Vor 75 Jahren*

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Veronika Alexandrowna Opachowa und ihre Töchter im Frühjahr 1942 in Leningrad

Und Städte wechseln ihre Namen, und
Die Zeugen dessen, was geschah, sind tot,
Und niemand tauscht mit uns Erinnerungen
Und weint mit uns. Die Schatten gehn und schwinden.
Nicht dürfen wir sie bitten umzukehren,
Denn furchtbar träf uns, kehrten sie zurück.
Einmal erwachen wir, und wir erkennen,
Daß wir den Weg dorthin vergessen haben,
Und laufen, atemlos vor Scham und Zorn,
Zu jenem Haus, – doch wie so oft im Traum –
Ist alles anders: Menschen, Dinge, Mauern.
Und niemand kennt und liebt uns – wir sind Fremde
Am fremden Ort. Wir gingen fehl … O Gott!
Und dann erst kommt das Bitterste: wir sehen,
Daß wir in unsres Lebens Grenzen nicht
Jene Vergangenheit zu halten wußten,
Daß sie uns fast so fremd geworden ist
Wie jenen, die mit uns das Haus bewohnen,
Daß wir die Toten nimmermehr erkennten,
Daß die, von denen Gott uns trennte, glänzend
Zu leben wußten ohne uns, und daß
Zum Besten war, was je an uns geschah …

(Anna Achmatowa 1945**)

*Vor 75 Jahren begann die deutsche Wehrmacht Leningrad zu belagern. Die Einwohner dieser Stadt sollten keine Chance haben, denn eine Kapitulation hätte sie nicht gerettet. Die Stadt sollte ausgelöscht werden. Ca. 1. Million Menschen starben aufgrund dieser deutschen Strategie – sie waren keine „Kollateral-Schäden“, sie sollten sterben. Jeder der sich ein wenig mit der Geschichte des 2. Weltkrieges auskennt, weiß darüber.

Dass ähnliches heute nicht geschehe, diese Lehre wurde freilich nicht gezogen, auch nicht in dem Land, in dem dieses schreckliche Kriegsverbrechen geschah, und das heute das Massenelend in Aleppo mit zu verantworten hat, auch nicht von jenen, die Jahrzehnte lang (zurecht) in der Sowjetunion das Land erkannten, das am meisten unter der deutschen Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie gelitten hatte und daraus den Schluss zogen: Nie wieder Krieg.

Diese Geschichtsvergessenheit hat auch damit zu tun, dass Leningrad lieber als Heldenstadt, denn als Stätte eines der schlimmsten Verbrechen in der Moderne betrachtet wurde. Dass auch aufgrund der militärischen Inkompetenz und russischen Großmannssucht der stalinschen Führung und der Roten Armee dieses Verbrechen nicht verhindert werden konnte, ist mit einer der Gründe, weswegen in der Sowjetunion lange über die tatsächliche Opferzahl Nebelkerzen verbreitet wurden, dass das erste Museum, das unmittelbar nach Kriegsende errichtet wurde, wieder geschlossen wurde und dass wichtige Protagonisten der politischen Führung während der Blockade den Justizmorden der sogenannten Leningrader Affäre zum Opfer fielen. Die Geschichtsvergessenheit auf der anderen Seite zeigt sich in der unterkomplexen Dichotomie von Krieg und Frieden, mit der vor allem in der überwiegend russlandfreundlichen Friedensbewegung der deutsche Vernichtungskrieg betrachtet wurde und wird.

Das Verbrechen damals wurden jedoch von Deutschen begangen. Einige gefangen genommene Offiziere der Wehrmacht wurden in Leningrad hingerichtet, sonst wurde dieses Verbrechen aber nie angemessen gesühnt. Einer der Täter konnte später sogar Bundeskanzler in Deutschland werden.


**  Anstatt die Fakten in den Vordergrund zu stellen, die Interessierten überall zugänglich sind, ein Auszug aus Achmatowas „Poem ohne Held“. Achmatowa verlor fast alle ihre Freundinnen und Freunde durch den stalinschen Terror, verfolgte aber aus Taschkent, wohin sie während der Belagerung ausgeflogen wurde, „begierig alle Nachrichten über Leningrad“. Als sie im Juni 1944 nach Leningrad zurückkehrte war sie schockiert über das „gespenstische Antlitz“ ihrer Stadt.

Eindrücke einer Reise nach Triest und Istrien

Mehrfach habe ich das Gebiet Istrien bereist. Außer schönes Wetter, beschauliche Städtchen, leckeres Essen und ein badefreundliches Meer ist an dieser Region jedoch auch die Geschichte bemerkenswert.

In Jugoslawien fand 1941 nach dem Überfall Deutschlands auf das Land ein spontaner und bewaffneter Aufstand gegen die nazifaschistische deutsche Besatzungsmacht statt. Den überwiegend von Kommunisten angeführten jugoslawischen Partisanen gelang es in der Folge – freilich zu einem entsetzlich hohen Preis – über längere Zeiträume größere Gebiete der italienischen und deutschen Besatzungsmacht zu entreißen und zu kontrollieren und zuletzt auch die deutsche Besatzungsmacht zu vertreiben. Dieser Vorgang war einmalig in Europa. Diese Geschichte dieses Landes – auch die jüngere, die man nicht verstehen kann, ohne den Blick auf die Vergangenheit zu richten, beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Die Gedanken, die ich mir bei den Reisen in dieses Land mache, kreisen um dieses historische Phänomen, aber auch darum, warum dieses Land immer wieder bei mir selbst als Projektionsfläche unerfüllter politischer Ideale  dient.

Anbei daher eine subjektiv gehaltene Reflexion über eine Reise in ein Gebiet, welches viele nur als Urlaubsgebiet und vielleicht noch als Gegend der Trüffel kennen. Sie beginnt in Triest, das mit der Bahn von Deutschland aus ganz gut zu erreichen ist und führt dann weiter nach Istrien, heute aufgeteilt in Slowenien und Kroatien.

Triest ist eine sehr beeindruckende italienische Hafenstadt an der Grenze zu Slowenien. Eher untypisch für italienische Städte ist die Innenstadt. Sie ist stark vom imperialen Zuckerbäckerstil aus der Zeit Österreichs-Ungarns geprägt – man könnte, betrachtet man die Zeit nach 1914 bis in die Gegenwart sich fast dazu hinreißen lassen zu sagen, aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Piazza Della Borsa

Piazza Della Borsa in Triest

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Der repräsentativ, zentral gelegene und sehr großzügig angelegte Platz „Piazza Unita D’Italia“ von der Mole aus gesehen. Schöner als der Platz einer anderen Einheit in Kassel ist er allemal.

Triest war neben Pula und Rijeka eine wichtige Hafenstadt der KuK-Monarchie Österreich-Ungarns. In diesem Gebiet lebten und leben Italiener, Slowenen, Kroaten und Österreicher. Nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie fiel Triest an Italien, im zweiten Weltkrieg gehörte es zeitweilig zur sogenannten Operationszone Adriatisches Küstenland, wodurch das Gebiet nach dem Sturz Mussolinis direkt dem deutschen Reichsgebiet zugeschlagen und dem Kommando der SS unter Friedrich Rainer und Odilo Globocnik unterstellt wurde. Nachdem die jugoslawischen Truppen von Süden und englische Truppen von Westen kommend, sowie jugoslawische und italienische Partisanen die letzten Nazitruppen Ende April und Mai 1945 aus Norditalien und Istrien vertrieben hatten, besetzten jugoslawische Truppen zunächst Triest. Dann wurde einige Tage später Triest alliierter Herrschaft unterstellt und zu einem „freien Territorium“ erklärt um dann schließlich 1954 Italien zugeordnet zu werden.

Spuren und Zeichen der Erinnerung in Triest

Italien stand im 1. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten. Blutige Kämpfe fanden am Isonzo, der ca. 100 km westlich von Triest in das Mittelmeer fließt, statt. Erst durch die massive Verstärkung durch englische und amerikanische Truppen gelang es in Italien, die Truppen der Achsenmächte zurückzudrängen. Bis heute wird an dieses blutige Schlachten auch in Triest mit zahlreichen Denkmälern uns Skulpturen erinnert.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Man  findet auf den Spaziergängen in der Stadt viele in Stein gemeißelte oder in Bronze gegossene Zeugnisse des italienischen Nationalismus vor. Die Stadt wird durch den zentral gelegenen Hügel San Guisto geprägt. Oben auf dem Hügel steht das Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Soldaten.

Von faschistischer Ästhetik geprägtes Kriegerdenkmal in Triest

Das von faschistischer Ästhetik geprägte Kriegerdenkmal in Triest

Läuft man durch den am westlichen Hang gelegenen Park findet man unzählige Erinnerungssteine gefallener italienischer Soldaten. Gefallen in Afrika, in Italien und im Mittelmeer, aber auch in Spanien und in Palästina. Mitten drin, die Erinnerungsstätten an die antifaschistischen Kämpfer Italiens. Unten in der Stadt werden auf Erinnerungstafeln diejenigen geehrt, die nach 1945 für den Anschluss Triest an Italien demonstrierten und bei Zwischenfällen mit Sicherheitskräften ums Leben kamen.

