Nakba – Das Café Buch-Oase und andere Katastrophen

Über die Zerstörung der Vernunft

Im Café Buch-Oase (Kassel) fand am 31.05.2011 die Eröffnung der Ausstellung „Die Nakba. Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ statt. Referent* zur Eröffnung war Prof. Dr. Werner Ruf. Ruf war von 1982 bis 2003 Professor für Internationale Politik an der Universität Kassel und übt u.a. die Funktion als Berater der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), des Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes und der Europäische Union aus. Rufs Forschungsschwerpunkte waren u. a. Politik, Wirtschaft und sozialer Wandel in Nordafrika und im Nahen Osten. Ein über Kassels Verhältnisse nicht informierter Besucher konnte also einen Vortrag über die Situation der Palästinenser im Jahr 1948 erwarten, vielleicht einen Rückblick über die historischen Ursachen der „Nakba“ und deren Auswirkungen bis heute.

Die Aussteller, Tabubrecher und Kämpfer für Meinungsfreiheit

Die Ausstellung selbst wurde vom Verein Flüchtlingskinder im Libanon konzipiert, Förderer sind der Evangelische Entwicklungsdienst und die Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg. Die Ausstellung ist nicht ganz neu. Sie wurde 2008 erstellt und mittlerweile in mehreren Städten gezeigt, nicht ohne in einigen Städten auf Kritik stoßen. Kritik die dazu beitrug, dass an einigen Orten die Ausstellung nicht präsentiert werden konnte. Die Veranstalter des Kasseler Events, Handala Marburg e.V., führten die ihrer Meinung nach unsachliche Kritik an der Ausstellung darauf zurück, dass sie ein Tabu bräche. Sie wähnten sich daher auch als Tabubrecher und Kämpfer für Meinungsfreiheit.

Die Ausstellung besteht aus 14 Tafeln, die sich mit der Geschichte der Palästinenser unter dem Focus der Ereignisse von 1948 beschäftigt. Sie zeigt in Graphiken die Ausweitung der jüdischen Siedlungen und in Tabellen die wachsende jüdische Bevölkerung und stellt dann fest, dass sich gegen diese Entwicklung Widerstand und ein palästinensischer Nationalismus entwickelte. Schwerpunkt sind die Ereignisse um 1948, den militärischen Auseinandersetzungen vor, während und nach der Gründung des israelischen Staates. Im Mittelpunkt steht der so genannte Plan D (Dalet) demzufolge die Milizen des Jischuw die palästinensischen Bewohner systematisch vertrieben hätten. Weitere Themen der Ausstellungstafeln sind die Rückkehrproblematik sowie die aktuelle Situation der „Flüchtlinge“.

Das System Auslassungen

Die Ausstellung nimmt Partei für eine Seite des Konflikts, was legitim ist. Sie kommt in einem scheinbar sachlichen Ton daher und stellt auch viele Fakten dar. Konterkariert wird dies durch Auslassungen sowie eine selektive Auswahl diverser Quellen. Der für die palästinensische Politik wichtige Mufti al-Husseini wird mit keinem Wort erwähnt, auch die Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung in den zwanziger und dreißiger Jahren und die Rolle arabischer Terrorgruppen seit 1919 nicht. Die prominente Platzierung des Plan D geschieht ohne darauf hinzuweisen, dass dessen Bedeutung und Umsetzung mindestens umstritten ist. Kritische Stimmen von Israelis werden immer wieder zitiert, um die Verwerflichkeit der Politik des Jischuw und des neu gegründeten israelischen Staates zu begründen, nicht aber deren tatsächliche Bedeutung in der israelischen Politik.

Problem ist der Zionismus

Zur Kasseler Ausstellungseröffnung stellte Werner Ruf ein Thema in den Mittelpunkt seines Vortrages, den Zionismus. Es sei eine Herangehensweise nötig, die dazu beitrage, den Standpunkt der anderen Seite im Konflikt zu verstehen. Dies sei erforderlich um den Konflikt lösen zu können.

