Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist aus Nordhessen

Langfassung als PDF: Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist

Sally Kaufmann lebte von 1918 bis 1932 in Kassel. Er wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar als Sohn des Lehrers Markus Kaufmann und dessen zweiter Ehefrau Betty geboren. Kaufmann wollte, wie sein Vater, Lehrer werden. Weil dieser jedoch schon 1893 starb, erlernte er nach dem Schulbesuch den Beruf des Kaufmanns um seine Familie finanziell unterstützen zu können. 1915 wurde Kaufmann in die kaiserliche Armee eingezogen und an die Front geschickt. An der Somme wurde er 1916 schwer verwundet und lag bis 1918 in verschiedenen Lazaretten. Nach den Lazarettaufenthalten besuchte Kaufmann die Abendschule, engagierte sich zunächst in der Kriegsblindenfürsorge und war als Geschäftsführer eines Glas- und Porzellangeschäfts in der Kasseler Innenstadt tätig. 1921 machte er sich mit der Gründung eines Lebensmittelladens in der Hohentorstraße selbständig. Kaufmann war seit 1924 Vorstandsmitglied der Kasseler Gruppe des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF)1 und in der Kasseler Zionistischen Gruppe2, später auch im Elternbeirat der Jüdischen Volksschule, aktiv. 1924 gründete er, zunächst im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Kassels, die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck. Ende der zwanziger Jahre war er dann Verleger diverser Zeitungen in verschiedenen Städten Deutschlands und organisierte Lesungen und Kulturabende in Kassel.

Sally Kaufmanns Verlag Jüdischer Gemeindeblätter. Anzeige aus dem Jahr 1931

In der ersten Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung formulierte Dr. Josef Prager3 die Ausrichtung der Zeitung wie folgt: „[…] in der Zeit des Aufbaus wollen auch wir daran gehen, den Ausbau des Alten und den Aufbau des Neuen mit aller Kraft vorzunehmen. […] jetzt […] finden sich alle diejenigen zusammen, die, unbeschadet ihrer verschiedenen Grundeinstellung, in dem Ziel einig sind, dem Judentum zu dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit einzutreten, und an der Verbreitung jüdischen Wissens, der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitzuarbeiten.“ Was jedoch dem Judentum am besten dient und in seinem Interesse sei, genau hierüber entbrannte sehr bald ein heftiger Streit auch in Kassel. Die Zeitung sollte laut Prager zwar „keiner Partei dienstbar sein“, sondern „alle Fragen behandeln, und alle Nachrichten vermitteln, die zu kennen für die Juden jeglicher Partei wichtig sind“ und wenn auch die gegensätzlichen Standpunkte der jüdischen Fraktionen und die Nachrichten aus der Gemeinde und etliche historische Abhandlungen über das nordhessische und Kasseler Judentum publiziert wurden, so lässt sich feststellen, dass die Jüdische Wochenzeitung die Zeitung der Kasseler Zionisten war.

Auch kulturelle Abende, hier ein Jüdischer Vortragsabend, wurden vom Verlag Sally Kaufmanns organisiert. Anzeige aus dem Jahr 1929.

Als Verfechter des Zionismus unter den Kasseler Autoren der Jüdischen Wochenzeitung sind vor allem Julius Dalberg4, Dr. Hermann Kugelmann5 und Walter Bacher6 zu nennen, die wie Kaufmann in der Kasseler Zionistischen Gruppe sowie auch in der zionistisch ausgerichteten Volkspartei aktiv waren. Zahllose Artikel der Jüdischen Wochenzeitung sind ohne Nennung eines Autors. Sally Kaufmann bezeichnete sich in einem Artikel als Schriftführer und war als Herausgeber und Redakteur verantwortlich für die nicht namentlich gekennzeichneten Artikel. Ob ein Teil der Artikel von ihm selbst stammt, ist ungewiss. Sie könnten auch von Dalberg, Bacher, Kugelmann oder anderen stammen. Von Sally Kaufmann gezeichnete Artikel sind nur wenige zu finden. Sie haben das Kürzel „Kfm.“ Möglicherweise sind auch die mit einem „K.“ gekennzeichneten Artikel ihm zuzuordnen.

