Panama Papers und der Reflex des Bildungsbürgers

Warum auch Kritik der politischen Ökonomie – wenn’s der Dollarschein tut

Am 3. April gelangten Informationen über den panamaischen Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca an die Öffentlichkeit. Demnach haben unzählige Kunden mit Hilfe des Dienstleisters Steuer- und Geldwäschedelikte u.a. Wirtschaftsdelikte, sowie Bruch von UN-Sanktionen begangen. Es werden Namen von zahlreichen Prominenten und Politikern genannt, frühere und noch amtierende Staatschefs, aber auch Terroristen, Sportfunktionäre usw. Als Staaten die betroffen sind, werden Argentinien, China, Chile, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Island, Niederlande, Österreich, Russland, Schweiz, Uruguay, Tschechien und die USA genannt. Aus den USA seien etwa 200 Menschen betroffen – so wenige? Wikipedia muss darob den vermutlich erstaunten Leser aufklären. In Deutschland vermutet man mehrere tausend Klienten, in China sind führende politische Kreise beteiligt, ebenso aus Russland.

Vietor

Die Hypostasierung des Konkreten und die Identifikation des Kapitals mit dem manifest Abstrakten liegt einem ‚Antikapitalismus‘ zugrunde, der die bestehende soziale Ordnung von einem der Ordnung immanenten Standpunkt aus überkommen will. (M. Postone)

Wenn man denn wollte, könnte man also mit Putin, XiJinping, mit dem Logo der Deutschen Bank die Geschichte illustrieren. In Kassel gibt es die Buchhandlung Vietor, die diese Angelegenheit nun für die Schaufensterdekoration bemüht und weiß  – läppische 200 Amerikaner hin oder her – worauf seine Klientel anspricht, wenn es um Kapitalismus“kritik“ geht: Auf den Dollarschein.

Für die, die nicht beim Weltkonzern Amazon bestellen, sondern den einheimischen Laden um die Ecke bemühen, stehen dort die Bücher „Die kleine Kapitalistensau“, ein „Konz, 1000 ganz legale Steuertricks“, „Deins ist Meins. Die unbequemen Wahrheiten der Sharing Economy“ und andere eher harmlose Bücher, die den Anschein geben, sich kritisch mit der kapitalistischen Gesellschaft auseinanderzusetzen, aber nichts als den Mainstream des konformistischen Groll auf das Abstrakte widerspiegeln. Ach und man ist ja in Kassel, ein Beuys und der ist dann der deutsch-völkischen Ideologie schon deutlich zuzuordnen, darf dann auch nicht fehlen. Diese Bücher und eine Schatzkiste sind mit Dollarscheinen drapiert. Bei einigen dieser Dollarscheine ist das Porträt George Washingtons mit Bildern der aktuell beteiligten Personen überklebt. Man will halt nicht nur das abstrakte Geld verteufeln, sondern auch gleich eine konkrete Person als verantwortlich markieren.  Auch ein bluttriefendes Dollarzeichen ist zu finden – aber vielleicht war hier die Farbgebung eher Zufall, denn einfältiger Wille.

Was stellt das Fenster hier also zur Schau: Kapitalismus“kritik“ für den gehobenen Mittelstand, dem die Bücher aus dem Kopp-Verlag zu vulgär sind und für den „Das Kapital“ von Karl Marx, das das Schaufenster ebenfalls ziert, allenfalls im Bücherregal als Markenzeichen für den sich distinguiert gebenden Hass auf Amerika, auf die Zirkulationssphäre, die Spekulanten usw. dient, denn als Grundlage für eine Kritik an der Gesellschaft und der der eigenen Ideologie bemüht wird – die Rutschbahn ist offen.

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