Buchenwald und die Gemütlichkeit

Über die Rezeption von Befreiung und Widerstand in der postnazistischen Gesellschaft

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Jorge Semprun beschreibt in seinem Roman „Die große Reise“ folgende Begebenheit. Nach der Befreiung Buchenwalds laufen er, mittlerweile in Uniformen der US-Armee eingekleidet und weitere Kameraden durch die bei Buchenwald gelegenen Dörfer. Sie kommen an einem „ziemlich stattlichen“ Haus vorbei. Semprun fällt sofort auf, dass von diesem Haus aus, das Lager im Blickfeld der Aussicht gelegen haben muss. Er beschließt, dieses Haus zu betreten und die Leute kennen zu lernen, die dort die Jahre lebten und diese Aussicht hatten. Seine beiden Kameraden lehnen das Ansinnen ab, aber Semprun selber klopft an. Nachdem schließlich keiner aufmacht wird er massiver, „aufmachen“ schreit er, „los aufmachen!“ Semprun erschrickt über seinen Ton, der ihn an den der SS-Leute im Lager erinnert. Es öffnet ihm eine ältere grauhaarige Frau. Semprun betritt das Haus. Die Frau des Hauses folgt ihm auf Schritt und Tritt. Semprun sucht sofort das Stockwerk auf, von dem aus das Lager zu sehen sein muss. Schließlich betritt er ein Zimmer, dessen Fenster in Richtung des Lagers weisen. „Genau im Rahmen eines der Fenster zeichnet sich der viereckige Krematoriumsschornstein ab.“ Die Frau bemerkt, nachdem Semprun das Zimmer betreten hat, „ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?“ und antwortet auf seine Frage, wie denn dieses Zimmer genutzt worden sei, „in diesem Zimmer sitzen wir gewöhnlich.“ Nachdem er dann fragt, ob sie denn nicht das rauchende Krematorium bemerkt hätten, schlägt die Stimmung um, die Frau bekommt es mit der Angst zu tun, dann sagt sie, „meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.“ Semprun kann nicht viel mehr entgegnen, als „hoffentlich sind sie gefallen.“ Und verlässt konsterniert das „gemütliche Zimmer“.

Gedenkstätte Buchenwald, Mahnmal, Winter

Diese Szene steht symptomatisch für die bis heute währende Situation des, unterschiedliche Phasen durchlaufenden, Postnazismus. Die deutsche Bevölkerung richtete es sich im Nationalsozialismus gemütlich ein. Obwohl später durchweg bestritten, waren Millionen Deutsche nicht nur Zeugen der Massenvernichtung, des alltäglichen Terrors und der Verfolgung, sie waren Beteiligte und Profiteure. Und als sie dann im Laufe des Frühjahrs 1945 damit konfrontiert wurden, dass sie in dieser Rolle von den übrig gebliebenen Opfern und Vertretern der Siegermächte ertappt wurden, kehrten sie das eigene Leid hervor und erklärten sich zu Opfern derjenigen, denen sie kurz zuvor noch mit großer Begeisterung folgten oder die sie selber darstellten. In dem sie sich zudem als Opfer des Bombardements ihrer Städte, als heimatlos gewordene Flüchtlinge und Umgesiedelte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, als trauernde Angehörige gefallener Soldaten und schließlich als Hungerleider im folgenden Winter definierten, konnten sie sich darüber hinaus als Opfer eines Krieges definieren, der über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen sei, wie die Pest anno dazumal.

Buchenwald wurde vor 70 Jahren befreit. Anders als es das Narrativ in der DDR behauptete, waren es die herannahenden US-Truppen, die die SS-Einheiten dazu veranlassten, das Lager zu verlassen, was es dem in Buchenwald agierenden Widerstandskomitee ermöglichte, die Kontrolle des Lagers nach der Flucht der SS zu übernehmen und das Lager den kurz danach eintreffenden US-Truppen zu übergeben.