Hier sollen die Artikel vorgestellt werden, die mit „Kfm.“ gekennzeichnet sind. Sie sind in den Jahren 1924 – 1926 veröffentlicht worden. Auch wenn Sally Kaufmann in einer Auseinandersetzung mit der Jüdischen Gemeinde seine Neutralität als Berichterstatter betonte und er im Jahr 1925 seine Position als zweiter Vorstand in der Zionistischen Ortsgruppe abgab, sind seine Sympathien eindeutig zu identifizieren.

Der erste von Kaufmann unterzeichnete Bericht ist ein Artikel über einen Vortragsabend des führenden Mitglieds des RjF, Segelfliegers und ehemaligen Kampffliegers des Ersten Weltkrieges, Jakob Ledermann7. Der Abend wurde vom Landesverband des RjF ausgerichtet. Kaufmann fasste in seinem Artikel, der am 31.10.1924 in der Jüdischen Wochenzeitung erschien, die von Ledermann propagierten Aufgaben des RjF so zusammen:

Der RjF sei „kein Kriegerverein [..], sondern [habe] in erster Linie die Aufgabe, die Wacht am Grabe der gefallenen 12.000 jüdischen Soldaten gegenüber Schmähungen und Verdächtigungen zu halten. Der RjF werde es nicht dulden, daß die Toten sowie die Lebenden an ihrer Ehre gekränkt und mit Haß und Mißgunst überhäuft würden. Ein vorzügliches Mittel in der Abwehrbewegung sieht Ledermann in der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend. Schon von frühester Jugend an gehöre die Jugend in die jüdischen Sportvereine. Es ist dieses das große Verdienst des RjF, daß er die Turn- und Sportbewegung unter der jüdischen Jugend fördert, da dadurch immer weitere Kreise erfaßt werden, die sich teilweise früher ablehnend verhalten haben. Ledermann appelliert an die Anwesenden, besonders aber an die jüdische Jugend, eifrig Turnen und Sport zu treiben, und auf dem Wege der körperlichen Ertüchtigung weiter fortzuschreiten. Wer Turnen und Sport treibt, vermeide auch die Likörstuben und trete auch nach außen einfach und schlicht auf. Nur in einem gesunden Körper wohnt eine gesunde Seele.“

Kaufmann bezeichnete Ledermann als sympathischen Redner, der seinen einstündigen Vortrag so gestalten konnte, dass er das Publikum und offensichtlich auch Kaufmann bis zum Schluss fesselte.

Der nächste, ein am 28.11.1924 veröffentlichter Artikel, befasste sich mit einer Versammlung des Centralvereins (CV).8 Der Bericht über die Versammlung des CV, der sich schon 1925 erbitterte Auseinandersetzungen mit den Zionisten lieferte, ist nicht anders als wohlwollend zu bezeichnen. Der Artikel verweist darauf, dass Kaufmann dem Gebot der journalistischen Objektivität folgen konnte, wenn er wollte.

Kaufmann erwähnte zunächst die fruchtbare Zusammenarbeit des CV mit dem RjF im Abwehrkampf9: „Für den letzten Reichstagswahlkampf wurden von hier überall Redner gesandt, um auf den Landgemeinden den völkischen Agitatoren entgegenzutreten. Besonders bewährte sich die Arbeitsgemeinschaft mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der stets dabei war, wenn es galt, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch bei dem diesmaligen Wahlkampf steht der R.J.F. mit dem Centralverein zusammen und hat sein Bureau Friedrich-Wilhelmsplatz 2 zum Abwehrkampf eingerichtet.“

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Völkischen nahm dabei das juristische Vorgehen gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein.  Kaufmann berichtete weiter: „Herr Dr. Holländer10, der nun das Wort ergriff, sprach über ‚Neue Wege der praktischen Arbeit‘. Seine Ausführungen, die mit starkem Beifall aufgenommen wurden, […] waren bemerkenswert. Besonders interessant war, wie er den Werdegang dieser Fälschung beschrieb. Er bezeichnete es als Barbarei, daß es heute noch möglich sei, eine solche Fälschung in die Welt zu setzen, die auch geglaubt würde, ohne daß der Beweis dafür von dem Fälscher gefordert würde.“

