„Unsere Mütter, unsere Väter“ – Familienaufstellung für die Volksgemeinschaft

Bei der Oscar-Verleihung zum Glück chancenlos, auch in Cannes nicht mit dabei, dafür jetzt vom Springer-Verlag und dessen Fernsehzeitung „Hörzu“ mit der so genannten „Goldenen Camera“ prämiert. Mit in der Jury saß Iris Berben, die im Duktus des deutschen Größenwahns meinte: „Man muss nach den Sternen greifen, wenn man die Wolken erreichen will.“ 

Die Frankfurter Allgemeine, Zeitung für Deutschland, trommelt zum Appell: „Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern. Wo immer möglich, sollten Eltern den ZDF-Dreiteiler ‚Unsere Mütter, unsere Väter‘ zusammen, mit ihren Kindern ansehen.“ Das ZDF lädt zur nationalen Gruppentherapie ein. An drei Abenden kann die postnazistische Volksgemeinschaft sich einer massenmedialen Familienaufstellung mit dazugehöriger nachfolgender Aufbereitung einer Quasselrunde der Talkerin Maybrit Illner (und ihren unerträglichen Quasselpartnern) „dieser Zeit“ stellen.

Der mit großem Tam-Tam angekündigte Dreiteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“ soll uns „das Schicksal der Kriegsgeneration“ näher bringen. Der Spiegel gibt sich hoffnungsvoll. Der latente Relativismus früherer Produktionen sei in dieser Fernsehaufarbeitung überwunden. Man könne ganz empathisch das Schuldigwerden einer ganzen Generation nachvollziehen, indem man sich den Fragen stellt: „Hast Du einen Menschen erschossen? … hast Du Sex mit einem Nazi-Bonzen gehabt?“

Eine Täterperspektive ohne Vernichtungstat

Die Täterperspektive als Identifikationsangebot? Wie das? Zunächst einmal indem bei der Darstellung vom Täter durch das Abstrahieren von der Volksgemeinschaft und der antisemitischen Tat nur der Blick auf den Krieger der deutschen Wehrmacht bleibt. Durch den Blick auf den einzelnen Nazi (oder Mitläufer) – ein Unterfangen das Angesichts der Negation des Individuums im Nationalsozialismus notwendig falsch sein muss – unterbleibt die Entwicklung eines Begriffs nationalsozialistischer Vernichtung. Der Nationalsozialismus kann so schwerlich in seinem Wesen erfasst werden. Das liegt daran, dass im Agieren des einzelnen Wehrmachtssoldaten (auch eines einzelnen SS- oder SD-Mannes) nicht die nationalsozialistische Vernichtungstat dargestellt werden kann.

Der um sein Wesen verkürzte Nationalsozialismus bleibt prozesshafter Hintergrund indem die einzelnen Figuren verstrickt sind. Die Taten des Vernichtungskriegers müssen unbegriffen bleiben. Sie bleiben böse Taten eines Kriegers, Taten von wie auch immer gearteten oder indoktrinierten Einzelnen, die bestenfalls aus einer jeweiligen Handlungsdynamik erklärt werden. Der antisemitische Vernichtungsfuror lässt sich jedoch nur in der Analyse der Naziideologie, der deutschen Volksgemeinschaft und des funktionierenden Vernichtungsapparates als Totalität fassen. Erst durch die Analyse dieser Totalität ergibt der Blick auf den einzelnen Täter einen Sinn.

Deshalb der unerbetene Rat der Frankfurter Allgemeinen: Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern.

Heute: Trommeln Sie am Sonntag die Familie zusammen und sehen Sie fern (FAZ).

Die Frankfurter Allgemeine sieht im Film eine „Einladung zur Annäherung der Generationen“. In einem ausführlichen Interview mit einem Veteranen der Wehrmacht und einem der Schauspieler führt der Wehrmachtsveteran zu Beginn aus: „Der Feldzug gegen Polen war ja ein großer Sieg, da waren wir alle für Hitler. Wir waren die Helden.“

Nachher waren sie keine Helden mehr. Dieser Bruch – exemplarisch von Padover beschrieben -, zunächst verheißungsvoll als Volksgenosse mit Deutschland einen Platz an der Sonne anzustreben, den anderen Nationen einen Platz im Schatten, den osteuropäischen Völkern einen hinterm Ural, den Juden zunächst einen im Dreck, dann in den Gräben vor den Erschießungskommandos oder im Gas zu verweisen, um aber am Ende um dieser Ziele (von Hitler) betrogen zu werden, das ist das Haupttrauma der Deutschen, das in diesem Satz zum Ausdruck kommt und um das nun der Film in gekonnter Art und Weise Nebelkerzen wirft.