Aufstände gab es in einigen Lagern. In Treblinka, Sobibor, Auschwitz und in Mauthausen. In allen diesen Lagern war es den Aufständischen bewusst, dass sie der Vernichtung zugeführt werden sollten. Die Option auszuhalten und im letzten Augenblick, beim Herannahen der Truppen der Alliierten loszuschlagen, um wie in Buchenwald einer drohenden Liquidation des Lagers zuvorzukommen, bot sich in Treblinka oder Sobibor nicht oder führte wie in Auschwitz oder in Mauthausen zu Konflikten zwischen den Akteuren der Widerstandsgruppen und denen, die den Aufstand riskieren wollten. Die in Auschwitz und in Mauthausen agierenden Widerstandsgruppen setzten wie in Buchenwald darauf, den Augenblick abzuwarten, zu dem die alliierten Truppen vor den Toren des Lagers gestanden hätten – eine Option die den für die „Sonderkommandos“ abgestellten Häftlingen in Auschwitz (Juden) und den Häftlingen des Todesblocks (gefangene Rotarmisten) in Mauthausen nicht blieb. Sie sollten unabhängig vom Frontverlauf, wie ihre Leidensgenossen vernichtet werden.

In Auschwitz, Treblinka und Sobibor fand die nationalsozialistische Ideologie zu ihrer Vollendung, indem dort vor allem Juden, als „jüdische Rasse“ definiert und als halluziniertes Gegenprinzip zur deutschen Volksgemeinschaft verstanden, vernichtet wurden. Lager wie Buchenwald und Dachau waren hingegen Instrumente des Terrors, der sich vor allem gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus richtete, um sie einzuschüchtern und zu dezimieren. Ebenfalls sollten in diesen Lagern Unbotmäßige, „Arbeitsscheue“, „Asoziale“ und Kriminelle zu „ordentlichen Volksgenossen umerzogen“ werden. Während also die Inhaftierung von Juden in den Vernichtungslagern keinem anderen Zweck diente, als sie dort umzubringen, wurde in den übrigen Konzentrationslagern die politische Auseinandersetzung fortgeführt, die außerhalb der Lager (zunächst in Deutschland dann in den besetzten Gebieten) geführt wurde. Später dienten die Konzentrationslager auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dieser Unterschied setzte die o.g. unterschiedlichen Rahmenbedingungen für etwaigen Widerstand und dessen Aktionen.

Die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern bewegte sich zwischen 4.000 im Jahr 1935 und 60.000 Ende 1938. 1938 stellten Juden die Mehrheit der Häftlinge, sie wurden während der Reichspogromnacht festgenommen. Viele von ihnen wurden aber kurz danach wieder entlassen um sie in die Emigration zu treiben oder drei Jahre später in die Vernichtungslager zu deportieren. Diese Zahlen verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Opposition gegen Hitler in Deutschland und den Stellenwert der antisemitischen Verfolgung.  Erst nach Kriegsbeginn wuchs die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf mehrere 100.000 Häftlinge. Die größte Anzahl wurde nun von Häftlingen gestellt, die als Gegner der deutschen Besatzung aus ganz Europa in die Lager verschleppt wurden. Die deutschen Häftlinge stellten in den vierziger Jahren eine kleine Minderheit dar. Insgesamt schätzt man die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von denen ca. 450.000 umkamen.

Mehr als 3 Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern umgebracht, auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die Tatsache, dass es Aufstände in den Vernichtungslagern gab, nicht jedoch in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald usw., blieb in der DDR-Geschichtsschreibung unbenannt. Die Rolle der Vernichtungslager wie die der antisemitischen Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus wurde in der DDR nur am Rande thematisiert. Im Vordergrund stand die Befassung mit der politischen Auseinandersetzung zwischen Widerstand und dem NS-Regime, wobei durch die Überhöhung der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes die deutsche Volksgemeinschaft im Ergebnis wie im Westen exkulpiert wurde, nur auf andere Art und Weise.

Die Übernahme des KZs Buchenwald durch das Häftlingskommitee am 11. April 1945 kurz nachdem die SS geflohen war, wurde zum Aufstand des Antifaschismus in Deutschland uminterpretiert. Mangels eines Aufstandes des deutschen Proletariats oder der deutschen Bevölkerung gegen das NS-Regime wurde so der vermeintliche Aufstand in Buchenwald in der DDR zum zentralen Chiffre des antifaschistischen Widerstands. Dieses Ereignis diente der DDR, die sich von Beginn an positiv auf den antifaschistischen Widerstand bezog, als Bezugspunkt nationaler und politischer Identität, entsprechend bedeutsam waren sowohl Erzählungen über das Lager, das Lager als Initiationsstätte politischer Jugendorganisationen, als auch der jährlich stattfindende Erinnerungskult unter Einbindung des internationalen Buchenwaldkommitees.

