Spur der Steine

Zur Problematik der Stolpersteininitiative in Kassel

In Kassel kündigte der Vorsitzende des Vereins Stolperstein e.V., Jochen Boczkowski, unter wehenden Palästinafahnen auf dem Ostermarsch an, dass die jüdische Gemeinde in Kassel den Widerstand gegen die Stolpersteininitiative des Künstler Gunter Demnig aufgegeben hat. Die Einwände der jüdischen Gemeinde in Kassel bezogen sich auf die Kritik der Stolpersteininitiative, die die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, formulierte. Weitere Einwände gegen die Initiative sind hier nachzulesen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die überwiegende Zahl der von den Deutschen Ermordeten in Osteuropa gelebt hat. Die Steine, die den Kasseler Opfern gewidmet sind, können daher nie der Totalität des deutschen NS-Terrors gerecht werden. In Kassel wird an die deutschen Opfer der NS-Diktatur gemahnt, aber es gibt auch ein Ufer, das den Opfern des US-amerikanischen Atombombenangriff auf Hiroshima gewidmet ist, das Ehrenmal in der Karlsaue beklagt die Vernichtungskrieger und auf dem Hauptfriedhof sind die Toten des Bombenangriffs auf Kassel begraben, dort findet alljährlich eine offizielle Betrauerung dieser Toten statt. Mahnmale, die an Auschwitz, Treblinka, Sobibor, an Babi Jar, an Leningrad, an Lidice etc. erinnern, Steine, die an die vernichteten und ungezählten Dörfer in Weißrussland, in der Ukraine, Russland, Jugoslawien etc. erinnern, gibt es hingegen nicht.

Die jüdische Gemeinde in Kassel erhält nunmehr die Kritik an der Stolpersteininitiative nicht mehr aufrecht. Aus diesem Grunde würde jetzt, so Boczkowski, die Initiative, auch mit Unterstützung der Stadt, die Stolpersteine in Kassel legen können. Am 03. April 2013 war es dann soweit. An verschiedenen Stellen wurden Stolpersteine verlegt.

Die Kasseler Initiative besteht aus Aktivisten, die ausnahmslos den diesjährigen Ostermarsch unterzeichnet haben. So findet sich auch der Verein selbst auf dem Aufruf zum diesjährigen Ostermarsch. In welcher Tradition insbesondere die Kasseler Friedensbewegung steht, muss hier nicht weiter ausgeführt werden. Nur soviel: Sie zeichnet sich durch einen pathologischen Israelhass aus und organisierte vor 4 Jahren den größten antisemitischen Aufmarsch in Kassel seit 1945.

Die Steine sollen an die Opfer der NS-Herrschaft erinnern. Diese Intention ist für sich betrachtet löblich und dagegen wäre nichts einzuwenden. In Kassel gibt es, vor allem Dank der ehemaligen Hochschulforschungsgruppe IAG Nationalsozialismus in Nordhessen, an einigen Stellen der Stadt Erinnerungsstätten und Mahnmale, die an die Terrorherrschaft der Nazis und an deren Opfer erinnern und eine Reihe von Veröffentlichungen, die verschiedenen Aspekten der lokalen Geschichte der NS-Herrschaft in Nordhessen und Einzelpersonen, die während der Naziherrschaft ermordet, verfolgt und vertrieben wurden, gewidmet sind. Dieses Engagement blieb nicht immer ohne Widerspruch. Als es darum ging, an das Kasseler Polizeigebäude eine Tafel zur Erinnerung an den Gestapo- und SA-Terror anzubringen, war zu hören, damit würde man eine Kontinuität suggerieren, die der Polizei nicht gerecht würde. Die Tafel wurde schließlich 1991 doch montiert, allerdings versteckt an einer Stelle einer Seitengasse. Auch das Anbringen der Mahntafel zur Erinnerung an die Deserteure der Wehrmacht am oben schon genannten Ehrenmal in der Karlsaue war damals einzigartig und blieb ebenfalls nicht ohne Widerspruch. (Diese Tafel hängt nun neben allen möglichen anderen Erinnerungstafeln an die Vernichtungskrieger aus den Jahren 1939-1945 und an die, die in den Jahren 1914 – 1918 im „Glauben an Deutschlands gerechter Sache“ verreckt sind.)

