Gegen den Anti-Islamismus – im Namen der Opfer

„Genauso wie wir alle Formen von Hass auf Andersdenkende und Gewaltanmaßung verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Faschismus in unserem Land. Dies sind Formen von Intoleranz und Demokratieverachtung, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Erklärt die VVN-BdA nach dem Brandanschlag auf das Auto des Politikers der Jungen Alternative Lars Steinke aus Göttingen1 und der lebensgefährlichen Prügelattacke auf einen Teilnehmer einer Kundgebung „Merkel-muss-weg“ in Hamburg.2 Daran kann etwas nicht stimmen. Die Kasseler VVN-BdA stellt sich doch nicht vor Rechtsausleger, mutmaßliche Faschisten oder vor die, die vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben, denn die Gewalt gegen diese geht ja von den Leuten aus, die eine Gesinnung vor sich her tragen, die sie, wie die VVN-BdA die ihre,  Antifaschismus nennen. Aber nichts ist wie es scheint, eine ähnlich lautende Erklärung veröffentlichte die VVN-BdA aus Kassel, nur dass die Aktion, die es zu verurteilen gab, sich nicht gegen vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Faschisten deutscher Provenienz richtete,  sondern gegen waschechte, türkischer Herkunft.

In Kassel kam es an diesem Wochenende zu einem Brandanschlag auf eine Moschee. (vgl., HNA, 25.03.2018) Die VVN-BdA ließ erklären: „Genauso wie wir alle Formen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Islamismus (sic!) in unserem Land. […] Die VVN-BdA versichert den türkischen Mitbürgern in unserer Stadt und allen Menschen aus anderen Ländern ihre volle Solidarität gegen rassistische und fremdenfeindliche Angriffe.“ Das Engagement der unermüdlichen Kämpfer gegen Rechts gegen einen vermeintlichen antimuslimischen Rassismus ist hier schon gegen einen gegen den „Anti-Islamismus“ mutiert und das macht es so bodenlos: Sie verkaufen dieses Statement als „Vermächtnis der Überlebenden des menschenverachtenden deutschen Faschismus.“3

Der Brandanschlag richtete sich gegen die Yunus Emre Moschee in Kassel. Da Antifaschisten ja bekannt dafür sind, dass sie recherchieren, sollte man voraussetzen können, dass die VVN-BdA wusste, vor wen sie sich stellt, als sie in ihrer Erklärung tönte, dass Gotteshäuser keine Zielscheiben politischer Aktionen zu sein haben. Was, wenn diese „Gotteshäuser“ nämlich Horte der Reaktion, der Menschenverachtung und ja vor allem des Antisemitismus sind? Wusste die VVN-BdA es nicht, sind ihre Streiter bestenfalls naiv und dumm, wussten sie es, ist ihre Erklärung umso unverschämter. Eine Gruppe, die es verdient antifaschistisch bezeichnet zu werden, hat recherchiert. Diese Moschee wird von dem „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB betrieben.4

Schon bei Wikipedia5 kann man erfahren, mit was für einer Truppe man es hier zu tun hat: „Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und des türkischen Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden. […] Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest: ‚Unser Weg ist der Weg Gottes, unser Weg ist der Weg des Korans, unser Weg ist der Weg des [nationalen] Ideals.‘ Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl), zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan) oder als Kampf zwischen der ‚Nation des Islam‘ (Millet-i İslamiye) und der ‚Nation des Unglaubens‘ (Millet-i Küfriye) Die Website des ATB enthielt ferner eine ‚Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz‘ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele: ‚Die Strafe für Ehebruch lautet für verheiratete Männer und Frauen auf Steinigung, für unverheiratete auf 100 Stockschläge.‘ ‚Wenn er auf Abkehr [vom Islam] besteht und nicht Buße tut, wird er zum Tode verurteilt.‘ […] Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.“ Lupenreiner islambasierter Faschismus eben. Die VVN-BdA schweigt zu Gewaltaktionen gegen klassische und autochtone  Rechte, den Wiedergängern des Gestern, sie tönt in moralischer Erhabenheit „Nie wieder!“, wenn Gewalt gegen die Rechten, gegen den Faschismus von heute ausgeübt wird.

Warum also die VVN-BdA im Zusammenhang dieses Anschlags den „Anti-Islamismus“ inbrünstig verurteilt und mit Abscheu und Entsetzten auf einen Anschlag gegen eine islamfaschistische Einrichtung reagiert, verweist auf den Geisteszustand und moralische Verwahrlosung der VVN-Leute. Nicht nur das, das Manöver ist durchsichtig, denn es beginnt diese Verurteilung mit einer faustdicken Lüge, indem sie behauptet, sich gegen „alle Formen von Antisemitismus“ zu wenden. Eine Organisation, die Veranstaltungen im Café Buch-Oase abhält, den Ostermarsch regelmäßig unterstützt, Rolf Becker einlädt und den Kasseler Friedensratschlag verlinkt, hätte genug Anlass, sich vor allem mit sich selbst und den Bündnisgenossen zu befassen. Die Aneinanderreihung von Antisemitismus, Rassismus und Anti-Islamismus, die es zu bekämpfen gelte, ist durchsichtig und abgeschmackt, weil hier eine Idiosynkrasie zum Ausdruck kommt, die zwar vom Engagement gegen Antisemitismus spricht, aber den Anschluss zu eben diesem in seinen aktuellen Erscheinungsformen sucht.

Weil Brandsätze gegen Moscheen geworfen worden sind, suggeriert die VVN-BdA, „Moscheen brennen“ und sie wissen genau, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, insbesondere dann wenn sie von einem „Vermächtnis der Opfer des deutschen Faschismus“ sprechen. Und sie wissen auch genau, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, wenn sie tönen, man müsse sich gegen den Anti-Islamismus widmen. Sie vernebeln mit diesem Sprech, das was sie meinen: Kampf denen, die den Kampf gegen den Islamismus führen. Ihren Kampf wollen sie gerne auch mit einer „aktiven Friedenspolitik“ verbunden sehen. Es verwundert daher nicht, wenn die VVN-BdA beim Ostermarsch dabei ist und in Kürze mit den üblichen Verdächtigen wieder für den Abzug aus Afghanistan und für das Recht des Iran auf die Atombombe wirbt. (Dass das Anzünden von Moscheen eine Straftat und kein probates Mittel im Kampf gegen den Islamismus ist, ist eine Binsenweisheit, die man in zwei Sätzen hätte schreiben können.)

1 Unbekannte setzen Auto in Brand, Göttinger Tageblatt, 15.03.2017

5 Verband der türkischen Kulturvereine in Europa, https://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_türkischen_Kulturvereine_in_Europa, 27.03.2018

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Der totale Dialog

Man stelle sich vor, ein der SPD angehörender Oberbürgermeister würde sich im Kaiser-Wilhelm-Kostüm als Gast einer Versammlung zeigen, die die Reichskriegsflagge und mit Hakenkreuzen versehene Wimpel der Freikorps präsentiert.1 Die Gruppe, die ihn zur Versammlung eingeladen hätte, würde mehrere Zentren in der Stadt unterhalten, in denen bei Versammlungen und Busfahrten der Führergruß entrichtet wird, in denen aus Mein Kampf rezitiert würde und regelmäßig zum Sedantag Festveranstaltungen stattfinden würden.

Sultan Hilgen – Symbol für den Kasseler Dialog

Anlässlich einer antifaschistischen Aktion in einer anderen Stadt würde diese Gruppe zu einer Großkundgebung aufrufen, die den kompletten Königsplatz füllte und einer der Hauptredner würde seinen Gegnern die Vernichtung androhen und würde über die bei den Auseinandersetzungen gefallenen Kämpfer schwadronieren, dass sie als Helden in Walhalla zum Festmahl erwartet würden. Würde ein Oberbürgermeister, der einer solchen Gruppe die Ehre erweisen würde, in Amt und in der Partei bleiben?Würde man diese Truppe in die Jugend- und Bildungsarbeit einbinden?  Würde mit dieser Truppe ein Dialog geführt werden? Wohl eher nicht. Aus viel geringerem Anlass sagte der OB eine Teilnahme an einer Frühjahrsausstellung ab, weil dort ein kleiner Stand der AfD aufgebaut werden durfte.

