Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten

Ein Kasseler Junge als Soldat der britischen Armee in Nordafrika

Vorbemerkung:

Am 22.10.1943 bombardierte die Royal Air Force Kassel. Dabei wurde die Stadt stark zerstört und ca. 10.000 Menschen kamen bei den Bombenangriffen ums Leben. Die Bombardierung Kassels ist ein wichtiger Bestandteil der lokalen Erinnerungspolitik. Etliche Publikationen beschäftigen sich mit diesem Ereignis, sowohl in Bezug auf die Bombardierung selbst als auch auf die untergegangene Stadt. Dass der Luftkrieg ein wichtiges Element der Kriegsführung gegen Deutschland darstellte, dass die Stadt ein legitimes und wichtiges Angriffsziel der Alliierten war, dass es dem Tätervolk und der Täternation anstünde, sich in stiller Trauer zu bescheiden ist hier oft genug dargestellt worden, aber kein Thema der Kasseler Erinnerungspolitik.

Opfer des deutschen Krieges waren nicht nur die Ermordeten und Verfolgten des Naziregimes, sondern auch die alliierten Soldaten, die gegen die deutsche Kriegsmaschinerie und Volksgemeinschaft antraten und ihr Leben oder ihre Gesundheit lassen mussten, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Zu ihnen gehören auch die Besatzungen der beim Einsatz gegen Kassel abgeschossenen ca. 40 Bomber.

Auch die Kasseler Lokalzeitung thematisiert jährlich den Angriff. In der aktuellen Ausgabe heißt es: „Es gibt nicht mehr viele Zeitzeugen, die erzählen können, wie es in Kassel vor 1943 aussah und wie sie die Bombennacht überlebt haben.“

Hier nun ein kleiner Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen eines Veteranen der britischen Armee und später der jüdischen Brigade, der gegen Nazideutschland kämpfte und der Erinnerungen an Kassel aus der Zeit vor 1932 hat. Es handelt sich um Martin Kaufmann, der seine ersten 10 Lebensjahre in Kassel verbrachte um dann 1932 mit seinen Eltern und zwei Brüdern die Stadt zu verlassen und mit ihnen nach Palästina / Israel auswanderte. Als er kurz vor der Auswanderung auf das Kasseler Wilhelmsgymnasium wechselte, erlebte er als Schüler antisemitische Anfeindungen der deutschen Volksgemeinschaft (Nachbarn, Schüler und Lehrer). Trotzdem erinnert er sich gerne an die Straßen und Plätze der Kassel Altstadt zurück, in denen er als „Gassenjunge“ lebte. Martin überlebte den Krieg und heißt seit 1948  Mordechai Tadmor. Er lebt mit seiner Frau heute in Israel. Ihnen und Martins Eltern ist eine kleine Broschüre gewidmet. 

I. Weihnachten in Kairo

Wir Rekruten hatten unsere Grundausbildung im Sarafand (heute Tzrifin1) hinter uns, bekamen neue Uniformen (unsere alten waren Bestände aus dem ersten Weltkrieg) und bestiegen die Fahrzeuge, die uns über den Suezkanal nach Kairo brachten. Die meisten von unserer Gruppe kamen aus einem Kibbuz oder einer Siedlung. Sogar Tel Aviv war damals eher ein Schtetl, denn eine große Stadt. Kairo hingegen war eine Metropole mit Straßenbahnen, Museen und Vergnügungsstätten, die wir aber leider nicht besuchen konnten, da unser Sold dazu nicht ausreichte. Wir trafen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Kairo, die für uns eine Art von Klub organisierten, wo man billig essen konnte. Die Leute sprachen untereinander französisch, arabisch nur mit den Dienstboten. Ihre Töchter ignorierten uns leider. Wir wurden dort im Militärlager Abbasiyah untergebracht, es lag inmitten der Stadt. Im Lager war Betrieb als wären wir noch im tiefsten Frieden und das obwohl Marschall Grazianis2 Armee schon an der ägyptischen Grenze stand.

Ein Erlebnis, das ich bis heute mit meinem Dienst in der britischen Armee verbinde, war das Weihnachtsfest 1940. Es war mein erstes und letztes Mal Weihnachten zu feiern. Normalerweise wurden wir täglich gedrillt und inspiziert und mussten viel Zeit totschlagen. Dann kam der 24. Dezember. Das Camp verwandelte sich. Plötzlich stand der Drill nicht mehr auf der Tagesordnung wir wurden weder inspiziert noch angeschnauzt. Am Abend wurden wir in den großen Speisesaal des Lagers geführt. Die Halle war festlich geschmückt. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum mit allem was dazugehört, Kerzen, Sterne und Lametta. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser. Normalerweise aßen wir aus sogenannten Messtins, das sind zusammenklappbare Blechnäpfe, deren einer Teil für Getränke vorgesehen war, der andere Teil für das Essen. Auf dem Tisch standen Bierflaschen und Boxen mit Zigaretten und zwar von der Marke “Player“ und “Capstan“, nicht die Sorte Zigaretten, die wir sonst als Ration erhielten. Das waren welche mit dem Namen “Victory“. Denen wurde nachgesagt, dass sie aus purem Kamelmist bestehen würden – jedenfalls schmeckten sie so.

Die Feier wurde natürlich für die Engländer ausgerichtet, doch wir waren als Gäste geladen. Nachdem alle Platz genommen hatten, betrat der Regimental Sergeant Major die Halle. Ein Regimental Sergeant Major, der höchste Rang des Sergeanten, ist verantwortlich für die Ordnung und Disziplin und normalerweise versuchten wir ihm aus dem Weg zu gehen, denn er fand immer einen Grund uns anzuschnauzen oder zu einer Arbeit einzuteilen. Er trug zur Feier des Tages seine Friedensuniform und wir standen auf. Er hielt eine Ansprache, und wir wurden mit „Gentlemen“ angesprochen. Das hinterließ bei uns einen großen Eindruck. Danach wurde der Weihnachtsbaum angezündet. Wir tranken ein Toast auf Seine Majestät King George VI und es wurden Weihnachtslieder gesungen. Unter anderem „Oh come all ye faithfull“. Wir versuchten mehr schlecht als recht mitzusingen. Dann wurde das Festessen aufgetragen. An die Speisenfolge habe ich keine klare Erinnerung mehr, war es das gute und reichlich ausgeschenkte Bier, ich weiß es nicht mehr genau. Aber es gab Steak, Kidny Pie und Plumpudding. Natürlich waren wir sehr beeindruckt und vielleicht sogar ein wenig stolz, ein Teil von dieser Organisation zu sein. Später relativierte sich dieser Eindruck.

Am nächsten Morgen gab es keine “Reveille“ (Wecken). Britische Offiziere brachten uns sogar den Tee an unsere Pritschen. Später erklärte man uns, das wäre der Brauch in der Army in Friedenszeiten. Nach wenigen Tagen war das alles leider vorbei.

II. Libyen

Wir erreichten Tripolis nach 3 Jahren Krieg in der Wüste. Oft glaubten wir, wir hätten es schon fast geschafft. Aber dreimal wurden wir auf halben Weg zurück gejagt. Doch nach Montgomerys Sieg bei El-Alamein, waren wir dann endlich am Ziel. Schon der Weg dahin war eindrucksvoll: Auf der Strecke von Derna nach Tripolis blühte alles. Deswegen wurde die Gegend auch „Djebel Achdar“ genannt, der „Grüne Berg“. Dort lebten italienischen Bauern, die von Mussolini dort angesiedelt wurden und die Gegend in einen Garten verwandelten. Jahre nach dem Krieg, nachdem Gaddafi die Macht übernahm, wurden sie verjagt und das Land wurde wieder zu Wüste, wo die Senussibeduinen3 ihr Unwesen trieben, was sie bekanntlich heute noch tun.

Tripolis war zu unserer Zeit eine schöne Stadt, erbaut im italienischen Stil, mit eindrucksvollen Gebäuden und nahezu unbeschädigt. Wie die Stadt heutzutage aussieht, muss ein Alptraum sein. Der Krieg war zu der Zeit, wo ich dort stationiert war, schon ziemlich weit weg – an der Grenze zu Tunesien. Dort konnte Rommel den neu angekommenen Amerikanern lehren, was Krieg ist, bevor sie ihm dann das Laufen beibrachten. Wir waren eingesetzt, um den Nachschub an die Front zu sichern. So hielt sich unsere Belastung in Grenzen. Wir bezogen ein Camp am Stadtrand und richteten uns dort ein. Nur die nächtlichen Angriffe deutscher Bomber hielten uns auf Trab, aber daran waren wir schon gewöhnt. Unser Camp lag in der Nähe des Viertels Gargaresh, wohin die Italiener, seit der Verbindung mit Nazideutschland, die Juden von Tripolis4 verbannten. Das war also so eine Art von Ghetto. Dort lebten sowohl die ehemals wohlhabenden jüdischen Einwohner von Tripolis als auch die sehr armen. Wir organisierten sofort eine Art Gemeinschaftsleben, unterrichteten Hebräisch, lehrten hebräische Lieder und halfen so gut wir konnten. Die meisten Bewohner des Ghettos sprachen italienisch und so fing ich schon dort an, Italienisch zu lernen.

