Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist aus Nordhessen

Sally Kaufmann lebte von 1918 bis 1932 in Kassel. Er wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar als Sohn des Lehrers Markus Kaufmann und dessen zweiter Ehefrau Betty geboren. Kaufmann wollte, wie sein Vater, Lehrer werden. Weil dieser jedoch schon 1893 starb, erlernte er nach dem Schulbesuch den Beruf des Kaufmanns um seine Familie finanziell unterstützen zu können. 1915 wurde Kaufmann in die kaiserliche Armee eingezogen und an die Front geschickt. An der Somme wurde er 1916 schwer verwundet und lag bis 1918 in verschiedenen Lazaretten. Nach den Lazarettaufenthalten besuchte Kaufmann die Abendschule, engagierte sich zunächst in der Kriegsblindenfürsorge und war als Geschäftsführer eines Glas- und Porzellangeschäfts in der Kasseler Innenstadt tätig. 1921 machte er sich mit der Gründung eines Lebensmittelladens in der Hohentorstraße selbständig. Kaufmann war seit 1924 Vorstandsmitglied der Kasseler Gruppe des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF)1 und in der Kasseler Zionistischen Gruppe2, später auch im Elternbeirat der Jüdischen Volksschule, aktiv. 1924 gründete er, zunächst im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Kassels, die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Nordhessen und Waldeck. Ende der zwanziger Jahre war er dann Verleger diverser Zeitungen in verschiedenen Städten Deutschlands und organisierte Lesungen und Kulturabende in Kassel.

Sally Kaufmanns Verlag Jüdischer Gemeindeblätter. Anzeige aus dem Jahr 1931

In der ersten Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung formulierte Dr. Josef Prager3 die Ausrichtung der Zeitung wie folgt: „[…] in der Zeit des Aufbaus wollen auch wir daran gehen, den Ausbau des Alten und den Aufbau des Neuen mit aller Kraft vorzunehmen. […] jetzt […] finden sich alle diejenigen zusammen, die, unbeschadet ihrer verschiedenen Grundeinstellung, in dem Ziel einig sind, dem Judentum zu dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit einzutreten, und an der Verbreitung jüdischen Wissens, der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitzuarbeiten.“ Was jedoch dem Judentum am besten dient und in seinem Interesse sei, genau hierüber entbrannte sehr bald ein heftiger Streit auch in Kassel. Die Zeitung sollte laut Prager zwar „keiner Partei dienstbar sein“, sondern „alle Fragen behandeln, und alle Nachrichten vermitteln, die zu kennen für die Juden jeglicher Partei wichtig sind“ und wenn auch die gegensätzlichen Standpunkte der jüdischen Fraktionen und die Nachrichten aus der Gemeinde und etliche historische Abhandlungen über das nordhessische und Kasseler Judentum publiziert wurden, so lässt sich feststellen, dass die Jüdische Wochenzeitung die Zeitung der Kasseler Zionisten war.

Auch kulturelle Abende, hier ein Jüdischer Vortragsabend, wurden vom Verlag Sally Kaufmanns organisiert. Anzeige aus dem Jahr 1929.

Als Verfechter des Zionismus unter den Kasseler Autoren der Jüdischen Wochenzeitung sind vor allem Julius Dalberg4, Dr. Hermann Kugelmann5 und Walter Bacher6 zu nennen, die wie Kaufmann in der Kasseler Zionistischen Gruppe sowie auch in der zionistisch ausgerichteten Volkspartei aktiv waren. Zahllose Artikel der Jüdischen Wochenzeitung sind ohne Nennung eines Autors. Sally Kaufmann bezeichnete sich in einem Artikel als Schriftführer und war als Herausgeber und Redakteur verantwortlich für die nicht namentlich gekennzeichneten Artikel. Ob ein Teil der Artikel von ihm selbst stammt, ist ungewiss. Sie könnten auch von Dalberg, Bacher, Kugelmann oder anderen stammen. Von Sally Kaufmann gezeichnete Artikel sind nur wenige zu finden. Sie haben das Kürzel „Kfm.“ Möglicherweise sind auch die mit einem „K.“ gekennzeichneten Artikel ihm zuzuordnen.

Hier sollen die Artikel vorgestellt werden, die mit „Kfm.“ gekennzeichnet sind. Sie sind in den Jahren 1924 – 1926 veröffentlicht worden. Auch wenn Sally Kaufmann in einer Auseinandersetzung mit der Jüdischen Gemeinde seine Neutralität als Berichterstatter betonte und er im Jahr 1925 seine Position als zweiter Vorstand in der Zionistischen Ortsgruppe abgab, sind seine Sympathien eindeutig zu identifizieren.

Der erste von Kaufmann unterzeichnete Bericht ist ein Artikel über einen Vortragsabend des führenden Mitglieds des RjF, Segelfliegers und ehemaligen Kampffliegers des Ersten Weltkrieges, Jakob Ledermann7. Der Abend wurde vom Landesverband des RjF ausgerichtet. Kaufmann fasste in seinem Artikel, der am 31.10.2014 in der Jüdischen Wochenzeitung erschien, die von Ledermann propagierten Aufgaben des RjF so zusammen:

Der RjF sei „kein Kriegerverein [..], sondern [habe] in erster Linie die Aufgabe, die Wacht am Grabe der gefallenen 12.000 jüdischen Soldaten gegenüber Schmähungen und Verdächtigungen zu halten. Der RjF werde es nicht dulden, daß die Toten sowie die Lebenden an ihrer Ehre gekränkt und mit Haß und Mißgunst überhäuft würden. Ein vorzügliches Mittel in der Abwehrbewegung sieht Ledermann in der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend. Schon von frühester Jugend an gehöre die Jugend in die jüdischen Sportvereine. Es ist dieses das große Verdienst des RjF, daß er die Turn- und Sportbewegung unter der jüdischen Jugend fördert, da dadurch immer weitere Kreise erfaßt werden, die sich teilweise früher ablehnend verhalten haben. Ledermann appelliert an die Anwesenden, besonders aber an die jüdische Jugend, eifrig Turnen und Sport zu treiben, und auf dem Wege der körperlichen Ertüchtigung weiter fortzuschreiten. Wer Turnen und Sport treibt, vermeide auch die Likörstuben und trete auch nach außen einfach und schlicht auf. Nur in einem gesunden Körper wohnt eine gesunde Seele.“

Kaufmann bezeichnete Ledermann als sympathischen Redner, der seinen einstündigen Vortrag so gestalten konnte, dass er das Publikum und offensichtlich auch Kaufmann bis zum Schluss fesselte.

Der nächste, ein am 28.11.1924 veröffentlichter Artikel, befasste sich mit einer Versammlung des Centralvereins (CV).8 Der Bericht über die Versammlung des CV, der sich schon 1925 erbitterte Auseinandersetzungen mit den Zionisten lieferte, ist nicht anders als wohlwollend zu bezeichnen. Der Artikel verweist darauf, dass Kaufmann dem Gebot der journalistischen Objektivität folgen konnte, wenn er wollte.

Kaufmann erwähnte zunächst die fruchtbare Zusammenarbeit des CV mit dem RjF im Abwehrkampf9: „Für den letzten Reichstagswahlkampf wurden von hier überall Redner gesandt, um auf den Landgemeinden den völkischen Agitatoren entgegenzutreten. Besonders bewährte sich die Arbeitsgemeinschaft mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der stets dabei war, wenn es galt, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch bei dem diesmaligen Wahlkampf steht der R.J.F. mit dem Centralverein zusammen und hat sein Bureau Friedrich-Wilhelmsplatz 2 zum Abwehrkampf eingerichtet.“

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Völkischen nahm dabei das juristische Vorgehen gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein.  Kaufmann berichtete weiter: „Herr Dr. Holländer10, der nun das Wort ergriff, sprach über ‚Neue Wege der praktischen Arbeit‘. Seine Ausführungen, die mit starkem Beifall aufgenommen wurden, […] waren bemerkenswert. Besonders interessant war, wie er den Werdegang dieser Fälschung beschrieb. Er bezeichnete es als Barbarei, daß es heute noch möglich sei, eine solche Fälschung in die Welt zu setzen, die auch geglaubt würde, ohne daß der Beweis dafür von dem Fälscher gefordert würde.“

Kaufmann schloss den Artikel mit einem Problem ab, das schon vor der Machtübernahme der Nazis existierte und bis heute aktuell ist:  „Als besonders gefährlich schildert mit Recht Holländer die Boykottdrohungen, die besonders aus Pommern kommen, wo jüdischen Geschäften der Boykott angedroht sei. Einen sog. ‚trockenen Pogrom‘, wie Wulle ihn nennt. Auch dagegen sei der Centralverein gerüstet. Er schloß damit, daß er versicherte, daß der Centralverein jederzeit auf dem Platze sei, wenn es gelte, für Deutschland und Judentum zu kämpfen.“