Aber all dies ist möglich, wenn man das Kaiser-Wilhelm-Kostüm mit dem eines osmanischen Sultans austauscht, die Reichskriegsflagge mit der der Osmanen, die mit Hakenkreuz verzierten Wimpel der Freikorps mit denen der islam-faschistischen Grauen Wölfe. Wenn anstatt des deutschen Grußes, der Gruß der Islamisten und / oder der der türkischen Faschisten entrichtet, anstatt des Sedantag der Çankkale-Tag begangen wird. Wenn das so ist, dann gehört man in Kassel zum illustren Kreis, mit dem der Dialog geführt wird. Ja man ist Bestandteil einer Institution, die lobend auf dem offiziellen Portal der Stadt Kassel erwähnt wird.

Der Imam der Moschee in Kassel Mattenberg Semih Ögrünc  preist den Çanakkale
-Tag

Die Dummen und die Wölfe:
Sozialer Friedensdienst – Juleika – Institut für Evangelische Theologie – Rat der Religionen

Es ist aber nicht nur der Rat der Religionen, der mit städtischer Unterstützung und vermutlich öffentlichen Geldern bis heute mit eben jenen Gruppen parliert. Mit der Juleika und dem vom Sozialen Friedensdienst Kassel e.V. und der DITIB initiierten Kulturprojekt KulturBrücke gibt es zwei Jugendbildungswerke die ganz ungeniert mit der rechts- und Islamismus-offenen DITIB und im Fall der Juleika sogar mit noch bedenklicheren Leuten zusammenarbeiten. Dadurch wird diesem Milieu ein Renommee verschafft, dass es diesem erlaubt, sich als „multi-kulturelle Bereicherung“ der Stadt zu präsentieren. Die Friedensfreunde ließen 2009 Milli-Görüs-Ordner auf einer Demo zu, die mit dieser Gruppe zusammen veranstaltet wurde. Sie zerlegten damals einen israelsolidarischen Stand. Bei den Gedenkveranstaltungen für ein Kasseler Opfer der Nazigruppe NSU sind die Vertreter der DITIB u.a. übel beleumundeter Vertreter oder Anhänger des Islamismus wie selbstverständlich mit dabei. Die SPD im Landkreis Kassel arbeitet(e) mit dem UETD-Mann Kadir Bicer zusammen. (UETD 2014 in Kassel) Der UETD-Mann Kamil Saygin ist nach wie vor und unbestritten Vorsitzender des Ausländerbeirates, ohne dass irgendeine Antifa-Gruppe aufläuft und dessen Sitzungen belagert. Die mit der Milli-Görüs in Zusammenhang zu bringende studentische Muslimische Hochschulgemeinde wird aktuell sogar in universitären Kreisen als Partner eines „interreligiösen Dialogs“ des Institutes für Evangelische Theologie an der Uni Kassel geadelt. Ausführlich, wenn auch vielleicht nicht erschöpfend sind die hier nicht anders ausgewiesenen und genannten und nicht genannten Verbindungen und Aktivitäten der Islamisch / türkisch-faschistischen Szene hier dargestellt: Recherche Gruppe Kassel

Der Kulturrelativismus der Wohlgesinnten: Während anderswo Frauen für die Freiheit vom Kopftuch kämpfen und dafür z.T. drakonische Strafen in Kauf nehmen, dient es hierzulande als Symbol von Toleranz und interkulturellem Dialog.

Während die AfD in Kassel, bis auf die Tatsache, dass sie ein paar Stadtverordnete mit geringem Verstand im Stadtparlament sitzen hat, kaum politische Präsenz zeigt und die KAGIDA an ihren besten Tagen ein paar dutzend Leute mobilisieren konnte, riefen und rufen diese traurigen Gestalten des deutschen Ungeistes und Ressentiments regelmäßig die maximale Aufmerksamkeit und den Nazialarm bei allen üblichen Vertretern der guten Gesinnung hervor. Die DITIB kann dagegen einen Millionenbau am Mattenberg unterhalten, unterhält Dependancen in der Nordstadt und in Bettenhausen, in denen Frauen den Nebeneingang benutzen müssen, und beherrschen andere Gruppen wie die Grauen Wölfe, die BBP, die ATIB und ihre schweren Jungs die Szenerie am Stern und in der Kasseler Nordstadt, betreiben Propaganda für einen nach deutschen Gesetzen untersagten Angriffskrieg und bedrohen schon einmal ihre politischen Gegner mit Gewalt.2

Die Stadt ficht das nicht an. Die Nachfrage der Frankfurter Rundschau wurde wie folgt beantwortet: „Ein Rathaussprecher teilte mit, man nehme die Vorkommnisse in den Moscheen ‚zur Kenntnis‘, wolle sie aber nicht bewerten: ‚Grundsätzlich versucht die Stadt Kassel, den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu pflegen.’“  (Imame beten für den Sieg. Gebete für die Armee und Märtyrer-Rhetorik – fast alle türkischen Moscheen in Kassel unterstützen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien, FR, 15.03.2018) Die Pressemitteilung eines unermüdlichen und ehrenhaften Stadtverordneten zu diesem Thema blieb in der lokalen Presse unbeachtet. Dass dieser einer Partei angehört, die sich schwer damit tut, den Zusammenhang von Islam und türkischem Chauvinismus zu erkennen und in ihren Reihen üble Antizionisten auch in Kassel beherbergt macht sein Engagement nicht unehrenhaft, sondern beweist nur, wie arm an republikanischen Geist und säkularer Gesinnung die anderen Parteien sind.

1 Dass die SPD allerdings keine Berührungsängste mit toten Antisemiten und Nazis aus dem eigenen Stall hat, beweist der Umgang mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner.

Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Warum der Untergang einer Partei nichts Gutes bedeutet

Die SPD erreichte 1919 ihren größten Wahlerfolg in der Weimarer Republik und 1972 in der Bundesrepublik. Heute liegt sie bei 20 Prozent oder weniger und es besteht die Gefahr, dass die AfD die SPD in der Wählergunst hinter sich lässt. Dazu ein paar Gedanken.

1919 stand die SPD für einen sozialen und demokratischen Wandel einer Gesellschaft, die von der obrigkeitshörigen, autoritären und militaristischen Klassengesellschaft unter Bismarck und Kaiser Wilhelm geprägt war. So problematisch die theoretischen Entwürfe eines August Bebel, Karl Kautsky, Ferdinand Lassalle und anderer auch waren, sie machten deutlich, dass die Partei für eine gesellschaftliche Alternative stand. Daran änderte nach dem Ersten Weltkrieg auch ein schwacher Repräsentant der Partei wie Friedrich Ebert zunächst nichts. Nicht seinetwegen, sondern der Ideen von der repräsentativen Demokratie wegen, der Ideen von der Rechtsstaatlichkeit und von der sozialen Teilhabe und Mitbestimmung in der Gesellschaft wegen, war die Partei damals mehrheitsfähig. Die SPD erlangte bei der ersten Wahl im Jahre 1919 37,9 % die linksliberale DDP 18,6 %. Zahlen, die die SPD in der Weimarer Republik nicht und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik lange nicht mehr erreichen sollte. (Der Linksliberalismus konnte nie wieder an diesen gesellschaftlichen Zuspruch anknüpfen.)

