Der Tod eines freundlichen Nazis und andere Entbehrungen

Kassel, Reichskriegerhauptstadt, Stadt Roland Freislers, Produktionsstandort des Kampfpanzer Tigers, des Flugzeuges Fieseler Storch (auf letzteres ist man in Kassel bis heute stolz) usw. war im 2. Weltkrieg mehrfach Angriffsziel britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Bei den Angriffen wurde die Stadt nachhaltig bombardiert, was die Volksgenossen jedoch nicht dazu brachte die Volksgemeinschaft aufzukündigen. „Die Akten der Verfolger lassen […] erkennen, daß Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“ (Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Band 2)

Die Angriffe auf Nazideutschland forderten zahlreiche Opfer unter den Bomberbesatzungen, darunter auch die Besatzung eines Kampfbombers, der in ein bei Kassel gelegenes Dorf abstürzte. Dieser Absturz war am 29.09.2017 Gegenstand der Berichterstattung der hiesigen Lokalpresse. Der Artikel in der HNA zeigt exemplarisch, wie sich Volksgemeinschaft und Postnazismus im Gefühlshaushalt der Volksgenossen darstellt.

Memorial Kanadischer Soldaten, die im 2. Weltkrieg ihr Leben ließen. Das im Kampf gegen Nazideutschland in Istha gefallene Besatzungsmitglied Lionel G. Chaston ist dort aufgelistet.

Beim Absturz des getroffenen Kampfbombers der Royal Air Force kamen alle vier Besatzungsmitglieder und drei Dorfbewohner ums Leben. Einer von den ums Leben gekommenen Dorfbewohnern war der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Über den Tod des stellvertretenden Bürgermeisters heißt es in der HNA: Es habe große Trauer geherrscht, „weil er wegen seines freundlichen Wesens sehr beliebt war.“ Die politischen Ämter in den Kommunen waren bekanntlich von 1933 – 1945 von Nazis besetzt. Aber wenn es doch ein freundlicher Nazi war, dann wird man ja seinen Führer auch noch lieben und wenn er ins Gras beißt, auch betrauern dürfen.

Nebulös berichtet der Dorfchronist R. Brüning in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes von „heute schwer nachvollziehbaren Konflikten“ im Dorf, die sich noch 1933, kurz nach dem die NSDAP in Deutschland bestimmende politische Kraft wurde, in Prügeleien entluden. Die NSDAP war im Wahlkreis Hessen Waldeck als auch in den Gemeinden Wolfhagen und Umgebung schon vor 1933 stärkste politische Kraft. Genauso wenig wie man näheres über die schwer nachvollziehbaren Konflikte erfährt, ist das was nach 1933 kam kein Thema in der historischen Darstellung. Erst über den Zeitpunkt, als sich amerikanische Truppen im Jahr 1945 dem Ort näherten, finden sich ein paar dürre Informationen. Es war „die günstige Verkehrsanbindungen“, die 1945 Probleme auch nach Istha brachten.

Die Bewohner des Dorfes sahen plötzlich das Wohl des Dorfes gefährdet, weil eine SS-Einheit den Kampf mit der US-Army aufnehmen wollte.  Eine Bewohnerin des Dorfes  weiß im Artikel der HNA zu berichten: „Der Krieg bedeutete viele Entbehrungen. ‚Wir sind mit kaltem Wasser aufgewachsen, und oft gab es nur trockenes Brot. Unsere Landwirtschaft hat uns am Leben gehalten’“ –  wenn das der Führer gewusst hätte! Eine andere Entbehrung der Volksgenossin war, dass sie nur eine Notkonfirmation feiern durfte. Schlimm dieser Krieg! Und hätten die Volksgenossen damals schon von Verkehrsberuhigung etwas gewusst, dann wären ihnen auch die Fährnisse des Einmarsches der Amerikaner erspart geblieben.

Während also junge Männer auch aus Kanada für die Royal Air Force im besten Alter ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gaben, warteten die Bewohner und ihr geliebtes Führungspersonal im Dorf bei Notkonfirmation, Wasser, Brot und landwirtschaftlichen Produkten ab, bis die amerikanischen Truppen kamen. Als es dann mit dem 1000-jährigen Reich auch in Istha vorbei war, empfand die zitierte Bewohnerin des Ortes die Ankunft der GIs als Befreiungsschlag. Antifaschismus in Deutschland ist – wenn es die Anderen machen. Ein anderer Dorfchronist wusste jedoch über weitere Probleme dieser Tage zu berichteten: „Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos.“

Woher kamen plötzlich diese zu Beginn dieser Glosse schon einmal erwähnten Ausländer? Dass sie für die Volksgemeinschaft an der Macht auf den Feldern der Volksgenossen (und in den Kasseler Fabriken) schufteten, damit diese mit den Produkten der Landwirtschaft wohlgenährt am Leben erhalten wurden, das ist jedenfalls weder Thema der Dorfchronisten noch der Berichterstattung über einen Absturz.

 

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