Dass Buchenwald faktisch von den US-Truppen befreit wurde, heißt jedoch nicht, dass es dort keinen organisierten Widerstand gegeben hat, dass Buchenwald kein Vernichtungslager war nicht, dass es dort keinen tausendfachen Mord an Häftlingen, keinen entgrenzten Terror gegen wehrlose Gefangene gegeben hat. In Buchenwald gelang es dem von Kommunisten dominierten Lagerwiderstand trotz widrigster Umstände, eine Untergrundorganisation aufzubauen, aus dem schließlich das internationale Buchenwaldkommitee erwuchs, dem es gelang, wichtige Positionen im Lager zu übernehmen, die die SS vorsah, um den riesigen Terrorkomplex verwalten zu können. Diese Taktik des Widerstandes war damit verbunden, mit der SS in bestimmten Fragen zu kooperieren. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, aber es gelang so immer wieder einige bedrohte Personen zu schützen und zu helfen sowie eine im geheimen agierende Widerstandsorganisation aufzubauen, die sich sogar einige Waffen organisieren konnte. In den Lagern, in denen Kriminelle diese Positionen einnahmen, war dies so gut wie unmöglich. Dort waren die Häftlinge vollkommen schutzlos dem Terror der SS ausgeliefert, aber auch dem  der kriminellen Funktionshäftlinge. Es ist Ausdruck eines hermetisch-perfektionierten Terrorsystems sowie der völligen Abschottung von jeglicher Unterstützung durch ein Außen, dass die Handlungsoptionen eines sich formierenden Widerstands, auch wenn er vor dem Hintergrund eines ihm wohlwollend gegenüber positionierten, aber machtlosen Kollektivs agiert, äußerst begrenzt sind und die Grenze zwischen den für die Betroffenen nützlichen Handlungen und faktischer Kollaboration fließend sind. Dieser Widerstand ist aber auch Ausdruck eines ungebrochenen Kampfeswillens und eines äußersten Mutes, das vor allem, weil er völlig auf sich gestellt war. Diesen mutigen Widerstand gab es auf reichsdeutschem Gebiet vor allem in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald (und unter den Zwangsarbeitern).

Grundsätzlich davon verschieden ist die Situation in Deutschland außerhalb der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus, der als Konsensdiktatur zu begreifen ist. Natürlich gab es den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und einigen anderen auch außerhalb der Lager. Aber so gesellschaftlich isoliert die Widerstandskämpfer im Lager waren, so waren es sie auch außerhalb der Lager. Innerhalb der Lager gab es zwar auch Verrat und Ränkespiele, jedoch konnten die Widerstandskämpfer innerhalb des Lagers auf eine sie stützende Gemeinschaft bauen, wenn der Rückhalt der Häftlingsgemeinschaft auch häufig nur moralischer Natur war. Zwar gab es Deutschland auch während des Nationalsozialismus nonkonformistisches Verhalten, die Phänomene des sich Wegduckens und der inneren Immigration. Der angesichts des absoluten Antihumanismus und Nihilismus gebotene Widerstand blieb in Deutschland jedoch ein isoliertes Randphänomen. Die Politik des Nationalsozialismus war mehrheitsfähig und Hitler ein populärer Politiker. Die deutschen Volksgenossen wähnten sich herrlichen Zeiten entgegenzumarschieren und viele – sofern sie nicht gerade an den Eroberungs-, Raub-, und Vernichtungszügen teil hatten – richteten sich darob gemütlich ein.

Im Gegensatz zur SBZ und dann in der DDR war der Bezug auf den Widerstand in Westdeutschland ein marginales, z. T. sogar hinsichtlich der kommunistischen Tradition weiterhin verfolgtes Randphänomen. Anders als in der DDR, in der sich der Volksgenosse einem propagierten Antifaschismus anschließen konnte und somit sein schlechtes Gewissen über sein Mitmachen im Nationalsozialismus als Hass auf den kapitalistischen Feind projizieren konnte, blieben dem bis 1945 vorherrschenden gesellschaftlichen/politischen Bewusstsein im Westen die von den Alliierten nicht sanktionierten Formen. Diese waren der ideologisch überformte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit Eifer betriebene Wiederaufbau und die in den 50iger Jahren dominante Wir-sind-wieder-wer-Haltung des „Wirtschaftswunders“, sowie das Fortwesen des nationalsozialistisch geprägten Antikommunismus, der nun im aufkommenden Kalten Krieg anschlussfähig war.