Kaufmann schloss den Artikel mit einem Problem ab, das schon vor der Machtübernahme der Nazis existierte und bis heute aktuell ist:  „Als besonders gefährlich schildert mit Recht Holländer die Boykottdrohungen, die besonders aus Pommern kommen, wo jüdischen Geschäften der Boykott angedroht sei. Einen sog. ‚trockenen Pogrom‘, wie Wulle ihn nennt. Auch dagegen sei der Centralverein gerüstet. Er schloß damit, daß er versicherte, daß der Centralverein jederzeit auf dem Platze sei, wenn es gelte, für Deutschland und Judentum zu kämpfen.“

Im Januar des Folgejahres lässt sich im Artikel über den Delegiertentag der deutschen Zionisten Kaufmanns politische Positionierung deutlicher herauslesen. An diesem Delegiertentag in Wiesbaden war der, wie es Kaufmann anmerkte, vom zahlreichen Publikum stürmisch begrüßte, Prof. Dr. Weizmann11 zugegen, der auch bei Kaufmann einen bleibenden Eindruck hinterließ. Kaufmann zitierte in seinem am 2. Januar 1925 erschienen Artikel die von Weizmann aufgegriffene und auf die aktuelle Entwicklung in Palästina umformulierte Botschaft Theodor Herzls12: „Er [der Zionismus; d.V.] ist aus der Zeit der Hoffnung auf ein Wunder auf das Gebiet der Wirklichkeit gelangt“ und schloss die Ausführungen über Weizmanns Ausführungen mit der Benennung des Zwecks des zionistischen Projekts ab, dass „Palästina das einzige Land der Welt ist, das ungehindert Juden einlasse, nachdem die Tore Amerikas für die Juden fast verschlossen sind. Welcher Jude würde es wagen, so schließt Prof. Weizmann, heute, wo besonders im Osten eine furchtbare Judennot bestände, seinen Arm gegen den Aufbau Palästinas zu erheben?“

Der Konflikt mit dem Centralverein, der auf dem Delegiertentag einen Widerhall fand, wurde von Kaufmann wie folgt geschildert: „Zur innerjüdischen Politik stellte der Redner [Kurt Blumenfeld13; d.V.] fest, daß der deutsche Zionismus niemals – wie der Centralverein – nationale Autonomie für die deutsche Juden gefordert hat. Gegen die antizionistische Wahlparole des Centralvereins wandte sich Blumenfeld mit großer Schärfe und unter dem lebhaftesten Beifall des ganzen Delegiertentages; insbesondere mit dem Argument, daß der Centralverein das ganze deutsche Judentum uniformieren möchte und jeden ächte, der nicht hinein paßte.“

Darauf folgte von Kaufmann ein Artikel über die Hauptversammlung des Centralvereins in Berlin, der sich u.a. mit der Frage der Unterstützung des russischen Projektes „ORT“14 befasste. Kaufmann meinte, dass die Unterstützung der Tätigkeit des „ORT“ durch den Centralverein auch von den Zionisten, von denen er in diesem Zusammenhang von „wir Zionisten“ spricht, positiv vermerkt werden müsse, denn für „[…] diese Aktion [setzen sich] auch diejenigen Kreise ein, die vor nicht langer Zeit erklärt haben, es sei ein Verbrechen, wenn das in Deutschland gesammelte Geld einem ausländischen Land zugeführt würde.“ Und Kaufmann begann dann gegen seinen politischen Gegner regelgerecht zu keilen, indem er im Folgenden bissig bemerkte, „ […] ein bekannter deutscher Rabbiner verstieg sich zu dem ungeheuerlichen Ausspruch, daß es Landesverrat sei, Geld nach Palästina für den Keren Hajessod15 zu geben“ und merkte dann schon fast süffisant an, „und jetzt stehen gerade diese Kreise auf und fordern die deutschen Juden auf, ihr Geld nach Rußland für die Umschichtung der russischen Juden zu geben.“ Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung griff diese Haltung des CV in seinem Artikel nochmals auf, um dann gegen den CV zu polemisieren:

