Schläfer in Nordhessen

In Nordhessen spielen in Geschichte und Gegenwart nationalsozialistisches Gedankengut und Praxis immer wieder eine Rolle. Einer der Abgeordneten der in Kassel gegründeten antisemitischen Partei gewann um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sein Mandat in Nordhessen. In Kassel fuhr die NSDAP respektable Wahlergebnisse ein. Die politische Laufbahn des Roland Freisler begann in Kassel. Der Reichskriegertag, der Besuch Hitlers und auch die öffentliche Bücherverbrennung fanden in Kassel einen enormen Zuspruch in der Bevölkerung. Die Reichspogromnacht fand unter Beteiligung der Bevölkerung zwei Tage früher, als im restlichen Deutschland statt.

Jahrelang waren die Grafen von Waldeck-Pyrmont ein Anlaufpunkt der HIAG. Seit Jahren spielen die Anhänger so genannter Freier Kameradschaften im Schwalm-Ederkreis eine bedeutende Rolle im Alltagsleben des flachen Landes.

Die Schläfer und die Schläger in unserer Gesellschaft

Die jahrelang ungeklärte Mordserie an türkisch- und griechischstämmigen Bürgern ist von einer Nazitruppe begangen worden. Auch ein Kasseler Ladenbetreiber in der Holländischen Straße wurde von ihnen ermordet. Eine Rolle spielte dabei ein beim Verfassungsschutz aktiver Mann aus Hofgeismar, der als kleiner Adolf bezeichnet wurde. Kürzlich wurde bekannt, dass ein Mitstreiter des so genannten Freien Widerstands in Kassel, aktives Mitglied der CDU und der Jungen Union Mitglied war. Dort bekannte er sich, will man dem Vorsitzenden der Nordstadt CDU Glauben schenken, nicht offen zu seiner Gesinnung. Vor einigen Monaten wurde ebenfalls ein Mitstreiter dieser Gang bei der freiwilligen Feuerwehr enttarnt, auch dort hieß es, dieser sei nicht weiter aufgefallen.

Seit mehreren Jahren treibt ein anderer, als Totschläger vorbestrafter Nazi, sein Unwesen in der Kasseler Nordstadt. Dieser mittlerweile einsitzende Mann, führte eine Truppe Saufnazis an, die durch ihre Pöbeleien, ihr unverholen aggressives Gebaren, bei vielen Menschen Angst und Schrecken verbreiten.

Gemeinhin wird das Gedankengut des Nationalsozialismus als extremistisch oder als rechtsextremistisch bezeichnet. Die Kasseler Saufnazis fallen dadurch auf, dass sie mit ihrem äußeren Erscheinungsbild als Nazis alle Erwartungen erfüllen und eine Distanzierung der Mitte der Gesellschaft leicht machen. Ihr Alkoholismus und ihr bisweilen nur als deviant zu bezeichnendes Auftreten dürfte auch vom Mann/von der Frau der gesellschaftlichen Mitte nur als asozial bezeichnet werden.

Anders ist dies bei den Mitstreitern des so genannten Freien Widerstandes und den meisten Aktivisten anderer Naziparteien, wie der NPD. Diese sind in Vereinen tätig, können, wo keine entsprechenden Parteistrukturen existieren, Unterschlupf in der CDU (und sicher auch in anderen Parteien) und im deutschen Vereinswesen finden. Dort treten sie nicht mit den Sprüchen auf, mit denen sie sich selbst und ihre Gesinnungsgenossen im Internet und wenn sie unter sich sind brüsten und für die auch die Saufnazis berüchtigt sind.

Auch fallen sie ihren deutschen Nachbarn in der Regel nicht als wilde und ungehobelte Kerle auf, sondern als bisweilen tüchtige und engagierte, häufig freundliche und zuvorkommende Menschen. Doch dieser Schein trügt, wie viele Beispiele von Straftaten zeigen, die von Tätern auch aus diesen Reihen begangen wurden und werden.

Extremismus und der Wutbürger

Die nationalsozialistische Ideologie ist dem ersten Anschein nach rechtextrem. Der offen formulierte exterminatorische Antisemitismus dürfte keine (aktive) Zustimmung in der gesellschaftlichen Mitte finden. Auch beim unverholen geäußerten Rassismus in der Öffentlichkeit dürfte dies der Fall sein. Etabliert sind Lichter- und Menschenketten, Schweige- und nationale Gedenkminuten u.ä. was der so genannte Aufstand der Anständigen sonst noch so zu bieten hat.