Noch mit einer Idee von einem Morgen

Erst als Aufstandsversuche randständiger Linksradikaler von der SPD-geführten Reichsregierung im Bündnis mit einer rechtsextremen Soldateska mit äußerster Brutalität niedergeschlagen und die Revolutionäre, sowie kritische Geister von einer vom monarchistischen und antidemokratischen Geist beherrschten Justiz gnadenlos verfolgt wurden, verlor die SPD deutlich an Zustimmung in der Wählerschaft. Von diesem Niedergang erholte sich die Partei nur vorübergehend im Zuge der Debatten um die Fürstenenteignung und um den Panzerkreuzer-A. Der Niedergang der SPD und des Linksliberalismus hinterließ ein politisches Leerfeld, das zum Teil von der USPD dann von der KPD vor allem aber vom Revanchismus, Rechtsnationalismus, dem Nationalchauvinismus und dann vom Nationalsozialismus gefüllt wurde. Die SPD landete beim Wählerzuspruch 1933 da, wo sie heute steht, nämlich bei weniger als 20 % der Wählerstimmen.

1969 stand die SPD, obwohl sie vorher der großen Koalition angehörte, für eine Alternative zur bestehenden Politik und zur postnazistischen Nachkriegsgesellschaft und löste eine sklerotische CDU ab. Die SPD und ihr sozialliberaler Bündnispartner standen damals für eine Demokratisierung der Gesellschaft, für eine Bildungsreform, eine Justizreform (hier insbesondere auch das Ehe- und Familienrecht) und für die Ausweitung der Mitbestimmung. Vor allem aber wurde von der SPD die Reform der sozialen Sicherungssysteme in Angriff genommen, die eine Ausweitung sozialer Sicherheit bedeuteten. (vgl., Peter Borovsky, Sozialliberale Koalition und innere Reformen) Damit wurde ein Kernbestandteil sozialdemokratischer Politik umgesetzt und nicht wie unter Gerhard Schröder 30 Jahre später demontiert. Damals verstand man unter Reform einen Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die man als Alternative zur von der Kapitalverwertung dominierten verstehen wollte und nicht das Gegenteil davon. Diese Politik führte 1972 zum besten Wahlergebnis, dass die SPD jemals in ihrer Geschichte erreichen konnte.

Als ein Kandidat der SPD ein Selbstläufer war

Damit war es mit dem Rücktritt Willy Brands vorbei. Es begann der Niedergang dieser Partei für den schon ein Helmut Schmidt stand, der aber erst im Schröder-Blair-Turn seinen programmatischen Niederschlag fand, der sich im Hartz-Konzept am krassesten ausdrückte. Diese politische Wende ist verantwortlich dafür, dass die SPD da steht, wo sie heute steht. Bis heute ist es der SPD nicht gelungen, der Vernichtung der Kernelemente ihrer Politik außer postmodernem Wortgeklingel irgendetwas Substantielles entgegenzusetzen. Nahles, Maas, Gabriel, Schulz und auch ein Kühnert täuschen mit ihren leeren Phrasen, die nur dem Schein nach für unterschiedliche Konzepte stehen, darüber hinweg, dass es in der SPD niemanden gibt, der eine Idee davon hat, was unter Demokratie, Sicherheit und Soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Moderne verstanden werden könnte und wie diese dann auch in die Gesellschaft getragen werden könnte.

Den Niedergang der SPD und seine Repräsentanten Nahles, Schulz und Gabriel kann man mit Spott, Häme und Verachtung quittieren, das Problem was dabei nur auftritt, ist, dass ein politisches Vakuum entstanden ist, in das zum einen der Islam in den Einwandererkommunities und in der „autochtonen“ Gesellschaft mit zunehmenden Selbstbewusstsein die AfD tritt. Die AfD und der offizielle Islam (Islamrat, Zentralrat der Muslime) stehen dabei für den legalistischen und dem Schein nach, die demokratischen Gepflogenheiten akzeptierenden Teil einer gesellschaftlichen Parallel- oder Gegengesellschaft, deren metastasierende Ausläufer hasserfüllt, gewalttätig und terroristisch sind und auf dem platten Land, in Stadtteilen und in den sozialen Medien versuchen, die politische und kulturelle Hegemonie zu erkämpfen. Wenn nun die AfD die einzige Partei ist, die vernehmbar gegen die Islamisierungstendenzen (in Deutschland) auftritt und die Sozialdemokratie in postmoderner Anwandlung, die AfD deswegen als rassistisch brandmarkt und den Islam unter Artenschutz stellt, bzw. teilweise offen mit diesem kollaboriert, verrät die SPD auch noch die letzte Traditionslinie, die sie einmal in der Weimarer Republik und unter Willy Brand kennzeichnete, nämlich den Antifaschismus in demokratischer Absicht.

Churchill und der Fuhrer

Nachdem der Film „Dunkirk“ den historischen Augenblick, als die Alliierten im Jahre 1940 am Abgrund standen, aus der Perspektive von Soldaten dargestellt hat, stellt der Film „The darkest hour“ diesen nun aus der Perspektive des britischen Kabinetts um Churchill dar. Es geht um den historischen Augenblick, indem Großbritannien als 1940 einzig verbliebene Macht von Rang sich entschieden gegen Nazideutschland stellte. Schlüsselfigur war dabei Winston Churchill. Allgemein gilt dieser Film in jeder Hinsicht als gelungen. Und die Deutsche Film- und Medienbewertung erkennt sogar, dass der Film „in unsere Gegenwart hinein ragt“. Wohl war, wie am Beispiel einer Kritik deutlich wird, die im Focus von einem deutschen Fuhrer (nicht von dem mit den Pünktchen) verfasst wurde. (Armin Fuhrer, Film idealisiert Churchill als Kriegshelden, in Focus, 18. Januar 2018)

Obwohl es in dem Film nicht um eine Biographie Churchills geht, beginnt der Fuhrer seine Besprechung des Filmes damit, dass er eine Anekdote über Barack Obama zum Besten gibt, der, als er in das Weiße Haus einzog, die Büste Churchills vom Schreibtisch entfernen ließ, die sein Vorgänger George W. Bush dort aufgestellt hatte. Der Fuhrer findet es im Zusammenhang eines Filmes, der die für Europa entscheidende Wende in der britischen Politik zum Thema hat, relevant zu bemerken, dass Churchill für Lager in Afrika verantwortlich war, in denen zwischen 20.000 und 100.000 Menschen umkamen.

Fuhrer meint, der Film sei „ein Heldenepos, das sich auf Churchills Rolle als zeitweilig letzter und wie viele glauben hartnäckigsten Kontrahenten Hitlers und seiner Wehrmacht konzentriert.“ Wohlgemerkt er schreibt nicht, der Film handelt von Churchills Rolle, als England alleine gegen Nazideutschland stand und Churchill derjenige Politiker war, der diese Politik auch kompromisslos durchsetzte, sondern er faselt etwas von Heldenepos und von zu glaubenden Behauptungen. Die historische Tatsache als Konjunktiv formuliert, das ist das Raunen darüber, dass es ja auch anders sein könnte. Um diese Möglichkeit aufzuzeigen, geht es Fuhrer im Folgenden darum, die finstere Seite Churchills durchzudeklinieren.

