Revolution als Pose und Phrase oder die Revolte der lebenden Leichname

Keine wie auch immer geartete Theorie oder Aufklärung ist imstande, „Vernunft aus sich heraus zu erzeugen und den gesellschaftlichen Subjekten zu vermitteln. Ist keine Vernunft in der Sache selber, d.h. in der Gesellschaft, dann kann auch Theorie keine erzeugen.“ (ISF 1990)

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Der Jungrevolutionär „reduziert die unüberschaubare Vielzahl möglicher Kombinationen von Zwecken und Mitteln innerhalb der gesellschaftlichen, durch das Wertgesetz garantierten Vermittlung … auf eine einzige, einfache Beziehung …: die unmittelbare, unter Ausschluß des Wertgesetzes sich vollziehende Erfüllung seiner Wünsche.“ (ISF 1990) Was unüberschaubar bleibt, ist seine Ordensbrust.

Was bleibt ist die unerbittliche Kritik. Was hier über die Vernunft dargestellt wird, gilt erst recht für die Revolution in der aktuellen Gesellschaft. Auch wenn die Parole „Eine andere Welt ist möglich“ nach wie vor en vogue ist, in einer Gesellschaft, die so sehr zur zweiten Natur verhärtet ist, dass die Menschen in ihr als lebende Leichname wandeln, ist sowohl der Blick auf das ganz Andere als auch besonders die Praxis, die dieses zum Ziel hat verstellt. Und auch wenn die objektive Notwendigkeit der Umwälzung der verkehrten Verhältnisse angesichts des alltäglichen Lebens auf der Hand liegt, so sehr also die Verhältnisse danach trachten endlich aufgehoben zu werden, so sehr erscheint dies in weiter Ferne, betrachtet man die, die die Umwälzung alles Bestehenden ohne einen Begriff davon zu haben mit Getöse einfordern, oder hält man Ausschau nach denen, die dies im Sinne der großen Tradition kritischer Theorie auf den Begriff bringen könnten.

Eine Kritik des Alltagsleben findet jedenfalls nicht statt, die rücksichtslose Kritik alles Bestehenden ist das mühsame und undankbare Geschäft einiger weniger, sonst: Außer Phrasen nichts gewesen. Die Notwendigkeit der Revolution befindet sich also im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihrer Möglichkeit. Zum Glück mag man seufzend feststellen, betrachtet man das was diesen Imperativ als Parole vor sich her trägt.

Revolution? Da war doch mal was. Ein Blick zurück.

Die Internationale Arbeiterassoziation war ein Zusammenschluss von, aus immerhin 13 verschiedenen Ländern kommenden, unterschiedlichsten sozialistischen Gruppen und Arbeitervereinen, die sich die soziale Revolution und den Kommunismus zum Ziel setzten. Sie waren jedoch, betrachtet man die gesellschaftliche Dynamik des frühen Kapitalismus und die in ihm sich manifestierenden Machtverhältnisse, faktisch einflusslose Gruppen, daran änderte auch die Internationale Arbeiterassoziation nichts.

Der Aufstand der Pariser Kommune, der sich im Laufe der eskalierenden Auseinandersetzungen und dann Kämpfe der Pariser Kommune mit der Regierung Thiers die Befreiung aus der bisherigen Geschichte der Menschheit auf die Fahne schrieb, war nicht die Folge der Proklamationen der Internationalen Arbeiterassoziation, sondern folgte auf die Empörung der Massen über das „kapitulantenhafte“ Verhalten der Bourgeoisie im Kampf Frankreichs gegen Deutschland, auf die Empörung über die als Ungerechtigkeit wahrgenommenen Absicht der Regierung Thiers, die Kosten und Folgen des Krieges vor allem den unteren sozialen Schichten und Klassen der französischen Gesellschaft aufzubürden und auf den Versuch, die kommunale Selbstverwaltung in der Stadt durchzusetzen. Wahrlich keine umstürzlerischen Gedanken, die trotzdem damals auf den entschiedenen Widerspruch der Herrschenden stieß – das ist heute anders.