Oft wurden wir zum Essen Freitagabends, also zum Sabbath, eingeladen. Dort lernte ich zum ersten Mal den Freitagabendfisch der tripolitanischen Juden kennen. Später erfuhr ich, dass das auch die Art der tunesischen, marokkanischen und algerischen Juden war, den Fisch zuzubereiten. Das Essen nennt sich „Chreime“. Der so zubereitete Fisch war so scharf, dass uns die Tränen liefen. Nie wieder habe ich so einen Fisch gegessen. Dazu tranken wir Arrak und einen Wein, der – ich glaube – aus Datteln gekeltert war. Man nannte ihn „Legbe“. Heute kennt den glaube ich kein Mensch mehr.

Mitte August endete dann dieses Leben. Wir wurden in ein isoliertes Camp versetzt, weit entfernt von der Stadt und mitten in der Wüste. Wir durften keinen Kontakt mehr mit der Außenwelt haben, auch nicht schreiben. Unsere Fahrzeuge wurden wasserdicht gemacht. Alles Vorbereitungen für das Unternehmen „Bigot“, die Invasion Italiens. Im September 1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. In Folge der erfolgreichen Befreiung Siziliens wurde Mussolini gestürzt und Italien schied als Kriegsteilnehmer an der Seite Deutschlands aus. Deutsche Truppen besetzten daraufhin den nördlichen Teil Italiens und errichteten die „Republik Salo“, in der Mussolini als Oberhaupt fungierte. So endete das tripolitanische Intermezzo für uns. Ein Nachspiel gab es noch: Viele Jahre später traf ich zufällig in Givatayim einen Mann aus Tripolis. Er war ein Schneider, der meine Hosen flickte. Wir kannten uns vorher nicht, freundeten uns aber an und ich besuchte in oft. Natürlich tauschten wir unsere Erinnerungen an Tripolis aus und unterhielten uns auf italienisch. Er ist schon lange tot. Eine Plakette an seinem Haus erinnert an ihn.

Martin Kaufmann und ein Kamerad als Soldaten der britischen Armee in Nordafrika (© JD)

III. Italien

Wir haben die italienische Bevölkerung ganz unterschiedlich wahrgenommen und kennengelernt. Da waren, zum ersten, die italienischen Siedler in der Provinz Cyrenaika, die von Mussolini im fruchtbaren Teil Libyens angesiedelt wurden. Soweit sie nicht evakuiert waren, lernten wir sie als stolze Faschisten kennen, die nichts mit uns zu tun haben wollten. Ganz anders war die Situation nach der Landung der Alliierten in Sizilien und Salerno. Es kam zu einem Waffenstillstand, die Deutschen übernahmen das Land und die Italiener und wir waren auf einmal Verbündete.

Meine Abteilung wurde nach der Landung in die Nähe von Neapel versetzt. Neapel war der Hauptnachschubhafen für die 5. Amerikanische Armee, der wir unterstellt waren. Die Korruption war fürchterlich. Alles wurde verschoben, alles war zu haben, einschließlich Frauen – für eine Dose Cornedbeef oder eine Stange Zigaretten. Ich bin stolz auf die Tatsache, dass wir, d.h. meine Kompanie, im Großen und Ganzen sauber blieben. Wir waren eben immer noch Idealisten, so komisch das heute klingt.

Mit den Italienern kamen wir gut zurecht. Die meisten Italiener, besonders in den Dörfern, in denen wir kampierten, hatten keine Ahnung, wer wir waren und woher wir kamen. Wir wurden gefragt: „Woher kommt ihr ?“ Wir antworteten: „Aus Palästina“. Die Antwort: „Ah bene, siete da Palestrina“. Den Ort gibt es wirklich, in der Nähe von Rom. In Florenz, wo wir nach Kriegsende längere Zeit stationiert waren, gab es dann ziemlich viel Kontakt zwischen den Italienern und uns. Einige von uns heirateten sogar Florentinerinnen. Ich selbst schloss Freundschaft mit einem Italiener, der als Zivilangestellter bei uns arbeitete und besuchte ihn oft zu Hause. Er hatte eine 10-jährige Tochter, die mein Italienisch korrigierte, während ich ihre englischen Hausaufgaben durchsah. Mit dieser Familie korrespondierte ich noch Jahre danach. Die Liebe zu Italien, zur italienischen Sprache und zur Literatur ist mir bis heute geblieben.

Alles in Allem hatte ich in Florenz einen bequemen Job, der mir viel freie Zeit ließ. Diese Freizeit nutzte ich aus um Florenz kennen zu lernen. Ich verliebte mich in diese Stadt mit ihren historischen Brücken und Gebäuden. Auf einem meiner Streifzüge durch die Stadt lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Lina und arbeitete in einer Wäscherei, nicht weit von unserem Kompanie HQ. Auch sie wohnte in der Nähe. Sie lud mich ein, sie daheim zu besuchen. Ihre Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen. Da war noch ein kleiner Bruder, er hieß Gianpaolo. Die Eltern hatten keine Einwände gegen meine Besuche, denn meistens brachte ich etwas mit: Einige Dosen Corned Beef die mir mein Freund, der Küchenchef spendierte oder Zigaretten der Marke „Player“ aus unserer „NAAFI“ (Kantine). Wir unternahmen Streifzüge durch die Stadt und besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, den Palazzo Vecchio und den Dom. Das war das erste Mal, dass ich eine Kirche von innen sah. Meine Mutter sagte immer: „Ein Jude geht nicht in eine Kirche“. Auch die Martinskirche in Kassel sah ich nie von innen. Lina führte mich auch an die Santa Trinita Brücke, dort wo Dante Beatrice zum ersten Mal sah. Jedes Kind in Florenz kennt die Geschichte der Stadt. Einmal bat sie mich, sie in eine Kirche in in der Nähe ihrer Wohnung zu begleiten, zur Beichte wie sie sagte. Während ich auf sie wartete, setzte sich ein Pater zu mir (ich glaube, es war arrangiert). Er stellte sich als Prete Giuseppe vor und stellte mir Fragen über meine Herkunft, Religion usw. Er war sehr angetan, als ich ihm erzählte, dass ich aus Palästina komme und er fing an über Jesus, Maria, und die Kreuzigung zu erzählen.

Am Ende des Gespräches lud er mich ein, an einem Sonntag an einer Messe teilzunehmen. Ich folgte seiner Einladung und war auch sehr von dem Zeremoniell beeindruckt, das so verschieden von dem Unseren war. Bei meinem letzten Besuch gab er mir ein Gebetbuch mit Gebeten in lateinischer Sprache mit, das ich bis Heute habe. Ich las oft darin und war sehr beeindruckt von der lateinischen Sprache und von dieser Zeit rührt mein Interesse an dieser Sprache. Doch bevor Lina und ich über eine gemeinsame Zukunft sprechen konnten wurden wir getrennt. Aber ich hatte auch noch keinen Begriff, wie eine solche Zukunft hätte aussehen können. Ich war noch absolut unreif und kindisch in dieser Beziehung, denn ich war zwar lange Soldat, hatte aber weder Beruf, Bildung noch Rückhalt in der Familie. Ich auch an ein Leben im Kibbuz. Vielleicht wären wir beide dort aufgenommen worden.

Mordechai Tadmor liebte nicht nur die italienische Sprache. Das ist Lina aus Florenz. 

Auf jeden Fall aber, das Schicksal wollte es anders. Der Krieg war zu Ende und die dienstältesten Soldaten (ich war unter diesen, ich hatte die Dienstnummer 529) bekamen 56 Tage Heimaturlaub. Dieser Urlaub erwies sich für mich als Katastrophe – Alles war mir fremd geworden. Ich wollte zurück nach Italien aber dahin führte kein Weg zurück. Für meine Anstrengungen nach Italien zurückzukommen wurde ich auf einen Posten in der Negevwüste (Bir Asluj) verbannt wo ich bis zu meiner Entlassung aus dem Dienst bleiben musste. Lina heiratete einen Kameraden aus meiner Kompanie und kam mit ihm sogar nach Israel. Aber ich sah sie nie wieder. Bei der letzten Zusammenkunft unserer Kompanie im Jahre 1988, traf ich ihren Mann. Er erzählte mir, dass sie ein Jahr zuvor an Krebs starb. Ite, Missa est.

1 Tzifrin ist heute eine israelische Militärbasis. Sie liegt südöstlich von Tel Aviv.

2 Rudolfo Graziani war ein italienischer General. Er war u.a. für den Einsatz chemischer Waffen in Abessinien und völkermordähnlichen Deportationen in Libyen verantwortlich. 1940 scheiterte ein Angriff seiner Truppen auf Kairo. In der sogenannten Republik Salo war er Verteidigungsminister. Nach dem Krieg trat er 1955 der faschistischen MSI bei. Graziani starb 1955.

