Wahre Demokraten und andere Nazis

„Dass einer ein guter Nazi gewesen war, bedeutet trotzdem immer noch, dass mit ‚guter Nazi’ das rührige Mitglied einer hochgradig kriminellen Vereinigung gemeint war.“ (Eike Geisel)

Das Bedürfnis in Kassel nach Vergangenheiten und die Vergangenheit

„Vergangenheiten“ heißt ein Band, der kürzlich veröffentlicht wurde, um der Frage nachzugehen, inwieweit die ersten drei Kasseler Bürgermeister nach 1945 in das nationalsozialistische Regime „verstrickt“ waren. Der Titel ist Programm und Anspruch, geht es doch darum, in Sachen deutsche Vergangenheit zu differenzieren. So wie das Verb „verstrickt“ erheischt die, der Knoppschen Nebelwerferkompanie entstammende Phrase vom Differenzieren allgemeine Beliebtheit, wenn es um die deutsche Geschichte geht. Es besteht das große Bedürfnis, sich trotz Wissen um den Nationalsozialismus, positiv auf die Nation oder eben auf Kassel zu beziehen, beziehungsweise im konkreten Fall, positiv auf eine (sozial)demokratische Tradition, die es in Kassel zumindest nach 1945 gegeben haben soll.

2013 veröffentlichten die Wissenschaftler Jens Fleming und Dietfrid Krause-Vilmar den Band „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte.“ Der Band will, so die Herausgeber, Tiefenbohrungen an „entscheidenden historischen Ereignissen und Konstellationen“ vornehmen, um die Stadtgeschichtsforschung unter neuen Aspekten wieder zu eröffnen. Man annonciert, sich vom Jubelband zur Tausendjahrfeier abzugrenzen, der 1913 erschien und Vergangenheit inszenierte.

Die beiden Wissenschaftlerinnen Anne Belke-Herwig und Barbara Orth schreiben in ihrem dort platzierten Beitrag „Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945“: „Es ist auffallend, dass nicht nur der erste Bürgermeister der Stadt Willi Seidel, sondern zugleich auch einige Dezernenten … bereits lange Jahre für das nationalsozialistische Kassel tätig gewesen waren … Obwohl sie weder an Verbrechen beteiligt waren noch justiziable Schuld auf sich geladen hatten, begründeten sie mit ihren persönlichen Vernetzungen Kontinuitäten, die einem grundlegenden Neuanfang nicht förderlich waren.“ In der Fußnote erwähnen sie, dass nicht nur Seidel, sondern auch die folgenden Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen und Karl Branner im NS-Regime in unterschiedlicher Weise integriert waren.

In Seidel beschreiben die beiden Autorinnen einen Bürokraten der Verwaltung einer Provinzstadt im Nationalsozialismus und in Branner einen Ideologen, der seine Doktorarbeit der Umsetzung völkischer Ideologie in der Wirtschaft- und Steuerpolitik des NS-Staates widmet und es sich dabei nicht nehmen ließ, jüdische Autoren mit einem Stern zu markieren. Dass ihre Tätigkeit, einer verbrecherischen Gemeinschaft dienlich zu sein, nicht justiziabel war, sagt weniger etwas über ihre Tätigkeit aus, als vielmehr etwas über die deutsche Justiz und Rechtsprechung sowie dem Rechtsverständnis in der postnazistischen Gesellschaft.

Über die Wünsche des Kasseler Oberbürgermeisters und wie es in ihm denkt

Obwohl im Jargon deutscher Geschichtsaufarbeitung nur als Mitläufer oder eben als „Belastete“ der Nazigesellschaft ohne Verbrechen begangen zu haben, klassifiziert, führte die Feststellung der beiden Wissenschaftlerinnen dann dazu, dass der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen in einem Interview mit der HNA am 12.10.2013 erklärte, „die Fairness gebietet es, mit Besonnenheit und Sorgfalt offene Fragen zu beantworten“ und suggerierte damit, die beiden Autorinnen wären ohne Besonnenheit und Sorgfalt zu Werke gegangen. Weiter forderte er, „renommierte Historiker“ sollten beauftragt werden, einen „Blick von außen“ auf die Angelegenheit zu richten, denn dies verspreche „unbefangen zu bleiben.“