Mittlerweile ist die Tätergeneration des deutschen Nationalsozialismus tot oder fast tot, so dass man gefahrlos Erinnerungsarbeit leisten kann. Nur wenige haben deswegen heute noch grundsätzlich Einwände, an die Gräuelherrschaft der Nazis zu erinnern. Den Wendepunkt dieser politischen Konstellation setzten die Wehrmachtsausstellung und das Holocaustmahnmal in Berlin. Dass es immer noch Subjekte gibt, denen der Verweis auf den Nationalsozialismus nicht passt, kann man in den Leserbriefen und den Netzkommentaren der Leser der HNA nachlesen, so auch im Zusammenhang mit der Berichterstattung zur Stolpersteinlegung in Kassel. Aber zwischen denen, die immer noch Einwände gegen die Erinnerungsarbeit erheben und denen die sich zum Erinnerungsweltmeister küren, ist der Unterschied nicht allzu groß. Die Ewiggestrigen haben das nur noch nicht begriffen. Man fährt besser damit, sich moralisch erhaben zu wähnen, sich zerknirscht zu zeigen indem man mit Verve auf ein Unrechtregime (ein Begriff, der es erleichtert, die DDR im gleichen Atemzug zu nennen) verweist, das im deutschen Namen Unglück über das eigene Volk und die Nachbarvölker brachte. Die Bezeichnung Unrechtregime oder Diktatur sind Diminutive, die das Wesen der Nationalsozialistischen Herrschaft verschleiern, dies wird nochmals deutlich an der häufig verwendeten Redewendung, der Nazi-Terror sei im deutschen Namen ausgeführt worden, als hätten wir es mit einer Bande von Falschspielern zu tun gehabt, die Etikettenschwindel betreibend, eigentlich gar nichts mit Deutschland zu tun gehabt hätten.

Paradebeispiel dieser Erinnerungspropaganda sind der zuletzt aufgeführte ZDF-Schinken UMUV und die mediale Aufarbeitung dieses Machwerks sowohl auf nationaler als auch auf provinzieller Ebene (zu letzterem, siehe unsere Rubrik „Aus Kassel“). Man schweigt nicht mehr über die NS-Taten, benennt sogar gelegentlich die Täter. Hauptaugenmerk ist es aber, ein allgemeines Opferkollektiv eines Krieges oder einer abstrakten Naziherrschaft zu kreieren, in das dann die Deutschen als Bombenopfer, Vertreibungsopfer oder jetzt auch als traumatisierte Täter eingemeindet werden können. Nazis und Mitläufer die Juden verraten haben soll es sogar gegeben haben, aber dadurch, dass immer mehr Deutsche als Widerstandskämpfer entdeckt werden, als freundliche Menschen, die Juden und Zwangsarbeitern immer geholfen haben wo sie es nur konnten, wird diese Herrschaft in unzulässiger Weise von der deutschen Volksgemeinschaft abgespalten.

War es bis in die achtziger Jahre nicht opportun, daran zu erinnern, dass es Menschen gegeben hat, die sich gegen die Naziherrschaft gestellt haben, so lag dass daran, dass der postnazistischen Gesellschaft klar war, dass diese sowohl vor als auch nach 1945 Außenseiter und Nestbeschmutzer waren. Sie erinnerten die Volksgemeinschaft mehr durch ihre Existenz als durch ihre Worte daran, dass diese bis 1945 hinter dem Regime stand und dass die überwiegende Mehrheit der Eliten der Nachkriegsgesellschaft bis 1945 führende Positionen im NS-Apparat eingenommen hatte. Heute dagegen dienen sie als Repräsentanten eines anderen Deutschlands, dass es aufgrund der Totalität der deutschen Volksgemeinschaft nicht gegeben hat und nicht geben konnte.