Trotzdem, es gibt reichlich Forschung die belegt, dass rassistisches und antisemitisches Gedankengut in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet ist. Der von so genannten rechtspopulistischen Gruppen verbreitete Argwohn gegen die als Muslime deklarierten Menschen (Türken, Araber usw.) findet über die Parteigrenzen hinweg weite Zustimmung. Vielen Menschen wäre es unangenehm einen jüdischen Nachbarn zu haben, viele Menschen sind der Auffassung Juden hätten zu viel Einfluß in der Gesellschaft und Antisemitismus artikuliert sich auch in Form der so genannten Israelkritik über dieses Spektrum hinaus, in der Friedensbewegung sowie in linken Kreisen.

Besonders aber die Empörung über wesentliche Erscheinungen der Widersprüche der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft ist es, die von breiten Kreisen in der Gesellschaft artikuliert wird. Dafür stehen paradigmatisch das Idiom des Kleinen Mannes, mit dem man ja alles machen könne, das der Melkkuh der Nation, die für alles herhalten müsse und jüngst der so genannte Wutbürger. Dieses sich vor allem in den Leserbriefspalten der Presseorgane idealtypisch artikulierende Wutbürgertum geht einher mit dem Ruf nach dem Staat, der es doch richten möge.

Die Linke, soziale Gerechtigkeit und die Auswüchse des Kapitalismus

Der Wutbürger findet in vielen Momenten gesellschaftlicher Widersprüche Anlässe fürs Engagement und möchte jedoch nichts von seinen in dieser Gesellschaft gut aufgehobenen Interessen aufs Spiel setzten. Die vermeintlichen Segnungen der bürgerlichen-kapitalistischen Gesellschaft, sollen bei Abwehr der ihr gleichsam innewohnenden Gefahren beibehalten werden. Höhere bzw. gerechte Löhne bei Beibehaltung des Lohnarbeitsverhältnisses, Bewegungsfreiheit bei gleichzeitigem Schutz vor „Billiglohnkonkurrenz“ aus dem Ausland, Befreiung von der Zinslast bei Beibehaltung der Zinseinkünfte durch Lebensversicherungen, Sparkonten usw., keine „gierigen“ Manager bei Beibehaltung weltweit erfolgreicher deutscher Wirtschaftsunternehmen, kein Weltpolizist USA bei Beibehaltung der für Deutschland vorteilhaften Weltwirtschaftsordnung, Politikverdrossenheit und Schimpfen auf Lobbyisten, kein Durchgangsverkehr in der eigenen Straße bei ungehindertem Individualverkehr usw., usf.. Es gibt derer zahllose weitere Beispiele in allen Bereichen der Gesellschaft, in denen das Grundmuster der Ideologie nach Versöhnung der Widersprüche bei Beibehaltung der sie hervorbringenden Grundlage deutlich wird. Erfolgreich wurde eine Zeitlang diese Ideologie von Parteien der reformorientierten Linken und Organisationen wie Attac und jüngst von der Occupy-Bewegung vertreten.

Noch einmal der Extremismus der Mitte

Doch war dieses Muster auch Grundlage der Ideologie der Nazis, die sie so erfolgreich machten. Im Gegensatz zur radikalen Linke, die den Anspruch hatte, die Gesellschaft umzustürzen und dies den von den Widersprüchen und den Heteronomien der kapitalistischen Gesellschaft Betroffenen anheimstellte, oder sie zu diesem Behufe zu organisieren und zum Kampfe aufzufordern um die Verhältnisse so einzurichten, dass einjeder ein befreite Existenz führen könne, ist es Programm der Nazis, die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft in der zu bildenden Volksgemeinschaft aufzulösen, indem sie dieser versprachen diese als Bandenmitglieder an der zu machenden Beute zu beteiligen.

Das Programm der Linksradikalen und der Versuch dieses umzusetzten war spätestens 1923 gescheitert. Das Programm der Nazis kann nur funktionieren in dem eine Gruppe von Menschen für die scheinbar als Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft bezeichneten Phänomene wie Geld, Zinskapital, Gier und Wucher verantwortlich gemacht werden und indem Raub und die Plünderung zum Programm erhoben werden. Durch Raub- und Vernichtungskrieg, durch Ausplünderung und Mord an den Juden funktionierte dieses System auch eine Zeitlang und führte zu immer größerem Zuspruch in der Bevölkerung.

Dieser Zuspruch bröckelte dann ab 1943, als klar wurde, dass die gemachten Versprechungen nicht eingehalten werden konnten. Nicht die Bestialität führte zur Abwendung und Widerstand größerer Kreise in der Bevölkerung, sondern die Nichterfüllbarkeit der Versprechungen und die absehbare Niederlage führten zu Verdruß und zur (freilich bis zu seinem Ableben unterdrückten) Wut auf den Führer. Der Extremismus hatte 1945 vorerst ausgedieht, jahrzehnte herrschte dann deutsche Larmoyanz.