Die ideologische Grundlage der anderen Seite sei der Zionismus. Was daran das Problem ist und wie die Lösung auszusehen hätte, das führte der Professor dann aus. Der Zionismus sei ein Nationalismus des 19. Jahrhunderts, der wie alle anderen Nationalismen auf Konstrukten, sowie auf Einschluss der Eigenen und Ausschluss der Anderen beruhe.

Der Nationalismus, eine Ideologie des 19 Jahrhunderts, verantwortlich für massenhaften Mord, sei zu Überwinden. Dies sei ein Standpunkt, den Linke einzunehmen hätten, doziert der Professor hinter der aufgehängten palästinensischen Fahne.

Nun sei der Zionismus ein besonderer Nationalismus, weil ihm das zugehörige Land fehle. Das von den Zionisten dann ausgesuchte, war aber schon besiedelt. Dies und der dem Nationalismus innewohnenden Ausschluss der Anderen sei der Kern des Problems im Nahen Osten. Der Ausschluss der Anderen sei eben nicht durch das Ziehen einer Grenze und der ortgebundenen Definition eines Staatsvolkes möglich, sondern durch das Entfernen der ursprünglichen Bewohner und einer theokratischen Definition des neuen Staatsbürgers.

Der Zionismus sei folglich der ideologische Motor der Vertreibung der Palästinenser. Diese sei möglich geworden, weil die arabischen Großgrundbesitzer – denen Ruf stante pede mangelnden Nationalismus vorwarf –  das Land an die Juden verkauft haben. Anstatt ihr Land gegen die Eindringlinge zu verteidigen, wären die Großgrundbesitzer am Handel mit den Juden reich geworden, die vorher auf den Ländereien arbeitenden Tagelöhner arbeitslos.

Aufgrund des Vertreibungsplanes (Plan D, s.o.) der Milizen des Jischuw sei die arabische Bevölkerung schon vor dem Krieg der arabischen Nationen gegen den neu gegründeten Staat aus ihren Heimatdörfern vertrieben worden. Die Aufforderung arabischer Politiker (die auf der Stelltafel 5 der Ausstellung immerhin als eine Ursache der Flucht der arabischen Bewohner aufgelistet wird), die Siedlungen auf dem von der UNO dem israelischen Staat zugeteilten Gebieten zu verlassen, habe dagegen, so leugnet Ruf die Bedeutung der arabischen Politik, bei dem Umstand des Verlassens der Dörfer oder der Flucht aus ihnen keine Rolle gespielt.

Das Ergebnis der ca. 300 zerstörten Dörfer und der von dort Vertriebenen sei faktisch die Politik der ethnischen Säuberung, initiiert und betrieben durch den Jishuw und seinen terroristischen Gruppen, zu denen Ruf umstandslos auch die Haganah zählt.

und die Lösung des Problems ist …?

Insgesamt lässt sich Rufs Position so resümieren: Schuld an der aktuellen Situation ist der Zionismus. Die unausgesprochene aber logisch aus der Anfangs dargelegten Fragestellung zu schlussfolgernde Lösung des Nah-Ostkonflikts könne nur in der Überwindung des Zionismus zu finden sein.

Ruf spannt den Bogen bis zur Gegenwart und hier tritt seine Rolle als Agitator besonders hervor. Er zitiert einige Äußerungen umstrittener Rabbis, die fordern, dass Vermietung an Arabern verboten werden solle, ein Flugblatt aus Bat Yam, nachdem die Entführung zehntausender jüdischer Mädchen durch Araber drohe, und einen Gesetzentwurf der Partei Jisra’el Beitenu, der die Erinnerung an die Nakba unter Strafe stellen will.

… die Einstaatenlösung?

Aus dem, dem Professor gebannt lauschenden Publikum kam die Frage nach den Grenzen Israels. Israel definiere sich nicht durch Grenzen antwortete Ruf, sondern durch sein Bestreben, ein Existenzrecht zuerkannt zu bekommen. Jeder Nationalstaat definiere sich aber durch Grenzen und deren Anerkennung, Israel jedoch nicht. Es gäbe nirgendwo in Israel ein offizielles Bekenntnis zu seinen Grenzen. Eine Auskunft über Grenzen habe er – Ruf – erst vom Tourismusministerium bekommen.