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Am Hügel San Guisto wird an Alle erinnert. An die, die in allen möglichen Ländern für Faschismus und das italienische Vaterland ums Leben kamen, als auch an die, die gegen Faschismus und deutsche Besatzung kämpften.

Unter Mussolini versuchten die italienischen Faschisten die im Küstenland um und in Triest und nun in Italien lebenden Slowenen zu italienisieren. Die slowenische Sprache war verboten, renitente slowenische Nationalisten wurden verhaftet und / oder ausgewiesen. In Triest kam es 1920 zu einem Pogrom. Der Narodni-Dom, das Kulturzentrum der Slowenen in Triest wurde von einem faschistischen Mob angezündet. Gegen die slowenische Untergrundbewegung, die gegen die faschistische Politik kämpfte, wurde mit Härte vorgegangen. Nach dem Überfall auf Jugoslawien durch deutsche und italienische Truppen 1941, wurde diese Politik auf das nun von italienische Truppen besetzte slowenische Gebiet Jugoslawiens ausgeweitet. (Die italienische Besatzungspolitik war rassistisch und brutal, wurde aber von der deutschen, mit der der serbische Teil Jugoslawiens überzogen wurde, bei weitem in den Schatten gestellt. Der Terror des kroatischen Ustaschastaates stand der deutschen Herrschaft im serbischen Teil wiederum in nichts nach.)

Auch unter Mussolini setzte sich in Italien in den dreißiger Jahren eine immer stärker antisemitisch ausgeprägte Politik durch, die  noch vor dem Sturz Mussolinis 1943 in Triest zu einem Pogrom nun gegen die jüdische Bevölkerung führte. Die große Triester Synagoge wurde dabei geplündert.

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Die Synagoge von Triest. Sie ist eine der größten im Mittelmeerraum. 1943 wurde sie von faschistischen Italienern geplündert. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung wurde nach dem Sturz Mussolinis von den Deutschen deportiert und umgebracht.

Doch erst die deutsche Politik setzte den eliminatorischen Antisemitismus um. Ein Großteil der bis dahin noch nicht geflüchteten, untergetauchten oder von Italienern oder Jugoslawen versteckten jüdischen Bevölkerung Triests und Istriens wurde nach Auschwitz deportiert. Nur wenige kamen zurück.

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. Ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Nach dem Sieg der jugoslawischen Partisanen kam es in Slowenien zu blutigen Racheaktionen. Mit Resten der deutschen Wehrmacht versuchten Kollaborateure aus Slowenien und Kroatien Mitte Mai 1945 in das kürzlich von englischen Truppen besetzte Österreich  zu fliehen, dort wurden sie aber zurückgewiesen und viele von ihnen wurden dann von jugoslawischen Truppen und Verbänden direkt an die Wand gestellt. Mehrere Tausend tatsächliche und vermeintliche Kollaborateure wurden so umgebracht. Auch bei Triest kam es zu solchen extralegalen Hinrichtungen. Diese Morde wurden und werden von Geschichtsrevisionisten aller Couleur zu Delegitimierung des von jugoslawischen Kommunisten angeführten Aufstandes und Volkskrieges gegen die deutsche Nazibesatzung instrumentalisiert oder mit dem Terror des Naziregimes auf eine Stufe gestellt.

Fährt man durch das italienische Hinterland von Triest, so sieht man überall, sowie auch in Istrien zweisprachige Orts- und Straßenschilder. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der Versuch in Kärnten eine ähnliche Praxis umzusetzen von rechten und rechtsextremen Österreichern auf das schärfste bekämpft wurde. In Triest ist das Slowenische weniger präsent, der niedergebrannte Narodni-Dom wurde aber wieder aufgebaut, es gibt ihn heute wieder und wird von der slowenischen Bevölkerung Triests und Umgebung als Kulturzentrum genutzt.

Jugoslawische Erinnerungs- und Gedenkpolitik

Ob den jugoslawischen Juden in Istrien gedacht wird und wurde ist mir nicht bekannt. Im Gegensatz zur Situation in den sozialistischen Ländern, ist der Massenmord an den Juden in Jugoslawien jedoch nicht verschwiegen worden. Es gibt in Belgrad ein Mahnmal, das sich explizit dem Holocaust widmet und seit 1948 auch ein jüdisches Museum.

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Das Mahnmal in Belgrad, das den ermordeten jugoslawischen Juden gewidmet ist.

Aus Istrien wurden nach 1945 viele Italiener vertrieben, die,  die jedoch bereit waren, die jugoslawische Staatsbürgerschaft anzunehmen, konnten in ihrer Heimat bleiben. Das auch Italiener sich den Partisanen und dem Widerstand anschlossen, ist in Jugoslawien nicht verschwiegen worden. Einige Erinnerungsstätten für den Kampf gegen den Nazifaschismus sind in Istrien auch in italienisch verfasst.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Auch wenn die Erinnerung an Tito bei vielen Zeitgenossen verblasst. In Istrien findet man nach wie vor viele Erinnerungsstätten an die im Partisanenkampf Gefallenen und von den Deutschen Ermordeten und Deportierten.

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Anders als in anderen kroatischen Gebieten sind diese dort in den neunzigern und 2000er Jahren stehen geblieben, oder wurden wieder aufgerichtet.

Eine Büste für eine Partisanin in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neuzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

Eine Büste für die Partisanin Olga Ban in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neunzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

In Pazin beispielsweise wurden die in den 2000er Jahren z.T. zerstörten Büsten der „Volkshelden“ des antifaschistischen Befreiungskrieges wieder hergerichtet.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole, die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Novigrad erinnert ein Büste an die von den Deutschen ermordete Partisanin Irma Bencic.

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste der Partisanin Irma Bencic

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste für die Partisanin Irma Bencic

Viele der Mahnmale sind in den Achtzigern errichtet worden, es gibt aber auch ältere oft schlicht gehaltene Denkmäler und Erinnerungsstätten. In Porec hingegen grüßt pathetisch vor dem Eingang zur Altstadt der Genosse Joakim Rakovac. Porec, bevorzugtes Reisegebiet vieler Urlauber aus Deutschland und Österreich ist auch Bischofssitz, vielleicht ist das kriegerische Denkmals dort doch nicht ganz fehl am Platze. Die katholische Kirche in Kroatien hat sich in der deutschen Besatzungszeit nicht mit Ruhm bekleckert und ist von der jugoslawischen Regierung 1948 völlig zurecht enteignet worden.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovic in Porec ist seltener anzutreffen.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovac in Porec ist seltener anzutreffen.

Etwas nördlich von Porec, an idyllischer und ruhiger Stelle direkt am Meer gelegen, liegt das ehemalige Kloster Dajla. Es wurde in Jugoslawien als Altenheim und Sanatorium genutzt. Nach Rückübertragung an die katholische Kirche und Rechtsstreit steht es seit Jahren leer und verfällt. Es gibt mehrere Beispiel für ehemals sozial sinnvoll genutzte Gebäude an prominenter Stelle, die heute nicht nur ungeklärter Besitzverhältnisse wegen, dem Verfall preisgegeben sind.

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die meisten Mahnmale und Erinnerungsstätten sind zurückhaltend und das Leid des Befreiungskrieges angemessen ausdrückend gestaltet. Auch die Rolle der Frauen ist nicht zu übersehen.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft. Das Leiden steht im Vordergrund.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier im istrischen Städtchen Buje der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft dargestellt. Das Leiden steht im Vordergrund.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar trägt die Frau ebenfalls eine Waffe und sucht nicht nur Schutz hinter dem tapferen männlichen Kämpfer.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar sucht die Frau nicht den Schutz hinter dem tapfer kämpfenden Mann, sondern trägt selbst in kämpferischer Weise eine Waffe.

Im glichen Städchenauf der gegenüberliegenden Seite ist ebenfalls ein Monument jüngeren Datums errichtet. Dort ist

Im gleichen Städtchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Rollenverteilung auf dem gleichwohl sehr eindrucksvollen Monument jüngeren Datums anders. Die endlose Zahl der Opfer dieses kleinen Orts, die auf der Mauer dieses Memorials aufgeführt werden, sagt viel über das Ausmaß des Leidens der Menschen unter deutscher Besatzung aus.

Erinnerung an die deutsche Vernichtungspolitik in Triest

Unter deutscher Herrschaft spielte das Sammel- und Durchgangslager Risiera Di San Sabba ein wichtige Rolle. In der am Rande Triests gelegenen ehemaligen Fabrik wurden unter der Regie der SS mehrere tausend Juden, Slowenen und italienische Widerstandskämpfer und Gefangene ermordet. Hier ist ein beeindruckende Erinnerungsstätte errichtet worden, die 1965 vom italienischen Präsidenten der Republik zum Nationalmonument erklärt wurde.