Im Januar des Folgejahres lässt sich im Artikel über den Delegiertentag der deutschen Zionisten Kaufmanns politische Positionierung deutlicher herauslesen. An diesem Delegiertentag in Wiesbaden war der, wie es Kaufmann anmerkte, vom zahlreichen Publikum stürmisch begrüßte, Prof. Dr. Weizmann11 zugegen, der auch bei Kaufmann einen bleibenden Eindruck hinterließ. Kaufmann zitierte in seinem am 2. Januar 1925 erschienen Artikel die von Weizmann aufgegriffene und auf die aktuelle Entwicklung in Palästina umformulierte Botschaft Theodor Herzls12: „Er [der Zionismus; d.V.] ist aus der Zeit der Hoffnung auf ein Wunder auf das Gebiet der Wirklichkeit gelangt“ und schloss die Ausführungen über Weizmanns Ausführungen mit der Benennung des Zwecks des zionistischen Projekts ab, dass „Palästina das einzige Land der Welt ist, das ungehindert Juden einlasse, nachdem die Tore Amerikas für die Juden fast verschlossen sind. Welcher Jude würde es wagen, so schließt Prof. Weizmann, heute, wo besonders im Osten eine furchtbare Judennot bestände, seinen Arm gegen den Aufbau Palästinas zu erheben?“

Der Konflikt mit dem Centralverein, der auf dem Delegiertentag einen Widerhall fand, wurde von Kaufmann wie folgt geschildert: „Zur innerjüdischen Politik stellte der Redner [Kurt Blumenfeld13; d.V.] fest, daß der deutsche Zionismus niemals – wie der Centralverein – nationale Autonomie für die deutsche Juden gefordert hat. Gegen die antizionistische Wahlparole des Centralvereins wandte sich Blumenfeld mit großer Schärfe und unter dem lebhaftesten Beifall des ganzen Delegiertentages; insbesondere mit dem Argument, daß der Centralverein das ganze deutsche Judentum uniformieren möchte und jeden ächte, der nicht hinein paßte.“

Darauf folgte von Kaufmann ein Artikel über die Hauptversammlung des Centralvereins in Berlin, der sich u.a. mit der Frage der Unterstützung des russischen Projektes „ORT“14 befasste. Kaufmann meinte, dass die Unterstützung der Tätigkeit des „ORT“ durch den Centralverein auch von den Zionisten, von denen er in diesem Zusammenhang von „wir Zionisten“ spricht, positiv vermerkt werden müsse, denn für „[…] diese Aktion [setzen sich] auch diejenigen Kreise ein, die vor nicht langer Zeit erklärt haben, es sei ein Verbrechen, wenn das in Deutschland gesammelte Geld einem ausländischen Land zugeführt würde.“ Und Kaufmann begann dann gegen seinen politischen Gegner regelgerecht zu keilen, indem er im Folgenden bissig bemerkte, „ […] ein bekannter deutscher Rabbiner verstieg sich zu dem ungeheuerlichen Ausspruch, daß es Landesverrat sei, Geld nach Palästina für den Keren Hajessod15 zu geben“ und merkte dann schon fast süffisant an, „und jetzt stehen gerade diese Kreise auf und fordern die deutschen Juden auf, ihr Geld nach Rußland für die Umschichtung der russischen Juden zu geben.“ Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung griff diese Haltung des CV in seinem Artikel nochmals auf, um dann gegen den CV zu polemisieren:

„Wie ist es nun möglich, daß auf einmal ein großer Umschwung in der Ansicht der früheren Leute im C.V. stattgefunden hat? Ja, zur selben Zeit, in der die eingangs erwähnte Versammlung stattfand, in der sich der Vorsitzende des C.V. erfreulicherweise für eine Sammlung für ein außerhalb Deutschlands liegendes Werk einsetzt, finden wir in der C.V-Zeitung einen Angriff auf den Keren Hajessod, der aus einer amerikanischen Zeitung entnommen ist und in der es heißt, ‚daß es eine Sünde ist, von den Juden dieser Länder (Deutschland, Polen, Rumänien usw.) soviel Geld ins Ausland zu senden, wenn es doch so dringend nötig in der Heimat gebraucht wird, um die Not in der Heimat zu heben‘. Das Organ des C.V. bemerkt dazu: ‚Wir haben nichts weiter hinzuzufügen.‘ Besteht nicht darin eine große Unlogik, daß man für die Sammlung in Rußland eintritt, und mit demselben Argument gegen eine Sammlung in Palästina ist? Oder liegt Rußland nicht mehr im Ausland?“

Auch in Kassel wurde der Konflikt mit Schärfe geführte. Den Zionisten wurde völkisches Denken und Nationalismus vorgehalten, die Zionisten warfen dem Centralverein einen nicht zu rechtfertigenden Alleinvertretungsanspruch, mangelnde Unterstützung bedürftiger Juden und mangelnde Unterstützung der jüdischen Auswanderung nach Palästina vor. Kaufmann steuerte mit seinem letzten persönlich gezeichneten Artikel eine scharfe Polemik bei. In einer am 14.05.1926 veröffentlichten Replik stellte er die, seiner Auffassung nach, unlauteren Methoden der Gegner des Zionismus bloß. In seinem mit „Darf man die Wahrheit über Palästina sagen?“ überschriebenen Artikel griff er in aller Schärfe einen als Kronzeugen präsentierten Autor an, auch indem er seine persönliche Integrität in Frage stellte. In der Jüdisch-liberalen Zeitung konnte ein Joachim Fischer, der sich länger in Palästina aufhielt, gegen den Zionismus Stellung beziehen.15 Kaufmann machte sich zunächst darüber lustig, dass der Autor Fischer seinen „ehrlichen“ Namen Chaim gegen Joachim ausgetauscht habe und durchschaute die bis heute gern verwendete Methode, mangels eigener überzeugender Argumente, jemanden in Stellung zu bringen, der allein aufgrund seiner Herkunft und / oder der vermeintlich oder tatsächlichen Lebenserfahrung nur Recht haben könne. Er schrieb, man solle sich vergegenwärtigen, mit welchen Mitteln „gegen das Aufbauwerk in Palästina gehetzt wird, wer die Kronzeugen der Gegner sind.“

Dann wird Fischer als Bankrotteur und Opportunist dargestellt, der Frau und Kinder mittellos zurückgelassen habe und Kaufmann schloss seine Polemik mit folgender Bemerkung launisch ab: „Wer dächte [im Falle Joachim Fischer; d.V.] nicht an den Schmock aus Freytags ‚Journalisten‘, der ‚da kann schreiben rechts und kann schreiben links?‘ Nur daß Schmock ein ehrlicher armer Teufel war und nicht Frau und Kinder im Stich gelassen hat. Mancher, der sich für den Aufbau Palästinas interessiert – auch der Nichtzionist – wird dabei an Friedrich des Großen Ausspruch beim Anblick gefangener Banduren denken: ‚Und mit solch einem Pack muß ich mich herumschlagen!’“

Kaufmanns Bericht über den 14. Zionistenkongress in Wien

Der 1925 von Kaufmann verfasste Bericht über den 14. Kongress der Zionisten sei zum Schluss nochmal ausführlich zitiert. Er drückt am deutlichsten Kaufmanns Haltung zum Zionismus aus.

„[…] der Kongreß [ist] das geblieben, was er von Anfang an war und als was sein Schöpfer sich ihn gedacht hat: die sichtbarste und repräsentativste Manifestation des Zionismus‘ und die stärkste Betonung des jüdischen nationalen Lebenswillens. Der Kongreß ist eine Erscheinung von stärkstem Interesse und seltenem Reiz für jeden, der Gelegenheit hat, daran teilzunehmen. Schon seine Zusammensetzung und die Art seiner Teilnehmer machen ihn zu einem Ereignis von ungewöhnlicher Art. Kaum ein zweiter nationaler Kongreß dürfte eine solche Mannigfaltigkeit und Differenziertheit unter seinen Delegierten, Journalisten und Gästen aufzuweisen haben, wie der Kongreß der Zionisten. Alle Länder der Welt, wo Juden wohnen, sind bei diesem Kongreß vertreten. […] Auch der entschiedenste Gegner der zionistischen Bewegung kann nicht bestreiten, dass in den 28 Jahren, seitdem durch Theodor Herzl diese jüdische Tribüne errichtet wurde, diese Bewegung ein großes Stück weitergekommen ist. Wohl demonstrieren wir auch heute durch unseren Weltkongreß, um der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß der Zionismus lebt und daß er zu stärksten Potenz im jüdischen Leben geworden ist. Aber der Zionistenkongreß ist längst nicht bloß eine Demonstration, denn wenn er auch nur alle zwei Jahre für eine kurze Zeitspanne zusammentritt, so zeigt er der Welt mehr als eine Heerschau über die Stärke der zionistischen Bewegung. Aus den Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen dieser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft.“