„Wie ist es nun möglich, daß auf einmal ein großer Umschwung in der Ansicht der früheren Leute im C.V. stattgefunden hat? Ja, zur selben Zeit, in der die eingangs erwähnte Versammlung stattfand, in der sich der Vorsitzende des C.V. erfreulicherweise für eine Sammlung für ein außerhalb Deutschlands liegendes Werk einsetzt, finden wir in der C.V-Zeitung einen Angriff auf den Keren Hajessod, der aus einer amerikanischen Zeitung entnommen ist und in der es heißt, ‚daß es eine Sünde ist, von den Juden dieser Länder (Deutschland, Polen, Rumänien usw.) soviel Geld ins Ausland zu senden, wenn es doch so dringend nötig in der Heimat gebraucht wird, um die Not in der Heimat zu heben‘. Das Organ des C.V. bemerkt dazu: ‚Wir haben nichts weiter hinzuzufügen.‘ Besteht nicht darin eine große Unlogik, daß man für die Sammlung in Rußland eintritt, und mit demselben Argument gegen eine Sammlung in Palästina ist? Oder liegt Rußland nicht mehr im Ausland?“

Auch in Kassel wurde der Konflikt mit Schärfe geführte. Den Zionisten wurde völkisches Denken und Nationalismus vorgehalten, die Zionisten warfen dem Centralverein einen nicht zu rechtfertigenden Alleinvertretungsanspruch, mangelnde Unterstützung bedürftiger Juden und mangelnde Unterstützung der jüdischen Auswanderung nach Palästina vor. Kaufmann steuerte mit seinem letzten persönlich gezeichneten Artikel eine scharfe Polemik bei. In einer am 14.05.1926 veröffentlichten Replik stellte er die, seiner Auffassung nach, unlauteren Methoden der Gegner des Zionismus bloß. In seinem mit „Darf man die Wahrheit über Palästina sagen?“ überschriebenen Artikel griff er in aller Schärfe einen als Kronzeugen präsentierten Autor an, auch indem er seine persönliche Integrität in Frage stellte. In der Jüdisch-liberalen Zeitung konnte ein Joachim Fischer, der sich länger in Palästina aufhielt, gegen den Zionismus Stellung beziehen.15 Kaufmann machte sich zunächst darüber lustig, dass der Autor Fischer seinen „ehrlichen“ Namen Chaim gegen Joachim ausgetauscht habe und durchschaute die bis heute gern verwendete Methode, mangels eigener überzeugender Argumente, jemanden in Stellung zu bringen, der allein aufgrund seiner Herkunft und / oder der vermeintlich oder tatsächlichen Lebenserfahrung nur Recht haben könne. Er schrieb, man solle sich vergegenwärtigen, mit welchen Mitteln „gegen das Aufbauwerk in Palästina gehetzt wird, wer die Kronzeugen der Gegner sind.“

Dann wird Fischer als Bankrotteur und Opportunist dargestellt, der Frau und Kinder mittellos zurückgelassen habe und Kaufmann schloss seine Polemik mit folgender Bemerkung launisch ab: „Wer dächte [im Falle Joachim Fischer; d.V.] nicht an den Schmock aus Freytags ‚Journalisten‘, der ‚da kann schreiben rechts und kann schreiben links?‘ Nur daß Schmock ein ehrlicher armer Teufel war und nicht Frau und Kinder im Stich gelassen hat. Mancher, der sich für den Aufbau Palästinas interessiert – auch der Nichtzionist – wird dabei an Friedrich des Großen Ausspruch beim Anblick gefangener Banduren denken: ‚Und mit solch einem Pack muß ich mich herumschlagen!’“

Kaufmanns Bericht über den 14. Zionistenkongress in Wien

Der 1925 von Kaufmann verfasste Bericht über den 14. Kongress der Zionisten sei zum Schluss nochmal ausführlich zitiert. Er drückt am deutlichsten Kaufmanns Haltung zum Zionismus aus.

