8. Mai: Wer feiert gehört dazu – zu wem eigentlich?

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. Der deutsche Vernichtungskrieg war damit beendet. Die letzten Konzentrationslager konnten befreit werden, sofern sie nicht schon vorher von den in Richtung Deutschland marschierenden Truppen der Alliierten befreit wurden.

Die Alliierten kamen spät, für die meisten der Verfolgten zu spät. Dank weitgehender Übereinstimmung von Führung und Volksgemeinschaft in Deutschland, konnten die Nazis ihr Vernichtungsprogramm reibungslos umsetzten. Feiern konnten die meisten, die verfolgt und der Vernichtung zugeführt wurden, nach dem Sieg über den NS nicht mehr – sie hatten verloren. Heute gehört in Deutschland die Mehrheit derjenigen, die feiern zu den Nachkommen derjenigen, die die Täter waren. Dass ihre Vorfahren die Täter waren, ist den Nachkommen nicht zum Vorwurf zu machen, der Vorwurf bezieht sich auf den seltsamen Wunsch, sich auf der Seite der Sieger zu wähnen. (Ein Wunsch, dem der Autor dieser Zeile zuweilen in einem Anfall von unreflektierter Identitätsduselei auch schon mal verfällt und in der Vergangenheit verfiel.) Dass nach dem Krieg unterschwellig festgestellt wurde, Deutschland habe angesichts des Wirtschaftswunders, des ökonomischen Niedergangs der Siegermächte (Großbritannien, der UdSSR etc.) der unbestrittenen Vormachtstellung in Europa, den Krieg gewonnen verweist zudem auf die Perfidität der Parole, „Wer nicht feiert …“.

Für die meisten der Insassen Bergen Belsens kamen die englischen Truppen zu spät – Feiern?

Die Deutschen leisteten auch Widerstand – vor allem gegen die militärische Intervention der Alliierten. Die deutschen Tugenden Kameradschaft, Militarismus, Gehorsam usw. bedeuteten für die Armeen der Alliierten, insbesondere aber für die Rote Armee bis zu den letzten Tagen einen opferreichen Gang, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Jeder deutsche Landser mit dem Gewehr in der Hand, am Steuer seines Panzers oder Fliegers bedeutete bis zu seiner Ausschaltung: Widerstand gegen die Rettung der letzten Juden, Widerstand gegen die Befreiung der Verfolgten, Unterdrückten und millionenfach Verschleppten.

In Deutschland stießen die Alliierten auf eine verstockte Bevölkerung. Genoss Hitler besonders Anfang der Vierziger einen großen Rückhalt in der deutschen Volksgemeinschaft, nahmen es ihm jetzt die Volksgenossen übel, dass er den Krieg vermasselt hatte. Aber man war nicht nachtragend, bald reichte man den Siegern die Hand zur Versöhnung und wollte ihnen Verzeihen, dass sie gegen Deutschland zu Felde gezogen sind.

Nach den noch eher tölpelhaften Versuchen Kohls (mit Mitterand in Verdun, mit Reagan in Bitburg) versucht seit 1985 eine immer breiter werdende Szene des politischen Establishments, Deutschland in die Gemeinschaft der Sieger einzugemeinden. Man will dazu gehören. Auch auf Seite der Linken wurde der 8. Mai entdeckt. Noch besser als damals Weizsäcker bringen sie mit ihrer Parole: „Wer nicht feiert, hat verloren!“ das Bedürfnis Dazuzugehören auf den Punkt.

In Kassel lädt die VVN zu einer Veranstaltung in der Zentrale des Stalinismus und Antizionismus (Cafe Buch Oase) ein, um den (durchaus zu empfehlenden) Film von Konrad Wolf „Ich war neunzehn“ zu zeigen. Die Freunde im Karoshi belassen es beim Feiern und versprechen, den Erlös in den Kampf gegen (Neo)Nazis zu investieren. (Ob gegen Anhänger der Kasseler antijudäischen Einheitsfront ein Schild aufgestellt wird „Wir dürfen hier nicht rein!“, ist uns nicht bekannt).

Zu den Initiatoren und Förderern der diesjährigen Veranstaltung „Wer nicht feiert, hat verloren“ in Berlin gehören u.a. die VVN Berlin und die Linkspartei. Während die VVN Berlin vor einer bis dato nicht stattgefundenen Intervention gegen Syrien und Iran warnt, gibt das Bündnis in der Selbstauskunft die verquere Parole „Nie wieder Krieg, Nie wieder Faschismus“ zum Besten. Diese vermeintlich in Buchenwald beschworene These dient heute vor allem der Friedensbewegung dazu, militärische Aktionen der USA und Israel zu brandmarken. Erst das Ende dieser politischen Melange würde die Befreiung von 1945 vollenden.