Die Begeisterung, die dieser Kongress bei dem Berichterstatter auslöste, kann dieser kaum verhehlen, im Gegenteil: In der Beschreibung einzelner Szenen des Kongresses wird diese unmissverständlich deutlich. Den Auftritt Weizmann schilderte Kaufmann wie folgt: „Schon viele Stunden vor Beginn der Eröffnungssitzung war die Straße, in der der Kongreß tagte, schwarz von Menschen. Das Konzerthaus, ein Bau größer als die Stadthalle, konnte kaum die Hälfte der Menschen fassen, die Einlaß begehrten. Der Saal bietet mit seiner kunstvollen, vornehmen Ausstattung eine herrliche Umgebung für die Beratungen dieses Parlaments. Um 7.15 Uhr wird es plötzlich totenstill im Saal. Die Exekutive tritt ein. Dr. Weizmann schreitet zum Präsidentenpult. Und plötzlich bricht eine ungeheure stürmische Ovation los, die nicht enden will.“

Das Ende der Eröffnungsszene fasste Kaufmann, merklich in pathetischer Stimmung, wie folgt zusammen: „Und nun ist der Kongreß eröffnet. Zwei Jahre mühevoller Arbeit der zionistischen Organisation sind abgeschlossen, eine neue Arbeitsperiode, nicht minder mühevoll und schwer, hat begonnen. Der brausende Gesang der nationalen Hymne, in die die gewaltige Versammlung einstimmt, schließt wirkungsvoll die Eröffnungssitzung.“

Ein Ereignis trübte dann doch auch Kaufmanns begeisterte Berichterstattung über den Kongress. Eine nicht „unerhebliche“ Zahl an Hakenkreuzlern marschierten in Wien auf, um die Veranstaltung zu stören. Doch wurden sie von der „Polizei in andere Teile der Stadt abgedrängt, so daß die Begrüßung der Delegierten durch die Wiener zionistische Organisation völlig ohne Störung verlief.“ Kaufmann schrieb damals optimistisch, „man hat überhaupt den Eindruck, als ob die Wiener Bevölkerung mit Bedauern die Demonstrationen der Hakenkreuzler betrachtet“ und stellte fest, dass sie „zum großen Teil […] aus Deutschland gekommen sind, um anläßlich des Kongresses im Trüben zu fischen.“

Nach 1926 sind dann keine persönlich gezeichneten Artikel Kaufmanns mehr zu finden. Lediglich einige redaktionelle Bemerkungen und Hinweise finden sich hier und da, in denen er vor allem seine journalistische Integrität verteidigt. Die hier dargelegte Positionierung und Schärfe seiner Polemik findet sich nicht mehr. Angesichts des eingangs dargelegten, von Prager formulierten Anspruchs der Zeitung, drängt sich die Interpretation auf, dass sich Kaufmann als Herausgeber nicht zu sehr mit seinen eigenen Positionen exponieren wollte.

Die Erklärung „In eigener Sache“ vom 19.12.1930 schildert eine Auseinandersetzung mit einem Vertreter der Gemeindeältesten und dem Kreisvorsteher Lazarus, die der Jüdischen Wochenzeitung tendenziöse Berichterstattung vorwarfen. Dieser Vorwurf wurde in einer Erklärung der Gemeindeältesten entkräftet, eine Erklärung die in Abwesenheit Julius Goldbergs zustande kam, wie Sally Kaufmann betonte.

Die Tätigkeit als Verleger und Herausgeber trugen zu Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation der Kaufmanns bei. Ende 1927 konnten sie sich in der Kölnischen Straße 77 ein Haus kaufen, in welchem sie ab 1931 eine großzügige und modern eingerichtete, von Kaufmann als „alles in gut-bürgerlicher Ausstattung“ beschriebene, Wohnung bewohnten. Kaufmann erwähnte 1955 in einem Schreiben an das Regierungspräsidium Kassel (die Entschädigungsbehörde), dass sich in der Wohnung u.a. eine Original-Radierung von Hermann Struck17 als auch eine wertvolle Bibliothek befanden. Das ehemalige Hausmädchen Katharina Kamman berichtete, dass die Kaufmanns häufig und viel Besuch empfingen. Von als eher in ärmlich und bescheiden zu bezeichnende Verhältnissen lebend, hatten es die Kaufmanns zu etwas gebracht.

Aufgrund wiederholter Konflikte mit dem damals in Kassel als Rechtsanwalt und Stadtverordneter der NSDAP tätigen Roland Freisler beschloss Kaufmann mit seiner Familie Kassel 1932 zu verlassen. Kaufmann ging nach Belgien. Der Rest der Familie verließ Kassel, um vorübergehend in Darmstadt bei den Eltern von Helene Kaufmann unter zu kommen. Sally Kaufmann arbeitete zunächst in Belgien als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung um dann mit seiner Familie im April 1933 nach Palästina auszureisen.

Kaufmanns Schwager und Prokurist seines Verlages, Ludwig Goldberg (Eleasar Gilad)18, führte die Jüdische Wochenzeitung noch bis in den April 1933 weiter, bis sie dann in ihrem 10. Erscheinungsjahr eingestellt wurde und Goldberg, wie er notiert, alles zurücklassend „Hals über Kopf flüchten“ musste. Die Kaufmanns reisten, wie der Sohn Mordechai Tadmor (Martin Kaufmann) berichtete, aufgrund eines „Kapitalistenzertifikates19 nach Palästina ein. Der größte Teil ihres Vermögens, der Hausbesitz, wie die Einrichtung der Wohnung und vermutlich große Teile der wertvollen Bibliothek, gingen jedoch verloren. Und so wie Arnold Zweig20, der einer der wichtigsten Autoren der Jüdischen Wochenzeitung war, und viele andere Jeckes, geriet Sally Kaufmann in Palästina nach seiner Ankunft schnell mit der Realität im Jishuw in Konflikt. Kaufmann weigerte sich, Hebräisch zu sprechen und konnte in keiner Hinsicht an seine gesellschaftliche Reputation und seinen wirtschaftlichen Erfolg, den er in Kassel erreichen konnte, anknüpfen. Versuche sich selbständig zu machen scheiterten. Schwer krank, in Kassel bis heute weitgehend vergessen, starb Sally Kaufmann verarmt21 1956 in Givayatim.

1 Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) war die Organisation der jüdischen Soldaten in Deutschland. 1919 gegründet, hatte er zeitweilig bis zu 55.000 Mitglieder. Der RjF war vor allem im Kampf gegen den Antisemitismus aktiv und vertrat mehrheitlich eine Politik der jüdischen Assimilation. 1938 wurde er zwangsweise aufgelöst.

2 In Kassel organisierte sich als lokale Organisation die Zionistische Gruppe, deren Vorsitz bis 1925 Dr. Hermann Kugelmann und Sally Kaufmann und dann Julius Dalberg und Dr. Willy Weisbecker innehatten. Deutschlandweit organisierte sich 1894 die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZvfD). Ihre Mitgliederzahl erreichte 1923 33.000, ging dann aber wieder zurück. Bis 1933 hatte das Hauptaugenmerk dieser Bewegung, die Einwanderung nach Palästina zu fördern, nur einen geringen Erfolg. Als Vertretung des Zionismus innerhalb der deutschen jüdischen Organisation trat die „Jüdische Volkspartei“ in Erscheinung, die in Kassel von Dr. Kugelmann und Dr. Weisbecker in Hessen Nassau u.a. von Josef Prager repräsentiert wurden. Auch in Kassel gab es eine heftige Auseinandersetzung mit den Vertretern des Centralvereins (CV; vgl. FN 8). In den Beilagen der Jüdischen Wochenzeitung (Mitteilungen der Zionistischen Ortsgruppe und Mitteilungen des Centralvereins, Ortsgruppe Kassel) im Jahr 1925 sind die gegensätzlichen Positionen beider Seiten dokumentiert.

3 Josef Prager, geb. 1885 (Hannover) – gest. 1983 (Haifa), Arzt, Vertreter der Jüdischen Volkspartei für Hessen Nassau, wanderte 1932 nach Palästina aus.

4 Julius Dalberg, geb. 1882 in Essento (Marsberg) – ermordet 1943 (Sobibor), Rechtsanwalt, im RjF und in der Zionistischen Gruppe Kassel aktiv, Vertreter der Gemeindeältesten der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Von den Nazis 1933 schwer misshandelt, floh er nach Ende 1933 nach Holland.

5 Dr. Hermann Kugelmann, geb. 1891 (Witzenhausen) – gest. 1975 (Witzenhausen), Rechtsanwalt. Führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei in Hessen Nassau und Kassel. 1936 nach Palästina ausgewandert, nach dem Krieg nach Kassel zurückgekehrt. Kugelmann vertrat zeitweilig die Familie Kaufmann in den Verfahren der Entschädigung als Verfolgte des Nationalsozialismus.

6 Walter Bacher, geb. 1892 (Breslau) – ermordet 1944 (Buchenwald), Lehrer, Aktivist des RjF und der Zionistischen Ortsgruppe Kassel, kehrte nach einer Reise nach Palästina im Jahr 1936 nach Deutschland zurück. 1938 versuchte er mit seiner Frau vergeblich Deutschland zu verlassen. 1941 nach Riga deportiert.

7 Jakob Ledermann, geb. 1894 – gest. 1947 (Tel Aviv), Lehrer. Im Ersten Weltkrieg Kampfflieger, bis 1933 Generalsekretär des RjF.