Die in der BRD sich dann in den sechziger und siebziger Jahren gegen vielfältigen Widerstand etablierende Erinnerungskultur stellte vor allem den Widerstand des 20. Juli, den der Geschwister Scholl und den der bekennenden Kirche in den Vordergrund. Ohne die moralische Integrität vieler dieser an diesen Gruppen Beteiligten in Zweifel ziehen zu wollen, vielen aus diesen Kreisen war gemein, dass sie zunächst der NS-Diktatur gegenüber sich indifferent oder gar zustimmend verhielten, viele aus dem Kreis des 20. Juli sogar veritable Anhänger des NS-Regimes waren und erst, die Niederlage und die selbst zu verantwortende Barbarei vor Augen, durch einen Seitenwechsel, sich selbst und die Nation vor einem erwarteten Strafgericht versuchten zu retten. Obwohl also allen ein positiver Bezug zur deutschen Nation gemein war und sie gegen Hitler vor allem deswegen opponierten, weil ihm die Schuld zugeschoben wurde,  den Krieg zu verlieren, diese Haltung also durchaus an einen zum Kriegsende zunehmenden Überdruss angesichts Hitlers Versagen als Kriegsherr anknüpfte, herrschte in der Nachkriegszeit eine weit verbreitete Haltung vor, dem Widerstand Verrat an der deutschen Sache vorzuwerfen.

Diese Haltung änderte sich erst im Laufe der sechziger Jahre als es angesichts des Braunbuches, des Auschwitzprozesses, der beginnenden wissenschaftlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und einer vor allem von studentischen Kreisen eingeforderten Befassung mit den Verbrechen der Elterngeneration opportun wurde, einen positiven Bezug zur Gegnerschaft des Nationalsozialismus einzunehmen. Der Antinazismus bewies zunehmend Gesellschaftsfähigkeit, ohne jedoch die Konsequenz daraus zu ziehen, die in einer gründlichen Abrechnung mit der damals noch häufig in Amt und Würden agierenden Tätergeneration hätte einen angemessenen Ausdruck finden können. Auch die Bereitschaft zur Sühne und kostenpflichtigen Übernahme von Verantwortung für Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus (vor allem denen im Ausland), die konsequente Bekämpfung nazistischer (Wieder-)Betätigung sowie des Antisemitismus, der sich auch in einer bedingungslosen Solidarität gegenüber Israel auszudrücken hat, wären ein angemessener Ausdruck einer tatsächlich antinazistischen Politik. Sie fand nicht statt.

Hinsichtlich letzterem formiert sich die deutsche Volksgemeinschaft dahingehend, dass die Freunde des deutschen Friedens in schlechter Tradition des Antifaschismus den Hauptaspekt des Nationalsozialismus, den Antisemitismus verdrängten oder schlicht ignorierten. Der Faschismus, verstanden als terroristische Herrschaftsform des Kapitals über das deutsche Volk und der Krieg, mit dem Nazideutschland Europa überzog, waren Hauptaspekte des Verständnisses vom Nationalsozialismus, der so auch konsequent Faschismus bezeichnet wurde. Dazu gehört der um wesentliche Momente verkürzte Buchenwaldschwur „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“, der bis heute dieser Bagage als erhabene Parole dient, wenn es darum geht, vor allem das Land zu diffamieren und zu delegitimieren, dass sich gegen tätigen Antisemitismus zuverlässig und aktiv wehrt und denen in die Arme zu fallen, die die aufs Korn nehmen, die man als gefährlichste Bedrohung des jüdischen Staates bezeichnen muss.

Die literarischen und cineastischen Befassungen mit dem Nationalsozialismus, in denen versucht wird, den Widerstand gegen den NS als Massenphänomen zu begreifen oder Opfer unter der deutschen Volksgemeinschaft zu suchen, zählen Legion. Unwillige, unwissende oder verführte Soldaten, Kinder unter den Bombenopfern, vergewaltigte Frauen, die ums Leben und ihre Gesundheit gebrachten Volksgenossen, derer sind Viele, das Murren, das Wegducken, eine defätistische Bemerkung, Lästereien über Hitler und seine Satrapen, aber auch das Zustecken eines Brots für einen hungernden Zwangsarbeiter, all dies wird zu Widerstandsaktionen geadelt, was all dies – obwohl es durchaus auch gefährlich sein konnte – nicht war.