Die indische Journalistin Sudhanva Shetty zitierend, setzt er folgenden Satz in das Organ für Fakten Fakten Fakten: „Churchill war einer der am meisten überschätzten, rassistischen, genozidalen, kriegstreiberischen Imperialisten der Menschheitsgeschichte“, außerdem habe er Benito Mussolini bewundert und mit Annette Mackin („socialistworker“) wird eine weitere Dame angeführt, um Churchill ans Zeug zu flicken : „Während des Krieges war Churchill nicht gegen Hitler, weil dieser ein Nazi war, sondern weil er Britannien angegriffen hatte“. Churchill war schon vor Kriegsbeginn ein Gegner der britischen Außenpolitik, weil er ein ausgewiesener Nazigegner war, was sogar sein Papagei nie vergessen konnte, und er deswegen gegen die Politik opponierte, die versuchte durch Zugeständnisse an Hitler einen fragwürdigen Frieden zu retten. Und die Macht (nachdem sie im spanischen Bürgerkrieg sowie vor und nach dem Überfall Deutschlands auf die Tschechoslowakei keine Bündnispartner gegen Hitler fand), die erst wieder auf die Seite der Alliierten wechselte, nachdem sie von Deutschland überfallen wurde, war nicht Großbritannien sondern die Sowjetunion. Aber wenn es darum geht, Politikern, deren politisches Ziel es war, Deutschland in die Schranken zu weisen, Völkermord, Kriegstreiberei und Rassismus vorzuwerfen, dann sind die Fakten egal. Also historische Tatsachen hin oder her, Fuhrer pflichtet der Shetty bei und trötet: „es gibt Belege dafür, dass Churchill ein ausgewiesener Rassist war, der von der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt war.“ Um schließlich des Volkes Zorn so richtig zu entfachen, erwähnt der Fuhrer auch noch, dass Churchill mit Ghandi sogar einen der deutschen Säulenheiligen beleidigte.

Nachdem ruchbar wurde, dass die indische Nationalbewegung Sympathien für Hitler hegte (vgl., Kevin Zdiara, Hitler bei den Hindus, in jungle world, 33/2013), besaß Churchill 1943 doch sogar die Frechheit, Ghandis Tod bewusst in Kauf zu nehmen. Und natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden zu erwähnen, Churchill sei auch verantwortlich für die Hungerkatastrophe in Bengalen während des zweiten Weltkrieges. Hier starben „bis zu vier Millionen Menschen. Sehr viele davon hätten wahrscheinlich gerettet werden können, wenn sie Hilfe bekommen hätten“, die Churchill mit Blick auf die prekäre Kriegssituation in Fernost und Europa und der unklaren Haltung in der indischen Politik jedoch keine Priorität beimaß. Vier Millionen sind keine sechs, aber Fuhrer weiß noch mehr, Churchill sei „unbestritten […] Eugeniker“ und stellt beflissen gleich einen Zusammenhang her, der jedem geschichtsbewussten Deutschen einleuchtet. Dass es Eugeniker im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall gab, auch unter vielen Linken, unterschlägt er, er weiß aber, dass man das, was Churchill forderte „im Dritten Reich […] lebensunwertes Leben“ nannte.

Bei soviel Wahlverwandschaft zum Führer mit ü verwundert es dann doch, dass Churchill entschiedener Gegner des Nazireichs war und auch so handelte. Aber auch das wird im zur Last gelegt, hat er doch tatsächlich befohlen „wehrlose deutsche Städte während des Zweiten Weltkrieges“ zu bombardieren. An dieser Bemerkung wird wiederum deutlich, dass die Kritik an Churchill der verdruckste Ausdruck davon ist, dass die Nachkommen der Täter es den „Plutokraten aus Engelland“ bis heute nicht verziehen haben, der deutschen Volksgemeinschaft den Platz an der Sonne zu verwehrt zu haben.

Fuhrer kommt zu dem Schluss, dass „Winston Churchill rassistisch, fremdenfeindlich, beleidigend und elitär war. Wenn es in den 1930er und 1940er Jahren schon Twitter gegeben hätte, dann wäre Churchill die britische Version von Donald Trump gewesen.“ Und das ist heutzutage unter den moralisch erhabenen Deutschen natürlich der schwerwiegendste Vorwurf, dem man einem Politiker machen kann, der aber auch ihr Ressentiment so durchsichtig macht.

Trump hat mit Sicherheit nicht das Format und die Gradlinigkeit eines Churchills und nobelpreisträchtig sind seine Schriften auf Twitter auch nicht, aber so wie es Churchill damals vom Nationalsozialismus wusste, so ahnt heute Trump, wenn er auch sonst wenig erkennen mag, dass die Bedrohung freiheitlichen Werte und der demokratischen Gesellschaft vom politischen Islam ausgeht. Und so wie das Unvermögen, den Nationalsozialismus als spezifische Form des deutschen Antisemitismus auf den Begriff zu bringen, daran erkenntlich ist, dass man ausgewiesenen Nazigegnern unterstellt ebenfalls faschistisch gewesen zu sein, so zeigt sich heute die Unfähigkeit den Islam auf den Begriff zu bringen darin, dass man seine Gegner als Rassisten, Imperialisten und Faschisten bezeichnet. Der Fuhrer vom Focus macht klar, dass zwischen beiden Erscheinungen deutscher Ideologie ein notwendiger Zusammenhang besteht.

Total Recall in Kassel

Leuchtende Musik und auf der Suche nach Geschichten

Gegen das Vergessen I

Am 27. Januar fand in Kassel doch tatsächlich in der Lutherkirche das Holocaust-Gedenkkonzert statt. Und was wurde gespielt? Na klar, Klezmer! Immerhin leuchtete die Musik jüdischer Komponisten in vielen Farben, meinte der Berichterstatter der HNA am 30. Januar 2018 – was immer er damit ausdrücken wollte.

HNA: Klezmer und leuchtende Musik

Und damit auch jeder weiß, warum das Gedenken stattfindet, wurde, so der Zeitungsbericht weiter, bei der Veranstaltung eingangs folgendes ausgeführt: „Mit dem Gedenken wolle man aber auch eine Verbindung in die Gegenwart herstellen und dazu auffordern, gegenwärtige Entwicklungen von Antisemitismus, […] entgegenzutreten.“ Also die Lutherkirche abreißen, den Lutherplatz umbenennen, den Rat der Religionen endlich einstampfen, die Zusammenarbeit verschiedener Kasseler Institutionen mit der DITIB und der UETD bekämpfen, jegliche finanzielle Zuwendungen an den Verein Erdogans beenden, die Industrie und Handelskammer schimpfen, weil sie sich über gute Beziehungen zum Iran freut, oder die Zusammenarbeit mit den Kasseler Freunden des Friedens beenden? Nein, natürlich nicht, denn es geht darum, „Diskriminierung, Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit entschieden entgegenzutreten“ wurde ergänzend weiter ausgeführt.

Gegen das Vergessen II

Auf der ersten Seite der HNA am 29.01.2018. Der Angriff fand im Oktober 1943 statt. Das Erinnern will gut vorbereitet sein.

Einen Tag zuvor ist auf der ersten Seite der Zeitung das oben abgebildete Bild zu finden. Ein dreiviertel Jahr vor dem Jahrestag der Bombardierung Kassels fängt die Zeitung an, die totale Erinnerung zu mobilisieren. Und weil die Volksgenossen folgsam sind, findet sich am 31.01.2018 ein Kommentar auf der ersten Seite der Zeitung. Der ist mit „Gegen das Vergessen“ überschrieben. „Nichts sei so wertvoll, wie die Berichte von Zeitzeugen, wenn es darum geht der Nachwelt das Grauen zu verdeutlichen […]“ meint der Leitkommentator.

Was will man nicht vergessen? „Die schreckliche Nacht, die alles veränderte in Kassel, […]“ Gemeint ist die sogenannte Bombennacht, also die Nacht als die Royal Air Force einen massiven Bombenangriff gegen Kassel flog, weil sich im Januar 1933 alles in Deutschland, auch in Kassel änderte. Der Angriff fand 10 Jahre nach diesem Ereignis statt. Die letzten Kasseler Juden waren ein Jahr vorher in den Tod geschickt worden. Die Stadt ist wieder aufgebaut worden, die Kasseler Juden waren ausgerottet, dank einer Ideologie, die auch mit dem Herrn zu tun, der Namensgeber der Kirche ist, in der die Gedenkveranstaltung stattfand.