8 Der bereits 1883 gegründete Centralverein (CV) war der größte jüdische Verband in der Weimarer Republik. Er positionierte sich gegen den Zionismus und sah sein Hauptbetätigungsfeld im Kampf gegen den Antisemitismus und gegen die Boykottbewegung.

9 Der Abwehrkampf war eines der Hauptbetätigungsfelder des CV. Abwehrkampf bezeichnete die juristische, agitatorische und vom RjF auch handgreiflich geführte Auseinandersetzung gegen die völkischen und antisemitischen Gruppierungen, deren Tätigkeiten 1922 mit der Ermordung Walter Rathenaus und 1923 mit einem Pogrom im Berliner Scheunentorviertel unrühmliche Höhepunkte fanden. Insbesondere richtete sich der Abwehrkampf gegen die antisemitische Boykottbewegung und gegen das weite Verbreitung findende antisemitische Pamphlet der „Protokolle der Weisen von Zion“.

10 Ludwig Holländer, geb. 1877 (Berlin) – gest. 1936 (Berlin), führender Aktivist und Jurist (Syndicus) für den Centralverband. Publizist und seit 1922 Chefredakteur der Centralverband-Zeitung.

11 Chaim Weizmann, geb. 1874 (Pinsk, Weißrussland) – gest. 1952 (Rechovot, Israel), Chemiker. Präsident der Zionistischen Weltorganisation, 1949 – 1952 Staatspräsident Israels

12 Der 1902 erschienene utopische Roman „Altneuland“ Theodor Herzls trug den Untertitel: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.

13 Kurt Blumenfeld, geb. 1884 (Marggrabowa, Ostpreußen) – gest. 1963 (Jerusalem), Jurist und Parteisekretär der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes, seit 1936 Direktor des Keren Hayesod (vgl. FN 13), zog 1945 nach Palästina.

14 ORT = Organisation – Reconstruction – Training. 1880 in Russland zur Berufsausbildung von Juden in Russland gegründet. Vorübergehend auch in der Ansiedlung von Juden in einem Ansiedlungsrayon tätig. Seit 1921 als internationale Organisation in Berlin zur Ansiedlung und Berufsausbildung von Einwanderern nach Palästina / Israel tätig.

15 Der Keren Hayesod wurde 1920 auf dem Zionistischen Weltkongress zur Förderung der Einwanderung und Integration von Juden in Palästina / Israel gegründet. Hauptsächlich aktiv in der Spendensammlung.

16 Der Artikel erschien am 7. Mai 1926 in der Jüdisch-liberalen Zeitung in einem bis heute bei Antizionisten beliebten Duktus unter der Überschrift: „Warum soll man nicht die Wahrheit über Palästina veröffentlichen dürfen?“ Aber im Gegensatz zu Antizionisten von heute, stellt Fischer in erster Linie die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Wirtschaft der Einwanderungsgesellschaft in Frage. Die Jüdisch-liberale Zeitung erschien von 1920 bis 1936 und wurde von Julius Loeb in Breslau herausgegeben. (Vgl. Jüdisch-liberale Zeitung)

17 Hermann Struck, geb. 1876 (Berlin) – gest. 1944 (Haifa), Struck war um die Jahrhundertwende ein einflussreicher Zeichner, Maler, Radierer und Lithograf, der einige bekannte Porträts schuf. In Palästina half er bei der Gründung des Tel Aviv Museum of Art.

18 Goldberg war mit Mathilde Enoch, der jüngeren Schwester Helene Kaufmanns, verheiratet.

19 vgl.: Palästina als Zufluchtsort der Europäischen Juden. BpB, 16.09.2014

20 Arnold Zweig, geb. 1887 (Glogau) – gest. 1968 (Ost-Berlin), Schriftsteller (Der Streit um den Sergeanten Grisha; Das Beil von Wandsbek); in den zwanziger Jahren Anhänger des Zionismus, floh 1934 nach Haifa. Schon 1932 änderte sich seine Haltung zum Zionismus. In Palästina geriet er auch aufgrund seiner Bevorzugung der deutschen und jiddischen Sprache und als Vertreter einer Politik der Aussöhnung mit den Arabern in Konflikt mit jüdisch-nationalistischen Gruppen des Jishuw. Zweig kehrte 1948 nach Ost-Deutschland zurück, in der DDR Kulturfunktionär.

21 Die Abteilung für Sozialarbeit in Tel Aviv bescheinigte den deutschen Wiedergutmachungsbehörden im Jahr 1955, dass der mittlerweile schwer erkrankte Sally Kaufmann über kein Vermögen und nur über ein unzureichendes Einkommen verfügte.

Über Sally Kaufmann und seinen Sohn Mordechai Tadmor ist der Blogbeitrag Ungedanken – Kassel – Tel Aviv  veröffentlicht worden, indem auf die etwas ausführlichere Broschüre über die Familie Kaufmann verwiesen wird.
Einige Angaben über die Familie Kaufmann sind auf der Internetseite des Vereins Stolpersteine in Kassel zu finden.
Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar hat der Zeitung Sally Kaufmanns ebenfalls ein paar Absätze in seinem Aufsatz „Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde“ gewidmet.

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Der jüdische Großvater erzählt

Ein Lob der Palmach und Erfahrungen in Norditalien*

*Eine Audiodatei, anklicken und anhören: Mordechai Tadmor erzählt über einige Erfahrungen als Soldat der jüdischen Brigade in Norditalien mit der er an der Bricha beteiligt war, einen unautorisierten Ausflug nach Klagenfurt unternahm und dann, nachdem er nach Urlaubsgewährung wieder nach Italien zurückwollte, zur Strafe in die Wüste versetzt wurde. Der Kommandant einer Einheit im Befreiungskrieg lobt ferner den Palmach und erzählt über eine Festung bei Jerusalem, in der er seiner zukünftigen Frau Edith ein besonderes Essen servierte.

Gegen den Anti-Islamismus – im Namen der Opfer

„Genauso wie wir alle Formen von Hass auf Andersdenkende und Gewaltanmaßung verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Faschismus in unserem Land. Dies sind Formen von Intoleranz und Demokratieverachtung, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Erklärt die VVN-BdA nach dem Brandanschlag auf das Auto des Politikers der Jungen Alternative Lars Steinke aus Göttingen1 und der lebensgefährlichen Prügelattacke auf einen Teilnehmer einer Kundgebung „Merkel-muss-weg“ in Hamburg.2 Daran kann etwas nicht stimmen. Die Kasseler VVN-BdA stellt sich doch nicht vor Rechtsausleger, mutmaßliche Faschisten oder vor die, die vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben, denn die Gewalt gegen diese geht ja von den Leuten aus, die eine Gesinnung vor sich her tragen, die sie, wie die VVN-BdA die ihre,  Antifaschismus nennen. Aber nichts ist wie es scheint, eine ähnlich lautende Erklärung veröffentlichte die VVN-BdA aus Kassel, nur dass die Aktion, die es zu verurteilen gab, sich nicht gegen vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Faschisten deutscher Provenienz richtete,  sondern gegen waschechte, türkischer Herkunft.

In Kassel kam es an diesem Wochenende zu einem Brandanschlag auf eine Moschee. (vgl., HNA, 25.03.2018) Die VVN-BdA ließ erklären: „Genauso wie wir alle Formen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Islamismus (sic!) in unserem Land. […] Die VVN-BdA versichert den türkischen Mitbürgern in unserer Stadt und allen Menschen aus anderen Ländern ihre volle Solidarität gegen rassistische und fremdenfeindliche Angriffe.“ Das Engagement der unermüdlichen Kämpfer gegen Rechts gegen einen vermeintlichen antimuslimischen Rassismus ist hier schon gegen einen gegen den „Anti-Islamismus“ mutiert und das macht es so bodenlos: Sie verkaufen dieses Statement als „Vermächtnis der Überlebenden des menschenverachtenden deutschen Faschismus.“3

Der Brandanschlag richtete sich gegen die Yunus Emre Moschee in Kassel. Da Antifaschisten ja bekannt dafür sind, dass sie recherchieren, sollte man voraussetzen können, dass die VVN-BdA wusste, vor wen sie sich stellt, als sie in ihrer Erklärung tönte, dass Gotteshäuser keine Zielscheiben politischer Aktionen zu sein haben. Was, wenn diese „Gotteshäuser“ nämlich Horte der Reaktion, der Menschenverachtung und ja vor allem des Antisemitismus sind? Wusste die VVN-BdA es nicht, sind ihre Streiter bestenfalls naiv und dumm, wussten sie es, ist ihre Erklärung umso unverschämter. Eine Gruppe, die es verdient antifaschistisch bezeichnet zu werden, hat recherchiert. Diese Moschee wird von dem „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB betrieben.4

Schon bei Wikipedia5 kann man erfahren, mit was für einer Truppe man es hier zu tun hat: „Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und des türkischen Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden. […] Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest: ‚Unser Weg ist der Weg Gottes, unser Weg ist der Weg des Korans, unser Weg ist der Weg des [nationalen] Ideals.‘ Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl), zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan) oder als Kampf zwischen der ‚Nation des Islam‘ (Millet-i İslamiye) und der ‚Nation des Unglaubens‘ (Millet-i Küfriye) Die Website des ATB enthielt ferner eine ‚Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz‘ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele: ‚Die Strafe für Ehebruch lautet für verheiratete Männer und Frauen auf Steinigung, für unverheiratete auf 100 Stockschläge.‘ ‚Wenn er auf Abkehr [vom Islam] besteht und nicht Buße tut, wird er zum Tode verurteilt.‘ […] Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.“ Lupenreiner islambasierter Faschismus eben. Die VVN-BdA schweigt zu Gewaltaktionen gegen klassische und autochtone  Rechte, den Wiedergängern des Gestern, sie tönt in moralischer Erhabenheit „Nie wieder!“, wenn Gewalt gegen die Rechten, gegen den Faschismus von heute ausgeübt wird.

