Allahs dem Tod einen Sinn verleihen, den er in seinem Leben nicht mehr fand.“ Das schreibt Hermann L. Gremliza im aktuellen konkret-Heft im Artikel „Einzeltäter en masse“ (8/16, S. 9). Der Beifall vieler, die sich als kritische Linke, oder so wie er selbst damit kokettieren, sich als Kommunist zu bezeichnen, dürfte ihm Gewiss sein

Zwar rufen heute die Deutschen nicht mehr „Heil Hitler“, dennoch war dieser Aufruf in Deutschland lange so gebräuchlich, wie bei den Amerikanern das fuck’n. Also: Bei vielen, die in der Wehrmacht dienten, hat dieser Aufruf dem eigenen Tod im Krieg einen Sinn verliehen, den sie in ihrem trostlosen Leben nicht finden konnten. Das hat alles nichts mit der deutschen Volksgemeinschaft zu tun, die auszog um das Judentum zu vernichten – sondern mit dem trostlosen Leben der Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise (– die ja bekanntlich von der Wallstreet verursacht wurde).

Gremliza schreibt in seinem Artikel auch noch von den Kriegen, die Frankreich in Nordafrika führte, die mehrere Hunderttausend Tote zur Folge hatten und schließt: „Bis die Nachfahren der Opfer mit Frankreich quitt wären, hätten sie also noch reichlich Luft nach oben.“ Die Attentäter in Nizza (und in Würzburg) haben also nichts mit dem Islam zu tun, sondern haben nur Schritte unternommen, im Bodycount, den Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg in Nordafrika eröffnete, gleichzuziehen.

Deutschland erlitt im Ersten Weltkrieg eine Niederlage in einem ungewollten Krieg und musste dafür mit einem Diktatfrieden büßen. Bei dem Versuch, mit England und Frankreich quitt zu sein, haben die, die so häufig Heil Hitler riefen, wie die Amerikaner fuck’n, lediglich etwas überzogen und das mit den Juden hätte ja nicht sein müssen – wie viele von ihnen später, die Schultern zuckend, meinten sich zu entschuldigen.*

in die Tonne

Soviel zum moralischen Untergang und intellektuellen Bankrott eines Publizisten und Herausgebers einer linken Publikumszeitschrift.

* Die von Boualem Sansal in seinem Buch, „Das Dorf des Deutschen“ dargelegten Affinitäten und Sympathien der algerischen FLN-Kämpfer zu den Nazis und der von ihm im gleichen Buch beschriebene Zusammenhang zum Jihadismus im Frankreich von heute legen diese zunächst schief erscheinende Analogie nahe. Zwar lassen sich die Ereignisse in Deutschland nach 1918 mit denen in Algerien nach 1945 nicht gleichsetzten und schon gar nicht die Ursache und die Folge dieser beiden historischen Perioden. Der Erste Weltkrieg und die Folge, der Frieden von Versailles sind Ergebnis deutscher Großmachtpolitik, die Kolonialpolitik Frankreichs in Nordafrika hat wenig bis nichts mit der Politik der verschiedenen, im 18 Jahrhundert in Algerien herrschenden Stämme zu tun. Der  deutsche NS ist selbstredend keine Folge des Friedens von Versailles und der zeitweiligen Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen, der Unabhängigkeitskrieg Algeriens aber die, der französischen Kolonialpolitik in diesem Land. Dennoch , die Rhetorik der antikolonialen Kämpfer der FLN weist eine gewisse Ähnlichkeit  mit der eines Schlageters und seiner nationalbolschewistischen Spießgesellen auf und je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto mehr wird ein Abgrund sichtbar, der sich unterm Antiimperialismus auftut, wenn man genauer hinschaut.

Ein Warenhaus anzuzünden ist immer noch besser …

… als sich selbst anzuzünden, so sang Degenhardt in seinem Lied „Fast autobiographischer Lebenslauf eines westdeutschen Linken“. Es war ein Lied, dass die Linken in der Republik aufforderte, nicht nur die Faust in der Tasche zu ballen, sondern aktiv zu werden. Es war aber auch eine Distanzierung von der Protestform jenes Mönches der sich 1963 in Saigon selbst anzündete und eine eher vorsichtige Distanzierung vom Brandanschlag gegen ein Berliner Warenhaus, dass die späteren Gründer der RAF verübten. Sie wollten damals auf den Skandal der Bombardierung Vietnams mit Napalmbomben aufmerksam machen. Die Bombardierung Vietnams war – wie der ganze Krieg – keine Ruhmestat der USA, aber der Brandanschlag war wie der Vietnamkongress Ausdruck des Turns der radikal sich wähnenden Linken, dass man seine Wut angesichts der Hilflosigkeit gegenüber den Verhältnissen lieber auf ein wohlfeiles Feindbild projizierte und sich daran abarbeitete, als sich mit den Zuständen in der eigenen Gesellschaft, deren Bestandteil man war, abzumühen, von denen Degenhardt einige in seinem Lied beschreibt.

