Ein Warenhaus anzuzünden ist immer noch besser …

… als sich selbst anzuzünden, so sang Degenhardt in seinem Lied „Fast autobiographischer Lebenslauf eines westdeutschen Linken“. Es war ein Lied, dass die Linken in der Republik aufforderte, nicht nur die Faust in der Tasche zu ballen, sondern aktiv zu werden. Es war aber auch eine Distanzierung von der Protestform jenes Mönches der sich 1963 in Saigon selbst anzündete und eine eher vorsichtige Distanzierung vom Brandanschlag gegen ein Berliner Warenhaus, dass die späteren Gründer der RAF verübten. Sie wollten damals auf den Skandal der Bombardierung Vietnams mit Napalmbomben aufmerksam machen. Die Bombardierung Vietnams war – wie der ganze Krieg – keine Ruhmestat der USA, aber der Brandanschlag war wie der Vietnamkongress Ausdruck des Turns der radikal sich wähnenden Linken, dass man seine Wut angesichts der Hilflosigkeit gegenüber den Verhältnissen lieber auf ein wohlfeiles Feindbild projizierte und sich daran abarbeitete, als sich mit den Zuständen in der eigenen Gesellschaft, deren Bestandteil man war, abzumühen, von denen Degenhardt einige in seinem Lied beschreibt.

Ein Auto eines Nazis anzuzünden ist immer noch besser als den Mittelklassewagen eines Stadtbewohners oder Besuchers anzuzünden. (?) Doch wer ist Nazi und nicht noch ein Wertkonservativer, ein banaler Alltagsrassist oder -nationalist, oder nur ein Reaktionär und warum dann gerade das Auto dieses Einen und nicht der Anderen, die auch in den Reihen der Linken zu finden sind? Will darüber der Aktivist, kraft seiner moralischen Unbedingtheit entscheiden?

Ein BMW anzuzünden ist immer noch besser als sich mit der Polizei zu prügeln. (?) In Berlin hatte kürzlich die Polizei ein besetztes Haus z.T. gesetzwidrig geräumt. Daraufhin kam es zu ebenso gesetzwidrigen Krawallen. Etliche Autos wurden angezündet und (vorwiegend) junge Männer prügelten sich mit der Polizei. Dieses mit Militanz sozialen Protests oder gar mit revolutionärer Politik zu verwechseln, ist eine Berufskrankheit vieler Aktivisten aus den Kreisen der sogenannten Autonomen. Jetzt wurden in Kassel zwei Autos angezündet, weil die „Rigaer 94“ von der Polizei drangsaliert würden, so heißt es auf Indymdia. „Zwei Luxusautos“, so in einer Stellungnahme eines Anarchisten, sind in Kassel angezündet worden.

Abgesehen davon, wer hier wen in der Rigaer Straße drangsaliert. Nachdem hier die SA-Voran, die REVO, die MLPD, Die Linke u.a. als Zumutungen für die Vernunft an den Pranger gestellt wurden, haben es jetzt diejenigen verdient, die meinen Autos anzünden bedeute Solidarität, bedeute Kritik, sei politisch, sie antikapitalistisch oder revolutionär. In Kassel wurden in den letzten Monaten verschiedene Autos angezündet, vermutlich von einem psychisch kranken Brandstifter. Worin liegt der Unterschied zu diesen Taten? Ist nicht auch von denen zu vermuten, die nun, statt nur das Auto anzuzünden, auch noch R 94 auf die Straße geschrieben haben, dass sie nicht alle Tassen im Schrank haben?

Luxus für alle – statt Luxus für keinen

Das eine Auto war ein 10 Jahre alter BMW. Ein Ausdruck für Luxus? Wohl eher nicht. Aber selbst wenn es ein Lamborghini gewesen wäre, also ein Beispiel für ein luxuriöses Auto, warum sollte eine Luxuskarre angezündet werden. Ein Protest gegen Luxus? Selbst wenn, warum aber ein solcher Protest? Auf der Höhe der Zeit wäre es, Luxus für alle einzufordern. Zwar wäre es sinnfrei, für jeden einen Lamborghini, oder einen 10 Jahre alten BMW zu fordern, trotzdem, beim gegenwärtigen Stand der Produktivkräfte, wäre die Forderung nach Luxus für alle ein zeitgemäßer Ausdruck radikaler Politik. Sich gegen Luxus in der aktuellen Gesellschaft zu stellen ist dagegen dumm und verweist auf eine dichotome Haltung, die in den Armen die Guten und die Opfer sieht und in den Reichen die Verantwortlichen, Bösen und zu bekämpfenden. Niedriger kann Kritik am System nicht sinken – nein, diese Haltung, dichotomes Denken und das Projizieren von einer Idee über die Schuld an gesellschaftlichen Widersprüche auf vermeintlich dafür verantwortliche Personen  hat nichts mit Kritik an der Gesellschaft zu tun.

Die Parteinahme für die kleinen Leute, für die Armen als die vermeintlich Guten verweist bestenfalls darauf, dass man einer romantischen Idee von der Revolution verhaftet ist, die auf die revolutionären Aufbrüche der meist nicht wohlhabenden Massen in Frankreich 1798, in Paris 1871, in Russland 1917 und Deutschland 1918 und Spanien 1936/37 zurückblickt, ohne über die Widersprüche eben dieser revolutionären Aufbrüche zu reflektieren, die allesamt ihr Scheitern notwendig hervorbrachten.