Deutsche Fachmänner errichteten in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Deutsche Fachmänner für Mord und Totschlag errichteten und betrieben in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die von ihnen Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Ausführlich zur politischen Geschichte dieser Region:

  • Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915 – 1955, Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum, Paderborn 2014
  • Kärnten|Slowenien|Triest, Umkämpfte Erinnerungen. (Hg.) Tanja v. Fransecky u.a., Bremen 2010
  • Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia, 1941 – 1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001
  • Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010

 

6. August – Basteltag der Friedensbewegung

Alle Jahre wieder begräbt die Bewegung ihr Hirn an der Biegung eines Flusses

In Kassel: 6. August 2016 – basteln von schwimmenden Lichterketten. 6. August und 9. August 1945: In Hiroshima und Nagasaki warfen Bomber der United States Air Force jeweils eine Atombombe ab. Dabei kamen ca. 100.000 Menschen ums Leben, über hunderttausend Menschen verstarben an den Spätfolgen. Die Gründe des Atombombenabwurfs sind bis heute umstritten. Tatsächlich dürfte es auch nicht nur einen Grund gegeben haben, sondern eine Gemengenlage an Gründen. Das Ende des Krieg mit einer fürchterlichen aber mächtigen Demonstration militärischer Überlegenheit zu erzwingen, gegenüber der stalinistischen Sowjetunion militärische Macht zu signalisieren, weltweit den militärischen und politischen Führungsanspruch zu untermauern und nicht zuletzt, das Interesse eine neue Waffe unter Echtbedingungen zu testen, sowie die Bereitschaft zu demonstrieren, diese auch einzusetzen. Die hauptsächliche Ursachen des Bombenabwurfs waren aber, der von Japan begonnene Vernichtungskrieg und der Umstand, dass Japan sich bis zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Krieg gegen China, gegen die USA und gegen andere Nationen befand und es bis zu dem Zeitpunkt des Abwurf zwar den einen oder anderen Hinweis aus politischen Kreisen Japans gab, über das Ende des Krieges zu verhandeln, offiziell aber jede Bereitschaft den Krieg zu beenden von sich gewiesen wurde. Die einfache Logik: Hätte Japan am 5. August kapituliert, hätte es keinen Atombombenabwurf gegeben, die will bis heute niemand hören – insbesondere die nicht, die mit Verve und Geschmacklosigkeiten an diese beiden schrecklichen Tage erinnern.

In Kassel gibt es einen Teil des Fuldaufers, der nach Hiroshima benannt ist. Es gibt in Kassel keine Straße, keinen Platz, keinen Hain oder keine Schlucht, die an die deutschen Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschheit erinnern. Es gibt mit dem Aschrottbrunnen zwar ein gelungenes Mahnmal, das eher abstrakt, aber in gelungener Einheit von Form und Inhalt an den Judenmord der Deutschen erinnert. Auch einige schwer zu entdeckende Stolpersteine und mittlerweile ein aber auch ebenso schwer auszumachendes Gleis am Hauptbahnhof, auf dem die Namen jüdischer Bürger eingraviert sind, erinnern an die aus Kassel deportierten und umgebrachten Juden – immerhin. Auf dem Hauptfriedhof hingegen, für alle unübersehbar das Gräberfeld und ein Gedenkstein für die Kasseler Bombenopfer, am Weinberg, das „Ehrenmal für die Opfer des Faschismus“ – ebenfalls Wallfahrtsort der Friedensbewegung – erinnert, für die Kasseler in praktischer Weise, an Alle, an die Bombenopfer, an die Soldaten und an die Verfolgten und die Gegner des Nationalsozialismus – zusammengefasst: An „die Vernichteten“. Das Ensemble macht deutlich wie Gedenken und Erinnerung in Kassel praktiziert wird.

Und die Friedensbewegung ruft angesichts des Atombombenabwurfs zur Bastelstunde auf. Um dies zu erklären hat sie ein Flugblatt verfasst. Dort wird erzählt, dass die NATO massiv aufrüste und daher Russland dazu zwinge, ebenfalls zu rüsten. Dazu wäre anzumerken: Einige souveräne Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten, suchten sich nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion der NATO anzuschließen oder anzunähern – verständlich angesichts der historischen Erfahrung, die diese Nationen mit dem russischen Imperialismus und der stalinistischen Gewaltherrschaft machten und wie es sich am Beispiel Georgiens und der Ukraine zeigt, eine nicht ganz irrationale Furcht. Wer hier also wen zu rüsten zwingt, ist nicht ganz so einfach zu beantworten, wie es sich die Friedensbewegung so vorstellt.

Eine seltsame Standpunktlogik kann die Annährung mancher souveräner Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten auch als Einkreisungspolitik der NATO gegen Russland interpretieren. Dass Georgien, die Krim, die Ukraine mit tatsächlicher militärischer Gewalt, die von Russland ausging, konfrontiert wurden und werden, wird vornehm verschwiegen. Einige ganz Gewitzte meinen, man könne diese Politik Russlands mit der Monroedoktrin der USA vergleichen,  sie verteidigen die Machtpolitik Russlands mit diesem Hinweis – eine Doktrin, deren antikoloniale Stoßrichtung von den Linken nie verstanden wurde sondern als Beispiel US-Amerikanischen Imperialismus den schärfsten Protest hervorrief und darauf verweist, wie selektiv die Wahrnehmung ist, wenn sie der jeweiligen Weltanschauung angepasst werden soll.

Weiter heißt es im Flugblatt der Friedensbewegung: „1.800 strategische Atomwaffen werden in den USA und Russland nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft gehalten. Das Risiko des Atomkrieges aufgrund eines Fehlalarms bleibt hoch.“ Diese Feststellung ist gewiss nicht falsch. Doch, bei aller Konfliktträchtigkeit der Beziehungen zwischen Deutschland, der EU, den USA einerseits und Russlands andererseits bleibt diese Problematik angesichts des nach wie vor stattfindenden Dialoges zwischen den Konfliktparteien eher randständig und erweist sich vielmehr als müder Abklatsch der German-Angst aus den Achtzigern, als der von den bösen Supermächten zu verantwortende atomare Volkstod der Deutschen als das die Gemeinschaft der Friedensfreunde einigendes Ideologem errichtet wurde.

„Dazu kommen neue Risiken durch die Weiterverbreitung der Atomwaffen in neun weiteren Staaten, die in verschiedene politische Konflikte involviert sind“ heißt es im Flugblatt dann noch nebulös. Der Staat, der mit europäischer, insbesondere aber mit deutscher und russischer Unterstützung an einer Atombombe baut, der Iran, der wird nicht benannt. Dass dieser Staat immer wieder ein Land – nämlich Israel – mit der Vernichtung droht und dass dazu eine Atombombe sehr hilfreich ist, wird auch nicht benannt.

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging.

Ein Einzeltäter und sein Offenbarungseid

Ein junger Mann zündet eine Flüchtlingsunterkunft an. Er malt Hakenkreuze an die Wand, als Passanten vorbei kommen, ruft er „Heil Hitler“ und verschwindet. Später nimmt die Polizei ihn in seiner Wohnung fest und findet dort eine Reichskriegsflagge. Über die, die jetzt die Aussage treffen würden, „wer jeden, der eine Flüchtlingsunterkunft anzündet und dabei Heil Hitler ruft einen Nazi nennt, beteiligt sich am Hokuspokus der Nazis“ würde die übliche Empörungswelle vieler Linker und Nazigegner hereinbrechen – durchaus nicht zu Unrecht.

“Wer jeden Selbstmörder, der Allahu akbar ruft, einen Jihadisten nennt, beteiligt sich am Hokuspokus der Islamisten. In der Rede von Moslems kommt Allah fast so häufig vor wie bei den Amerikanern das fuck’n. Im Fall des Selbstmörders soll die Anrufung Allahs dem Tod einen Sinn verleihen, den er in seinem Leben nicht mehr fand.“ Das schreibt Hermann L. Gremliza im aktuellen konkret-Heft im Artikel „Einzeltäter en masse“ (8/16, S. 9). Der Beifall vieler, die sich als kritische Linke, oder so wie er selbst damit kokettieren, sich als Kommunist zu bezeichnen, dürfte ihm Gewiss sein

Zwar rufen heute die Deutschen nicht mehr „Heil Hitler“, dennoch war dieser Aufruf in Deutschland lange so gebräuchlich, wie bei den Amerikanern das fuck’n. Also: Bei vielen, die in der Wehrmacht dienten, hat dieser Aufruf dem eigenen Tod im Krieg einen Sinn verliehen, den sie in ihrem trostlosen Leben nicht finden konnten. Das hat alles nichts mit der deutschen Volksgemeinschaft zu tun, die auszog um das Judentum zu vernichten – sondern mit dem trostlosen Leben der Arbeitslosen in der Weltwirtschaftskrise (– die ja bekanntlich von der Wallstreet verursacht wurde).

Gremliza schreibt in seinem Artikel auch noch von den Kriegen, die Frankreich in Nordafrika führte, die mehrere Hunderttausend Tote zur Folge hatten und schließt: „Bis die Nachfahren der Opfer mit Frankreich quitt wären, hätten sie also noch reichlich Luft nach oben.“ Die Attentäter in Nizza (und in Würzburg) haben also nichts mit dem Islam zu tun, sondern haben nur Schritte unternommen, im Bodycount, den Frankreich nach dem zweiten Weltkrieg in Nordafrika eröffnete, gleichzuziehen.

