Warum das Bündnis mit Antisemiten möglich ist

Der Antisemit will den Tod des Juden, heißt es zutreffend bei Jean-Paul Sartre. Die Partei „Die Rechte“, die in Kassel am 20. Juli 2019 u.a. mit der Parole „Nationale GegenOfenSSive“ auftrat, brachte damit die antisemitische Ideologie und den Kern der Naziideologie unverblümt auf den Punkt. Der Bezug zu den Öfen von Auschwitz geht über den strafbewehrten Tatbestand der Holocaustleugnung hinaus und ist, der Strategie der Provokation und ideologischen Grundlage dieser Partei gemäß, die kaum verblümte Forderung nach Auschwitz und der SS.

Nazis tun in Kassel was Nazis tun müssen: Juden hassen.

Der Partei „Die Rechte“ trat ein breites Bündnis entgegen, dessen Parolen „Gegen Ausgrenzung, gegen Haß, gegen Gewalt“, „Gegen Rechts“, „Kein Platz für Rassismus“, „Offen für Vielfalt“, „Gegen Nationalismus“, „Für Toleranz“ usw. samt und sonders und ohne Ausnahme am Gegenstand vorbei gehen. Der bei vielen unbekannte und von anderen weitgehend unverstandene Moishe Postone führt folgendes aus: „Was ist die Besonderheit des Holocaust und des modernen Antisemitismus? Dies ist sicherlich keine Frage der Quantität, […] noch des Ausmaßes ihres Leidens. Es gibt zu viele historische Beispiele für Massenmord und Genozid. So sind zum Beispiel viel mehr Russen als Juden von Nazis getötet worden. Die Frage zielt vielmehr auf die qualitative Besonderheit. Bestimmte Aspekte der Vernichtung des europäischen Judentums bleiben so lange unerklärlich, wie Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteil, Fremdenhaß und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel für Sündenbockstrategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können.“ (Moishe Postone , 177)

Die Parolen der verschiedenen Aufrufe und der vielen Transparente, die vor allem den Rassismus, Rechts allgemein, Intoleranz, Ausgrenzung usw. anklagten, zeigen also, dass der Antisemitismus nicht verstanden wird, auch von denen, die es besser wissen müssten und sich ebenfalls dem Marsch der Antifaschisten anschlossen ohne den Aufruf zu unterzeichnen. Aber auch dann, wenn unter den Parolen oder gar im Aufruf der Nazigegner neben anderen der Passus „Gegen (jeden) Antisemitismus!“ aufgetaucht wäre, was aber am 20. Juli in Kassel nicht der Fall war, wäre der zentralen Ideologie des Nationalsozialismus nicht überzeugend entgegengetreten worden.

Grabstätten der Opfer des Ma’alot-Massakers. 1974 ermordeten Terroristen der DFLP 31 Schüler und Lehrer einer Schule, die sie zuvor als Geiseln nahmen. Die DFLP wurde unter dem Tarnnamen „Internationalisitisches Bündnis“ an der Demo gegen die Nazipartei beteiligt.

„Ist die qualitative Besonderheit der Vernichtung des europäischen Judentums einmal erkannt, wird klar, daß Erklärungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung oder die autoritäre Persönlichkeit stützen, viel zu allgemein bleiben.“ (178) Diese Unkenntnis und das allgemeine durchaus gewollte Mißverständnis vom Antisemitismus als Spielart des Rassismus und der Subsumierung des Nationalsozialismus als „Rechte Ideologie“, als Herrschaft aggressiver Kapitalgruppen oder des Imperialismus usw. tragen dann auch dazu bei, dass Gruppen wie die Judenmörderbande DFLP, neben anderen Antizionisten, von der Partei „Die Linke“, über „Pax Christi“, bis hin zur MLPD immer wieder als Unterzeichner der Aufrufe der üblichen Bündnisse gegen Rechts einbezogen werden. Aber auch Gruppen, Parteien und Verbände wie Attac, Die Grünen, die SPD, die GEW bis hin zur VVN, die sich auf regionaler Ebene zum Thema Israel in der Regel zwar nicht äußern, aber offen für Toleranz gegenüber Antizionismus und „Israelkritik“, bzw. klammheimliche Sympathisanten dieser gesellschaftlich akzeptierten Form des Antisemitismus sind, sind Ausdruck der angeführten Problematik. Eine detaillierte Auflistung der Israelhasser und Antizionisten des Bündnisses gegen Rechts in Kassel ist beim Bündnis gegen Antisemitismus Kassel  zu finden. Es dürfte so gewesen sein, dass am 20. Juli in Kassel mehr Antisemiten auf der Seite der Nazi-Gegner zu zählen waren, als unter den Nazis (die allesamt welche sind, aber nur hundert Streiter mobilisieren konnten).

Warum der Tod des Juden die notwendige Konsequenz des Antisemitismus ist und dieser über eine „kapitalismuskritische“ Haltung Eingang in die Weltanschauung der gesellschaftlichen Linken und darüber hinaus bis hin zur AfD findet, begründet Postone wie folgt: „Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, daß er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklärt und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Er läßt den Kapitalismus aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Form angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermöglicht es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus zu verstehen. Für ihn ist der Haß auf das Abstrakte charakteristisch. Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten mündet in einer einmütig, grausamen – aber nicht notwendig haßerfüllten Mission: der Erlösung der Welt von der Quelle allen Übels in Gestalt der Juden.“

Da der offene Antisemitismus, wie ihn die Partei „Die Rechte“ formuliert, in Deutschland nach 1945 gesellschaftlich diskreditiert ist und sofern er auftritt – obwohl oft nicht verstanden – einhellig verurteilt wird, drückt sich dieser insbesondere seit 1967 in der gesellschaftlich akzeptierten Form der Kritik an Israel und dem Antizionismus aus. Allgemeiner tritt er auch im Manichäismus und im Hass auf die Moderne zu Tage. Parolen und Bonmots wie „Die da oben“, eine „Geldkritik“, der Regionalismus, der Antiamerikanismus, die Verdächtigung „bestimmter Kräfte“, das „Wir“, die „99 %“ usw. usf., gehören allesamt zur Weltanschauung und zum Repertoire vieler sozialer Bewegungen und sind der Ausdruck dieser von Postone „verkürzte Kapitalismuskritik“ genannten Ideologie, die die Grundlage der Bündnisfähigkeit dieser Bewegungen mit den Gruppen bildet, die sich alleine über den Antizionismus und den Hass auf Israel definieren. Diese Haltung reicht bis in das Handeln der Regierenden, die sich in der für Israel gefährlichen Appeasementpolitik gegenüber dem Iran ausdrückt, in der Nachsichtigkeit gegenüber dem Antisemitismus palästinensischer Behörden, Institutionen und Verbände sowie in der Dialogbereitschaft mit Verbänden, die mit den antisemitischen Muslim-Brüdern verbandelt, oder dem türkischen Religionsministerium der islamistischen AKP-Regierung in der Türkei unterstellt sind.

Der Iran ist, sofern ihm die Herstellung der Atombombe gelingt, aktuell die einzige Kraft, die das Umsetzen kann, was die Partei „Die Rechte“ fordert. Würde zum Protest gegen die Politik des Irans und zur Unterstützung der Politik der USA gegen den Iran aufgerufen werden, wäre in Kassel mit einer Kundgebung mit ein paar Dutzend Teilnehmern zu rechnen.

Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, in: ders., „Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005

… und die Faschisten brüllten schon: Gefallen ist die Stadt Kassel!

„No pasaran!“ hieß der Schlachtruf der Republikaner, als Francos Faschisten vor Madrid standen, ausgestattet mit deutschen Waffen, unterstützt von italienischen Truppen, marokkanischen Söldnern und deutschen Fliegern um der demokratischen Republik ein Ende zu bereiten. Mit Hilfe der Internationalen Brigaden, sowjetischer Panzer und Flieger mit ihren sowjetischen Besatzungen und sowjetischer Offiziere konnten die Faschisten abgewehrt werden. Letztendlich war dies vergeblich, zweieinhalb Jahre später fiel Madrid, auch deswegen, weil es den Faschisten gelang, eine nicht unbeträchtliche Zustimmung in der Bevölkerung zu erlangen und weil die spanische Republik von den Demokratien im Westen im Stich gelassen wurde.

Finde den Fehler!

„No pasaran!“ heißt es jetzt auch in Kassel in einem Aufruf des Kasseler Bündnisses gegen Rechts. Steht’s in Kassel um unsere Sache schlecht? Geht’s Schritt um Schritt zurück? Stehen faschistische Divisionen, bewaffnet und personell unterstützt von ausländischen Mächten vor Kassels Toren und schicken Kugeln hageldicht? Konnten unter der nordhessischen Bevölkerung tausende von Kämpfern rekrutiert werden?Haben wir es mit einer Bewegung zu tun, die die Unterstützung der Kasseler Elite genießt? Und wer sind die vier noblen Generale, die uns verraten haben? Manfred Nielson, Markus Kneip, Eberhard Zorn, Erhard Bühler etwa, sind das die Anführer der faschistischen Divisionen, die vor Kassel stehen?

Nein, es gibt natürlich keine faschistischen Divisionen und, trotz einiger Rechtsextremer in der Bundeswehr und in der Polizei, auch keine ebensolche Generale mit zu heißem Blut. Die Partei „Die Rechte“ hat eine Kundgebung in Kassel angemeldet. Sie ist eine rechtsextreme und neonazistische Kleinstpartei, die laut Verfassungsschutz Aktivitäten von Neonazi-Kameradschaften fortführt, sich offen zum Nationalsozialismus bekennt und die die in Haft sitzende Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck als Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019 aufstellte. Im Europawahlkampf fiel sie u.a. mit der offen und aggressiven antisemitischen Propagandaformel „Israel ist unser Unglück“ auf.

Die Partei hat bundesweit ca. 500 Mitglieder, bei der Europawahl erhielt sie 0,1% der Stimmen. Eine große Zustimmung oder eine Massenbewegung sehen anders aus. Die gesellschaftlichen Eliten sehen sich in der Partei „Die Grünen“ repräsentiert und auch wenn die Partei „Die Rechte“ mit ihrer antiisraelischen Propagandaformel, wenn sie diese denn anders formuliert hätte, sicher einen Nerv der deutschen Bevölkerung getroffen hätte, denn diese mag zwar Israel genauso wenig wie selbstbewusst auftretende Juden, ist seit 1945 offener Antisemitismus in Deutschland tabu. Nicht anders ist das mit Nazis, wenn diese nicht gerade im Gaza oder im Libanon für die palästinensische Sache agieren, oder sich mit drei Halbmonden in oder vor den Kasseler Moscheen drapieren und den Wolfsgruß präsentieren, sondern aus Deutschland kommen und sich ganz old-scool-like offen als solche für Jedermann zu erkennen geben. Die Old-Scool-Nazis mag keiner, der Protest gegen sie ist gesellschaftlicher Konsens. Es steht nicht zu erwarten, dass dies in Zukunft anders wird.

Es ist daher in erster Linie keine politische Frage, wie mit dem Phänomen der Partei „Die Rechte“ umzugehen ist, sondern zuvörderst eine juristische und ordnungspolitische. Es wäre denk- und machbar, diese Partei aufgrund ihrer offenen Bezüge zum Nationalsozialismus zu verbieten. Inwiefern dies bei einer 500-Mann-Partei politisch sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Ferner wäre es die Aufgabe der Ordnungskräfte, bei Demonstrationen konsequent nationalsozialistische Propaganda und Anleihen an den NS-Habitus zu unterbinden. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und dem zur Verfügung stehenden juristischen Instrumentarium wäre dies nicht nur sinnvoll, sondern auch machbar und – by the way – aufgrund gelegentlich schlafmütziger oder inkompetenter Behörden auch eine sinnvolle Parole für eine Kundgebung.

Das Kasseler Bündnis, das natürlich #unteilbar ist, ruft voller Pathos jedoch den Ausnahmezustand aus: „Wir werden es nicht zulassen, dass Neonazis und Faschist*innen einen Aufmarsch in Kassel durchführen! Ein breites gesellschaftliches Bündnis wird am 20. Juli #platznehmen […]“ Es geht nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen, sondern um die Anmaßung exekutiver Gewalt. Aufmärsche zu unterbinden ist in einem Rechtsstaat Aufgabe der Polizei, sie nicht zuzulassen, die der Justiz. In der historischen Situation von 1936 in Madrid war das etwas anderes, hier blieb nichts anderes, als sich mit der Waffe in der Hand, dem Faschismus entgegenzustellen. Einen Bezug zu dieser Situation herzustellen, wie es die Parole suggeriert, ist aberwitzig und lächerlich.

Eine einzige Parallele zu 1936 gibt es dann aber doch. Man schließt in das „unteilbar“-Bündnis Demokratieverächter und Stalinisten mit ein und mit dem „Internationalistischen Bündnis“ eine Gruppe, die in Verbindung mit der antisemitischen Terrorbande DFLP steht. Was 1936 angesichts des Umstandes, dass die Westmächte England und Frankreich die spanische Republik im Stich ließen, eine Notwendigkeit und vor Madrid auch entscheidende Unterstützung war – das Bündnis mit den Stalinisten zu suchen – wäre heute absolut unnötig.

Es wäre angesichts der antisemitischen Parole der Partei „Die Rechte“ angebracht einen klaren Aufruf gegen Antisemitismus und für Israel zu verfassen. Dazu müsste man aber erkennen, dass diese Parole nur die ungeschminkte Zuspitzung einer Weltanschauung ist, die vom durchschnittlichen Spiegel-, Freitag- und SZ-Leser geteilt wird und auch von Vertretern der Regierungs- und Oppositionsparteien, von Kirchenvertretern und Protagonisten sozialer Bewegungen. Angesichts der Grundlage nationalsozialistischer Ideologie und den Erfahrungen jüdischer Menschen ist klar, dass Nazis gefährlich und eine Bedrohung für das jüdische Leben sind, allerdings ist es ebenfalls eine Erfahrung jüdischer Menschen, dass der alltägliche Antisemitismus heute vor allem andere Quellen hat unter anderem auch die, die die Agenda eines beträchtlichen Teils des unteilbaren Bündnisses ist.

Anstatt zur Blockade der Straße aufzurufen, also einer bislang nicht verbotenen Partei, das Grundrecht in einer demokratischen Gesellschaft streitig zu machen, die Öffentlichkeit zu suchen, wäre es angebracht öffentlich gegen die antidemokratischen Ambitionen dieser Partei Stellung zu beziehen. Damit wäre ein deutliches Bekenntnis zur demokratischen Republik, zu den sie konstituierenden Werten der Aufklärung und Vernunft, sowie zu ihren Institutionen und zur Gewaltenteilung verbunden. Mit einem solchen Aufruf könnte man vermeiden, dass solche Gruppen wie die MLPD, die REVO, die Internationalistische Liste, die SAV usw. usf. sich als Antifaschisten gebärden. Aber das klare Bekenntnis zur Republik und ihren Grundlagen wäre auch auch für viele Aktivisten, die den Ausnahmezustand aufgrund klimatischer Veränderungen und einer Flüchtlingsbewegungen ausrufen ein Problem und man könnte vielleicht erkennen, dass die Gefahr dieser Republik von etwas anderes ausgeht, als von einer Partei mit 500 Mitgliedern.

