Völkerfreundschaft und das System der Weglassung

Beim Einkaufsbummel traf ich heute auf einen Stand, der die Städtepartnerschaften Kassels bewirbt. Eine der Städte ist Rovaniemi – ich vermute mal, dass die überwiegende Zahl der Kasseler Einwohner mit dem Namen nichts anfangen können. Einige wissen vielleicht noch, dass es sich um die Stadt handelt, wo der Weihnachtsmann herkommt. Wer nun die Information der Stadt Kassel über Rovaniemi liest erfährt folgendes:

„Die Stadt blickt auf eine achttausendjährige Geschichte zurück: Die ersten Siedler waren Jäger und Sammler. Immer wieder wurden Händler durch die günstige Infrastruktur der Wasserstraßen ansässig. Es entwickelte sich ein Dorf, das schon im 16. Jahrhundert den Namen Rovaniemi trug; im 19. Jahrhundert schließlich setzte unter anderem durch den Ausbau des Holzhandels ein starker wirtschaftlicher Aufschwung ein. Die Entwicklung der Stadt wurde abrupt unterbrochen mit dem 2. Weltkrieg, bei dem die ursprüngliche Bebauung vollständig zerstört wurde. Das heutige moderne Siedlungszentrum Rovaniemi entstand innerhalb weniger Jahre nach Kriegsende und bekam im Jahre 1960 das Stadtrecht verliehen.“

Rovaniemi 1944: Entwicklung der Stadt wurde abrupt unterbrochen …,

Also die Entwicklung wurde mit dem 2. Weltkrieg unterbrochen, die ursprüngliche Bebauung wurde zerstört – eine seltsame Formulierung. Am Stand stand eine Vertreterin der Stadt. Ich fragte sie, warum man nicht erwähnt, dass es die deutsche Wehrmacht war, die diese Stadt dem Erdboden gleichgemacht hat. Sie antwortete mir, dass dies die Interessierten doch wüssten. Ich entgegnete, dass vermutlich die meisten Bewohner Kassels nicht einmal mit dem Namen Rovaniemi etwas anfangen könnten. Aber sie blieb unbeirrt, ja das könne sein, aber in der Geschichte würde deutlich, dass beide Städte, Kassel und Rovaniemi, das gleiche Schicksal erlitten hätten, das wäre doch interessant. Aha, meinte ich, Kassels Entwicklung wurde also auch abrupt mit dem 2. Weltkrieg unterbrochen? Ob man denn nicht eine Nation, die wie die deutsche die Welt mit einem Vernichtungskrieg überzogen hat und daher von wirksamen militärischen Gegenmaßnahmen getroffen wurde, von einer Nation, die von eben diesen Vernichtungsfuror getroffen wurde, unterscheiden müsse. Nein, entgegnete sie, gerade dieser Unterschied zeige, dass Völkerfreundschaft Trennendes überwinde.

„Man muss uns diese zwölf Jahre nicht mehr vorhalten. Sie betreffen unsere Identität heute nicht mehr“

Rovaniemi wurde, neben vielen weiteren Dörfern in Nordfinnland 1944 von deutschen Truppen dem Erdboden gleich gemacht. Entschädigungs- bzw. Reparationsforderungen Finnlands an Deutschland wurden selbstredend zurückgewiesen. Völkerfreundschaft die nichts kostet und die dazu beiträgt, den tadellosen Ruf eines anderen Deutschlands zu verbreiten und sich als Schicksalsgemeinschaft zu gerieren, das ist der Mehrwert, den Deutschland aus seiner Geschichte und seiner Methode Vergangenheit zu bewältigen bis heute schlägt und sich dabei gut vorkommt.

Finnland:  Wilde Deutsche, Spiegel, 08.04.1974

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