Colonel Dr. Martin – Ein Agent in Deutschland

Mordechai Tadmor als Korrespondent der Jerusalem Post und als Colonel Dr. Martin in Deutschland

Im Folgenden eine kurze Episode aus dem Leben Mordechai Tadmors. Er lebte als Martin Kaufmann von 1922 – 1932 in Kassel (siehe hier mehr: Ungedanken – Kassel – Tel Aviv) und hielt sich in den fünfziger Jahren offiziell als Korrespondent der Jerusalem Post in Deutschland auf. Es war seine Decktätigkeit, seine eigentliche Aufgabe war eine andere. Aber er betätigte sich trotzdem auch journalistisch. In einem Gespräch erzählte er mir:

„Ich musste ja ausgebildet werden, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von Agententätigkeit. Klar ich wusste was man als Nachrichtenmann so macht, aber nichts davon, wie man z. B. Agenten führt. Ich absolvierte dann beim Schabak (Scherut haBitachon haKlali oder Shin Bet) einen Schnellkurs. Das war ziemlich unsolide alles und sehr spontan. Aber man sagte mir, Du wirst das schon irgendwie arrangieren. […] Sie zeigten mir wie man Geheimdokumente fotografiert, wie man tote Briefkästen anlegt, wie man Nachrichten chiffriert und dechiffriert usw.. Dann musste eine Abdeckung geschaffen werden und alles innerhalb von 14 Tagen. Heute dauert so etwas mindestens ein Jahr. So erschien ich zum einen als Korrespondent der Jerusalem Post aber ich bedurfte einer zusätzlichen Legende und in dieser sollte ich weder als Israeli noch als Deutscher auftreten, also gab man mir eine türkische Legende. So war ich dann der Colonel Dr. Martin. Das war alles ziemlich gewagt, denn ich hatte außer einem kurzen Besuch beim Militärattaché in Istanbul im Jahre 1950 mit der Türkei nie etwas zu schaffen und sprach auch kein türkisch aber ich konnte ein türkisches Lied singen und das reichte damals in Deutschland um als türkischer Offizier durchzugehen. Aber ich war auch kein ausgebildeter Journalist. Also musste ich auch in der kurzen Zeit lernen wie man Artikel verfasst, ich hatte bisher nur Dossiers über fremde Heeresabteilungen verfasst. Mein Ausbilder in Sachen Journalismus, wie man Artikel schreibt etc. war der damals bekannte Schriftsteller und Journalist Shabtay Teveth1. Leider ist er schon lange tot. Er schrieb viele Bücher, darunter eines über den 6-Tagekrieg: „Exponiert im Panzer“. Ich schulde ihm viel. Obwohl ich nur wenig Zeit hatte, brachte er mir die Elemente der Journalistik in einer Woche bei.“

Herr Tadmor erhielt als Anerkennung vom Bundeskanzler eine signierte Postkarte.

In Deutschland war Mordechai Tadmor der erste israelische Korrespondent überhaupt. In dieser Funktion lernte er Franz Josef Strauß kennen, der damals mit Shimon Peres wichtige Waffenlieferungen für Israel aushandelte. Insbesondere hatte es ihm aber Konrad Adenauer angetan. Adenauers Rolle in der Bundesrepublik sah Mordechai Tadmor vor allem im Zusammenhang mit dem Luxemburger Abkommen2 weitgehend positiv: „Konrad Adenauer und David Ben-Gurion hatten den Mut und die Voraussicht, dieses schwierige Thema anzugehen und auch durchzuführen. Die Wiedergutmachung ermöglichte letztendlich den Aufbau und die Industrialisierung Israels.“ Die Hochachtung Adenauers gegenüber beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. So erfuhr Mordechai Tadmor, dass Konrad Adenauer seine Berichterstattung schätzte. Er konnte ihn mehrfach bei seinen politischen Terminen und Wahlkampftouren begleiten.