Deutschland erlitt im Ersten Weltkrieg eine Niederlage in einem ungewollten Krieg und musste dafür mit einem Diktatfrieden büßen. Bei dem Versuch, mit England und Frankreich quitt zu sein, haben die, die so häufig Heil Hitler riefen, wie die Amerikaner fuck’n, lediglich etwas überzogen und das mit den Juden hätte ja nicht sein müssen – wie viele von ihnen später, die Schultern zuckend, meinten sich zu entschuldigen.*

in die Tonne

Soviel zum moralischen Untergang und intellektuellen Bankrott eines Publizisten und Herausgebers einer linken Publikumszeitschrift.

* Die von Boualem Sansal in seinem Buch, „Das Dorf des Deutschen“ dargelegten Affinitäten und Sympathien der algerischen FLN-Kämpfer zu den Nazis und der von ihm im gleichen Buch beschriebene Zusammenhang zum Jihadismus im Frankreich von heute legen diese zunächst schief erscheinende Analogie nahe. Zwar lassen sich die Ereignisse in Deutschland nach 1918 mit denen in Algerien nach 1945 nicht gleichsetzten und schon gar nicht die Ursache und die Folge dieser beiden historischen Perioden. Der Erste Weltkrieg und die Folge, der Frieden von Versailles sind Ergebnis deutscher Großmachtpolitik, die Kolonialpolitik Frankreichs in Nordafrika hat wenig bis nichts mit der Politik der verschiedenen, im 18 Jahrhundert in Algerien herrschenden Stämme zu tun. Der  deutsche NS ist selbstredend keine Folge des Friedens von Versailles und der zeitweiligen Besetzung des Ruhrgebiets durch französische Truppen, der Unabhängigkeitskrieg Algeriens aber die, der französischen Kolonialpolitik in diesem Land. Dennoch , die Rhetorik der antikolonialen Kämpfer der FLN weist eine gewisse Ähnlichkeit  mit der eines Schlageters und seiner nationalbolschewistischen Spießgesellen auf und je mehr man sich mit dem Thema befasst, desto mehr wird ein Abgrund sichtbar, der sich unterm Antiimperialismus auftut, wenn man genauer hinschaut.

Ein Warenhaus anzuzünden ist immer noch besser …

… als sich selbst anzuzünden, so sang Degenhardt in seinem Lied „Fast autobiographischer Lebenslauf eines westdeutschen Linken“. Es war ein Lied, dass die Linken in der Republik aufforderte, nicht nur die Faust in der Tasche zu ballen, sondern aktiv zu werden. Es war aber auch eine Distanzierung von der Protestform jenes Mönches der sich 1963 in Saigon selbst anzündete und eine eher vorsichtige Distanzierung vom Brandanschlag gegen ein Berliner Warenhaus, dass die späteren Gründer der RAF verübten. Sie wollten damals auf den Skandal der Bombardierung Vietnams mit Napalmbomben aufmerksam machen. Die Bombardierung Vietnams war – wie der ganze Krieg – keine Ruhmestat der USA, aber der Brandanschlag war wie der Vietnamkongress Ausdruck des Turns der radikal sich wähnenden Linken, dass man seine Wut angesichts der Hilflosigkeit gegenüber den Verhältnissen lieber auf ein wohlfeiles Feindbild projizierte und sich daran abarbeitete, als sich mit den Zuständen in der eigenen Gesellschaft, deren Bestandteil man war, abzumühen, von denen Degenhardt einige in seinem Lied beschreibt.

Ein Auto eines Nazis anzuzünden ist immer noch besser als den Mittelklassewagen eines Stadtbewohners oder Besuchers anzuzünden. (?) Doch wer ist Nazi und nicht noch ein Wertkonservativer, ein banaler Alltagsrassist oder -nationalist, oder nur ein Reaktionär und warum dann gerade das Auto dieses Einen und nicht der Anderen, die auch in den Reihen der Linken zu finden sind? Will darüber der Aktivist, kraft seiner moralischen Unbedingtheit entscheiden?

Ein BMW anzuzünden ist immer noch besser als sich mit der Polizei zu prügeln. (?) In Berlin hatte kürzlich die Polizei ein besetztes Haus z.T. gesetzwidrig geräumt. Daraufhin kam es zu ebenso gesetzwidrigen Krawallen. Etliche Autos wurden angezündet und (vorwiegend) junge Männer prügelten sich mit der Polizei. Dieses mit Militanz sozialen Protests oder gar mit revolutionärer Politik zu verwechseln, ist eine Berufskrankheit vieler Aktivisten aus den Kreisen der sogenannten Autonomen. Jetzt wurden in Kassel zwei Autos angezündet, weil die „Rigaer 94“ von der Polizei drangsaliert würden, so heißt es auf Indymdia. „Zwei Luxusautos“, so in einer Stellungnahme eines Anarchisten, sind in Kassel angezündet worden.

Abgesehen davon, wer hier wen in der Rigaer Straße drangsaliert. Nachdem hier die SA-Voran, die REVO, die MLPD, Die Linke u.a. als Zumutungen für die Vernunft an den Pranger gestellt wurden, haben es jetzt diejenigen verdient, die meinen Autos anzünden bedeute Solidarität, bedeute Kritik, sei politisch, sie antikapitalistisch oder revolutionär. In Kassel wurden in den letzten Monaten verschiedene Autos angezündet, vermutlich von einem psychisch kranken Brandstifter. Worin liegt der Unterschied zu diesen Taten? Ist nicht auch von denen zu vermuten, die nun, statt nur das Auto anzuzünden, auch noch R 94 auf die Straße geschrieben haben, dass sie nicht alle Tassen im Schrank haben?

Luxus für alle – statt Luxus für keinen

Das eine Auto war ein 10 Jahre alter BMW. Ein Ausdruck für Luxus? Wohl eher nicht. Aber selbst wenn es ein Lamborghini gewesen wäre, also ein Beispiel für ein luxuriöses Auto, warum sollte eine Luxuskarre angezündet werden. Ein Protest gegen Luxus? Selbst wenn, warum aber ein solcher Protest? Auf der Höhe der Zeit wäre es, Luxus für alle einzufordern. Zwar wäre es sinnfrei, für jeden einen Lamborghini, oder einen 10 Jahre alten BMW zu fordern, trotzdem, beim gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte, wäre die Forderung nach Luxus für alle ein zeitgemäßer Ausdruck radikaler Politik. Sich gegen Luxus in der aktuellen Gesellschaft zu stellen ist dagegen dumm und verweist auf eine dichotome Haltung, die in den Armen die Guten und die Opfer sieht und in den Reichen die Verantwortlichen, Bösen und zu bekämpfenden. Niedriger kann Kritik am System nicht sinken – nein, diese Haltung, dichotomes Denken und das Projizieren von einer Idee über die Schuld an gesellschaftlichen Widersprüche auf vermeintlich dafür verantwortliche Personen  hat nichts mit Kritik an der Gesellschaft zu tun.

Die Parteinahme für die kleinen Leute, für die Armen als die vermeintlich Guten verweist bestenfalls darauf, dass man einer romantischen Idee von der Revolution verhaftet ist, die auf die revolutionären Aufbrüche der meist nicht wohlhabenden Massen in Frankreich 1798, in Paris 1871, in Russland 1917 und Deutschland 1918 und Spanien 1936/37 zurückblickt, ohne über die Widersprüche eben dieser revolutionären Aufbrüche zu reflektieren, die allesamt ihr Scheitern notwendig hervorbrachten.

Mit dem Anzünden des als Luxusobjekt definierten Autos, dachten die Brandstifter vielleicht auch daran, diejenigen zu treffen, die Profiteure oder gar Verantwortliche angeblicher oder tatsächlicher Luxussanierungen wären. Wer in der kapitalistischen Gesellschaft nicht investiert, sieht dem Wertverlust seines Eigentums tatenlos zu, das wäre ein unsinniges Verhalten, weil in unserer Gesellschaft aus Wert mehr Wert entstehen soll. Und auch wenn der Eigentümer den Verfall seiner Immobilie bewusst herbeiführt, um sie eben doch in eine „Mobilie“ zu verwandeln, weil er darauf spekuliert, dass der Wert des Grundstückes steigt, tut er das nicht, weil er ein Schuft ist, sondern nichts anderes als jedes andere Subjekt im kapitalistischen Produktionsprozeß, das darauf spekuliert, dass das erworbene werttragende Produkt (die Waren) sich zu einem höheren Wert verkaufen lässt, sich eben in ein wertheckendes verwandelt. Ein alltäglicher Vorgang in der kapitalistischen Warenproduktion, dem man nicht dadurch beikommt, indem man Einzelne, willkürlich ausgewählte, dazu zu nötigen versucht, sich diesem Prozess zu entziehen.