Colonel Dr. Martin – Ein Agent in Deutschland

Mordechai Tadmor als Korrespondent der Jerusalem Post und als Colonel Dr. Martin in Deutschland

Im Folgenden eine kurze Episode aus dem Leben Mordechai Tadmors. Er lebte als Martin Kaufmann von 1922 – 1932 in Kassel (siehe hier mehr: Ungedanken – Kassel – Tel Aviv) und hielt sich in den fünfziger Jahren offiziell als Korrespondent der Jerusalem Post in Deutschland auf. Es war seine Decktätigkeit, seine eigentliche Aufgabe war eine andere. Aber er betätigte sich trotzdem auch journalistisch. In einem Gespräch erzählte er mir:

„Ich musste ja ausgebildet werden, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von Agententätigkeit. Klar ich wusste was man als Nachrichtenmann so macht, aber nichts davon, wie man z. B. Agenten führt. Ich absolvierte dann beim Schabak (Scherut haBitachon haKlali oder Shin Bet) einen Schnellkurs. Das war ziemlich unsolide alles und sehr spontan. Aber man sagte mir, Du wirst das schon irgendwie arrangieren. […] Sie zeigten mir wie man Geheimdokumente fotografiert, wie man tote Briefkästen anlegt, wie man Nachrichten chiffriert und dechiffriert usw.. Dann musste eine Abdeckung geschaffen werden und alles innerhalb von 14 Tagen. Heute dauert so etwas mindestens ein Jahr. So erschien ich zum einen als Korrespondent der Jerusalem Post aber ich bedurfte einer zusätzlichen Legende und in dieser sollte ich weder als Israeli noch als Deutscher auftreten, also gab man mir eine türkische Legende. So war ich dann der Colonel Dr. Martin. Das war alles ziemlich gewagt, denn ich hatte außer einem kurzen Besuch beim Militärattaché in Istanbul im Jahre 1950 mit der Türkei nie etwas zu schaffen und sprach auch kein türkisch aber ich konnte ein türkisches Lied singen und das reichte damals in Deutschland um als türkischer Offizier durchzugehen. Aber ich war auch kein ausgebildeter Journalist. Also musste ich auch in der kurzen Zeit lernen wie man Artikel verfasst, ich hatte bisher nur Dossiers über fremde Heeresabteilungen verfasst. Mein Ausbilder in Sachen Journalismus, wie man Artikel schreibt etc. war der damals bekannte Schriftsteller und Journalist Shabtay Teveth1. Leider ist er schon lange tot. Er schrieb viele Bücher, darunter eines über den 6-Tagekrieg: „Exponiert im Panzer“. Ich schulde ihm viel. Obwohl ich nur wenig Zeit hatte, brachte er mir die Elemente der Journalistik in einer Woche bei.“

Herr Tadmor erhielt als Anerkennung vom Bundeskanzler eine signierte Postkarte.

In Deutschland war Mordechai Tadmor der erste israelische Korrespondent überhaupt. In dieser Funktion lernte er Franz Josef Strauß kennen, der damals mit Shimon Peres wichtige Waffenlieferungen für Israel aushandelte. Insbesondere hatte es ihm aber Konrad Adenauer angetan. Adenauers Rolle in der Bundesrepublik sah Mordechai Tadmor vor allem im Zusammenhang mit dem Luxemburger Abkommen2 weitgehend positiv: „Konrad Adenauer und David Ben-Gurion hatten den Mut und die Voraussicht, dieses schwierige Thema anzugehen und auch durchzuführen. Die Wiedergutmachung ermöglichte letztendlich den Aufbau und die Industrialisierung Israels.“ Die Hochachtung Adenauers gegenüber beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. So erfuhr Mordechai Tadmor, dass Konrad Adenauer seine Berichterstattung schätzte. Er konnte ihn mehrfach bei seinen politischen Terminen und Wahlkampftouren begleiten.

„On the Road with Adenauer“ erschien in der Jerusalem Post am 15. September 1957. Der Artikel wurde auch in der Wochenzeitung rezipiert.

Mordechai Tadmor schrieb verschiedene Artikel für die Jerusalem Post über Adenauer. Der Artikel „On the road with Adenauer“ erzählt von einem längeren Gespräch mit Adenauer, das er auf einer der Wahlkampftouren mit ihm führte. Adenauer bekundet darin, dass er große Hochachtung gegenüber den Israelis habe und bemerkte ferner, dass er ihren Mut in den jüngsten militärischen Auseinandersetzungen bewundere. Außerdem betonte er, dass er sich zur Freundschaft zu Israel bekenne. In diesem Gespräch bemerkte Mordechai Tadmor Adenauer gegenüber, dass die Bewunderung des Mutes allein Israel im Kampf gegen die feindlich gesinnten Nachbarn wenig nützen würde. Dann sprach er seine Befürchtungen über die regen Waffenlieferungen der Sowjetunion an die arabischen Staaten an. Mordechai Tadmor beschloss den Artikel mit der Bemerkung, dass es ein seltsam beunruhigendes Gefühl für einen Israeli sei, den Deutschen Bundeskanzler bei seinen Wahlkampftouren so nahe gewesen sein zu dürfen. Doch obwohl dem Ausgang dieser Wahlen in Israel kaum Beachtung geschenkt wurde, allein die Möglichkeit eines israelischen Korrespondenten, den Bundeskanzler in dieser Form begleitet haben zu können, sei, so Mordechai Tadmor in seinem Artikel, Ausdruck Adenauers Größe.

Durch einen dummen Fehler fliegt Mordechai Tadmors Deckung als Colonel Martin auf. Für die Nazi-Zeitung Soldaten Zeitung ein gefundenes Fressen.

„Meine Arbeit war trotz der kurzen Ausbildung von Erfolg gekrönt. Sogar die Allgemeine – Wochenzeitung der Juden in Deutschland wollte mich als Redakteur und Bonner Korrespondent einstellen,“ so zog Mordechai Tadmor ein Resümee über seine Tätigkeit als Journalist. Doch die Tätigkeit bei der Jüdischen Allgemeinen blieb ihm verwehrt. Soweit kam es nicht, denn als die Deutsche Soldaten-Zeitung3 im Juli 1958 Mordechai Tadmor als israelischen Agenten aufdeckte, musste er Hals über Kopf Deutschland verlassen.

Eine umfangreichere Würdigung der Tätigkeiten Mordechai Tadmors nach 1945 wird in Form einer weiteren Broschüre erarbeitet.

Bisher erhältlich: Westlich des Suez

1 Shabtay Teveth, geb. 1925, gest. 2014 war Journalist, Schriftsteller und Historiker. Er schrieb unter anderem eine Biographie über David Ben Gurion.

2 Das Luxemburger Abkommen, in Deutschland auch „Wiedergutmachungsabkommen“ genannt, im englischen treffender Reperations Agreement wurde 1952 geschlossen. Deutschland verpflichtete sich damals zur Lieferung von Exportgütern und Dienstleistungen in der Höhe von 3,5 Mrd. DM und der Rückerstattung von Vermögenswerten. Dieses Abkommen konnte Adenauer nur mit den Stimmen der SPD gegen den Widerstand der Parteien der Regierungskoalition durchsetzen. Auch in der deutschen Bevölkerung fand das Abkommen nur wenig Unterstützung. Adenauer wurde vorgeworfen, ein Werkzeug des Weltjudentums zu sein. Aber auch in Israel war das Abkommen umstritten.

3 Die Deutsche Soldaten-Zeitung wurde 1950 von Nazis und ehemaligen SS-Leuten gegründet. In den späten Fünfziger Jahren übernahm der Nazi Gehard Frey die Zeitung und führte sie ab 1961 als alleiniger Besitzer unter dem Namen Deutsche Soldaten-Zeitung und National-Zeitung fort.

Wir kennen keine Volksgemeinschaft sondern nur noch Opfer

75 Jahre nach dem Bombenangriff auf Kassel: Die Tränen der Volksgenossen und die Unfähigkeit in Kassel, einer notwendigen militärischen Maßnahme gerecht zu werden.

Ein am Angriff auf Kassel beteiligter Lancasterbomber und seine Besatzung

Kassel war, wie andere deutsche Städte, mehrfach Ziel alliierter Bombenangriffe. Das Datum der gründlichsten Bombardierung Kassels jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Dies ist Anlass für eine von der HNA vorangetriebene Erinnerungsoffensive. In der HNA widmet man sich seit geraumer Zeit in regelmäßigen Abständen und in dichter werdender Folge diesem Thema mit ganzseitigen Ausführungen. Auf der Internetseite der Zeitung gibt es sogar eine eigenständige Rubrik zum Thema. Darüber hinaus hat der ehemalige Redakteur der HNA Horst Seidenfaden zusammen mit Harry Soremski (Extra-Tip) einen opulenten Band über die Erinnerungen der vom Bombenangriff betroffenen Kasseler herausgebracht. Der HNA-Journalist Thomas Siemon zog ein paar Monate später mit einem kleineren Bändchen nach. In beiden Bänden kommen sogenannte Zeitzeugen zu Wort. Seidenfaden und Soremski fügen noch weitergehende Ausführungen bei, die zur historischen und politischen Einordnung der Berichte ihrer „Zeitzeugen“ und des Angriffs auf Kassel aber buchstäblich nichts beitragen. Die Berichte der „Zeitzeugen“ drücken par excellence das aus, was den nach Deutschland einmarschierenden Alliierten unangenehm auffiel, als sie 1945 auf die Deutschen trafen: Empathielosigkeit, Selbstbezogenheit, Sentimentalität, Selbstviktimisierung und die Leugnung Nazi gewesen zu sein. Die Chronisten des Angriffs auf Kassel kommen so gut wie ohne Bezug zum Nationalsozialismus aus, kennen keine Nazis, sondern nur noch Opfer und sind zu Tränen gerührt. „Trümmer, Tod und Tränen“ heißt der eine, „Diese Tränen trocknen nie …“ der andere Band.

I. Der Luftkrieg gegen Deutschland – Eine Voraussetzung des Sieges über Nazideutschland

Die Luftangriffe auf Deutschland waren – von 1940, dem Fall Frankreichs bis 1943, der Landung der Alliierten in Sizilien – abgesehen von der „Atlantikschlacht“ und einigen Nebenkriegsschauplätzen die einzige Möglichkeit der Westalliierten direkt militärisch gegen Nazideutschland vorzugehen. Von 1941 bis 1943 trug auf dem europäischen Kontinent die Rote Armee die Hauptlast der Kämpfe gegen die Wehrmacht. Die Ausweitung der Luftangriffe der Westalliierten auf Deutschland trug dazu bei, dass beträchtliche Teile der deutschen Luftwaffe von der Ostfront abgezogen wurden. Somit entlasteten die Westalliierten die sowjetische Luftwaffe, der es im Laufe des Jahres 1943 gelang, die Lufthoheit an der Ostfront zu erringen. Insgesamt gelang es den alliierten Fliegerverbänden nach und nach, die deutsche Luftwaffe nachhaltig zu schwächen. Die Lufthoheit ist für erfolgreiche Bodenoperationen eine unabdingbare Voraussetzung und war Bedingung für die im Sommer 1944 vorgetragenen erfolgreichen und kriegsentscheidenden Offensiven in Weißrussland (Operation Bagration) und in der Normandie (Operation Overlord). Diese wichtigsten Ergebnisse der alliierten Luftkriegskampagne gegen Deutschland werden im Allgemeinen völlig ignoriert. Den Autoren über die „Bombennacht“ dürfte dieser Sachverhalt offensichtlich unbekannt oder gleichgültig sein.

Ein wichtiges Ziel alliierter Bomberverbände waren die Rüstungsindustrie und die Infrastruktur des Nazireiches. Die Angriffe störten die deutsche Rüstungsproduktion jedoch in geringerem Maß als angenommen und trotz einiger spektakulärer Erfolge, wie die gelungenen Angriffe auf die Edertal- und Möhnetalsperre, gelang es den Alliierten erst gegen Ende des Krieges die Verkehrs- und Energieinfrastruktur des deutschen Reiches lahm zu legen. Die Alliierten erreichten es auch nicht, wie ebenfalls beabsichtigt, die Moral der deutschen Bevölkerung zu brechen. Vor allem dies wird in Deutschland gegen die Luftkriegsstrategen vorgebracht. Dieser Misserfolg dient als Beweis der Nutzlosigkeit und der gleichzeitig attestierten Grausamkeit alliierter Bombenangriffe. Jenes Argument entbehrt jedoch jeder Grundlage, denn entgegen jeder vernünftigen Annahme, ließ sich die deutsche Volksgemeinschaft trotz der Zerstörung vieler ihrer Städte nicht dazu bewegen, von Judenmord und Vernichtungskrieg abzulassen. 1918 noch trugen Hungersnot und andere Entbehrungen dazu bei, dass sich die deutsche Bevölkerung zunehmend der weitaus harmloseren Kriegspolitik des Kaiserreichs widersetzte.

Der Luftkrieg wurde gegen eine Nation geführt, die die Volksgemeinschaft nicht nur propagierte sondern auch formierte und die den totalen Krieg ausgerufen hatte, den sie bis zum 8. Mai 1945 unerbittlich führte. Entgegen immer wieder kolportierten Behauptungen, der Luftkrieg sei gegen eine unbewaffnete und wehrlose Bevölkerung geführt worden, fügten die deutsche Luftwaffe und Flugabwehr den Alliierten schwerste Verluste zu. Mehr als 100.000 alliierte Bomberbesatzungen kamen bei ihren Einsätzen gegen Nazideutschland ums Leben. Die Bomberpiloten zogen einen massiven Beschuss auf sich. Die in großen Mengen im Land aufgestellten Geschütze und die Massen in die Luft geschossene Munition fehlten der Wehrmacht an anderer Stelle. Auch dies war letztendlich ein Beitrag, der zum Erfolg der alliierten Bodenoperationen beitrug, freilich zu einem hohen Preis unter den jungen Fliegern.

Im Gesamtkontext bleibt die Schlussfolgerung, dass der Luftkrieg als Bestandteil des notwendigen Krieges gegen Nazideutschland bis zur Kapitulation eine notwendige, richtige und letztendlich auch eine effektive Maßnahme war.

II. Nationalsozialismus und Volksgemeinschaft

„… Achtung, Achtung, wir geben eine Luftwarnmeldung …“, der Leser fühlt sich in die Reihen der deutschen Familie versetzt und meint den „Volksempfänger“ hören zu können.

Auf einer Doppelseite wird in Seidenfadens und Soremskis Band in großem Format der „Volksempfänger“ abgebildet. Etwas kleiner daneben ein, in nationalsozialistischer Ästhetik gehaltenes Bild einer Familie. Sie wird als „Arbeiterfamilie“ bezeichnet. Auch wenn es schon vor 1933 Radios und Familien gab, der Volksempfänger, die Abbildung desselben, sowie Bilder der einträchtig lauschenden deutschen Familie spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda von der Volksgemeinschaft. Dieser Zusammenhang wird nicht erläutert. Berichtenswert ist den Autoren nur, dass die Kasseler das Gerät dazu nutzten, die Meldungen über die einfliegenden Bomberverbände zu verfolgen. Die Funksprüche werden zitiert. Sie sind in einem anderen Textformat gedruckt, so dass man sie zu hören meint: „Achtung, Achtung, hier ist der Befehlsstand der ersten Flakdivision“ usw. Der Leser sieht förmlich die Lautsprechermembran des Volksempfängers vibrieren und sich unter die Volksgenossen versetzt.

In beiden Büchern geht es hauptsächlich darum „Zeitzeugen“ zu präsentieren. Was wir also vor uns liegen haben ist Oral History, nur dass die grundlegende Methodik dieser historischen Betrachtung auch nicht annähernd eingehalten wird. Es fehlt durchweg die professionelle Distanz zu den Berichtenden. Völlig ungenügend ist bei Seidenfaden und Soremski die kritische Einordnung des Erzählten in den historischen Kontext, bei Siemon fehlt dies völlig. Die „Zeitzeugen“ sprechen zu lassen, hat zwar tatsächlich etwas mit Authentizität zu tun, dass sie rundweg die Stimmen der damaligen Volksgemeinschaft darstellen, wird von den Chronisten jedoch entweder nicht bemerkt, oder schlicht ignoriert. So ist die ungefilterte und unkommentierte, häufig auf Emotionen setzende Reproduktion dieser Stimmen der Grundtenor sowohl Seidenfadens und Soremskis als auch des kleineren Bändchens Siemons.