„[…] der Kongreß [ist] das geblieben, was er von Anfang an war und als was sein Schöpfer sich ihn gedacht hat: die sichtbarste und repräsentativste Manifestation des Zionismus‘ und die stärkste Betonung des jüdischen nationalen Lebenswillens. Der Kongreß ist eine Erscheinung von stärkstem Interesse und seltenem Reiz für jeden, der Gelegenheit hat, daran teilzunehmen. Schon seine Zusammensetzung und die Art seiner Teilnehmer machen ihn zu einem Ereignis von ungewöhnlicher Art. Kaum ein zweiter nationaler Kongreß dürfte eine solche Mannigfaltigkeit und Differenziertheit unter seinen Delegierten, Journalisten und Gästen aufzuweisen haben, wie der Kongreß der Zionisten. Alle Länder der Welt, wo Juden wohnen, sind bei diesem Kongreß vertreten. […] Auch der entschiedenste Gegner der zionistischen Bewegung kann nicht bestreiten, dass in den 28 Jahren, seitdem durch Theodor Herzl diese jüdische Tribüne errichtet wurde, diese Bewegung ein großes Stück weitergekommen ist. Wohl demonstrieren wir auch heute durch unseren Weltkongreß, um der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß der Zionismus lebt und daß er zu stärksten Potenz im jüdischen Leben geworden ist. Aber der Zionistenkongreß ist längst nicht bloß eine Demonstration, denn wenn er auch nur alle zwei Jahre für eine kurze Zeitspanne zusammentritt, so zeigt er der Welt mehr als eine Heerschau über die Stärke der zionistischen Bewegung. Aus den Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen dieser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft.“

Die Begeisterung, die dieser Kongress bei dem Berichterstatter auslöste, kann dieser kaum verhehlen, im Gegenteil: In der Beschreibung einzelner Szenen des Kongresses wird diese unmissverständlich deutlich. Den Auftritt Weizmann schilderte Kaufmann wie folgt: „Schon viele Stunden vor Beginn der Eröffnungssitzung war die Straße, in der der Kongreß tagte, schwarz von Menschen. Das Konzerthaus, ein Bau größer als die Stadthalle, konnte kaum die Hälfte der Menschen fassen, die Einlaß begehrten. Der Saal bietet mit seiner kunstvollen, vornehmen Ausstattung eine herrliche Umgebung für die Beratungen dieses Parlaments. Um 7.15 Uhr wird es plötzlich totenstill im Saal. Die Exekutive tritt ein. Dr. Weizmann schreitet zum Präsidentenpult. Und plötzlich bricht eine ungeheure stürmische Ovation los, die nicht enden will.“

Das Ende der Eröffnungsszene fasste Kaufmann, merklich in pathetischer Stimmung, wie folgt zusammen: „Und nun ist der Kongreß eröffnet. Zwei Jahre mühevoller Arbeit der zionistischen Organisation sind abgeschlossen, eine neue Arbeitsperiode, nicht minder mühevoll und schwer, hat begonnen. Der brausende Gesang der nationalen Hymne, in die die gewaltige Versammlung einstimmt, schließt wirkungsvoll die Eröffnungssitzung.“

Ein Ereignis trübte dann doch auch Kaufmanns begeisterte Berichterstattung über den Kongress. Eine nicht „unerhebliche“ Zahl an Hakenkreuzlern marschierten in Wien auf, um die Veranstaltung zu stören. Doch wurden sie von der „Polizei in andere Teile der Stadt abgedrängt, so daß die Begrüßung der Delegierten durch die Wiener zionistische Organisation völlig ohne Störung verlief.“ Kaufmann schrieb damals optimistisch, „man hat überhaupt den Eindruck, als ob die Wiener Bevölkerung mit Bedauern die Demonstrationen der Hakenkreuzler betrachtet“ und stellte fest, dass sie „zum großen Teil […] aus Deutschland gekommen sind, um anläßlich des Kongresses im Trüben zu fischen.“

Nach 1926 sind dann keine persönlich gezeichneten Artikel Kaufmanns mehr zu finden. Lediglich einige redaktionelle Bemerkungen und Hinweise finden sich hier und da, in denen er vor allem seine journalistische Integrität verteidigt. Die hier dargelegte Positionierung und Schärfe seiner Polemik findet sich nicht mehr. Angesichts des eingangs dargelegten, von Prager formulierten Anspruchs der Zeitung, drängt sich die Interpretation auf, dass sich Kaufmann als Herausgeber nicht zu sehr mit seinen eigenen Positionen exponieren wollte.