1 (in Worten ein) Arbeiter der Blohm + Vosswerke verweigert den Führergruß

1 (in Worten ein) Arbeiter der Blohm + Vosswerke verweigert den Führergruß

Heute wird durch die immer exzessivere Erinnerungsarbeit versucht, ein deutsches Alleinstellungsmerkmal herauszuarbeiten. Mit dieser moralischen Selbsterhöhung, soll dann der restlichen Welt beigebracht werden, die Politik nach deutschen Moral- und Wertevorstellungen auszurichten. Nicht zufällig beklagte sich die Ostermarschiererin Ulrike Jacob über Barack Obama, dass dieser trotz Besuch der Holocaustgedenkstätte in Yad Vashem keine Schlussfolgerungen für eine andere US-Politik gezogen hätte. Die Außenpolitik der USA sei immer noch interessensgeleitet und Hauptursache für die Konflikte dieser Welt.

Die Aktivisten des Vereins Stolpersteine e.V. gehören überwiegend der linken Szene in Kassel an. Deren Tradition reicht in die politischen und gesellschaftlichen Kreise zurück, die tatsächlich von Anfang an Widerstand gegen die Nazis geleistet haben. Eine der Protagonistinnen ist die Tochter des Kommunisten und Juden Peter Gingold, der in der Resistance gegen die Nazis kämpfte. Ihrer aller Anliegen dürfte es zu aller letzt sein, Deutschland moralisch zu erheben und zu tun, als wären Täter und Opfer eins. Dennoch, gerade die Linke dieser Provenienz ist es, die schon immer von einem anderen Deutschland geträumt hat, die der Auffassung ist, der Faschismus sei die Herrschaft der Großindustrie über das Volk, das zum Teil verführt wurde, zum Teil terroristisch unterdrückt wurde, also das erste Opfer des deutschen Nationalsozialismus war. Das Hauptaugenmerk dieser Linke gilt dem Krieg, den Nazideutschland entfesselt hat. Dieser Krieg habe dann auch das unschuldige deutsche Volk getroffen.

Sinnbildlich wird von einem sinnlosen Krieg gefaselt (besonders wenn es um die Schlussphase des Krieges geht), indem bis zuletzt Menschen für ein Interesse verheizt worden seien, das mit dem des deutschen Volkes nichts zu tun gehabt hätte. Dass dieser Krieg sowohl auf Seiten Deutschlands einen Sinn gehabt hat, der auch von den Volksgenossen durchaus erkannt und mindestens bis 1943 auch mehrheitlich unterstützt wurde, als auch auf Seiten der Alliierten, deren Soldaten für die Freiheit der Menschheit kämpften und starben, entgeht diesen Interpreten des, als deutschen Faschismus verharmlost dargestellten, Nationalsozialismus.

Dass der für den Nationalsozialismus konstitutive Antisemitismus bestenfalls als eine besonders bösartige Spielart des Rassismus definiert wird, ist einer der Hauptgründe dafür, dass diese Linke den Zusammenhang von Antisemitismus, Vernichtung und Volksgemeinschaft nicht begreift und sich daher auch durch ein indifferentes Verhältnis zu Israel auszeichnet, wenn nicht sogar durch den, für die Friedensbewegung und Antiimperialismus typischen pathologischen Hass auf Israel.

Die Lehren, die aus der deutschen Geschichte zu ziehen seien, sind nach dieser Lesart Antikapitalismus, Antirassismus, Antiimperialismus, Antifaschismus und Frieden. Israel und die USA sind kapitalistische Staaten, in denen es auch Rassismus gibt und es sind beides Staaten, die ihre (vermeintlichen und tatsächlichen) Interessen auch mit militärischen Mitteln versuchen durchzusetzen und die darüber hinaus im Gegensatz zu anderen Staaten kein Geheimnis draus machen. Eine gewisse Logik ist also der Denkweise der o.g. Linken nicht abzusprechen, wenn auch die Bedeutung, die dem Sicherheitsstreben des kleinen Staat im Nahen Osten als verantwortliche für die Gefährdung des Weltfrieden zugedacht wird, auf eine Obsession zurückzuführen ist, die dem Antisemitismus eigen ist.