Warum dies so ist, darüber sagte der Professor, offensichtlich um den Eindruck entstehen zu lassen – Israel sei ein auf Expansion angelegter Staat – freilich nichts.

Er hätte nur eine Informationsbroschüre der israelischen Botschaft zur Hand nehmen müssen um zu erfahren, dass es keine offiziellen Grenzen Israels gibt, sondern, bis auf die Grenze zu Jordanien und Ägypten, Waffenstillstandslinien. Und da es den palästinensischen Staat nie gegeben hat und bis jetzt auch nicht gibt, kann es auch keine Grenzen gegenüber diesem imaginierten Staat geben. Eine endgültige Regelung bleibt einem Friedensvertrag vorbehalten, diesen gibt es aber bis dato nur mit Ägypten und Jordanien.

Die so gerne in den Mund genommene Vokabel „Grenzen von 1967“ ist also ein ideologisches Konstrukt. Zur Frage der „Einstaatenlösung“ wollte sich Ruf nicht eindeutig äußern. Hier versteckte er sich hinter angeblichen Stimmen aus Israel, die sich angesichts einer drohenden Theokratisierung Israels eine Einstaatenlösung wünschten – also die Liquidation Israels. Er fände diese Position jedoch sympathisch.

Manipulation und Agitation im Dienste der Sache

In der „Analyse“ Rufs gibt es keinen Beitrag der arabischen Seite am Konflikt. Lediglich die Rolle des Opfers wird dem arabischen Teil der Bevölkerung zugesprochen. Ach, ein paar vaterlandslosen Gesellen – die als Feudalherren bezeichneten Großgrundbesitzer- gibt es ja auch noch. Dass diese Figuren nicht Überbleibsel einer untergehenden Klasse waren, sondern die führenden Vertreter, des bis heute bestehenden politischen Establishments der arabischen Palästinenser sind, verschweigt der Professor selbstredend.

Die Bedeutung des Holocaust spricht Ruf zwar an, nicht ohne sie aber umzukehren, in dem Sinne, als dass er meint, damit hätten wir Europäer zu tun (was natürlich stimmt) und man solle doch damit die Palästinenser in Ruhe lassen, denn sie hätten damit nichts zu tun (was nicht stimmt).

Rufs Methode, entweder Äußerungen von mehr oder weniger bedeutenden Personen oder noch gar nicht verabschiedeter Gesetzentwürfe als beschlossene Regierungspolitik darzulegen, militärische Pläne als allgemeingültige Strategien des israelischen Staates, oder schlicht umstrittene bis fragwürdige Thesen als Wahrheit hinzustellen, ist manipulativ. Die manipulative Absicht wird darin deutlich, dass sich der Professor, auf seine Beweisführung stützend, dann zu solchen Äußerungen hinreißen lässt, der israelischen Politik ginge es darum, die Identität der arabischen Bewohner auszulöschen oder zu vernichten. Vergegenwärtigt man sich die problematische Ausweitung des Begriffs Völkermord, so ist der Schritt, den Israelis die Absicht zu unterstellen, eben diesen an den Palästinensern vornehmen zu wollen, der nächste.

Der Professor, der einer politischen Organisation nahe steht oder stand, deren Selbstverständnis sich auf einem verballhornten „Historischen Materialismus“ beruft, dürft zu den Verfechtern eben dieser Weltanschauung gehören. Dieser „Historische Materialismus“ nahm für sich in Anspruch, parteilich zu sein. Parteilichkeit hieß, den objektiven Wahrheitsgehalt gesellschaftlicher Entwicklung zu erkennen, der im gesetzmäßigen Zusammenhang der Klassen- und Befreiungskämpfe und der widerstreitenden gesellschaftlichen Bewusstseinformen bestehe um dann die Position der fortschrittlichen Klasse einzunehmen. (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie. Hg., Georg Klaus und Manfred Buhr, Bd. 3, S. 819ff) Passten historische oder aktuelle Tatsachen nicht in dieses Korsett, wurden sie entweder geleugnet und oder bewusst verdreht. Diese „Wissenschaft“ war in erster Linie Bestandteil der Agitation und Propaganda, sie war Teil des „allseitigen Kampfes gegen jede Form bürgerlicher Ideologie“ (eda). Der Vertrauensdozent der Rosa-Luxemburg-Stiftung Ruf versteht dieses Geschäft bis heute.

