14. Oktober 1943 – Aufstand in Sobibor

No one can do our work for us

Tell me,“ a trembling voice came from a corner, „if there are so many partisans, why don’t they attack our camp?“ “The partisans have their tasks. No one can do our work for us.” (Alexander (Sasha) Pechersky, zit.n. Yuri Suhl).

Zusammen mit Leon Feldhendler organisierte Sasha Pechersky den Aufstand in Sobibor, der als einer der wichtigsten des jüdischen Widerstands gegen Nazideutschland gelten kann. As for the revolt, said Pechersky, „It was not crushed. It was successful. Practically all of the prisoners had escaped. It was this that compelled the fascists to liquidate the camp.“ (Pechersky, zit.n. Yuri Suhl)

Der Aufstand – Wiederaneignung von Kraft und Gewalt

Sowohl die Verlassenheit der jüdischen Bevölkerung angesichts des deutschen Vernichtungsfurors, als auch die Erkenntnis von der Voraussetzungen für die einzig verbliebene Wahl, das Überleben und/oder die Würde durch den Versuch des (bewaffneten) Aufstandes zu verteidigen sind das, was die Aufstände in Warschau, Treblinka und Sobibor und anderer eher unbekannterer Orte bemerkenswert machen. Claude Lanzmann führt dies in seinem Film Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr wie folgt aus: Der Aufstand ist ein paradigmatisches Beispiel für das, was ich andernorts “die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden” genannt habe. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern eben auch ein Massaker an wehrlosen Menschen … abgesehen von den großen Aufständen, wie den im Warschauer Ghetto, gab es in den Lagern und Ghettos zahlreiche – individuelle wie kollektive- Akte der Tapferkeit und Freiheit: Beschimpfungen, Verwünschungen, Selbstmorde, verzweifelte Angriffe. Es stimmt jedoch, dass eine tausendjährige Tradition des Exils und der Verfolgung die große Mehrheit der Juden nicht auf die tatsächliche Ausübung von Gewalt vorbereitet hatte, die auf zwei untrennbare Voraussetzungen beruht: psychologische Veranlagung und technisches Wissen, d.h. Vertrautheit im Umgang mit Waffen. Es war ein jüdischer sowjetischer Offizier – Alexander Petscherski, ein Berufssoldat, und also geübt im Umgang mit Waffen -, der den Aufstand in nicht einmal sechs Wochen beschloss, plante und organisierte.“

Um die Schreie der gemarterten und dem Tode nahen Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Deutsche Kreativität: Um die Schreie der gemarterten und der verängstigten, dem Tode geweihten Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Die Vernichtung und die Passivität

Die Bewegung, die sich die Befreiung der Menschheit auf die Fahne geschrieben hatte, blieb angesichts der beispiellosen Barbarei weitgehend passiv. Der Vorwurf, passiv geblieben zu sein, richtete sich – z. T. schon während der gemeinsamen Inhaftierung in den KZs – jedoch an die Juden. Sie hätten sich passiv wie Schafe auf die Schlachtbank in die Gaskammern führen lassen. Seitens der Linke blieb eine Reflektion auf das eigene, sowohl theoretische, den Nationalsozialismus zu verstehen, als auch auf das praktische Versagen, die deutsche Barbarei zu verhindern, weitgehend aus. Mehr als ein „Nie wieder Krieg!“, das gerne gegen Israel oder gegen die USA vorgebracht wird, ein hilfloses weil weitgehend begriffsloses „Wehret den Anfängen!“ und der modifizierte Aufguss der Dimitroff-Thesen ist seitens der Arbeiterbewegung (ihrer politischen Organisationen und ihrer Erben, die sogenannte Linke) nicht zustande gebracht worden.

Erinnerung

Der Aufstand in Sobibor hat keinen großen Stellenwert in der deutschen Gedenkkultur, denn er lässt sich nicht für die Zwecke deutscher Erinnerungsarbeit instrumentalisieren. Man erinnert an den 9. November, an den 27. Januar, an den 20. Juli und an den 1. September, neuerdings auch an den 8. Mai. Alles Daten, die mit der Herrschaft der Nazis im Zusammenhang stehen und durchaus an die Opfer dieser Gewaltherrschaft verweisen oft aber auch auf das allgemeine Phänomen Krieg und Gewalt, dem ein „Nie Wieder!“ entgegengebracht werden soll, nicht aber – mit Ausnahme des 20. Juli – auf die Möglichkeit und Notwendigkeit des Widerstands. Die nach wie vor zu beobachtende Fokussierung auf Krieg und Gewalt erlaubt ein Abstrahieren vom politischen Gehalt des NS, dem Blick auf die Opfer geht der penetrante Versuch einher, die Eingemeindung großer Teile der deutschen Bevölkerung in die Gemeinschaft der Opfer zu betreiben.