Diese, den Forscherinnen gegenüber despektierlichen und abwertenden, Bemerkungen begründen sich in dem von ihm geforderten Ziel, „das Leben von Branner – auch das vor 1945 – nachzuvollziehen und seine Doktorarbeit im historischen Zusammenhang einzuordnen.“ In den historischen Zusammenhang zu stellen heißt, anders als suggeriert wird, im Zusammenhang des Nationalsozialismus dazu beizutragen, den Nationalsozialismus als einen von der deutschen Geschichte historisch abzutrennenden Kosmos mit eigenen Regeln zu betrachten, der 1933 begonnen und 1945 beendet wurde. In historistischer Manier wird somit der mit Beginn der deutschen Geschichte (1813/1815) gewachsene Zusammenhang von Volksgemeinschaft, Obrigkeitsdenken, konformistischer Revolte und Antisemitismus eliminiert, einem ideologischen Konglomerat das in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Revolution 1933 staatsgewordene Erfüllung fand. Zur Geschichte Kassels gehört in diesem Zusammenhang, dass Nordhessen (neben Oberhessen) eine Hochburg des Antisemitismus im 19. Jahrhundert war, in Kassel die NSDAP vergleichsweise gute Wahlergebnisse erzielte und im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Deutschland, das Novemberpogrom 1938 gegen die Juden in Kassel zwei Tage vorher stattfand.

Das durchaus sehr unterschiedliche Tun und Lassen der Volksgenossen von 1933 bis 1945 wird nicht als konstituierender Bestandteil eben dieser Gesellschaftsform, sondern als Mimikry angesichts eines 1933 über die deutsche Gesellschaft hereingebrochen Unrechtssystems beurteilt. Als solches läßt sich das Agieren der Volksgenossen im Gesamtzusammenhang der NS-Gesellschaft vom Tatvorwurf verbrecherischen Mittuns freisprechen und anstatt dessen davon abstrahierend von Mitläufertum und Belasteten (unterschiedlichen Grades) reden. Nur so können dann die Volksgenossen nach 1945 als „wahre Demokraten“ wie Phönixe aus der Asche aufsteigen.

Damit man nicht allzu plump daher kommt, sich von der heute gern kritisch betrachteten Persilscheinpraxis der Nachkriegszeit und von dem Geschichtsrevisionismus rechter Provenienz zu unterscheiden, differenziert man zwischen bösen und nicht so bösen und guten und nicht so guten Volksgenossen, zwischen Widerstandskämpfern, Mitläufern, Belasteten und Tätern, erkennt lauter Verstrickungen und Nöte der Handelnden. Die Täter sind immer die anderen, sie sind Nazis, sozusagen Spezies aus dem Weltraum, die Deutschland um Ehre und Ansehen gebracht haben, die die Juden verfolgten und ausgerottet haben und damit Deutschland um wichtige Bestandteile der Wissenschaft, Kultur und Vielfalt beraubt hätten.

„Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer, sonst hätte es das System nicht gegeben“ redet es aus dem Oberbürgermeister und bringt damit genau das zur Sprache, was das NS-Regime ausmachte. Der NS war eine Konsensdiktatur und Menschen wie Branner und Co. waren der personale Ausdruck dafür. Allein das „nicht alle“ im daher gesagten Satz des Oberbürgermeisters suggeriert, es hätte sie gegeben, die Widerstandskämpfer, das andere Deutschland, die Unentschiedenen, die die still hielten und insgeheim den Alliierten die Daumen drückten. Sie hat es auch gegeben, sicher, aber in Spurenelementen, in der Emigration, in den KZs und in den Gefängnissen – sie waren die Ausgestoßenen, die Verräter (und das bis weit in die Gegenwart hinein), sie waren wenige, sie waren nicht Bestandteil der Volksgemeinschaft.

Sekundiert wird des Oberbürgermeisters Rettungsversuch schließlich von einem Heinz Körner (SPD), der nun als „Kassel-Chronist“ meint, den Historikern einen verengten Blick vorwerfen zu müssen. Sie hätten nicht berücksichtigt, dass die NSDAP über allem stand und angesichts dieses misslichen Umstands habe sich das menschenfreundliche und demokratische Potential eines Seidel nicht entfalten können. Leider ganz umsonst, so führt dann Körner ein Beispiel an, habe Seidel bei den Kasseler Nazigrößen Lahmeyer und Weinrich um Nachsicht für einige seiner geprügelten Genossen gebeten.