Folgendes muss vom Leser, auf dessen Emotionen ungehemmt gesetzt wird, unbegriffen bleiben. Der deutsche Nationalsozialismus war im Wesentlichen eine Konsensdiktatur. Der 1933 anfänglich vor allem von Kommunisten, verschiedenen kleineren sozialistischen und anarchistischen Gruppierungen und einigen Einzelpersonen heroisch vorgetragene Widerstand gegen die Nationalsozialisten war schnell gebrochen. Die Volksgemeinschaft formierte sich so schnell, wie sich die 1933 schnell gefüllten Konzentrationslager im Laufe der dreißiger Jahre wieder leerten. Mit der Verfolgung der Kommunisten, den Kampagnen gegen „Asoziale“ und „Volksschädlinge“, mit der Etablierung des Reichsarbeitsdienstes und der Kraft-durch-Freude-Kampagne stieß das Regime auf Zuspruch in der Bevölkerung, der noch Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus einen deutlichen Widerhall fand. „Damals herrschte noch Zucht und Ordnung“, „Hitler gab uns Brot und Arbeit“, „Damals konnte man Nachts noch auf die Straßen gehen“ usw. waren häufig zu vernehmende Äußerungen der ehemaligen Volksgenossen, wenn sie mit Kritik der Jüngeren konfrontiert wurden. Der antifaschistische Widerstand war dagegen isoliert. Seine Protagonisten galten bei Vielen noch Jahrzehnte nach dem Ende des Regimes als Verräter. Der schlimmste Feind der Aufrechten war nicht etwa die GESTAPO, sondern das weit verbreitete Denunzianten- und Spitzeltum.

An zwei Stellen werden in Seidenfadens und Soremskis Buch Juden erwähnt. Ein Onkel einer „Zeitzeugin“ war mit einer Jüdin verheiratet. Der Onkel und seine jüdische Frau starben beim Angriff. Der Tod einer (sic!) Jüdin wird also in einem Buch erwähnt, das sich dem Jahr 1943 widmet. Die „Täter“ sind britische Bomber. Ein Inhaber einer Druckerei, die 1933, „als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen“, geschlossen wurde, weil Juden zu den Kunden gehörten, ist die zweite Stelle, an der erwähnt wird, dass es Juden in Kassel gab. Und es ist die einzige Stelle, an der das Jahr 1933 erwähnt wird. Dass es in Kassel vor 1933 ca. zweitausend Juden gab und 1943 keine mehr, das fällt unter den Tisch. Keiner der „Zeitzeugen“ erinnert sich daran, dass es Juden in der Stadt gab, dass antisemitische Propaganda den Alltag beherrschte, dass mit der Reichspogromnacht auch in Kassel 1938 ein Zeichen gesetzt wurde, dass spätestens jetzt alles anders als zuvor war. Keiner erinnert sich daran, dass die letzten Kasseler Juden 1942 vor aller Augen durch die Stadt zum Bahnhof auf eine „Reise“ geschickt wurden, von der sie nie wieder kamen. Antisemitismus als Bestandteil der Politik der Formierung der Volksgemeinschaft wurde von den „Zeitzeugen“ nicht als Schrecken wahrgenommen. Antisemitismus war Alltag und Normalität.

Im Frühjahr 1941, nach der Eroberung Frankreichs und vor dem Einmarsch in die Sowjetunion sah sich der Nationalsozialismus auf dem Zenit seiner Macht. Er war nicht nur die militärisch dominante Macht auf dem Kontinent, er erreichte zu diesem Zeitpunkt auch den Höhepunkt der Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Das war in Kassel nichts anders. Die beiden 1984 und 1987 von der IAG Nationalsozialismus an der Uni Kassel publizierten Bände „Volksgemeinschaft und Volksfeinde“ zeichnen ein detailliertes Bild der Situation in Kassel. Der Politikwissenschaftler Jörg Kammler resümierte die Situation wie folgt: „[…] Widerstandskämpfer gerieten durch Zerschlagung ihrer Gruppen […] in die Situation isolierter, gehetzter und ohnmächtiger einzelner […] Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges [war] in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter.“

Erst gegen Ende des Krieges schwand die Zustimmung zum Regime. Ein großer Teil der Bevölkerung nahm Hitler die Formierung der Volksgemeinschaft genauso wenig übel, wie die Ermordung der Juden. Nicht das unvorstellbare Ausmaß an Leid und Gräuel, dass deutsche Truppen in Europa, vor allem in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion verbreiteten, trug dazu bei, dass sich kleinere Gruppen in der deutschen Gesellschaft gegen Hitler richteten, sondern die sich ab 1944 abzeichnende Gewissheit, dass der Endsieg ein leeres Versprechen war und Hitler der dafür verantwortliche miserable Heerführer. Neben einer ausgeprägten Weinerlichkeit der besiegten Volksgenossen, für die beide Bände über die „Bombennacht“ stehen, hielt sich die Enttäuschung über Hitlers Versagen als Heerführer noch lange Jahre nach der Niederlage.

III. 1943

1943 – „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“

Seit 1939 zogen deutsche Verbände mordend und plündernd durch Osteuropa, über den Balkan und dann durch die Sowjetunion. Die letzten verbliebenen Juden wurden 1942 aus den deutschen Städten vor aller Augen in die Vernichtungslager deportiert. Die Volksgenossen teilten, in fester Gewissheit, dass die jüdischen Nachbarn nicht mehr wiederkehren, die Besitztümer der Deportierten unter sich auf. In fast allen Ländern Europas wurden von deutschen Trupps Juden aufgespürt, gejagt, deportiert und ermordet. In Leningrad verhungerten von 1941 bis 1943 unter der Blockade der deutschen Wehrmacht über eine Million Menschen. In Warschau wurde 1943 das Ghetto liquidiert. Die dort zusammengepferchten jüdischen Bewohner wurden zu zehntausenden in die Vernichtungslager verschleppt und der im April 1943 begonnene Aufstand der letzten verzweifelten Bewohner des Ghettos niedergeschlagen. Überlebende gab es so gut wie keine. Ein Jahr später wurde, aus Rache für den Aufstand der Bevölkerung Warschaus, die ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht.1943 wurden in Auschwitz, Sobibor, Maidanek, Treblinka und Trostinez, bei unzähligen Menschenjagden und Massenerschießungen in der Sowjetunion, in Jugoslawien und in Polen Leichenberge in unvorstellbaren Ausmaß produziert. 1943 ist das Jahr, in dem in Weißrussland über 5.000 Dörfer komplett vernichtet wurden.

Hitler war 1943 seit zehn Jahren an der Macht. In Kassel jedoch war bis 1943 die Welt, so wie es beiden Erinnerungsbänden zu entnehmen ist, in Ordnung. Seidenfaden und Soremski beginnen ihr Buch mit dieser Überschrift: „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“. Ein entsprechendes idyllisch gehaltenes Bild von Spaziergängern an der Schönen Aussicht soll diesen Eindruck illustrieren. Die Autoren kommen, wenn sie von Kassel erzählen, aus dem Schwärmen nicht heraus. „Es war, daran erinnern sich noch heute alle Überlebenden, ein wunderschöner Herbsttag. Dieser 22. Oktober 1943.“ Seidenfaden und Soremski ergehen sich in der Beschreibung der Stadt vor dem Angriff in Superlativen. Um die Situation vor dem Angriff zu beschreiben, ist es ihnen offensichtlich wichtig zu betonen, dass die Altstadt „wunderschön“ gewesen sei. Sie schreiben von „schönsten und prächtigsten“ Gebäuden, davon, dass die Stadt 1943 „in voller Schönheit“ stand und die Innenstadt Kassels vor „Lebensfreude sprühte“. Sie schreiben von singenden Kindern, die „Bunt sind schon die Wälder“ gesungen haben, von Café-Besuchern usw.. Nicht fehlen darf natürlich der Hinweis, dass die prächtige Stadt eine 1000-jährige Stadt war. Zu dem sich aufdrängenden Zusammenhang mit dem von den Nazis propagierten Anspruch, ein 1000-jähriges Reich gegründet zu haben, fällt den beiden Autoren natürlich auch nichts ein.

Die Kasseler Innenstadt „sprühte vor Lebensfreude“

IV. Das Grauen ereilt die Stadt

Dann „ereilte“ aber „das Grauen“ die Stadt, wie es in der HNA in einer Besprechung am 19.06.2018 heißt und die „vor Lebensfreude sprühende“ Stadt war, als ob es 1933 nie gegeben hätte, „mit einem Schlag“ Geschichte. Über den „Alltag mit seinen normalen Abläufen und Routinen“ brachen eine Katastrophe und eine Tragödie herein. Seidenfaden und Soremski lassen nicht unerwähnt, dass Kassel ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie und deswegen Ziel britischer Angriffe war und sie erwähnen in einigen Zeilen auch die Besatzungen der britischen Bomber, von denen viele den Krieg nicht überlebten. Sie erwähnen stellvertretend für die, die beim Einsatz über Kassel ihr Leben ließen, das Schicksal einer Fliegerbesatzung. Genaue Zahlen nennen sie, die an anderer Stelle die gefallenen Bomben penibel katalogisieren und auflisten, jedoch nicht. Es müssen etwa 250 – 300 junge Männer gewesen sein, die beim Einsatz gegen Kassel umkamen.

Wenn es um den Zusammenhang des Angriffs und die Rolle Kassels als Rüstungsstandort geht, kommen die Autoren nicht über floskelhafte Plattitüden hinaus. Welche Rolle die Stadt und die Bevölkerung in der Nazizeit spielten, wird ganz weggelassen. So heißt es seltsam unbestimmt, „man produzierte Militärfahrzeuge“. Wer dieses man war, wozu hier Rüstungsgüter produziert wurden, wird nicht weiter ausgeführt. Der HNA-Journalist Siemon führt in einem (in Zahlen 1) Satz im Vorwort seines Bombenbändchens aus, dass der Auslöser der Zerstörung der deutsche Angriffskrieg und die Luftangriffe auf London waren. Näher wird auf Angriffskrieg und deutsche Luftkriegsstrategie auch hier nicht eingegangen.

Seidenfaden und Soremski wissen aber, dass 1943 „Luftmarschall Arthur Harris, genannt ‚Bomber Harris‘, entschieden [hatte], dass am Abend Kassel angegriffen werden sollte. Der Grund, so Seidenfaden und Soremski, „war die positive Wetterprognose.“ Gutes Wetter also war der Auslöser des Angriffs auf Kassel. Das Stichwort „Bomber Harris“, so darf man annehmen, fällt hier nicht zufällig. Wenn er diesen Namen hört, geht dem erinnerungsbeflissenen Deutschen das Messer in der Hose auf. Nähere Ausführungen zum Luftkrieg sind dann gar nicht mehr nötig, die Chronisten haben den Leser da wo sie ihn haben wollen, als Ankläger eines sinnlosen, grausamen und willkürlichen Angriffs unter dem, wie es die VVN-Kassel anführt, die Stadt und die Bewohner zu leiden hatten.

V. Das Essen und das Inferno

Es sind die Erinnerungen verschiedener damals jüngerer oder älterer Volksgenossen oder ihrer unmittelbaren Angehörigen, denen sich beide Bände ausführlich widmen. Die Autoren reflektieren und analysieren dabei in keiner Weise, was diese Leute von ihren Erlebnissen vom 22. Oktober erzählen. Auffällig ist, sie erzählen von Gulasch, von Pellkartoffeln, von Kaninchenbraten, von Jagdwurst, von Kuchen, von Pudding usw. Es sind Erinnerungen aus einer Zeit, in der vor allem die Sowjetunion systematisch geplündert und das Verhungern der dort lebenden Bevölkerung billigend in Kauf genommen wurde, teilweise sogar Ziel der deutschen Besatzungspolitik war. 1944 wiederholte sich das Gleiche auch mit den Niederlanden. Aber auch Länder wie zum Beispiel Frankreich, Griechenland und Norwegen wurden mit einer ausgetüftelten und perfiden Besatzungspolitik systematisch ausgeplündert.

Andere „Zeitzeugen“ erzählen von Café- und Kinobesuchen, von Ausflügen mit singenden Kindern usw. und verdeutlichen damit, dass für die deutsche Bevölkerung die Welt 1943 offensichtlich noch in Ordnung war. Nur die von Seidenfaden und Soremski erwähnten Todesanzeigen in den Zeitungen, die sich häufen, machen deutlich, dass etwas nicht stimmte. Es handelte sich um die immer häufiger werdenden Anzeigen der gefallenen Wehrmachtssoldaten. Wo und warum sie fielen, ist den Chronisten keine Ausführung wert.

Um so plötzlicher der Luftangriff. „Die Mutter hatte am Nachmittag im Ufa-Filmtheater noch den Film ‚Münchhausen‘ mit Hans Albers gesehen. Und dann der Angriff.“ Die britischen Flieger läuteten die „Todesstunde“ der Stadt Kassel ein und auf 1.000 Jahre Geschichte folgte der 22. Oktober 1943, „die Nacht, in der Kassel starb …“. Seitenlang liest man in beiden Büchern dann Geschichten über die in Kellern erstickten Opfer, von Leichenbergen, die wiederholt abgebildet werden, es wird von verkohlten Leichen erzählt, von brennenden Menschen, von Ruinen, vom Pfeifen und Krachen der Bomben, von im Stakkato auf die Altstadt prasselnden Bomben, von heißen Feuern in der Innenstadt, von Phosphor, von Flächenbränden, Druckwellen, Sogwirkung, von Trümmern und verwüsteten Straßenzügen. Kurz: Es wird ein Inferno beschrieben, das der massive Angriff für die Bewohner Kassels bedeutete. Dass Kriegshandlungen gegen einen hochgerüsteten, zutiefst amoralischen und zu allem entschlossenen Feind jedoch voller Gewalt sein müssen, das fällt bei dieser Betrachtung notwendig unter den Tisch. Die Erinnerungsbände sind so konzipiert, dass das Inferno für sich sprechen und Betroffenheit und Mitleid mit den leidenden Volksgenossen auslösen soll.

VI. Die „Zeitzeugen“ und der Nationalsozialismus

Auffällig ist, dass im „Alltag und seinen normalen Abläufen“ der Nationalsozialismus wenn überhaupt, dann nur sehr beiläufig vorkommt. Von Nationalsozialismus und Nazis ist bei den „Zeitzeugen“ keine Rede. Die „Zeitzeugen“ oder ihre Angehörigen waren, so wie es viele Deutschen nach 1945 behaupteten, keine Nazis. Sie waren Luftwaffenhelfer, Flakhelfer, Soldaten der Wehrmacht auf Fronturlaub oder „irgendwo in Frankreich“, sie waren als Soldaten mit Aktensichtung beschäftigt, mit Helfen beim Aufräumen oder Bergen. Andere „machten Kriegseinsatz bei Henschel“, waren Sanitätssoldaten, Wirtsleute, es gab freundschaftliche Nachbarbeziehungen „zum Fleischer, zum Bäcker, zum Inhaber des Zigarrengeschäfts […] bei dem es immer mal was Süßes gab“, es gab Straßenbahner, Wachhabende der Luftschutzwache, einen Lehrling bei Henschel-Flugmotoren, eine Verkäuferin bei Kaufhof. Dass das Kaufhaus „Kaufhof“ 10 Jahre zuvor einer jüdischen Familie gehörte und Tietz hieß, ist den Chronisten keine Erwähnung wert.

Einmal wird erwähnt, dass „die Jungs der Hitlerjugend und die Mädchen des Bundes Deutscher Mädels“ für die an der Front kämpfenden Soldaten an verschiedener Stelle einspringen mussten. Aber Hitlerjunge oder BDM-Mädel war dann jedoch keiner der „Zeitzeugen“. Man „ehelicht 1939 unter der Fahne […] Und kurz danach, am 29. September, feiert man das 50-jährige Bestehen der Gaststätte.“ Es fällt der Begriff „Kinderlandverschickung“. Ein deutscher Jagdflieger hatte „seinen ersten Einsatz während des Spanischen Bürgerkrieges mit der Legion Condor.“ Fachleute wissen, was es mit der „Legion Condor“ auf sich hat. Dem Kasseler Publikum wird die Waffenhilfe der Nazis für die blutrünstigen Franco-Faschisten, die aus Freiwilligen bestand, vorenthalten. Selbstverständlich ist auch der Angriff der Legion Condor auf die damals tatsächlich völlig wehrlose Stadt Guernica keine Zeile oder auch nur eine Fußnote wert. Über eine „Horst-Wessel-Mittelschule“ gibt es nichts weiter zu sagen außer dem Umstand, dass sie nach dem Angriff zerstört war.