Die Erklärung „In eigener Sache“ vom 19.12.1930 schildert eine Auseinandersetzung mit einem Vertreter der Gemeindeältesten und dem Kreisvorsteher Lazarus, die der Jüdischen Wochenzeitung tendenziöse Berichterstattung vorwarfen. Dieser Vorwurf wurde in einer Erklärung der Gemeindeältesten entkräftet, eine Erklärung die in Abwesenheit Julius Goldbergs zustande kam, wie Sally Kaufmann betonte.

Die Tätigkeit als Verleger und Herausgeber trugen zu Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation der Kaufmanns bei. Ende 1927 konnten sie sich in der Kölnischen Straße 77 ein Haus kaufen, in welchem sie ab 1931 eine großzügige und modern eingerichtete, von Kaufmann als „alles in gut-bürgerlicher Ausstattung“ beschriebene, Wohnung bewohnten. Kaufmann erwähnte 1955 in einem Schreiben an das Regierungspräsidium Kassel (die Entschädigungsbehörde), dass sich in der Wohnung u.a. eine Original-Radierung von Hermann Struck17 als auch eine wertvolle Bibliothek befanden. Das ehemalige Hausmädchen Katharina Kamman berichtete, dass die Kaufmanns häufig und viel Besuch empfingen. Von als eher in ärmlich und bescheiden zu bezeichnende Verhältnissen lebend, hatten es die Kaufmanns zu etwas gebracht.

Aufgrund wiederholter Konflikte mit dem damals in Kassel als Rechtsanwalt und Stadtverordneter der NSDAP tätigen Roland Freisler beschloss Kaufmann mit seiner Familie Kassel 1932 zu verlassen. Kaufmann ging nach Belgien. Der Rest der Familie verließ Kassel, um vorübergehend in Darmstadt bei den Eltern von Helene Kaufmann unter zu kommen. Sally Kaufmann arbeitete zunächst in Belgien als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung um dann mit seiner Familie im April 1933 nach Palästina auszureisen.

Kaufmanns Schwager und Prokurist seines Verlages, Ludwig Goldberg (Eleasar Gilad)18, führte die Jüdische Wochenzeitung noch bis in den April 1933 weiter, bis sie dann in ihrem 10. Erscheinungsjahr eingestellt wurde und Goldberg, wie er notiert, alles zurücklassend „Hals über Kopf flüchten“ musste. Die Kaufmanns reisten, wie der Sohn Mordechai Tadmor (Martin Kaufmann) berichtete, aufgrund eines „Kapitalistenzertifikates19 nach Palästina ein. Der größte Teil ihres Vermögens, der Hausbesitz, wie die Einrichtung der Wohnung und vermutlich große Teile der wertvollen Bibliothek, gingen jedoch verloren. Und so wie Arnold Zweig20, der einer der wichtigsten Autoren der Jüdischen Wochenzeitung war, und viele andere Jeckes, geriet Sally Kaufmann in Palästina nach seiner Ankunft schnell mit der Realität im Jishuw in Konflikt. Kaufmann weigerte sich, Hebräisch zu sprechen und konnte in keiner Hinsicht an seine gesellschaftliche Reputation und seinen wirtschaftlichen Erfolg, den er in Kassel erreichen konnte, anknüpfen. Versuche sich selbständig zu machen scheiterten. Schwer krank, in Kassel bis heute weitgehend vergessen, starb Sally Kaufmann verarmt21 1956 in Givayatim.

1 Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) war die Organisation der jüdischen Soldaten in Deutschland. 1919 gegründet, hatte er zeitweilig bis zu 55.000 Mitglieder. Der RjF war vor allem im Kampf gegen den Antisemitismus aktiv und vertrat mehrheitlich eine Politik der jüdischen Assimilation. 1938 wurde er zwangsweise aufgelöst.