Kramer führt jedoch nur ein Paradebeispiel an, wie das NS-Regime als Unstaat funktionierte. Die Versuche Seidels, etwas für seine Freunde und Bekannten zu tun ist typisch für eine Gesellschaft, in der Seilschaften und Banden, verschiedene, sich gegenseitig belauernden Cliquen, die um ihre Klientel besorgt waren und stets suchten, für sie etwas zu tun, um Einfluß ringen. Statt öffentliche Debatte, Vermittlung und Repräsentation, statt politische Auseinandersetzung, öffentlicher Protest und Aufstand das Kungeln, das Unmittelbare, das Fürsprechen bei den Mächtigen, von deren Willkür es dann abhing, ob der Fürsprache Erfolg beschieden war oder nicht.

Noch nach 1945 präsentierte sich Seidel als gelehriger Schüler der NS-Ideologie. Zum einen versuchte er sich nun als Fürsprecher des Nazibürgermeisters Gustav Lahmeyer und setzte den Nazi Albert Voßhage als Stadtkämmerer durch, auch kannte er nach 1945 weder Täter noch Opfer, sondern nur noch Kasseler und die, ihn selbst eingeschlossen, hatten dann eben für das Gemeinwohl die Schippe in die Hand zu nehmen um für die Umsetzung der Pläne, der von Seidel in Amt und Würde belassenen Nazistadtplanern den Schutt wegzuräumen. Selbstredend galt dies auch für die Überlebenden der KZs und für die vom Naziterror befreiten Sklavenarbeiter. Darin sieht Körner natürlich nicht eine besonders perfide Praxis der fortexistierenden Volksgemeinschaft, sondern denunziert die Kritik an diesem Gebaren des ersten Bürgermeisters als einen nicht zu duldenden Seitenhieb.

Über Forschungen und ihre Ergebnisse

Nachdem nun also der Oberbürgermeister befand, dass sich dem Thema besonnen und sorgfältig zu widmen sei, beauftragte die Stadt Kassel die Historikerin Sabine Schneider, das Thema der Nazi-Kollaboration der Nachkriegsbürgermeister erneut zu erforschen. Im nun erschienen Band wird festgestellt, dass Seidel, Lauritzen und Branner „keine NS-Verbrecher“ waren. „Aber sie haben, wie Millionen andere Deutsche … auf unterschiedliche Weisen den Nationalsozialismus unterstützt, zum Funktionieren des NS-Systems beigetragen.“ Im folgenden explizieren die Autoren noch was sie gemeint haben und eiern um die Erkenntnis herum, dass der Nationalsozialismus weder ideologisch und noch politisch homogen war und trotzdem als Einheit zu Begreifen ist, und es daher auch unmöglich ist, die Gruppe derjenigen, die wie im aktuellen Fall, euphemistisch als NS-belastet bezeichnet werden von den anderen, die nur allzu gern als belastet bezeichnet werden, zu unterscheiden. So lassen sich die einzelnen Volksgenossen immer als etwas besonderes darstellen und nicht als allgemeiner Ausdruck der Nazigesellschaft.

Prof. Jörg Kammler, einst Forscher in der von ihm mitbegründeten Forschungsgruppe „Nationalsozialismus in Nordhessen“, beschäftigte sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kassel und Umgebung. In dem von ihm mit herausgegebenen Band „Volksgemeinschaft Volksfeinde“ führt er über das Thema Widerstand, Widerspruch, Mitläufertum und aktivem Mittun aus: „Verbunden waren ‚Kern’ und ‚Peripherie’ des Widerstandes durch die Qualität und Problematik individuellen Widerstehens.“ Hier versucht er noch eine Einheit von Widerstand und nörgelnden Volksgenossen herzustellen um darzustellen, dass der Widerstand nicht die Sache von ganz Wenigen war. Diese Sichtweise wird von ihm selbst im Laufe seines Aufsatzes revidiert. „Auch für den auf eine Gruppe bezogenen und politisch bewussten Gegner war es im persönlichen Handeln nicht mit der einmal getroffenen grundsätzlichen Entscheidung getan. Die Entscheidung musste immer erneut bekräftigt werden, und sie stand auch immer wieder in Frage. … Daß der Schritt von der bloßen oppositionellen Stimmung hin zum Handeln auch in aussichtslosen Situationen immer wieder getan wurde, hing im Ernstfall … vor allem von moralischer Sensibilität, dem Bewusstsein von einer zu verteidigenden Identität und schließlich von dem Willen, diese Identität auch um den Preis persönlicher Gefährdung zu bewahren.“