3 Senussi-Beduinen sind eine Bevölkerungsgruppe in Libyen, die stark vom Soufi-Orden beeinflusst waren. Viele von ihnen waren Gegner der italienischen Besatzung und kooperierten mit den Alliierten. Das Oberhaupt der Senussi-Beduinen wurde nach 1945 als Regent eingesetzt. Die Regierung wurde von Gaddafi gestürzt. Der Soufi-Orden war unter Gaddafi verboten, ohne jedoch den gesellschaftlichen Einfluss eingebüßt zu haben.

4 In Tripolis gab es wie in vielen anderen nordafrikanischen Städten, wie auch im schon erwähnten Kairo, seit der Antike eine uralte jüdische Gemeinde. Unter italienischer Herrschaft wuchs diese Gemeinde zunächst an und erfuhr auch nach der Einführung antisemitischer Gesetze in Italien keine Benachteiligung. Erst nach der Besetzung Libyens durch deutsche Truppen, wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Libyens interniert und in ein Zwangsarbeiterlager deportiert, wo viele Juden umgebracht wurden, oder an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben. Nach dem Krieg kam es dann schon 1945 zu einem Pogrom, bei dem über 100 Juden von einem Mob umgebracht wurden. 1948 kam es erneut zu Angriffen auf die jüdische Bevölkerung, die sich jedoch verteidigte. Danach begann die Vertreibung des Großteils der jüdischen Bevölkerung aus Libyen (wie aus den anderen arabischen Staaten). Die letzten verbliebenen Juden wurden 1967 aus Tripolis vertrieben.

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DITIB – UETD – ATIB – scheißegal

Einer von uns – und die Indifferenz der Wohlmeinenden

„Einer von uns“ heißt eine Plakatserie, die uns deutlich machen will, dass Kassel eine tolerante und weltoffene Stadt ist, in der Migranten und solche, die man als Bürger, mit migrantischem Hintergrund bezeichnet, akzeptierter und integrierter Teil der Gesellschaft sind. Die Plakatserie hängt in der Markthalle, in der vor allem die einkaufen gehen, die als die etwas Betuchteren gelten und die sich dem wohlmeinendem, mit notorisch guter Gesinnung  ausgestatteten Kasseler Bürgertum zuzählen dürften.

Einer von uns. Das Plakat links zeigt Kamil Saygin.

Das links hängende Plakat zeigt den Vorsitzenden des Ausländerbeirats Kassel Kamil Saygin. Er steht der UETD nahe, vielleicht ist auch Mitglied dieser Organisation. Die UETD ist die Lobbyorganisation der AKP in Deutschland. Die UETD hatte im Zusammenhang der Armenienresolution des deutschen Bundestages Protestbriefe an die Abgeordneten gesandt, die Bedrohungen an diese nach sich zogen, zu denen die UETD schwieg. (vgl. Wikipdiaeintrag UETD) Man kann davon ausgehen, dass die UETD wie auch die DITIB missliebige „Landsleute“ an die türkischen Organe meldet, was die bekannten Folgen nach sich zieht.

Bericht von einer UETB-Versammlung auf der auch Kamil Saygin als Vertreter genannt wird. Im übrigen wird hier vermeldet, dass die „türkischstämmigen“ Bürger vor allem SPD wählen würden – was einiges über den Obersultan in Kassel erklärt.

In Kassel gibt es eine eng kooperierende politische Szene aus UETD, Milli Görüs, DITIB und ATIP (Graue Wölfe), die man getrost als faschistisch und islamistisch bezeichnen kann.

Die, die zu uns gehören – Die Harzburgerfront in Kassel

Sie organisierten u.a. eine Busfahrt zum großen Kölner Politspektakel. Auf der Busfahrt wurden die einschlägigen Grusszeichen präsentiert, die man dann auch stolz im Internet präsentierte. Eine Distanzierung der entsprechenden Szene zum Kasseler Aufruf zum Märtyrertod und zur Vernichtung der Gegner gibt es bis heute nicht.

Wahlaufruf der Liste G2000 auf der Kamil Saygin (links oben) u.a. neben dem Milli Görüs-Mann Caglar Öztürk (unterste Reihe 3. von links) geführt wird.

Man stelle sich vor, es würde eine Plakataktion geben, in der der sich der schon einmal als Nazi bekennende Kasseler AfD-Stadtverordnete Michael Werl als „Einer von uns“ bezeichnet würde.

PS
Bis heute (15.10.2017) werden die maßgeblichen faschistisch und islamistischen Moscheevereine als sunnitische Dialogpartner des Rat der Religionen der Stadt Kassel geführt.

Der Tod eines freundlichen Nazis und andere Entbehrungen

Kassel, Reichskriegerhauptstadt, Stadt Roland Freislers, Produktionsstandort des Kampfpanzer Tigers, des Flugzeuges Fieseler Storch (auf letzteres ist man in Kassel bis heute stolz) usw. war im 2. Weltkrieg mehrfach Angriffsziel britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Bei den Angriffen wurde die Stadt nachhaltig bombardiert, was die Volksgenossen jedoch nicht dazu brachte die Volksgemeinschaft aufzukündigen. „Die Akten der Verfolger lassen […] erkennen, daß Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“ (Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Band 2)

Die Angriffe auf Nazideutschland forderten zahlreiche Opfer unter den Bomberbesatzungen, darunter auch die Besatzung eines Kampfbombers, der in ein bei Kassel gelegenes Dorf abstürzte. Dieser Absturz war am 29.09.2017 Gegenstand der Berichterstattung der hiesigen Lokalpresse. Der Artikel in der HNA zeigt exemplarisch, wie sich Volksgemeinschaft und Postnazismus im Gefühlshaushalt der Volksgenossen darstellt.

Memorial Kanadischer Soldaten, die im 2. Weltkrieg ihr Leben ließen. Das im Kampf gegen Nazideutschland in Istha gefallene Besatzungsmitglied Lionel G. Chaston ist dort aufgelistet.

Beim Absturz des getroffenen Kampfbombers der Royal Air Force kamen alle vier Besatzungsmitglieder und drei Dorfbewohner ums Leben. Einer von den ums Leben gekommenen Dorfbewohnern war der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Über den Tod des stellvertretenden Bürgermeisters heißt es in der HNA: Es habe große Trauer geherrscht, „weil er wegen seines freundlichen Wesens sehr beliebt war.“ Die politischen Ämter in den Kommunen waren bekanntlich von 1933 – 1945 von Nazis besetzt. Aber wenn es doch ein freundlicher Nazi war, dann wird man ja seinen Führer auch noch lieben und wenn er ins Gras beißt, auch betrauern dürfen.

Nebulös berichtet der Dorfchronist R. Brüning in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes von „heute schwer nachvollziehbaren Konflikten“ im Dorf, die sich noch 1933, kurz nach dem die NSDAP in Deutschland bestimmende politische Kraft wurde, in Prügeleien entluden. Die NSDAP war im Wahlkreis Hessen Waldeck als auch in den Gemeinden Wolfhagen und Umgebung schon vor 1933 stärkste politische Kraft. Genauso wenig wie man näheres über die schwer nachvollziehbaren Konflikte erfährt, ist das was nach 1933 kam kein Thema in der historischen Darstellung. Erst über den Zeitpunkt, als sich amerikanische Truppen im Jahr 1945 dem Ort näherten, finden sich ein paar dürre Informationen. Es war „die günstige Verkehrsanbindungen“, die 1945 Probleme auch nach Istha brachten.

Die Bewohner des Dorfes sahen plötzlich das Wohl des Dorfes gefährdet, weil eine SS-Einheit den Kampf mit der US-Army aufnehmen wollte.  Eine Bewohnerin des Dorfes  weiß im Artikel der HNA zu berichten: „Der Krieg bedeutete viele Entbehrungen. ‚Wir sind mit kaltem Wasser aufgewachsen, und oft gab es nur trockenes Brot. Unsere Landwirtschaft hat uns am Leben gehalten’“ –  wenn das der Führer gewusst hätte! Eine andere Entbehrung der Volksgenossin war, dass sie nur eine Notkonfirmation feiern durfte. Schlimm dieser Krieg! Und hätten die Volksgenossen damals schon von Verkehrsberuhigung etwas gewusst, dann wären ihnen auch die Fährnisse des Einmarsches der Amerikaner erspart geblieben.