Diese auch bei den Linken zu findende pathologische Ideologie und das unverstandene Wesen des Antisemitismus dieser Kreise äußern sich in der hartnäckigen Ignoranz gegenüber der Besonderheit des israelischen Staates, das in dem besonderen Interesse definiert ist, den Juden eine sichere Heimstatt zu gewähren. Angesichts 2000 Jahren Judenverfolgung und Antisemitismus der Moderne, der im Holocaust seine Bestimmung fand, ist es infam, hier eine Notwendigkeit eines sicheren und militärisch aktionsfähigen jüdischen Staates zu leugnen.

Die USA verteidigen, wie jeder andere Staat auch, ihre Interessen mit militärischen Mitteln. Dass aber die Interessen der USA gelegentlich auch kompatibel mit denen des freien Individuums sein können, die Interessen eines iranischen Staates, eines nordkoreanischen Staates, von Saudi Arabien etc. aber nie, diese Erkenntnis bleibt der Antibewegung grundsätzlich verschlossen. Es ist nicht verlogen sondern allenfalls widerspruchsbehaftet, wenn amerikanische Politiker die Vokabeln Menschenrechte in den Mund nehmen und damit außenpolitisches Engagement begründen. Die Kompatibilität der individuellen Freiheit hat etwas mit der kapitalistischen Warenproduktion zu tun, sie ist es aber auch, die zu diesem Interesse notwendig in Widerspruch gerät. Deswegen ist es eine immerwährende Aufgabe in kapitalisitschen Gesellschaften für die Rechte des Individuums und für die Menschenrechte zu streiten, in den demokratisch verfassten Staaten ist dies auch eine verbriefte Möglichkeit. Im Nahen Osten ist Israel der einzige Staat, indem diese Rechte verbrieft sind, weltweit kann der Streit um diese Rechte gelegentlich – wie es am deutlichsten im 2. Weltkrieg nachzuvollziehen ist – im Bunde mit den USA, nie aber mit Bewegungen wie der Hamas, der Hisbollah, den Muslimbrüdern usw., oder im Bunde mit Staaten wie den Iran, Nordkorea et al. geschehen.

Wenn nun die Rednerin auf dem Ostermarsch ein Existenzrecht des palästinensischen Volkes anmahnt und damit suggeriert, dass dieses bedroht sei, so zeigt dies worin sie sich mit allen – und eben ausdrücklich auch mit den Initiatoren von Stolperstein in Kasseler e.V. – einig weiss: In der Verurteilung des jüdischen und einzig demokratischen Staates im Nahen Osten, in der Verweigerung der Unterstützung dieses Staats, sich selbst gegen die seit Jahrzehnten immer wieder verkündete Vernichtung zu verteidigen. Diese Bewegung weiss sich auch einig mit einer Mehrheit der Bevölkerung darin, wenn es um die Verurteilung der USA als Weltunruhestifter geht, an dem man insbesondere das Interesse kritisiert, das in der Ausrichtung der Politik zum tragen komme.

Die Bewegung für die Erinnerung und den deutschen Frieden weist dagegen das Verfolgen besonderer Interessen weit von sich. Die Moral einer besseren Politik wird wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Diese moralische Integrität konnte man nun erneut beweisen, indem man Steine für die Opfer der NS-Herrschaft legt. Mit der gleichen erhabenen Moralität weist man mit dem Finger auf den „Unruhestifter“ im Nahen Osten und verrät so die Lebenden, die in diesem Staate eine verbriefte Sicherheit vor Antisemitismus finden. Der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen, der die Kasseler Stolperstein-Initiative ebenfalls unterstützt, kann dann im Herbst 2013 auf die anderen „Opfer der NS-Herrschaft“, die bei einer effektiven antifaschistischen Aktion der RAF im Oktober 1943 in Kassel ums Leben kamen hinweisen und den „alliierten Bombenterror“ verurteilen. Die Spur der Steine hat dann zum Ziel geführt.

J.D.

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