Es gibt noch nicht einmal einen Grund gegen „Luxussanierungen“ zu protestieren. Die Häuser, die davon betroffen sind, sehen danach besser aus als vorher, ihre Bausubstanz wird erhalten, es ziehen Menschen dort ein, denen etwas daran liegt, dass die historische Bausubstanz erhalten bleibt und im neuem Glanz erstrahlt. Würde man gegen Wohnungsnot von Menschen mit niedrigem Einkommen etwas unternehmen wollen, wäre die Forderung nach sozialem Wohnungsbau die richtige Antwort – eine Forderung die wenig dazu beiträgt, sich höchst revolutionär und gefährlich vorzukommen, aber vielen Menschen nützen würde. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Der auch in Kassel notwendige Kampf für Freiräume alternativer Jugendkultur, für autonome kulturelle Projekte und Initiativen bedeutet, dass Öffentlichkeit für solche Forderung geschaffen wird. Die nächste Dokumenta bietet für solche Aktionen reichlich Anlässe und Gelegenheiten, andere haben auch schon vorher damit angefangen, sie gilt es zu unterstützten. Auch das Besetzten leerstehender Gebäude gehört sicher zu den Aktionsformen, die in diesem Zusammenhang als sinnvoll und wirksam betrachtet werden können. In der Regel hat man es in diesem Zusammenhang mit Formen von Politik zu tun, die wenig dazu dienen, in revolutionärer Pose Eindruck bei den Mädels schinden zu können. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Das Auto ist eine Ware. Ist denn Autos anzünden wenigstens eine Aktionsform gegen die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus, die Ware? Wohl kaum, gerade die Identifikation des Luxusartikels mit einer negativ konnotierten Seite des kapitalistischen Systems, steht für das verdinglichende Denken, dass sich fälschlich kritisch wähnt. Jede Ware ist die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus. Es ist ja gerade das Wesentliche am Kapitalismus, dass der Gebrauchswert der Ware absolut austauschbar ist. Die Brandstifter hätten auch ihre Smartphone, ihre Klobürsten oder ihre Strickmützen  auf dem Königsplatz verbrennen können, um gegen die Warenförmigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft zu protestieren. Hat man aber gar den Besitzer eines (vermeintlichen) Luxusartikels im Visier, so steht diese Haltung sogar für die personalisierende „Kritik“, die unweigerlich in den antisemitische Wahn führt. Den warenproduzierenden Kapitalismus zu kritisieren, würde bedeuten ihn auf den Begriff zu bringen und sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie Klassenbewusstsein in einer Gesellschaft zu entwickeln ist, die keinen Begriff von Klassen mehr kennt. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Die, die die Autos angezündet haben sind keine Gesellschaftskritiker, sie sind auch nicht radikal, sie sind Brandstifter, die für ihren Thrill, den sie mutmaßlich dabei suchten und empfunden haben, eine wohlfeile Ideologie benötigen mit der sie ihrem banalen Trieb die Weihe einer edlen Haltung oder der einer revolutionären Pose verschaffen können oder noch schlichter, dass sie mit ihrem klandestinen Tun als Mackerprotz und Rudelführer in ihrer Gang oder ihrem Kiez-Racket bestehen können.

Die Quintssenz: Nichts zu tun ist immer noch besser als Autos anzuzünden. Und wer ob des Elends in der Welt den Drang verspürt sich selbst anzuzünden sollte auch nicht besser Autos anzünden, sondern zum Psychiater gehen, oder Karl Marx lesen.

P.S. Der Autor dieser Zeilen ist kein Besitzer eines Automobils.

Die Geschichte eines jüdischen Kaufmanns und seiner Familie aus Nordhessen

Ein Weg von Kassel nach Tel Aviv

Ich fahre mit dem Taxi entlang imposanter Hochhäuser über die Ayalon in einen Vorort Tel Avivs. Dort erwartet mich Herr Motke Tadmor. Anlass des Besuchs ist Sally Kaufmann. Sally Kaufmann war Herausgeber der in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren in Kassel erschienenen Zeitung „Jüdischen Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck“. Über Sally Kaufmann erfährt man so gut wie nichts in den einschlägigen Schriften über Kassels Geschichte und das Judentum in Kassel, über die Zeitung kann man das Nötigste nachlesen.*

Herr Tadmor ist der Sohn Sally Kaufmans. Seit 1932 lebt er in Israel. Seine Eltern wanderten 1932 mit seinen Brüdern und ihm – dem damals zehnjährigen Kasseler Jungen Mordechay, den man in Kassel aber Martin rief – aus Deutschland aus. „Mein Vater war kein großer Denker, aber er ahnte was kommen wird,“ erzählt Herr Tadmor. Diese Ahnung rettete ihm, seinen Brüdern, seiner Mutter und seinem Vater das Leben. „Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht,“ denkt Herr Tadmor zurück. Damals war Martin 10 Jahre alt, rebellisch gegen seinen sehr deutschen Vater, aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechselte. Als alles nichts mehr half, wurde er dann von seinen Eltern in den Kibbuz geschickt.

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Maikäfer: Eine Erinnerung an eine Kindheit in Kassel

Es war der Kibbuz En Gev, am östlichen Ufer des See Genezareth am Hang des Golan gelegen. Dieser Kibbuz ist, wie viele andere in diesen Jahren, eine sogenannte „Turm und Palisaden-Siedlung“, eine landwirtschaftlich geführte Kommune und gleichzeitig ein Wehrdorf in einer feindlichen Umgebung. „Ich arbeitete für den Kibbuz als Fischer auf dem See Genezareth, so wie Petrus. Es war eine arbeitsreiche aber auch wilde und romantische Zeit“ erzählt Herr Tadmor. 1940 mussten dann „Freiwillige“ für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen Italiens Truppen, dann gegen die Wehrmacht kämpften. Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen und dort mit den verbündeten antienglisch und judenfeindlich eingestellten Arabern in Palästina, Jordanien und im Irak weiter nach Russland vorzustoßen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Die Pläne scheiterten in El Alamein. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina – unter ihnen Motke Tadmor – leisteten einen Beitrag dazu, dass die deutschen Pläne und die Hoffnungen des Mufti von Jerusalem nicht verwirklicht werden konnten.

„Ich war 18 Jahre alt unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht,“ erinnert sich Herr Tadmor. Später dann wurde aus den Freiwilligen die jüdische Brigade gebildet, die über Italien sich bis nach Österreich durchkämpfte. Die, die diesen Krieg überlebten, bildeten 1948 dann einen der Kernbestandteile der Israel Defence Forces (IDF). Herr Tadmor arbeitete nach dem Unabhängigkeitskrieg im diplomatischen Dienst Israels und unterstützte Fritz Bauer beim Aufspüren von Nazis.

Von Ungedanken nach Kassel

Zuletzt besuchte Martin als 10-jähriger das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Er rauchte seine ersten Zigaretten (R6) an der Martinskirche  und sammelte im Frühling Maikäfer. Die Martinskirche liegt Mitten in der Stadt, unmittelbar in der Nähe der Hohentorstraße, dort wohnt die Familie Kaufmann. Sally Kaufmanns Erziehungsstil war von dem der Jahrhundertwende stark geprägt. Mit den Kindern redete er nicht, er teilte seinem Sohn nichts über seine Tätigkeiten mit. Als er 1966 in Tel Aviv starb, hinterließ er keine Tagebücher oder persönliche Notizen auch in seiner Zeitung gibt es kaum einen Artikel, der sich mit Sicherheit auf ihn zurückführen lässt. Es ist also nicht die Schuld der Kasseler Lokalhistoriker, dass man wenig über ihn weiß.

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Die Hohentorstraße auf einer alten Postkarte. Vorne links ist die Hausnummer 3. Drei Häuser weiter ist das Haus in dem Sally Kaufmann und seine Familie bis 1932 lebte.

Man kann also heute nur ahnen, was ihn umgetrieben hat. Kaufmann führte einen kleinen Kolonialwarenladen, ein Tatbestand, der nicht gerade darauf schließen lässt, dass dieser Mann eine bemerkenswerte und interessante Zeitung in Nordhessen herausgegeben hat. Eine Zeitung die, wenn auch vermittelt, einen Einblick in seine mutmaßliche Gedankenwelt gibt.

Anzeige Geschäft S. Kaufmann

Eine Werbeanzeige Sally Kaufmanns Kolonialwarenhandel

Sally Kaufmann wurde 1890 als Sohn des Lehrers Markus (Mordechay) Kaufmann und seiner Frau Bettina (geb. Katzenberg) aus Ungedanken, einem kleinen Dorf bei Fritzlar, geboren. In der Jüdischen Wochenzeitung widmet sich ein mehrteiliger Artikel Elias Lissauers diesem Dorf. Lissauer entstammte einer seit mehreren Generationen in Ungedanken ansässigen Familie der Thoraschreiber. Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Ungedanken eine „israelitische Gemeinde“. Unter dem Schutz des Kurfürsten von Mainz ließen sich dort die Juden nieder, man nimmt an, dass sie Flüchtlinge aus Polen waren, als dort der Kosakenführer Bogdan Chielmicki das Land verwüstete. In der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das jüdische Gemeindeleben. Mitte des 19 Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Ungedankens Juden. Über Markus Kaufmann schreibt Lissauer: Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine israelitische Volksschule errichtet. In derselben wirkten die Lehrer Edelmuth Lange von 1862 – 1869, Frank von 1869 – 1873, Kaufmann von 1873 – 1893, und Kaschmann von 1893 – 1901. Die Höchstzahl der Schüler betrug 45 – 50. … Lehrer Markus Kaufmann, der 1893 starb war nicht nur im Jüdischen, sondern auch im Deutschen ein großer Gelehrter. Die Gemeinde nahm seiner Zeit einen einen großen Aufschwung und .. das religiöse Leben [stand] während seiner Amtszeit auf der Höhe. Auch die Schülerzeit war damals die höchste.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 17, 1927; Der Artikel und weitere Angaben sind auf der Seite alemannia-judaica.de zu finden.)

