Vor 70 Jahren: Der Überfall auf die Sowjetunion

Unternehmen Barbarossa – Vernichtungskrieg im Osten
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Vor 70 Jahren, am 22. Juni 1941, überfielen die deutsche Wehrmacht und verbündete Armeen die Sowjetunion. Mit diesem Überfall wurde der bereits in Polen und Jugoslawien von Deutschland begonnene Vernichtungskrieg fortgesetzt. Deutsche Kriegsziele waren die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung, umfangreiche Vertreibungen und die Dezimierung der „slawischen“ Bevölkerung. Ergebnis waren eine in den westlichen Teilen weitgehend verwüstete Sowjetunion und mehr als 20 Millionen tote Sowjetbürger.

Was in der Forschung schon länger und im Alltagsverständnis aber weniger bekannt ist, ist dass der Feldzug der deutschen Streitkräfte ein fest eingeplanter Bestandteil der Shoah war. Der Krieg wurde nicht nur ideologisch als Vernichtungskampf gegen das so genannte „jüdisch-bolschewistische“ System geführt sondern auch praktisch.

Der Vernichtungskrieg war Bestandteil der Shoah

Der Kommissarbefehl, also die Anweisung politische Offiziere der Roten Armee zu erschießen, sowie die Anweisungen, im Kampf gegen Partisanen vor allem Juden und Kommunisten zu liquidieren, sowie exzessive „Vergeltung“ für tatsächliche oder vermeintliche Partisanenaktionen durchzuführen, waren keine Exzesstaten unkontrollierter Einheiten oder Taten im brutalen Kampf hochgeschaukelter Einzeltäter, sondern gewollt und System.

Durch Mordaktionen deutscher Einheiten in Polen, Jugoslawien und der Sowjetunion wurden mehr Juden als in Auschwitz und den anderen Vernichtungslagern ermordet. Das so genannte Unternehmen Barbarossa war wichtigster Bestandteil des deutschen Mordes an den europäischen Juden.

Der deutschen Besatzungsmacht gelang es, das osteuropäische Judentum fast gänzlich auszulöschen. Die jüdischen Siedlungen, Dörfer, Städte – die Schtetl – in Polen, Weißrussland, der Ukraine und in den baltischen Republiken gibt es nicht mehr. Bedeutende Zentren des jüdischen Lebens, wie Wilna, Berditschew, Lwow u.a. wurden vernichtet. Die Vernichtungslager Auschwitz, Sobibor, Treblinka, Majdanek und Belzec

Sowjetische Soldaten erweisen den Opfern des Vernichtungslagers Majdaneks die letzte Ehre. Sommer 1944, Foto: Michail Trachman

befanden sich in den von der deutschen Wehrmacht besetzten ostpolnischen Gebieten. Viele heute unbekannte Vernichtungsorte (Mordfelder) befanden sich in Weißrussland, in der Ukraine und den baltischen Republiken. Systematische Massenerschießungen fanden in Kiew (Babi-Jar), bei Wilna, Riga, Minsk und an ungezählten anderen Orten statt.

Widerstand, Antisemitismus und Kollaboration

In der Sowjetunion stießen die Truppen, trotz der durch Stalin verursachten Desorganisation der Roten Armee vielerorts auf massiven Widerstand. Aber die deutschen Einheiten wurden von Teilen der sowjetischen Bevölkerung zunächst auch begrüßt, die hofften, vom stalinistischen Terror befreit zu werden, der vor dem Krieg seinen grausamen Höhepunkt fand.

Trotz z. T. erbitterten Widerstands der Roten Armee gelang es den deutschen Truppen in verlustreichen Kämpfen bis fast nach Moskau und ein Jahr später bis nach Stalingrad zu marschieren. Nach anfänglichem Chaos und entsetzlichen Niederlagen gelang es der sowjetischen Führung in einer beispiellosen Kraftanstrengung, kriegswichtige Industrieanlagen hinter den Ural zu transportieren, Armeeeinheiten neu aufzustellen und mit neuem modernem Gerät auszurüsten.

Die Rote Armee konnte das Blatt wenden. Vor Moskau wurde den deutschen Truppen zur Jahreswende 1941/42 die ersten Niederlagen beigebracht, bei Stalingrad und am Kursker Bogen konnte schließlich die Rote Armee die entscheidenden Schlachten für sich entscheiden, musste aber noch bis nach Berlin marschieren um die deutsche Kriegsmaschinerie im Bündnis mit den Westalliierten zu vernichten.

Kanoniere der Roten Armee wehren Angriff deutscher Truppen bei Kursk ab. Foto: Michail Sawin

Das brutale deutsche Besatzungsregime, die Ausplünderung der besetzten Gebiete, die Deportation der Zivilbevölkerung, das Aushungern der Großstädte und der Massenmord an gefangenen Rotarmisten und Zivilisten veranschaulichten dem überwältigenden Teil der sowjetischen Bevölkerung die wahren Absichten der deutschen Besatzer. So wuchs der Widerstand der sowjetischen Bevölkerung, der Partisanen und der Roten Armee zum wichtigen Faktor an, den deutschen Nationalsozialismus zu besiegen.