Dann an einer Stelle bekommt man eine Ahnung davon, dass es so etwas wie einen politischen Konflikt in Kassel gegeben haben muss. Es wird Reinhard Henschel, Sprössling der Industriellenfamilie Henschel, zitiert, der in Ankara als Diplomat an der deutschen Botschaft tätig war. Seine Ausführungen über den Generaldirektor der Firma, der mit „Braunhemden“ in Konflikt gerät, werden zitiert. Man erfährt jedoch nichts über den Konflikt im Henschelwerk, weder ob es ihn gegeben hat noch über die Geschichte des Werkes während des Nationalsozialismus. Seidenfaden und Soremski werfen dem ratlosen Leser ein paar Brocken nebulöser Gedanken Henschels hin: „Da kann man lange philosophisch über Gesetz und Recht meditieren, Entscheidung schafft doch letztendlich nur die innere Betroffenheit. […] es war richtig gewesen, den Brief an Churchill zu schreiben.“ Dass Henschel zum erweiterten Umfeld des Widerstandes des 20. Juli gehörte, wird nicht erwähnt. Die sich daraus ergebenden Fragen, „Was für eine Entscheidung?“, „Warum ein Brief an Churchill?“, „Was versteht Henschel unter Recht und Gesetz und in welchem Zusammenhang sinniert er über diese Frage?“ werden nicht aufgegriffen. Der Leser wird ratlos zurückgelassen. Es wird nichts dazu ausgeführt. Wichtig ist den beiden Chronisten nur, dass Henschel in seinem Erinnerungsbuch über Kassel ein paar Seiten geschrieben hat und über die toten Arbeiter, die zerstörten Fabrikgebäude und die darniederliegende Produktion sinniert.

Das Schützengrabenerlebnis als authentisches Dokument der „Opfer“ präsentiert. Wer genau hinschaut erkennt ein „HJ“.

Nazis, politische Verfolgung, Bücherverbrennung, Reichspogromnacht, Deportation der jüdischen Bürger Kassels, Judenmord, Raub- und Vernichtungskrieg, alles das scheint es in Kassel nicht gegeben zu haben oder ohne die Kasseler bewerkstelligt worden zu sein. Einen Nazi erwähnen Seidenfaden und Soremski dann aber doch. Sie erwähnen, dass Gauleiter Karl Weinrich die Volksgenossen in der „Todesstunde“ ihrer Stadt im Stich gelassen hätte und angesichts der britischen Bomber das Weite im sicheren Bad Hersfeld suchte. Darüber sind Seidenfaden und Soremski sichtlich empört und fahren schweres Geschütz auf. Kein geringerer als Goebbels selbst wird herangezogen, um Weinrich eine „traurige Rolle“ zuzuschreiben und ihn als „jammervollen“ und „feigen Deutschen“, der „keine Leuchte“ gewesen sei, zu überführen. Goebbels dagegen, so wissen Seidenfaden und Soremski zu berichten, sei im offenen Wagen durch die Stadt gefahren, um sich davon zu überzeugen, dass die den „vom Luftterror betroffenen Städte und Regionen“ geltenden Hilfs- und Fürsorgemaßnahmen angelaufen sind.

Andere zeigten mehr Mut als Kassels einziger Nazi und kämpften tapfer gegen die von „Bomber Harris“ geschickten Flieger und die Flammen. Auch für einen Flakschützen war der 22. Oktober ein „völlig normaler Tag“. Als aber dann gemeldet wurde, dass die britischen Bomber Kassel ansteuern, da wusste er, „jetzt wird es ernst […] und dass es um die ganze Stadt geht.“ Er und seine Kameraden haben „geschossen was die Rohre hergaben.“ Ein selbstgemaltes Bild des Kanoniers darf nicht fehlen, um den Lesern das Schützengrabenerlebnis der Flakgeneration zu vermitteln. Auch dem schon erwähnten deutschen Jagdflieger wird sich gewidmet. Am „Himmel über Kassel schoss Radusch […] drei britische Bomber ab“ schildern Seidenfaden und Soremski dessen „Heldentaten“. In jedem dieser Flieger saßen bis zu sieben Mann, die gegen Nazideutschland zu Felde ziehen mussten, weil die deutsche Volksgemeinschaft sich hinter den Führer scharte. Es handelte sich um bestätigte Abschüsse, wer in diesen Bombern saß und zu Opfern des Nazifliegers wurden, erfährt der Leser nicht.

Mit diesem mehr als dürftigen Bezug zum Nationalsozialismus fallen die Chronisten der Bombennacht selbst weit hinter die den historischen Gegenstand notorisch trivialisierenden Fernsehsendungen des Geschichtsonkels Guido Knopp zurück. Knopp widmete sich allen möglichen „Helfern Hitlers“ und vor allem sein Nachfolger Sönke Neitzel erwähnt, dass die deutsche Wehrmacht und die ihnen unterstellten Verbände völkermordend durch Europa zogen. Beide stellen Nationalsozialismus und Krieg in einen, wenn auch unzureichend analysierten, Zusammenhang. Sie stehen für das, was als state of the art in Sachen popularisierter Aufarbeitung deutscher Geschichte gelten kann: Wenn man von Opfern unter den Deutschen spricht, soll man auch von den Opfern der deutschen Täter nicht schweigen.

Die wichtige Frage des HNA-Journalisten Siemon: „Kann es zur Bombennacht […] eine Liebesgeschichte geben?“. Ein „Opfer“ mit Wehrpass und Erinnerung …

VII. Volkssturmprosa und „Lehren“ aus der Geschichte

Den Zusammenhang von schlechtem Geschmack und Unvermögen zur kritischen Reflektion beweisen Seidenfaden und Soremski, indem sie die pennälerhaften Strophen eines dichtenden Feuerwehrhelden nicht etwa in Ausschnitten und beispielhaft kritisch analysieren, sondern dessen Zeilen vollumfänglich auf den mit Brandspuren, Schmutz- und Stockflecken eingefärbten Hochglanzseiten ihres Bandes präsentieren. Dieser Look soll wohl Authentizität suggerieren. Ein Gedicht oder ein Poem, dem mit graphischen Effekten förmlich Authentizität angeheftet werden soll und das nicht durch sich selbst spricht, ist billiges Kunsthandwerk. Doch nicht nur das, aus dem über mehrere Seiten abgedruckten „Gedicht“ spricht aus jeder Strophe der Jargon der Volksgemeinschaft.

„Die Sirenen heulten, es war der 16. Fliegeralarm // nehme mein Kind noch schnell auf den Arm.“ […] „In die Kohlenstraße bog ich ein, // das Jaulen der Stabbrandbomben ging mir durch Mark und Bein. // Ein Splittern, Krachen und Knallen // die ersten Stabbrandbomben waren gefallen.“ […]„Entwarnung war gegeben. // In die Straßen und Gassen kam Leben // Es war förmlich zu spüren, // jeder der konnte, wollte sich rühren. // Schüler, Jugendliche, Frauen und Greise // jeder halt auf seine Weise. //“ „Aus zahlreichen Stahlrohren, Wasserkanonen und Feuerlöschturm // bekämpften die Menschen den Feuersturm.“ […] „Was gab’s da noch zu hoffen, die Stadt war nach oben vollkommen offen. // Durch eine menschliche Schweinerei, wurden gewaltige Energien frei.“ […] „In ein und ein halber Stunde wurden in dieser Nacht, // dreizehntausend Menschen umgebracht.“

Volkssturmprosa auf sechs Seiten. Das Papier mit Stockflecken ist Design.

Das ist Volkssturmprosa. Die Volksgemeinschaft, bewaffnet mit Rohren und Kanonen, erhebt sich im Feuersturm und scheitert an den „gewaltigen Energien“, die, so raunt der Verseschmied, von „menschlichen Schweinereien“ freigesetzt wurden und eine „offene Stadt“ trafen. Ob der Nationalsozialismus mit „menschliche Schweinerei“ gemeint ist, der „gewaltige Energien“ freigesetzt hat, oder die auch Destruktionskräfte freisetzende Erfindungsgabe der Menschen ganz allgemein, oder ob gar die Royal Air-Force gemeint ist, das bleibt unklar. 13.000 Menschen wurden von gewaltigen Energien „umgebracht“, sprich ermordet. 13.000 Kasseler, die bei dem Angriff ums Leben kamen, werden so zu wehr- und arglosen Menschen, zu Opfern einer vorsätzlichen Tat. Insbesondere der Terminus „offene Stadt“ verdreht die Betroffenheitsprosa zur offenen Lüge. Auch wenn unter den Opfern des Bombardements Kinder, Zwangsarbeiter und sicher auch einige Gegner des Regimes waren, Goebbels hätte es nicht besser hinbekommen. Der unkommentierte Abdruck dieses „Gedichts“, oder dieses als authentisches Zeugnis eines „schrecklichen Krieges“ (Knopp) zu präsentieren, bezeugt, dass weder Seidenfaden noch Soremski wissen was sie tun, wenn sie unbefangen „Zeitzeugen“ aus der Volksgemeinschaft präsentieren. Das Pendant auf anderer Ebene dazu bietet Siemon, der einen Herrn aufbietet, der davon zu erzählen weiß, dass es auch die Zeit für Liebesgeschichten unter den Volksgenossen gab. Dummdreist hält der heute alte Mann seinen Wehrpass ins Bild. Drückeberger? Nein, das war auch er nicht!

Die Stumpfheit einerseits und die Unfähigkeit der Volksgenossen andererseits, wenigstens Scham wenn schon nicht Empathie den unzähligen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges gegenüber zu empfinden, wird deutlich, wenn z.B. eine Kasselerin räsoniert, dass sie „in der Bombennacht […] ihren Glauben an einen gütigen und gerechten Gott“ verloren hat. Sie verliert nicht etwa darüber ihren Glauben, dass der Vater als Schichtführer „kriegswichtige Aufgaben“ in der Spinnfaser AG erfüllte, also Anteil daran hatte, was deutsche Soldaten in Europa vorsätzlich anrichteten und für das kein gütiger oder gerechter Gott sich eine angemessene Strafe hätte je ausdenken können. Wenn ein anderer feststellt, dass an „diesem Tag […] die Normalität meines Lebens beseitigt“ war sollte doch die Frage nahe liegen, was denn als Normalität alles gelten konnte, wenn deutsche Einsatzkräfte zur gleichen Zeit Millionen Menschen ermordeten. Die „Zeitzeugin“, die resümiert, dass der 22. Oktober das Ende ihrer Kindheit bedeutete und dann ausführte, dass es nun „mit Kriegseinsätzen“ weiterging, die ihre „Lehr- und Wanderjahre“ waren und dann sogar feststellt, dass diese Jahre „wichtige Jahre“ waren, denn sie führten zu „Menschenkenntnis [und] Berufserfahrung“, verblüfft angesichts ihrer Empathielosigkeit (selbst angesichts der zu Tode gekommenen Kasseler).

Es finden sich schließlich noch einige „Zeitzeugen“, die Lehren aus dem Ganzen ziehen. „Der Krieg sei ein scheußliches Kapitel in ihrem langen Leben gewesen,“ meint die eine und dem anderen fällt Europa ein, wenn er an den Krieg zurückdenkt. „Wenn ich an den Krieg zurückdenke, werden die Streitereien der letzten Jahre um Europa […] zu Kleinigkeiten.“ Wenn der Volksgenosse schon nicht gelernt hat, dass er einer der Millionen Co-Autoren scheußlicher Kapitel für Zigmillionen Europäer war, so weiß er wenigstens, dass die geläuterten Deutschen den Europäern heute erzählen müssen, was Kleinigkeiten sind und was nicht.

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass es kein zu bedauerndes individuelles Leid auch unter den Individuen der Volksgemeinschaft gab und gibt, auch nicht, dass den Angehörigen der vielen Toten und Überlebenden die individuelle Trauer verwehrt werden soll. In Sachen Nationalsozialismus sollte aber klar sein, dass jede öffentliche Zurschaustellung individuellen Leids der Angehörigen der Täternation zwangsläufig zur grundsätzlich verkehrten Darstellung der Rolle der Volksgemeinschaft als Opfer eines „schrecklichen Krieges“ führt. Das wird grundsätzlich auch nicht besser, wenn erwähnt würde, dass es den Nationalsozialismus als historische Rahmenbedingung gab, dass Kassel Rüstungsstandort war und dass die Verfolgten und die gefallenen und verletzten Alliierten auch Opfer des Krieges waren. Bedingt durch die gesellschaftliche und politische Verfasstheit des Nationalsozialismus führt der Terminus „Opfer des Krieges“ und ein, den Deutschen zugedachter Opferstatus, immer zur Täter-Opfer-Umkehr.

Die vielen Artikel der HNA zum Thema und die beiden Bände zur „Bombennacht“ führen diese Verkehrung exemplarisch vor. Und wenn man dann auch noch sein Buch theatralisch „Diese Tränen trocknen nie …“ nennt, lässt sich sogar Vorsatz unterstellen. Bei „Trümmer, Tod und Tränen“ ist dies auch nicht besser. Und wie zum Beweis führt ein anderer Journalist der HNA vor, wie der Zusammenhang sich herstellt. Wolfgang Blieffert zitierte am 14.02.2018 in der HNA den in Sachen Nationalsozialismus notorischen Gerhard Hauptmann wie folgt: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“ und beansprucht dann aber „vorurteilsfrei und sachlich über den Krieg“ zu diskutieren. Aber er plaudert aus, was neben der unübersehbaren Emotionalisierung das Ziel der Kampagne ist: Es ginge um den überfälligen „Prozess der deutschen Selbstversöhnung“. Auf dem Klappentext des Bandes von Seidenfaden und Soremski heißt es, er soll als „Mahnmal für Frieden, Verständigung und Versöhnung“ stehen. Versöhnung angesichts Auschwitz kann jedoch nur obszön sein, Selbstversöhnung auch.

VIII. Resumee

Der Klappentext Siemons Bändchens führt aus, er sei ein „Buch von Zeitzeugen für Zeitzeugen und gegen das Vergessen.“ Die „Zeitzeugen“ fungieren hier als der Sprecher der Unwahrheit über den Nationalsozialismus. Sie reden von Normalität, wenn es darum gehen sollte, vom Grauen zu zeugen, an dem sie direkt oder indirekt beteiligt waren und sie reden über das Grauen, als es darum ging, mit notwendiger Gewalt das Grauen zu überwinden. Sie verschweigen also durchweg die Wahrheit des Nationalsozialismus und werden zu Zeugen der Unwahrheit. Es ist nicht so, dass nicht auch ein vom Bombardement Betroffener als Zeuge historischer Wahrheit dienen könnte. Es wird nur kein einziger von den Chronisten präsentiert. Dass diesen beiden Bänden trotzdem so viel Aufmerksamkeit gezollt wird, im Buchhandel sogar die Rede davon ist, es würden Analysen präsentiert, ist so bestürzend wie aussagekräftig.