Dennoch, was im Aufstand der Pariser Kommune zum Ausdruck kam, galt lange als der Vorschein einer kommenden Welt. Angesichts des mörderischen und ungeheuerlichen Blutbades, dass die Truppen der Regierung Thiers an den Kommunarden in Paris anrichteten, dienten die, auch schon von Marx, dann vor allem von Lenin und Trotzki gezogenen „Lehren“ dann vor allem der Rechtfertigung der staatsfixierten, autoritären und terroristischen Praxis des Parteikommunismus, der spätestens nach dem Machtantritt der Bolschewiki nach der Revolution in Russland sich anschickte, all das, was den Aufstand in Paris auszeichnete nämlich eine „außerordentliche Mischung aus Großartigkeit und Wahnsinn, von heroischem Mut und Verantwortungslosigkeit, von Delirium und Vernunft, Verherrlichung und Illusion“ (H. Lefebvre) gewesen zu sein, mit Füßen zu treten. Die Pariser Kommune ist ein auf die Stadt beschränkter und isolierter Versuch gewesen, in den Metropolen der kapitalistischen Gesellschaft aus dem politischen Handgemenge heraus und angesichts einer labilen Situation der bürgerlichen Herrschaft, so etwas wie eine befreite Gesellschaft der lebenden Menschen anzustreben. Ein Versuch, der sich in Deutschland 1918 wiederholte und angesichts einer ähnlichen Konstellation für die Revolutionäre in den Untergang führte und in Russland dazu, dass sie sich nur mit terroristischen Methoden an der Macht hielten.

Nach der Niederschlagung der Kommune rückte das Ziel der Befreiung und das in weite Ferne, was sich der später als Erste Internationale bezeichnete Zusammenschluss auf die Fahne schrieb. Dennoch proklamierten, illustrierten und glaubten die politischen Organisationen der Arbeiterbewegung an die Erlösung und Versöhnung im zu erreichenden Ziel der Zukunft. Dieser Glaube wurde zu einem prägenden Bestandteil dessen, was man als Kultur der Arbeiterbewegung bezeichnete. Die politische Bedeutung der Internationale aber schwand gegenüber den sich dann zunehmend als gesellschaftlicher Einflussfaktor etablierenden sozialdemokratischen Parteien und Gewerkschaften insbesondere der in Deutschland. Auch Marx‘ Kritik am Gothaer Programm in der noch mal deutlich das Revolutionäre darin angemahnt wurde, den Staat und das die Gesellschaft beherrschende kapitalistische Produktionssystem als zu Überwindendes und nicht zu Eroberndes zu betrachten, änderte nichts daran, dass sich die Sozialdemokratie darin anschickte, den als Volksstaat oder Freien Staat deklarierten Staat zu erobern.

Also nicht nur aufgrund divergierender theoretischer Konzepte und politischer Praxis war von Beginn an der Anspruch der Assoziation hehr aber verfehlt, sondern aufgrund dessen, was von Beginn an in den moderneren kapitalistischen Staaten zu beobachten war, nämlich die (vorerst negative) Integration der Arbeiterklasse in den die kapitalistischen Gesellschaften prägenden, vorantreibenden und diesen reproduzierenden Widerspruch von Kapital und Arbeit. Der darin zu begründende revolutionäre Attentismus führte zur Gründung einer zweiten Internationale, die dann 1914 – 1918 in den Schützengräben von der vaterländischen Gesinnung abgelöst und durch von proletarischer Hand hergestellten und bedienten Kanonen ausgelöscht wurde. Gegen diesen moralischen und politischen Bankrott der zweiten wurde die dritte Internationale in Stellung gebracht. Diese entwickelte dann tatsächlich einen, wenn auch fatalen Einfluss auf die Geschichte. Als offensichtlich wurde, dass anstatt die Weltrevolution die nachholende kapitalistischer Entwicklung in einem Land mit der eisernen Faust einer orientalischen Despotie vorangetrieben wurde und dieser Versuch von den Bestrebungen eines 1000jährigen Reiches existentiell bedroht wurde, wurde im Vaterland der Werktätigen die letzte Internationale von historischer Bedeutung in jeglicher Hinsicht ins Grab geworfen. Was folgte war nur noch Farce. Eine Revolution gab es dann noch, die in Deutschland, anstatt einer proletarischen freilich eine deutsche, die zielgerichtet zur größten Katastrophe menschlicher Geschichte – die Shoah – führte.