Das Drama sowjetischer Juden im Kampf gegen die Nazis

Nach der russischen Revolution verschrieben sich die von Lenin angeführten Bolschewiki auch dem Kampf gegen den Antisemitismus. Doch mit dem Aufstieg Stalins rückte dieses politische Ziel immer mehr in den Hintergrund um sich schließlich sogar in das Gegenteil zu verkehren. In Russland, der Ukraine, sowie im Baltikum hatte der Antisemitismus eine lange traurige Tradition. Daher wurden die deutschen Truppen nicht nur als vermeintliche Befreier vom Stalinismus begrüßt, die antisemitischen Vernichtungsaktionen der Deutschen stießen immer wieder auch auf die tatkräftige Unterstützung von Teilen der Bevölkerung.

Unter dem Eindruck des deutschen Überfalls bediente sich Stalin zunächst der von den sowjetischen Juden ausgesprochenen und von ihnen weltweit mitorganisierten Solidarität im Kampf gegen den Nationalsozialismus.

„Brider un schwester, jidn vun der ganze welt!

Brüder, Juden Englands! Euer großes demokratisches Land kämpft zusammen mit der Sowjetunion für die Vernichtung des Faschismus. Ich glaube, dass ihr Euch in den ersten Reihen dieser Kampffront finden werdet. Brüder, Juden der USA und ganz Amerikas! Ich bin überzeugt, dass ihr unter den ersten sein werdet, die zur schnelleren Verwirklichung der amerikanischen Hilfe beitragen werden. Jüdische Mutter! Gib Deinem Sohn den Segen und schick ihn in den Kampf gegen den Faschismus, und sollte es nur Dein einziger Sohn sein.“ Solomon Micho’els 1941 (zit. n. Arno Lustiger)

Im Kampf gegen die deutsche Besatzungsmacht spielten auch die sowjetischen Juden eine bedeutende Rolle. Sowohl in Partisaneneinheiten als auch in der Roten Armee beteiligten sie sich in großer Zahl am Kampf. Berühmte Panzerfahrer wie die Brüder Jewsej und Matwej Weinrub, die Jagdfliegerin Liliana Litwak, sowie die jüdische Partisaneneinheit der

Die jüdische Jagdfliegerin der Roten Armee Lydia Litvyak

Bielskisbrüder und nicht zuletzt die beiden Dichter Ilja Ehrenburg und Wassili Grossmann sind hier stellvertretend für Tausende Kämpfer zu nennen.

Doch immer wieder lugte der Argwohn stalinistischer Politiker gegen einen vermeintlichen jüdischen Nationalismus und Kosmopolitismus hervor. Die ersten Opfer dieses Wahns waren die ehemaligen Aktivisten des polnischen Bundes Henryk Erlich und Wiktor Alter. Beide flüchteten 1939 vor der deutschen Wehmacht in die Sowjetunion und hofften sich dort dem antifaschistischen Kampf anzuschließen wurden aber vom NKWD verhaftet. Noch in Haft begannen sie sich für den Kampf gegen den Nationalsozialismus zu engagieren, wurden zwischenzeitlich entlassen und engagierten sich bei der Gründung des Internationalen Jüdischen Anti-Hitler-Komitees und wurden dann aber 1942 erneut verhaftet. Erlich beging in der Haftzelle Selbstmord, Alter wurde 1943 erschossen.

1941 wurde u. a. vom berühmten Theaterschauspieler Solomon Micho’els, Ilja Ehrenburg und Sergej Eisenstein das Jüdisch-Antifaschistischen Komitees (JAFK) gegründet. Auch Soldaten und Partisanen unter ihnen berühmte Kämpfer wie der U-Boot Kapitän Israel Fissanowitsch, die Kampffliegerin Polina Gelman und der General Jakob Kreiser schlossen sich dem JAFK an. Ein weiteres Produkt der JAFK war das berühmte Schwarzbuch-Projekt Ehrenburgs und Grossmanns, das von Albert Einstein unterstützt wurde. Das Schwarzbuch sollte eine umfangreiche Dokumentation von Zeugenberichten deutscher Massenmordaktionen werden, konnte jedoch in der Sowjetunion nie veröffentlicht wurde.

Nach 1945 wurde das JAFK zunehmend isoliert und schon bald begannen, geführt durch den stalinistischen Ideologen Michail Suslow und dem NKWD-Funktionär Wiktor Abakumow, Intrigen gegen das JAFK. Die antizionistische Politik der Sowjetunion bekam immer deutlicher antisemitische Züge.