Obwohl es um Kassel herum einige rote Dörfer gab, in denen die KPD und/oder die SPD bis 1933 die beherrschenden politischen Kräfte waren und in denen die NS-Herrschaft mit terroristischen Methoden durchgesetzt werden mußte, insgesamt nahm der Widerstand gegen die NS-Herrschaft in und um Kassel herum wie in Deutschland insgesamt eine gesellschaftlich  unbedeutende Rolle ein. Nur wenige entschieden sich 1933ff trotz offensichtlichen Charakters des NS-Regimes richtig, nämlich in antifaschistischer Weise. Auch für die nach 1945 in Kasseler führenden Politiker gab es immer wieder Punkte, an denen sie aktiv handelten und Entscheidungen trafen. Der eine promovierte bei einem bekannten NS-Ideologen, der andere entschied sich für eine Karriere in der kommunalen Bürokratie des NS-Staates und alle drei traten irgendeiner der vielen Organisationen des NS-Apparates bei, entschieden sich also in wichtigen Situationen für die Option, mit dem NS zu paktieren. Körner bringt es auf den Punkt, Widerstand hätte Seidel den Posten gekostet, also entschied er sich dafür, beim NS-Staat mitzumachen. Sie handelten wie die meisten anderen, was ihr Handeln und ihre Entscheidung aber nicht exkulpiert, wie es der „Kassel-Chronist“ einem weismachen will, sondern symptomatisch für die gesellschaftliche Situation im NS-Staat steht. Ihre immer mal wieder zum Ausdruck gebrachten Nichteinverständnisse mit der einen oder anderen politischen Entscheidungen des NS-Staates machte sie weder zu heimlichen Opponenten oder gar zu Widerstehenden, sondern zu typischen Vertretern der NS-Gesellschaft.

Nur ganz Wenige entschieden sich für eine andere Option. Kammler beschreibt deren Lage als eine Situation, in der sie isolierte, gehetzte und ohnmächtige Individuen waren, „deren Handlungsspielraum sehr gering war.“ Ihnen gegenüber standen die Vielen, die zwar nicht mit allem einverstanden waren, Ablehnung zum Ausdruck brachten und vielleicht sogar gelegentlich dem Willen des NS-Staates zuwiderhandelten, doch tragender Bestandteil des Regimes waren. Ihr „persönliches Handeln bestimmte sich … überwiegend nach den Kategorien des Regimes“ resümierte Kammler und beantwortet damit die von ihm zu Beginn zur Diskussion gestellte Frage, wie eng der Begriff von Widerstand zu setzten ist.

Diese weit verbreiteten Haltung der nörgelnden Volksgenossen präsentierte nach Kriegsende der entsetzten Weltöffentlichkeit die Mär, nicht für das NS-Regime gestanden zu haben, sondern sogar Teil des Widerstands gewesen zu sein. Die, die Truppen der Alliierten begleitenden Offiziere der jeweiligen Aufklärungseinheiten wunderten sich daher, dass ihnen im niedergeworfenen Deutschland keine Nazis mehr begegneten. Kammler beschließt seine Betrachtung mit der Bemerkung „Die Akten der Verfolger lassen erkennen, dass Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“

Das Nachleben eines Kasseler Eichmanns und eines Kasseler Rosenbergs

Branner und Seidel sind typische Repräsentanten für das NS-Regime. Während Seidel als Bürokrat im Kasseler Rathaus wichtige Arbeit für das Funktionieren des NS-Regimes in der Provinz leistete und auch mit dem Raub jüdischen Eigentums befasst war, also ein kleiner Dutzend-Eichmann war, steht Branner für den Volksgemeinschaftsideologen, der seine wissenschaftliche Beschäftigung der Anpassung der Wirtschaftswissenschaft an die Volksgemeinschaftsideologie widmete, wirkte also wie etwa Alfred Rosenberg an der für den Nationalsozialismus zentralen Ideologie mit. Dass er nicht den Bekanntheitsgrad eines Rosenbergs erreichte, lag weniger an der Festigkeit seiner Gesinnung, als vielmehr daran, dass er nicht das Zeug dazu hatte zum Volkstribun zu werden und auch sein Thema nicht dazu taugte, ihn zum großen Ideologen zu werden zu lassen. Im Gegensatz zu den beiden hier genannten und allgemein als Nazis bekannten Eichmann und Rosenberg, wurden der Kasseler Westentaschenrosenberg und Dutzendeichmann nicht bestraft, sondern machten Karriere als „wahre Demokraten“ im Nachkriegsdeutschland, ein Weg, den die Bestraften, hätte man ihnen Bewährung gewährt, als ordentliche Deutsche auch gegangen wären.

