Über Verantwortung und Mord

Der zur Zeit vielfach geäußerte Spruch, die terroristischen Mordaktionen in Frankreich hätten dem Islam Schaden zugefügt, zeugt von ähnlicher Empathielosigkeit für die tatsächlichen Opfer wie die Statements deutscher Politiker nach Anschlägen auf Flüchtlingswohnheime, nach den Mordattentaten der Nazis (die sie im Bunde mit einer geheimen Organisation begingen), oder den antisemitischen Zusammenrottungen im Sommer letzten Jahres – so etwas würde dem Ansehen Deutschlands im Ausland schaden.

Diese Argumentationsmuster sind eine Projektion der Verantwortung für die Tat auf die Opfer, die doch in irgendeiner Weise mit der Tat in einem Zusammenhang zu stehen haben, mit der man eigentlich nichts zu tun habe und zur berühmten ja-aber-Phrase führt. Sie sind Ausdruck der politischen Kultur des Postnazismus.

Sie finden sich deswegen als grundlegendes Argumentationsmuster in der deutschen Debatte und kulturellen Beschäftigung über die Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus wieder. Sie finden sich in der reflexartigen Abwehr einer als Kollektivschuldthese verballhornten Zuweisung der Verantwortung an die deutsche Nation für das, für was sie sich mehrheitlich entschieden hatte und nur in kleinen und isolierten Teilen distanzierte, oder im Versuch, den NS als Tat einer metaphysischen Macht zu deuten, die im Namen Deutschlands Unheil über die Welt gebracht habe, und vor allem die deutsche Kulturnation beschmutzt habe.

Man findet dieses Muster aber auch dort, wo viele es nicht vermuten. Seit meiner frühen Jugend habe ich mich immer politisch links verortet und seit dieser Zeit habe ich mich immer wieder damit beschäftigt, wie es zu den mörderischen Abgründen stalinistischer Politik gekommen ist. Die, die mit dem Brustton der Überzeugung sagten, das habe alles nichts mit Marxismus, Kommunismus, Sozialismus usw. zu tun, bzw. ihre richtige Interpretationen der Ideen von Revolution, Gerechtigkeit, Solidarität usw. oder von Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir I. Lenin, Michael Bakunin usw. würden sich substantiell vom Stalinismus unterscheiden, haben mich nie überzeugt und waren mir genauso wie jene, die einfach die Seiten gewechselt hatten unsympathisch. Unsympathischer als die, die in der Tradition dieser Politik gestanden haben, die unmittelbar mit dem Stalinismus in Berührung gekommen sind und z.T. ihm auch zum Opfer fielen.

Die Verleugner des Zusammenhangs von Elementen linksradikaler Politik, die in die Abgründe von Kolyma und die Barbarei der Lubjanka führten, bauten sich einfache Brücken, die sie dahin führten, dem Komplex von Verantwortung und Entscheidung für eine politische Idee und/oder Tat aus dem Wege zu gehen, womit sich große Geister wie Manes Sperber, Jorge Semprún oder eher unbekannte wie Richard Krebs Zeit ihres Lebens beschäftigten.

Auch wenn es keine einfache und schon gar nicht eine notwendige Linie von Karl Marx zu Josef Stalin gibt, so gibt es aber einen Zusammenhang und eine Verantwortung, denen man sich stellen muß. Diese führen zu einer theoretischen Auseinandersetzung, die, wenn auch nicht vordergründig, ein wichtiges Motiv der Kritischen Theorie, aber auch von Autoren wie z.B. Maurice Merlau Ponty oder Albert Camus war (wenn sie auch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kamen).

Das Gleiche verlange ich heute von denen, die in einer modernen Welt der Auffassung sind, sich zur islamischen Religion bekennen zu müssen und für die der Ruf „Allahu Akbar“, resp. „Takbir“ Bestandteil des täglichen Gebetes ist, aber gleichzeitig beanspruchen als gleichberechtigte Bürger, Teil einer demokratischen Nation sein zu wollen*. Es sind nicht viele, die das tun. Die, die wie z.B. Ayaan Hirsi Ali, aktuell Ahmad Mansour, aber auch Hamed Abdel-Samad, Boualem Sansal u.a. es tun, genießen in vielen Kreisen keinen guten Ruf, weil ihnen unterstellt wird, sie verallgemeinerten unzulässig, würden den Rechten und den Rassisten Munition liefern, sie wären Verräter an der Guten Sache usw. – altbekannte Vorwürfe an Abtrünnige.

Eine Auseinandersetzung darüber, worin der Zusammenhang von Djihad, Salafismus, Islamismus, Islam und dem Glaubensbekenntnis besteht ist überfällig, sie ist etwas anderes, als aus durchsichtigen Gründen in die Welt zu posaunen, der Islam gefährde das Abendland, sie ist aber auch mehr als der aktuell zu vernehmende Ruf „Nicht in meinem Namen!„, der ist zu billig und drückt sich vor der Verantwortung.

* man könnte hier hinzufügen, … Teil einer linken/emanzipatorischen Bewegung zu sein – aber diese Bewegungen haben sich durch ihre Paktiererei mit der Barbarei in den moralischen Abgrund befördert, so dass mittlerweile zusammengehört, was zusammengewachsen ist.

2 Gedanken zu “Über Verantwortung und Mord

  1. „Diese führen zu einer theoretischen Auseinandersetzung, die, wenn auch nicht vordergründig, ein wichtiges Motiv der Kritischen Theorie, aber auch von Autoren wie z.B. Maurice Merlau Ponty oder Albert Camus war (wenn sie auch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kamen).“

    Wo kann man das nachlesen? In welchen Werken oder Texten dieser beiden meine ich.

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