Die Gemütlichkeit kennt keine Grenzen

Das Einverständnis mit dem Mord

In Deutschland legt man großen Wert auf Gemütlichkeit. Als gemütlich gelten nicht nur Sofas oder ein Bett mit oder ohne anschmiegsamen/r Partner/in, sondern z.B. auch ordentliche kleine Kneipen, in denen es weder zu dunkel, noch zu hell ist, die mit allem Möglichen und Unmöglichem (Figuren, Bildern, vorzugsweise alten Fotos, Gegenstände und Werkzeuge des Handwerks, alten Reklameschildern usw.) ausgestattet sind und in denen man sich kennt. Auch das Nostalgische ist bei Vielen mit Gemütlichkeit verbunden, daher werden vorzugsweise Gegenstände aus der Vergangenheit – „als die Welt noch in Ordnung war“ – zur Dekoration von Kneipen genutzt um Gemütlichkeit herzustellen.

Eine gemütliche Kneipe in einem gemütlichen Städtchen

Eine gemütliche Kneipe in einem gemütlichen Städtchen

Schnell kommt dann zum Ausdruck, dass Gemütlichkeit in Deutschland mit Gemeinschaft und Volk, mit Übersichtlichkeit, mit dem Hang zum Konkreten, Natürlichen und Anschaulichen sowie mit Ordnung genauso innig verbunden ist, wie mit dem Hass auf das eigensinnige Individuum, auf das Unübersichtliche und  Abstrakte, auf das Künstliche, sowie auf das Unordentliche .  Aus diesem Grund kommt auch keiner auf die Idee zwischen Gemütlichkeit und deutscher Vergangenheit einen Widerspruch zu sehen, trachtete doch das Volk schon in der Vergangenheit danach, sich zur Gemeinschaft zu formieren, das Abstrakte abzuschaffen und in der Natur zu sich selbst zu finden.

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Die Gemütlichkeit als Einverständnis mit dem Mord

Doch die Erinnerung daran, dass diese Vergangenheit verbrecherisch war, gilt wiederum als ungemütlich. Also versucht man, das zu trennen was nicht zu trennen ist. Bilder und Gegenstände aus dem 19. Jahrhundert ohne die Bebilderung dessen Endes im Schützengraben. Bilder und Gegenstände vom „goldenen Handwerk“ ohne Illustration dessen autoritärer, häufig gewalttätiger Beziehungen. Bilder und Gegenstände der Volksgemeinschaft ohne die Bilder der Leichenberge aus Maidanek, der Berge von Schuhen, Haaren und Brillen in Auschwitz oder ohne die Bilder von den Killingfields der deutschen Einsatzgruppen, auf denen man nichts außer ein paar Brombeerhecken und Knochenstückchen, die vielleicht aus der osteuropäischen Erde hervorlugen, sehen kann.

Manchmal schaffen die Anhänger der Gemütlichkeit selbst das nicht. „Vorsicht Feind hört mit“, „Swing tanzen verboten“ oder  „Stoppt den Kohlenklau“ sind Parolen, die auf Emaille Gemütlichkeit darstellen sollen, in denen aber die Aufforderung zum Mord kaum kaschiert ist. Es sind Parolen, die im Nationalsozialismus die Volksgemeinschaft einforderten und den Hass auf „den perfiden Albion“ und den Volksschädling markierten. Das Einverständnis mit dem, was diese Illustrationen des Idylls des Schreckens und des Abgrunds bedeutet kommt als gespieltes Unverständnis daher, das solche Bilder oder Schildchen als Gag oder Gimmick ansieht und scheinheilig fragen könnte: Wer heizt denn heute noch mit Kohle, also gibt es auch keine Kohlenklauer mehr, die die Volksgemeinschaft schädigen. Wer hat denn etwas gegen Swing, wo doch jedes zweite Lied im Radio auf englisch geträllert wird? Na bitte! Doch angesichts der NSA, so mag sich der Anhänger der Gemütlichkeit denken, hat da das Schildchen vom mithörenden Feind nicht sogar doch eine ungeahnte Aktualität? Und schädigt nicht der, der noch nicht alle Glühlampen gegen Energiesparlampen ausgetauscht hat, das deutsche Volk und den deutschen Wald, und schändet nicht der unseren Wortschatz und unsere Kultur, der statt deutsch,  „denglisch“ spricht und englisch singt?

Diese Schilder gehören genauso zur deutschen Gemütlichkeit wie das Schild „Zutritt für Hunde und Juden verboten.“ Nur das darf man heute nicht mehr sagen, denn „der Feind hört mit.“

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