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Der Grabstein des Lehrers Markus Kaufmann auf dem Friedhof in Ungedanken. Die Inschrift des Grabsteins ist hier übersetzt. Von der kleinen jüdischen Gemeinde Ungedankens ist außer den Grabsteinen des Friedhofs nichts übriggeblieben. Ein Gedenkstein vor dem Friedhof erinnert an die Opfer.

Der Sohn Sally erlernte den Beruf des Kaufmanns. 1914 wurde er als Soldat eingezogen, im Juni 1916 an der Somme als Unteroffizier in die Schlacht geschickt. Er hatte Glück im Unglück und überlebte schwer verletzt das Gemetzel. Herr Tadmor erinnert sich, dass sein Vater noch im Reichsbund Jüdischer Frontsoldaten aktiv war. Häufig finden die Treffen in der Wohnung Kaufmanns statt.

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Sally Kaufmann als Soldat im ersten Weltkrieg. 12.000 deutsche Juden werden in diesem Krieg „für Deutschland“ fallen. Sein Sohn kämpfte 25 Jahre später für die britische Armee gegen Nazideutschland.

Die Jüdische Wochenzeitung fungierte zunächst als Mitteilungsblatt der jüdischen Gemeinde in Kassel. Zusammen mit dem Redakteur und Rechtsanwalt Julius Dalberg entwickelte sich das Wochenblatt dann aber zu einer ambitioniert geführten Zeitung, die sich in die politischen Tagesthemen einmischte und einer Zeitung, die für den Zionismus Stellung nahm. In fast jeder Ausgabe sind Meldungen und Auseinandersetzungen mit dem grassierenden Antisemitismus zu finden und über die Entwicklung im damaligen Mandatsgebiet Palästina wurde regelmäßig berichtet. Es schrieben neben den Redakteuren berühmte Autoren wie z.B. Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod für die Zeitung. Es wird ein lesenswerter Nachruf auf Paul Levi und auf Friedrich Ebert wurde veröffentlicht, man beschäftigte sich u.a. mit Stefan Zweig und Franz Kafka. Immer wieder sind Berichte über die Situation der Juden in anderen Ländern zu finden und es gibt wichtige Artikel über die regionale Geschichte der Juden in Nordhessen. Mit dieser Zeitung wurde in Kassel ein Niveau des lokalen Journalismus erreicht, dass es später nie mehr so geben wird.

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Die Jüdische Wochenzeitung erinnert auf ihrer Titelseite die säumigen Abonnenten, dass sie die Zeitung auch bezahlen sollten.

Antisemitismus und Zionismus

Der Autor Erwin Baer schrieb im Oktober 1927 in seinem Artikel „Zur Beurteilung des Judenhasses“: „Ob die Mehrheit des deutschen Volkes die deutschen Juden als ihr gleichwertig und in jeder Hinsicht gleichberechtigt anerkennt, oder ob sie sie als einen minderwertigen Fremdkörper betrachtet, davon hängt das Schicksal jedes einzelnen Juden weitgehend ab.“ (Jüdische Wochenzeitung Nr. 39, 1927) Baer brachte das Dilemma der Juden auf den Punkt. Ihr Wohl und Wehe liegt nicht in ihrer Hand, als Objekt unergründlicher pathischer Projektionen, bleiben sie abhängig vom goodwill der nichtjüdischen Bevölkerung . Sally Kaufmann schrieb anlässlich des Besuchs Chaim Weizmanns in Deutschland einen Monat später, „... wir erachten es daher als Pflicht nicht nur derjenigen Juden in Deutschland, die sich Zionisten nennen, sondern aller Juden, denen das Judentum Herzenssache ist und die den Bestand des Judentums für die weitere Zukunft sichern wollen, daß sie dem Appell Caim Waizmanns Folge leisten und ihre Kräfte mit den Juden in der ganzen Welt vereinigen um die Last des Palästinaaufbaus tragen zu helfen.“ (Jüdische Wochenzeitung Nr. 45, 1927)

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Die Zionistische Ortsgruppe in Kassel wirbt für eine ihrer Veranstaltungen in der Jüdischen Wochenzeitung

Fünf Jahre später hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland geändert. Der „Bestand“ der Juden wurde weder vom (internationalen) Proletariat, noch von dessen Vaterland und auch nicht von den westeuropäischen Demokratien gegen diejenigen verteidigt, die sich mit Mehrheit gegen eine Zukunft für die Juden entschieden und zur antisemitischen Tat schritten, zuerst in Deutschland, dann in fast ganz Europa. Ein Land, das jedem verfolgten Juden Schutz vor antisemitischer Verfolgung bietet, gab es noch nicht.

Erinnerung

Kaufmanns Mitstreiter Julius Dalberg gelang die Flucht aus dem Machtbereich der Nazis nicht, er und seine Frau wurden in Sobibor ermordet. Was an ihn heute in Kassel erinnert, ist ein unscheinbarer Stolperstein, von dem nur derjenige Notiz nimmt, der weiß, wonach er suchen muss. Wer nach Sobibor fährt, wird mit einer anderen Form der Erinnerung konfrontiert. Dass Dalberg eine Zeitung mit herausgegeben hat, die durchweg Stellung für das zionistische Projekt bezogen hat, unterschlagen die Stolpersteinleger auf ihrer Homepage, viele von ihnen sind Antizionisten.

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Der Erinnerungsstein für Julius Dalberg und seine Frau Bella in Sobibor.

„Mein Vater liebte Hessen,“ erzählt Motke Tadmor, „er liebte Fritzlar, Ungedanken, das Edertal, die grünen Wiesen, die bewaldeten Hügel.“ Sally Kaufmann war durch und durch ein Deutscher und fasste keinen Fuß in Israel. „Er ist hier nie heimisch geworden und weigerte sich Hebräisch zu lernen,“ erzählt Herr Tadmor, „er war Zionist, ohne zu wissen, was das ist.“

Aus Martin Kaufmann ist Motke Tadmor geworden. Motke ist die Kurzform von Mordechay. Herr Tadmor war als Kibbuznik zunächst Fischer und Landwirt, dann ein Offizier der britischen Armee und später dort in der jüdischen Brigade, dann der IDF, ein ehemaliger Nazijäger, Vater von 2 Söhnen, 6 Enkeln und 3 Urenkeln. Die Entscheidung seines Vaters  1932 trotz seines Patriotismus aus Deutschland auszuwandern, hat also dazu beigetragen, dass 3 Generationen Eltern, Großeltern oder Urgroßeltern haben – das ist in Israel keine Selbstverständlichkeit. Herr Tadmor lebt mit seiner Frau heute in Tel Aviv und erinnert sich gerne an eine Stadt, die es, wie die Hohentorstraße, eine gute Zeitung, und die Kasseler Juden nicht mehr gibt.

*Im Buch „Kassel in der Moderne“, widmet der Kasseler Wissenschaftler Dietfrid Krause-Vilmar der Jüdischen Wochenzeitung im Aufsatz „Juden in Kassel“ ein paar Seiten.

Wollen die Russen Krieg?

Meinst du, die Russen wollen Krieg?“ heißt es ankumpelnd und suggestiv auf dem Plakat der Linken (wahrscheinlich nicht nur) in Kassel. Die Antwort steht fest: Nein, natürlich. Um diese Antwort zu vermitteln, wird dann auch der Spezialist für die russische Seele und den deutschen Frieden eingeladen, Wolfgang Gehrcke.

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Warum heißt es nicht:

„Meinen Sie, die Ukrainer wollen Krieg?“
„Meinen Sie, die Litauer wollen Krieg?“
„Meinen Sie, die Esten wollen Krieg?“
„Meinen Sie, die Polen wollen Krieg?“
usw …

Vorweg, auch ich bin der Auffassung, dass würde man Russen fragen, ob sie Krieg wollen würden, die meisten antworten werden: „Nein, Krieg wollen wir nicht!“ Gleichermaßen dürften die meisten Ukrainer, Balten usw. aber auch die meisten Polen usw. antworten. Aber wir sind hier nicht im wir-meinen-und-wünschen-uns-was. Polen und Balten  haben in der Geschichte, die Ukrainer haben auch in der Gegenwart keine guten Erfahrungen mit ihrem östlichen Nachbarn gemacht, was nicht bedeutet, dass sie Krieg wollen, sondern Angst vor dem Krieg haben, der ja in der Ukraine – unter maßgeblicher Mitverantwortung Russlands – bis heute stattfindet. Dass Polen und Balten eine gewisse Furcht umtreibt, Russland könnte mit Gewalt seine Interessen durchsetzten, ist nachvollziehbar, obwohl es wenig wahrscheinlich erscheint, dass Russland seine Truppen in Polen oder in das Baltikum einmarschieren lässt. Denn, um zur Ausgangsfrage zurückzukommen, auch in Russland wollen die meisten Menschen keinen Krieg, wahrscheinlich auch Putin keinen mit der NATO. Die NATO bietet also für Polen und Balten eine Sicherheit, was von deren Politikern zum Anlass genommen werden könnte, etwas entspannter auf den bedrohlich erscheinenden Nachbar zu blicken. Die von den Linken geforderte Auflösung der NATO dürfte jedoch genauso wenig dazu beitragen, die politische Situation in Osteuropa zu entspannen, wie es das Gegeifer polnischer, ukrainischer und baltischer Nationalisten tut.