Während also junge Männer auch aus Kanada für die Royal Air Force im besten Alter ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gaben, warteten die Bewohner und ihr geliebtes Führungspersonal im Dorf bei Notkonfirmation, Wasser, Brot und landwirtschaftlichen Produkten ab, bis die amerikanischen Truppen kamen. Als es dann mit dem 1000-jährigen Reich auch in Istha vorbei war, empfand die zitierte Bewohnerin des Ortes die Ankunft der GIs als Befreiungsschlag. Antifaschismus in Deutschland ist – wenn es die Anderen machen. Ein anderer Dorfchronist wusste jedoch über weitere Probleme dieser Tage zu berichteten: „Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos.“

Woher kamen plötzlich diese zu Beginn dieser Glosse schon einmal erwähnten Ausländer? Dass sie für die Volksgemeinschaft an der Macht auf den Feldern der Volksgenossen (und in den Kasseler Fabriken) schufteten, damit diese mit den Produkten der Landwirtschaft wohlgenährt am Leben erhalten wurden, das ist jedenfalls weder Thema der Dorfchronisten noch der Berichterstattung über einen Absturz.

 

Völkerfreundschaft und das System der Weglassung

Beim Einkaufsbummel traf ich heute auf einen Stand, der die Städtepartnerschaften Kassels bewirbt. Eine der Städte ist Rovaniemi – ich vermute mal, dass die überwiegende Zahl der Kasseler Einwohner mit dem Namen nichts anfangen können. Einige wissen vielleicht noch, dass es sich um die Stadt handelt, wo der Weihnachtsmann herkommt. Wer nun die Information der Stadt Kassel über Rovaniemi liest erfährt folgendes:

„Die Stadt blickt auf eine achttausendjährige Geschichte zurück: Die ersten Siedler waren Jäger und Sammler. Immer wieder wurden Händler durch die günstige Infrastruktur der Wasserstraßen ansässig. Es entwickelte sich ein Dorf, das schon im 16. Jahrhundert den Namen Rovaniemi trug; im 19. Jahrhundert schließlich setzte unter anderem durch den Ausbau des Holzhandels ein starker wirtschaftlicher Aufschwung ein. Die Entwicklung der Stadt wurde abrupt unterbrochen mit dem 2. Weltkrieg, bei dem die ursprüngliche Bebauung vollständig zerstört wurde. Das heutige moderne Siedlungszentrum Rovaniemi entstand innerhalb weniger Jahre nach Kriegsende und bekam im Jahre 1960 das Stadtrecht verliehen.“

Rovaniemi 1944: Entwicklung der Stadt wurde abrupt unterbrochen …,

Also die Entwicklung wurde mit dem 2. Weltkrieg unterbrochen, die ursprüngliche Bebauung wurde zerstört – eine seltsame Formulierung. Am Stand stand eine Vertreterin der Stadt. Ich fragte sie, warum man nicht erwähnt, dass es die deutsche Wehrmacht war, die diese Stadt dem Erdboden gleichgemacht hat. Sie antwortete mir, dass dies die Interessierten doch wüssten. Ich entgegnete, dass vermutlich die meisten Bewohner Kassels nicht einmal mit dem Namen Rovaniemi etwas anfangen könnten. Aber sie blieb unbeirrt, ja das könne sein, aber in der Geschichte würde deutlich, dass beide Städte, Kassel und Rovaniemi, das gleiche Schicksal erlitten hätten, das wäre doch interessant. Aha, meinte ich, Kassels Entwicklung wurde also auch abrupt mit dem 2. Weltkrieg unterbrochen? Ob man denn nicht eine Nation, die wie die deutsche die Welt mit einem Vernichtungskrieg überzogen hat und daher von wirksamen militärischen Gegenmaßnahmen getroffen wurde, von einer Nation, die von eben diesen Vernichtungsfuror getroffen wurde, unterscheiden müsse. Nein, entgegnete sie, gerade dieser Unterschied zeige, dass Völkerfreundschaft Trennendes überwinde.

„Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr“

Rovaniemi wurde, neben vielen weiteren Dörfern in Nordfinnland 1944 von deutschen Truppen dem Erdboden gleich gemacht. Entschädigungs- bzw. Reparationsforderungen Finnlands an Deutschland wurden selbstredend zurückgewiesen. Völkerfreundschaft die nichts kostet und die dazu beiträgt, den tadellosen Ruf eines anderen Deutschlands zu verbreiten und sich als Schicksalsgemeinschaft zu gerieren, das ist der Mehrwert, den Deutschland aus seiner Geschichte und seiner Methode Vergangenheit zu bewältigen bis heute schlägt und sich dabei gut vorkommt.

Finnland:  Wilde Deutsche, Spiegel, 08.04.1974

Es hat ordentlich gekracht

Den Panzer trafen die Granaten,
Es explodiert, wie schnell das geht.
Will so gerne leben, Kameraden,
Zum Rausklettern ist’s schon zu spät.

Daniil Granin hat dieses Lied der sowjetischen Panzerfahrer in seinem Buch „Mein Leutnant“1 aufgeschrieben. Es ist ein Traurigkeit ausdrückendes Lied der Soldaten, die gegen eine Armee kämpften mussten, die auszog um Europa mit einem Vernichtungsfeldzug zu überziehen, um den deutschen Volksgenossen „Lebensraum“ zu verschaffen, die „Slawen“ zu vertreiben, zu dezimieren und zu versklaven und die Juden auszurotten. Die sowjetischen Bauern, Angestellten und Arbeiter, die gerade die Schulbank verlassenden jungen Männer und Frauen, die in die Panzer gesetzt wurden, wurden nicht lange gefragt. Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, sich der deutschen Vernichtungswut entgegen stellen, während die deutsche Arbeiterklasse ihren selbst angedichteten revolutionären Auftrag endgültig an den Nagel hängte, sich wegduckte, der Volksgemeinschaft eingliederte und überall in Europa einmarschierte und auf Menschenjagd ging.

Alexander Gauland ist ob seines Ausspruchs, die Deutschen dürften stolz auf „die Leistungen deutscher Soldaten“2 im Ersten und Zweiten Weltkrieg sein, viel gescholten worden – völlig zurecht. Die Schelte wurde in der Gesellschaft fast einhellig formuliert. Ist es daher so, dass seine Positionen wirklich randständig sind? Was unterscheidet seine Äußerung von dem Bedürfnis eines Gerhard Schröders, das Bild seines Vaters, als Wehrmachtssoldat in voller Montur auf dem Schreibtisch zu positionieren, oder von der, vielfach über die Kreise der AfD hinaus, geäußerten Empörung, als es darum ging, ein Bildnis des Wehrmachtoffiziers Helmut Schmidt aus einer Kaserne zu entfernen, oder auch von der launigen Ehrfurcht eines Journalisten der Zeitung „Die Welt“, die dieser angesichts deutscher Ingenieurskunst ausdrückte und vom verpassten deutschen Sieg im Luftkrieg schwadronierte.3

Es hat gekracht

Die hiesige Lokalzeitung, die HNA, preist in regelmäßigen Abständen die deutsche Waffen-Ingenieurskunst nebst ihren Benutzern. Das betrifft den Fieseler Storch, ein Torpedoboot, ein U-Boot, den tapferen Landser, der mit der „Hitlersäge“ die in der Normandie anlandenden GIs umlegte und auch den u.a. in Kassel produzierten Tiger. Selbst über eine Atombombe, die dann aber doch nicht gebaut wurde, machte man sich so seine Gedanken.4 Es drückt sich hier nicht nur eine empathielose Begeisterung für die Technik aus, sondern hier kommt sehr verklausuliert das zu Ausdruck, was Gauland in tumber Einfältigkeit ungefiltert raushaut: Der Führer hat’s trotz unserer enormen Leistungen vermasselt, stolz sind wir auf unsere Leistungen.

Das jüngste Beispiel ist die Flug- und Panzerabwehrkanone 8,8. In heimischen Gefilden sei sie eingeschossen worden, haben hiesige Heimatforscher herausgefunden. Es habe ordentlich gekracht schildern sie ehrfürchtig und ein Leiter eines Museums sekundiert den eifrigen Heimattümlern, dass ihr Fundstück einzigartig sei. Die 8,8 war eine effektive Waffe. Sie hinderte effektiv die Rote Armee und die Westalliierten daran, gegen die Deutsche Wehrmacht vorzurücken und bereitete diesen dabei große Verluste. Jeder abgeschossene Panzer verzögerte den Vormarsch der Alliierten und trug dazu bei, dass die in den deutschen Lagern einsitzenden Versklavten und dem Tode Geweihten dem Terror noch länger ausgesetzt waren, ihre Überlebenschancen mit jedem Tag, den sie ausharren mussten dahinschwanden und dass ihre Hoffnungen, die Befreiung zu erleben, so wie ihre Kräfte dahin schwanden. Und jeder abgeschossene Panzer bedeutet für die gegen die Nazifaschisten kämpfenden Menschen, dass ihr Leben ein grausames Ende fand, ein Leben dass sie gerne in einer befreiten Welt weiter geführt hätten.