„Gegen das Vergessen“ – „Zeitzeugen“. Die deutschen Erinnerungsweltmeister haben Pflöcke eingeschlagen, die es zu beachten gilt. Analog der letzten Überlebenden sucht man nun die letzten Volksgenossen, um sie „ihre Geschichten“ erzählen zu lassen, als ob es der Erkenntnis über den Nationalsozialismus dienlich wäre, Geschichten aus der Volksgemeinschaft zuzuhören. Ob man für sie auch leuchtende Musik spielen wird, man weiß es noch nicht.

Von Pfifferlingen und deutschen Opfern

„… das weitere Schicksal Krugs schilderten ehemalige, teils hochrangige Mossad-Leute dem Buchautor [Ronen Bergman]. […] Nach Bergmans Recherchen befahl der Mossadchef [Isser Harel] einem seiner Männer, Krug zu erschießen. Seine Leiche sei von einer Maschine der israelischen Luftwaffe über dem Meer abgeworfen worden, sagt ein anonymer Ex-Mossad-Mann in der TV-Dokumentation in die Kamera.“  (Spiegel 4 / 2018) Spiegel-Leser wissen mehr.

Diese Methode kennt man aus anderen Zusammenhängen und es gibt gute Gründe gegenüber solchermaßen „belegten“ Aussagen skeptisch zu bleiben. Nicht dass es damals Gründe gab, Krug an seinem Wirken zu hindern und notfalls auch aus dem Weg zu räumen, doch über das Ende von Krug weiß man auch heute nichts genaues. Von Skorzeny in Säure aufgelöst, vom Flugzeug abgeworfen, oder …

1963 berichtete der Spiegel in einem mit „Heidi und die Detektive“ launig betitelten Artikel : „Am 11. September verschwand der ehemalige Sänger-Mitarbeiter Dr. Heinz Krug, 49, aus München. Krug war Inhaber der Intra-Handelsgesellschaft, die Ägypten mit Material für Raketenbau versorgte. Von Krug wurde bis heute keine Spur gefunden; ein anonymes Schreiben zeigte seinen Tod an.“ Der Zeuge über den Tod Krugs damals wie heute ein Anonymus. Seit 1963 also nichts wirklich Neues.

Von den Tätigkeiten des deutschen Kaufmanns erfährt man heute im Spiegel: Er sollte für Nasser Raketen entwickeln, er hat Pfifferling gesucht, einen Mercedes 300 SE gefahren, den er allerdings skeptisch begutachtete, bevor er in ihn stieg, denn so wird der Sohn zitiert, „seinem Vater sei wohl bewusst gewesen, dass Nasser [für die Raketen] auch militärische Einsatzzwecke vorschwebten. Spätestens seit Juli 1962 bestand daran kein Zweifel mehr. Nur Tage nach einem erfolgreichen Test von vier Raketen ließ der begeisterte Staatspräsident bei einer Militärparade  die neuen Waffensysteme vorführen […] Die Botschaft war klar. Hiermit können wir Ziele in Israel angreifen. Dort brach Panik aus. […] Mossad-Boss Harel betrieb nun den Kampf gegen die Flugkörper.“

1963 wusste man im Spiegel: „Der Agentenkrieg“ brach aus, als Nasser 1962 seine Raketen öffentlich vorgeführt hat. „Nasser verdankte seine neuen Waffen deutschen und österreichischen Wissenschaftlern.“ Man schrieb zwar nichts von Pfifferlingen aber erkannte damals wie heute: „Die ägyptische Aktivität brachte alsbald die Israelis auf den Plan, die in Nassers Raketen eine tödliche Bedrohung für ihr Land sehen. […] Für Nassers Raketen-Bauer begann unversehens ein gefährliches Leben“.

Die verfolgten Unschuldigen und ihre schuldigen Verfolger

Krug war kein Einzeltäter. Ein Wolfgang Pilz und ein Hans Kleinwächter werden genannt, auch die kannte man schon 1963 und auch die „Postsendungen aus Hamburg, die Sprengstoff enthielten“ konnte man zuordnen. Der hier genannte Kleinwächter wusste damals schon Gehard Frey in der Nationalzeitung zu berichten: „Eine Betrachtung der letzten 20 Jahre ägyptischer Geschichte zeigt keinen einzigen Fall auf, in denen Ägypten einen anderen Staat überfallen hätte.“ Heute würde er das auf dem Friedensratschlag an der Kasseler Universität als Ergebnis jahrelanger Friedensforschung verbreiten. Und auch wie heute nahm man bei den Arbeitgebern der deutschen Raketenspezialisten kein Blatt vor dem Mund, wenn es um Israel geht. So ließ der damalige Chefredakteur der Al-Ahram verlauten: „Israel kann nicht ewig isoliert und umgeben von Haß existieren, […]. Israel wird […] ein Fremdkörper bleiben.“ Die arabische Haltung Israel gegenüber beruht „nicht nur auf dem Verdruß wegen der bitteren Erfahrungen der Palästinatragödie von 1948 […]“, sondern auf der „Tatsache, daß ein Staat Israel existieren soll und noch dazu auf einem Boden, der von Israel geraubt wurde […]“, so der Cairo-Brief in der Broschüre der Liga der Arabischen Staaten „Israel verfolgt deutsche Wissenschaftler“ aus dem Jahr 1964.

Dieser Zusammenhang, den der Spiegel 1963 immerhin noch indirekt zur Sprache brachte, als er die Haaretz wie folgt zitierte, „wenn Israel gezwungen wird, unkonventionelle Maßnahmen anzuwenden, um sich gegen die Bedrohung […] zu wehren, so liegt die wirkliche Verantwortung auf den Schultern der Regierung in der Bundesrepublik“ ist heute in diesem Magazin kein Thema mehr. Stattdessen präsentiert man zum Teil fasziniert, zum Teil empört die Ausführungen des Wissenschaftlers aus Israel über die Effektivität des Mossad und zählt akribisch die Toten, die der Mossad angeblich oder tatsächlich zu verantworten hat und zu denen, der Teufel soll sie holen, vielleicht sogar Arafat, aber auf jeden Fall auch deutsche Volksgenossen zählten, die wie Kleinwächter am Beispiel Krugs damals vor Frey empört darlegte, keine 20 Jahre vorher noch für Volk und Führer ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.

In der genannten Broschüre ist noch folgendes zu lesen: „[…] israelische Agenten fanden Schutz bei den bundesrepublikanischen Behörden aufgrund der Behauptung, daß das deutsche Volk für die Taten einer Gruppe von Menschen, während des Dritten Reichs verantwortlich sei. Diese Gruppe von Menschen wurde durch die Philosophie der westlichen Demokratie als diktatorisch bezeichnet, […]“ Heute ist man da schon weiter. Der Kampf gegen die westliche Philosophie ist Kernbestandteil linker Ideologie geworden und so wie man den Faschismus überall dort entdeckt, wo westliche Philosophie als das große Narrativ der Herrschenden gemutmaßt wird, nur dort nicht wo er stattfindet, so sieht man Täter vor allem da, wo der Staat, in dem, wie es Golda Meir damals formulierte, „die Überlebenden der Massenvernichtung Zuflucht gefunden haben“ verteidigt wird, nur da nicht, wo Waffen entwickelt werden, mit denen diesem Staat der Garaus bereitet werden soll.

Damals stellte sich schnell heraus: Die deutschen Waffentechniker stellten Kriegsgerät her, welches sich als untauglich erwies. Die für Israel bedrohliche Aufrüstung bewerkstelligte damals eine andere Macht. Die Waffen, die heute Israel bedrohen und auch aufgrund deutscher Politik ermöglicht werden, sind nicht nur  weitaus gefährlicher als die der damaligen Raketentechniker, sonder auch als die, die Ägypten und Syrien 1973 dazu befähigten, Israel nahe an den Abgrund zu bringen. Die Politik und die Politiker, die diese Rüstung vor dem Hintergrund einer postulierten Verantwortung vor der Geschichte heute möglich machen sind kein Thema des Spiegels. Damals legten Politiker der CDU, der SPD und der FDP einen Gesetzentwurf vor, nach denen Auftragsreisen deutscher Wissenschaftler und Techniker ins Ausland ähnlich wie beim Kriegswaffenkontrollgesetz vorher genehmigt werden müssten.  Dem Politiker, der heute die Waffentechnik verhindern will, die Israel tödlich bedroht, wirft man auch im Spiegel vor, Wegbereiter des Faschismus zu sein.

Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.

Den Antisemiten eins auf die Backen!

„Im Laufe der vergangenen 40 Jahre sind die israelischen Juden eine Nation geworden. Sie haben eine archaische Sprache (Hebräisch) wiederbelebt, die heute Umgangssprache der Mehrheit der Israelis geworden ist; eine nationale Kultur überwindet die ethnische Teilung. […] Aber ein wesentliches Element des Nationalbewusstseins der israelischen Juden ist ihre unterdrückerische und chauvinistische Haltung gegenüber den Arabern. Die israelischen Juden haben ein Nationalbewusstsein herausgebildet, […], gleichzeitig sind sie Angehörige einer Unterdrückernation; ihr Nationalbewusstsein ist nur entstanden durch die gleichzeitige Verweigerung des legitimen Rechts auf Selbstbestimmung für die Palästinenser. Israel ist daher eine Unterdrückernation, und wir erkennen daher sein Existenzrecht als Nationalstaat nicht an.“ 1

So heißt es auf der Seite der Gruppe Arbeitermacht, die Dachorganisation der Truppe, die sich „REVOLUTION“ nennt und in Kassel auch bei den antisemitischen Kundgebungen im Sommer 2014 dabei waren, denn „als revolutionäre Kommunist_Innen stehen wir stets an der Seite der Unterdrückten und halten auch deshalb den palästinensischen Widerstand […] gegen das zionistische Regime für legitim und notwendig, denn es handelt sich hier um eine religiöse Legitimation für eine kolonialistische Politik.“ Und die würden die jungen Revolutionäre natürlich nie unterstützen und bekämpfen deswegen Israel, weil dieser Staat „unter Vereinnahmung des Davidsterns sich als ‚das jüdische Volk‘ präsentiert und in diesem Namen unterdrückt, ermordet und vertreibt. Wir betonen an dieser Stelle erneut: der Staat Israel ist zionistisch, nicht jüdisch.“2 Und der Staat ist nicht nur nicht jüdisch, sondern ist ein Staat der „einen Genozid an den Palästinensern begeht […] deswegen ist, „wer so einen Staat in Frage stellt, […] noch lange kein Antisemit.“ Auch der ist kein Antisemit der „die Zerschlagung des bürgerlichen Staates Israels“ zusammen „mit der Befreiung der PalästinenserInnen“ fordert. Und im übrigen „dass Israel Kinder tötet, ist eine Tatsache. Jeder, der [daher] den Angehörigen, deren Familien in Gaza oder der Westbank umgebracht werden, unterstellen will, dass sie Antisemiten sind, weil sie ihre Wut und Trauer herausschreien, ist an Zynismus wohl kaum zu überbieten. Wenn Südafrika ein Apartheidsstaat war, dann ist Israel mit Gewissheit ein Apartheidsstaat.“3

In Kassel haben nun ein paar juvenile Vertreter dieses lupenreinen Antisemitismus eins auf die Backen bekommen. Diese beklagen sich darüber, dass „Antirassit_Innen“ angegriffen worden seien.4 Um die Jungs und Mädchen dieser Truppe noch mal zu zitieren: „Im Kampf gegen Antisemitismus treten wir auch sehr wohl für demokratische Selbstverteidigungsstrukturen gegen antisemitische Übergriffe ein.“ Ein paar GenossInnen haben sie beim Wort genommen!

Merkava das ist die wahre Antifa!

Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten

Ein Kasseler Junge als Soldat der britischen Armee in Nordafrika

Vorbemerkung:

Am 22.10.1943 bombardierte die Royal Air Force Kassel. Dabei wurde die Stadt stark zerstört und ca. 10.000 Menschen kamen bei den Bombenangriffen ums Leben. Die Bombardierung Kassels ist ein wichtiger Bestandteil der lokalen Erinnerungspolitik. Etliche Publikationen beschäftigen sich mit diesem Ereignis, sowohl in Bezug auf die Bombardierung selbst als auch auf die untergegangene Stadt. Dass der Luftkrieg ein wichtiges Element der Kriegsführung gegen Deutschland darstellte, dass die Stadt ein legitimes und wichtiges Angriffsziel der Alliierten war, dass es dem Tätervolk und der Täternation anstünde, sich in stiller Trauer zu bescheiden ist hier oft genug dargestellt worden, aber kein Thema der Kasseler Erinnerungspolitik.

Opfer des deutschen Krieges waren nicht nur die Ermordeten und Verfolgten des Naziregimes, sondern auch die alliierten Soldaten, die gegen die deutsche Kriegsmaschinerie und Volksgemeinschaft antraten und ihr Leben oder ihre Gesundheit lassen mussten, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Zu ihnen gehören auch die Besatzungen der beim Einsatz gegen Kassel abgeschossenen ca. 40 Bomber.

Auch die Kasseler Lokalzeitung thematisiert jährlich den Angriff. In der aktuellen Ausgabe heißt es: „Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die erzählen können, wie es in Kassel vor 1943 aussah und wie sie die Bombennacht überlebt haben.“

Hier nun ein kleiner Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen eines Veteranen der britischen Armee und später der jüdischen Brigade, der gegen Nazideutschland kämpfte und der Erinnerungen an Kassel aus der Zeit vor 1932 hat. Es handelt sich um Martin Kaufmann, der seine ersten 10 Lebensjahre in Kassel verbrachte um dann 1932 mit seinen Eltern und zwei Brüdern die Stadt zu verlassen und mit ihnen nach Palästina / Israel auswanderte. Als er kurz vor der Auswanderung auf das Kasseler Wilhelmsgymnasium wechselte, erlebte er als Schüler antisemitische Anfeindungen der deutschen Volksgemeinschaft (Nachbarn, Schüler und Lehrer). Trotzdem erinnert er sich gerne an die Straßen und Plätze der Kassel Altstadt zurück, in denen er als „Gassenjunge“ lebte. Martin überlebte den Krieg und heißt seit 1948  Mordechai Tadmor. Er lebt mit seiner Frau heute in Israel. Ihnen und Martins Eltern ist eine kleine Broschüre gewidmet. 

I. Weihnachten in Kairo

Wir Rekruten hatten unsere Grundausbildung im Sarafand (heute Tzrifin1) hinter uns, bekamen neue Uniformen (unsere alten waren Bestände aus dem ersten Weltkrieg) und bestiegen die Fahrzeuge, die uns über den Suezkanal nach Kairo brachten. Die meisten von unserer Gruppe kamen aus einem Kibbuz oder einer Siedlung. Sogar Tel Aviv war damals eher ein Schtetl, denn eine große Stadt. Kairo hingegen war eine Metropole mit Straßenbahnen, Museen und Vergnügungsstätten, die wir aber leider nicht besuchen konnten, da unser Sold dazu nicht ausreichte. Wir trafen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Kairo, die für uns eine Art von Klub organisierten, wo man billig essen konnte. Die Leute sprachen untereinander französisch, arabisch nur mit den Dienstboten. Ihre Töchter ignorierten uns leider. Wir wurden dort im Militärlager Abbasiyah untergebracht, es lag inmitten der Stadt. Im Lager war Betrieb als wären wir noch im tiefsten Frieden und das obwohl Marschall Grazianis2 Armee schon an der ägyptischen Grenze stand.