Das Plakat nimmt Bezug auf den Zweiten Weltkrieg. Bekanntlich hat am 22. Juni 1941 Nazideutschland die Sowjetunion überfallen und mit einem mörderischen Raub- und Vernichtungskrieg überzogen, der das Land verwüstete und eine unvorstellbare Menge an Ermordeten hinterließ. Es war der Krieg Nazideutschlands gegen die Sowjetunion, also gegen Russen und gegen die Ukrainer, Weißrussen, Balten (die kurz vor dem Krieg gewaltsam in die Sowjetunion einverleibt wurden) und andere. Es war auch und vor allem ein Krieg gegen die Juden.

Also wieder zur Ausgangsfrage zurück, warum nicht: „Meinen Sie, die Ukrainer wollen Krieg?“ usw. Und die Juden? Warum fragt das Plakat nicht, „Meinen Sie, die Juden wollen Krieg?“ Wenn die Partei, die sich „Die Linke“ – welch eine Anmaßung –  nennt, diese Frage stellen würde, dürfte klar werden, dass sie und die Gefragten hier  eine klare Meinung haben. Eine Antwort „Israel will Frieden“, hat in 2009 zu antisemitischen Ausschreitungen in Kassel geführt, mit beim antisemitischen Mob dabei waren Anhänger der Partei „Die Linke“.

Das Plakat will, wie die Aktion der Linken, erinnern. Das Plakat bildet ein Denkmal ab, dass zur Erinnerung an den Kampf der Roten Armee gegen Nazideutschland errichtet wurde. Unverkennbar ist es vom bombastischen stalinistischen Stil geprägt.  Die Erinnerungspolitik in der Sowjetunion wie auch heute in Russland ist problematisch (Mehr dazu hier: Über den 22. Juni und die Erinnerung). So wie auch in Deutschland unterliegt die Erinnerungspolitik auch in Russland (natürlich auch in der Ukraine und in den baltischen Staaten) einer Instrumentalisierung.

Erinnert wird nicht an den verzweifelten Mut von  Millionen Rotarmisten und Partisanen, die  sich der gut aufgestellten, taktisch versierten und gut ausgerüsteten Wehrmacht entgegen warfen, die schlecht geführt und von einer, oft mit einer menschenverachtenden Gesinnung versehenen Führung, zu Hundertausenden immer wieder sinnlos verheizt wurden.

Erinnert wird nicht an die zu Millionen in deutscher Kriegsgefangenschaft verreckten und ermordeten Rotarmisten und an die zahllosen verschleppten Zivilisten, die unter erbärmlichen Bedingungen in Deutschland schuften mussten und in der Sowjetunion als Verräter galten.

Erinnert wird nicht an die unzähligen Invaliden, die nach dem Krieg in der Sowjetunion oft ein erbärmliches Dasein fristen mussten und z.T. auch vor der Öffentlichkeit versteckt wurden und die nach 1989 oft nur noch von einer jämmerlichen Rente existieren mussten und z.T. – sofern sie noch leben – auch heute noch müssen.

Erinnert wird nicht an die unendliche Trauer der Hinterbliebenen von über 20 Millionen Kriegstoten, die die Sowjetunion zu beklagen hatte. Über 20 Millionen ums Leben gebrachte Sowjetbürger, Russen, Ukrainer, Balten, Weißrussen, Juden, Usbeken, Tadschiken,   Turkmenen, Georgier, Armenier u.a. hinterließen ein Leid bei ihren Angehörigen, dass wohl kaum mit dem abgebildeten Denkmal angemessen erinnert wird – falls das überhaupt möglich ist.

„Meinen Sie, die Amerikaner wollen Krieg?“ Ach lassen wir das …

Über den 22. Juni und die Erinnerung

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Das Bild zeigt Moskauer Bürger, wie sie am 22. Juni 1941 der Ankündigung des sowjetischen Rundfunksender über den deutschen Angriff zuhören. Der Fotograph dieses Bildes, Jewgeni Chaldej, notierte in seinem Tagebuch: „Wir begriffen, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.“

Jewgeni Chaldej  war Sohn einer jüdischen Familie aus der Ukraine. Seine Mutter wurde 1918 während eines Pogroms ermordet, er selbst schwer verletzt. 1941 oder 1942 wurden sein Vater und drei seiner Schwestern von den Deutschen ermordet. Chaldej war von 1941 bis 1945 offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee. Von Chaldej stammt das berühmte Bild der Rotarmisten auf dem Reichstag, die die sowjetische Fahne hissten. 1948 wird Chaldej aufgrund seiner jüdischen Herkunft bei der TASS entlassen.

Spuren im Sand

Spuren im Sand

„Deine Spuren im Sand“ heißt ein Schlager. Wie so oft, verbirgt sich in harmlos und unschuldig daherkommenden Metaphern deutscher Schlager das Grauen und verdeutlichen damit den Stellenwert der Erinnerung an das deutsche Morden mehr als alle Erinnerungsstätten in Deutschland.

„Die Menschen … betraten die schnurgerade, von Blumen und Tannen gesäumte Allee, …, die zur Mordstätte führte. … Der Weg war mit weißem Sand bestreut, und die da mit erhobenen Händen vorwärts gingen, erblickten in diesem Boden die frischen Abdrücke nackter Füße: kleine von Frauen, winzige von Kindern und schwere Abdrücke von den Alten. Diese flüchtigen Spuren im Sand waren alles, was von den Tausenden übriggeblieben war, die erst vor kurzem genauso über diese Straße gezogen waren, wie es jetzt die nach ihnen gekommenen viertausend Menschen taten und wie, wiederum zwei Stunden später, es noch Tausende tun würden, … Die Menschen gingen, wie andere gestern oder vor zehn Tagen gegangen waren und morgen oder in 50 Tagen gehen würden – so wie alle, die diese ganzen 13 Monate lang dahinzogen, in denen die Hölle von Treblinka existierte.“

Das schrieb der Journalist der Roten Armee Wassili Grossman in seinem Bericht „Treblinka“, der zusammen mit Konstantin Simonows Bericht über das Vernichtungslager Majdanek in einem Bändchen auch in deutscher Sprache 1945 publiziert wurde. Grossmans Text sollte auch im Buch „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetische Juden“ publiziert werden. Das Schwarzbuch war eine Sammlung von Dokumenten über den Mord der Deutschen an den sowjetischen Juden, das von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegeben werden sollte. Die Herausgabe dieses Buches war in der Sowjetunion nicht möglich. Erstmals gab es eine Ausgabe der russischen Fassung 1980 in Jerusalem. Das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAFK), dass diese Dokumentation veranlasste, wurde 1948 aufgelöst. Viele wichtige Mitstreiter des JAFK wurden während Stalins Herrschaft bis 1952 umgebracht.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion war die zwingende Folge der Naziideologie. In der Herrschaft der Bolschewiki sahen die Nazis eine Seite der Inkarnation der „jüdischen Weltherrschaft“*. Der Begriff „Jüdischer Bolschewismus“ war ein gebräuchliches Schlagwort in der Naziterminologie und wichtiger Bestandteil in der Ideologie des Nationalsozialismus. Schon nach dem Ersten Weltkrieg gehörte diese Propagandaformel zum Standardrepertoire der Nazis und extremen Rechten in Europa.

Dieser wesentliche Bestandteil der Naziideologie bestimmte daher auch das Vorgehen der deutschen Streitkräfte im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Die Begriffe Bolschewik, Jude und Partisan wurden gleichgesetzt. Gefangene Kommunisten (Kommissare) der Roten Armee und Juden (Zivilisten und Angehörige der Roten Armee)  wurden im deutschen Herrschaftsbereich von deutschen Sicherheitskräften gezielt ermordet. So wie der Antisemitismus zentraler Bestandteil der Naziideologie war, so war die Vernichtung der Juden eines der wichtigsten Ziele des deutschen Ostfeldzuges.**

Obwohl viele Sowjetbürger, unter ihnen auch viele Juden, den Kampf gegen die Nazibarbarei als antifaschistischen Kampf*** ansahen, setzte die stalinistische Führung auf die Mobilisierung vor allem des russischen Nationalismus und Patriotismus. Gleichwohl war in der sowjetischen Propaganda auf allen Ebenen permanent die Rede vom Kampf gegen den Faschismus. Der Begriff war Ausdruck der Dimitroffschen These vom Faschismus, der den Faschismus nur als besonders brutale Herrschaftsform des Kapitalismus erklärte. Angesicht der konkreten Barbarei, die von den deutschen Einheiten verübt wurde, war für viele Bürger der Kampf gegen die Sowjetunion keine Frage, doch es verbanden auch viele diesen Kampf nicht nur als einen für die Heimat, sondern auch einen explizit gegen den deutschen Nazifaschismus und mit einer Vorstellung von einer besseren Welt und Zukunft. Im Gegensatz zur Dimitroffschen These füllten sie somit den Begriff Antifaschismus mit konkreten Inhalten.