Die politische Schlussfolgerung, die aus der sogenannten Bombennacht, bzw. aus dem Bombenkrieg gegen Deutschland zu ziehen ist, ist nicht etwa „Bomber Harris do it again“. Diese Parole hatte als politische Provokation in Zeiten allgemeiner nationaler Besoffenheit im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ihre Berechtigung. Sie ist heute, gegen Sachsen gerichtet, angesichts vor allem (aber nicht nur) dort auftretender Nazi-Gruppen, die auf einhellige Ablehnung der bundesrepublikanischen Gesellschaft stoßen, aber nur noch abgeschmackt. Die Schlussfolgerung aus dem Krieg gegen NS-Deutschland, den die Alliierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln vortrugen, ist, dass Ideologien und Herrschaftsverhältnissen, wie dem Nationalsozialismus und den Versuchen, seine ihm wesentlichen Ziele zu verfolgen, kompromisslos entgegen getreten werden muss. In der Bundesrepublik tut das mal mehr mal weniger ausreichend die Polizei. Auf internationaler Ebene gegen Regime vorzugehen, die danach trachten, in die Fußstapfen Nazideutschlands zu treten, tut sich allein die Regierung der Vereinigten Staaten hervor. Deutschland dagegen spielt in diesem Zusammenhang oft eine undurchsichtige Rolle.

Tätern, Politikern und Staatsführern dieser Kategorie kann nur unverblümt beigebracht werden, dass der Preis ihrer Untaten so hoch ist oder sein wird, dass sie von ihren Vernichtungsvorsätzen und Taten ablassen. Dazu fehlten den Alliierten bis zum Mai 1945 jedoch die Mittel. Die Bombardierungen waren wie schon erwähnt auch ein Versuch der Abschreckung. Dass die Annahme, die Moral der Volksgenossen mittels einer verschärften Bombenkampagne brechen zu können eine Fehlannahme war, oder dass Deutschland nicht heftig genug bombardiert wurde, ist den Verantwortlichen in den Stäben der Alliierten von damals aber nicht anzulasten.

„So etwas darf sich nie wiederholen“ stellt der Chronist Siemon im Interview seiner Zeitung fest. (HNA, 05.09.2018) Damit treffen sich die Chronisten und „Zeitzeugen“ mit jenen, die zwar auch die Nase über diese beiden Bände und die HNA rümpfen, die aber der Auffassung sind, der Welt den Frieden erklären zu müssen und die, wenn sie über den Nationalsozialismus reden, das Wort Faschismus in den Mund nehmen. Sie stehen sich näher als sie sich darüber bewusst sind und betreiben das gleiche Geschäft. Sie meinen mit „Nie wieder“ nicht das Fehlen, einer zur schnelleren Niederwerfung Nazideutschlands anwendbaren effektiveren Waffentechnologie, oder das Ende der dreißiger Jahre zulange zögerliche Handeln der Alliierten, Nazideutschland entgegen zu treten. Nein, diese Floskel drückt den klammheimlichen Wunsch nach „Nie wieder Krieg gegen Faschismus“ aus.

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944: Alles in allem ist der Deutsche nämlich brutal, solange er siegreich bleibt, wird aber selbstmitleidig und bettelt um Mitleid, wenn er geschlagen ist.

Horst Seidenfaden, Harry Soremski, Diese Tränen trocknen nie … Die Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943, B & S Siebenhaar Verlag, Berlin Kassel 2018, 156 Seiten, 29,80 €

Thomas Siemon, Trümmer, Tod und Tränen. Überlebensberichte aus der Kasseler Bombennacht 1943, Wartberg Verlag, Gudensberg 2018, 63 Seiten, 12,90 €

IX. Literatur

Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bonn 2005

Götz Aly und Karl-Heinz Reuband, Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 2006

Autor_Innenkollektiv „Dissonanz“ (Hg.), Gedenken Abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945, Berlin 2013

Bernward Dörner, Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte, Berlin 2007

Beutelsbacher Konsens, Bundeszentrale für Politische Bildung 2011

Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupation des deutschen Faschismus, 1938 – 1945, 8 Bde., Hg. Bundesarchiv und einem Kollegium unter Leitung von Wolfgang Schumann und Ludwig Nestler, Köln, Berlin, Heidelberg 1988 ff

Tilman Krause, Für Gerhart Hauptmann hatte sich Hitler „bewährt“, 2009, in: Welt

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944, Köln 2014

Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002

Richard Overy, Der Bombenkrieg. Europa 1939 – 1945, Berlin 2014

Cord Pagenstecher, Oral History als Methode, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016

Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, 2 Bde, Hg., W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Fuldabrück 1987

 

Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist aus Nordhessen

Langfassung als PDF: Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist

Sally Kaufmann lebte von 1918 bis 1932 in Kassel. Er wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar als Sohn des Lehrers Markus Kaufmann und dessen zweiter Ehefrau Betty geboren. Kaufmann wollte, wie sein Vater, Lehrer werden. Weil dieser jedoch schon 1893 starb, erlernte er nach dem Schulbesuch den Beruf des Kaufmanns um seine Familie finanziell unterstützen zu können. 1915 wurde Kaufmann in die kaiserliche Armee eingezogen und an die Front geschickt. An der Somme wurde er 1916 schwer verwundet und lag bis 1918 in verschiedenen Lazaretten. Nach den Lazarettaufenthalten besuchte Kaufmann die Abendschule, engagierte sich zunächst in der Kriegsblindenfürsorge und war als Geschäftsführer eines Glas- und Porzellangeschäfts in der Kasseler Innenstadt tätig. 1921 machte er sich mit der Gründung eines Lebensmittelladens in der Hohentorstraße selbständig. Kaufmann war seit 1924 Vorstandsmitglied der Kasseler Gruppe des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF)1 und in der Kasseler Zionistischen Gruppe2, später auch im Elternbeirat der Jüdischen Volksschule, aktiv. 1924 gründete er, zunächst im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Kassels, die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck. Ende der zwanziger Jahre war er dann Verleger diverser Zeitungen in verschiedenen Städten Deutschlands und organisierte Lesungen und Kulturabende in Kassel.

Sally Kaufmanns Verlag Jüdischer Gemeindeblätter. Anzeige aus dem Jahr 1931

In der ersten Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung formulierte Dr. Josef Prager3 die Ausrichtung der Zeitung wie folgt: „[…] in der Zeit des Aufbaus wollen auch wir daran gehen, den Ausbau des Alten und den Aufbau des Neuen mit aller Kraft vorzunehmen. […] jetzt […] finden sich alle diejenigen zusammen, die, unbeschadet ihrer verschiedenen Grundeinstellung, in dem Ziel einig sind, dem Judentum zu dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit einzutreten, und an der Verbreitung jüdischen Wissens, der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitzuarbeiten.“ Was jedoch dem Judentum am besten dient und in seinem Interesse sei, genau hierüber entbrannte sehr bald ein heftiger Streit auch in Kassel. Die Zeitung sollte laut Prager zwar „keiner Partei dienstbar sein“, sondern „alle Fragen behandeln, und alle Nachrichten vermitteln, die zu kennen für die Juden jeglicher Partei wichtig sind“ und wenn auch die gegensätzlichen Standpunkte der jüdischen Fraktionen und die Nachrichten aus der Gemeinde und etliche historische Abhandlungen über das nordhessische und Kasseler Judentum publiziert wurden, so lässt sich feststellen, dass die Jüdische Wochenzeitung die Zeitung der Kasseler Zionisten war.

Auch kulturelle Abende, hier ein Jüdischer Vortragsabend, wurden vom Verlag Sally Kaufmanns organisiert. Anzeige aus dem Jahr 1929.

Als Verfechter des Zionismus unter den Kasseler Autoren der Jüdischen Wochenzeitung sind vor allem Julius Dalberg4, Dr. Hermann Kugelmann5 und Walter Bacher6 zu nennen, die wie Kaufmann in der Kasseler Zionistischen Gruppe sowie auch in der zionistisch ausgerichteten Volkspartei aktiv waren. Zahllose Artikel der Jüdischen Wochenzeitung sind ohne Nennung eines Autors. Sally Kaufmann bezeichnete sich in einem Artikel als Schriftführer und war als Herausgeber und Redakteur verantwortlich für die nicht namentlich gekennzeichneten Artikel. Ob ein Teil der Artikel von ihm selbst stammt, ist ungewiss. Sie könnten auch von Dalberg, Bacher, Kugelmann oder anderen stammen. Von Sally Kaufmann gezeichnete Artikel sind nur wenige zu finden. Sie haben das Kürzel „Kfm.“ Möglicherweise sind auch die mit einem „K.“ gekennzeichneten Artikel ihm zuzuordnen.

Hier sollen die Artikel vorgestellt werden, die mit „Kfm.“ gekennzeichnet sind. Sie sind in den Jahren 1924 – 1926 veröffentlicht worden. Auch wenn Sally Kaufmann in einer Auseinandersetzung mit der Jüdischen Gemeinde seine Neutralität als Berichterstatter betonte und er im Jahr 1925 seine Position als zweiter Vorstand in der Zionistischen Ortsgruppe abgab, sind seine Sympathien eindeutig zu identifizieren.

Der erste von Kaufmann unterzeichnete Bericht ist ein Artikel über einen Vortragsabend des führenden Mitglieds des RjF, Segelfliegers und ehemaligen Kampffliegers des Ersten Weltkrieges, Jakob Ledermann7. Der Abend wurde vom Landesverband des RjF ausgerichtet. Kaufmann fasste in seinem Artikel, der am 31.10.1924 in der Jüdischen Wochenzeitung erschien, die von Ledermann propagierten Aufgaben des RjF so zusammen:

Der RjF sei „kein Kriegerverein [..], sondern [habe] in erster Linie die Aufgabe, die Wacht am Grabe der gefallenen 12.000 jüdischen Soldaten gegenüber Schmähungen und Verdächtigungen zu halten. Der RjF werde es nicht dulden, daß die Toten sowie die Lebenden an ihrer Ehre gekränkt und mit Haß und Mißgunst überhäuft würden. Ein vorzügliches Mittel in der Abwehrbewegung sieht Ledermann in der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend. Schon von frühester Jugend an gehöre die Jugend in die jüdischen Sportvereine. Es ist dieses das große Verdienst des RjF, daß er die Turn- und Sportbewegung unter der jüdischen Jugend fördert, da dadurch immer weitere Kreise erfaßt werden, die sich teilweise früher ablehnend verhalten haben. Ledermann appelliert an die Anwesenden, besonders aber an die jüdische Jugend, eifrig Turnen und Sport zu treiben, und auf dem Wege der körperlichen Ertüchtigung weiter fortzuschreiten. Wer Turnen und Sport treibt, vermeide auch die Likörstuben und trete auch nach außen einfach und schlicht auf. Nur in einem gesunden Körper wohnt eine gesunde Seele.“

Kaufmann bezeichnete Ledermann als sympathischen Redner, der seinen einstündigen Vortrag so gestalten konnte, dass er das Publikum und offensichtlich auch Kaufmann bis zum Schluss fesselte.

Der nächste, ein am 28.11.1924 veröffentlichter Artikel, befasste sich mit einer Versammlung des Centralvereins (CV).8 Der Bericht über die Versammlung des CV, der sich schon 1925 erbitterte Auseinandersetzungen mit den Zionisten lieferte, ist nicht anders als wohlwollend zu bezeichnen. Der Artikel verweist darauf, dass Kaufmann dem Gebot der journalistischen Objektivität folgen konnte, wenn er wollte.

Kaufmann erwähnte zunächst die fruchtbare Zusammenarbeit des CV mit dem RjF im Abwehrkampf9: „Für den letzten Reichstagswahlkampf wurden von hier überall Redner gesandt, um auf den Landgemeinden den völkischen Agitatoren entgegenzutreten. Besonders bewährte sich die Arbeitsgemeinschaft mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der stets dabei war, wenn es galt, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch bei dem diesmaligen Wahlkampf steht der R.J.F. mit dem Centralverein zusammen und hat sein Bureau Friedrich-Wilhelmsplatz 2 zum Abwehrkampf eingerichtet.“

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Völkischen nahm dabei das juristische Vorgehen gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein.  Kaufmann berichtete weiter: „Herr Dr. Holländer10, der nun das Wort ergriff, sprach über ‚Neue Wege der praktischen Arbeit‘. Seine Ausführungen, die mit starkem Beifall aufgenommen wurden, […] waren bemerkenswert. Besonders interessant war, wie er den Werdegang dieser Fälschung beschrieb. Er bezeichnete es als Barbarei, daß es heute noch möglich sei, eine solche Fälschung in die Welt zu setzen, die auch geglaubt würde, ohne daß der Beweis dafür von dem Fälscher gefordert würde.“

Kaufmann schloss den Artikel mit einem Problem ab, das schon vor der Machtübernahme der Nazis existierte und bis heute aktuell ist:  „Als besonders gefährlich schildert mit Recht Holländer die Boykottdrohungen, die besonders aus Pommern kommen, wo jüdischen Geschäften der Boykott angedroht sei. Einen sog. ‚trockenen Pogrom‘, wie Wulle ihn nennt. Auch dagegen sei der Centralverein gerüstet. Er schloß damit, daß er versicherte, daß der Centralverein jederzeit auf dem Platze sei, wenn es gelte, für Deutschland und Judentum zu kämpfen.“

Im Januar des Folgejahres lässt sich im Artikel über den Delegiertentag der deutschen Zionisten Kaufmanns politische Positionierung deutlicher herauslesen. An diesem Delegiertentag in Wiesbaden war der, wie es Kaufmann anmerkte, vom zahlreichen Publikum stürmisch begrüßte, Prof. Dr. Weizmann11 zugegen, der auch bei Kaufmann einen bleibenden Eindruck hinterließ. Kaufmann zitierte in seinem am 2. Januar 1925 erschienen Artikel die von Weizmann aufgegriffene und auf die aktuelle Entwicklung in Palästina umformulierte Botschaft Theodor Herzls12: „Er [der Zionismus; d.V.] ist aus der Zeit der Hoffnung auf ein Wunder auf das Gebiet der Wirklichkeit gelangt“ und schloss die Ausführungen über Weizmanns Ausführungen mit der Benennung des Zwecks des zionistischen Projekts ab, dass „Palästina das einzige Land der Welt ist, das ungehindert Juden einlasse, nachdem die Tore Amerikas für die Juden fast verschlossen sind. Welcher Jude würde es wagen, so schließt Prof. Weizmann, heute, wo besonders im Osten eine furchtbare Judennot bestände, seinen Arm gegen den Aufbau Palästinas zu erheben?“

Der Konflikt mit dem Centralverein, der auf dem Delegiertentag einen Widerhall fand, wurde von Kaufmann wie folgt geschildert: „Zur innerjüdischen Politik stellte der Redner [Kurt Blumenfeld13; d.V.] fest, daß der deutsche Zionismus niemals – wie der Centralverein – nationale Autonomie für die deutsche Juden gefordert hat. Gegen die antizionistische Wahlparole des Centralvereins wandte sich Blumenfeld mit großer Schärfe und unter dem lebhaftesten Beifall des ganzen Delegiertentages; insbesondere mit dem Argument, daß der Centralverein das ganze deutsche Judentum uniformieren möchte und jeden ächte, der nicht hinein paßte.“

Darauf folgte von Kaufmann ein Artikel über die Hauptversammlung des Centralvereins in Berlin, der sich u.a. mit der Frage der Unterstützung des russischen Projektes „ORT“14 befasste. Kaufmann meinte, dass die Unterstützung der Tätigkeit des „ORT“ durch den Centralverein auch von den Zionisten, von denen er in diesem Zusammenhang von „wir Zionisten“ spricht, positiv vermerkt werden müsse, denn für „[…] diese Aktion [setzen sich] auch diejenigen Kreise ein, die vor nicht langer Zeit erklärt haben, es sei ein Verbrechen, wenn das in Deutschland gesammelte Geld einem ausländischen Land zugeführt würde.“ Und Kaufmann begann dann gegen seinen politischen Gegner regelgerecht zu keilen, indem er im Folgenden bissig bemerkte, „ […] ein bekannter deutscher Rabbiner verstieg sich zu dem ungeheuerlichen Ausspruch, daß es Landesverrat sei, Geld nach Palästina für den Keren Hajessod15 zu geben“ und merkte dann schon fast süffisant an, „und jetzt stehen gerade diese Kreise auf und fordern die deutschen Juden auf, ihr Geld nach Rußland für die Umschichtung der russischen Juden zu geben.“ Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung griff diese Haltung des CV in seinem Artikel nochmals auf, um dann gegen den CV zu polemisieren:

„Wie ist es nun möglich, daß auf einmal ein großer Umschwung in der Ansicht der früheren Leute im C.V. stattgefunden hat? Ja, zur selben Zeit, in der die eingangs erwähnte Versammlung stattfand, in der sich der Vorsitzende des C.V. erfreulicherweise für eine Sammlung für ein außerhalb Deutschlands liegendes Werk einsetzt, finden wir in der C.V-Zeitung einen Angriff auf den Keren Hajessod, der aus einer amerikanischen Zeitung entnommen ist und in der es heißt, ‚daß es eine Sünde ist, von den Juden dieser Länder (Deutschland, Polen, Rumänien usw.) soviel Geld ins Ausland zu senden, wenn es doch so dringend nötig in der Heimat gebraucht wird, um die Not in der Heimat zu heben‘. Das Organ des C.V. bemerkt dazu: ‚Wir haben nichts weiter hinzuzufügen.‘ Besteht nicht darin eine große Unlogik, daß man für die Sammlung in Rußland eintritt, und mit demselben Argument gegen eine Sammlung in Palästina ist? Oder liegt Rußland nicht mehr im Ausland?“

Auch in Kassel wurde der Konflikt mit Schärfe geführte. Den Zionisten wurde völkisches Denken und Nationalismus vorgehalten, die Zionisten warfen dem Centralverein einen nicht zu rechtfertigenden Alleinvertretungsanspruch, mangelnde Unterstützung bedürftiger Juden und mangelnde Unterstützung der jüdischen Auswanderung nach Palästina vor. Kaufmann steuerte mit seinem letzten persönlich gezeichneten Artikel eine scharfe Polemik bei. In einer am 14.05.1926 veröffentlichten Replik stellte er die, seiner Auffassung nach, unlauteren Methoden der Gegner des Zionismus bloß. In seinem mit „Darf man die Wahrheit über Palästina sagen?“ überschriebenen Artikel griff er in aller Schärfe einen als Kronzeugen präsentierten Autor an, auch indem er seine persönliche Integrität in Frage stellte. In der Jüdisch-liberalen Zeitung konnte ein Joachim Fischer, der sich länger in Palästina aufhielt, gegen den Zionismus Stellung beziehen.15 Kaufmann machte sich zunächst darüber lustig, dass der Autor Fischer seinen „ehrlichen“ Namen Chaim gegen Joachim ausgetauscht habe und durchschaute die bis heute gern verwendete Methode, mangels eigener überzeugender Argumente, jemanden in Stellung zu bringen, der allein aufgrund seiner Herkunft und / oder der vermeintlich oder tatsächlichen Lebenserfahrung nur Recht haben könne. Er schrieb, man solle sich vergegenwärtigen, mit welchen Mitteln „gegen das Aufbauwerk in Palästina gehetzt wird, wer die Kronzeugen der Gegner sind.“

Dann wird Fischer als Bankrotteur und Opportunist dargestellt, der Frau und Kinder mittellos zurückgelassen habe und Kaufmann schloss seine Polemik mit folgender Bemerkung launisch ab: „Wer dächte [im Falle Joachim Fischer; d.V.] nicht an den Schmock aus Freytags ‚Journalisten‘, der ‚da kann schreiben rechts und kann schreiben links?‘ Nur daß Schmock ein ehrlicher armer Teufel war und nicht Frau und Kinder im Stich gelassen hat. Mancher, der sich für den Aufbau Palästinas interessiert – auch der Nichtzionist – wird dabei an Friedrich des Großen Ausspruch beim Anblick gefangener Banduren denken: ‚Und mit solch einem Pack muß ich mich herumschlagen!’“

Kaufmanns Bericht über den 14. Zionistenkongress in Wien

Der 1925 von Kaufmann verfasste Bericht über den 14. Kongress der Zionisten sei zum Schluss nochmal ausführlich zitiert. Er drückt am deutlichsten Kaufmanns Haltung zum Zionismus aus.

„[…] der Kongreß [ist] das geblieben, was er von Anfang an war und als was sein Schöpfer sich ihn gedacht hat: die sichtbarste und repräsentativste Manifestation des Zionismus‘ und die stärkste Betonung des jüdischen nationalen Lebenswillens. Der Kongreß ist eine Erscheinung von stärkstem Interesse und seltenem Reiz für jeden, der Gelegenheit hat, daran teilzunehmen. Schon seine Zusammensetzung und die Art seiner Teilnehmer machen ihn zu einem Ereignis von ungewöhnlicher Art. Kaum ein zweiter nationaler Kongreß dürfte eine solche Mannigfaltigkeit und Differenziertheit unter seinen Delegierten, Journalisten und Gästen aufzuweisen haben, wie der Kongreß der Zionisten. Alle Länder der Welt, wo Juden wohnen, sind bei diesem Kongreß vertreten. […] Auch der entschiedenste Gegner der zionistischen Bewegung kann nicht bestreiten, dass in den 28 Jahren, seitdem durch Theodor Herzl diese jüdische Tribüne errichtet wurde, diese Bewegung ein großes Stück weitergekommen ist. Wohl demonstrieren wir auch heute durch unseren Weltkongreß, um der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß der Zionismus lebt und daß er zu stärksten Potenz im jüdischen Leben geworden ist. Aber der Zionistenkongreß ist längst nicht bloß eine Demonstration, denn wenn er auch nur alle zwei Jahre für eine kurze Zeitspanne zusammentritt, so zeigt er der Welt mehr als eine Heerschau über die Stärke der zionistischen Bewegung. Aus den Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen dieser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft.“

Die Begeisterung, die dieser Kongress bei dem Berichterstatter auslöste, kann dieser kaum verhehlen, im Gegenteil: In der Beschreibung einzelner Szenen des Kongresses wird diese unmissverständlich deutlich. Den Auftritt Weizmann schilderte Kaufmann wie folgt: „Schon viele Stunden vor Beginn der Eröffnungssitzung war die Straße, in der der Kongreß tagte, schwarz von Menschen. Das Konzerthaus, ein Bau größer als die Stadthalle, konnte kaum die Hälfte der Menschen fassen, die Einlaß begehrten. Der Saal bietet mit seiner kunstvollen, vornehmen Ausstattung eine herrliche Umgebung für die Beratungen dieses Parlaments. Um 7.15 Uhr wird es plötzlich totenstill im Saal. Die Exekutive tritt ein. Dr. Weizmann schreitet zum Präsidentenpult. Und plötzlich bricht eine ungeheure stürmische Ovation los, die nicht enden will.“

Das Ende der Eröffnungsszene fasste Kaufmann, merklich in pathetischer Stimmung, wie folgt zusammen: „Und nun ist der Kongreß eröffnet. Zwei Jahre mühevoller Arbeit der zionistischen Organisation sind abgeschlossen, eine neue Arbeitsperiode, nicht minder mühevoll und schwer, hat begonnen. Der brausende Gesang der nationalen Hymne, in die die gewaltige Versammlung einstimmt, schließt wirkungsvoll die Eröffnungssitzung.“

Ein Ereignis trübte dann doch auch Kaufmanns begeisterte Berichterstattung über den Kongress. Eine nicht „unerhebliche“ Zahl an Hakenkreuzlern marschierten in Wien auf, um die Veranstaltung zu stören. Doch wurden sie von der „Polizei in andere Teile der Stadt abgedrängt, so daß die Begrüßung der Delegierten durch die Wiener zionistische Organisation völlig ohne Störung verlief.“ Kaufmann schrieb damals optimistisch, „man hat überhaupt den Eindruck, als ob die Wiener Bevölkerung mit Bedauern die Demonstrationen der Hakenkreuzler betrachtet“ und stellte fest, dass sie „zum großen Teil […] aus Deutschland gekommen sind, um anläßlich des Kongresses im Trüben zu fischen.“

Nach 1926 sind dann keine persönlich gezeichneten Artikel Kaufmanns mehr zu finden. Lediglich einige redaktionelle Bemerkungen und Hinweise finden sich hier und da, in denen er vor allem seine journalistische Integrität verteidigt. Die hier dargelegte Positionierung und Schärfe seiner Polemik findet sich nicht mehr. Angesichts des eingangs dargelegten, von Prager formulierten Anspruchs der Zeitung, drängt sich die Interpretation auf, dass sich Kaufmann als Herausgeber nicht zu sehr mit seinen eigenen Positionen exponieren wollte.

Die Erklärung „In eigener Sache“ vom 19.12.1930 schildert eine Auseinandersetzung mit einem Vertreter der Gemeindeältesten und dem Kreisvorsteher Lazarus, die der Jüdischen Wochenzeitung tendenziöse Berichterstattung vorwarfen. Dieser Vorwurf wurde in einer Erklärung der Gemeindeältesten entkräftet, eine Erklärung die in Abwesenheit Julius Goldbergs zustande kam, wie Sally Kaufmann betonte.

Die Tätigkeit als Verleger und Herausgeber trugen zu Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation der Kaufmanns bei. Ende 1927 konnten sie sich in der Kölnischen Straße 77 ein Haus kaufen, in welchem sie ab 1931 eine großzügige und modern eingerichtete, von Kaufmann als „alles in gut-bürgerlicher Ausstattung“ beschriebene, Wohnung bewohnten. Kaufmann erwähnte 1955 in einem Schreiben an das Regierungspräsidium Kassel (die Entschädigungsbehörde), dass sich in der Wohnung u.a. eine Original-Radierung von Hermann Struck17 als auch eine wertvolle Bibliothek befanden. Das ehemalige Hausmädchen Katharina Kamman berichtete, dass die Kaufmanns häufig und viel Besuch empfingen. Von als eher in ärmlich und bescheiden zu bezeichnende Verhältnissen lebend, hatten es die Kaufmanns zu etwas gebracht.

Aufgrund wiederholter Konflikte mit dem damals in Kassel als Rechtsanwalt und Stadtverordneter der NSDAP tätigen Roland Freisler beschloss Kaufmann mit seiner Familie Kassel 1932 zu verlassen. Kaufmann ging nach Belgien. Der Rest der Familie verließ Kassel, um vorübergehend in Darmstadt bei den Eltern von Helene Kaufmann unter zu kommen. Sally Kaufmann arbeitete zunächst in Belgien als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung um dann mit seiner Familie im April 1933 nach Palästina auszureisen.

Kaufmanns Schwager und Prokurist seines Verlages, Ludwig Goldberg (Eleasar Gilad)18, führte die Jüdische Wochenzeitung noch bis in den April 1933 weiter, bis sie dann in ihrem 10. Erscheinungsjahr eingestellt wurde und Goldberg, wie er notiert, alles zurücklassend „Hals über Kopf flüchten“ musste. Die Kaufmanns reisten, wie der Sohn Mordechai Tadmor (Martin Kaufmann) berichtete, aufgrund eines „Kapitalistenzertifikates19 nach Palästina ein. Der größte Teil ihres Vermögens, der Hausbesitz, wie die Einrichtung der Wohnung und vermutlich große Teile der wertvollen Bibliothek, gingen jedoch verloren. Und so wie Arnold Zweig20, der einer der wichtigsten Autoren der Jüdischen Wochenzeitung war, und viele andere Jeckes, geriet Sally Kaufmann in Palästina nach seiner Ankunft schnell mit der Realität im Jishuw in Konflikt. Kaufmann weigerte sich, Hebräisch zu sprechen und konnte in keiner Hinsicht an seine gesellschaftliche Reputation und seinen wirtschaftlichen Erfolg, den er in Kassel erreichen konnte, anknüpfen. Versuche sich selbständig zu machen scheiterten. Schwer krank, in Kassel bis heute weitgehend vergessen, starb Sally Kaufmann verarmt21 1956 in Givayatim.

1 Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) war die Organisation der jüdischen Soldaten in Deutschland. 1919 gegründet, hatte er zeitweilig bis zu 55.000 Mitglieder. Der RjF war vor allem im Kampf gegen den Antisemitismus aktiv und vertrat mehrheitlich eine Politik der jüdischen Assimilation. 1938 wurde er zwangsweise aufgelöst.

2 In Kassel organisierte sich als lokale Organisation die Zionistische Gruppe, deren Vorsitz bis 1925 Dr. Hermann Kugelmann und Sally Kaufmann und dann Julius Dalberg und Dr. Willy Weisbecker innehatten. Deutschlandweit organisierte sich 1894 die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZvfD). Ihre Mitgliederzahl erreichte 1923 33.000, ging dann aber wieder zurück. Bis 1933 hatte das Hauptaugenmerk dieser Bewegung, die Einwanderung nach Palästina zu fördern, nur einen geringen Erfolg. Als Vertretung des Zionismus innerhalb der deutschen jüdischen Organisation trat die „Jüdische Volkspartei“ in Erscheinung, die in Kassel von Dr. Kugelmann und Dr. Weisbecker in Hessen Nassau u.a. von Josef Prager repräsentiert wurden. Auch in Kassel gab es eine heftige Auseinandersetzung mit den Vertretern des Centralvereins (CV; vgl. FN 8). In den Beilagen der Jüdischen Wochenzeitung (Mitteilungen der Zionistischen Ortsgruppe und Mitteilungen des Centralvereins, Ortsgruppe Kassel) im Jahr 1925 sind die gegensätzlichen Positionen beider Seiten dokumentiert.

3 Josef Prager, geb. 1885 (Hannover) – gest. 1983 (Haifa), Arzt, Vertreter der Jüdischen Volkspartei für Hessen Nassau, wanderte 1932 nach Palästina aus.

4 Julius Dalberg, geb. 1882 in Essento (Marsberg) – ermordet 1943 (Sobibor), Rechtsanwalt, im RjF und in der Zionistischen Gruppe Kassel aktiv, Vertreter der Gemeindeältesten der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Von den Nazis 1933 schwer misshandelt, floh er nach Ende 1933 nach Holland.

5 Dr. Hermann Kugelmann, geb. 1891 (Witzenhausen) – gest. 1975 (Witzenhausen), Rechtsanwalt. Führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei in Hessen Nassau und Kassel. 1936 nach Palästina ausgewandert, nach dem Krieg nach Kassel zurückgekehrt. Kugelmann vertrat zeitweilig die Familie Kaufmann in den Verfahren der Entschädigung als Verfolgte des Nationalsozialismus.

6 Walter Bacher, geb. 1892 (Breslau) – ermordet 1944 (Buchenwald), Lehrer, Aktivist des RjF und der Zionistischen Ortsgruppe Kassel, kehrte nach einer Reise nach Palästina im Jahr 1936 nach Deutschland zurück. 1938 versuchte er mit seiner Frau vergeblich Deutschland zu verlassen. 1941 nach Riga deportiert.

7 Jakob Ledermann, geb. 1894 – gest. 1947 (Tel Aviv), Lehrer. Im Ersten Weltkrieg Kampfflieger, bis 1933 Generalsekretär des RjF.

8 Der bereits 1883 gegründete Centralverein (CV) war der größte jüdische Verband in der Weimarer Republik. Er positionierte sich gegen den Zionismus und sah sein Hauptbetätigungsfeld im Kampf gegen den Antisemitismus und gegen die Boykottbewegung.

9 Der Abwehrkampf war eines der Hauptbetätigungsfelder des CV. Abwehrkampf bezeichnete die juristische, agitatorische und vom RjF auch handgreiflich geführte Auseinandersetzung gegen die völkischen und antisemitischen Gruppierungen, deren Tätigkeiten 1922 mit der Ermordung Walter Rathenaus und 1923 mit einem Pogrom im Berliner Scheunentorviertel unrühmliche Höhepunkte fanden. Insbesondere richtete sich der Abwehrkampf gegen die antisemitische Boykottbewegung und gegen das weite Verbreitung findende antisemitische Pamphlet der „Protokolle der Weisen von Zion“.

10 Ludwig Holländer, geb. 1877 (Berlin) – gest. 1936 (Berlin), führender Aktivist und Jurist (Syndicus) für den Centralverband. Publizist und seit 1922 Chefredakteur der Centralverband-Zeitung.

