Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Die HNA hat vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel in den letzten Monaten das eine oder andere verdiente Lob erhalten. Es ist ein paar Journalisten, insbesondere Tibor Pésza zu verdanken, dass in Bezug auf Israel sich dort eine, vom übergroßen Rest des deutschen Blätterwaldes wohltuend zu unterscheidende Berichterstattung durchgesetzt hat. Dieses mal hat das Blatt jedoch mal wieder einen Bock geschossen.

Nach der unsäglich heimattümelnden Propaganda für ein einschlägig genutztes Kriegsflugzeug (z.B. HNA, 24.05.2013), der Fahrt mit dem Tiger durch die Ukraine (HNA, 28.07.2014), dem im Stil eines Landserheftes verfassten Bericht über einen Wehrmachtsoldaten an der Normandie (HNA, 06.06.2014) und der Schelte des Ilja Ehrenburg (HNA 10.05.2010), wird nun einem U-Boot-Kommandanten und seiner Besatzung eine ganze Seite gewidmet.

„Seeromantik“ und Nazikapitänsfressen

Der deutsche U-Bootkrieg sollte England und die Sowjetunion vom überlebenswichtigen Nachschub aus den USA abschneiden. 1.) England war die letzte verbliebene demokratische Nation, die sich seit Churchills Amtsantritt, Deutschland entgegenstellte, die Sowjetunion wurde ab 1941 mit dem mächtigsten Teil der deutschen Kriegsmaschinerie konfrontiert und mit einem in der Geschichte beispiellosen Vernichtungskrieg überzogen. Die USA lieferten den beiden letzten verbliebenen gegen Nazideutschland kämpfenden Nationen Waffen, Munition und Lebensmittel. Die Lieferungen wurden über den Atlantik mit dem Schiff abgewickelt. Kurzum, die sogenannte U-Boot-Waffe sollte dazu beitragen, die letzten Bollwerke gegen den deutschen Nazifaschismus niederzuringen. Die U-Boote samt Mannschaften waren also wichtiger Bestandteil des deutschen Vernichtungs- und Eroberungskrieges.

In der Heimat waren die U-Boot-Mannschaften eine Zeitlang sehr populär. Ähnlich wie heute Fußballstars, gab es damals beliebte Sammelbildchen von Mannschaft, Kapitän und Waffe. Die HNA schreibt, dass der aus Kassel stammende Kommandant Claus von Trotha Kontakt mit der Stadt aufnahm und fragte, ob die Stadt nicht eine Patenschaft für das U-Boot übernehmen wollte. Das sei damals „nicht unüblich gewesen und sollte den Soldaten signalisieren, dass die Bevölkerung hinter ihnen stand. […] Die Stadt vermittelte Brieffreundschaften zwischen jungen Soldaten und Mädchen“ und Weihnachtsgeschenke gab es auch. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass das Volk gemeinschaftlich mit seinen U-Boot-Mannen in den Tod ging. Kurz bevor das U-Boot mitsamt Mannschaft versenkt wurde, wurde Kassel bombardiert 2.) und wie Trothas Vater fanden auch viele andere der Volksgenossen damals den Tod. Anstatt nun den Stolz auf die Krieger mit der Illustration heroischer Bilder von Kapitän, Smutje und Schiff hervorzukehren, hätte hier eine kritische Würdigung der sogenannten Volksgemeinschaft einsetzten können. Anstatt dessen werden die Maße und technischen Daten des Bootes bekannt gegeben und die Anzahl der ums Leben gekommenen U-Boot-Besatzungen genannt.

Bei der Verschiffung des Nachschubs für Großbritannien und die Sowjetunion über den Atlantik kamen über 60.000 alliierte Seeleute ums Leben. Sie gaben ihr Leben, damit der deutsche Nazifaschismus niedergerungen werden konnte. Die deutschen U-Boot-Leute kämpften bis 1945 dafür, dass die „Judenfrage“ einer „Endlösung“ zugeführt werden konnte, also in Auschwitz die Schornsteine qualmen konnten und im Osten die Bewohnern für deutschen Lebensraum vertrieben und ausgerottet wurden. Nebenbei sei angemerkt, 1917 und 1918 spielten deutsche Matrosen eine ganz andere Rolle und bewiesen damit, dass es kein Naturgesetz ist, auch im Krieg Befehlen Folge zu leisten.

Eine kleine Randnotiz: Auf der gleichen Seite der Zeitung findet sich eine Einladung des Friedensforums zum Gedenken. Bei dieser Veranstaltung sollte freilich nicht den zu Tode gekommenen U-Boot-Leuten, sondern den „Opfern“ eines „Terrorangriffs“ (ARTE, 08.08.2017) in Japan gedacht werden. (Zu diesem Kasseler Unrat mehr unter dem Tag: Hiroshima)

1.) Einen Überblick mit weiterführenden Literaturhinweisen zur „Atlantikschlacht“ findet sich bei Wikipedia.

2.) Mehr zu diesem Evergreen hier: Bomben auf Kassel

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