Doch heute schauen sich auch Seidel, Branner und Lauritzen die Radieschen von unten an und da nur für Günter Grass schon zu Lebzeiten ein Museum und ein Denkmal errichtet wurde, warum nicht diese als Namenspatrone für Straßen, Brücken und Häuser auserwählen. Es gibt in Kassel ja auch eine Waldemar-Petersen-Straße, einen Fieseler-Storch-Kult, es gibt das Ehrenmal in der Aue, auf dem bis heute die Vernichtungskrieger und ihre Einheiten geehrt werden, usw., warum soll es dann keine Branner-Brücke, keine Willi-Seidelhaus etc. geben.

Alle sind „differenziert“ zu betrachten! Der Fieseler-Storch eine geniale Flugzeugkonstruktion eines „entjudeten“ Kasseler Betriebes, ein Waldemar Petersen ein genialer Ingenieur der auch in Kassel wichtigen AEG-Werke und die vielen Soldaten, die an allen Fronten für Vaterland und Führer das Leben ließen, waren doch auch Söhne dieser Stadt. Das geht nur dann, wenn Roland Freisler und der Gestapo-Chef Franz Marmon, die auch Söhne der Stadt waren, dafür herhalten müssen zu beweisen, dass die postnazistische Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und den Nazifaschismus als unbenamte und undeutsche Gewaltherrschaft verurteilt. Hitler wie in Helsa die Ehrenbürgerschaft abzusprechen, Freisler und Marmon keine Straßennamen zu widmen ist Ausdruck dafür, sie aus der Identifikation stiftenden Geschichte zu extrahieren und dem Bösen zuzuordnen. Ob man jetzt wie die CDU und die Kasseler Linke versucht, Branner & Co zu „entehren“, oder wie die SPD in ihnen „wahre Demokraten“ zu sehen, beides ist der Versuch die deutsche, die Kasseler oder, im speziellem Kasseler Fall, die Geschichte der SPD zu retten. Deutschland ist heute ein anderer Staat und Kassel eine andere Stadt, so einfach ist das.

Sicher haben die Autoren von „Vergangenheiten“ Recht, wenn sie behaupten, dass die Integration der Nazis in die demokratische Gesellschaft wesentlich zur Befriedung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft beigetragen hat. Doch dies machte gerade das Unheimliche dieser Gesellschaft aus. Nicht die Nazis, sondern das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, erkannte Theodor W. Adorno als potentiell bedrohlich an. So kam es in Deutschland, anders als beispielsweise in Jugoslawien, nicht zur Tabula Rasa, und dass die gerade von den Alliierten abgesetzten Nazis, außer vereinzelt vor den gerade freigelassenen KZ-Häftlingen, nirgends wo beschützt werden mussten ist bezeichnend. Weil der antifaschistische Widerstand eben keine Basis in der deutschen Volksgemeinschaft hatte, wandten sich die Besiegten eben auch nicht der Rache gegen die Nazis, sondern beflissen dem Wiederaufbau ihrer in Trümmern liegenden Städte zu. So auch in Kassel.

Branner wurde dann doch von seiner Vergangenheit eingeholt. Nicht aber die als Nazi, sondern die als gewendeter Antifaschist fiel ihm auf die Füße. Branner geriet in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft und betätigte sich dort im Gefangenenlager als führende Kraft im antifaschistischen Komitee. Er beurteilte verschiedene Mitgefangene, was der jugoslawischen Lagerverwaltung als Anhaltspunkt für die mögliche Entlassung der Insassen diente. Nicht die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Soldaten als Teil der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu Recht in einem Lager saßen und als solche von Branner eben als bockig und verstockt klassifiziert wurden, sondern dass Branner durch diese Tätigkeit als Kameradenschwein angesehen wurde, einen Vorwurf, den er nur mit Mühe von sich weisen konnte, steht für die Logik des Postnazismus, der in der despektierlichen Bemerkung der HNA über diese einzig zu begrüßende Tätigkeit Branners bis heute fortwirkt.

Literatur:

Anne Belke-Herwig, Barbara Orth, Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg.) J. Flemming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 2013

Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2., (Hg) W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Kassel 1987

Erwin Knauß, Der politische Antisemitismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs unter besonderer Berücksichtigung des nord- und mittelhessischen Raumes, in: Juden in Kassel 1808 – 1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1987.

Herbert Pinno, Ochshausen – 5. März 1933, eine rote Bastion wird geschleift, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2 (ob. zit.)

Sabine Schneider, Eckart Conze, Jens Fleming, Dietfrid Krause-Vilmar, Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Marburg 2015.

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