Gedenktag für die Opfer der Vertreibung – Implikationen deutscher Gedenkkultur

Die „vaterlandslosen Gesellen“ sind auch nicht mehr das, was sie hätten gewesen sein sollen – aber wohl nie gewesen sind. Die alte SPD-Parole „Hessen vorn“, man muss es befürchten, hat einen gewissen Wahrheitsgehalt. Die Große Koalition machts (voraussichtlich) möglich, die Berufsvertriebene Erika Steinbach ist begeistert – es wird ihn bundesweit geben, den „Gedenktag für die Opfer der Vertreibung“. Zu diesem Ereignis ein reload:

Wie in Bayern wird es in Hessen zukünftig einen Gedenktag für die „Opfer der Vertreibung“ geben. Kurz vor dem Ende des Krieges flohen vor den anrückenden Rotarmisten mehrere Millionen Bewohner aus den damals deutschen Ostgebieten. Nach Beendigung des Krieges verließen weitere Millionen Deutsche verschiedene Gebiete, die zum Teil zu Deutschland gehörten, zum Teil in osteuropäischen Nationen lagen. Zum größeren Teil wurden sie vertrieben, später geordnet umgesiedelt, ein weiterer Teil verließ von sich aus diese Landstriche.

Ein großer Teil, dieser Bevölkerungsgruppe waren aktive Anhänger des NS-Regimes und betrieben, sofern sie im Ausland lebten, aktive Wühlarbeit für das Naziregime und erwiesen sich als zuverlässig(st)er Teil der deutschen Volksgemeinschaft. Nach Angliederung oder Besetzung der jeweiligen Gebiete an und durch das Reich waren die Mehrheit von ihnen Kollaborateure des Naziregimes bzw. -besatzung. Sie taten sich durch Beteiligung an der Vertreibung und Vernichtung der Juden im Besonderen, sowie durch ihre aktive Teilhabe am Herrschafts- und Terrorapparat der Nazis im Allgemeinen hervor. Als herausragende Beispiele in dieser Hinsicht wären die so genannten Sudetendeutschen, wesentlich unbekannter aber in gleicher Weise notorisch, die Donauschwaben in Jugoslawien zu nennen. Nur ein sehr kleiner Teil dieser Deutschen waren im Widerstand gegen das Naziregime aktiv.

In der Bundesrepublik gründeten sich Verbände, die sich Landsmannschaften nannten und die vorgaben für diesen nun in der Bundesrepublik lebenden Bevölkerungsteil zu sprechen. (Auch in der DDR wurden viele der Flüchtlinge und Vertriebenen in die Gesellschaft aufgenommen und eingegliedert. Einen vergleichbaren Verband gab es in der DDR freilich nicht.) In der Bundesrepublik wurden der Bund der Vertriebenen von ehemals führenden z. T. nach 1945 immer noch aktiven Nazis geführt. Diese lang vorher schon bekannte Tatsache wurde von einer, unter großem Tamtam veröffentlichen, offiziösen Untersuchung 2012 erneut bestätigt und sogleich als typische Erscheinung für das Nachkriegsdeutschland bagatellisiert. Der Verband exponierte sich durch eine anscheinende Verständigungssrhetorik, die sich bei genauerem Hinsehen aber als impertinente Anmaßung eines, den Opfern Deutschlands abverlangten, Einverständnisses für die eigene Exkulpation erwies. Kurz, eine Teilgruppe der deutschen Tätergemeinschaft forderte für die erlittene Strafe oder Rache eine Entschuldigung von den Opfern deutscher Politik – und bot im Gegenzug generös einen Rache- und Gewaltverzicht an.