Wer feiert gehört dazu?

Zum Berliner Bündnis gehören auch Gruppen aus dem antifaschistischen Spektrum, zum Beispiel die „Antifaschistische Initiative Moabit“. Ausgerechnet in einer Erklärung zum 9. November 1938 wird mühsam versucht, bestehende Konfliktlinien zwischen dem linken Antisemitismus und seinen Kritikern zu verkleistern. Palästinensertücher und israelische Fahnen werden gleichermaßen zu unerwünscht Symbolen erklärt, lautstark geäußerten Widerspruch finden sie zum Kotzen – die Reihen sollen fest geschlossen sein.

Parole und das Bedürfnis zu feiern ist Ausdruck davon, eine identitäre Position zu beschwören. Man vermeidet zudem eine Begriffsbestimmung, die unweigerlich zum Konflikt mit Stalinisten und Antisemiten führen muss. Dies ist nicht gewollt. So ist dieses Feiern Ausdruck einer Geschichtsvergessenheit, die die Begriffsbestimmung von Nationalsozialismus, Antisemitismus und Antizionismus wieder einmal vertagt oder es wird so getan, als könne der Zusammenhang von Antisemitismus und Antizionismus, vom Hass auf Israel und der Verleugnung von Auschwitz schlicht dementiert werden.

Es ist blanker politischer Opportunismus gemeinsam mit Antizionisten, linken Antisemiten, mit den Freunden der Hamas, des Irans und Günter Grass‘ sowie mit anderen Vertretern der Wutbürgergemeinschaft anlässlich des 8. Mai einen Toast auf Stalin auszusprechen.

Paradigmatisch steht hierfür das diesjährige Logo der Veranstalter, das die beiden Schauspieler Janusz Gajos und Pola Raksa aus der Filmserie „Vier Panzersoldaten und ein Hund“ ziert. Dieser Film stellt in grotesker Weise den überaus verlustreichen Kampf gegen die NS-Truppen als abenteuerlichen Spaziergang gegen tölpelhafte Deutsche dar. Wieso es Polen ausgerechnet nach Sibirien* verschlug (der Held des Films – ein junger Pole – wird in einem sibirischen Dorf für eine in der Sowjetunion aufgestellte polnische Armee rekrutiert), was mit den Juden in Polen während der deutschen Besatzungszeit geschah und was den wenigen überlebenden Juden nach ihrer Befreiung in Polen blühte, verschweigt dieser Film (hierzu: Antisemitismus in Mittel- und Osteuropa). Auschwitz, Mörderischer Krieg, Stalinismus, Antisemitismus, alles egal –  Hauptsache man bietet eine Identifikation an, die es erlaubt, sich auf Seiten der pittoresken Gewinner zu wähnen.

Veteran der Roten Armee anläßlich einer Gedenkkundgebung zum 8. Mai – Feiern?

8. Mai 1945 – Befreiung vom Nationalsozialismus? Ja, Europa wurde befreit, einige zehntausend KZ-Insassen und im Untergrund Ausharrende in Deutschland auch.

Aber Feiern? Angesichts der enormen Opfer, die nötig waren, die Welt vom deutschen Nationalsozialismus zu befreien? Angesichts des Umstands, dass die Alliierten für viele einfach zu spät nach Deutschland vorstießen? Für die deutsche Bevölkerung, die zur überwiegenden Mehrheit nach dem Krieg immer noch lebte, brachte der Sieg der Alliierten die Demokratie. Mehr als ein bescheidenes Dankeschön, ein Spasibo, Thank You oder Merci steht uns in Deutschland nicht zu. Seine 13. Symphonie schrieb Schostakowitsch anläßlich des Massakers in Babyn Jar – man lege diese Musik auf und überlege dann, ob die Party steigen kann.

* Nach dem Sieg der deutschen Truppen über Polen, marschierte die Rote Armee in die ostpolnischen Gebiete ein. Die sich dort ergebenden polnischen Truppen wurden entwaffnet und z.T. nach Sibirien deportiert, andere, vor allem Offiziere, wurden erschossen. Die polnische KP wurde schon 1936/38 zur Zeit der Säuberungen vollständig liquidiert.

J.D.

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