Warum also die VVN-BdA im Zusammenhang dieses Anschlags den „Anti-Islamismus“ inbrünstig verurteilt und mit Abscheu und Entsetzten auf einen Anschlag gegen eine islamfaschistische Einrichtung reagiert, verweist auf den Geisteszustand und moralische Verwahrlosung der VVN-Leute. Nicht nur das, das Manöver ist durchsichtig, denn es beginnt diese Verurteilung mit einer faustdicken Lüge, indem sie behauptet, sich gegen „alle Formen von Antisemitismus“ zu wenden. Eine Organisation, die Veranstaltungen im Café Buch-Oase abhält, den Ostermarsch regelmäßig unterstützt, Rolf Becker einlädt und den Kasseler Friedensratschlag verlinkt, hätte genug Anlass, sich vor allem mit sich selbst und den Bündnisgenossen zu befassen. Die Aneinanderreihung von Antisemitismus, Rassismus und Anti-Islamismus, die es zu bekämpfen gelte, ist durchsichtig und abgeschmackt, weil hier eine Idiosynkrasie zum Ausdruck kommt, die zwar vom Engagement gegen Antisemitismus spricht, aber den Anschluss zu eben diesem in seinen aktuellen Erscheinungsformen sucht.

Weil Brandsätze gegen Moscheen geworfen worden sind, suggeriert die VVN-BdA, „Moscheen brennen“ und sie wissen genau, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, insbesondere dann wenn sie von einem „Vermächtnis der Opfer des deutschen Faschismus“ sprechen. Und sie wissen auch genau, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, wenn sie tönen, man müsse sich gegen den Anti-Islamismus widmen. Sie vernebeln mit diesem Sprech, das was sie meinen: Kampf denen, die den Kampf gegen den Islamismus führen. Ihren Kampf wollen sie gerne auch mit einer „aktiven Friedenspolitik“ verbunden sehen. Es verwundert daher nicht, wenn die VVN-BdA beim Ostermarsch dabei ist und in Kürze mit den üblichen Verdächtigen wieder für den Abzug aus Afghanistan und für das Recht des Iran auf die Atombombe wirbt. (Dass das Anzünden von Moscheen eine Straftat und kein probates Mittel im Kampf gegen den Islamismus ist, ist eine Binsenweisheit, die man in zwei Sätzen hätte schreiben können.)

1 Unbekannte setzen Auto in Brand, Göttinger Tageblatt, 15.03.2017

5 Verband der türkischen Kulturvereine in Europa, https://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_türkischen_Kulturvereine_in_Europa, 27.03.2018

Der totale Dialog

Man stelle sich vor, ein der SPD angehörender Oberbürgermeister würde sich im Kaiser-Wilhelm-Kostüm als Gast einer Versammlung zeigen, die die Reichskriegsflagge und mit Hakenkreuzen versehene Wimpel der Freikorps präsentiert.1 Die Gruppe, die ihn zur Versammlung eingeladen hätte, würde mehrere Zentren in der Stadt unterhalten, in denen bei Versammlungen und Busfahrten der Führergruß entrichtet wird, in denen aus Mein Kampf rezitiert würde und regelmäßig zum Sedantag Festveranstaltungen stattfinden würden.

Sultan Hilgen – Symbol für den Kasseler Dialog

Anlässlich einer antifaschistischen Aktion in einer anderen Stadt würde diese Gruppe zu einer Großkundgebung aufrufen, die den kompletten Königsplatz füllte und einer der Hauptredner würde seinen Gegnern die Vernichtung androhen und würde über die bei den Auseinandersetzungen gefallenen Kämpfer schwadronieren, dass sie als Helden in Walhalla zum Festmahl erwartet würden. Würde ein Oberbürgermeister, der einer solchen Gruppe die Ehre erweisen würde, in Amt und in der Partei bleiben?Würde man diese Truppe in die Jugend- und Bildungsarbeit einbinden?  Würde mit dieser Truppe ein Dialog geführt werden? Wohl eher nicht. Aus viel geringerem Anlass sagte der OB eine Teilnahme an einer Frühjahrsausstellung ab, weil dort ein kleiner Stand der AfD aufgebaut werden durfte.

Aber all dies ist möglich, wenn man das Kaiser-Wilhelm-Kostüm mit dem eines osmanischen Sultans austauscht, die Reichskriegsflagge mit der der Osmanen, die mit Hakenkreuz verzierten Wimpel der Freikorps mit denen der islam-faschistischen Grauen Wölfe. Wenn anstatt des deutschen Grußes, der Gruß der Islamisten und / oder der der türkischen Faschisten entrichtet, anstatt des Sedantag der Çankkale-Tag begangen wird. Wenn das so ist, dann gehört man in Kassel zum illustren Kreis, mit dem der Dialog geführt wird. Ja man ist Bestandteil einer Institution, die lobend auf dem offiziellen Portal der Stadt Kassel erwähnt wird.

Der Imam der Moschee in Kassel Mattenberg Semih Ögrünc  preist den Çanakkale
-Tag

Die Dummen und die Wölfe:
Sozialer Friedensdienst – Juleika – Institut für Evangelische Theologie – Rat der Religionen

Es ist aber nicht nur der Rat der Religionen, der mit städtischer Unterstützung und vermutlich öffentlichen Geldern bis heute mit eben jenen Gruppen parliert. Mit der Juleika und dem vom Sozialen Friedensdienst Kassel e.V. und der DITIB initiierten Kulturprojekt KulturBrücke gibt es zwei Jugendbildungswerke die ganz ungeniert mit der rechts- und Islamismus-offenen DITIB und im Fall der Juleika sogar mit noch bedenklicheren Leuten zusammenarbeiten. Dadurch wird diesem Milieu ein Renommee verschafft, dass es diesem erlaubt, sich als „multi-kulturelle Bereicherung“ der Stadt zu präsentieren. Die Friedensfreunde ließen 2009 Milli-Görüs-Ordner auf einer Demo zu, die mit dieser Gruppe zusammen veranstaltet wurde. Sie zerlegten damals einen israelsolidarischen Stand. Bei den Gedenkveranstaltungen für ein Kasseler Opfer der Nazigruppe NSU sind die Vertreter der DITIB u.a. übel beleumundeter Vertreter oder Anhänger des Islamismus wie selbstverständlich mit dabei. Die SPD im Landkreis Kassel arbeitet(e) mit dem UETD-Mann Kadir Bicer zusammen. (UETD 2014 in Kassel) Der UETD-Mann Kamil Saygin ist nach wie vor und unbestritten Vorsitzender des Ausländerbeirates, ohne dass irgendeine Antifa-Gruppe aufläuft und dessen Sitzungen belagert. Die mit der Milli-Görüs in Zusammenhang zu bringende studentische Muslimische Hochschulgemeinde wird aktuell sogar in universitären Kreisen als Partner eines „interreligiösen Dialogs“ des Institutes für Evangelische Theologie an der Uni Kassel geadelt. Ausführlich, wenn auch vielleicht nicht erschöpfend sind die hier nicht anders ausgewiesenen und genannten und nicht genannten Verbindungen und Aktivitäten der Islamisch / türkisch-faschistischen Szene hier dargestellt: Recherche Gruppe Kassel

Der Kulturrelativismus der Wohlgesinnten: Während anderswo Frauen für die Freiheit vom Kopftuch kämpfen und dafür z.T. drakonische Strafen in Kauf nehmen, dient es hierzulande als Symbol von Toleranz und interkulturellem Dialog.