11 Chaim Weizmann, geb. 1874 (Pinsk, Weißrussland) – gest. 1952 (Rechovot, Israel), Chemiker. Präsident der Zionistischen Weltorganisation, 1949 – 1952 Staatspräsident Israels

12 Der 1902 erschienene utopische Roman „Altneuland“ Theodor Herzls trug den Untertitel: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.

13 Kurt Blumenfeld, geb. 1884 (Marggrabowa, Ostpreußen) – gest. 1963 (Jerusalem), Jurist und Parteisekretär der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes, seit 1936 Direktor des Keren Hayesod (vgl. FN 15), zog 1945 nach Palästina.

14 ORT = Organisation – Reconstruction – Training. 1880 in Russland zur Berufsausbildung von Juden in Russland gegründet. Vorübergehend auch in der Ansiedlung von Juden in einem Ansiedlungsrayon tätig. Seit 1921 als internationale Organisation in Berlin zur Ansiedlung und Berufsausbildung von Einwanderern nach Palästina / Israel tätig.

15 Der Keren Hayesod wurde 1920 auf dem Zionistischen Weltkongress zur Förderung der Einwanderung und Integration von Juden in Palästina / Israel gegründet. Hauptsächlich aktiv in der Spendensammlung.

16 Der Artikel erschien am 7. Mai 1926 in der Jüdisch-liberalen Zeitung in einem bis heute bei Antizionisten beliebten Duktus unter der Überschrift: „Warum soll man nicht die Wahrheit über Palästina veröffentlichen dürfen?“ Aber im Gegensatz zu Antizionisten von heute, stellt Fischer in erster Linie die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Wirtschaft der Einwanderungsgesellschaft in Frage. Die Jüdisch-liberale Zeitung erschien von 1920 bis 1936 und wurde von Julius Loeb in Breslau herausgegeben. (Vgl. Jüdisch-liberale Zeitung)

17 Hermann Struck, geb. 1876 (Berlin) – gest. 1944 (Haifa), Struck war um die Jahrhundertwende ein einflussreicher Zeichner, Maler, Radierer und Lithograf, der einige bekannte Porträts schuf. In Palästina half er bei der Gründung des Tel Aviv Museum of Art.

18 Goldberg war mit Mathilde Enoch, der jüngeren Schwester Helene Kaufmanns, verheiratet.

19 vgl.: Palästina als Zufluchtsort der Europäischen Juden. BpB, 16.09.2014

20 Arnold Zweig, geb. 1887 (Glogau) – gest. 1968 (Ost-Berlin), Schriftsteller (Der Streit um den Sergeanten Grisha; Das Beil von Wandsbek); in den zwanziger Jahren Anhänger des Zionismus, floh 1934 nach Haifa. Schon 1932 änderte sich seine Haltung zum Zionismus. In Palästina geriet er auch aufgrund seiner Bevorzugung der deutschen und jiddischen Sprache und als Vertreter einer Politik der Aussöhnung mit den Arabern in Konflikt mit jüdisch-nationalistischen Gruppen des Jishuw. Zweig kehrte 1948 nach Ost-Deutschland zurück, in der DDR Kulturfunktionär.

21 Die Abteilung für Sozialarbeit in Tel Aviv bescheinigte den deutschen Wiedergutmachungsbehörden im Jahr 1955, dass der mittlerweile schwer erkrankte Sally Kaufmann über kein Vermögen und nur über ein unzureichendes Einkommen verfügte.

Über Sally Kaufmann und seinen Sohn Mordechai Tadmor ist der Blogbeitrag Ungedanken – Kassel – Tel Aviv  veröffentlicht worden, indem auf die etwas ausführlichere Broschüre über die Familie Kaufmann verwiesen wird.
Einige Angaben über die Familie Kaufmann sind auf der Internetseite des Vereins Stolpersteine in Kassel zu finden.
Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar hat der Zeitung Sally Kaufmanns ebenfalls ein paar Absätze in seinem Aufsatz „Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde“ gewidmet.

Gegen den Anti-Islamismus – im Namen der Opfer

„Genauso wie wir alle Formen von Hass auf Andersdenkende und Gewaltanmaßung verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Faschismus in unserem Land. Dies sind Formen von Intoleranz und Demokratieverachtung, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Erklärt die VVN-BdA nach dem Brandanschlag auf das Auto des Politikers der Jungen Alternative Lars Steinke aus Göttingen1 und der lebensgefährlichen Prügelattacke auf einen Teilnehmer einer Kundgebung „Merkel-muss-weg“ in Hamburg.2 Daran kann etwas nicht stimmen. Die Kasseler VVN-BdA stellt sich doch nicht vor Rechtsausleger, mutmaßliche Faschisten oder vor die, die vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben, denn die Gewalt gegen diese geht ja von den Leuten aus, die eine Gesinnung vor sich her tragen, die sie, wie die VVN-BdA die ihre,  Antifaschismus nennen. Aber nichts ist wie es scheint, eine ähnlich lautende Erklärung veröffentlichte die VVN-BdA aus Kassel, nur dass die Aktion, die es zu verurteilen gab, sich nicht gegen vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Faschisten deutscher Provenienz richtete,  sondern gegen waschechte, türkischer Herkunft.

In Kassel kam es an diesem Wochenende zu einem Brandanschlag auf eine Moschee. (vgl., HNA, 25.03.2018) Die VVN-BdA ließ erklären: „Genauso wie wir alle Formen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Islamismus (sic!) in unserem Land. […] Die VVN-BdA versichert den türkischen Mitbürgern in unserer Stadt und allen Menschen aus anderen Ländern ihre volle Solidarität gegen rassistische und fremdenfeindliche Angriffe.“ Das Engagement der unermüdlichen Kämpfer gegen Rechts gegen einen vermeintlichen antimuslimischen Rassismus ist hier schon zu einen gegen den „Anti-Islamismus“ mutiert und ein „Vermächtnis“ macht das Ganze noch bodenloser: Das Engagement erfolge als „Vermächtnis der Überlebenden des menschenverachtenden deutschen Faschismus.“3

Der Brandanschlag richtete sich gegen die Yunus Emre Moschee in Kassel. Da Antifaschisten ja bekannt dafür sind, dass sie recherchieren, sollte man voraussetzen können, dass die VVN-BdA wusste, vor wen sie sich stellt, als sie in ihrer Erklärung tönte, dass Gotteshäuser keine Zielscheiben politischer Aktionen zu sein haben. Was, wenn diese „Gotteshäuser“ aber Horte der Reaktion, der Menschenverachtung und ja vor allem des Antisemitismus sind? Wusste die VVN-BdA es nicht, sind ihre Streiter bestenfalls naiv und dumm? Wussten sie es, ist ihre Erklärung umso unverschämter. Eine Gruppe aus Kassel, die es verdient antifaschistisch bezeichnet zu werden, hat recherchiert. Diese Moschee wird von dem „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB betrieben.4

Schon bei Wikipedia5 kann man erfahren, mit was für einer Truppe man es hier zu tun hat: „Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und des türkischen Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden. […] Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest: ‚Unser Weg ist der Weg Gottes, unser Weg ist der Weg des Korans, unser Weg ist der Weg des [nationalen] Ideals.‘ Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl), zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan) oder als Kampf zwischen der ‚Nation des Islam‘ (Millet-i İslamiye) und der ‚Nation des Unglaubens‘ (Millet-i Küfriye) Die Website des ATB enthielt ferner eine ‚Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz‘ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele: ‚Die Strafe für Ehebruch lautet für verheiratete Männer und Frauen auf Steinigung, für unverheiratete auf 100 Stockschläge.‘ ‚Wenn er auf Abkehr [vom Islam] besteht und nicht Buße tut, wird er zum Tode verurteilt.‘ […] Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.“ Lupenreiner islambasierter Faschismus eben. Die VVN-BdA schweigt zu Gewaltaktionen gegen klassische und autochtone  Rechte, den Wiedergängern des Gestern, sie tönt in moralischer Erhabenheit „Nie wieder!“, wenn Gewalt gegen die Islamisten, gegen den Faschismus von heute ausgeübt wird.

Warum also die VVN-BdA im Zusammenhang dieses Anschlags den „Anti-Islamismus“ inbrünstig verurteilt und mit Abscheu und Entsetzten auf einen Anschlag gegen eine islamfaschistische Einrichtung reagiert, verweist auf den Geisteszustand und moralische Verwahrlosung der VVN-Leute. Nicht nur das, das Manöver ist durchsichtig, denn es beginnt diese Verurteilung mit einer faustdicken Lüge, indem sie behauptet, sich gegen „alle Formen von Antisemitismus“ zu wenden. Eine Organisation, die Veranstaltungen im Café Buch-Oase abhält, den Ostermarsch regelmäßig unterstützt, Rolf Becker einlädt und den Kasseler Friedensratschlag verlinkt, hätte genug Anlass, sich in Sachen Antisemitismus vor allem mit sich selbst und den Bündnisgenossen zu befassen. Die Aneinanderreihung von Antisemitismus, Rassismus und Anti-Islamismus, die es zu bekämpfen gelte, ist durchsichtig und abgeschmackt, weil hier eine Idiosynkrasie zum Ausdruck kommt, die zwar vom Engagement gegen Antisemitismus spricht, aber den Anschluss zu eben diesem in seinen aktuellen Erscheinungsformen sucht.

Weil ein Brandsatz gegen eine Moschee geworfen wurde, ruft die VVN-BdA, „Moscheen brennen“ und sie dürften dabei genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, insbesondere dann, wenn sie von einem „Vermächtnis der Opfer des deutschen Faschismus“ sprechen. Und sie dürften auch genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, wenn sie tönen, man müsse sich gegen einen „Anti-Islamismus“ wenden, denn Antisemitismus klingt ähnlich. Ihre Gesinnungsfreunde wiesen in anderen Zusammenhängen schon darauf hin, die Araber seien als „Semiten“ ebenfalls Opfer des Antisemitismus. Was die VVN meint, lässt sich auch so ausdrücken: Kampf denen, die den Kampf gegen den Islamismus führen. Diesen Kampf wollen sie gerne auch mit einer „aktiven Friedenspolitik“ kombinieren. Es verwundert daher nicht, wenn die VVN-BdA beim Ostermarsch dabei ist und in Kürze mit den üblichen Verdächtigen wieder für den Abzug aus Afghanistan und für das Recht des Iran auf die Atombombe wirbt. (Dass das Werfen von Brandsätzen auf eine Moschee eine Straftat und kein probates Mittel im Kampf gegen den Islamismus ist, ist eine Binsenweisheit, die man in zwei Sätzen hätte schreiben können.)

1 Unbekannte setzen Auto in Brand, Göttinger Tageblatt, 15.03.2017

5 Verband der türkischen Kulturvereine in Europa, https://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_türkischen_Kulturvereine_in_Europa, 27.03.2018

Der totale Dialog

Man stelle sich vor, ein der SPD angehörender Oberbürgermeister würde sich im Kaiser-Wilhelm-Kostüm als Gast einer Versammlung zeigen, die die Reichskriegsflagge und mit Hakenkreuzen versehene Wimpel der Freikorps präsentiert.1 Die Gruppe, die ihn zur Versammlung eingeladen hätte, würde mehrere Zentren in der Stadt unterhalten, in denen bei Versammlungen und Busfahrten der Führergruß entrichtet wird, in denen aus Mein Kampf rezitiert würde und regelmäßig zum Sedantag Festveranstaltungen stattfinden würden.

Sultan Hilgen – Symbol für den Kasseler Dialog

Anlässlich einer antifaschistischen Aktion in einer anderen Stadt würde diese Gruppe zu einer Großkundgebung aufrufen, die den kompletten Königsplatz füllte und einer der Hauptredner würde seinen Gegnern die Vernichtung androhen und würde über die bei den Auseinandersetzungen gefallenen Kämpfer schwadronieren, dass sie als Helden in Walhalla zum Festmahl erwartet würden. Würde ein Oberbürgermeister, der einer solchen Gruppe die Ehre erweisen würde, in Amt und in der Partei bleiben?Würde man diese Truppe in die Jugend- und Bildungsarbeit einbinden?  Würde mit dieser Truppe ein Dialog geführt werden? Wohl eher nicht. Aus viel geringerem Anlass sagte der OB eine Teilnahme an einer Frühjahrsausstellung ab, weil dort ein kleiner Stand der AfD aufgebaut werden durfte.

Aber all dies ist möglich, wenn man das Kaiser-Wilhelm-Kostüm mit dem eines osmanischen Sultans austauscht, die Reichskriegsflagge mit der der Osmanen, die mit Hakenkreuz verzierten Wimpel der Freikorps mit denen der islam-faschistischen Grauen Wölfe. Wenn anstatt des deutschen Grußes, der Gruß der Islamisten und / oder der der türkischen Faschisten entrichtet, anstatt des Sedantag der Çankkale-Tag begangen wird. Wenn das so ist, dann gehört man in Kassel zum illustren Kreis, mit dem der Dialog geführt wird. Ja man ist Bestandteil einer Institution, die lobend auf dem offiziellen Portal der Stadt Kassel erwähnt wird.

Der Imam der Moschee in Kassel Mattenberg Semih Ögrünc  preist den Çanakkale
-Tag

Die Dummen und die Wölfe:
Sozialer Friedensdienst – Juleika – Institut für Evangelische Theologie – Rat der Religionen

Es ist aber nicht nur der Rat der Religionen, der mit städtischer Unterstützung und vermutlich öffentlichen Geldern bis heute mit eben jenen Gruppen parliert. Mit der Juleika und dem vom Sozialen Friedensdienst Kassel e.V. und der DITIB initiierten Kulturprojekt KulturBrücke gibt es zwei Jugendbildungswerke die ganz ungeniert mit der rechts- und Islamismus-offenen DITIB und im Fall der Juleika sogar mit noch bedenklicheren Leuten zusammenarbeiten. Dadurch wird diesem Milieu ein Renommee verschafft, dass es diesem erlaubt, sich als „multi-kulturelle Bereicherung“ der Stadt zu präsentieren. Die Friedensfreunde ließen 2009 Milli-Görüs-Ordner auf einer Demo zu, die mit dieser Gruppe zusammen veranstaltet wurde. Sie zerlegten damals einen israelsolidarischen Stand. Bei den Gedenkveranstaltungen für ein Kasseler Opfer der Nazigruppe NSU sind die Vertreter der DITIB u.a. übel beleumundeter Vertreter oder Anhänger des Islamismus wie selbstverständlich mit dabei. Die SPD im Landkreis Kassel arbeitet(e) mit dem UETD-Mann Kadir Bicer zusammen. (UETD 2014 in Kassel) Der UETD-Mann Kamil Saygin ist nach wie vor und unbestritten Vorsitzender des Ausländerbeirates, ohne dass irgendeine Antifa-Gruppe aufläuft und dessen Sitzungen belagert. Die mit der Milli-Görüs in Zusammenhang zu bringende studentische Muslimische Hochschulgemeinde wird aktuell sogar in universitären Kreisen als Partner eines „interreligiösen Dialogs“ des Institutes für Evangelische Theologie an der Uni Kassel geadelt. Ausführlich, wenn auch vielleicht nicht erschöpfend sind die hier nicht anders ausgewiesenen und genannten und nicht genannten Verbindungen und Aktivitäten der Islamisch / türkisch-faschistischen Szene hier dargestellt: Recherche Gruppe Kassel

Der Kulturrelativismus der Wohlgesinnten: Während anderswo Frauen für die Freiheit vom Kopftuch kämpfen und dafür z.T. drakonische Strafen in Kauf nehmen, dient es hierzulande als Symbol von Toleranz und interkulturellem Dialog.