So, wie die nach Deutschland eintreffenden Vernehmungsoffiziere der US-Armee, der britischen und der Roten Armee damit konfrontiert wurden, nur noch Opfer und Gegner des Nationalsozialismus anzutreffen, so stellt sich das nationale Narrativ bis heute dar. Die quasi offiziösen Exkulpationsschinken „UMUV“, „Die Flucht“, „Wolfskinder“ usw. sind jüngste Beispiele hierfür, dass sich seit der Gruppe 47 und dem Film „Die Brücke“ nicht viel geändert hat, nur dass zuerst genannte entgegen den zuletzt genannten hegemoniale Bestandteile der Erinnerungskultur geworden sind und platter Geschichtsrevisionismus à la Konsalik, Mansteinliteratur etc. heute nicht mehr en vogue ist.

Auf der politischen Ebene sieht es dann so aus, dass zwar regional und überregional zu allen möglichen Anlässen den Opfern des NS gedacht wird und man mittlerweile (seit Bitburg) auch darum bemüht ist, nicht die ums Leben gekommenen Volksgenossen im gleichen Atemzug in das Gedenken mit einzubeziehen. Doch das vielerorts stattfindende regionale Gedenken an die Zerstörung der deutschen Städte, den, auf ihren europaweiten Raubmordzügen ums Leben gekommenen Soldaten und den, an der „Heimatfront“ im Bombenhagel ums Leben gekommenen Volksgenossen geltenden Trauer am Volkstrauertag, sowie das Bemühen, den „Vertriebenen“ ein Denkmal in Berlin zu errichten, all das spiegelt bis heute genau das wieder, was Semprun 1945 bei Weimar mit dem Verweis auf die gefallenen Söhne widerfuhr. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen der Exkulpation dienenden vor allem aufs symbolische abzielenden Erinnerungskultur und -politik in Verbindung mit dem Beharren am eigenen Status als Opfer ist dies das Fortwesen einer, die bundesdeutsche Gesellschaft wie eine Patina überziehende Haltung des Verdrängens und Vergessens.

Ganz andere Maßstäbe werden hingegen an den Widerstand in den KZs gelegt. Ein seit den Neunziger Jahren im Gestus der wissenschaftlichen Genauigkeit und in moralischer Überheblichkeit daherkommendes Beckmessertum wirft nunmehr den Widerstandsgruppen in Buchenwald vor, mit der SS zum eigenen Nutzen paktiert zu haben und sich in der Ergatterung der Funktionsstellen gemütlich eingerichtet zu haben. Diese Haltung steht spiegelbildlich zu jener, die vor einigen Jahrzehnten behauptete, man könne die Verhältnisse im NS nicht beurteilen und man sei von unerträglicher Moralität besessen, wenn man die Tätergeneration damit konfrontierte, was sie getan und unterlassen habe und im gleichen Augenblick nachschob, man hätte von nichts gewusst.

Während unter der Tätergeneration mit akribischen Eifer nach Widerstandshandlungen gesucht wird, jeder Volksgenosse der einem Zwangsarbeiter ein Brot zusteckte, einem Juden zur Flucht verhalf oder gar versteckte, zum großen oder kleinen Helden der Nation erklärt wird und als Filmheld auf die Leinwand oder als Romanheld zwischen die Buchdeckel gebannt wird, werden diejenigen, die dem unmittelbaren Terror der SS ausgesetzt waren, unter mörderischen Bedingungen Widerstand leisteten und das Überleben zu organisieren versuchten, zu selbstsüchtigen Anhängern eines dem NS ähnelnden Totalitarismus erklärt.

Die grau gewordenen Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen der Täter können sich es beim Fernsehschauen der jüngsten Machwerke deutscher Fernsehanstalten in ihren Wohnstuben gemütlich machen. Befürchtungen, es könnte ein Überlebender der Konzentrationslager an die Tür klopfen um den Blick aus dem Fenster einzufordern, müssen sie nicht mehr haben.

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