Ein Erlebnis, das ich bis heute mit meinem Dienst in der britischen Armee verbinde, war das Weihnachtsfest 1940. Es war mein erstes und letztes Mal Weihnachten zu feiern. Normalerweise wurden wir täglich gedrillt und inspiziert und mussten viel Zeit totschlagen. Dann kam der 24. Dezember. Das Camp verwandelte sich. Plötzlich stand der Drill nicht mehr auf der Tagesordnung wir wurden weder inspiziert noch angeschnauzt. Am Abend wurden wir in den großen Speisesaal des Lagers geführt. Die Halle war festlich geschmückt. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum mit allem was dazugehört, Kerzen, Sterne und Lametta. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser. Normalerweise aßen wir aus sogenannten Messtins, das sind zusammenklappbare Blechnäpfe, deren einer Teil für Getränke vorgesehen war, der andere Teil für das Essen. Auf dem Tisch standen Bierflaschen und Boxen mit Zigaretten und zwar von der Marke “Player“ und “Capstan“, nicht die Sorte Zigaretten, die wir sonst als Ration erhielten. Das waren welche mit dem Namen “Victory“. Denen wurde nachgesagt, dass sie aus purem Kamelmist bestehen würden – jedenfalls schmeckten sie so.

Die Feier wurde natürlich für die Engländer ausgerichtet, doch wir waren als Gäste geladen. Nachdem alle Platz genommen hatten, betrat der Regimental Sergeant Major die Halle. Ein Regimental Sergeant Major, der höchste Rang des Sergeanten, ist verantwortlich für die Ordnung und Disziplin und normalerweise versuchten wir ihm aus dem Weg zu gehen, denn er fand immer einen Grund uns anzuschnauzen oder zu einer Arbeit einzuteilen. Er trug zur Feier des Tages seine Friedensuniform und wir standen auf. Er hielt eine Ansprache, und wir wurden mit „Gentlemen“ angesprochen. Das hinterließ bei uns einen großen Eindruck. Danach wurde der Weihnachtsbaum angezündet. Wir tranken ein Toast auf Seine Majestät King George VI und es wurden Weihnachtslieder gesungen. Unter anderem „Oh come all ye faithfull“. Wir versuchten mehr schlecht als recht mitzusingen. Dann wurde das Festessen aufgetragen. An die Speisenfolge habe ich keine klare Erinnerung mehr, war es das gute und reichlich ausgeschenkte Bier, ich weiß es nicht mehr genau. Aber es gab Steak, Kidny Pie und Plumpudding. Natürlich waren wir sehr beeindruckt und vielleicht sogar ein wenig stolz, ein Teil von dieser Organisation zu sein. Später relativierte sich dieser Eindruck.

Am nächsten Morgen gab es keine “Reveille“ (Wecken). Britische Offiziere brachten uns sogar den Tee an unsere Pritschen. Später erklärte man uns, das wäre der Brauch in der Army in Friedenszeiten. Nach wenigen Tagen war das alles leider vorbei.

II. Libyen

Wir erreichten Tripolis nach 3 Jahren Krieg in der Wüste. Oft glaubten wir, wir hätten es schon fast geschafft. Aber dreimal wurden wir auf halben Weg zurück gejagt. Doch nach Montgomerys Sieg bei El-Alamein, waren wir dann endlich am Ziel. Schon der Weg dahin war eindrucksvoll: Auf der Strecke von Derna nach Tripolis blühte alles. Deswegen wurde die Gegend auch „Djebel Achdar“ genannt, der „Grüne Berg“. Dort lebten italienischen Bauern, die von Mussolini dort angesiedelt wurden und die Gegend in einen Garten verwandelten. Jahre nach dem Krieg, nachdem Gaddafi die Macht übernahm, wurden sie verjagt und das Land wurde wieder zu Wüste, wo die Senussibeduinen3 ihr Unwesen trieben, was sie bekanntlich heute noch tun.

Tripolis war zu unserer Zeit eine schöne Stadt, erbaut im italienischen Stil, mit eindrucksvollen Gebäuden und nahezu unbeschädigt. Wie die Stadt heutzutage aussieht, muss ein Alptraum sein. Der Krieg war zu der Zeit, wo ich dort stationiert war, schon ziemlich weit weg – an der Grenze zu Tunesien. Dort konnte Rommel den neu angekommenen Amerikanern lehren, was Krieg ist, bevor sie ihm dann das Laufen beibrachten. Wir waren eingesetzt, um den Nachschub an die Front zu sichern. So hielt sich unsere Belastung in Grenzen. Wir bezogen ein Camp am Stadtrand und richteten uns dort ein. Nur die nächtlichen Angriffe deutscher Bomber hielten uns auf Trab, aber daran waren wir schon gewöhnt. Unser Camp lag in der Nähe des Viertels Gargaresh, wohin die Italiener, seit der Verbindung mit Nazideutschland, die Juden von Tripolis4 verbannten. Das war also so eine Art von Ghetto. Dort lebten sowohl die ehemals wohlhabenden jüdischen Einwohner von Tripolis als auch die sehr armen. Wir organisierten sofort eine Art Gemeinschaftsleben, unterrichteten Hebräisch, lehrten hebräische Lieder und halfen so gut wir konnten. Die meisten Bewohner des Ghettos sprachen italienisch und so fing ich schon dort an, Italienisch zu lernen.

Oft wurden wir zum Essen Freitagabends, also zum Sabbath, eingeladen. Dort lernte ich zum ersten Mal den Freitagabendfisch der tripolitanischen Juden kennen. Später erfuhr ich, dass das auch die Art der tunesischen, marokkanischen und algerischen Juden war, den Fisch zuzubereiten. Das Essen nennt sich „Chreime“. Der so zubereitete Fisch war so scharf, dass uns die Tränen liefen. Nie wieder habe ich so einen Fisch gegessen. Dazu tranken wir Arrak und einen Wein, der – ich glaube – aus Datteln gekeltert war. Man nannte ihn „Legbe“. Heute kennt den glaube ich kein Mensch mehr.

Mitte August endete dann dieses Leben. Wir wurden in ein isoliertes Camp versetzt, weit entfernt von der Stadt und mitten in der Wüste. Wir durften keinen Kontakt mehr mit der Außenwelt haben, auch nicht schreiben. Unsere Fahrzeuge wurden wasserdicht gemacht. Alles Vorbereitungen für das Unternehmen „Bigot“, die Invasion Italiens. Im September 1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. In Folge der erfolgreichen Befreiung Siziliens wurde Mussolini gestürzt und Italien schied als Kriegsteilnehmer an der Seite Deutschlands aus. Deutsche Truppen besetzten daraufhin den nördlichen Teil Italiens und errichteten die „Republik Salo“, in der Mussolini als Oberhaupt fungierte. So endete das tripolitanische Intermezzo für uns. Ein Nachspiel gab es noch: Viele Jahre später traf ich zufällig in Givatayim einen Mann aus Tripolis. Er war ein Schneider, der meine Hosen flickte. Wir kannten uns vorher nicht, freundeten uns aber an und ich besuchte in oft. Natürlich tauschten wir unsere Erinnerungen an Tripolis aus und unterhielten uns auf italienisch. Er ist schon lange tot. Eine Plakette an seinem Haus erinnert an ihn.

Martin Kaufmann und sein bester Freund Israel Gefen
als Soldaten der britischen Armee in Nordafrika (© JD)

III. Italien

Wir haben die italienische Bevölkerung ganz unterschiedlich wahrgenommen und kennengelernt. Da waren, zum ersten, die italienischen Siedler in der Provinz Cyrenaika, die von Mussolini im fruchtbaren Teil Libyens angesiedelt wurden. Soweit sie nicht evakuiert waren, lernten wir sie als stolze Faschisten kennen, die nichts mit uns zu tun haben wollten. Ganz anders war die Situation nach der Landung der Alliierten in Sizilien und Salerno. Es kam zu einem Waffenstillstand, die Deutschen übernahmen das Land und die Italiener und wir waren auf einmal Verbündete.