Ein Auto eines Nazis anzuzünden ist immer noch besser als den Mittelklassewagen eines Stadtbewohners oder Besuchers anzuzünden. (?) Doch wer ist Nazi und nicht noch ein Wertkonservativer, ein banaler Alltagsrassist oder -nationalist, oder nur ein Reaktionär und warum dann gerade das Auto dieses Einen und nicht der Anderen, die auch in den Reihen der Linken zu finden sind? Will darüber der Aktivist, kraft seiner moralischen Unbedingtheit entscheiden?

Ein BMW anzuzünden ist immer noch besser als sich mit der Polizei zu prügeln. (?) In Berlin hatte kürzlich die Polizei ein besetztes Haus z.T. gesetzwidrig geräumt. Daraufhin kam es zu ebenso gesetzwidrigen Krawallen. Etliche Autos wurden angezündet und (vorwiegend) junge Männer prügelten sich mit der Polizei. Dieses mit Militanz sozialen Protests oder gar mit revolutionärer Politik zu verwechseln, ist eine Berufskrankheit vieler Aktivisten aus den Kreisen der sogenannten Autonomen. Jetzt wurden in Kassel zwei Autos angezündet, weil die „Rigaer 94“ von der Polizei drangsaliert würden, so heißt es auf Indymdia. „Zwei Luxusautos“, so in einer Stellungnahme eines Anarchisten, sind in Kassel angezündet worden.

Abgesehen davon, wer hier wen in der Rigaer Straße drangsaliert. Nachdem hier die SA-Voran, die REVO, die MLPD, Die Linke u.a. als Zumutungen für die Vernunft an den Pranger gestellt wurden, haben es jetzt diejenigen verdient, die meinen Autos anzünden bedeute Solidarität, bedeute Kritik, sei politisch, sie antikapitalistisch oder revolutionär. In Kassel wurden in den letzten Monaten verschiedene Autos angezündet, vermutlich von einem psychisch kranken Brandstifter. Worin liegt der Unterschied zu diesen Taten? Ist nicht auch von denen zu vermuten, die nun, statt nur das Auto anzuzünden, auch noch R 94 auf die Straße geschrieben haben, dass sie nicht alle Tassen im Schrank haben?

Luxus für alle – statt Luxus für keinen

Das eine Auto war ein 10 Jahre alter BMW. Ein Ausdruck für Luxus? Wohl eher nicht. Aber selbst wenn es ein Lamborghini gewesen wäre, also ein Beispiel für ein luxuriöses Auto, warum sollte eine Luxuskarre angezündet werden. Ein Protest gegen Luxus? Selbst wenn, warum aber ein solcher Protest? Auf der Höhe der Zeit wäre es, Luxus für alle einzufordern. Zwar wäre es sinnfrei, für jeden einen Lamborghini, oder einen 10 Jahre alten BMW zu fordern, trotzdem, beim gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte, wäre die Forderung nach Luxus für alle ein zeitgemäßer Ausdruck radikaler Politik. Sich gegen Luxus in der aktuellen Gesellschaft zu stellen ist dagegen dumm und verweist auf eine dichotome Haltung, die in den Armen die Guten und die Opfer sieht und in den Reichen die Verantwortlichen, Bösen und zu bekämpfenden. Niedriger kann Kritik am System nicht sinken – nein, diese Haltung, dichotomes Denken und das Projizieren von einer Idee über die Schuld an gesellschaftlichen Widersprüche auf vermeintlich dafür verantwortliche Personen  hat nichts mit Kritik an der Gesellschaft zu tun.

Die Parteinahme für die kleinen Leute, für die Armen als die vermeintlich Guten verweist bestenfalls darauf, dass man einer romantischen Idee von der Revolution verhaftet ist, die auf die revolutionären Aufbrüche der meist nicht wohlhabenden Massen in Frankreich 1798, in Paris 1871, in Russland 1917 und Deutschland 1918 und Spanien 1936/37 zurückblickt, ohne über die Widersprüche eben dieser revolutionären Aufbrüche zu reflektieren, die allesamt ihr Scheitern notwendig hervorbrachten.