1 Daniil Granin, Mein Leutnant, Roman, Berlin 2015,S. 79

2 Stellvertretend sei die Zeitung Die Welt genannt: 16.09.2017, Gauland verteidigt seine Aussage über die Wehrmachtssoldaten, (https://www.welt.de/politik/deutschland/article168696834/Gauland-verteidigt-seine-Aussage-ueber-Wehrmachtssoldaten.html)

4 Einen Überblick gibt es hier: Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Ein Vertreter der Partei der Freunde des Genickschusses vor dem Arbeitsgericht – und die Indifferenz einer Gewerkschaft

In Kassel kam es am Freitag zu einer Gerichtsverhandlung. Der Kasseler Aktivist der MLPD Andreas Gärtner soll Flugblätter für diese Partei auf dem Firmengelände von VW verteilt haben. Deswegen wurde er abgemahnt.1 Soweit so unspektakulär.

Gärtner ist jedoch auch als IG-Metall-Mitglied führender Vertrauensmann. Das erstaunt. In der IGM gilt folgender Passus: „Der Ausschluss von Mitgliedern ohne Untersuchungsverfahren kann auch erfolgen, wenn sie einer gegnerischen Organisation angehören oder sich an deren gewerkschaftsfeindlichen Aktivitäten beteiligen oder diese unterstützen.“ Es gab in der Geschichte der IGM auch diverse Ausschlüsse von Personen dieser Organisation. Die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses von MLPD-Mitgliedern wurde vom BGH (Az: II ZR 255/89) bestätigt.2

Kann die MLPD von einer Gewerkschaft als gegnerische Organisation verstanden werden? Die MLPD, das dürfte bekannt sein, ist eine Partei, die „stets Stalins Verdienste beim Kampf um die internationale Revolution“3 verteidigt. Aber trotz seiner Verdienste habe er jedoch den notwendigen ideologischen „Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise vernachlässigt und auf die Mobilisierung der Massen gegen die kleinbürgerlich entarteten Vertreter der Bürokratie verzichtet.“4 Das kann man so deuten, dass noch zu wenig „entartete Vertreter der Bürokratie“ in den Kellern der Lubjanka erschossen wurden, dass zu wenig von ihnen in den Arbeitslagern verreckt sind. Zwar wird an einer Stelle zugestanden, dass „auch unschuldige Menschen hingerichtet oder zu Freiheitsstrafen verurteilt“ wurden, doch dieser Satz ist mehr als zweideutig, denn das „auch“ bedeutet, dass offensichtlich vor allem schuldige Menschen hingerichtet wurden. Eine monströse Behauptung.

An anderer Stelle werden die Verbrechen in Anführungsstriche gesetzt. Nach dem – für Millionen eine Erlösung – Stalin der Tod ereilte, versuchte der XX. Parteitag den Terror unter Stalin zu begreifen, zu verurteilen und die Ehre einiger der Opfer des stalinistischen Terrors wieder herzustellen. Dieser Parteitag der KPdSU ist nach Ansicht des ehemaligen Vorsitzenden der MLPD Stefan Engel eine „historische Katastrophe für die Menschheit“5. 2010 wurde folgender Satz formuliert: „Die von Chruschtschows ‚Geheimrede‘ auf dem XX. Parteitag der KPdSU ausgehende Hetze gegen Stalins angeblichen ‚Personenkult‘ und ‚Verbrechen’“ hätte zur Verwirrung der Revolutionäre beigetragen.6

Kein verwirrter Revolutionär, sondern unermüdlicher Schlächter „kleinbürgerlich- entarteter Bürokraten“

Als Stalin an die Macht kam, gab es längst keine freien Gewerkschaften mehr. Die Führung der der Partei untergeordneten Gewerkschaft wurde unter Stalin dennoch hingerichtet. Prominente Opfer waren Solomon Losowski, Adrés Nin und Michail Pawlowitsch Tomski. Ob sie in der Interpretation der MLPD auch zu den „entarteten Vertretern der Bürokratie“ gehörten, weiß man nicht genau. Angesichts der Tatsache, dass sie der „Nomenklatura“, bzw. der staatlichen Bürokratie angehörten, Tomski darüber hinaus ein Befürworter der Neuen Ökonomischen Politik war, Nin ein Trotzkist ergo im stalinschen Sinne ein „faschistischer Agent“ und Losowsk gar ein „Zionist“, kann man es aber vermuten.

In den Ausführungen der MLPD über den Begriff „Diktatur des Proletariats“ heißt es, „der Kampf […] wird sich allerdings im Sozialismus fortsetzen, bis in den Kommunismus hinein. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Unterdrückung im Sozialismus im Interesse und Auftrag der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ausgeübt wird. Sie richtet sich gegen eine verschwindende Minderheit von Kapitalisten, Ausbeutern, Kriegstreibern, Faschisten sowie ihrer Helfer und Helfershelfer.“7 Wer die im Interesse der Mehrheit zu Unterdrückenden sein sollen, lässt Rückschlüsse auf das Verständnis von Rechtsstaatlichkeit zu und ist schon allein angesichts der Begriffe „Ausbeuter“ und „Kriegstreiber“ völlig willkürlich. Auch der Begriff „Faschist“ ist in der Geschichte kommunistischer Parteien bekanntlich sehr kreativ angewendet worden. Die Ausdehnung der angestrebten Unterdrückung auf die „Helfer und Helfershelfer“ ist der vollendete Ausdruck einer Vorstellung von Willkür,  Terror und der Denunziation als legitime Methoden in der Politik – und nicht zu letzt das, was Moishe Postone als deutsche Revolution beschrieb. Dass auch Gewerkschafter diese „Helfer und Helfershelfer“ sein können, lässt die Interpretation des Wahlprogramms der MLPD zu, wenn es dort heißt: „Kampf dem Co-Management.“8

Wenn der Betriebsrat von VW Gärtner als jemanden hinstellt, der als gewerkschaftlicher Vertrauensmann „ordentliche Arbeit“ leiste, mag dies vielleicht sogar stimmen. Wer sich mit der Geschichte des Stalinismus und mit dem Verhältnis der Bolschewiki zu den Gewerkschaften auskennt weiß aber auch, dass dieses Eintreten für Arbeitnehmerrechte aus rein instrumentellen Gründen erfolgte und nichts damit zu tun hat, dass Gärtner einer ist, der im Sinne einer freiheitlich und demokratischen Gesellschaft für die Rechte der Arbeitnehmer streitet.

1 HNA, 15.09.2017, VW-Mitarbeiter soll Wahl-Flyer verteilt haben: Keine Einigung vor dem Arbeitsgericht

3 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“ Artikel aus der Roten Fahne 04/2010, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2011/kw31/die-verlogene-stalin-hetze-und-ihre-motive) 17.09.2017

4  Programm der MLPD, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/themen/klassiker-des-marxismus-leninismus/stalin), 17.09.2017

5 Stefan Engel, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. Vgl. FN 4

6 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“. Vgl. FN 3

7 Jörg Weidemann, Ausbeutung und Unterdrückung – im Sozialismus verschwunden? Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2012/kw11/ausbeutung-und-unterdrueckung-2013-im-sozialismus-verschwunden), 17.09.2017

8 Gewerkschaften: Kampf statt Co-Management. Wahlprogramm der MLPD. Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD (https://www.mlpd.de/internationalistische-liste/wahlprogramm/gewerkschaften-kampf-statt-co-management), 17.09.2017

Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Die HNA hat vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel in den letzten Monaten das eine oder andere verdiente Lob erhalten. Es ist ein paar Journalisten, insbesondere Tibor Pésza zu verdanken, dass in Bezug auf Israel sich dort eine, vom übergroßen Rest des deutschen Blätterwaldes wohltuend zu unterscheidende Berichterstattung durchgesetzt hat. Dieses mal hat das Blatt jedoch mal wieder einen Bock geschossen.

Nach der unsäglich heimattümelnden Propaganda für ein einschlägig genutztes Kriegsflugzeug (z.B. HNA, 24.05.2013), der Fahrt mit dem Tiger durch die Ukraine (HNA, 28.07.2014), dem im Stil eines Landserheftes verfassten Bericht über einen Wehrmachtsoldaten an der Normandie (HNA, 06.06.2014) und der Schelte des Ilja Ehrenburg (HNA 10.05.2010), wird nun einem U-Boot-Kommandanten und seiner Besatzung eine ganze Seite gewidmet.

„Seeromantik“ und Nazikapitänsfressen

Der deutsche U-Bootkrieg sollte England und die Sowjetunion vom überlebenswichtigen Nachschub aus den USA abschneiden. 1.) England war die letzte verbliebene demokratische Nation, die sich seit Churchills Amtsantritt, Deutschland entgegenstellte, die Sowjetunion wurde ab 1941 mit dem mächtigsten Teil der deutschen Kriegsmaschinerie konfrontiert und mit einem in der Geschichte beispiellosen Vernichtungskrieg überzogen. Die USA lieferten den beiden letzten verbliebenen gegen Nazideutschland kämpfenden Nationen Waffen, Munition und Lebensmittel. Die Lieferungen wurden über den Atlantik mit dem Schiff abgewickelt. Kurzum, die sogenannte U-Boot-Waffe sollte dazu beitragen, die letzten Bollwerke gegen den deutschen Nazifaschismus niederzuringen. Die U-Boote samt Mannschaften waren also wichtiger Bestandteil des deutschen Vernichtungs- und Eroberungskrieges.