2 In Kassel organisierte sich als lokale Organisation die Zionistische Gruppe, deren Vorsitz bis 1925 Dr. Hermann Kugelmann und Sally Kaufmann und dann Julius Dalberg und Dr. Willy Weisbecker innehatten. Deutschlandweit organisierte sich 1894 die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZvfD). Ihre Mitgliederzahl erreichte 1923 33.000, ging dann aber wieder zurück. Bis 1933 hatte das Hauptaugenmerk dieser Bewegung, die Einwanderung nach Palästina zu fördern, nur einen geringen Erfolg. Als Vertretung des Zionismus innerhalb der deutschen jüdischen Organisation trat die „Jüdische Volkspartei“ in Erscheinung, die in Kassel von Dr. Kugelmann und Dr. Weisbecker in Hessen Nassau u.a. von Josef Prager repräsentiert wurden. Auch in Kassel gab es eine heftige Auseinandersetzung mit den Vertretern des Centralvereins (CV; vgl. FN 8). In den Beilagen der Jüdischen Wochenzeitung (Mitteilungen der Zionistischen Ortsgruppe und Mitteilungen des Centralvereins, Ortsgruppe Kassel) im Jahr 1925 sind die gegensätzlichen Positionen beider Seiten dokumentiert.

3 Josef Prager, geb. 1885 (Hannover) – gest. 1983 (Haifa), Arzt, Vertreter der Jüdischen Volkspartei für Hessen Nassau, wanderte 1932 nach Palästina aus.

4 Julius Dalberg, geb. 1882 in Essento (Marsberg) – ermordet 1943 (Sobibor), Rechtsanwalt, im RjF und in der Zionistischen Gruppe Kassel aktiv, Vertreter der Gemeindeältesten der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Von den Nazis 1933 schwer misshandelt, floh er nach Ende 1933 nach Holland.

5 Dr. Hermann Kugelmann, geb. 1891 (Witzenhausen) – gest. 1975 (Witzenhausen), Rechtsanwalt. Führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei in Hessen Nassau und Kassel. 1936 nach Palästina ausgewandert, nach dem Krieg nach Kassel zurückgekehrt. Kugelmann vertrat zeitweilig die Familie Kaufmann in den Verfahren der Entschädigung als Verfolgte des Nationalsozialismus.

6 Walter Bacher, geb. 1892 (Breslau) – ermordet 1944 (Buchenwald), Lehrer, Aktivist des RjF und der Zionistischen Ortsgruppe Kassel, kehrte nach einer Reise nach Palästina im Jahr 1936 nach Deutschland zurück. 1938 versuchte er mit seiner Frau vergeblich Deutschland zu verlassen. 1941 nach Riga deportiert.

7 Jakob Ledermann, geb. 1894 – gest. 1947 (Tel Aviv), Lehrer. Im Ersten Weltkrieg Kampfflieger, bis 1933 Generalsekretär des RjF.

8 Der bereits 1883 gegründete Centralverein (CV) war der größte jüdische Verband in der Weimarer Republik. Er positionierte sich gegen den Zionismus und sah sein Hauptbetätigungsfeld im Kampf gegen den Antisemitismus und gegen die Boykottbewegung.

9 Der Abwehrkampf war eines der Hauptbetätigungsfelder des CV. Abwehrkampf bezeichnete die juristische, agitatorische und vom RjF auch handgreiflich geführte Auseinandersetzung gegen die völkischen und antisemitischen Gruppierungen, deren Tätigkeiten 1922 mit der Ermordung Walter Rathenaus und 1923 mit einem Pogrom im Berliner Scheunentorviertel unrühmliche Höhepunkte fanden. Insbesondere richtete sich der Abwehrkampf gegen die antisemitische Boykottbewegung und gegen das weite Verbreitung findende antisemitische Pamphlet der „Protokolle der Weisen von Zion“.

10 Ludwig Holländer, geb. 1877 (Berlin) – gest. 1936 (Berlin), führender Aktivist und Jurist (Syndicus) für den Centralverband. Publizist und seit 1922 Chefredakteur der Centralverband-Zeitung.