Die von den Veranstaltern Anfangs geäußerte Absicht, Israel nicht zu diffamieren und sich lediglich kritisch zu geben, stimmte insofern, als Israel nicht nur diffamiert wurde, sondern die Forderung nach dessen Abschaffung dem Professor sympathisch und offensichtlich Konsens unter den Zuhörern war. Was vom Verständnis der Kritik zu halten ist, hat Claussen einmal wie folgt definiert: „Seit 1968 erwirbt man sich durch ein antizionistisches Selbstverständnis die Berechtigung auch einmal Juden zu verfolgen – und sei es auch nur mit Kritik.“ (D. Claussen, Versuch über den Antizionismus. Ein Rückblick, in: L. Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992, S. 18).

Das Cafe: Der Ort der gelebten Volksfront

Die Personen, die hinter dem Café Buch-Oase stehen, gehören dem Umfeld einer politischen Partei an, die bis heute Stalin für einen Kämpfer für den Sozialismus hält. Das ist und wäre kein großes Problem, würde dieses Café der Bedeutung dieser Partei entsprechen. Diese Personen sind auch Initiatoren einer Kasseler Gruppe, die regelmäßig auf den Kundgebungen als Vertreter der Vertriebenen auftreten und das Ende von Besatzung (ganz Palästinas) und Vertreibung fordern. So sehr die Forderungen dieser Truppe mit denen der vermeintlich seriöseren Friedensbewegung übereinstimmen und damit Bestandteil des politischen Mainstreams in Deutschland (und Europa) sind, so genießt das Café mittlerweile einen Status als kultureller Treffpunkt im Kasseler Szeneviertel des saturierten Alternativmilieus.

Viele politische Veranstaltungen werden dort abgehalten. Zu den Gruppen, die diese Räume nutzen, gehören die Partei Die Linke, ATTAC, gewerkschaftliche Gruppen, die Rosa-Luxemburg-Stiftung. Auch führende Funktionäre der IG-Metall, von ver.di und des DGB treten als Referenten in den Räumen dieses Cafés auf. Die Vielfalt der Veranstaltungen reicht von Esoterik, Buchlesungen, Dichterwettbewerben und politischen Themen, vom Islam bis zu Trotzki. Running Gag ist natürlich der Nahe Osten. Die umstrittene Apologetin des politischen Islam, Sabine Schiffer, tritt dort als nächstes auf.

*Der Vortrag Werner Rufs beruht auf dem Beitrag „Von der Nakba nach Gaza„, erschienen in der Reihe „Standpunkte International“ (15/2010) der RLS.

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Ein Gedanke zu “Nakba – Das Café Buch-Oase und andere Katastrophen

  1. Großartiger Artikel! Kompliment!
    Es ist wichtig, daß über die seltsamen Umtriebe dieser „Oase“ berichtet wird, ein wirklicher Hort antizionistischen (antisemitischen) Gedankenguts. Viele Besucher werden hier jedoch über die Öko-Schiene erreicht (Bio-Kaffee, von Beginn an militantes Nichtrauchercafé). Ein Hauch Esoterik weht dort auch und vielleicht sollte man auch dort genauer hinsehen, bedient sich auch diese Nische doch gerne einschlägiger Verschwörungstheorien, was bisweilen auch in Richtung Revisionismus und Antisemitismus geht.

    Es ist bedenklich, daß so eine Einrichtung in Kassel, welches, wie Nordhessen eine traurige Tradition des Antisemitismus hat ( http://antisemiten-im-reichstag.netfirms.com/wahlen.html ), eine derartige Mainstream-Popularität genießt!
    Gut und beruhigend, daß es das BGA gibt und Autoren, die solche Artikel veröffentlichen!

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