Ostermarsch und Montagsdemo – Brüder im Geiste?

Seit einigen Wochen tummeln sich in einigen großen Städten Deutschlands „einfache Bürger“, so einer der Initiatoren der „Friedensbewegung 2014″, um montags für den Frieden zu demonstrieren. Ihr Motiv jetzt auf die Straße zu gehen, ist wohl der Konflikt in der Ukraine und mit Russland. Die in einigen Medien zu beobachtende Stimmungsmache gegen Russland, der eine oder andere Hitlervergleich u.ä.m. erinnern vermeintlich an die Situation im Sommer 1914, als es der deutschen Regierung gelang, die Sozialdemokratie auf den Krieg einzuschwören, indem das Schreckensbild vom despotischen Zarismus bemüht wurde. Wahrheitswidrig wird allerdings von Vielen behauptet, dass dies das allgemeine Stimmungsbild in der Gesellschaft und Politik, sowie der Grundtenor in den Medien sei.

Die Montagsdemonstranten sehen die Ursachen des Konflikts in der Ukraine nicht im ökonomischen Desaster in diesem Land, in der Ausweglosigkeit der ukrainischen Bürger, in der Rolle der nationalsozialistischen und faschistischen Banden in der Ukraine, im Nationalismus, Autoritarismus und in den chauvinistischen Begehrlichkeiten der russischen Regierung, sondern die Ursache allen Übels sieht einer der Initiatoren im Wirken der FED. Schnell gesellten sich ob dieser obskurantistischen Krisenerklärung diejenigen zu den „einfachen Bürgern“, für die die Welt sowieso ein Panoptikum von Verschwörungsszenarien darstellt. Reichsbürger, Chem-Trail-Paranoiker, Infokrieger, Esotherik-Nazis etc.

Auch in Kassel kreuzt jeden Montag einer dieser Reichsbürger auf und schreit seine obskuren Behauptungen den Passanten ins Gesicht. Bestenfalls eine handvoll Personen vermag dieser Schreihals in Kassel jedoch nur um sich zu scharen. Auch bundesweit hält sich der Zuspruch der Montagsdemo für den Frieden in überschaubarer Größenordnung. Der Shitstorm, der sich über die ergießt, die sich kritisch mit dieser Erscheinung befassen, täuscht aber über die tatsächliche gesellschaftliche Bedeutung hinweg.

Die Friedensbewegung genießt – auch wenn sie immer wieder jahrelang nur Wenige zu ihren Märschen mobilisieren kann – eine bedeutendere gesellschaftliche Reputation. Ihren Anhängern haftet nicht das Stigma des Verrücktseins an und ihre Redner sind in der Lage, strukturierte Reden zu halten. Wenn sie wie jedes Jahr an Ostern marschiert, findet sie die Unterstützung aus wichtigen Teilen des gesellschaftlichen Mainstreams. Zu den Unterstützern gehören die Partei „Die Linke“, je nach Stadt und Region die Kirchen, lokale Organisationseinheiten der SPD, der Gewerkschaften und mehr oder weniger bedeutenden Einzelpersonen aus allen Parteien, gesellschaftlichen Verbänden und dem Kulturbetrieb – das lässt sich von den Montagsdemonstranten nicht behaupten. Die Ostermarschierer distanzieren sich jedoch von dem Treiben ihrer Konkurrenten. Warum eigentlich? Ist es nötig, sich von jemand zu distanzieren, der wie Ken Jebsen an Logorrhoe leidet, von einem Querfrontaktivisten wie Jürgen Elsässer, von einem der in der FED die Wurzel allen Übels sieht, von Chemtrailparanoikern und verrückten Esoterik-Nazis, nur weil sie das Wort Frieden in den Mund nehmen?