Dessen ungeachtet wurde eine vierte und mittlerweile eine fünfte Internationale ausgerufen. Man könnte lachen, schaut man näher hin, wird es gruselig. „Die ersten vier Internationalen brachten zwar wichtige politische und organisatorische Errungenschaften mit sich, aber schafften es bisher nicht, die Arbeiterklasse und die Jugend zum Sieg zu führen“, heißt es im Programm dieser Gruppe, die sich REVOLUTION nennt und die einen Ableger, man glaubt es kaum, auch in Kassel hat.

Die fünfte Internationale: Wohnungen bauen und Arbeitslosengeld zahlen

Mit dem Anschein revolutionärer Unbedingtheit macht seit geraumer Zeit in Kassel diese kleine Gruppe junger Aktivisten auf sich aufmerksam. Nicht ohne Erfolg gelingt es ihnen junge, aufbegehrende politisch interessierte Jugendliche und Schüler hinter sich zu scharen um sie dann gegen Polizei, „Faschos“, Rassisten und natürlich gegen Zionisten ins Feld zu schicken. Agitationsfeld ist vor allem der Rassismus, der Kampf gegen Nazis und Faschisten, aber auch gegen Sexismus, Umweltzerstörung, Sozialabbau und Israel. Hiermit rennen sie bei vielen jungen Menschen, die in ihrer Adoleszenz die Gerechtigkeit in einer allenthalben ungerechten Welt reklamieren und sich darüber politisieren offene Türen ein. Die Unbedingtheit der ebenfalls jungen Anführer, ihrer Parolen und Losungen schinden beim jungen Publikum Eindruck. Es scheint, als würde sie es immer noch geben, die unbestechlichen Revolutionäre, die immer auf der Seite der Unterdrückten, Elenden und Unglücklichen stehen, die angesichts vielfältiger gesellschaftlicher Probleme den Zusammenhang – den Kapitalismus – verstehen und daher auch eine Lösung, die Revolution, parat haben und die die Zukunft auf ihrer Seite wissen.

In der Wahrnehmung der Zentrale der fünften Internationale brodelt es überall. Vorreiter des internationalen Kampfes gegen ein unterdrückendes System sei die weltweit aufbegehrende Jugend, die noch nicht durch Niederlagen demoralisiert sei, sondern für ihre „Ideale und den Wunsch für eine Zukunft ohne Armut und Unterdrückung“ kämpfen. Doch diese Jugend sei in den diversen sozialen Auseinandersetzungen und Kämpfen bisher nicht gehört worden, sondern gar an die Seite gestellt worden, also benötige diese jetzt eine eigene Organisation. „Nur dann können wir eine internationale revolutionäre Jugendbewegung aufbauen, die nicht nur für beschränkte Ziele kämpft, sondern für eine revolutionäre Perspektive – den Sturz des Kapitalismus!“ Diese Organisation, so weiß es das Programm, ist REVOLUTION, der Name soll Programm sein.

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Am 28.04.2016 initiierte die REVOLUTION den Mobilisierungstag „Jugend gegen Rassismus“. Ein paar hundert junge Streiterinnen und Streiter konnten tatsächlich mobilisiert werden. Obwohl kräftig „Alerta, Alerta Antifascista!“ skandiert wurde, Nazis waren weit und breit keine zu sehen. Obwohl die eine oder der andere in Kampfmontur aufmarschierte, das Parlament wurde auch nicht angegriffen und die Polizei regelte den Verkehr, „massenhafte Selbstverteidigung“ war daher auch nicht nötig.