In der Heimat waren die U-Boot-Mannschaften eine Zeitlang sehr populär. Ähnlich wie heute Fußballstars, gab es damals beliebte Sammelbildchen von Mannschaft, Kapitän und Waffe. Die HNA schreibt, dass der aus Kassel stammende Kommandant Claus von Trotha Kontakt mit der Stadt aufnahm und fragte, ob die Stadt nicht eine Patenschaft für das U-Boot übernehmen wollte. Das sei damals „nicht unüblich gewesen und sollte den Soldaten signalisieren, dass die Bevölkerung hinter ihnen stand. […] Die Stadt vermittelte Brieffreundschaften zwischen jungen Soldaten und Mädchen“ und Weihnachtsgeschenke gab es auch. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass das Volk gemeinschaftlich mit seinen U-Boot-Mannen in den Tod ging. Kurz bevor das U-Boot mitsamt Mannschaft versenkt wurde, wurde Kassel bombardiert 2.) und wie Trothas Vater fanden auch viele andere der Volksgenossen damals den Tod. Anstatt nun den Stolz auf die Krieger mit der Illustration heroischer Bilder von Kapitän, Smutje und Schiff hervorzukehren, hätte hier eine kritische Würdigung der sogenannten Volksgemeinschaft einsetzten können. Anstatt dessen werden die Maße und technischen Daten des Bootes bekannt gegeben und die Anzahl der ums Leben gekommenen U-Boot-Besatzungen genannt.

Bei der Verschiffung des Nachschubs für Großbritannien und die Sowjetunion über den Atlantik kamen über 60.000 alliierte Seeleute ums Leben. Sie gaben ihr Leben, damit der deutsche Nazifaschismus niedergerungen werden konnte. Die deutschen U-Boot-Leute kämpften bis 1945 dafür, dass die „Judenfrage“ einer „Endlösung“ zugeführt werden konnte, also in Auschwitz die Schornsteine qualmen konnten und im Osten die Bewohnern für deutschen Lebensraum vertrieben und ausgerottet wurden. Nebenbei sei angemerkt, 1917 und 1918 spielten deutsche Matrosen eine ganz andere Rolle und bewiesen damit, dass es kein Naturgesetz ist, auch im Krieg Befehlen Folge zu leisten.

Eine kleine Randnotiz: Auf der gleichen Seite der Zeitung findet sich eine Einladung des Friedensforums zum Gedenken. Bei dieser Veranstaltung sollte freilich nicht den zu Tode gekommenen U-Boot-Leuten, sondern den „Opfern“ eines „Terrorangriffs“ (ARTE, 08.08.2017) in Japan gedacht werden. (Zu diesem Kasseler Unrat mehr unter dem Tag: Hiroshima)

1.) Einen Überblick mit weiterführenden Literaturhinweisen zur „Atlantikschlacht“ findet sich bei Wikipedia.

2.) Mehr zu diesem Evergreen hier: Bomben auf Kassel

Sie seifen Euch ein: Das Gebet und der Trialog

„Nein, tun sie [die DITIB] nicht! Mit solchen Aussagen können sie vielleicht ahnungslose Politiker überzeugen, jedoch jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass ihr Islamverständnis, ihre Werte erst die Basis schafft, auf der Radikale ihre Ideologie aufbauen. Sie sind für die Entstehung der ‚Generation Allah‘ mitverantwortlich. Sie sind nicht Teil der Lösung, sie sind Teil des Problems! Ihre Politik, Ihre Moscheen (auch wenn sie nicht homogen sind) dienen nicht Deutschland, nicht unserer Verfassung oder Demokratie. Sie dienen einem antidemokratischen Regime, das Abschottung und Isolation zu seiner Maxime erklärt!“ (Ahmad Mansour, 2017)

Am 17. Juli 2016 gab es in Kassel eine Kundgebung anlässlich des Putschversuchs in der Türkei. Bis auf vereinzelte Stimmen blieb eine kritische Resonanz zu dem Ereignis in Kassel bis zum Dezember aus. Die HNA berichtete über eine friedliche Kundgebung. Die Überschrift, „Vereint im Protest gegen Putschversuch“ verdeutlicht die Wahrnehmung der Presse. Was zunächst unbeachtet blieb, war der Beitrag des Kasseler Imam Semih Ögrünc. Am 8. Dezember stellte die Initiative „DITIB – Die Marionetten Erdogans“ eine Übersetzung des Redebeitrags des Imams Ögrünc auf Facebook. Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel folgte am 9. Dezember. Danach herrschte wieder Grabesstille. Die HNA, wie auch der Hessische Rundfunk hatten dann Ende Januar, bzw. Anfang Februar den in vielen DITIB-Gemeinden gepredigten Juden- und Christenhass thematisiert um dann am 20. Februar die Sache auf dem Königsplatz an die große Glocke zu hängen. Am 27. Februar 2017 reagierte der Imam Ögrünc auf die späte Berichterstattung der HNA.

Seiner Replik vorangestellt sind auf türkisch genau die kritisierten Worte, nämlich dass man bereit sei, für das Vaterland und die Regierung Märtyrer zu werden. Danach beginnt er auf deutsch mit dem Mantra „Ich bin gegen jede Form von Diskriminierung, Terror und Gewalt und fördere den gesellschaftlichen Frieden“ gefolgt vom Bezug auf den Koran: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es so, als hätte er die ganze Menschheit getötet und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, ist es so, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ Und schon sind alle eingeseift und können sich wieder dem Schlafe hingeben, aus dem sie wohl nur kurz aufgeschreckt waren. Ungestört kann also der Imam weiter seine kruden Ansichten zum Besten geben. Seine Berufung sei es, „das Leben in Achtung und Respekt zu fördern.“ Was will er damit uns wohl sagen, wenn das Leben unter der Prämisse der Achtung und des Respekts zu fördern sei? Achtung vor wem und Respekt wem gegenüber? Das wird ausgelassen. Ist etwa das Leben desjenigen zu fördern, der den Islam achtet, der das Türkentum respektiert? Und überhaupt, was heißt hier Leben fördern? Das Leben vom Imam fördern zu lassen, heißt das, dass diejenigen, die sich nicht vom Imam das Leben fördern lassen wollen, zum Tode befördert werden? Eine Antwort darauf weiß nicht der Wind, sondern gibt sein „Gebet“.

Weiter beschwert sich der Imam, dass „in den letzten Tagen falsche Tatsachenbehauptungen gegen meine Person in der Öffentlichkeit tangiert haben.“ Er meint wohl, dass falsche Tatsachenbehauptungen über ihn lanciert wurden. Welche falsche Behauptungen sollen das sein? Ögrünc erklärt: „Bei dem Treffen in Kassel habe ich keine Rede gehalten sondern ein Gebet zelebriert.“ Klar ein Gebet ist Ausübung der Religion und die ist im Verständnis der Islamisten in Deutschland geschützt. Scheren wir uns an dieser Stelle mal einen feuchten Kehricht um das islamistische Verständnis von Religionsfreiheit, die Frage bleibt, was wurde da gebetet, bzw. gehetzt? Das Gebet oder die Rede hat sich positiv auf den Märtyrertod bezogen, hat von Parallelorganisationen und Mächten schwadroniert, den Allerbarmer um die Vernichtung und Verwahrlosung der Feinde angehalten und die Gemeinschaft gepriesen. Wahrhaftig ein Gebet, welches dem Islam zur Ehre gereicht. Die Initiative „DITIB – Marionetten Erdogans“ hatte den Bezug auf das Märtyrertum kritisiert, das Bga-Kassel, das Raunen über die Mächten, die Ideologie der Volksgemeinschaft, den Vernichtungswille und das Sein zum Tode (vgl., Die Todessehnsucht im Islam).

Der Imam Ögrünc geht in seiner Stellungnahme mit keinem Wort auf die inhaltliche Kritik ein. Er behauptet schlicht: „In meinem Gebet habe ich die Menschen zur Solidarität mit der Demokratie und dem Rechtsstaat in der Türkei eingeladen.“ Eine seltsam zweideutige Einladung. Entweder lädt man Mitstreiter dazu ein, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei einzutreten, was in der Türkei ein gefährliches Geschäft ist, weil dies gegen die herrschende Regierung und einer großen Mehrheit der türkischen Bevölkerung getan werden muss und hierzulande von den DITIB-Leuten im Auftrage der AKP beobachtet wird oder man lügt und betreibt die Propaganda Erdogans und seiner AKP-Regierung, indem man die Verhältnisse in der Türkei als demokratisch und rechtsstaatlich bezeichnet.