Offensichtlich schon. Es ist die strukturelle Ähnlichkeit der Argumentation und Denkweise dieser beiden Gruppen, die sie einander näher stehen lässt, als es ihnen lieb ist. Die Ähnlichkeit erschließt sich, wenn man darüber nachdenkt, wie es möglich sein kann, dass ein Jürgen Elsässer heute das vertritt, was er vertritt, man bei einem Ken Jebsen näher hinhört (auch wenn’s weh tut). Ersetzt man FED mit „die Banken“ oder „das (Finanz-)Kapital“, dann sind die Differenzen zwischen den Ostermarschierern und den Montagshansel so groß nicht. Freilich die Ostermarschierer können Dank ihres Thinktanks mit z.T. seriöseren gelegentlich auch zutreffenden Erklärungen zu den Konflikten in der Welt aufwarten. Das Argumentationsschema ist bei aller wissenschaftlichen Reputation und Differenziertheit aber von ähnlich dichotomer Struktur. Es sind die NATO, die USA, Israel und gelegentlich auch die EU, die aggressiv sind, die Russland bedrohen, die Länder überfallen und bedrohen, die Konflikte schüren, die andere Nationen ausbeuten und die Interessen haben, die sie durchzusetzen versuchen. Der Kapitalismus ist in diesem Erklärungsmodell nicht eine Gesellschaftsformation, die durch die ihr innewohnenden Totalität alle gesellschaftlichen Subjekte zu Objekten der Kapitallogik macht, sondern der Kapitalismus wird als Herrschaftsformation verstanden, in der Wenige aus eigennützigen Gründen über Viele herrschen, die das Gute verkörpern. Ein Welterklärungsmodell dessen Dichotomie sich dadurch erweist, dass wahlweise die Begriffe Finanzkapital, Geld, Profit, Weltmarkt oder Globalisierung zur Matrix alles Bösen auserkoren werden und dem daher auch immer, weil die Begriffe austauschbar und letztendlich ersetzbar sind, eine Affinität zum Antisemitismus innewohnt, auch wenn, der Aufruf zum Ostermarsch brav den Antisemitismus verurteilt. Bis zum Zeitpunkt des Auftauchens der Montagsdemonstranten sind deren Protagonisten einfach bei den Ostermarschierern mitgelaufen. Deutschtümelei, Esoterik, Israel- und USA-Hass, der Hass auf den Westen und seine Werte, Antisemitismus und Islamophilie diese wesentlichen Inhalte der Ideologie der deutschen Friedensbewegung waren und sind auch für die kompatibel, die sich jetzt um Ken Jebsen und dessen Mitstreiter scharen.

Mit Anne Rieger haben die Kasseler Ostermarschierer mal wieder eine klassische Vertreterin der o.g. simplifizierenden linken Welterklärungslogik gefunden. Die Hauptrednerin des diesjährigen Friedensmarsches in Kassel argumentiert sicher filigraner, systematischer und hinsichtlich der Beschreibung der gesellschaftlichen Verwerfungen auch fundierter als Ken Jebsen und Konsorten, doch im Schematismus der Deutung der Ursachen gesellschaftlicher Widersprüche und Konflikte, da liegen sie nicht sehr weit auseinander. Und als hätte es eines Beweises bedurft: Dem zuletzt auch schon in Kassel unangenehm aufgefallenen Antisemitismusleugner und Linksausleger der Partei „Die Linke“, Dieter Dehm, gelang mit seinen kruden Thesen über geheimdienstgesteuerte Medien, der inhaltliche Brückenschlag zu den Montagsdemonstranten.

Vielleicht bekommt der Montagsschreihals aus Kassel bald mehr Zulauf, die Identitären haben mit verschiedenen Schmierereien in Kassel gezeigt, dass es einige von ihnen hier gibt. Blättert man im in Kassel in großer Auflage verteilten Szeneblättchen Ginko, so wird deutlich, dass es in Kassel eine gut aufgestellte Esoterikszene gibt – Ihr Mobilisierungstag ist bisher nicht die Montagsdemo, sondern der alljährliche „Tag der Erde“ in dem die Querfront von Wohlmeinenden, Esoterikern, Friedens- und Naturfreunden und Gerechtigkeitsapostel schon lange existiert. Ach ja, in Kassel gibt es auch noch eine andere Montagsdemo, die ist aber in Kassel durch ihre Initiatorin, die MLPD, beim Ostermarsch mittenmang dabei.

J.D.

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