Durch die proletarische Revolution könne der Sozialismus umgesetzt werden, in dem die Bedürfnisse und nicht die Profite der Kapitalisten Maßstab seien (so als sei es der unbändige und unmoralische Wille der Kapitalisten und nicht die Gesetzmäßigkeit kapitalistischer Warenproduktion , Profit zu generieren, aber das hier nur nebenbei). Es wird eine globale Planwirtschaft gefordert, die auf demokratische Räte beruhen soll. Die konkreteren Forderungen die dann im Manifest dieser Gruppe formuliert werden, kommen angesichts des allgemeinen Pathos aber doch sehr hausbacken daher. „Keine Kürzungen im öffentlichen Dienst.“ heißt es z.B. Wohlan, wie können wir uns den zukünftigen Sozialismus und die Räteherrschaft mit einem öffentlichen Dienst vorstellen? Die Räte mögen dann ganz in keynesianischer Tradition den massiven Ausbau von sozialen Wohnungen, Krankenhäusern, Schulen, Freizeiteinrichtungen und dem Transportsystem demokratisch planen. Und warum? „Um Arbeitsplätze zu schaffen.“

Seltsam, schaffe, schaffe Häusle und Eisenbahnen bauen für den Sozialismus. Und der Unterschied zu den herkömmlichen bekannten Beschäftigungsprogrammen? „Die Reichen“ sollen es bezahlen. So ähnlich findet man es aber auch bei der Partei Die Linke. Doch trotz dieser Programme, auch unter der Ägide der Revolution wird es Arbeitslose geben, keine Sorge REVOLUTION dekretiert: Es wird ein Arbeitslosengeld geben, „dass sich entweder am Mindestlohn oder falls höher am ehemaligen Lohn orientiert.“ Es schwant einem, nicht Freiheit, Glück und Zufriedenheit, nein Arbeit, Arbeit, Arbeit und mickriger Lohn – der Proletarier ist bekanntlich bescheiden – ist das, woran unsere revolutionären Aktivisten glauben und sich darin nur wenig von den viel geschmähten Sozialdemokraten unterscheiden. Und wenig überraschend, die Organisation, deren jugendlicher Ableger die REVOLUTION ist, heißt Arbeitermacht – Gute Nacht!

Der Staat wird es gegen internationale Konzerne und Entlassungen schon richten

Aber Spott beiseite, die revolutionär gemeinten Inhalte finden sich dann doch: „Die größten Unternehmen und internationalen Konzerne müssen sofort ohne Entschädigung verstaatlicht werden.“ Hier paart sich ein Staatsfetischismus mit nationaler Orientierung. Die Verstaatlichung der größten und internationalen Konzerne ist das Pendant zum Schutz der nationalen, kleineren und mittleren Betriebe – das spricht man nicht aus, findet es aber in einem Programm einer anderen Partei, nämlich in dem der AfD. Gehen die kleinen Betriebe Bankrott oder kündigen Entlassungen an, dann sollen auch sie verstaatlicht werden, denn wo soll man sonst auch arbeiten. Anderswo nennt man das Sozialisierung der Verluste.

Warum ein Kampf gegen das „kapitalistische System“, wenn der Staat zum Großunternehmer erkoren wird, bleibt das Geheimnis der REVOLUTION. Kampf gegen das kapitalistische System, also gegen Staat und Kapital? Liest man das Programm genau, so wird jedoch fast durchgängig ein Kampf gegen Kapitalisten und Herrschende und weil es sich so schön konkret anhört „gegen Krieg, Sozialabbau, Armut, Hunger, Ausbeutung, und Umweltzerstörung“ proklamiert. Das ist einfacher, weil sich so das Feindbild immer konkret in Personen darstellen lässt, weil alle Missstände benannt werden und auf der einen Seite die Guten, das Volk, die Unterdrückten, die Arbeiter usw. stehen, auf der anderen Seite die Sicherheitskräfte, die Medien, die Herrschenden und Besitzenden. Also anstatt sich über die Identität und Nichtidentität von Kapital und Arbeit, von Staat und kapitalistischer Akkumulation, von Individuum, Bürger, Gesellschaft und Staat, von Aufbegehren und der Reproduktion der Produktionsverhältnisse usw. den Kopf zu zerbrechen, ist man fix bei der direkten Aktion, dem Massenstreik, den Schulstreik, beim proletarischen Staat und bei der Räteherrschaft. Die kapitalistischen Staaten sollen durch die Masse der Arbeiterklasse und der Armen gestürzt werden. „Wir treten für eine globale Föderation der sozialistischen Staaten ein, in denen die Arbeiter und die einfache Bevölkerung entscheiden. Das bedeutet die Herrschaft der Arbeiterräte … Diese entstehen aus der direkten Wahl von Delegierten an den Arbeitsplätzen und allen Einrichtungen unter Einbeziehung der Arbeitslosen, der Bauern, der städtischen Armen, der Frauen und der Jugend.“