Meine Abteilung wurde nach der Landung in die Nähe von Neapel versetzt. Neapel war der Hauptnachschubhafen für die 5. Amerikanische Armee, der wir unterstellt waren. Die Korruption war fürchterlich. Alles wurde verschoben, alles war zu haben, einschließlich Frauen – für eine Dose Cornedbeef oder eine Stange Zigaretten. Ich bin stolz auf die Tatsache, dass wir, d.h. meine Kompanie, im Großen und Ganzen sauber blieben. Wir waren eben immer noch Idealisten, so komisch das heute klingt.

Mit den Italienern kamen wir gut zurecht. Die meisten Italiener, besonders in den Dörfern, in denen wir kampierten, hatten keine Ahnung, wer wir waren und woher wir kamen. Wir wurden gefragt: „Woher kommt ihr ?“ Wir antworteten: „Aus Palästina“. Die Antwort: „Ah bene, siete da Palestrina“. Den Ort gibt es wirklich, in der Nähe von Rom. In Florenz, wo wir nach Kriegsende längere Zeit stationiert waren, gab es dann ziemlich viel Kontakt zwischen den Italienern und uns. Einige von uns heirateten sogar Florentinerinnen. Ich selbst schloss Freundschaft mit einem Italiener, der als Zivilangestellter bei uns arbeitete und besuchte ihn oft zu Hause. Er hatte eine 10-jährige Tochter, die mein Italienisch korrigierte, während ich ihre englischen Hausaufgaben durchsah. Mit dieser Familie korrespondierte ich noch Jahre danach. Die Liebe zu Italien, zur italienischen Sprache und zur Literatur ist mir bis heute geblieben.

Alles in Allem hatte ich in Florenz einen bequemen Job, der mir viel freie Zeit ließ. Diese Freizeit nutzte ich aus um Florenz kennen zu lernen. Ich verliebte mich in diese Stadt mit ihren historischen Brücken und Gebäuden. Auf einem meiner Streifzüge durch die Stadt lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Lina und arbeitete in einer Wäscherei, nicht weit von unserem Kompanie HQ. Auch sie wohnte in der Nähe. Sie lud mich ein, sie daheim zu besuchen. Ihre Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen. Da war noch ein kleiner Bruder, er hieß Gianpaolo. Die Eltern hatten keine Einwände gegen meine Besuche, denn meistens brachte ich etwas mit: Einige Dosen Corned Beef die mir mein Freund, der Küchenchef spendierte oder Zigaretten der Marke „Player“ aus unserer „NAAFI“ (Kantine). Wir unternahmen Streifzüge durch die Stadt und besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, den Palazzo Vecchio und den Dom. Das war das erste Mal, dass ich eine Kirche von innen sah. Meine Mutter sagte immer: „Ein Jude geht nicht in eine Kirche“. Auch die Martinskirche in Kassel sah ich nie von innen. Lina führte mich auch an die Santa Trinita Brücke, dort wo Dante Beatrice zum ersten Mal sah. Jedes Kind in Florenz kennt die Geschichte der Stadt. Einmal bat sie mich, sie in eine Kirche in in der Nähe ihrer Wohnung zu begleiten, zur Beichte wie sie sagte. Während ich auf sie wartete, setzte sich ein Pater zu mir (ich glaube, es war arrangiert). Er stellte sich als Prete Giuseppe vor und stellte mir Fragen über meine Herkunft, Religion usw. Er war sehr angetan, als ich ihm erzählte, dass ich aus Palästina komme und er fing an über Jesus, Maria, und die Kreuzigung zu erzählen.

Am Ende des Gespräches lud er mich ein, an einem Sonntag an einer Messe teilzunehmen. Ich folgte seiner Einladung und war auch sehr von dem Zeremoniell beeindruckt, das so verschieden von dem Unseren war. Bei meinem letzten Besuch gab er mir ein Gebetbuch mit Gebeten in lateinischer Sprache mit, das ich bis Heute habe. Ich las oft darin und war sehr beeindruckt von der lateinischen Sprache und von dieser Zeit rührt mein Interesse an dieser Sprache. Doch bevor Lina und ich über eine gemeinsame Zukunft sprechen konnten wurden wir getrennt. Aber ich hatte auch noch keinen Begriff, wie eine solche Zukunft hätte aussehen können. Ich war noch absolut unreif und kindisch in dieser Beziehung, denn ich war zwar lange Soldat, hatte aber weder Beruf, Bildung noch Rückhalt in der Familie. Ich auch an ein Leben im Kibbuz. Vielleicht wären wir beide dort aufgenommen worden.

Mordechai Tadmor liebte nicht nur die italienische Sprache. Das ist Lina aus Florenz.

Auf jeden Fall aber, das Schicksal wollte es anders. Der Krieg war zu Ende und die dienstältesten Soldaten (ich war unter diesen, ich hatte die Dienstnummer 529) bekamen 56 Tage Heimaturlaub. Dieser Urlaub erwies sich für mich als Katastrophe – Alles war mir fremd geworden. Ich wollte zurück nach Italien aber dahin führte kein Weg zurück. Für meine Anstrengungen nach Italien zurückzukommen wurde ich auf einen Posten in der Negevwüste (Bir Asluj) verbannt wo ich bis zu meiner Entlassung aus dem Dienst bleiben musste. Lina heiratete einen Kameraden aus meiner Kompanie und kam mit ihm sogar nach Israel. Aber ich sah sie nie wieder. Bei der letzten Zusammenkunft unserer Kompanie im Jahre 1988, traf ich ihren Mann. Er erzählte mir, dass sie ein Jahr zuvor an Krebs starb. Ite, Missa est.

1 Tzifrin ist heute eine israelische Militärbasis. Sie liegt südöstlich von Tel Aviv.

2 Rudolfo Graziani war ein italienischer General. Er war u.a. für den Einsatz chemischer Waffen in Abessinien und völkermordähnlichen Deportationen in Libyen verantwortlich. 1940 scheiterte ein Angriff seiner Truppen auf Kairo. In der sogenannten Republik Salo war er Verteidigungsminister. Nach dem Krieg trat er 1955 der faschistischen MSI bei. Graziani starb 1955.

3 Senussi-Beduinen sind eine Bevölkerungsgruppe in Libyen, die stark vom Soufi-Orden beeinflusst waren. Viele von ihnen waren Gegner der italienischen Besatzung und kooperierten mit den Alliierten. Das Oberhaupt der Senussi-Beduinen wurde nach 1945 als Regent eingesetzt. Die Regierung wurde von Gaddafi gestürzt. Der Soufi-Orden war unter Gaddafi verboten, ohne jedoch den gesellschaftlichen Einfluss eingebüßt zu haben.

4 In Tripolis gab es wie in vielen anderen nordafrikanischen Städten, wie auch im schon erwähnten Kairo, seit der Antike eine uralte jüdische Gemeinde. Unter italienischer Herrschaft wuchs diese Gemeinde zunächst an und erfuhr auch nach der Einführung antisemitischer Gesetze in Italien keine Benachteiligung. Erst nach der Besetzung Libyens durch deutsche Truppen, wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Libyens interniert und in ein Zwangsarbeiterlager deportiert, wo viele Juden umgebracht wurden, oder an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben. Nach dem Krieg kam es dann schon 1945 zu einem Pogrom, bei dem über 100 Juden von einem Mob umgebracht wurden. 1948 kam es erneut zu Angriffen auf die jüdische Bevölkerung, die sich jedoch verteidigte. Danach begann die Vertreibung des Großteils der jüdischen Bevölkerung aus Libyen (wie aus den anderen arabischen Staaten). Die letzten verbliebenen Juden wurden 1967 aus Tripolis vertrieben.