Während die AfD in Kassel, bis auf die Tatsache, dass sie ein paar Stadtverordnete mit geringem Verstand im Stadtparlament sitzen hat, kaum politische Präsenz zeigt und die KAGIDA an ihren besten Tagen ein paar dutzend Leute mobilisieren konnte, riefen und rufen diese traurigen Gestalten des deutschen Ungeistes und Ressentiments regelmäßig die maximale Aufmerksamkeit und den Nazialarm bei allen üblichen Vertretern der guten Gesinnung hervor. Die DITIB kann dagegen einen Millionenbau am Mattenberg unterhalten, unterhält Dependancen in der Nordstadt und in Bettenhausen, in denen Frauen den Nebeneingang benutzen müssen, und beherrschen andere Gruppen wie die Grauen Wölfe, die BBP, die ATIB und ihre schweren Jungs die Szenerie am Stern und in der Kasseler Nordstadt, betreiben Propaganda für einen nach deutschen Gesetzen untersagten Angriffskrieg und bedrohen schon einmal ihre politischen Gegner mit Gewalt.2

Die Stadt ficht das nicht an. Die Nachfrage der Frankfurter Rundschau wurde wie folgt beantwortet: „Ein Rathaussprecher teilte mit, man nehme die Vorkommnisse in den Moscheen ‚zur Kenntnis‘, wolle sie aber nicht bewerten: ‚Grundsätzlich versucht die Stadt Kassel, den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu pflegen.’“  (Imame beten für den Sieg. Gebete für die Armee und Märtyrer-Rhetorik – fast alle türkischen Moscheen in Kassel unterstützen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien, FR, 15.03.2018) Die Pressemitteilung eines unermüdlichen und ehrenhaften Stadtverordneten zu diesem Thema blieb in der lokalen Presse unbeachtet. Dass dieser einer Partei angehört, die sich schwer damit tut, den Zusammenhang von Islam und türkischem Chauvinismus zu erkennen und in ihren Reihen üble Antizionisten auch in Kassel beherbergt macht sein Engagement nicht unehrenhaft, sondern beweist nur, wie arm an republikanischen Geist und säkularer Gesinnung die anderen Parteien sind.

1 Dass die SPD allerdings keine Berührungsängste mit toten Antisemiten und Nazis aus dem eigenen Stall hat, beweist der Umgang mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner.

Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Warum der Untergang einer Partei nichts Gutes bedeutet

Die SPD erreichte 1919 ihren größten Wahlerfolg in der Weimarer Republik und 1972 in der Bundesrepublik. Heute liegt sie bei 20 Prozent oder weniger und es besteht die Gefahr, dass die AfD die SPD in der Wählergunst hinter sich lässt. Dazu ein paar Gedanken.

1919 stand die SPD für einen sozialen und demokratischen Wandel einer Gesellschaft, die von der obrigkeitshörigen, autoritären und militaristischen Klassengesellschaft unter Bismarck und Kaiser Wilhelm geprägt war. So problematisch die theoretischen Entwürfe eines August Bebel, Karl Kautsky, Ferdinand Lassalle und anderer auch waren, sie machten deutlich, dass die Partei für eine gesellschaftliche Alternative stand. Daran änderte nach dem Ersten Weltkrieg auch ein schwacher Repräsentant der Partei wie Friedrich Ebert zunächst nichts. Nicht seinetwegen, sondern der Ideen von der repräsentativen Demokratie wegen, der Ideen von der Rechtsstaatlichkeit und von der sozialen Teilhabe und Mitbestimmung in der Gesellschaft wegen, war die Partei damals mehrheitsfähig. Die SPD erlangte bei der ersten Wahl im Jahre 1919 37,9 % die linksliberale DDP 18,6 %. Zahlen, die die SPD in der Weimarer Republik nicht und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik lange nicht mehr erreichen sollte. (Der Linksliberalismus konnte nie wieder an diesen gesellschaftlichen Zuspruch anknüpfen.)

Noch mit einer Idee von einem Morgen

Erst als Aufstandsversuche randständiger Linksradikaler von der SPD-geführten Reichsregierung im Bündnis mit einer rechtsextremen Soldateska mit äußerster Brutalität niedergeschlagen und die Revolutionäre, sowie kritische Geister von einer vom monarchistischen und antidemokratischen Geist beherrschten Justiz gnadenlos verfolgt wurden, verlor die SPD deutlich an Zustimmung in der Wählerschaft. Von diesem Niedergang erholte sich die Partei nur vorübergehend im Zuge der Debatten um die Fürstenenteignung und um den Panzerkreuzer-A. Der Niedergang der SPD und des Linksliberalismus hinterließ ein politisches Leerfeld, das zum Teil von der USPD dann von der KPD vor allem aber vom Revanchismus, Rechtsnationalismus, dem Nationalchauvinismus und dann vom Nationalsozialismus gefüllt wurde. Die SPD landete beim Wählerzuspruch 1933 da, wo sie heute steht, nämlich bei weniger als 20 % der Wählerstimmen.

1969 stand die SPD, obwohl sie vorher der großen Koalition angehörte, für eine Alternative zur bestehenden Politik und zur postnazistischen Nachkriegsgesellschaft und löste eine sklerotische CDU ab. Die SPD und ihr sozialliberaler Bündnispartner standen damals für eine Demokratisierung der Gesellschaft, für eine Bildungsreform, eine Justizreform (hier insbesondere auch das Ehe- und Familienrecht) und für die Ausweitung der Mitbestimmung. Vor allem aber wurde von der SPD die Reform der sozialen Sicherungssysteme in Angriff genommen, die eine Ausweitung sozialer Sicherheit bedeuteten. (vgl., Peter Borovsky, Sozialliberale Koalition und innere Reformen) Damit wurde ein Kernbestandteil sozialdemokratischer Politik umgesetzt und nicht wie unter Gerhard Schröder 30 Jahre später demontiert. Damals verstand man unter Reform einen Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die man als Alternative zur von der Kapitalverwertung dominierten verstehen wollte und nicht das Gegenteil davon. Diese Politik führte 1972 zum besten Wahlergebnis, dass die SPD jemals in ihrer Geschichte erreichen konnte.

Als ein Kandidat der SPD ein Selbstläufer war

Damit war es mit dem Rücktritt Willy Brands vorbei. Es begann der Niedergang dieser Partei für den schon ein Helmut Schmidt stand, der aber erst im Schröder-Blair-Turn seinen programmatischen Niederschlag fand, der sich im Hartz-Konzept am krassesten ausdrückte. Diese politische Wende ist verantwortlich dafür, dass die SPD da steht, wo sie heute steht. Bis heute ist es der SPD nicht gelungen, der Vernichtung der Kernelemente ihrer Politik außer postmodernem Wortgeklingel irgendetwas Substantielles entgegenzusetzen. Nahles, Maas, Gabriel, Schulz und auch ein Kühnert täuschen mit ihren leeren Phrasen, die nur dem Schein nach für unterschiedliche Konzepte stehen, darüber hinweg, dass es in der SPD niemanden gibt, der eine Idee davon hat, was unter Demokratie, Sicherheit und Soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Moderne verstanden werden könnte und wie diese dann auch in die Gesellschaft getragen werden könnte.

Den Niedergang der SPD und seine Repräsentanten Nahles, Schulz und Gabriel kann man mit Spott, Häme und Verachtung quittieren, das Problem was dabei nur auftritt, ist, dass ein politisches Vakuum entstanden ist, in das zum einen der Islam in den Einwandererkommunities und in der „autochtonen“ Gesellschaft mit zunehmenden Selbstbewusstsein die AfD tritt. Die AfD und der offizielle Islam (Islamrat, Zentralrat der Muslime) stehen dabei für den legalistischen und dem Schein nach, die demokratischen Gepflogenheiten akzeptierenden Teil einer gesellschaftlichen Parallel- oder Gegengesellschaft, deren metastasierende Ausläufer hasserfüllt, gewalttätig und terroristisch sind und auf dem platten Land, in Stadtteilen und in den sozialen Medien versuchen, die politische und kulturelle Hegemonie zu erkämpfen. Wenn nun die AfD die einzige Partei ist, die vernehmbar gegen die Islamisierungstendenzen (in Deutschland) auftritt und die Sozialdemokratie in postmoderner Anwandlung, die AfD deswegen als rassistisch brandmarkt und den Islam unter Artenschutz stellt, bzw. teilweise offen mit diesem kollaboriert, verrät die SPD auch noch die letzte Traditionslinie, die sie einmal in der Weimarer Republik und unter Willy Brand kennzeichnete, nämlich den Antifaschismus in demokratischer Absicht.

Churchill und der Fuhrer

Nachdem der Film „Dunkirk“ den historischen Augenblick, als die Alliierten im Jahre 1940 am Abgrund standen, aus der Perspektive von Soldaten dargestellt hat, stellt der Film „The darkest hour“ diesen nun aus der Perspektive des britischen Kabinetts um Churchill dar. Es geht um den historischen Augenblick, indem Großbritannien als 1940 einzig verbliebene Macht von Rang sich entschieden gegen Nazideutschland stellte. Schlüsselfigur war dabei Winston Churchill. Allgemein gilt dieser Film in jeder Hinsicht als gelungen. Und die Deutsche Film- und Medienbewertung erkennt sogar, dass der Film „in unsere Gegenwart hinein ragt“. Wohl war, wie am Beispiel einer Kritik deutlich wird, die im Focus von einem deutschen Fuhrer (nicht von dem mit den Pünktchen) verfasst wurde. (Armin Fuhrer, Film idealisiert Churchill als Kriegshelden, in Focus, 18. Januar 2018)

Obwohl es in dem Film nicht um eine Biographie Churchills geht, beginnt der Fuhrer seine Besprechung des Filmes damit, dass er eine Anekdote über Barack Obama zum Besten gibt, der, als er in das Weiße Haus einzog, die Büste Churchills vom Schreibtisch entfernen ließ, die sein Vorgänger George W. Bush dort aufgestellt hatte. Der Fuhrer findet es im Zusammenhang eines Filmes, der die für Europa entscheidende Wende in der britischen Politik zum Thema hat, relevant zu bemerken, dass Churchill für Lager in Afrika verantwortlich war, in denen zwischen 20.000 und 100.000 Menschen umkamen.