Das deutsche Trauma I: Der verlorene Sinn

Darum soll es nicht gehen. Die kollektiv dargestellte Trauer um einen verlorenen Sinn sei Pur gestattet (dies., Indianer), dieses Thema im Film wäre jedoch als allgemeine Provokation empfunden worden. Anstatt nun also dem verlorenen Sinn auf die Spur zu kommen, wird die Sinnlosigkeit zur allgemeinen Erklärungsformel und Folie deutscher Traumata.

„Der Krieg wirft immer mehr Fragen auf, auf die er keine Antwort hat. Die Sinnlosigkeit wird immer größer.“ So der Schauspieler Volker Bruch im genannten Interview. Vom, von den Volksgenossen durchaus erfassten Sinn – wie es der Veteran ja Anfangs zugibt – wird es im Verlauf des Krieges immer klarer, dass er nicht erreicht werden kann. Der Sinn, den die Naziideologen im eigenen Unternehmen sahen, nämlich das Sein zum Tode, wird von den meisten Volksgenossen, denen das Hemd näher ist als der Rock, dann doch nicht mitgetragen. Als die Niederlage absehbar war, wollten sie plötzlich keine Nazis gewesen sein, fühlten sich von diesen betrogen, sie wollten, so günstig wie möglich aus der Sache raus. Dem vorher breitwillig gefolgten Unterfangen, wird das Attribut Sinnlosigkeit angeheftet.

Man gibt sich heute differenziert. Junge sympathische Menschen, werden zu Beginn als Identifikationsangebot an den Zuschauer aufgebaut. Sie werden dann jedoch als Teilnehmer eines, als Prozess dargestellten, politischen Unternehmens – nicht als Volksgenossen einer Volksgemeinschaft – einem unvermeidlich moralischen und physischen Untergang zugeführt. Dieser Prozess bleibt trotz aller „Verstricktheit“ der Protagonisten in die Naziideologie ein doch von ihren Personen abgetrennter.

Diese Konstruktion leistet, dass das zunächst mögliche Identifikationsangebot auf der Strecke bleibt und die aufgebaute Empathie mit den Tätern nicht zu Ende dekliniert, sondern destruiert wird und dem Zuschauer die Zuflucht geboten wird: Die antisemitische Vernichtungstat bleibt außen vor, sie verschwindet im allgemein Grausamen und wird Teil der Kulisse, die mit aller Kunst pyrotechnisch und mit den Mitteln des Splatterfilms auf die Leinwand gebannt wird.  Ja, wir können unsere Großväter und –mütter verstehen, sehen sie sowohl als Teil als auch als Opfer eines Prozesses, von dem sich heute wortreich und ohne etwas zu kosten distanziert werden kann und geben uns daher, im Gegenteil zu ihnen damals, heute, dank ARD und ZDF, als reflektierte und geläuterte Zeitgenossen. Diese Haltung wird in der Talkshow von der, an der Runde teilnehmenden, Schauspielerin Katharina Schüttler exemplarisch durch exerziert.

Die zunächst aufgebaute und dann destruierte Empathie mit den Tätern, verhindert das – schon an sich unmögliche -, Einnehmen einer Perspektive als Opfer der nationalsozialistischen Vernichtung, als Jude nämlich, oder das – schon eher mögliche – der Alliierten. Letztere kommen nicht, oder (als tote Russen) so gut wie nicht vor. Der verfolgte Jude, der auch beim polnischen Widerstand auf Antisemiten stößt und also auch dort um sein Leben fürchten muss, erlaubt dem Zuschauer den Schluss, dass „… eine in humanistischer Empörung vereinte zivilisatorische Gegenwelt, wie sie Thomas Mann in seinen Radioansprachen beschworen hat, .. in Wahrheit wie die Zivilisation eines anderen Planeten [war].“ (FAZ 15.03.2013). Was also geleistet wird: Jegliche Sinngebung an das Unterfangen der deutschen Volksgemeinschaft wird weit von sich gewiesen, gleichzeitig aber auch die mögliche und notwendige Sinngebung des Krieges der Alliierten. Was bleibt, ist der sinnlose Krieg, den schon Bernhard Wicki in „Die Brücke“ beklagte.

Das deutsche Trauma II: Die Tat

Die deutsche Propagandamaschine ist lernfähig: Man ist geübt in solchen Dingen. Die plumpen Methoden eines Konsaliks, anstatt den Juden, den russischen Winter und den unergründlichen Russen als Menetekel deutschen Unglücks zu paraphrasieren, wurden von den Methoden der Landserstreifen, wie „Das Boot“ oder „Stalingrad“, abgelöst. In diesen wurden Krieg und Nazi als allgemeines Unglück, das über den Einzelnen kam, dargestellt. Diese Einzelnen fanden dann trotz persönlicher Bewährung als treue und aufrechte Kameraden ihr, in den Filmen als unverdient oder eben sinnloses deklariertes, Ende.