Wieso es in dieser Föderation Arbeitslose und Arme gibt? Klar, die sind ja die Guten, also werden sie genauso da sein wie der Arbeiter, der Bauer, der Jugendliche und die Frau. Sie sollen die Subjekte der neuen Ordnung sein, ihr Wille soll sich unmittelbar in Politik umsetzten. Die vermittelte Herrschaftsform moderner Demokratien warenproduzierender Gesellschaften, ein Garant für die immerhin theoretisch und dem Anspruch nach gesetzte Freiheit des Individuums, wird durch die unmittelbare Form der Herrschaft der Massen ersetzt. „Alle Delegierten [sollen] stets wähl- und abwählbar sein, so dass sie wirklich die Interessen der Massen widerspiegeln und deren Willen repräsentieren.“ Also die internationale Föderation des unmittelbaren Volkswillens anstatt die durch Staat und Recht vermittelte Herrschaft in der warenproduzierenden kapitalistischen Gesellschaft. Stellt man sich das angesichts der wutbürgerlichen Massen in Europa oder der gesinnungsethischen Unbedingten im „internationalen Demoblock“ vor, na dann, gute Nacht!

Wo der Anschluss an die Massen immer funktioniert: Der Hass auf Israel

Man gibt sich natürlich auch konsequent internationalistisch, denn man möchte wie von Sinnen nicht nur in Kassel und in Berlin eine Bewegung, sondern eine „globale Jugendbewegung, eine revolutionäre Jugendinternationale aufbauen.“ Doch was liest man hier, die „nationale Selbstbestimmung“ steht im Fokus von REVOLUTION. Die nationale Befreiung ist ein wichtiges Thema, denn „ganzen Völkern wird das Recht auf nationale Selbstbestimmung verwehrt. Der dort lebenden Bevölkerung werden grundlegende demokratische Rechte verwehrt.“ Und wie es bei Linken so üblich ist, wird auch gleich der Oberschurke in Sachen Unterdrückung des nationalen Selbstbestimmungsrechtes ausgemacht: Israel! Es wird annonciert, dass Kurden ihre Sprache nicht sprechen dürften und die Iren „von ehemaligen Kolonialmächten“ gespalten werden. Doch auf die Iren wird nicht näher eingegangen, die bieten, seitdem die IRA teils zur bürgerlichen Partei und teils in einfache Verbrechersyndikate sich gewandelt hat, zu wenig Identifikationspotential.

Der israelische Staat wird exemplarisch als einer angeführt, „der seine Existenz auf der Aufhebung von Bürgerrechten, Gebietsrechten, das Recht von Flüchtlingen zurückzukehren, das Recht auf Arbeit, Behausungen, Wasser, eines Sozialsystems und militärischer Verteidigung für ein ganzes Volk.“ Kein Blick auf die Zustände in den palästinensischen Autonomiegebieten, wo die Rechte auf Meinungsfreiheit, die Rechte der Frauen, der Homosexuellen mit den Füßen getreten werden, wo gewerkschaftliche Aktivitäten teils unterbunden, teils behindert werden, alles wurscht. Aber Israel! Und um dies noch mal zu betonen taucht die Forderung auf, mittels einer halluzinierten Arbeiterbewegung aus der Region, den „israelischen Unterdrückerstaat“ zu zerschlagen.

Irgendwo muss man ja beginnen, einen Staat zu zerschlagen, warum nicht dort, wo man sich tatsächlich an der Seite der Massen weiß, wenn es darum geht, wenigstens einen jüdischen Staat zu zerschlagen. Klarer kann die Forderung Israel zu beseitigen, nicht formuliert werden. Doch irgendwie scheint es, trotz des unbedingten Willens zur Lösung der Israelfrage im Nahen Osten nicht zu kommen, also soll die internationale Arbeiterbewegung zunächst Israel blockieren. Boykott gegen den Juden, das war schon einmal eine wichtiges Betätigungsfeld einer deutschen Revolution. Sanktionen gegen Staaten wie den Iran sollen freilich aufgehoben werden.