Während die AfD in Kassel, bis auf die Tatsache, dass sie ein paar Stadtverordnete mit geringem Verstand im Stadtparlament sitzen hat, kaum politische Präsenz zeigt und die KAGIDA an ihren besten Tagen ein paar dutzend Leute mobilisieren konnte, riefen und rufen diese traurigen Gestalten des deutschen Ungeistes und Ressentiments regelmäßig die maximale Aufmerksamkeit und den Nazialarm bei allen üblichen Vertretern der guten Gesinnung hervor. Die DITIB kann dagegen einen Millionenbau am Mattenberg unterhalten, unterhält Dependancen in der Nordstadt und in Bettenhausen, in denen Frauen den Nebeneingang benutzen müssen, und beherrschen andere Gruppen wie die Grauen Wölfe, die BBP, die ATIB und ihre schweren Jungs die Szenerie am Stern und in der Kasseler Nordstadt, betreiben Propaganda für einen nach deutschen Gesetzen untersagten Angriffskrieg und bedrohen schon einmal ihre politischen Gegner mit Gewalt.2

Die Stadt ficht das nicht an. Die Nachfrage der Frankfurter Rundschau wurde wie folgt beantwortet: „Ein Rathaussprecher teilte mit, man nehme die Vorkommnisse in den Moscheen ‚zur Kenntnis‘, wolle sie aber nicht bewerten: ‚Grundsätzlich versucht die Stadt Kassel, den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu pflegen.’“  (Imame beten für den Sieg. Gebete für die Armee und Märtyrer-Rhetorik – fast alle türkischen Moscheen in Kassel unterstützen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien, FR, 15.03.2018) Die Pressemitteilung eines unermüdlichen und ehrenhaften Stadtverordneten zu diesem Thema blieb in der lokalen Presse unbeachtet. Dass dieser einer Partei angehört, die sich schwer damit tut, den Zusammenhang von Islam und türkischem Chauvinismus zu erkennen und in ihren Reihen üble Antizionisten auch in Kassel beherbergt macht sein Engagement nicht unehrenhaft, sondern beweist nur, wie arm an republikanischen Geist und säkularer Gesinnung die anderen Parteien sind.

1 Dass die SPD allerdings keine Berührungsängste mit toten Antisemiten und Nazis aus dem eigenen Stall hat, beweist der Umgang mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner.

Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Warum der Untergang einer Partei nichts Gutes bedeutet

Die SPD erreichte 1919 ihren größten Wahlerfolg in der Weimarer Republik und 1972 in der Bundesrepublik. Heute liegt sie bei 20 Prozent oder weniger und es besteht die Gefahr, dass die AfD die SPD in der Wählergunst hinter sich lässt. Dazu ein paar Gedanken.

1919 stand die SPD für einen sozialen und demokratischen Wandel einer Gesellschaft, die von der obrigkeitshörigen, autoritären und militaristischen Klassengesellschaft unter Bismarck und Kaiser Wilhelm geprägt war. So problematisch die theoretischen Entwürfe eines August Bebel, Karl Kautsky, Ferdinand Lassalle und anderer auch waren, sie machten deutlich, dass die Partei für eine gesellschaftliche Alternative stand. Daran änderte nach dem Ersten Weltkrieg auch ein schwacher Repräsentant der Partei wie Friedrich Ebert zunächst nichts. Nicht seinetwegen, sondern der Ideen von der repräsentativen Demokratie wegen, der Ideen von der Rechtsstaatlichkeit und von der sozialen Teilhabe und Mitbestimmung in der Gesellschaft wegen, war die Partei damals mehrheitsfähig. Die SPD erlangte bei der ersten Wahl im Jahre 1919 37,9 % die linksliberale DDP 18,6 %. Zahlen, die die SPD in der Weimarer Republik nicht und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik lange nicht mehr erreichen sollte. (Der Linksliberalismus konnte nie wieder an diesen gesellschaftlichen Zuspruch anknüpfen.)

Noch mit einer Idee von einem Morgen

Erst als Aufstandsversuche randständiger Linksradikaler von der SPD-geführten Reichsregierung im Bündnis mit einer rechtsextremen Soldateska mit äußerster Brutalität niedergeschlagen und die Revolutionäre, sowie kritische Geister von einer vom monarchistischen und antidemokratischen Geist beherrschten Justiz gnadenlos verfolgt wurden, verlor die SPD deutlich an Zustimmung in der Wählerschaft. Von diesem Niedergang erholte sich die Partei nur vorübergehend im Zuge der Debatten um die Fürstenenteignung und um den Panzerkreuzer-A. Der Niedergang der SPD und des Linksliberalismus hinterließ ein politisches Leerfeld, das zum Teil von der USPD dann von der KPD vor allem aber vom Revanchismus, Rechtsnationalismus, dem Nationalchauvinismus und dann vom Nationalsozialismus gefüllt wurde. Die SPD landete beim Wählerzuspruch 1933 da, wo sie heute steht, nämlich bei weniger als 20 % der Wählerstimmen.

1969 stand die SPD, obwohl sie vorher der großen Koalition angehörte, für eine Alternative zur bestehenden Politik und zur postnazistischen Nachkriegsgesellschaft und löste eine sklerotische CDU ab. Die SPD und ihr sozialliberaler Bündnispartner standen damals für eine Demokratisierung der Gesellschaft, für eine Bildungsreform, eine Justizreform (hier insbesondere auch das Ehe- und Familienrecht) und für die Ausweitung der Mitbestimmung. Vor allem aber wurde von der SPD die Reform der sozialen Sicherungssysteme in Angriff genommen, die eine Ausweitung sozialer Sicherheit bedeuteten. (vgl., Peter Borovsky, Sozialliberale Koalition und innere Reformen) Damit wurde ein Kernbestandteil sozialdemokratischer Politik umgesetzt und nicht wie unter Gerhard Schröder 30 Jahre später demontiert. Damals verstand man unter Reform einen Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die man als Alternative zur von der Kapitalverwertung dominierten verstehen wollte und nicht das Gegenteil davon. Diese Politik führte 1972 zum besten Wahlergebnis, dass die SPD jemals in ihrer Geschichte erreichen konnte.

Als ein Kandidat der SPD ein Selbstläufer war

Damit war es mit dem Rücktritt Willy Brands vorbei. Es begann der Niedergang dieser Partei für den schon ein Helmut Schmidt stand, der aber erst im Schröder-Blair-Turn seinen programmatischen Niederschlag fand, der sich im Hartz-Konzept am krassesten ausdrückte. Diese politische Wende ist verantwortlich dafür, dass die SPD da steht, wo sie heute steht. Bis heute ist es der SPD nicht gelungen, der Vernichtung der Kernelemente ihrer Politik außer postmodernem Wortgeklingel irgendetwas Substantielles entgegenzusetzen. Nahles, Maas, Gabriel, Schulz und auch ein Kühnert täuschen mit ihren leeren Phrasen, die nur dem Schein nach für unterschiedliche Konzepte stehen, darüber hinweg, dass es in der SPD niemanden gibt, der eine Idee davon hat, was unter Demokratie, Sicherheit und Soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Moderne verstanden werden könnte und wie diese dann auch in die Gesellschaft getragen werden könnte.

Den Niedergang der SPD und seine Repräsentanten Nahles, Schulz und Gabriel kann man mit Spott, Häme und Verachtung quittieren, das Problem was dabei nur auftritt, ist, dass ein politisches Vakuum entstanden ist, in das zum einen der Islam in den Einwandererkommunities und in der „autochtonen“ Gesellschaft mit zunehmenden Selbstbewusstsein die AfD tritt. Die AfD und der offizielle Islam (Islamrat, Zentralrat der Muslime) stehen dabei für den legalistischen und dem Schein nach, die demokratischen Gepflogenheiten akzeptierenden Teil einer gesellschaftlichen Parallel- oder Gegengesellschaft, deren metastasierende Ausläufer hasserfüllt, gewalttätig und terroristisch sind und auf dem platten Land, in Stadtteilen und in den sozialen Medien versuchen, die politische und kulturelle Hegemonie zu erkämpfen. Wenn nun die AfD die einzige Partei ist, die vernehmbar gegen die Islamisierungstendenzen (in Deutschland) auftritt und die Sozialdemokratie in postmoderner Anwandlung, die AfD deswegen als rassistisch brandmarkt und den Islam unter Artenschutz stellt, bzw. teilweise offen mit diesem kollaboriert, verrät die SPD auch noch die letzte Traditionslinie, die sie einmal in der Weimarer Republik und unter Willy Brand kennzeichnete, nämlich den Antifaschismus in demokratischer Absicht.

Churchill und der Fuhrer

Nachdem der Film „Dunkirk“ den historischen Augenblick, als die Alliierten im Jahre 1940 am Abgrund standen, aus der Perspektive von Soldaten dargestellt hat, stellt der Film „The darkest hour“ diesen nun aus der Perspektive des britischen Kabinetts um Churchill dar. Es geht um den historischen Augenblick, indem Großbritannien als 1940 einzig verbliebene Macht von Rang sich entschieden gegen Nazideutschland stellte. Schlüsselfigur war dabei Winston Churchill. Allgemein gilt dieser Film in jeder Hinsicht als gelungen. Und die Deutsche Film- und Medienbewertung erkennt sogar, dass der Film „in unsere Gegenwart hinein ragt“. Wohl war, wie am Beispiel einer Kritik deutlich wird, die im Focus von einem deutschen Fuhrer (nicht von dem mit den Pünktchen) verfasst wurde. (Armin Fuhrer, Film idealisiert Churchill als Kriegshelden, in Focus, 18. Januar 2018)

Obwohl es in dem Film nicht um eine Biographie Churchills geht, beginnt der Fuhrer seine Besprechung des Filmes damit, dass er eine Anekdote über Barack Obama zum Besten gibt, der, als er in das Weiße Haus einzog, die Büste Churchills vom Schreibtisch entfernen ließ, die sein Vorgänger George W. Bush dort aufgestellt hatte. Der Fuhrer findet es im Zusammenhang eines Filmes, der die für Europa entscheidende Wende in der britischen Politik zum Thema hat, relevant zu bemerken, dass Churchill für Lager in Afrika verantwortlich war, in denen zwischen 20.000 und 100.000 Menschen umkamen.

Fuhrer meint, der Film sei „ein Heldenepos, das sich auf Churchills Rolle als zeitweilig letzter und wie viele glauben hartnäckigsten Kontrahenten Hitlers und seiner Wehrmacht konzentriert.“ Wohlgemerkt er schreibt nicht, der Film handelt von Churchills Rolle, als England alleine gegen Nazideutschland stand und Churchill derjenige Politiker war, der diese Politik auch kompromisslos durchsetzte, sondern er faselt etwas von Heldenepos und von zu glaubenden Behauptungen. Die historische Tatsache als Konjunktiv formuliert, das ist das Raunen darüber, dass es ja auch anders sein könnte. Um diese Möglichkeit aufzuzeigen, geht es Fuhrer im Folgenden darum, die finstere Seite Churchills durchzudeklinieren.

Die indische Journalistin Sudhanva Shetty zitierend, setzt er folgenden Satz in das Organ für Fakten Fakten Fakten: „Churchill war einer der am meisten überschätzten, rassistischen, genozidalen, kriegstreiberischen Imperialisten der Menschheitsgeschichte“, außerdem habe er Benito Mussolini bewundert und mit Annette Mackin („socialistworker“) wird eine weitere Dame angeführt, um Churchill ans Zeug zu flicken : „Während des Krieges war Churchill nicht gegen Hitler, weil dieser ein Nazi war, sondern weil er Britannien angegriffen hatte“. Churchill war schon vor Kriegsbeginn ein Gegner der britischen Außenpolitik, weil er ein ausgewiesener Nazigegner war, was sogar sein Papagei nie vergessen konnte, und er deswegen gegen die Politik opponierte, die versuchte durch Zugeständnisse an Hitler einen fragwürdigen Frieden zu retten. Und die Macht (nachdem sie im spanischen Bürgerkrieg sowie vor und nach dem Überfall Deutschlands auf die Tschechoslowakei keine Bündnispartner gegen Hitler fand), die erst wieder auf die Seite der Alliierten wechselte, nachdem sie von Deutschland überfallen wurde, war nicht Großbritannien sondern die Sowjetunion. Aber wenn es darum geht, Politikern, deren politisches Ziel es war, Deutschland in die Schranken zu weisen, Völkermord, Kriegstreiberei und Rassismus vorzuwerfen, dann sind die Fakten egal. Also historische Tatsachen hin oder her, Fuhrer pflichtet der Shetty bei und trötet: „es gibt Belege dafür, dass Churchill ein ausgewiesener Rassist war, der von der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt war.“ Um schließlich des Volkes Zorn so richtig zu entfachen, erwähnt der Fuhrer auch noch, dass Churchill mit Ghandi sogar einen der deutschen Säulenheiligen beleidigte.

Nachdem ruchbar wurde, dass die indische Nationalbewegung Sympathien für Hitler hegte (vgl., Kevin Zdiara, Hitler bei den Hindus, in jungle world, 33/2013), besaß Churchill 1943 doch sogar die Frechheit, Ghandis Tod bewusst in Kauf zu nehmen. Und natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden zu erwähnen, Churchill sei auch verantwortlich für die Hungerkatastrophe in Bengalen während des zweiten Weltkrieges. Hier starben „bis zu vier Millionen Menschen. Sehr viele davon hätten wahrscheinlich gerettet werden können, wenn sie Hilfe bekommen hätten“, die Churchill mit Blick auf die prekäre Kriegssituation in Fernost und Europa und der unklaren Haltung in der indischen Politik jedoch keine Priorität beimaß. Vier Millionen sind keine sechs, aber Fuhrer weiß noch mehr, Churchill sei „unbestritten […] Eugeniker“ und stellt beflissen gleich einen Zusammenhang her, der jedem geschichtsbewussten Deutschen einleuchtet. Dass es Eugeniker im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall gab, auch unter vielen Linken, unterschlägt er, er weiß aber, dass man das, was Churchill forderte „im Dritten Reich […] lebensunwertes Leben“ nannte.

Bei soviel Wahlverwandschaft zum Führer mit ü verwundert es dann doch, dass Churchill entschiedener Gegner des Nazireichs war und auch so handelte. Aber auch das wird im zur Last gelegt, hat er doch tatsächlich befohlen „wehrlose deutsche Städte während des Zweiten Weltkrieges“ zu bombardieren. An dieser Bemerkung wird wiederum deutlich, dass die Kritik an Churchill der verdruckste Ausdruck davon ist, dass die Nachkommen der Täter es den „Plutokraten aus Engelland“ bis heute nicht verziehen haben, der deutschen Volksgemeinschaft den Platz an der Sonne zu verwehrt zu haben.

Fuhrer kommt zu dem Schluss, dass „Winston Churchill rassistisch, fremdenfeindlich, beleidigend und elitär war. Wenn es in den 1930er und 1940er Jahren schon Twitter gegeben hätte, dann wäre Churchill die britische Version von Donald Trump gewesen.“ Und das ist heutzutage unter den moralisch erhabenen Deutschen natürlich der schwerwiegendste Vorwurf, dem man einem Politiker machen kann, der aber auch ihr Ressentiment so durchsichtig macht.

Trump hat mit Sicherheit nicht das Format und die Gradlinigkeit eines Churchills und nobelpreisträchtig sind seine Schriften auf Twitter auch nicht, aber so wie es Churchill damals vom Nationalsozialismus wusste, so ahnt heute Trump, wenn er auch sonst wenig erkennen mag, dass die Bedrohung freiheitlichen Werte und der demokratischen Gesellschaft vom politischen Islam ausgeht. Und so wie das Unvermögen, den Nationalsozialismus als spezifische Form des deutschen Antisemitismus auf den Begriff zu bringen, daran erkenntlich ist, dass man ausgewiesenen Nazigegnern unterstellt ebenfalls faschistisch gewesen zu sein, so zeigt sich heute die Unfähigkeit den Islam auf den Begriff zu bringen darin, dass man seine Gegner als Rassisten, Imperialisten und Faschisten bezeichnet. Der Fuhrer vom Focus macht klar, dass zwischen beiden Erscheinungen deutscher Ideologie ein notwendiger Zusammenhang besteht.