Im Folgenden gibt der Imam sich dann beleidigt und beginnt unverblümt zu drohen: „Es verletzt meine Kollegen und mich als Personen dargestellt zu werden die spalten, stigmatisieren und polarisieren.“ Na klar, er hat ja nur von einer Parallelgesellschaft schwadroniert, die die Einheit des Volkes gefährde, dafür kann er doch gerade in Deutschland Verständnis erwarten. Es dürfte klar sein, es ist nicht nur seine Person, die hier verletzt wird, sondern seine Ehre, denn er befürchtet „… das diese undifferenzierte Form der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen der nicht-muslimischen und der muslimischen Bevölkerung, insbesondere in der globalisierten Welt, tiefe Gräben schlägt“ und er mache sich dann „große Sorgen darüber, dass diese Umgangsformen insbesondere junge Muslime traumatisieren können. Am Ende würden solche potenziellen Umstände der gesellschaftlichen Vielfalt und dem harmonischen Zusammenleben leider nur schaden.“ Es hat ein paar Windungen und Zeilen gedauert, bevor er Klartext schreibt: Nehmt Euch in Acht, Kritik an unserer Gemeinschaft kann dazu führen, dass einige aus unserer Gemeinschaft die Contenance verlieren. Ja und wenn dann wieder einer über die Stränge schlägt und ein LKW besteigt, das Messer oder eine Schnellfeuerwaffe zückt oder eine Bombe platziert, es soll keiner sagen, er wäre nicht gewarnt worden. „In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Frieden“ beendet der Imam seine Philippika.

In Kassel gibt es im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ seit ein paar Jahren eine Veranstaltung die sich „Trialog“ nennt. Dort sollen die drei großen Weltreligionen miteinander in den „Trialog“ treten. Die HNA vermeldet nun, dass die Ereignisse auf dem Königsplatz dazu geführt hätten, dass die Veranstalter den Wunsch äußerten, „die Veranstaltung nicht in der Moschee stattfinden zu lassen. … Als Ausweichort für den Trialogtag hat das Team das Gemeindehaus Oberzwehren, Berlitstraße 2, gewählt. Es liegt in der Nachbarschaft der Moschee.“

Der „Dialogbeauftragte“ und offiziell von Kassels 4. Gewalt im Amt bestätigte Nebelwerfer der DITIB hat verstanden. „Das war meine große Bitte“, so Eryilmaz. Dadurch könne die türkisch-islamische Gemeinde weiterhin ihre Gastgeberrolle einnehmen und müsse sich nicht abgestraft fühlen.“ Das was sich der Imam wünscht, findet also statt. Man bezeugt sich gegenseitig Respekt und Achtung, redet nicht über das, was ein Imam so hetzt, weil das ja ein Gebet ist, was als Religionsausübung zu respektieren ist und auch nicht darüber und was ihn und seine Spießgesellen so antreibt, weil das ja seine bzw. ihre Religion ist. Und die Nichtmuslime des Trialoges hoffen dann wohl darauf, dass die Jungs von der DITIB das ihrige Leben fördern. Und anstatt den Jungs von der DITIB einzuhämmern was Freiheit des Individuums, was Antisemitismus bedeutet, was es mit Staat, Recht und Gewaltenteilung so auf sich hat, was Vermittlung im Glauben heißen könnte, oder über das islamfaschistische Regiment Erdogans zu sprechen, von der DITIB das Nein – HAYIR – einzufordern, zusammen mit der DITIB die Freilassung Deniz Yüzels und aller anderen politischen Gefangenen in der Türkei proklamieren, salbadern sie über „Engel der Kulturen“, beraten über Übergang von Schule in den Beruf, über religiöse Bildung und ethische Wertorientierung. Warum nicht gleich die AfD und oder die NPD mit eingeladen wird, bleibt unklar.

Das freundliche Gesicht der DITIB oder die Kultur der Nebelwerfer

Am 19.01.2017 vermeldet die HNA in einer kleinen Notiz auf der Nachrichtenseite, dass gegen die DITIB wegen Spionage ermittelt wird. Die mutmaßliche Spionagetätigkeit steht mittlerweile im Vordergrund der Diskussion um die DITIB. Die Kritik, dass die DITIB ein reaktionäres Gesellschaftsbild und eine konservative Islaminterpretation propagiert, als auch Schwierigkeiten damit hat, über Lippenbekenntnis hinaus sich vom terroristischen Islam zu distanzieren, ist dagegen eher randständig. Auch dass die DITIB sich nicht gegen Antisemitismus stellt, sondern im Gegenteil anfällig dafür ist, selbst Antisemitismus zu propagieren, ist in der gesellschaftlichen Debatte kaum Thema. Letzteres stört insbesondere auch die Linke nicht, die gelegentlich auch gegen die DITIB agitiert. Der in Kassel von der Partei Die Linke aufgestellte OB-Kandidaten, beschränkt sich eher darauf, die politischen Verhältnisse in der Türkei als vom Westen manipulierte zu kritisieren, wobei sein Augenmerk der Gülen-Bewegung gilt, die als CIA-Projekt gegeisselt oder gleich als Verschwörung des Westens angesehen wird. Cakir bläst mit dieser Argumentation letztendlich in das gleiche Horn, wie der von ihm ebenfalls hin und wieder kritisierte Erdogan. Was die Claqueure Erdogans in Kassel so treiben, interessieren ihn und die Partei hingegen weniger.

Überregional versucht sich, die aus anderen Zusammenhängen einschlägig bekannte Linksparteipolitikerin Sevim Dagdelen als DITIB-Kritikerin. Bei beiden dürfte als Motiv die eigene Verortung im Konflikt zwischen kurdischen Organisationen und der türkischen Regierung im Vordergrund stehen. Für diese Interpretation spricht, dass zwar gelegentlich die DITIB Gegenstand der Kritik der Linkspartei ist, jedoch nicht die zahllosen islamischen Vereine, geschweige denn der Islam – von letzterem will die Linke nichts wissen.

Screenshot HNA, 19.01.2017, "Auf eine Tasse Kaffee

Screenshot HNA, 19.01.2017, „Auf eine Tasse Kaffee

Aber die Sache mit der DITIB scheint auch nicht bis in die Niederungen der Lokalberichterstattung angekommen zu sein. Am selben Tag, an dem die HNA über die Spionagetätigkeiten der DITIB berichtet, trinkt die Lokalredaktion eine Tasse Kaffee mit einem gewissen Mahmut Eryilmaz. Mahmut Eryilmaz ist Mitglied im Vorstand der Mevlana-Moschee in Kassel, dies ist eine Moschee der DITIB. Mit Mahmut Eryilmaz will, wie es scheint, die HNA ein freundliches Gesicht der DITIB präsentieren. Brav plädiert er für Dialog und Vermittlung zwischen Religionen und verortet sich gar als Sozialdemokrat. Nun, auch die Sozialdemokratie ist nicht bekannt dafür, in Sachen Kritik des Islam Avantgarde zu sein.

Was die Lokalredakteure nicht tun, ist, ein paar kritische Fragen zu stellen, eben das zu tun, was ihre Aufgabe wäre. Herr Eryilmaz, was verstehen Sie unter Antisemitismus? Was tragen Sie dazu bei, dem Antisemitismus in Ihren eigenen Reihen entgegen zu treten?  Und was halten Sie vom jüngst in Kassel getätigten Aufruf des DITIB-Imams, den Märtyrer-Tod zu sterben und den politischen Gegnern Erdogans, die Vernichtung zu wünschen?

Diese Fragen fallen den Journalisten nicht ein, sie notieren lediglich, dass Eryilmaz darunter leidet, ständig auf seine türkische Nationalität angesprochen zu werden und unter „Generalverdacht zu stehen“. Er und seine Leidensgenossen wüssten nicht einmal, „wie viel ein Brot in der Türkei kostet.“ Der Brotpreis ist sicher eine relevante soziale Frage – nicht nur in der Türkei dürften allerdings andere Fragen brennender sein. Diese Fragen so scheint es, gehören aber nicht zum Programm der „Kultur des Dialoges“. Und es überrascht daher auch nicht, Eryilmaz ist Mitglied des Kasseler „Rat der Religionen“.

Jüdische Ethik und Kommunismus – Eine Debatte in einer Kasseler Zeitung

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Nordhessen und Waldeck war eine inhaltlich sehr anspruchsvolle Zeitung. Sie erschien in den Zwanziger- und Dreißigerjahren und wurde von Sally Kaufmann herausgegeben. Nicht nur über Vorkommnisse der jüdischen Gemeinden und Verbände aus der Region wurde dort berichtet, sondern es erschienen immer wieder anspruchsvolle Artikel über die Fragen der Zeit. Autoren wie z.B. Max Brodt und Arnold Zweig waren in der Zeitung prominente Autoren. Inhaltlich herausragend sind die Auseinandersetzung über Zionismus und Assimilation, über moderne Wissenschaften wie z.B. Psychologie, zur aktuellen wie auch historischen Situation der Juden in Hessen und in anderen Ländern Europas. Dem Antisemitismus in Deutschland und anderswo, sowie der Besiedlung Palästinas sind viele Artikel gewidmet.