„On the Road with Adenauer“ erschien in der Jerusalem Post am 15. September 1957. Der Artikel wurde auch in der Wochenzeitung rezipiert.

Mordechai Tadmor schrieb verschiedene Artikel für die Jerusalem Post über Adenauer. Der Artikel „On the road with Adenauer“ erzählt von einem längeren Gespräch mit Adenauer, das er auf einer der Wahlkampftouren mit ihm führte. Adenauer bekundet darin, dass er große Hochachtung gegenüber den Israelis habe und bemerkte ferner, dass er ihren Mut in den jüngsten militärischen Auseinandersetzungen bewundere. Außerdem betonte er, dass er sich zur Freundschaft zu Israel bekenne. In diesem Gespräch bemerkte Mordechai Tadmor Adenauer gegenüber, dass die Bewunderung des Mutes allein Israel im Kampf gegen die feindlich gesinnten Nachbarn wenig nützen würde. Dann sprach er seine Befürchtungen über die regen Waffenlieferungen der Sowjetunion an die arabischen Staaten an. Mordechai Tadmor beschloss den Artikel mit der Bemerkung, dass es ein seltsam beunruhigendes Gefühl für einen Israeli sei, den Deutschen Bundeskanzler bei seinen Wahlkampftouren so nahe gewesen sein zu dürfen. Doch obwohl dem Ausgang dieser Wahlen in Israel kaum Beachtung geschenkt wurde, allein die Möglichkeit eines israelischen Korrespondenten, den Bundeskanzler in dieser Form begleitet haben zu können, sei, so Mordechai Tadmor in seinem Artikel, Ausdruck Adenauers Größe.

Durch einen dummen Fehler fliegt Mordechai Tadmors Deckung als Colonel Martin auf. Für die Nazi-Zeitung Soldaten Zeitung ein gefundenes Fressen.

„Meine Arbeit war trotz der kurzen Ausbildung von Erfolg gekrönt. Sogar die Allgemeine – Wochenzeitung der Juden in Deutschland wollte mich als Redakteur und Bonner Korrespondent einstellen,“ so zog Mordechai Tadmor ein Resümee über seine Tätigkeit als Journalist. Doch die Tätigkeit bei der Jüdischen Allgemeinen blieb ihm verwehrt. Soweit kam es nicht, denn als die Deutsche Soldaten-Zeitung3 im Juli 1958 Mordechai Tadmor als israelischen Agenten aufdeckte, musste er Hals über Kopf Deutschland verlassen.

Eine umfangreichere Würdigung der Tätigkeiten Mordechai Tadmors nach 1945 wird in Form einer weiteren Broschüre erarbeitet.

Bisher erhältlich: Westlich des Suez

1 Shabtay Teveth, geb. 1925, gest. 2014 war Journalist, Schriftsteller und Historiker. Er schrieb unter anderem eine Biographie über David Ben Gurion.

2 Das Luxemburger Abkommen, in Deutschland auch „Wiedergutmachungsabkommen“ genannt, im englischen treffender Reperations Agreement wurde 1952 geschlossen. Deutschland verpflichtete sich damals zur Lieferung von Exportgütern und Dienstleistungen in der Höhe von 3,5 Mrd. DM und der Rückerstattung von Vermögenswerten. Dieses Abkommen konnte Adenauer nur mit den Stimmen der SPD gegen den Widerstand der Parteien der Regierungskoalition durchsetzen. Auch in der deutschen Bevölkerung fand das Abkommen nur wenig Unterstützung. Adenauer wurde vorgeworfen, ein Werkzeug des Weltjudentums zu sein. Aber auch in Israel war das Abkommen umstritten.

3 Die Deutsche Soldaten-Zeitung wurde 1950 von Nazis und ehemaligen SS-Leuten gegründet. In den späten Fünfziger Jahren übernahm der Nazi Gehard Frey die Zeitung und führte sie ab 1961 als alleiniger Besitzer unter dem Namen Deutsche Soldaten-Zeitung und National-Zeitung fort.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s