11 Chaim Weizmann, geb. 1874 (Pinsk, Weißrussland) – gest. 1952 (Rechovot, Israel), Chemiker. Präsident der Zionistischen Weltorganisation, 1949 – 1952 Staatspräsident Israels

12 Der 1902 erschienene utopische Roman „Altneuland“ Theodor Herzls trug den Untertitel: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.

13 Kurt Blumenfeld, geb. 1884 (Marggrabowa, Ostpreußen) – gest. 1963 (Jerusalem), Jurist und Parteisekretär der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes, seit 1936 Direktor des Keren Hayesod (vgl. FN 15), zog 1945 nach Palästina.

14 ORT = Organisation – Reconstruction – Training. 1880 in Russland zur Berufsausbildung von Juden in Russland gegründet. Vorübergehend auch in der Ansiedlung von Juden in einem Ansiedlungsrayon tätig. Seit 1921 als internationale Organisation in Berlin zur Ansiedlung und Berufsausbildung von Einwanderern nach Palästina / Israel tätig.

15 Der Keren Hayesod wurde 1920 auf dem Zionistischen Weltkongress zur Förderung der Einwanderung und Integration von Juden in Palästina / Israel gegründet. Hauptsächlich aktiv in der Spendensammlung.

16 Der Artikel erschien am 7. Mai 1926 in der Jüdisch-liberalen Zeitung in einem bis heute bei Antizionisten beliebten Duktus unter der Überschrift: „Warum soll man nicht die Wahrheit über Palästina veröffentlichen dürfen?“ Aber im Gegensatz zu Antizionisten von heute, stellt Fischer in erster Linie die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Wirtschaft der Einwanderungsgesellschaft in Frage. Die Jüdisch-liberale Zeitung erschien von 1920 bis 1936 und wurde von Julius Loeb in Breslau herausgegeben. (Vgl. Jüdisch-liberale Zeitung)

17 Hermann Struck, geb. 1876 (Berlin) – gest. 1944 (Haifa), Struck war um die Jahrhundertwende ein einflussreicher Zeichner, Maler, Radierer und Lithograf, der einige bekannte Porträts schuf. In Palästina half er bei der Gründung des Tel Aviv Museum of Art.

18 Goldberg war mit Mathilde Enoch, der jüngeren Schwester Helene Kaufmanns, verheiratet.

19 vgl.: Palästina als Zufluchtsort der Europäischen Juden. BpB, 16.09.2014

20 Arnold Zweig, geb. 1887 (Glogau) – gest. 1968 (Ost-Berlin), Schriftsteller (Der Streit um den Sergeanten Grisha; Das Beil von Wandsbek); in den zwanziger Jahren Anhänger des Zionismus, floh 1934 nach Haifa. Schon 1932 änderte sich seine Haltung zum Zionismus. In Palästina geriet er auch aufgrund seiner Bevorzugung der deutschen und jiddischen Sprache und als Vertreter einer Politik der Aussöhnung mit den Arabern in Konflikt mit jüdisch-nationalistischen Gruppen des Jishuw. Zweig kehrte 1948 nach Ost-Deutschland zurück, in der DDR Kulturfunktionär.

21 Die Abteilung für Sozialarbeit in Tel Aviv bescheinigte den deutschen Wiedergutmachungsbehörden im Jahr 1955, dass der mittlerweile schwer erkrankte Sally Kaufmann über kein Vermögen und nur über ein unzureichendes Einkommen verfügte.

Über Sally Kaufmann und seinen Sohn Mordechai Tadmor ist der Blogbeitrag Ungedanken – Kassel – Tel Aviv  veröffentlicht worden, indem auf die etwas ausführlichere Broschüre über die Familie Kaufmann verwiesen wird.
Einige Angaben über die Familie Kaufmann sind auf der Internetseite des Vereins Stolpersteine in Kassel zu finden.
Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar hat der Zeitung Sally Kaufmanns ebenfalls ein paar Absätze in seinem Aufsatz „Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde“ gewidmet.

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