Fuhrer meint, der Film sei „ein Heldenepos, das sich auf Churchills Rolle als zeitweilig letzter und wie viele glauben hartnäckigsten Kontrahenten Hitlers und seiner Wehrmacht konzentriert.“ Wohlgemerkt er schreibt nicht, der Film handelt von Churchills Rolle, als England alleine gegen Nazideutschland stand und Churchill derjenige Politiker war, der diese Politik auch kompromisslos durchsetzte, sondern er faselt etwas von Heldenepos und von zu glaubenden Behauptungen. Die historische Tatsache als Konjunktiv formuliert, das ist das Raunen darüber, dass es ja auch anders sein könnte. Um diese Möglichkeit aufzuzeigen, geht es Fuhrer im Folgenden darum, die finstere Seite Churchills durchzudeklinieren.

Die indische Journalistin Sudhanva Shetty zitierend, setzt er folgenden Satz in das Organ für Fakten Fakten Fakten: „Churchill war einer der am meisten überschätzten, rassistischen, genozidalen, kriegstreiberischen Imperialisten der Menschheitsgeschichte“, außerdem habe er Benito Mussolini bewundert und mit Annette Mackin („socialistworker“) wird eine weitere Dame angeführt, um Churchill ans Zeug zu flicken : „Während des Krieges war Churchill nicht gegen Hitler, weil dieser ein Nazi war, sondern weil er Britannien angegriffen hatte“. Churchill war schon vor Kriegsbeginn ein Gegner der britischen Außenpolitik, weil er ein ausgewiesener Nazigegner war, was sogar sein Papagei nie vergessen konnte, und er deswegen gegen die Politik opponierte, die versuchte durch Zugeständnisse an Hitler einen fragwürdigen Frieden zu retten. Und die Macht (nachdem sie im spanischen Bürgerkrieg sowie vor und nach dem Überfall Deutschlands auf die Tschechoslowakei keine Bündnispartner gegen Hitler fand), die erst wieder auf die Seite der Alliierten wechselte, nachdem sie von Deutschland überfallen wurde, war nicht Großbritannien sondern die Sowjetunion. Aber wenn es darum geht, Politikern, deren politisches Ziel es war, Deutschland in die Schranken zu weisen, Völkermord, Kriegstreiberei und Rassismus vorzuwerfen, dann sind die Fakten egal. Also historische Tatsachen hin oder her, Fuhrer pflichtet der Shetty bei und trötet: „es gibt Belege dafür, dass Churchill ein ausgewiesener Rassist war, der von der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt war.“ Um schließlich des Volkes Zorn so richtig zu entfachen, erwähnt der Fuhrer auch noch, dass Churchill mit Ghandi sogar einen der deutschen Säulenheiligen beleidigte.

Nachdem ruchbar wurde, dass die indische Nationalbewegung Sympathien für Hitler hegte (vgl., Kevin Zdiara, Hitler bei den Hindus, in jungle world, 33/2013), besaß Churchill 1943 doch sogar die Frechheit, Ghandis Tod bewusst in Kauf zu nehmen. Und natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden zu erwähnen, Churchill sei auch verantwortlich für die Hungerkatastrophe in Bengalen während des zweiten Weltkrieges. Hier starben „bis zu vier Millionen Menschen. Sehr viele davon hätten wahrscheinlich gerettet werden können, wenn sie Hilfe bekommen hätten“, die Churchill mit Blick auf die prekäre Kriegssituation in Fernost und Europa und der unklaren Haltung in der indischen Politik jedoch keine Priorität beimaß. Vier Millionen sind keine sechs, aber Fuhrer weiß noch mehr, Churchill sei „unbestritten […] Eugeniker“ und stellt beflissen gleich einen Zusammenhang her, der jedem geschichtsbewussten Deutschen einleuchtet. Dass es Eugeniker im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall gab, auch unter vielen Linken, unterschlägt er, er weiß aber, dass man das, was Churchill forderte „im Dritten Reich […] lebensunwertes Leben“ nannte.

Bei soviel Wahlverwandschaft zum Führer mit ü verwundert es dann doch, dass Churchill entschiedener Gegner des Nazireichs war und auch so handelte. Aber auch das wird im zur Last gelegt, hat er doch tatsächlich befohlen „wehrlose deutsche Städte während des Zweiten Weltkrieges“ zu bombardieren. An dieser Bemerkung wird wiederum deutlich, dass die Kritik an Churchill der verdruckste Ausdruck davon ist, dass die Nachkommen der Täter es den „Plutokraten aus Engelland“ bis heute nicht verziehen haben, der deutschen Volksgemeinschaft den Platz an der Sonne zu verwehrt zu haben.

Fuhrer kommt zu dem Schluss, dass „Winston Churchill rassistisch, fremdenfeindlich, beleidigend und elitär war. Wenn es in den 1930er und 1940er Jahren schon Twitter gegeben hätte, dann wäre Churchill die britische Version von Donald Trump gewesen.“ Und das ist heutzutage unter den moralisch erhabenen Deutschen natürlich der schwerwiegendste Vorwurf, dem man einem Politiker machen kann, der aber auch ihr Ressentiment so durchsichtig macht.

Trump hat mit Sicherheit nicht das Format und die Gradlinigkeit eines Churchills und nobelpreisträchtig sind seine Schriften auf Twitter auch nicht, aber so wie es Churchill damals vom Nationalsozialismus wusste, so ahnt heute Trump, wenn er auch sonst wenig erkennen mag, dass die Bedrohung freiheitlichen Werte und der demokratischen Gesellschaft vom politischen Islam ausgeht. Und so wie das Unvermögen, den Nationalsozialismus als spezifische Form des deutschen Antisemitismus auf den Begriff zu bringen, daran erkenntlich ist, dass man ausgewiesenen Nazigegnern unterstellt ebenfalls faschistisch gewesen zu sein, so zeigt sich heute die Unfähigkeit den Islam auf den Begriff zu bringen darin, dass man seine Gegner als Rassisten, Imperialisten und Faschisten bezeichnet. Der Fuhrer vom Focus macht klar, dass zwischen beiden Erscheinungen deutscher Ideologie ein notwendiger Zusammenhang besteht.

Total Recall in Kassel

Leuchtende Musik und auf der Suche nach Geschichten

Gegen das Vergessen I

Am 27. Januar fand in Kassel doch tatsächlich in der Lutherkirche das Holocaust-Gedenkkonzert statt. Und was wurde gespielt? Na klar, Klezmer! Immerhin leuchtete die Musik jüdischer Komponisten in vielen Farben, meinte der Berichterstatter der HNA am 30. Januar 2018 – was immer er damit ausdrücken wollte.

HNA: Klezmer und leuchtende Musik

Und damit auch jeder weiß, warum das Gedenken stattfindet, wurde, so der Zeitungsbericht weiter, bei der Veranstaltung eingangs folgendes ausgeführt: „Mit dem Gedenken wolle man aber auch eine Verbindung in die Gegenwart herstellen und dazu auffordern, gegenwärtige Entwicklungen von Antisemitismus, […] entgegenzutreten.“ Also die Lutherkirche abreißen, den Lutherplatz umbenennen, den Rat der Religionen endlich einstampfen, die Zusammenarbeit verschiedener Kasseler Institutionen mit der DITIB und der UETD bekämpfen, jegliche finanzielle Zuwendungen an den Verein Erdogans beenden, die Industrie und Handelskammer schimpfen, weil sie sich über gute Beziehungen zum Iran freut, oder die Zusammenarbeit mit den Kasseler Freunden des Friedens beenden? Nein, natürlich nicht, denn es geht darum, „Diskriminierung, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten“ wurde ergänzend weiter ausgeführt.

Gegen das Vergessen II

Auf der ersten Seite der HNA am 29.01.2018. Der Angriff fand im Oktober 1943 statt. Das Erinnern will gut vorbereitet sein.

Einen Tag zuvor ist auf der ersten Seite der Zeitung das oben abgebildete Bild zu finden. Ein dreiviertel Jahr vor dem Jahrestag der Bombardierung Kassels fängt die Zeitung an, die totale Erinnerung zu mobilisieren. Und weil die Volksgenossen folgsam sind, findet sich am 31.01.2018 ein Kommentar auf der ersten Seite der Zeitung. Der ist mit „Gegen das Vergessen“ überschrieben. „Nichts sei so wertvoll, wie die Berichte von Zeitzeugen, wenn es darum geht der Nachwelt das Grauen zu verdeutlichen […]“ meint der Leitkommentator.