Mit dem Anzünden des als Luxusobjekt definierten Autos, dachten die Brandstifter vielleicht auch daran, diejenigen zu treffen, die Profiteure oder gar Verantwortliche angeblicher oder tatsächlicher Luxussanierungen wären. Wer in der kapitalistischen Gesellschaft nicht investiert, sieht dem Wertverlust seines Eigentums tatenlos zu, das wäre ein unsinniges Verhalten, weil in unserer Gesellschaft aus Wert mehr Wert entstehen soll. Und auch wenn der Eigentümer den Verfall seiner Immobilie bewusst herbeiführt, um sie eben doch in eine „Mobilie“ zu verwandeln, weil er darauf spekuliert, dass der Wert des Grundstückes steigt, tut er das nicht, weil er ein Schuft ist, sondern nichts anderes als jedes andere Subjekt im kapitalistischen Produktionsprozeß, das darauf spekuliert, dass das erworbene werttragende Produkt (die Waren) sich zu einem höheren Wert verkaufen lässt, sich eben in ein wertheckendes verwandelt. Ein alltäglicher Vorgang in der kapitalistischen Warenproduktion, dem man nicht dadurch beikommt, indem man Einzelne, willkürlich ausgewählte, dazu zu nötigen versucht, sich diesem Prozess zu entziehen.

Es gibt noch nicht einmal einen Grund gegen „Luxussanierungen“ zu protestieren. Die Häuser, die davon betroffen sind, sehen danach besser aus als vorher, ihre Bausubstanz wird erhalten, es ziehen Menschen dort ein, denen etwas daran liegt, dass die historische Bausubstanz erhalten bleibt und im neuem Glanz erstrahlt. Würde man gegen Wohnungsnot von Menschen mit niedrigem Einkommen etwas unternehmen wollen, wäre die Forderung nach sozialem Wohnungsbau die richtige Antwort – eine Forderung die wenig dazu beiträgt, sich höchst revolutionär und gefährlich vorzukommen, aber vielen Menschen nützen würde. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Der auch in Kassel notwendige Kampf für Freiräume alternativer Jugendkultur, für autonome kulturelle Projekte und Initiativen bedeutet, dass Öffentlichkeit für solche Forderung geschaffen wird. Die nächste Dokumenta bietet für solche Aktionen reichlich Anlässe und Gelegenheiten, andere haben auch schon vorher damit angefangen, sie gilt es zu unterstützten. Auch das Besetzten leerstehender Gebäude gehört sicher zu den Aktionsformen, die in diesem Zusammenhang als sinnvoll und wirksam betrachtet werden können. In der Regel hat man es in diesem Zusammenhang mit Formen von Politik zu tun, die wenig dazu dienen, in revolutionärer Pose Eindruck bei den Mädels schinden zu können. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Das Auto ist eine Ware. Ist denn Autos anzünden wenigstens eine Aktionsform gegen die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus, die Ware? Wohl kaum, gerade die Identifikation des Luxusartikels mit einer negativ konnotierten Seite des kapitalistischen Systems, steht für das verdinglichende Denken, dass sich fälschlich kritisch wähnt. Jede Ware ist die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus. Es ist ja gerade das Wesentliche am Kapitalismus, dass der Gebrauchswert der Ware absolut austauschbar ist. Die Brandstifter hätten auch ihre Smartphone, ihre Klobürsten oder ihre Strickmützen  auf dem Königsplatz verbrennen können, um gegen die Warenförmigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft zu protestieren. Hat man aber gar den Besitzer eines (vermeintlichen) Luxusartikels im Visier, so steht diese Haltung sogar für die personalisierende „Kritik“, die unweigerlich in den antisemitische Wahn führt. Den warenproduzierenden Kapitalismus zu kritisieren, würde bedeuten ihn auf den Begriff zu bringen und sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie Klassenbewusstsein in einer Gesellschaft zu entwickeln ist, die keinen Begriff von Klassen mehr kennt. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Die, die die Autos angezündet haben sind keine Gesellschaftskritiker, sie sind auch nicht radikal, sie sind Brandstifter, die für ihren Thrill, den sie mutmaßlich dabei suchten und empfunden haben, eine wohlfeile Ideologie benötigen mit der sie ihrem banalen Trieb die Weihe einer edlen Haltung oder der einer revolutionären Pose verschaffen können oder noch schlichter, dass sie mit ihrem klandestinen Tun als Mackerprotz und Rudelführer in ihrer Gang oder ihrem Kiez-Racket bestehen können.

Die Quintssenz: Nichts zu tun ist immer noch besser als Autos anzuzünden. Und wer ob des Elends in der Welt den Drang verspürt sich selbst anzuzünden sollte auch nicht besser Autos anzünden, sondern zum Psychiater gehen, oder Karl Marx lesen.

P.S. Der Autor dieser Zeilen ist kein Besitzer eines Automobils.