Ein typischer Kasseläner, die Nazis und die Gemeinschaft der Täter

Eine Entdeckung

In Kassel ist herausgefunden worden, dass einige zentrale Figuren aus der lokalen Polit-Prominenz mehr oder weniger aktive Nazis waren. In Nordhessen herrschen seit Jahrzehnten ähnliche Verhältnisse wie in Bayern, nur anders herum. Die führenden politischen Verantwortlichen in Nordhessen sind meistens Politiker der SPD. Da der gemeine Antifaschist der Annahme zuneigt, die Idee der Sozialdemokratie sei mit der Naziideologie nicht kompatibel, vermutet er ehemalige Nazis in den Reihen der FDP, in denen der CDU, in der Wirtschaft etc., nicht aber unter den Genossen. Aus diesen Gründen ist wahrscheinlich bisher noch keiner auf die Idee gekommen, mal unter die Decke der nordhessischen Sozialdemokratie zu schauen.

Doch es wäre verwunderlich, dass nach dem Krieg in Nordhessen, anders als im Rest der Republik, anstatt Nazis Widerstandskämpfer oder Unbelastete die politischen Ämter der lokalen kommunalen Institutionen bekleidet hätten – zumal Kassel und Nordhessen, ausgenommen einiger Dörfer rund um Kassel, ein leichtes Pflaster für die NSDAP gewesen waren. Historiker um den rührigen Kreis des Wissenschaftlers Dietfrid Krause-Vilmar haben nun entdeckt, dass Kassels Bürgermeister (1963 – 1975) und „typische Kasseläner“ (Regiowiki) Karl Branner nicht „nur“ NSDAP-Mitglied war, sondern sich in seiner Dissertation als besonders gelehriger Antisemit erwies. Auch die Kasseler Bürgermeister Willi Seidel (1945 – 1954)  und Lauritz Lauritzen (1954 – 1963) waren NSDAP-Mitglieder (wobei ersterer kein SPD-Politiker war).

Eine Lebenslüge

Es ist eine linke Lebenslüge, dass die Idee der Sozialdemokratie inkompatibel mit der Ideologie der NSDAP sei. Unabhängig davon, dass viele Sozialdemokraten überzeugte Nazigegner waren, viele von ihnen dies auch nach 1933 blieben und einige dafür mit ihrer Freiheit, Gesundheit oder auch mit ihrem Leben büssen mussten, in zentralen Punkten, im Arbeitsethos, im Staatsfetischismus, im deutschen Nationalismus und im völkischen Antikapitalismus, ist die sozialdemokratische Idee anschlussfähig an die Ideologie des NS. Es war daher nicht nur ein schlechter Witz der Geschichte, dass bedeutende Teile der Sozialdemokratischen Partei dem NS nach 1933 sich nicht als unversöhnliche Gegner entgegen stellten, sondern versuchten, sich den neuen Herren anzubiedern. Lediglich die 1933 emigrierte Sozialdemokratie nahm, neben den als einzelne Individuen agierenden Sozialdemokraten im Widerstand, von Anfang an eine unversöhnliche Haltung gegen die herrschende Nazidiktatur ein.

Der deutsche Taschenspielertrick

Die HNA kommentiert am 03.10.13 „Karl Branner war kein Täter“. Hier nun offenbart sich die typisch deutsche Geschichtsinterpretation und Aufarbeitung. Täter sind nach dieser Lesart nur diejenigen gewesen, die, so der Kommentator der Lokalzeitung, denunzierten, ins KZ schickten oder „sonst wie malträtierten“. Am Anfang begrenzte man dies auf einen kleinen Täterkreis, den man aber trotzdem zu Unrecht einer Siegerjustiz ausgesetzt sah, nach und nach gestand man zu, dass Täter auch viele der Volksgenossen waren, ohne aber daraus eine verallgemeinernde Schlussfolgerung für das individuelle Handeln und Verantwortung zu ziehen. Nach wie vor blieb es bei der, das Volk exkulpierende Auffassung, dass (ein paar) Nazis über Deutschland kamen, mehr oder weniger umfangreiche Teile des deutschen Volkes verführten, andere unterwarfen, einige von ihnen „ins KZ schickten“ und „malträtierten“. Eine Interpretation, die die Täterschaft und Verantwortung auf die aktiven Parteigänger der NSDAP und deren handgreifliche Tat reduziert. Hierin offenbart sich die bis heute fortwesende und massenkulturell reproduzierte Haltung der Nachkriegsgesellschaft, sich als erstes und letztes Opfer eines über Deutschland schicksalhaft hereingebrochenen Fehltritts der Geschichte zu wähnen.