1948 wurde schließlich das JAFK liquidiert und viele seiner Protagonisten zu langjährigen Haftstrafen verurteilt oder wurden wie die Dichter Izik Fefer und David Bergelson durch Justizmorde umgebracht. Micho’els wurde von

Gedenktafel für den 1948 von Stalinisten ermordeten russisch-jüdischen Schauspieler und Protagonisten des jiddischen Theaters Solomon Micho'els. Foto: Almar Pateris

Abakumow selbst umgebracht, sein Tod wegen seiner außerordentlichen Berühmtheit allerdings als Verkehrsunfall initiiert. Der Dichter, Redakteur und im Kampf schwer verwundete Offizier Aron Kuschnirow musste 1948 auf einer Versammlung sowjetischer Schriftsteller die Liquidation der jiddischen Literatur und ihrer Verlage verkünden, dabei verlor er seine Stimme, brach bewusstlos zusammen und starb kurz darauf.

Antizionismus war durchgängiger Bestandteil der sowjetischen Ideologie. Misstrauen gegenüber Juden und bisweilen offener Antisemitismus gehörten seit den dreißiger Jahren zur Politik und zum Alltag in der Sowjetunion. Trotz des herausragenden Anteils der sowjetischen Juden am Kampf für die Befreiung vom Nationalsozialismus, war es für die antifaschistischen Kämpfer in der Sowjetunion zeitweise lebensgefährlich, sich zu ihrer jüdischen Identität zu bekennen oder sich gar positiv auf Israel zu beziehen.

Der Mord an den Juden durch Nazideutschland wurde in der Rezeption des „Großen Vaterländischen Krieges“ nur am Rande erwähnt, jahrzehntelang wurden jüdische Veteranen in der Sowjetunion diskriminiert, ihr Anteil am Kampf verschwiegen.

Literaturhinweis:

Hannes Heer u. Klaus Naumann, Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944, Hamburg 1995
Arno Lustiger, Rotbuch: Stalin und die Juden, Berlin 1998
Richard Overy, Russlands Krieg 1941-1945, Hamburg 2003

Die Filmreihe

Zusammen mit der vhs Region Kassel, der Jüdischen Gemeinde Kassel, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Kassel e.V. und dem Filmladen Kassel werden drei Filme gezeigt, die sich mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion in unterschiedlicher Weise auseinandersetzen.

HUNDE, WOLLT IHR EWIG LEBEN?

Dieser Film schildert die Schlacht von Stalingrad aus der Sicht einer Gruppe von Soldaten, die unter dem Befehl eines fanatischen Offiziers stehen. Der Regisseur Frank Wisbar war  1938 in die USA emigriert. Mit HUNDE WOLLT IHE EWIG LEBEN hat er einen für die fünfziger Jahre außergewöhnlichen Film geschaffen.

Regie: Frank Wisbar, Buch: Frank Wisbar, Frank Dimen und Heinz Schröter, BRD 1959

Montag, 20.6. 2011, 17 Uhr, Filmladen, Goethestr. 31

Referent: Thomas Ewald

Defiance

„Defiance“ erzählt die Geschichte der jüdischen Partisaneneinheit der Bielski-Brüder. Die bis in jüngste Zeit eher verdrängte Tatsache, dass Juden einen bedeutenden Anteil am Widerstand gegen den deutschen Nationalsozialismus hatten und sich dem deutschen Vernichtungsprogramm entgegenstellten, wird hier beispielhaft erzählt. Den Bielski-Einheiten gelang es in den weißrussischen Nalibocka Wäldern über 1000 Juden aus den umliegenden Gemeinden vor dem sicheren Tod zu retten. Der Film thematisiert aber auch die Kollaboration in der Zivilbevölkerung als auch den Antisemitismus unter den sowjetischen Partisaneneinheiten. Buch und Regie: Edward Zwick, mit Daniel Craig, USA 2008

Dienstag, 21.6. 2011, 17 Uhr, Filmladen, Goethestr. 31

Referentin: Dr. Eva-Maria Schulz-Jander

 Komm und Sieh

„Komm und Sieh“ ist einer der eindrücklichsten Kriegsfilme überhaupt. Erzählt wird die Geschichte des Jungen Fljora, der sich sowjetischen Partisanen in Weißrussland anschließt und miterleben muss, wie sein Dorf von deutschen Einheiten vernichtet wird. Der Film schildert den Willen zum Widerstand, aber auch die Rolle von Kollaborateuren. In der Endsequenz stellt der Film den Versuch der Täter dar, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Regie: Elem Klimow, Buch Ales Adamowitsch, SU 1985.

Mittwoch, 22.6. 2011, 17 Uhr, Filmladen, Goethestr. 31

Referent: Jonas Dörge

* im Filmankündigungstext des Veranstaltungsflyers hat sich ein peinlicher Fehler eingeschlichen, der es bis in den (Hohl-)Spiegel geschafft hat. Der Fehler rührt daher, dass versucht wurde darzulegen, dass eine historische  Tatsache in einer filmerischen Erzählung wiedergegeben wird, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung bisher keine Beachtung fand, also dass der Film diese Wahrnehmung widerlegt. Dies in einem Satz zu formulieren ist dem Autor misslungen, so dass der Sinn auf den Kopf gestellt ist. Wer den Fehler findet, ist auf eine unserer nächsten Veranstaltungen eingeladen und braucht auch keinen Eintritt zu bezahlen.

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