Dass der deutsche Krieg nicht nur für die Sowjetunion, sondern insbesondere für die Juden in ganz Europa eine existenzielle Bedrohung war, wurde in der offiziellen Diktion der Sowjetunion jedoch ignoriert. Für viele Juden war diese Bedrohung hingegen von Beginn an klar. Sie stellten sich wie viele Sowjetbürger dem deutschen Angriff entgegen. Das JAFK sammelte sogar im Ausland Geld und warb für den Kampf der Sowjetunion. Doch im Zuge der in der Sowjetunion nach 1945 initiierten antizionistischen und antisemitischen Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wurde die Erinnerung sowohl an den Massenmord an den Juden als auch an den Beitrag der Juden im Kampf gegen die Deutschen unterdrückt. ****

Auch in der, in Deutschland und anderen Ländern sich zunehmend durchsetzenden Interpretation des Krieges gegen die Sowjetunion, als ein Kampf zweier blutrünstiger Diktatoren oder zweier totalitärer Systeme, gerät die Interpretation des Kampfes gegen das Nazireich als ein antifaschistischer und die Bedeutung des Antisemitismus in der Naziideologie zunehmend in den Hintergrund. Diese Interpretation trägt dazu bei, dass zum einen der Antifaschismus vieler Rotarmisten und Partisanen in der Interpretation ihres Kampfes keine Rolle spielt, und dass z.B. Ukrainer und Balten als Opfer stalinistischer Repression und des deutschen Nazifaschismus gleichermaßen angesehen werden. Deren massenhafte Beteiligung am Kampf gegen Deutschland in der Roten Armee und in den Verbänden der Partisanen passt auch da nicht in das wohlfeile Geschichtsbild. Für den simplifizierenden Totalitarismus der mit einem unbestimmten Begriff von der Gewaltherrschaft hausieren geht, kann der Antifaschismus der vielen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus nur Ausdruck herrschender Sowjetideologie sein und wird folglich zunehmend diskreditiert. Völlig sinnentleert wird der Antifaschismus als treibendes Element aber auch im gängigen Gebrauch russischer Erinnerungspolitik.

Die Ignoranz des Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie und des deutschen Krieges im Osten im nach 1945 vorherrschenden Antifaschismus (zunächst in der DDR und in Deutschland nach 1989 in den diversen Bewegungen) trägt bis heute dazu bei, dass zum einen die ermordeten Juden als eine Opferkategorie unter vielen subsumiert werden und zum anderen, das Wesen der Naziideologie nicht zu begreifen. Der Ostfeldzug wird in diesem Zusammenhang als extremes Beispiel des Imperialismus begriffen, was wiederum das Unvermögen erklärt, die Kriegshandlungen der Alliierten (und vieler Partisanen) als praktischen und den einzig wirksamen Antifaschismus zu begreifen und eben nicht als Antiimperialismus (den man praktischer Weise von der Roten Armee dann alleine vertreten sieht – und somit die wichtige Rolle der Westalliierten im Kampf gegen Nazideutschland gleich mit erledigt).

* Die andere Seite sahen sie in der „kapitalistischen Plutokratie“ und „Herrschaft des Finanzkapitals“.
**  Es ging aber auch um die Eroberung von „Lebensraum“. Dazu sollten die Bewohner der Sowjetunion hinter den Ural vertrieben und durch Aushungern erheblich  dezimiert werden.
*** Diesem Kampf setzte Wassili Grossman mit seinem zweiteiligen Roman „Die Wende an der Wolga“ und „Leben und Schicksal“ ein beeindruckendes Denkmal. Der zweite Teil seines Romans konnte zu Lebzeiten Grossmans in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden.
**** In der Rote Armee kämpften neben vielen anderen auch viele Balten und Ukrainer. In der Instrumentalisierung der Erinnerung an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg im Dienste eines russischen Chauvinismus gerät dies zunehmend in Vergessenheit.

Jews in the Red Army

Die Vernunft in Scherben

Kassel at its best. Nach Deutschlands Lieblingsisraeli, nach dem Liquidator der kritischen Vernunft, einer Blut-und-Boden-Ideologin, nach der leibhaftigen Inkarnation engagierter Kunst und nach Deutschlands Lieblingspräsidenten soll jetzt der „amerikanische Kronzeuge gegen die Verfehlungen der USA“ Edward Snowden (Tobias Jaecker) Träger eines Preises sein, dem einen Begriff angeheftet wurde, dem er spottet .

Snowden hat zwar nicht den Peter-Sodann-Preis (bonjour tristesse) erhalten, er soll dieses Jahr aber Preisträger des Kasseler „Glas der Vernunft“ sein. Eine Schöpfung provinzieller Kleingeisterei und Selbstbeweihräucherung aus jener Stadt, die am weitesten von allen aus der Ostzone im Westen liegt.

scherbenhaufen

Großkotzig heißt es auf dem Portal der Stadt Kassel:

Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen über Datensammlungen amerikanischer Geheimdienste, die der demokratischen Kontrolle entzogen wurden, für eine deutlich gesteigerte Sensibilität bei den Bürgerinnen und Bürgern gesorgt und vielen Akteuren aus der Politik zum Nachdenken und Umdenken Anlass gegeben. Mit Mut, Kompetenz und Vernunft hat er eine Gewissensentscheidung getroffen und dabei sein bisheriges Leben und seine Sicherheit für eine größere Sache aufs Spiel gesetzt.

Wenn es um die Sache geht, dann kennt man in Kassel offenbar kein Halten mehr. Die Festrede soll der „Schlawiner“ (H.M.Broder), passionierte „Israelkritiker“ und Chefredakteur der Waffen-SZ H. Prantl halten. Laudator wird der Autor jenes Groschenromans sein, der „in keinem gutbesetzen ICE fehlen darf“ (Wertmüller) und der den Deutschen einen pädagogisch wertvollen Entwicklungsroman über die Menschwerdung einer Nazisse lieferte.

Schlafwandlerisch findet zusammen was zusammengehört. Ob Osama bin Laden mit einem Grußwort von den Bahamas live zugeschaltet wird, verraten die Preisausrichter noch nicht, man will sich nicht zu leichtfertig den Drohnen aussetzten.

Provinzieller Größenwahn, Versöhnung mit der Geschichte, Antiamerikanismus und Antisemitismus. Vernunft in Kassel – ein Scherbenhaufen.

Das Elend der Linken III

Antisemitismus – Ein Problem der AfD

Der AfD-Politiker Wolfgang Gedeon übt sich seit Längerem in dem in Deutschland beliebten Volkssport „Israelkritik“. Dabei hat er sich über das gesellschaftlich Tolerable hinaus gewagt und hat das Gedenken an den Holocaust verächtlich gemacht, Horst Mahler verteidigt, die Protokolle der Weisen von Zion als Tatsachen dargestellt, usw. Er hat damit das Sakrileg begangen, Israelkritik bis zur Kenntlichkeit zu entstellen.

Logischerweise begreift er sich – die gängige Ausrede der Volkssportler bemühend – nicht als Antisemit, sondern nur als Antizionist.  (Der vor allem bei vielen örtlichen Linken nicht wohl gelittene Kasseler Journalist Tibor Pesza hat dies in wünschenswerter Klarheit auf den Punkt gebracht: „Ach so, Juden darf es gnädigerweise geben, aber ihren Staat nicht? Antizionismus ist Antisemitismus.“) Die AfD will Gedeon nun aus der Partei schmeißen. Ob der Rausschmiss nun vielleicht eher aus taktischen statt inhaltlichen Erwägungen geschehen soll und ob nun das „Denken“ Gedeons typisch für das Gedankengut dieser Partei ist, oder eher nicht, sei hier nicht weiter expliziert.

Antizionismus – Kein Problem der Linken

Politiker der Linkspartei, die Israel als Passagiere der Mavi Marmara den Krieg an dessen Grenzen erklärt haben, die ihren Vorsitzenden tätlich angegriffen haben – ein Übergriff, der im Gegensatz zum jüngsten Tortenattentat nicht als Angriff „auf uns alle“ interpretiert wurde – , Linke, die die BDS-Kampagne unterstützen und auch der bekannte Antisemitismusleugner Diether Dehm sind bis heute nicht von einem Ausschlussverfahren von ihrer Partei bedroht.

In Kassel sind bekennende Antizionisten Bestandteil des Bündnis gegen Rechts, tolerierte Gäste auf dem 1. Mai-Fest des DGB und als Vertreter der Linkspartei im Stadtparlament vertreten. Das ist kein Zufall. Antizionismus ist populär und der Platzhalter des Antisemitismus und das „Denken“ der Linken hat eine Affinität zum Antisemitismus, auch das sei hier nicht weiter expliziert.

Das Elend der Linken II
Das Elend der Linken I