Der Geschichtsonkel Guido Knopp lehrte im deutschen Fernsehen seinen Zuschauern dann das Gebot „Verantwortung übernehmen“. Hitler (und seine Helfer) und der Krieg, untermalt mit dräuender Filmmusik, kamen als Unglück daher und gebaren böse Täter und hilflose Opfer. Differenziertheit war nunmehr angesagt, also das Thematisieren von Verbrechen im deutschen Namen und des deutschen Leidens an militärischen Gegenmaßnahmen der Alliierten und an den Kriegsfolgen wie Vertreibung und Teilung des Vaterlandes.

Mit zunehmender Perfektion und mit immer mehr Geld, Aufwand und wirtschaftlichem Erfolg wurde dieses Schema von Nico Hofmann in seinen Spielfilmen (Die Flucht, Die Luftbrücke, Dresden und Rommel), ähnlich wie auch in den anderen deutschen Fernsehproduktionen (Laconia, Stauffenberg, etc.), fortgeführt, wobei deutsche Opfer ohne die umgebrachten Juden und Widerstandskämpfer zu verschweigen, zunehmend in den Vordergrund rückten. Man habe ja, wie es die „Zeitung für Deutschland“ behauptet, zwar zu Recht die Verbrechen der Nazis und die deutsche Schuld in den Vordergrund – dies jedoch lange genug – gestellt. (FAS 10.03.2013)

Doch der Filmemacher ist schlauer als die um Deutschland besorgten Zeitungsmacher. Während vorher noch die alliierten Gegenmaßnahmen und die politischen Folgen als deutsche Leiderfahrung Mittelpunkt der Darstellung waren, rückt Hofmann jetzt den deutschen Täter in den Mittelpunkt ohne das deutsche an der Tat zu verstehen (s.o.). Hofmann hat in der Diskussion über deutsche Täter aufgepasst. Nicht ein perverser Gewalttäter wird als Nazitäter aufgebaut, sondern der deutsche Vater, die deutsche Mutter, der deutsche Bruder oder die Schwester, eben eine/r wie Du und ich.

Es wird also eine „deutsche“ Schuld konstruiert, aber nur eine, die um ihr deutsches Wesen gebracht wird und nur allgemein böse ist (man erschiesst Wehrlose, man vögelt mit Nazis etc). Die so verortete Tat wird zum Thema und zum Trauma des deutschen Täters und seiner familiären Nachkommen erklärt. So wird der Deutsche als traumatisierter Täter das erste Opfer Hitlers, seine Nachkommen und ihr „Nazi in uns“ sind die letzten. Die Perspektive bleibt eine deutsche – sie soll es bleiben. „Sie sind wie wir. So nett, so harmlos, so ahnungslos. Sie sind Menschen, die den Unmenschen in sich selbst noch nicht kennengelernt haben.“ (Claudius Seidl, FAS, 17.03.2012) Der russische Winter, der Kugelhagel, das Denunzieren eines Juden, das Erschießen des Deserteurs und das Vögeln mit dem Nazi … alles Gewalt, die es – man kennt heute als aufgeklärter Konsument der Kriegsberichterstattung die Diagnose posttraumatische Belastungsstörung – aufzuarbeiten gilt. Der Zuschauer soll – die Inszenierung im Film hilft dabei – die Verstrickung auf dem Sofa nachvollziehen. Und die Aufarbeitung wird medial auf allen Ebenen gefördert. So richtet sich z.B. die nordhessische Lokalzeitung HNA an seine Leser und Leserinnen, über diese „Gewalterlebnisse an der Front“ und den „Umgang mit dem Thema“ in der Familie zu berichten (HNA, 18.03.2013).

Da die Täter alle tot oder senil sind, kann ein vermeintlich strenges Urteil über sie gesprochen werden – aber das ist Masche. Der Zuschauer versetzt sich, erleichtert durch die Machart des Films, in die Position des Täters und mit oder ohne Illners, Cohn-Bendits und Hecks Hilfe gelingt ihm dann die Auflösung von Verstrickungsdynamiken. Täter – Opfer? I wo! Übrig bleibt der auf sich gerichtete larmoyante Blick der Täternation, sich als ein traumatisiertes Volk zu sehen das sich einer kollektiven Therapie hinzugeben hat.

J.D.

Nachtrag 26.03.13 – Hier drei lesenswerte Kritiken zu Film und „medialer Aufbereitung“:

Jennifer Nathalie Pyka: Opferneid als Dreiteiler
Andrej Reisin: “Unsere Mütter, unsere Väter”: Das ZDF und die deutschen Opfer
Floris Biskamp: Deutsche Geschichte bei Markus Lanz: Zu wenig Kolonien, zu viele Juden

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