Das mittlerweile durchaus gängige Bekenntnis zur Schuld wird hintertrieben oder ins Abstrakte aufgelöst, indem mit dem Blick auf den und mit der der Betonung des Widerstands in Deutschland gegen die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland die Erkenntnis verwässert wird, dass dieser eine Ausnahme war, eine Randerscheinung, eine isolierte Maßnahme ohne Anklang in der Bevölkerung, dass die Volksgemeinschaft, nach anfänglichem und vergeblichen Versuch vor allem der Kommunisten, einen breit organisierten Widerstand zu organisieren, fast alle Schichten der deutschen Bevölkerung durchdrang und Hitler ein zunehmend populärer Politiker wurde. Kurz, dass es das andere Deutschland nicht gab. Das Gleiche lässt sich von der Bereitschaft sagen, Juden vor der Verfolgung zu verstecken. Ein absolutes Randphänomen. (Vgl.: Uni Bielefeld, Trügerische Erinnerungen – Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert)

„Verantwortung“ und Politik

Das staatsoffizielle mantrahafte Beschwören einer Verantwortung vor der Geschichte in Deutschland hat sowohl paternalistische wie auch vor allem selbstbezügliche Züge. Man schwingt sich als Lehrmeister im Gedenken und Aufarbeiten auf, fertigt Erinnerungsstätten und belästigt zu staatsoffiziellen Anlässen Veteranen und Überlebende des deutschen Terrors mit Umarmungen und dem Verlangen nach Versöhnung. Vor allem in der staatlich subventionierten kulturindustriellen Film- und Literaturproduktion geht es darum, die eigene Nation von Schuld und Verantwortung zu befreien und darüber hinaus Volk und Nation in eine Gemeinschaft der Opfer einzugemeinden. Doch dieses Unterfangen ist billig – denn praktische Folgen hat dies heute nicht. (Siehe hierzu auch die Stellungnahme der Initiative Zug der Erinnerung)

Zu einer Zeit, wo diese möglich und zeitgemäß gewesen wären, blieb eine strafrechtliche Verfolgung und/oder Auslieferung deutscher Straftäter an die Länder, in denen sie ihre barbarischen Verbrechen begangen hatten, weitgehend aus, eine finanzielle Entschädigung für die Überlebenden und Hinterbliebenen deutscher Verfolgung blieb entweder aus oder kam über symbolische Summen nie hinaus, angemessene Reparationsleistungen für die von den Deutschen völlig verwüsteten und ausgeraubten Volkswirtschaften überfallener Nationen standen nie zur Diskussion. Es waren die Zeiten, in denen die Erinnerung an den NS häufig noch mit dem Vorwurf der Nestbeschmutzung und/oder mit dem Verlangen nach einem Schlussstrich konfrontiert wurde.

Und Lehren für die aktuelle Politik? Auch heute kann von einer strikten Außenhandelskontrolle, die effektiv verhindern würde, dass an alle möglichen Potentaten Bauteile zur Verfertigung von Chemie- und Atomwaffen sowie Rüstungsgüter geliefert werden, nicht die Rede sein. Deutscher Geschäftssinn trägt mit dazu bei, dass der Antisemitismus bewaffnet bleibt. Eine Vorreiterrolle darin, auf EU-Ebene dafür zu sorgen, dass Organisationen wie die Hisbollah und die Hamas als das bezeichnet werden, was sie sind, nämlich faschistoide Terrororganisationen – weit gefehlt.

Statt dessen sieht sich auch Deutschland besonders gern in der Verantwortung, wenn es darum geht, den Staat Israel dann zu ermahnen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, wenn dieser Schritte unternimmt, seine Bürger gegen Terror und Vernichtungsdrohungen zu schützen, wenn er genau das tut, was Lanzmann beschrieben hat: Durch die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt zu verhindern, wehrloses Opfer zu sein.

Alexander Peshersky
Thomas Blatt, Sobibor – The forgotten Revolt
2. August 1943 – Aufstand in Treblinka
Vor siebzig Jahren: Aufstand des Warschauer Ghett

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