Mit dem Anzünden des als Luxusobjekt definierten Autos, dachten die Brandstifter vielleicht auch daran, diejenigen zu treffen, die Profiteure oder gar Verantwortliche angeblicher oder tatsächlicher Luxussanierungen wären. Wer in der kapitalistischen Gesellschaft nicht investiert, sieht dem Wertverlust seines Eigentums tatenlos zu, das wäre ein unsinniges Verhalten, weil in unserer Gesellschaft aus Wert mehr Wert entstehen soll. Und auch wenn der Eigentümer den Verfall seiner Immobilie bewusst herbeiführt, um sie eben doch in eine „Mobilie“ zu verwandeln, weil er darauf spekuliert, dass der Wert des Grundstückes steigt, tut er das nicht, weil er ein Schuft ist, sondern nichts anderes als jedes andere Subjekt im kapitalistischen Produktionsprozeß, das darauf spekuliert, dass das erworbene werttragende Produkt (die Waren) sich zu einem höheren Wert verkaufen lässt, sich eben in ein wertheckendes verwandelt. Ein alltäglicher Vorgang in der kapitalistischen Warenproduktion, dem man nicht dadurch beikommt, indem man Einzelne, willkürlich ausgewählte, dazu zu nötigen versucht, sich diesem Prozess zu entziehen.

Es gibt noch nicht einmal einen Grund gegen „Luxussanierungen“ zu protestieren. Die Häuser, die davon betroffen sind, sehen danach besser aus als vorher, ihre Bausubstanz wird erhalten, es ziehen Menschen dort ein, denen etwas daran liegt, dass die historische Bausubstanz erhalten bleibt und im neuem Glanz erstrahlt. Würde man gegen Wohnungsnot von Menschen mit niedrigem Einkommen etwas unternehmen wollen, wäre die Forderung nach sozialem Wohnungsbau die richtige Antwort – eine Forderung die wenig dazu beiträgt, sich höchst revolutionär und gefährlich vorzukommen, aber vielen Menschen nützen würde. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Der auch in Kassel notwendige Kampf für Freiräume alternativer Jugendkultur, für autonome kulturelle Projekte und Initiativen bedeutet, dass Öffentlichkeit für solche Forderung geschaffen wird. Die nächste Dokumenta bietet für solche Aktionen reichlich Anlässe und Gelegenheiten, andere haben auch schon vorher damit angefangen, sie gilt es zu unterstützten. Auch das Besetzten leerstehender Gebäude gehört sicher zu den Aktionsformen, die in diesem Zusammenhang als sinnvoll und wirksam betrachtet werden können. In der Regel hat man es in diesem Zusammenhang mit Formen von Politik zu tun, die wenig dazu dienen, in revolutionärer Pose Eindruck bei den Mädels schinden zu können. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Das Auto ist eine Ware. Ist denn Autos anzünden wenigstens eine Aktionsform gegen die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus, die Ware? Wohl kaum, gerade die Identifikation des Luxusartikels mit einer negativ konnotierten Seite des kapitalistischen Systems, steht für das verdinglichende Denken, dass sich fälschlich kritisch wähnt. Jede Ware ist die Keimform des warenproduzierenden Kapitalismus. Es ist ja gerade das Wesentliche am Kapitalismus, dass der Gebrauchswert der Ware absolut austauschbar ist. Die Brandstifter hätten auch ihre Smartphone, ihre Klobürsten oder ihre Strickmützen  auf dem Königsplatz verbrennen können, um gegen die Warenförmigkeit in der kapitalistischen Gesellschaft zu protestieren. Hat man aber gar den Besitzer eines (vermeintlichen) Luxusartikels im Visier, so steht diese Haltung sogar für die personalisierende „Kritik“, die unweigerlich in den antisemitische Wahn führt. Den warenproduzierenden Kapitalismus zu kritisieren, würde bedeuten ihn auf den Begriff zu bringen und sich darüber den Kopf zu zerbrechen, wie Klassenbewusstsein in einer Gesellschaft zu entwickeln ist, die keinen Begriff von Klassen mehr kennt. Autos anzünden hat damit nichts zu tun.

Die, die die Autos angezündet haben sind keine Gesellschaftskritiker, sie sind auch nicht radikal, sie sind Brandstifter, die für ihren Thrill, den sie mutmaßlich dabei suchten und empfunden haben, eine wohlfeile Ideologie benötigen mit der sie ihrem banalen Trieb die Weihe einer edlen Haltung oder der einer revolutionären Pose verschaffen können oder noch schlichter, dass sie mit ihrem klandestinen Tun als Mackerprotz und Rudelführer in ihrer Gang oder ihrem Kiez-Racket bestehen können.

Die Quintssenz: Nichts zu tun ist immer noch besser als Autos anzuzünden. Und wer ob des Elends in der Welt den Drang verspürt sich selbst anzuzünden sollte auch nicht besser Autos anzünden, sondern zum Psychiater gehen, oder Karl Marx lesen.

P.S. Der Autor dieser Zeilen ist kein Besitzer eines Automobils.

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