Die Sache mit der Religion und dem Faschismus

Die Bewegung, die mit soviel Revolution protzt muss sich schließlich zum Phänomen äußern, das darin auftritt, dass seit Teheran 1979 die Falschen die Revolution voran gebracht haben. Religion muss also auch eines der Themen sein, zu dem sich geäußert wird. Bar der Kenntnis Marxscher Auseinandersetzung mit dem Thema wird unter seinem Konterfei „Religion ist das Opium für das Volk“ getextet. Hier hat man Marx – wie in anderer Hinsicht auch – nicht gelesen oder nicht verstanden, oder beides. Religion ist kein Instrument „um zu unterdrücken, zu spalten und bestimmte Gruppen zu Sündenböcken zu machen.“ Schon Feuerbach hat dargelegt, dass Religion die verdinglichte Selbsterkenntnis des Menschen ist und Marx, dass in der Religion das illusorische Glück des Volkes zu sehen ist, die es in der Forderung nach seinem wirklichen Glücks aufzuheben gilt. Doch da unsere Spießgesellen nicht das Glück im Blick haben sondern die Arbeit, sehen sie auch nicht die Unterschiede einer Religion die als Opium des Volkes und Protestation gegen das wirkliche Elend von Marx beschrieben wurde und einer Religion, die nichts als Unterwerfung bedeutet. Darum kommen unsere Jungrevolutionäre mit einem platten Atheismus daher um aber dann zum anderen diejenigen, die die „Religion“ der Unterwerfung als Form faschistischer Ideologie verstehen, als Rassisten zu bezeichnen. Es wird zwar der Sturz aller religiöser Regime gefordert, warum aber ausgerechnet der Iran einige Seiten zuvor vor Sanktionen geschützt werden soll, bleibt das leicht zu durchschauende Geheimnis der Gruppe.

Der Kampf gegen Faschismus und Rassismus ist der Punkt mit dem REVOLUTION auf Beachtung und Zuspruch hofft. Also gründet man zusätzlich eine als „unabhängige“ Bewegung verkaufte „Jugend gegen den Rassismus“. Natürlich muss dazu auch den Massen das Phänomen Faschismus erklärt werden. Gänzlich ohne Wahrnehmung was jemals über Faschismus und Nationalsozialismus seit 1934 so erforscht und diskutiert wurde, kommt REVOLUTION mit einem dimitroffschen Faschismusanalyseverschnitt daher: „Faschismus ist die extremste und brutalste Form bürgerlicher Herrschaft. Sie ist das letzte Mittel, zu dem die Kapitalisten greifen, wenn ihre Herrschaft ins Wanken gerät.“ Der Wahlerfolg der AfD liest sich demnach also so, dass die Herrschaft der Bourgeoisie am seidenen Faden hängt und ein Instrument ist, um die nach Revolution drängenden Massen zu betrügen.

Es ist nicht falsch, dass in der Geschichte der Faschismus und auch der Nationalsozialismus sich immer auch auf die Unterstützung bestimmter Kapitalfraktionen stützte, die sich von ihm eine Zerschlagung lästiger Arbeiterbewegungen und Erschließung neuer Märkte erhoffte. Doch heute ist es mehr als offensichtlich, dass die Arbeiterbewegung weltweit keine Rolle spielt und erst recht keinen gesellschaftlichen Machtfaktor darstellt. Dort wo sie sich artikuliert, sind von ihr standortfetischistische und wohlstandschauvinistische Töne zu hören, bestenfalls schnöde Lohnforderungen. Wenn dann von Großmobilisierungen am Beispiel Dresdens in der Form phantasiert wird, dass hier „die Aktion der Masse … eine Radikalisierung der Aktionen gegen Faschisten“ gezeitigt hätten, wird der Größenwahn und die verkehrte Weltsicht dieser Gruppe offenbar.

REVOLUTION grenzt sich von anderen Gruppen ab. Klar vom Stalinismus will man als der ewige Wiedergänger des trotzkistischen Wahns von der Weltrevolution nichts wissen, aber auch der Anarchismus wird verdammt. Illustriert wird diese Abgrenzung mit einem flachbrüstigen rachitischen mit Nerdbrille bestückte jungen Mann – so will man also nicht sein, sondern der maskierte beserkerhafte Streetfighter, der gegen die Objekte staatlicher Repression anrennt.