Die Option des Extremismus

Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce, heißt sinngemäß ein Bonmot Marx’. Dass freilich die nationalsozialistische Option nach wie vor eine Rolle spielt, ist in Ungarn zu beobachten. Auch in der Slowakei, in Bulgarien und in der Tschechischen Republik sind immer häufiger beängstigende pogromartige und von den Exekutivorganen weitgehend geduldete Zusammenrottungen gegen ortsansässige Sinti und Roma zu beobachten. Auch in den Ländern in denen islamistische Parteien und Gruppierungen eine große Rolle spielen oder ebensolche Diktaturen herrschen, kann die Wirksamkeit des ideologischen Musters, nachdem der Nationalsozialismus funktionierte beobachtet werden.

In Deutschland? In der Öffentlichkeit erleben wir eine breite Empörung angesichts der als Nazimorde entdeckten Untaten. Auch das NPD-Verbot, eine schärfere Ahndung von Nazipropaganda wird von vielen gefordert. Zu erwarten sind die sattsam bekannten jedoch hilflosen Aktionen wie Gesicht zeigen, Latschdemos auf denen sich gegenseitig die richtige Gesinnung attestiert wird und die bekannten Parolen von „Nazis raus!“ bis „Nie wieder Faschismus!“. Doch nur selten wird die Frage durchdekliniert, warum es den Sicherheitsorganen so schwer fällt, bestehendes Recht gegen die per se gesetzeswidrigen Umtriebe von Nazis umzusetzen, bzw. diese überhaupt als solche zu erkennen. Warum erst jahrelang im familiären Umfeld der Opfer ermittelt wurde und nicht die Option bedacht wurde, es hätte ein rassistisch Motiv geben können. Bekannt sind auch die Beispiele, dass staatliche Exekutivorgane Antinazibuttons als Verbreitung von Nazisymbolik verfolgten. Bekannt ist der Umstand, dass Bürger, wenn sie sich den Nazis in den Weg stellen, eher den polizeilichen Zugriff fürchten müssen, als den der Nazis. Grundsätzlich fragt sich, was ein Verfassungsschutz den ganzen Tag außer Zeitung lesen und Nazikader zu finanzieren sonst noch tut. Jede antifaschistische Initiative ist über die Umtriebe der Nazis besser informiert, als es der Verfassungsschutz zu sein scheint.

Die Deutsche Sehnsucht nach Aufhebung der Widersprüche auf ihrer eigenen Grundlage ist so weit verbreitet wie seit eh und je. Sie ist der Humus in dem die Schläfernazis ihre ideale Existenzgrundlage finden. Der Zuspruch zu den Sauf- und Totschlägernazis wird begrenzt bleiben, doch ihre Rolle ist die, wie seinerzeits die der SA, diejenigen einzuschüchtern die keinen Platz in ihrem Weltbild haben und die, die offen gegen diese politische Option agieren. Die Exekutivorgane rekrutieren sich aus der Mitte der Gesellschaft. So erkennen sie, wie der Jedermann aus der gesellschaftlichen Mitte, natürlich denjenigen, der „Sieg-Heil“ und „Juden ins Gas“ brüllt und schreiten vielleicht auch dagegen ein, lassen aber mal fünfe gerade sein, wenn der Kumpel mal ein Judenwitz macht, oder über die angeblich vielen Pinguinfrauen mault, die sein Auge beleidigen – ansonsten aber ein anständiger Kerl ist, der gerne mal eine Runde streut und morgens mit gebügelten Hemd und gewaschenem Haar im Dienst erscheint.

Trotzdem bleibt es schwer abzuschätzen, wie die gesellschaftliche Entwicklung weiter geht. Es ist im Moment nicht absehbar, dass der Extremismus der Mitte zur politischen Option wird. Die Nazis haben auf der politischen Ebene keine große Bedeutung. Dennoch, Deutschlands Tun und Lassen wird seit 1989 nicht mehr durch die Siegermächte überwacht und eingehegt. Auch die EU hegt die deutschen Machtansprüche nicht ein, sondern entwickelt sich immer deutlicher zum Machtinstrument deutscher Interessen. Wenn die sich zuspitzenden ökonomischen Probleme extreme Lösungen erfordern, um der deutschen Mitte eine wie auch immer geartete Existenz zu sichern, wird sich zeigen, ob angesichts der so genannten Politikverdrossenheit die Volksparteien in der Lage sind, diese zu Lasten zu definierender Opfer zu bedienen.

Die Option der Aufhebung der Widersprüche im Sinne einer Emanzipation des Menschen ist seit (spätestens) 1923 verschüttet.

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