Insgeheim waren der Verband, wie vor 1933 die Auslandsdeutschen und ihre Verbände, Garant, Triebkraft und Instrument eines deutschen Revanchismus, wenn auch nach 1945 – da unter alliierter Aufsicht stehend – mit anderen Mitteln betrieben, als vor 1933. Entgegen der landauf und landab propagierten Behauptung, Flucht und Vertreibung der Deutschen sei ein Tabuthema, erfreuen sich diese Verbände einer Jahrzehnte währenden, bis heute andauernden enormen finanziellen Zuwendung, parteienübergreifenden Ergebenheitsbekundungen und Protegierung, sowie einer Aufmerksamkeit in Kulturbetrieb, Schulbüchern und Medien, von denen Verbände der Opfer und Verfolgten des Naziregimes nur träumen konnten (und können). In einer einzigen Hinsicht wäre diesen Gruppierungen rechtzugeben, nämlich hinsichtlich der Tatsache, dass sie im Gegensatz zum Rest der deutschen Volksgemeinschaft ein Mehr an Strafe und Rache erlitten. Diese „Ungerechtigkeit“ in der Strafzuteilung wurde jedoch durch die großzügige Praxis des Lastenausgleichs in der Bundesrepublik und erfolgreicher Integrationsarbeit in beiden deutschen Staaten wettgemacht.

Die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte, eines Gedenktages und überhaupt das Absehen davon, den angemaßten Status des Vertriebenen als zu vererbender, als durchsichtiges Manöver zur Erlangung von politischen Einfluss und monetären Zuwendungen, zurückzuweisen, steht paradigmatisch für den politischen Stellenwert des offiziellen Gedenkens in Deutschland, den dazugehörigen Gedenkstätten, offiziösen und offiziellen Organisationen und Verbänden.

Literaturhinweise:
Walter von Goldendach, Hans-Rüdiger Minow: „Deutschtum Erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus, Berlin 1994.
Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern, Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn 2010.
Samuel Salzborn: Heimatrecht und Volkstumskampf. Außenpolitische Konzepte de Vertriebenenverbände und ihre praktische Umsetzung. Hannover 2001.
Samuel Salzborn: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände. Berlin 1999.
Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft. Hamburg 2005.

J.D.

PS

Die Bedeutungszuschreibung des Status „Vertriebener“ und die Erfindung desselbigen als über Generationen zu vererbenden Status ist keine deutsche Exklusivität. Mit ähnlicher Inbrunst und politischer Instrumentalisierung ist dies bei den so genannten vertriebenen Palästinensern zu beobachten. Die Hingabe der Deutschen in der dichotomischen und geschichtsverkehrenden Zuschreibung von Opfer- und Täterstatus im Nahen Osten ist vor dem Hintergrund des oben Geschilderten wohl kein Zufall.

Ein Gedanke zu “Gedenktag für die Opfer der Vertreibung – Implikationen deutscher Gedenkkultur

  1. Im großen und ganzen hat der Verfasser Recht. Was die immer noch mit viel Ungeschick vorgebrachten Ansprüche der Vertriebenenverbände angeht, so sind diese einfach hinfällig angesichts der Möglichkeit, im Zuge der europäischen Vereinigung in diese Gebiete umzusiedeln.
    In einigen anderen Punkten arbeitet der Autor weniger exakt, ja er schlampt geradezu.
    Da wäre etwa der leichtfertig leicht fertig unterstellte mangelnde Widerstand des Großteils der später Vertriebenen gegenüber der NS Ideologie. Wie war das mit Babies, Kleinkindern und Kindern?
    Und das leuchtende Vorbild der Juden, die immerhin als Kollektiv 1879 Jahre mit Inbrunst ihre Hoffnung und ihren Anspruch auf Rückkehr in die alte Heimat lebendig erhielten, bis dies durch die größte Katastrophe und danach Wirklichkeit wurde (Nahum Goldmann). Es ist abzusehen, dass die Vertriebenenverbände sich dies Argument über kurz oder lang zueigen machen.
    Es wäre gut, derartige Probleme realistischer und etwas menschenfreundlicher anzugehen, denn nur so bietet sich der Hauch einer Chance auf friedliche Lösung.
    Wir werden noch in diesem Jahrhundert schreckliche Dinge erleben, die auch die vergangenen in den Schatten stellen.
    Leider!

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