Was will man nicht vergessen? „Die schreckliche Nacht, die alles veränderte in Kassel, […]“ Gemeint ist die sogenannte Bombennacht, also die Nacht als die Royal Air Force einen massiven Bombenangriff gegen Kassel flog, weil sich im Januar 1933 alles in Deutschland, auch in Kassel änderte. Der Angriff fand 10 Jahre nach diesem Ereignis statt. Die letzten Kasseler Juden waren ein Jahr vorher in den Tod geschickt worden. Die Stadt ist wieder aufgebaut worden, die Kasseler Juden waren ausgerottet, dank einer Ideologie, die auch mit dem Herrn zu tun, der Namensgeber der Kirche ist, in der die Gedenkveranstaltung stattfand.

„Gegen das Vergessen“ – „Zeitzeugen“. Die deutschen Erinnerungsweltmeister haben Pflöcke eingeschlagen, die es zu beachten gilt. Analog der letzten Überlebenden sucht man nun die letzten Volksgenossen, um sie „ihre Geschichten“ erzählen zu lassen, als ob es der Erkenntnis über den Nationalsozialismus dienlich wäre, Geschichten aus der Volksgemeinschaft zuzuhören. Ob man für sie auch leuchtende Musik spielen wird, man weiß es noch nicht.

Von Pfifferlingen und deutschen Opfern

„… das weitere Schicksal Krugs schilderten ehemalige, teils hochrangige Mossad-Leute dem Buchautor [Ronen Bergman]. […] Nach Bergmans Recherchen befahl der Mossadchef [Isser Harel] einem seiner Männer, Krug zu erschießen. Seine Leiche sei von einer Maschine der israelischen Luftwaffe über dem Meer abgeworfen worden, sagt ein anonymer Ex-Mossad-Mann in der TV-Dokumentation in die Kamera.“  (Spiegel 4 / 2018) Spiegel-Leser wissen mehr.

Diese Methode kennt man aus anderen Zusammenhängen und es gibt gute Gründe gegenüber solchermaßen „belegten“ Aussagen skeptisch zu bleiben. Nicht dass es damals Gründe gab, Krug an seinem Wirken zu hindern und notfalls auch aus dem Weg zu räumen, doch über das Ende von Krug weiß man auch heute nichts genaues. Von Skorzeny in Säure aufgelöst, vom Flugzeug abgeworfen, oder …

1963 berichtete der Spiegel in einem mit „Heidi und die Detektive“ launig betitelten Artikel : „Am 11. September verschwand der ehemalige Sänger-Mitarbeiter Dr. Heinz Krug, 49, aus München. Krug war Inhaber der Intra-Handelsgesellschaft, die Ägypten mit Material für Raketenbau versorgte. Von Krug wurde bis heute keine Spur gefunden; ein anonymes Schreiben zeigte seinen Tod an.“ Der Zeuge über den Tod Krugs damals wie heute ein Anonymus. Seit 1963 also nichts wirklich Neues.

Von den Tätigkeiten des deutschen Kaufmanns erfährt man heute im Spiegel: Er sollte für Nasser Raketen entwickeln, er hat Pfifferling gesucht, einen Mercedes 300 SE gefahren, den er allerdings skeptisch begutachtete, bevor er in ihn stieg, denn so wird der Sohn zitiert, „seinem Vater sei wohl bewusst gewesen, dass Nasser [für die Raketen] auch militärische Einsatzzwecke vorschwebten. Spätestens seit Juli 1962 bestand daran kein Zweifel mehr. Nur Tage nach einem erfolgreichen Test von vier Raketen ließ der begeisterte Staatspräsident bei einer Militärparade  die neuen Waffensysteme vorführen […] Die Botschaft war klar. Hiermit können wir Ziele in Israel angreifen. Dort brach Panik aus. […] Mossad-Boss Harel betrieb nun den Kampf gegen die Flugkörper.“

1963 wusste man im Spiegel: „Der Agentenkrieg“ brach aus, als Nasser 1962 seine Raketen öffentlich vorgeführt hat. „Nasser verdankte seine neuen Waffen deutschen und österreichischen Wissenschaftlern.“ Man schrieb zwar nichts von Pfifferlingen aber erkannte damals wie heute: „Die ägyptische Aktivität brachte alsbald die Israelis auf den Plan, die in Nassers Raketen eine tödliche Bedrohung für ihr Land sehen. […] Für Nassers Raketen-Bauer begann unversehens ein gefährliches Leben“.

Die verfolgten Unschuldigen und ihre schuldigen Verfolger

Krug war kein Einzeltäter. Ein Wolfgang Pilz und ein Hans Kleinwächter werden genannt, auch die kannte man schon 1963 und auch die „Postsendungen aus Hamburg, die Sprengstoff enthielten“ konnte man zuordnen. Der hier genannte Kleinwächter wusste damals schon Gehard Frey in der Nationalzeitung zu berichten: „Eine Betrachtung der letzten 20 Jahre ägyptischer Geschichte zeigt keinen einzigen Fall auf, in denen Ägypten einen anderen Staat überfallen hätte.“ Heute würde er das auf dem Friedensratschlag an der Kasseler Universität als Ergebnis jahrelanger Friedensforschung verbreiten. Und auch wie heute nahm man bei den Arbeitgebern der deutschen Raketenspezialisten kein Blatt vor dem Mund, wenn es um Israel geht. So ließ der damalige Chefredakteur der Al-Ahram verlauten: „Israel kann nicht ewig isoliert und umgeben von Haß existieren, […]. Israel wird […] ein Fremdkörper bleiben.“ Die arabische Haltung Israel gegenüber beruht „nicht nur auf dem Verdruß wegen der bitteren Erfahrungen der Palästinatragödie von 1948 […]“, sondern auf der „Tatsache, daß ein Staat Israel existieren soll und noch dazu auf einem Boden, der von Israel geraubt wurde […]“, so der Cairo-Brief in der Broschüre der Liga der Arabischen Staaten „Israel verfolgt deutsche Wissenschaftler“ aus dem Jahr 1964.

Dieser Zusammenhang, den der Spiegel 1963 immerhin noch indirekt zur Sprache brachte, als er die Haaretz wie folgt zitierte, „wenn Israel gezwungen wird, unkonventionelle Maßnahmen anzuwenden, um sich gegen die Bedrohung […] zu wehren, so liegt die wirkliche Verantwortung auf den Schultern der Regierung in der Bundesrepublik“ ist heute in diesem Magazin kein Thema mehr. Stattdessen präsentiert man zum Teil fasziniert, zum Teil empört die Ausführungen des Wissenschaftlers aus Israel über die Effektivität des Mossad und zählt akribisch die Toten, die der Mossad angeblich oder tatsächlich zu verantworten hat und zu denen, der Teufel soll sie holen, vielleicht sogar Arafat, aber auf jeden Fall auch deutsche Volksgenossen zählten, die wie Kleinwächter am Beispiel Krugs damals vor Frey empört darlegte, keine 20 Jahre vorher noch für Volk und Führer ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.

In der genannten Broschüre ist noch folgendes zu lesen: „[…] israelische Agenten fanden Schutz bei den bundesrepublikanischen Behörden aufgrund der Behauptung, daß das deutsche Volk für die Taten einer Gruppe von Menschen, während des Dritten Reichs verantwortlich sei. Diese Gruppe von Menschen wurde durch die Philosophie der westlichen Demokratie als diktatorisch bezeichnet, […]“ Heute ist man da schon weiter. Der Kampf gegen die westliche Philosophie ist Kernbestandteil linker Ideologie geworden und so wie man den Faschismus überall dort entdeckt, wo westliche Philosophie als das große Narrativ der Herrschenden gemutmaßt wird, nur dort nicht wo er stattfindet, so sieht man Täter vor allem da, wo der Staat, in dem, wie es Golda Meir damals formulierte, „die Überlebenden der Massenvernichtung Zuflucht gefunden haben“ verteidigt wird, nur da nicht, wo Waffen entwickelt werden, mit denen diesem Staat der Garaus bereitet werden soll.

Damals stellte sich schnell heraus: Die deutschen Waffentechniker stellten Kriegsgerät her, welches sich als untauglich erwies. Die für Israel bedrohliche Aufrüstung bewerkstelligte damals eine andere Macht. Die Waffen, die heute Israel bedrohen und auch aufgrund deutscher Politik ermöglicht werden, sind nicht nur  weitaus gefährlicher als die der damaligen Raketentechniker, sonder auch als die, die Ägypten und Syrien 1973 dazu befähigten, Israel nahe an den Abgrund zu bringen. Die Politik und die Politiker, die diese Rüstung vor dem Hintergrund einer postulierten Verantwortung vor der Geschichte heute möglich machen sind kein Thema des Spiegels. Damals legten Politiker der CDU, der SPD und der FDP einen Gesetzentwurf vor, nach denen Auftragsreisen deutscher Wissenschaftler und Techniker ins Ausland ähnlich wie beim Kriegswaffenkontrollgesetz vorher genehmigt werden müssten.  Dem Politiker, der heute die Waffentechnik verhindern will, die Israel tödlich bedroht, wirft man auch im Spiegel vor, Wegbereiter des Faschismus zu sein.

Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.