Vorsicht Anarchist

Illustrierte Auseinandersetzung im Programm der REVO: Offensichtlich kein Vorbild, der Anarchist.

Warum eigentlich nicht diese Truppe ignorieren? Der Verfassungsschutz vermeldet, diese sei isoliert. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Dort wo sie Fuß gefasst haben, gelingt es ihnen mit ihren einfachen Welterklärungsmodellen und ihrem Aktionismus junge Menschen zu begeistern. Während z.B. der DGB zum diesjährigen 1. Mai ca. 700 Menschen in Kassel auf die Straße brachte, konnte die REVO, getarnt als „Jugend gegen Rassismus“, ein paar Tage zuvor ca. 400 Menschen auf die Strasse bringen.

Anstatt die mobilisierten jungen Menschen der Anstrengung des Begriffs zuzuführen, wird jedoch identitäre Revolutionsromantik geboten. Gruppendynamische Prozesse wie die sich gegenseitige Bestätigung der richtigen Gesinnung, die Bedeutungshuberei durch das Verfassen gewichtiger Resolutionen und Beschlüssen, der Entsendung von Delegierten usw., die Korrespondenz in sozialen Medien untereinander vernetzter Gruppen, sowie nicht zuletzt das Malen von Transparenten und verteilen von Flugblättern an Schulen tragen zur Bildung eines Mikrokosmos bei, der mit der Wirklichkeit verwechselt wird. Jungen Menschen wird somit systematisch der kritische Blick auf das Ganze vernagelt, der juvenile Ehrgeiz sich gegen das Bestehende aufzulehnen wird anstatt in ein Vermögen zum skeptischen Blick auf die Welt und zur kritischen Distanz zur, in ein binäre Weltsicht konditioniert. Die schlimmen Kapitalisten auf der einen Seite, die revolutionären Arbeiter und Massen auf der anderen Seite, mit denen man sich auf der richtigen Seite der Geschichte wähnt.

Das ganze Programm ist nichts als eine Verkehrung des behaupteten Anspruchs. Die mit revolutionärer Phraseologie daher kommende Großkotzerei endet in eher un- als sinnigen Forderungen sozialdemokratischer Provenienz, die man in abgewandelter Form und etwas weniger großsprecherisch bis hin zum Israelhass auch in Programmen anderer Gruppierungen findet. Prima könnte man denken, da wo sich die Sozialdemokratie endgültig selbst entleibt, strebt eine neue Jugend an, ihren Platz einzunehmen, ihre revolutionären Hörner wird sie sich noch abstoßen.

Dieser Weltsicht widersprechende Erscheinungen und Erfahrungen führen entweder zur Frustration oder – der Schritt zum Verschwörungswahn ist da nicht weit – zu einer gegen jede Erfahrung gepanzerten ideologischen Weltanschauung. Dennoch als Fußvolk für die Aufmärsche gegen Rechts und für den Weltfrieden macht es sich immer gut, wenn ein paar junge Leute dabei sind. Das ist gut fürs Image und da blickt dann auch mal ein Bündnis gegen Rechts großzügig über die Großmäuligkeit dieser Truppe hinweg. Wenn es dann aber heißt „wir [unterstützen] massenhafte Selbstverteidigung, um beispielsweise unsere Demonstrationen vor der Polizei, dem Militär und Faschisten zu schützen, großangelegte, direkte Aktionen, um die Gebäude, Versammlungen und Parlament anzugreifen, wo Sparmaßnahmen beschlossen werden und Massenstreiks um eben jenes Eigentum unter die Kontrolle der ArbeiterInnen und der Mehrheit der Bevölkerung zu bringen. Bei jeder Konfrontation mit der Polizei oder dem Militär kämpfen wir für organisierte Selbstverteidigung der Massen. Ebenso wie Arbeiterräte, werden wir Arbeitermilizen und Verteidigungsstrukturen brauchen ...“ wird es gemeingefährlich und angesichts dessen, dass mit so etwas Jugendliche in die Konfrontation mit den Sicherheits- und Ordnungskräften des Staates geschickt werden verantwortungslos.

 

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