Erfolgreich konnte diese Interpretation dazu beitragen, zum einen ‚die‘ – nämlich sich selbst – nicht entdecken zu können oder zu wollen, ‚die‘ Voraussetzung einer nahezu konsensualen Grundlage der Naziherrschaft waren und zum anderen, sich der Verantwortung für die Tat zu entziehen, bzw. sich darüber hinaus als Opfer abstrakter Gewalt oder des Krieges zu definieren. Es war das deutsche Volk, das in der Anbetung der Arbeit, im Glauben an den deutschen Staat und an das deutsche Volk und im Hass auf die Realabstraktionen der bürgerlichen Gesellschaft (das Geld, das Kapital, die mittelbare Herrschaftsform durch demokratische Institutionen) die ideologischen Voraussetzungen für den NS bilden konnte und somit im Einklang mit den Herrschenden zur Tat schritt. Karl Branner, Willi Seidel et al. sind die Repräsentanten jener Übereinstimmung, typische Kasseläner – bürgernahe Originale, Täter eben.

J.D.

3 Gedanken zu “Ein typischer Kasseläner, die Nazis und die Gemeinschaft der Täter

  1. kassel und die hna sind immer für eine überraschung gut.
    es wäre allerdings vermessen anzunehmen, die deutsche sozialdemokratie oder gar die kasseler sei eine alternative zum kapitalismus insbesondere deutscher ausprägung oder gar eine linke alternative. die wahrnehmung kassels als „rotes sozenhausen“ sollte da bleiben, wo sie gerne beschworen wird: im kommentarteil der hna im internet.
    gerade die nordhessische spd steht so weit rechts wie kaum anderswo.
    und: was ist überhaupt „links“? mlpd? friedensforum? dkp? spd? sind die, die schon im namen und in der tradition sich deutsch nennen, nicht per se „deutsch“ und damit nicht mal anseitsweise „links“ in der tradition bspw. der französischen revolution? jener revolution, die immerhin erste bürger_innenrechte für jüdische bürger_innen einführte? ist somit nicht auch die zustimmung der spd zu den kriegskrediten des 1. weltkrieges nicht wenigstens nachträglich als antisemitisch, weil gegen den viel beschworenen „erzfeind“ frankreich gerichtet, zu verstehen?
    von einer definition „links“ ganz zu schweigen…
    und eine kritik offensichtlicher art kann ich mir nicht verkneifen: der gemeine antifaschist – latent sexistisch, aber das ist nicht die kritik – würde nicht mal ansatzweise die spd als gefeit vor deutscher und ns-ideologie verstehen. nicht zumindest der teil des antifaschistischen spektrums, der die letzten 24 jahre polittheoretisch nicht verschlafen hat und/oder wenigstens ab und an mal sich praktischerweise auf demonstrationen herumgetrieben hat.

    • Ob die HNA nun von einem Sozenhausen fabuliert oder nicht – die SPD hat in Nordhessen eine hegemoniale Stellung inne. In Kassel selbst spielt der sogenannte linke Flügel durchaus eine Rolle. Jahrelang saß mit Horst Peter ein exponierter Vertreter dieses Flügels im Bundestag. Diese Gang ist auch Bestandteil der örtlichen, sich in der Nachfolge einer ersehnten antinazistischen Volksfront sehenden, Bündnisse, sei es die Friedensbewegung, die VVN, der Stolperstein e.V. oder Antifa-Demos. Ob linker oder rechter SPD-Flügel, die Agitation gegen Turbokapitalismus, gegen ungebändigten Finanzkapitalismus, gegen Spekulanten etc. ist Bestandteil der SPD-Ideologie – wenn es auch nicht ihr Alleinstellungsmerkmal ist.

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