Und so überrascht es nicht, dass die damals spektakuläre Befreiungsaktion der Olga Benario einen Niederschlag fand und zu einer interessanten Debatte in dieser Zeitung führte. Olga Benario war Aktivistin der kommunistischen Jugend. Sie befreite mit der Waffe in der Hand den Kommunisten Otto Braun aus der Untersuchungshaft. Daraufhin wurde nach ihr deutschlandweit gefahndet. In dem Artikel „Das Fiasko einer freireligiösen Mädchenerziehung. Eine Mahnung an unsere jüdischen Eltern“ führt ein ungenannter Autor am 11. Mai 1928 zunächst die Erklärungsversuche des Vaters Leo Benario an. „Wie kommt im Jahre 1928 ein Bougeois-Mädel vom Isarstrande dazu, das Elternhaus stolz zu verlassen, um bei Arbeitern in Neukölln wohnen zu wollen?“ Wie es die meisten Eltern tun würden, klagt er sich nicht öffentlich als Elternteil selbst an, sondern sieht die Handlungen seine Tochter als Ergebnis der seit der Marneschlacht existierenden „preußischen Schuld“, die die „leicht empfänglichen und kritikschwachen Gemüter beeinflusst hätte.“ Das sieht der Autor anders und fordert eine strengere religiöse Erziehung. Er ist der Meinung, dass der Weg zum politischen Verbrechertum Ergebnis dessen sei, dass dem Kind kein Ideal im Elternhause geboten worden sei. Statt eine Stütze im jüdischen Glauben zu finden, wäre das Mädchen von „modernen Literaturerzeugnissen überfüttert worden.“ Zum Schluss folgt das Plädoyer: „Gebt euren Kindern die richtigen Bücher in die Hand, damit sie nicht in fremden Lagern nach Idealen suchen müssen, damit ihr Tun nicht zum Chissul Haschem werde, dessen sich unsere Feinde rühmen …“

Dieser Kommentar führt zum Widerspruch. Der Münchner Rechtsanwalt Ernst Mosbacher fragt in seiner am 1. Juni 1928 veröffentlichten Entgegnung, „Olga Benario, die politische Verbrecherin“, wie es dazu kommt, dass die jüdische Jugend sich zum „religionslosen marxistischen Sozialismus“ bekenne. Dabei gehöre es doch zu den besten Eigenschaften der Juden, ein ausgeprägtes Sozialgefühl zu besitzen, nachdem „die sozialen Verhältnisse in prinzipieller Weise zu gestalten [seien], den Ausgleich von arm und reich nicht der privaten Wohltätigkeit zu überlassen.“ Im Folgenden führt er aus, dass die Religionen, sowohl die christliche als auch die jüdische, aber auch Machtmittel der herrschenden Klasse sei, obwohl doch beide die Gleichheit der Menschen einforderten. Und obwohl sich nach Ansicht Mosbachers das Judentum deutlicher der sozialen Frage widme als es das Christentum tue, würden von keiner jüdischen Organisation konkrete Maßnahmen zur Überwindung der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit erwogen. Über die Abwendung der Jugend müsse man sich also nicht wundern und der Appell, dem jüdischen Glauben zu befolgen wäre zwecklos, wenn nicht das Judentum als Protest gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit verstanden würde. Und gerade letzteres Verständnis rechtfertige nicht, die Benario zu verurteilen.

Die abschließenden Sätze lassen aufhorchen. Hier wendet sich Mosbacher gegen die vom dem unbekannten Autor ausgeführte Befürchtung, dass Aktionen wie die der Benario den Antisemitismus befördern würde. Das Blicken nach der Meinung der Nichtjuden sei überkommener Ausdruck „ghettohafter Gesinnung“. Im Gegenteil, es dürfe kein Jude davon abgehalten werden, mannhaft für die ethischen Ideale einzutreten. Mosbacher nimmt keine Partei für die Art und Weise der Aktionen der Benario und die Brauns, die zu dessen Inhaftierung führte. Ihm geht es um die handlungsbegründenden Ideen der beiden Kommunisten. Diese seien die für eine bessere Welt und die seien eben auch Grundlage des Glaubens.

In einem weiteren Artikel „Olga Benario, ein Typus heutige jüdischer Jugend“, vom 8. Juni 1928, insistiert ein Dr. Max Köhler darauf, Verfechtern des jüdischen Glaubens nicht vorzuwerfen, wenn diese nicht die Kraft besitzen, „objektiv die sozialen Grundsätze im Leben auszuführen, welche die Lehre gebietet.“ Aber auch er akzeptiert die subjektiven Motive des Handelns Olga Benarios, weist aber darauf hin, dass das Judentum sehr wohl Arm und Reich kenne und dass Armut und Elend „Prüfungen des Lebens (Hiob)“ seien. Gleichwohl müsse diese Erkenntnis nicht darauf hinauslaufen, schicksalergeben die bestehenden Verhältnisse hinzunehmen, nein, es sei durchaus angebracht „die Mängel der Zeit zu geißeln und alle mögliche Kraft aufzuwenden, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen.“ Köhler lehnt es aber strikt ab, Gewalt gegen den Staat und Ordnung auszuüben, denn sowohl die Erhaltung des staatlichen Rechts als auch der staatlichen Ordnung seien gerade für die Juden überlebenswichtig. Er beendet seinen Beitrag mit der altväterlich anmutenden Aufforderung: „Frag‘ deinen Vater, er wird es Dir sagen, frag‘ deine Alten (darunter sind die Autoritäten der Lehre gemeint) und sie werden es Dir künden.“

Liest man sich diese Diskussion durch, so wird zum einen die Unaufgeregtheit deutlich, mit der eine Aktion einer jungen Aktivistin debattiert wird, deren Motive auf der einen Seite ernst genommen werden und es gleichzeitig versucht wird diese zu erden und deren Aktionsform, in einer, aus heutiger Sicht fast prophetisch anmutender Weitsicht, einmütig abgelehnt wird und statt dessen, kritisches Denken und die gesellschaftliche Einmischung eingefordert wird.

Es wird deutlich, dass politisches Handelns (mit oder ohne Ausübung direkter Gewalt) einer auf die Möglichkeit einer besseren Welt reflektierenden ethischen Rückkoppelung bedarf, soll sie nicht zum Selbstzweck geraten.   – Eine durchaus aktuelle Diskussion und ein Anschauungsbeispiel dafür, inwiefern eine Religion sich dafür eignen kann, andere aber eben nicht.  Eine Diskussion, die nicht nur für ein regional erscheinende Zeitung, sondern auch für eine religiös motivierte Debatte bemerkenswert ist.

Olga Benario gelang es nach der Befreiung Otto Brauns nach Moskau zu fliehen. Dann ging sie nach Brasilien und nahm dort an einem Aufstandsversuch brasilianischer Kommunisten teil, der jedoch scheiterte. Sie wurde verhaftet und, weil schwanger, gesetzeswidrig an Nazideutschland ausgeliefert. Hier wurde sie im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin gefangen gehalten, dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht um von dort in die Euthanasieanstalt Berneburg verschleppt und ermordet zu werden.

Leo Benario war Rechstanwalt, Autor und bekennender Sozialdemokrat in München. Nach dem ersten Weltkrieg trat er für eine demokratische Umgestaltung des Justizwesens ein. Leo Benario starb 1933 eines natürlichen Todes, seine Frau und sein Sohn waren wie Olga ebenfalls Opfer der Judenvernichtung der Deutschen. (vgl., R. Weber, Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933, S. 24)

Otto Braun absolvierte eine militärische Ausbildung an der Militärakademi Frunse in der Sowjetunion und nahm dann als Beauftragter der Komintern am Langen Marsch Mao Tse Tungs teil. Er starb 1974 in der DDR.

Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung Sally Kaufmann wanderte mit seiner Familie 1932 nach Palästina aus. Der wichtigste Autor dieser Zeitung Julius Dalberg wurde mit seiner Frau von den Nazis nach Sobibor deportiert und dort umgebracht

Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei Max Köhler um ein in Kassel geborenen Rabbiner, der u.a. in Berlin, Frankfurt, Borken und zuletzt in Schweinfurt tätig war. Köhler konnte noch 1939 über England nach Israel emigrieren.

Ernst Mosbacher, Rechtsanwalt aus München war später auch als Theatersänger tätig und fand verschiedene Engagements an Schweizer Theatern. Zuletzt trat er auch in Frankreich auf, wo er als Jude von den Nazis verhaftet, nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurde.