Rothenditmold, ein Kasseler Stadtteil unter Stalins Banner?

Rothenditmold ist ein Stadtteil in Kassel. Dort wurde bei der Kommunalwahl 2016 eine Liste namens AUF mit 28,75 % der abgegebenen Stimmen zweitstärkste Partei. Hinter AUF verbirgt sich die MLPD. Die HNA vermeldete, dass in diesem Stadtteil ein „linkes Wahlbündnis“ zweitstärkste Fraktion wurde, weitere Infos – Fehlanzeige.

Die MLPD ist im Vergleich zur AfD völlig unbedeutend, aber nicht harmloser als diese. Während die AfD versucht, sich den Anschein zu geben, als wäre sie eine Partei, die auf der Grundlage des Grundgesetzes agiere (gleichzeitig aber z.B. in Kassel Nazis in ihren Reihen duldet), beruft sich die MLPD auf die „Klassiker des Marxismus-Leninismus“, darunter ausdrücklich auch auf Stalin. Dieser habe zwar Fehler begangen, sei aber ob seiner großen Verdienste für den Aufbau des Sozialismus und für die internationale Revolution zu verteidigen. Der Gulag wird von dieser Partei als eine „fortschrittliche Maßnahme der sozialistischen Sowjetunion“ angesehen. In den Arbeitslagern hätten vor allem Kriminelle gesessen, die dort zur nützlichen Arbeit erzogen werden sollten.

Weißmeerkanal

Schuften für den „echten Sozialismus“ – bald an der Döllbachaue in Kassel? (1)

Die, die sich sonst über jeden Furz empören, den ein Rechtsextremist lässt, schweigen angesichts dieser politischen Zumutung nicht nur, sondern üben mit den Brüdern dann sogar gemeinsame Sache, wenn es darum geht, auf den unvermeidlichen Demos gegen Rechts sich gegenseitig der eigenen guten Gesinnung zu versichern. (2)

Gleichwohl, es ist vor allem der Erfolg der AfD, der besorgniserregend ist. Die politische Substanzlosigkeit der SPD, die Orientierungslosigkeit der CDU, der Opportunismus der Grünen erinnert mich an eine Situation, die Thalheimers Faschismustheorie beschreibt. Faschismus sei demnach dann eine Option, wenn die Herrschenden nicht mehr wissen wie es weiter gehen soll und die Revolution keine Perspektive hat. Die proletarische Revolution war zuletzt 1918 eine Option und 1941 eine versäumte Pflicht. An ihrer statt trat die deutsche Revolution 1933, deren Nachwirkungen bis heute spürbar ist, nicht in der Hinsicht, dass die AfD die Nazis von heute seien, sondern, dass die Deutschen in der konformistischen Revolte nach wie vor ihr Heil suchen. Landläufig wird dies heute als „Protest“, als „Sorge“ oder Wut des kleinen Mannes und der kleinen Frau bezeichnet.

Und wenn dann nicht die Partei zur Verfügung steht, die diese deutsche Wut am besten artikuliert, wie zur Zeit die AfD, wird auch mal eine Truppe wie AUF, andernorts die NPD, die Linke, oder in Nordhessens alter Tradition, die SPD gewählt. (3) Daraus den Schluß zu ziehen, es käme jetzt darauf an, die soziale Frage zu formulieren und dann gemeinsam Seit‘ an Seit‘ gegen Faschismus und Kapital zu schreiten und die Verirrten seien nur in die Front des wahlweise wahren, demokratischen, revolutionären et al. Sozialismus einzureihen, ist alter Köhlerglaube linksdeutscher Ideologie, die Ausdruck des politischen Bestrebens ist, eine bessere Volksgemeinschaft wahlweise auch eine Volksfront gegen die da oben, gegen das Finanzkapital, für die (deutsche) Arbeit usw. formieren zu können, als dies die Rechte tut.

Trotzdem, es ist nicht egal, in welche Wählerstimmen sich die Wut der Deutschen ausdrückt. Die NPD oder die AfD im Parlament bedeuten für die demokratische Verfasstheit grundsätzlich etwas anderes, als es die Linke oder gar die SPD im Parlament tun. Die ersten beiden sind eine Bedrohung der Demokratie, die letzteren sind deren Ausdruck.

Was jedenfalls nicht zu befürchten ist, ist dass in der Döllbachaue demnächst „freie Arbeiter“ gemeinsam mit Häftlingen unter härtesten Bedingungen für den sozialistischen Aufbau arbeiten – das ist – blickt man nach Polen, Ungarn, Frankreich usw. und den exorbitanten Wahlergebnissen für die AfD aber nur ein schwacher Trost.

(1) Das Bild zeigt eine Baustelle am Ostsee-Weißmeer-Kanal. Vor allem Häftlinge schufteten dort (schon vor dem großen Terror) unter erbärmlichsten Verhältnissen. Tausende kamen dabei ums Leben.

(2) Auf der Webseite des Kasseler Bündnis gegen Rechts wird die MLPD als unterstützende Organisation geführt.

(3) In Kassel schnitt die AfD in den Stadtteilen besonders stark ab, in denen die SPD gute Ergebnisse bei den Wahlen für die Ortsbeiräten erzielte, zu denen die AfD nicht kandidierte.

Antizionismus und das Bündnis mit der Reaktion

Eine Tradition der radikalen Linken: Der Pakt mit den Antisemiten

In einer kurzen Meldung, die mit einer Überschrift das auf den Punkt bringt, was zu kritisieren war, wird die Haltung der KPD zu auf den Punkt gebracht: „Die ‚Rote Fahne‘ fordert die Kommunisten in Palästina auf, Schulter an Schulter mit den Arabern ein Vernichtungskampf gegen die Juden zu führen.“

Rote Fahne JWC

Die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck formuliert ohne große Worte dazu zu verlieren den moralischen Bankrott der stalinistischen KPD. Die Meldung ist Bestandteil einer ausführlichen Berichterstattung über die vom Mufti von Jerusalem antisemitisch angeheizten Unruhen im Mandatsgebiet Palästina und die darauf folgenden Pogrome  gegen die jüdische Bevölkerung.

Die Zeitung wurde von Sally Kaufmann herausgegeben. Sally Kaufmann wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar geboren, lebte nach 1918 in Kassel und gründete 1924 seine Zeitung. 1932 wanderte Sally Kaufmann nach Tel Aviv aus. Die Zeitung existierte noch bis in die Dreißiger Jahre und ging mit der jüdischen Gemeinde Kassels, wie das europäische Judentum insgesamt, im Strudel des Vernichtungsfurors des deutschen Nazifaschismus unter.

Es gibt zwei Traditionen, die eine wurde von den Deutschen vernichtet, die andere, der Israelhass und Antizionismus setzt sich bis heute fort (und ist kein Alleinstellungsmerkmal der Stalinisten mehr).

Der Blog wird sich in den nächsten Monaten mit der Jüdischen Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck und Sally Kaufmann intensiv beschäftigen.

Appeasement und Ressentiment – Der Islam und das Elend einer politischen Kultur der Moderne

Alltag in einer Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung und eine Meldung

Die hauptamtlichen Betreuerinnen einer Flüchtlingsaufnahmeeinrichtung planen einen Ausflug mit den Insassen der Einrichtung. Es soll ein Café in der näheren Umgebung besucht werden. Einige der dort untergebrachten Insassinnen melden Interesse an, vor allem Mütter mit ihren Kindern. Einige der Kinder sind Mädchen im Alter zwischen 12 und 16. Da tritt einer der Heimbewohner auf und macht auf Arabisch irgendetwas sehr unmissverständlich deutlich – die Mädchen schauen eingeschüchtert drein. Ein hinzugezogener Dolmetscher erklärt den Betreuerinnen, da in die Ausflugsgruppe unverheiratete Mädchen dabei sind, dürfen keine männlichen Jugendlichen und Männer mitfahren. Die Betreuerinnen tun so, als wäre nichts passiert. Der autoritäre Herr, kräftig, Bart und Jogginghose usw. (ich weiß, Klischee) ist schon öfters dadurch aufgefallen, seine Vorstellung von Ordnung unter den Heiminsassen durchzusetzen, die bei Vielen – auch bei den haupt- und ehrenamtlichen Betreuerinnen – als kulturelle Eigenart gilt, die es zu tolerieren gilt. Im Flur hängt ein Schild, indem darauf hingewiesen wird, dass die Moschee in der näheren Umgebung da und da zu finden ist. Es ist der Hinweis auf eine DITIB-Moschee

I'M Muslim ...

Diesen Bekenntnissen sollte lieber mit Argwohn und Widerspruch begegnet werden.

In Kassel wird eine junge Frau sexuell belästigt. Der Täter ist ein „nordafrikanisch“ aussehender Mann. Die HNA, die diese Meldung bringt, schaltet wohlweislich die Kommentarfunktion ab. Die Meldung macht u.a. auf Facebook die Runde und landet schließlich auf der rechtsextremen Seite „Asylterror“, Meldung machen auch die PI und andere widerliche Erscheinungen im Netz. Dieser Vorfall aus Kassel dient zur Beweisführung dieser menschenfeindlichen Netzaktivisten dafür, dass „Asylanten .. ohne jede Kontrolle oder Registrierung in unser Land [strömen]“ die sich, so das Weltbild derjenigen, die diese Meldung verbreiten, „wie wilde Tiere benehmen, undankbar sind und keinen Respekt vor unserer Nation haben.“

Tat und Gesinnung – Verurteilung und Toleranz

Gerne zitiert werden von diesen Seiten und ihren Anhängern jedoch nicht nur Meldungen, wie die über die sexuellen Übergriffe eines „nordafrikanisch“ Aussehenden aus Kassel, sondern negative Erfahrungsberichte über den Alltag mit Migranten, Einwanderern und Flüchtlingen. Besonders angetan war diese Szene über die Veröffentlichung der Polizistin Tanja Kambouri, die von ihrer Erfahrung mangelnden Respekts muslimischer Männer berichtete. Wenn sich dann so eine Frau der Praxis noch „kritisch“ über vermeintliche Ungereimtheiten der Verlautbarungen von Behörden und Regierungen äußert, so bedient dies erst Recht das Weltbild jener, die meinen es mit einer Verschwörung gegen das deutsche Volk zu tun zu haben.

Problematisch ist jedoch auch etwas anderes. Die Politikerin der Grünen, Irene Mihalic, erklärt, das Problem sei erstens, dass Tania Kambouri „schlechtes Benehmen“ und Respektlosigkeit mit Gewalt und Kriminalität gleichsetze, zweitens ihre persönlichen Erfahrungen, die sie in Bochum gemacht habe, für allgemeingültig erkläre und über jede wissenschaftliche Erkenntnis stelle.“

Mihalic wäre zunächst zu entgegnen, dass es nicht erforderlich ist, persönliche Erfahrungen, bevor man sie der interessierten Öffentlichkeit mitteilt, daraufhin abzugleichen sind, ob sie allgemeingültig sind oder nicht, denn die eigenen Erfahrungen sind immer auch Wirklichkeit, die zu deuten sowohl die Aufgabe des Mitteilenden und als auch die der Rezipienten der Mitteilungen sind. Also wäre zu hinterfragen, inwiefern kriminelles Handeln und inwiefern bestimmtes soziales Verhalten als spezifischer Ausdruck für politische Haltungen und Weltbilder zu bestimmen wären und nicht so zu tun, als sei dies die Wahrnehmung einer politisch Verwirrten. Die Grünenpolitikerin stört, was sie zu thematisieren nicht gewillt ist, weswegen sie der Kambouri in die Parade fährt und eben diese Frage nicht stellt.

Wenn nun Flüchtlinge und Einwanderer kriminelle Taten verüben, so wäre dies keiner weiteren Erwähnung Wert, denn sie sind keine Heiligen, sondern Menschen, die eben nach ähnlichen Mustern agieren, wie es die Autochthonen tun. Unter den Flüchtlingen sind wie unter den autochthonen Deutschen eben auch Vergewaltiger, Diebe und Gewalttäter zu finden, manche verletzten dann noch die Aufenthaltsbestimmungen oder führen gefälschte Papiere mit sich. Letzteres sind Delikte, welche sich authochtone Deutsche eher selten zu Schulde kommen lassen. Vergewaltigung und Gewalt, Diebstahl und Mord, auch Betrug sind Taten, die unabhängig von der Herkunft der Täter von der Staatsgewalt verfolgt werden und erhärtet sich der Verdacht, werden die Täter vor ein Gericht gestellt. In allen diesen Fällen wird jedoch nicht die Gesinnung des Täters vor Gericht gestellt, sondern der Täter und seine Tat. Es gibt keine ernst zunehmende politische Gruppe in Deutschland, die die Straffreiheit für Flüchtlinge und Einwanderer bei diesen Taten fordert.

Respektlosigkeit vor Frauen, wie es die Polizistin erfahren hat, ist jedoch keine Straftat, sondern ein Ausdruck einer persönlichen Haltung, einer Gesinnung, die unter anderem mit dem persönlichen Weltbild korrespondieren kann, dem sich der Respektlose verbunden fühlt. Der Islam ist eine Religion, die u.a. ein frauenfeindliches / frauenverachtendes Weltbild transportiert und exzessiv propagiert für die sich jedes einzelne Individuum entscheiden oder die es ablehnen kann. Als Verfechter eines Weltbildes, nicht als mit einer vermeintlich angeborenen Eigenschaft versehene, ist diesen Personen entgegenzutreten – dies ist in Deutschland aber keine  Selbstverständlichkeit. Dies ändert sich auch dann nicht, wenn es sich bei einem Strafdelikt um eine Vergewaltigung handelt. Diese Straftat ist Ausdruck von Frauenverachtung und dem Bedürfnis des Täters, Macht über Frauen auszuüben. Den Phänomenen Frauenverachtung und Gewaltanbetung ist politisch entgegenzutreten und wird dies i.d.R. auch. Politische Gruppierungen und Einzelpersonen, die der Auffassung sind, Frauen seien zu unterdrücken und mit Macht zu unterwerfen sind in der politischen Landschaft kaum zu finden und wenn, dann werden sie einhellig verurteilt. Predigt dies die islamische Religion, so wird dies jedoch hingenommen.

Der Islam, nicht der Flüchtling ist ein Problem

Viele Flüchtlinge kommen aus Regionen, in denen der Islam die herrschende Religion ist, trotzdem sind die Einwanderer und Flüchtlinge aber nicht alle Muslime. Und wenn sie Muslime sind, sind sie nicht unbedingt jene, die den Glauben so auslegen, wie dies vom IS, der AlNusra und deren salafistischen Ablegern hierzulande, von den iranischen und afghanischen Mullahs und ihren hiesigen Satrapen, von der AKP und ihrer hiesigen Agentur der DITIB, der Milli Görüs u.a. vertreten und gepredigt wird. Aber es wäre ein Wunder, wenn sie nicht auch unter ihnen zu finden wären. Gleichwohl steht ihnen das nicht auf der Stirn (oder unterm Bart verborgen auf dem Kinn) oder auf (oder unter) dem Kopftuch geschrieben, ist keine angeborene Eigenschaft, die sie automatisch qua Herkunft hierzulande verbreiten, sondern sie realisiert sich nur durch die gesellschaftliche Praxis einer Ideologie, der sich einige von Ihnen bewusst im Laufe des Lebens und Sozialisation verschrieben haben.

Ferner ist es so, dass sie auf eine etablierte Struktur einer politischen Migrantenkultur stoßen, in der politisch hegemoniale Verhältnisse ausgebildet sind, in denen der Islam eine zunehmend zentrale Rolle spielt. Die Ermahnung an die Kambouri, eine Differenzierung von schlechtem Benehmen und Respektlosigkeit mit Gewalt und Kriminalität vorzunehmen, ist auch deswegen problematisch, weil wer sich dem Tugendterror der Prediger in den Moscheen und ihren Multiplikatoren im alltäglichen Leben, den bärtigen Herren und Jungs in Jogginghosen, aufgemotzten BMWs usw. (eben den großen Brüdern, Vätern und Onkeln) entgegenstellt, eben dann doch die Gewalt zu spüren bekommt oder Opfer krimineller Handlungen (wie z.B. Körperverletzung oder Schlimmeres) wird.

Wider das Ressentiment und für die Kritik

Ein Artikel in der TAZ über die genannte Polizistin beginnt mit „Mit negativen Pauschalurteilen über Muslime lässt sich Kasse machen.“ Es ist richtig, dass „Islamkritik“ und die Kolportage über die Muslime gut ankommt. Es sind dann eben vor allem Straftaten von Einwanderern und Flüchtlinge, die dann auf Seiten wie die benannte „Asylterror“, oder eben PI oder bei Parteien wie AfD und den vielen Autoren wie Sarrazin usw. ausgeschlachtet werden, um zu verdeutlichen dass „Asylanten“ (ersatzweise diejenigen, die mit Begriffen wie „Muslime“, „Wirtschaftsflüchtling“, „gewerbsmäßiger Bettler“ o.ä. belegt werden) potentielle Betrüger, Kriminelle und Vergewaltiger sind. Dass deren Straftaten genauso verfolgt und sanktioniert werden, wie die der Autochthonen bleibt für diese Kreise genauso uninteressant, wie die Frage, was denn das repressive, frauen- und menschenfeindliche Element einer Ideologie ist, die als Religion daher kommt.

Es wird schnell klar, dass es diesen nicht darum geht, gegen den repressiven Charakter des Islam und seinen Predigern, eben gegen jene Muslime, die sich diese Elemente einer Religion zu eigen machen, zu Gunsten eines freien Individuums in einer freien Gesellschaft zu Felde zu ziehen, sondern nur darum, das Ressentiment gegen Fremde und Flüchtlinge zum Schutze der heimischen Scholle, den eigenen überkommenen Verhältnissen, Vorstellungen usw. schüren. Mangels eines Begriffs von Freiheit und einer Vorstellung von einer freien Gesellschaft wird dann z.B. die kopftuchtragende Frau von diesen eben nicht als Opfer struktureller und persönlicher Gewalt und Unterdrückung angesehen, sondern als zu bekämpfendes Individuum betrachtet. Dem geflüchteten Individuum gilt angesichts der Selbstbezüglichkeit und mangelnden Empathiefähigkeit nicht das Mitgefühl als Opfer einer durch eine gewalttätige Religion legitimierten Unterdrückungs- und Gewaltpraxis, sondern sie werden als Bedrohung der eigenen, als prekär gemutmaßten, Situation halluziniert und das eigene Ressentiment wird mit dem Chiffre „Islamkritik“ ummantelt um gesellschaftliche Anerkennung für die eigene reaktionäre Ideologie zu erlangen.

Diejenigen jedoch, die Tag aus Tag ein davor warnen, Muslime nicht unter einen Generalverdacht zu stellen, machen sich zu Komplizen jener Verhältnisse, die sich in den Einwandererkommunities mit erschreckendem Ausmaß zunehmend etablieren und das fängt damit an, dass ihnen aus Respekt vor einer vermeintlich kulturellen Eigenart freies Feld überlassen wird. Doch demjenigen, der das islamische Glaubensbekenntnis offen vor sich herträgt, ist zunächst mit Argwohn zu begegnen. Menschen, die von sich behaupten, stolz darauf zu sein, Deutsche zu sein, begegnet(e) man ja auch völlig Zurecht mit Unwohlsein und Argwohn, obwohl nicht jeder Deutsche ein Nazi ist.

Der Islam stellt ein politisches Problem dar, das nicht dadurch bekämpft wird, dass Flüchtlinge, die z.T. eben auch vor jenen Gewaltverhältnissen fliehen, die auch auf den Islam zurückzuführen sind, als allgemeine Bedrohung stigmatisiert werden, sie generell als zu bekämpfende oder vice versa in Schutz zu nehmende Muslime bezeichnet werden oder sie zur Ursache gesellschaftlicher Probleme (wie Antisemitismus, Kriminalität, höhere öffentliche Ausgaben, Armut und Arbeitslosigkeit etc.) erklärt werden. Dem Islam ist nur beizukommen, indem die in Deutschland sehr halbherzige Säkularisierung zu einer konsequenten Trennung von Staat und Kirche zu Ende geführt wird, indem Kindhorte und Schulen alleine der öffentlichen Trägerschaft unterliegen und die Schulpflicht (incl. gemischtgeschlechtlichem Unterricht in allen Fächern insbesondere in Sport und im Sexualkundeunterricht) rigide durchgesetzt wird, indem der staatlich und kommunal organisierte Dialog der Religionen beendet wird. (Wenn sich die Religionsvertreter gerne bei Kaffee und Kuchen, anstatt bei AK47 oder Molotovcocktail unterhalten wollen, sollen sie das tun, eine staatliche Adelung dieses Diskurses ist aber nicht erforderlich.) Im Alltag, also im Kindergarten, in der Schule, auf dem Elternabend wie an der Arbeit ist den Predigern des Islam und der Alltagspraxis des Islam ebenso entschlossen entgegenzutreten, wie es gegenüber Rechtsextremen in der Regel praktiziert (oder zumindest angemahnt) wird.

Historiker haben herausgefunden: Hitler hatte Unrecht!

Hitlers „Mein Kampf“ wird 2016 neu aufgelegt werden, als kritische Ausgabe versteht sich. „Wir haben mehr als 3.500 Fußnoten geschrieben und Hitler in Hunderten Details widersprochen. Sein Buch steckt voller Unwahrheiten.“

Potz Blitz! Die Historiker um den Münchner Christian Hartmann haben eine Herkulesaufgabe bewältigt und dabei eine bahnbrechende Erkenntnis gewonnen. Als seriöse Wissenschaftler mussten diese also davon ausgehen, dass Hitler ja auch recht gehabt haben könnte, also werden seine Thesen brav überprüft, ob sie denn nicht doch wahr sein könnten.

Doch wir können uns beruhigt zurücklehnen! „Hitler war gar kein Wohltäter“, bemerkt der von der Süddeutschen Zeitung interviewte Hartmann, er habe immerhin 5.000 traumatisierte Kriegsinvaliden aus dem 1. Weltkrieg vergast. Hätte er das nicht getan, wäre er dann vielleicht doch ein Wohltäter? Nein, da gab es ja noch die Sache mit den Juden.

Hatte in dieser Sache Hitler vielleicht Recht? Nein, zum Glück auch hier ein Irrtum. Der tapfere und emsige Hartmann hatte eine „gewaltige Freude“ daran, Hitler widerlegen zu können und so widerlegt er freudig Hitlers Antisemitismus. Der habe ja nur Stammtischniveau. Natürlich hätte es viele Juden als Journalisten und Verleger gegeben, „aber nicht annähernd in dem Grad, den Hitler unterstellt. Außerdem waren sie politisch ganz unterschiedlich eingestellt. Es gab sogar sehr national denkende Juden.“ Na denn, wenn die Juden damals doch nicht so einen großen Einfluss hatten, wie kolportiert und wohl wider aller Vermutung doch nicht alle Bolschewisten und Novemberverbrecher waren, dann muss sich Hitler und das deutsche Volk wohl geirrt haben.

Hitler war bekanntlich kein Historiker, die übergroße Mehrheit der deutschen Bevölkerung auch nicht, und da „Mein Kampf“ nur ohne Fußnoten zu haben war, wollte die deutsche Volksgemeinschaft lieber auf Nummer sicher gehen, hat also nicht so genau in den Redaktionen und in den Vorständen der Parteien, die dem „Schandfrieden von Versailles“ zugestimmt hatten, nachgezählt. Hitler ist lieber Politiker als Wissenschaftler geworden, das deutsche Volk hat sich lieber zum 1.000-jährigen Reich konstituiert, als später möglicherweise als Judenknecht dazustehen.

Man darf gespannt sein, wie viele Nazis sich jetzt die kommentierte Ausgabe von „Mein Kampf“ kaufen, um zur Erkenntnis gelangen, Hitler ist widerlegt, also lassen wir unsere Hetze gegen Ausländer, Juden und Unangepasste und werden brave Demokraten!

Ob für die Länder, in denen „Mein Kampf“ heute ein Bestseller ist, also für Ägypten, für den Libanon, für die palästinensischen Autonomiegebiete usw. eine Übersetzung der bahnbrechenden Untersuchung in Angriff genommen wird, um die dortige Bevölkerung vor großen Irrtümern zu bewahren, man darf gespannt sein.  Und auch ob das nächste Projekt der Münchner Historiker die kritische Ausgabe der „Protokolle der Weisen von Zion“ sein wird, man wird abwarten müssen.

Der moderne Antizionist und Israelkritiker hat ja bekanntlich nichts gegen Juden, im Gegenteil er weiß unter seinen Freunden auch immer Juden und lässt sich daher auch von der Schrift „Mein Kampf“ ohne Fußnoten nicht beirren. Trotzdem wird er zufrieden sein können, denn unsere Forscher haben Hitler widerlegt, die Shoah beruhte folglich auf einem großen Irrtum und so müssen sie heute Israel vor großen Irrtümern bewahren – aus der Geschichte wird gelernt!

Israel ist eine Gefahr für den Weltfrieden, Israel ist der tatsächliche Wiedergänger des Faschismus, ein Apartheidstaat und ein völkermordender Staat – alles nur weil Israel sich einbildet, mit einer Welt voller Antisemiten konfrontiert zu sein. Dank der großartigen Leistung der deutschen Geschichtswissenschaft werden diese jedoch immer weniger, bald von ihren Irrtümern befreit sein und zukünftig Israel nur noch kritiseren wollen – oder wollt ihr, dass wir uns wieder irren werden?

Elsässer-Ähnlichkeitswettbewerb – Ein Herausgeber auf der Rutschbahn

Die Weltmächte hätten die Welt zu dem gemacht, was sie heute ist, der Westen habe den Schah inthronisiert, die Folge seien die Ajatollahs, die USA hätten die Mujaheddin bewaffnet und ausgebildet, die dann später das Attentat in New York verübten usw. So ein bekannter Herausgeber in konkret 12/2015.

An allem ist etwas dran, so dass die Assoziationsketten wie andere Verschwörungstheorien für den Unbedarften plausibel erscheinen. Sie reduzieren jedoch eine äußerst komplexe globale Situation auf zwei einfache Zusammenhänge: Erstens „der Westen“ ist selbst Schuld und zweitens, um die Worte des Herausgebers zu bemühen, je geringer die Aussicht auf ein besseres Leben, desto größer der Bedarf an immer härteren religiösen Drogen, sprich an Märtyrern. Dass es in den arabischen Ländern, in Afrika und in Asien Menschen mit eigenen Vorstellungen, Ideologien und Wahnvorstellungen sowie zuwiderlaufende Interessen unterschiedlichster gesellschaftlicher Akteure gibt, dass es dort gesellschaftliche Konflikte, Despotien und Gewaltverhältnisse eigenen Zuschnitts gibt, die eine eigene Geschichte und Tradition haben, wen schert es, wenn es nur einen Schuldigen zu geben braucht.

Bekanntlich herrschen im Iran, in Saudi Arabien und in Katar, den Hauptsponsoren und Protegés des islamistischen Terrors, ja nun nicht gerade bittere Not und Elend und man fragt sich, warum denn in Libyen, einem Land das in Öl schwimmt, sich die Menschen dort nicht ein Leben in Saus und Braus gönnen, was sie könnten, sondern sich gegenseitig und anderen Unbeteiligten nach dem Leben trachten oder warum hierzulande nicht die Hartz-IV-Empfänger sich freiwillig zum IS melden und in die Luft sprengen.

Doch unser Herausgeber geht noch weiter „Es war zu lesen, dass ‚die US-Strategie in Trümmern‘ liege. Aber wer weiß denn, ob der Nahe Osten in Trümmern nicht das eigentliche Ziel der US-Strategie war? Die Bescherung direkt vor seiner Haustür wirft Deutsch-Europa im Kalten Krieg mit den USA um die Weltherrschaft, …, mindestens ein Jahrzehnt zurück.“ Tja wer weiß es schon, man wird es ja trotzdem mal schreiben dürfen! Also alles Kalkül und eine Verschwörung sinistrer Mächte des Pentagon und der bad boys aus Washington. Eine Verschwörung der Ostküste, das sagt der Herausgeber (noch) nicht.

„… Pnom Penh: Wer weiß denn noch, dass die Stadt unter vietnamesischer Protektion eine der sichersten Großstädte der Welt war …, erst die Dollar-Flut, …, veränderte die Szenerie, stimulierte Schwarzhandel und Prostitution, vergröberte die Klassenunterschiede.“ Man braucht nur Pnom Penh mit Damaskus, vietnamesisch z.B. mit iranisch austauschen, die Dollar-Flut kann stehen bleiben, man könnte noch Drohnen u.ä. hinzufügen, an der Argumentationsstruktur hat sich wenig geändert. Der, der das 1993 schrieb, weiß heute, schreibt und sagt es, dass die Schuldigen und Verschwörer an der Ostküste sitzen. Der Autor, ein Mann namens Elsässer, schrieb diese Zeilen damals jedoch in konkret und geriet auf die schiefe Bahn.

Um von seiner Rutschpartie auf der abschüssigen Bahn abzulenken, redet der Herausgeber lieber gerne von anderen, die einmal in konkret geschrieben haben. In konkret 11/2015 ist nachzulesen, dass Thomas Osten-Sacken für eine mit hunderttausend Toten zu bezahlende Erfolgsgeschichte in Syrien werbe und für seine „Kolonialpolitik“ einmal vor 13 Jahren in konkret schreiben durfte. So etwas ist dem Herausgeber offensichtlich peinlich. Doch schon damals erkannte Osten-Sacken die Ursachen der vielen Konflikte in den gesellschaftlichen Strukturen und Verhältnissen der betreffenden Länder und kam ohne eine platte Schuldzuweisung an den Westen aus.

Die tatsächlich mehrere hunderttausend Tote kostende „Erfolgsgeschichte“ Syriens, ist nun gerade nicht ein Produkt der „Werbung“ des Osten-Sacken und seines vom Herausgeber bekrittelten Vereins Wadi, sondern Folge der in erster Linie vom Diktator in Damaskus zu verantwortenden Politik und seiner Protektion durch Moskau und Teheran, die – wenn es so weiter geht – auch dafür sorgen wird, dass demnächst vom Iran direkt gelenkte Truppen an einer weiteren Grenze zu Israel stehen. Das ist dann praktischer Antisemitismus, Elsässer schreibt nur eine Zeitung mit „theoretischen“ Abhandlungen voll, die heißt (heute noch) nicht konkret.

Kritik und Affirmation

„Waren die Juden Europas vordem wegen nichts und für nichts ermordet worden, so sollen sie nun, ein halbes Jahrhundert nach Auschwitz, endlich Profit abwerfen, den man damals nicht aus ihnen hatte ziehen können … Alle beteuern ihr gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen.“ (Eike Geisel)

Ein Kommunist, ein Antiamerikaner und der gute Ruf der Stadt Kassel

In Kassel treibt seit einigen Jahren ein Stolperstein e.V. sein Unwesen. Er verlegt an diversen Stellen in Kassel und Umland emsig Steine, die an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft und Volksgemeinschaft erinnern. Als im letzten Jahr einer der Vereinsmitglieder eine antisemitische Rede auf einer Hassdemo gegen Israel hielt, der Vorsitzende des Vereins Jochen Boczkowski entspannt seinen Freunden auf der Bühne lauschte und ein entsprechendes Plakat in die Höhe hob, wandte sich das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel an die Öffentlichkeit. Wir machten auch darauf aufmerksam, dass die Haltung dieses Vereins mit der des im Vordergrund agierenden Protagonisten – Gunter Demnig – konform geht. Unsere Interventionen blieben, wie so oft zunächst, mehr oder weniger unbeachtet. Nun fand eine Podiumsdiskussion im Sara Nussbaum Zentrum statt. Im Vorfeld dieser Diskussion zeigte sich die Stadt besorgt, die jüdische Gemeinde gefährde mit einer solchen ihre Beliebtheit bei der nordhessischen Bevölkerung.

Dennoch, ein Vertreter des Bürgermeisterbüros und zwei Vertreter des unermüdlichen nordhessischen Gedenkbetriebes waren zugegen. Sie verwahrten sich zunächst gegen den Vorwurf, dass wenn ein Vorsitzender eines Vereins sich an einer Hassdemo gegen Israel beteiligt, dies noch nichts über den Verein selbst aussage und die Vergangenheit eines Gunter Demnig sei Vergangenheit, ja heute würde er sogar weinen, wenn es um die schlimme Vergangenheit in Deutschland geht. Nachdem dann aber der Podiumsgast der Jüdisch Liberalen Gemeinde Nordhessen, Christopher Willing, klar machte, dass mit den Vertretern des Kasseler Vereins keine Zusammenarbeit mehr möglich ist, solange sich der Verein nicht klipp und klar zu den Ereignissen im Sommer 2014 geäußert hat und es ruchbar wurde, dass der Vorsitzende des Vereins nicht nur ein Antizionist ist, sondern horribile dictu auch eine politische Vergangenheit hat, von der er nicht abgeschworen hat, wackelte die Abwehrhaltung der Erinnerungsarbeiter. Boczkowski ist ein Kommunist, „dem die Position der Linkspartei zu rechts sei!“, so ein wichtiger Teilnehmer aus dem Publikum. Das geht natürlich nicht, so etwas beschädigt den Ruf der Stadt, erst recht, wenn dieser dann die in diesem Spektrum üblichen Positionen zu Israel öffentlichkeitswirksam propagiert. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, zu prophezeien, dass die Tage des Vorsitzenden des Stolpersteinvereins in Kassel gezählt sein dürften. Der Konnex linksdeutsche Erinnerungspolitik und Israelhass ist erfolgreich vom politischen Mainstream abgespalten.

Was ist das Ergebnis? Der Verein wird mit einem anderen Vorsitzenden unbelastet vom wüsten Antizionismus linker Provenienz weiter seine Steine legen und die Dankbarkeit der Angehörigen und Verwandten der Opfer der deutschen Volksgemeinschaft darüber, dass sich jemand der Erinnerung ihrer Verwandten annimmt, zur Beweihräucherung der eigenen Ergriffenheit ob des unermüdlichen Erinnerns missbrauchen. So wie in der Provinz ein anderer Verein seit Jahr und Tag Erinnerungsarbeit leistet um die Geschichte beider deutschen Diktaturen aufzubereiten und die Toleranz und den Dialog zu fördern sowie ein Museum im Landkreis den Schülern der nordhessischen Bildungseinrichtungen die nationalsozialistische Barbarei vor Augen führt, so werden sie allesamt versuchen, die Shoah und die Herrschaft des Nationalsozialismus zum Wohle der Nation zu bewältigen.

In Kürze wird die nächste Kranzabwurfstelle für tote Juden am Hauptbahnhof geschaffen und eine hochangesehene Gesellschaft wird weiter fleißig Freundschaft mit Israel propagieren, vor allem dann, wenn es nichts kostet und das Ansehen der Stadt Kassel und seiner Bürger mehrt. Die Kasseler Zivilgesellschaft wird stolz sein, das Erinnern an die Shoah kommensurabel zu machen und Versöhnungsarbeit zu leisten. Deren Protagonisten werden ebenso stolz sein, als würdige und rührige Bürger Nordhessens und Kassels geehrt zu werden und sich angesichts der Freude der Angehörigen der Opfer im eigenen Wohlgefallen suhlen. Kassel kann Dank solch beflissener Tätigkeiten der Zivilgesellschaft fortfahren, sich damit zu brüsten, Vorreiter des Erinnerns und der Aufarbeitung der Geschichte zu sein und dazu beitragen, das Deutschland ein freundliches Gesicht hat.

Ein Beitrag auch dazu, kaltschnäuzig lächelnd eine Austeritätspolitik auf dem Rücken der Armen, Alten und Kranken in Europa durchzusetzen, ein Grenzregime an den Außengrenzen der EU zu exerzieren, dem abertausende Flüchtlinge zum Opfer fallen und Israels Regierungsrepräsentanten zu erklären, unter Freunden könne auch mal Kritik geübt werden, wenn Israels Sicherheitskräfte konsequent gegen den antisemitischen Terror vorgehen.

Und um so unbefangener können dann die, Dank alliierten militärischen Engagements gegen die deutsche Volksgemeinschaft und ihren Nazis, zu Tode gekommenen Kasseler Volksgenossen jährlich am 23. Oktober auf dem Hauptfriedhof und am Volkstauertag am Ehrenmal weiter als unschuldige Opfer von Krieg und Gewalt betrauert werden. Umso besser kann der alltägliche Terror gegen die Israelis mit Nichtbeachtung gestraft werden und falls Israel mal zurückschlägt, mit dem Segen eines staatsoffiziellen „Fachmanns“ für Antisemitismus, der Antizionismus und Antisemitismus der Friedenshetzer und ihrer Bündnispartner als legitime Kritik an Israels Regierung verteidigt und als verständliche Empörung über die Untaten (oder „überzogenen Aktionen“) der israelischen Sicherheits- und Streitkräfte entschuldigt werden.

Islamistische Propaganda, ein Bauernopfer und der Dialog

In der nordhessischen Kleinstadt Melsungen postete ein örtlicher Vertreter der DITIB die islamische Lehre über den Juden. Nachdem dies in einem jungle-world-Artikel erwähnt wurde, postete das Bündnis gegen Anisemitismus Kassel die Übersetzung der Melsunger Thesen. Dies wirbelte einigen Staub auf, die Melsunger Thesen fanden sogar Erwähnung in den überregionalen Medien. Die DITIB beeilte sich zu erklären, mit dieser Sache nicht zu tun zu haben, man sei erschrocken über diese Tat eines Einzeltäters und diktierte der lokalen Presse folgendes Sedativum in den Notizblock: „Wir haben immer bewiesen, dass wir die Nähe zu allen ethnischen und fremden Kulturen suchen und pflegen …“ außerdem habe der Verursacher „unbedarft Texte gesammelt, kopiert und auf der Ditib-Seite veröffentlicht“. Dies sei ohne Absprache geschehen. Der Mann habe keinesfalls für radikale Thesen gestanden, sondern „lediglich die Seite erweitern wollen …“ Dann ist ja alles gut. Der Unbedarfte wurde dennoch zurückgetreten und die hessische Landesregierung beeilte sich zu erklären, nun sei ja alles geklärt, der Dialog könne weiter gehen.

Die Erklärung der DITIB ist eine Nebelkerze und geht natürlich am Kern der Sache vorbei. Antisemitismus hat nichts damit zu tun, inwieweit Nähe zu „ethischen und fremden Kulturen“ fehlt und der Kampf gegen Antisemitismus nichts damit, wie diese Nähe gesucht und gepflegt wird. Der Hass auf Juden ist auch kein Ausdruck davon, dass diese einer „fremde Ethnie“ angehören würden. Das Statement beweist, dass mit den Islamverbänden über alles Mögliche gesprochen wird, garantiert aber nicht über Antisemitismus und Islam. Natürlich hat der Verantwortliche nur Texte gesammelt und veröffentlicht, Texte des Islam auf Türkisch – mutmaßlich noch öfters auf Arabisch – eben. Werden diese zu deutlich und findet sich einer, der dieses dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht, muss der Verantwortliche eben zurücktreten. Ändern tut sich nichts, das öffentliche Ärgernis ist mit Rücktritt oder Rauswurf und ein paar vieldeutigen Nebelkerzen beseitigt, die Dialogfähigkeit wieder hergestellt – bis zum nächsten Mal, wenn es mal wieder gilt, die Israelische Regierung zu kritisieren oder wenn sich jemand, der arabisch oder türkisch kann, die Mühe macht, in den einschlägigen Foren und Webseiten zu suchen und die dort gesammelten Texte übersetzt.

Der Islamist ist unter den Teppich gekehrt, Antisemitismus und Judenhass sind auf wundersame Weise verschwunden. Das Treiben der DITIB (und anderer noch problematischerer islamischer Verbände) und der empörten Freunde Palästinas sowie die Indifferenz der dialogwütigen Vertreter der offiziellen Politik haben dann natürlich nichts mit Antisemitismus zu tun.

Kritik ist dann, wenn es nicht konstruktiv wird

Die Kritik des Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel hat also dazu geführt, dass ein Kasseler Kommunist ob seines Antizionismus überführt wurde und mutmasslich kalt gestellt wird – was aufgrund des konsensfähigen Antikommunismus keine Kunst ist – und dass ein Islamist nicht mehr öffentlich dass sagen soll, was die ihm überstellte Regierungsbehörde in der Türkei jeden Tag von sich gibt. Was sagt uns das? Die Kritik an der Leitidee der Moderne führt bestenfalls zur politischen Hygiene. Die Stadtgesellschaft kann sagen, seht her da sind die Bösen und wir sind die Guten. Die Stadt Kassel gedenkt fleißig den toten Juden, stellt immer einen Polizeiwagen vor die Synagoge, dialogisiert emsig mit den Religionen, hat eine Partnerstadt in Israel und erklärt sogar die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zur Ehrenbürgerin Kassels.

Natürlich ist es angenehm, die wüstesten Antizionisten vom öffentlichen Podium fernzuhalten, den Islamisten das Maul zu stopfen und dafür zu sorgen, dass die Dialogpartner genauer darauf achten, wer bei Ihnen was auf Deutsch sagt und schreibt. Nichts spricht zudem dagegen freundlich gegenüber der jüdischen Gemeinde zu sein, an die deutsche Vergangenheit zu erinnern und zu den Nachkommen der Opfer der deutschen Volksgemeinschaft Kontakte zu knüpfen. Doch vergeblich wird das Bemühen sein, die Selbstbezüglichkeit und die Kommensurabilität deutscher Vergangenheitsbewältigung zu kritisieren um daraus eine Handlungsanweisung für ein richtiges Gedenken zu formulieren.

Die Isolierung des politischen Islam, die Befreiung der migrantischen Community von der islamischen Bevormundung und dessen Tugendterror, die Verbannung islamischer Propaganda und Symbolen aus den Schulen und anderen staatlichen und halbstaatlichen Bildungsinstitutionen, auf so etwas wird man vergeblich warten müssen. Die Indifferenz gegenüber dem alltäglichen Terror in Israel, dem Treiben der BDS-Kampagne, die fehlende Solidarisierung der Stadt mit Israel, wenn es allösterlich zu antisemitischen und antizionistischen Aufläufen kommt oder wenn es mal wieder legitim ist, Israel zu kritisieren, wird bleiben. Und wenn die örtlichen Gewerbetreibenden angesichts der Appeasementpolitik gegenüber dem Iran und Saudi-Arabien überschwänglich die guten Geschäftsbeziehungen zu den Paten des Terrors loben, wird es auch zukünftig nicht dazu kommen, dass ihnen einer auf die Finger haut.

Es zeigt sich, Kritik, die nicht affirmativ sein will, bleibt einsam.

Das Blücherviertel – ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Die Debatte um Karl Branner – Ein Streit der Exorzisten

Im Gespräch der Stadt ist aktuell der Name Karl Branner. Nach Karl Branner ist eine Brücke benannt, die die Unterneustadt mit der Innenstadt Kassels verbindet. Ferner wurde nach Karl Branner auch ein Flügel im Rathaus benannt. Der Name Branners ist in Verruf geraten. Eine Forschungsgruppe hatte anlässlich des 1100-jährigen Jubiläums Kassels herausgefunden, dass das SPD-Mitglied und der ehemalige Oberbürgermeister Kassels Branner Mitglied der NSDAP und anderer Naziorganisationen war. Er verfasste eine Doktorarbeit. In dieser Arbeit kennzeichnete er jüdische Autoren mit einem Stern, obwohl er es nicht „musste“. Die Doktorarbeit befasste sich mit dem Thema der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Nationalsozialismus unter einer ausgeprägten völkischen Ausrichtung.

Branner ist schon lange tot, er wendete sich allem Anschein nach von der NSDAP bereits während des Krieges ab, engagierte sich in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft im dortigen antifaschistischen Ausschuss (was ihm freilich negativ ausgelegt wird), war wie viele Deutsche nach 1945 kein Nazi mehr und machte sich in verschiedenen Bereichen für die Stadt durchaus verdient. Auch heute steht die Partei, der er nach 1945 angehörte, auch wenn man vieles an ihr kritisieren kann und muss, nicht in dem Ruf, eine Nachfolgeorganisation der NSDAP zu sein – warum also die ganze Aufregung?

Während der Kreis um den Oberbürgermeister versucht, Branner als Demokraten zu retten, wollen die anderen, teils aus antifaschistischer Überzeugung, teils aus durchsichtigen wahltaktischen Gründen, ihn ganz aus dem Gedächtnis der Stadt streichen. Wie sie es jedoch anpacken, sie werden ihn nicht los, den Schatten der Geschichte – was vermutlich der Grund für die ganze Aufregung ist.

Was hier deutlich wird, ist der Versuch aller Beteiligten, die Geschichte des Nationalsozialismus von der Geschichte Kassels oder eben auch von der Geschichte der SPD abzuspalten. Was sind schon 12 Jahre nationalsozialistische Herrschaft vor dem Hintergrund einer über 1100-jährigen Stadtgeschichte, einer 200-jährigen Idee von der deutschen Nation, einer bald 70 Jahre währenden Geschichte einer stabilen demokratischen Gesellschaft in Deutschland? Was sind ein paar Jahre Verirrungen eines jungen Mannes, dessen politisches Engagement ihn zu einer Partei führte, die seit über 150 Jahren für soziale Demokratie steht? Kann die Erinnerung an längst verstorbene politische Akteure der Stadt Kassel, die auch Beteiligte des nationalsozialistischen Regimes waren, den Ruf der Stadt schaden oder gar die Demokratie gefährden, erst Recht vor dem Hintergrund, dass sich alle wichtigen Parteien und soziale Akteure unserer Gesellschaft heute einig sind, dass es den Nationalsozialismus zu verurteilen gilt, dass dessen Opfer erinnert werden, dass über Verantwortung und Schlussfolgerungen angesichts der absoluten Barbarei reflektiert wird?

Doch so sehr dies der Fall ist, so sehr ist bei all diesem Bestreben und bei all denen, die sich durch ein solches Engagement hervortun, der Versuch offensichtlich, den Namen Deutschlands, den deutschen Nationalismus, die Begriffe von der deutschen Nation und dem deutschen Volk von den 12 Jahren Nationalsozialismus durch die einhellige Verdammung desselben abzuspalten und heute durch das immerwährende Gedenken und dem Mantra „Verantwortung zu übernehmen“ eine vom Nationalsozialismus befreite Identität Deutschlands zu behaupten. Besonders tricky ist die neueste Masche, Auschwitz zum Teil der deutschen Identität zu erklären, nicht etwa in dem Sinne, dass behauptet wird, dass der in Auschwitz zu sich selbst gekommene Antisemitismus parteienübergreifend fest zu Deutschland gehört, sondern insofern, als dass die als vorbildlich erklärte Vergangenheitsbewältigung Auschwitz positiv in einen Erinnerungskult aufgehoben hat und daran sich Deutschland neu begründen ließe.

Doch wie sie es auch versuchen, die Vergangenheit werden sie nicht los. Anstatt durch Verdrängung, oder die Beschwörung eines anderen Deutschlands nun die Beschwörung der Vergangenheitsbewältigung um einen geläuterten Nationalismus zu begründen. Die intendierte Trennung oder gar die besonders perverse Aufhebung wird nicht funktionieren, was an drei anderen Straßennamen im Folgenden deutlich wird.

Der Vormärz: Franzosenhass, Aufklärungsfeindlichkeit und Antisemitismus

Der im Zeitalter der Napoleonischen Vorherrschaft hoch aufschäumende deutsche Nationalismus war nicht von den menschheitsbefreienden Ideen der Aufklärung, sondern von den Volkstumslehren romantischer Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn geprägt. Die Idee, die politische Zersplitterung zu überwinden und einen großen Einheitsstaat zu begründen, verband sich mit Doktrinen, die die Reinheit des germanischen Blutes postulierten, … und die traditionelle religiöse Judenfendschaft durch eine biologisch begründete … ersetzten. (Walter Grab)

Die Karl Branner-Brücke führt in die Unterneustadt. Ein Teil der Unterneustadt nennt sich Blücherviertel. Im Blücherviertel sind nicht nur die Blücherstraße zu finden, sondern auch eine Arndtstraße, eine Jahnstraße und eine Körnerstraße. Es erscheint als ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet eine Brücke mit dem Namen eines Nachkriegspolitikers, der während der NS-Zeit sich mit dem Regime identifizierte, wenn er nicht sogar ein Nazi war, in ein Viertel führt, in dem Straßen nach wichtigen Protagonisten benannt sind, die für die Begründung des deutschen Nationalismus stehen, der auf deutschtümelnden Franzosenhass, völkischer Ideologie und Antisemitismus, auf antiwestliche, antiaufklärerische und irrationale Orientierungen baut und eine Volksgemeinschaft konstruiert.

Ludwig Jahn, Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt (auch Blücher, der hier aber nicht weiter thematisiert werden soll) waren Akteure in den sogenannten Befreiungskriegen gegen die französische Herrschaft unter Napoleon. Napoleons Herrschaft war das Ergebnis der französischen Revolution, in der die Ziele der Aufklärung mit revolutionären und kriegerischen Mitteln gegen die beharrenden Kräfte des Absolutismus und Feudalismus durchgesetzt wurden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Schlagworte, die für eine neue Epoche der menschlichen Geschichte stehen und unter denen, für die demokratische Gesellschaft, so elementare Grundsätze wie Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit von der Religion und individuelle Freiheit durchgesetzt werden sollten.

Eine wesentliche Errungenschaft dieser Revolution war die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden. Wie ein roter Faden lässt sich seit dem frühen Mittelalter die Projektion alles Schlechten auf den jüdischen Teil der Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

In den Gebieten östlich des Rheines blieben die beharrenden Kräfte jedoch dominant. Aktionen deutscher Jakobiner blieben örtlich begrenzte und isolierte Phänomene, die schnell niedergeschlagen wurden. Erst mit der Besetzung und Unterwerfung der Gebiete östlich des Rheins durch Napoleons Truppen fanden die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution und eben auch die rechtliche Gleichstellung der Juden Einzug in die Gebiete, in denen später die deutsche Nation entstand. Gegen diese Kombination bürgerliche Errungenschaften, Aufklärung, rechtliche Gleichstellung der Juden und französische Besatzung formierte sich dann die deutsche Nationalbewegung. Teile von ihr formulierten durchaus antifeudale und reformorientierte Grundsätze, der maßgebliche Teil jedoch zeichnete sich dadurch aus, dass sie die Grundlagen einer völkisch-nationalistischen Ideologie formulierten und sich einer aggressiven antifranzösischen und antijüdischen Agitation befleißigten.

Vordenker dieser in der frühen deutschen Nationalbewegung dominanten Richtung waren u.a. der Turnwüterich (Karl Marx), besser bekannt als „Turnvater“ Jahn, und die auf den Straßenschildern der Unterneustadt als „Lyriker der Befreiungskriege“ und „Befreiungskämpfer“ titulierten Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt. Jahn und Arndt formulierten an vielen Stellen ihres Werkes und Wirkens einen extremen Judenhass. Körner ist ein völkisch und aggressiv nationalistischer Barde der Volksgemeinschaft. Alle befleißigten sich einer antifranzösischen Propaganda und fabulierten von einer Einheit eines deutschen Volkes.Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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T. Körner: „Freiheitskämpfer“ und „bedeutender Lyriker“

 

 

Ihr antisemitisches Gedankengut, ihre vom Judenhass geprägten Aussagen und germanophilen Konstrukte waren keine bedauerlichen Ausrutscher eines sonst zu verteidigenden Werkes oder Wirkens, sondern dessen integraler Bestandteil.

„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, wer legt noch die Hände feig in den Schoß?“ (Karl Theodor Körner)

 „Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“ (Ludwig Jahn)

 „Wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer flattert er [der Jude] umher, und lauert und hascht immer nach dem leichten und flüchtigen Gewinn, und hält ihn, …, mit blutigen und unbarmherzigen Klauen fest,“ (Ernst Moritz Arndt)

 „Auf, deutsches Volk, erwache! / Mir nach! Mir nach! Dort ist der Ruhm, / Ihr kämpft für euer Heiligtum. // … Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht / … Du sollst den Stahl ins Feindesherzen tauchen, / Frisch auf, mein Volk! / Auf deutsches Volk, zum Krieg! Wachse du Freiheit der deutschen Eichen, / Wachse empor über unsere Leichen!“ (Karl Theodor Körner)

Der vielfach im Netz zu findende Satz: „Noch sitzt ihr da oben ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott!“  stammt offensichtlich nicht von Körner und ist ihm als Zitat von Nazis untergeschoben worden. Er trifft nicht ganz den Inhalt des Denkens des Körner, verweist aber darauf, dass er als Identifikationsfigur nationalrevolutionärer Kreise und einiger Linker funktioniert.

Arndt, Jahn und Körner sind keine Einzelfälle. Sie hatten viele Wegbegleiter wie Clemens Brentano, Johann Gottlieb Fichte, Karl Hoffmann u.a., die in ihren schriftstellerischen Kreisen den Ausschluss von Juden dekretierten und die die ideologischen Stichworte für die politische Ausrichtung der völkisch, nationalistisch und antisemitisch orientierten Burschenschaften lieferten, die gemeinhin als Nukleus deutschen Nationalbewusstseins gelten.

Vom Vormärz zum Nationalsozialismus

Man kann diese Figuren mit Fug und Recht als Begründer der spezifisch antiaufklärerischen, antisemitischen und antiwestlich konnotierten Begriffe von der deutschen Nation und vom deutschen Volk definieren. Sie begründeten eine Tradition, die schon 1817 zu den ersten Bücherverbrennungen auf dem Wartburgfest führte, die in den später folgenden antisemitischen Hep-Hep-Unruhen einen weiteren Ausdruck fand und die sich in der Welle des politischen Antisemitismus Deutschlands zum Ende des 19 Jahrhunderts manifestierte. Besonderes viele Anhänger fand der antisemitische Wahn auch in Nord- und Mittelhessen. Dieses ideologische Konglomerat fand seine Fortsetzung in der durchweg antisemitisch aufgeladenen Propaganda und Aktion der Feinde der demokratisch / proletarischen Revolution 1918 und war ideologische Grundlage vor allem der rechten und rechtsextremen Feinde der Weimarer Republik.

Die dichotomische Idee vom (deutschen) Volk und seinem Antipoden dem Juden fand jedoch auch einen Widerhall in der antikapitalistischen Agitation der KPD und anderer linker Gruppen. Der populäre Antikapitalismus nicht nur der Kommunisten stellte sich den zu kritisierenden Gegenstand häufig als personalisierenden Gegensatz von Ausbeutern und Proletariat dar. Nicht selten wurden die Ausgebeuteten mit dem (deutschen) Volk identifiziert und vermeintliche jüdische Attribute den Kapitalisten zugeordnet. Auch die KPD zeichnete sich in der Weimarer Republik dadurch aus, dass sie neben der Rechten gegen den Versailler Friedensvertrag polemisierte und von einer Fremdbestimmung der deutschen Nation durch imperialistische Mächte sprach. Der Ersetzung des Internationalismus und die Ergänzung der Orientierung auf den Klassenkampf durch die Propagierung einer nationalen Befreiung konnten ebenfalls auf den Begriff von der deutschen Nation Körners, Arndts und Jahns zurückgreifen. Nicht zufällig versuchte auch die DDR dann, Arndt, Jahn und Körner für eine in ihrem Sine positiv besetzte deutsche Nationalgeschichte zu reklamieren.

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In der DDR positiv besetzt: Deutsche Patrioten

Kurzum der Nationalsozialismus ist nicht völlig überraschend und beziehungslos in Deutschland aufgetaucht und zur Macht gekommen, auch ist er nicht durch eine Verschwörung besonders gieriger und aggressiver Kapitalisten an die Macht gebracht worden, er hat auch nicht das deutsche Volk verführt, betrogen oder unterworfen um dann in dessen Namen die Barbarei in die Welt hinauszutragen, sondern der Nationalsozialismus stellte die zwar radikale aber doch konsequente Zuspitzung völkischer, nationaler und antisemitischer Ideologie und politischer Tradition dar, die von Arndt, Jahn und Körner (und einigen anderen) im sogenannten Vormärz begründet wurden.

Der spezifisch deutsche Nationalismus und die Idee vom deutschen Volk als eine konsistente Ideologie der deutschen Nation interpretiert, fand einen zunehmend breiten Widerhall in der deutschen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund konnten sich die, diese Ideen propagierenden, Parteien als hegemonialer Machtfaktor in der Weimarer Republik etablieren und somit, ohne auf (massen-)wirksamen Widerstand zu stoßen, der Machtübernahme der NSDAP und Hitler den Weg bahnen.

Das Fortwirken des spezifisch deutschen Nationalismus

Die Ideen der Aufklärung, des Weltbürgertums sowie die an Demokratie und Recht orientierte bürgerliche Tradition blieben dagegen in Deutschland immer randständig. Die Demokratie als staatliche Verfassung eines neu aufzubauenden Deutschlands wurde folglich 1945 in Deutschland auch nicht vom antifaschistischen Widerstand erkämpft, sondern musste von den Alliierten den Deutschen erst aufgezwungen werden. Deswegen fand auch die Geschichte des völkischen und antisemitisch aufgeladenen deutschen Nationalismus mit der Niederlage 1945 kein Ende. Bis heute lassen sich diese ideologischen Traditionslinien verfolgen.

Der die politische Kultur Deutschlands im 19. Jahrhundert bis 1945 prägende Hass auf Frankreich ist tatsächlich in den Jahren nach 1945 überwunden worden. Der Antisemitismus war nach 1945 nach wie vor virulent, wie einige Umfragen der US-amerikanischen Besatzungsbehörden herausfanden, er wurde jedoch nicht mehr oder kaum noch offen artikuliert und fristete lange ein Schattendasein in Kreisen der extremen Rechten und am Stammtisch. Erst nach dem Sieg der Israelis im Krieg gegen die arabischen Nachbarstaaten im Jahre 1967 kehrte er, in Form eines Antizionismus der Linken und einer „Israelkritik“ („man wird ja Israel noch kritisieren dürfen“) wieder. In dieser Form ist der Antisemitismus fester Bestandteil des Meines und der politischen Kultur in Deutschland.

Die Protagonisten der deutschen Nazigesellschaft, die Generation der ca. 1890 – 1923 Geborenen, die noch Jahrzehnte lang die Adenauer-Republik mit einer postnazistischen Ideologie (deutscher Antikommunismus, Verdrängung, Schuldabwehr, Opfermythos u.ä.) prägten, verloren 1968ff immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung und wurden schließlich durch den biologischen Altersprozess entsorgt.

Der Hass auf Frankreich, der in erster Linie einer gegen die Aufklärung und die Freiheit des Individuums war und der Hass auf die Juden stellen sich heute also in anderer Form dar. In der antiamerikanischen und antizionistischen Aufladung der Agitation vieler sozialer Bewegungen und linker Parteien, in ihren positiven Bezügen auf den Staat und das Volk (beiden lassen sich ohne Probleme das Attribut deutsch beifügen) und in einer Kapitalismuskritik die auf Personen abstellt, oder die bei einer Kritik am Finanzkapitalismus stehen bleibt, sowie in einer moralisierende Herrschaftskritik, ist diese Tradition ebenso wieder zu erkennen, wie in der unverhüllten und unvermittelten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Propaganda rechter und wutbürgerlicher Gruppen, die oft nur scheinbar im Gegensatz zu den erstgenannten stehen.

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In Berlin gegen TTIP: Ein Volk steht auf – der Sturm bricht los?

Die politische Mitte, die noch am ehesten dafür gesorgt hat, dass die deutsche Demokratie durch die Westbindung der Bundesrepublik zumindest partiell von der unheilvollen national-völkischen Tradition gelöst wurde, fällt immer wieder dadurch auf, dass versucht wird, den Begriff der deutschen Nation und die Idee vom deutschen Volk, von den ihnen untrennbar verbundenen Bestandteilen Antisemitismus, völkisches Denken und aggressiven Nationalismus dadurch zu trennen, indem dieser Zusammenhang schlicht geleugnet, verdrängt oder exorziert wird. Diese Strategie des Exorzismus deutscher Geschichtsbewältigung öffnet jedoch dem Gespenst des deutschen Nationalismus die Hintertür, um im politisch-gesellschaftlichen und kulturellem Mainstream sein Unwesen zu treiben. Auch ist die außenpolitische Anbindung Deutschlands an den Westen, sprich an die USA und Großbritannien keineswegs unumstritten. Sowohl in der SPD und bei den Grünen, als auch in Teilen der CDU gibt es immer wieder Kräfte, die auf einen von den USA unabhängigen außenpolitischen Kurs pochen, oder die EU explizit als Gegengewicht gegen die US-amerikanische Hegemonie geltend machen wollen.

Eine kritische Diskussion über den Namen Branner müsste unvermeidlich zu den Namen Arndt, Jahn und Körner führen, wobei die Brücke, die ja gerade in diese Richtung verweist, ein metaphorischer Wink mit dem Zaunpfahl ist – das ist jedoch nicht der Fall. Gerade der Versuch Branner zu retten wird deswegen nicht von Ewiggestrigen betrieben, sondern von politischen Akteuren, die sich zur Demokratie bekennen. Auch die zu erwartende Auskunft, Arndt, Jahn und Körner wären als Vorväter der heute demokratischen deutschen Nation und als Bestandteile deutschen Kulturgutes zu bewahren, ihr Antisemitismus, Franzosenhass und Deutschtümelei sei dagegen doch nur ein zeitgenössischer heute aber längst überwundener Teil ihres ansonsten wertvollen Oeuvres, sind Ausdruck dieses Exorzismus.

Warum eigentlich eine andere Namensgebung?

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel will nun mit Moses Hess, Saul Ascher, Rudolf Hallo und Israel Jacobsohn vier Vertreter des kosmopolitischen Denkens in Erinnerung rufen, die im weitesten Sinne der hier problematisierten Tradition entgegenstehen. Alle vier setzten sich für die Emanzipation der Juden ein, agitierten gegen Antisemitismus und Deutschtümelei und kämpften für die Teilhabe der Juden an der deutschen Gesellschaft.

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Deutsche Tradition: Bücherverbrennung

Saul Ascher

„Volkstum, Nationalität, Deutschheit sind die Fetzen, um welche sich täglich ein neuer Haufen Kampflustiger sammelt, und von deren Gladiatorenkünsten Regierung und Volk irre zu werden täglich in Gefahr stehen.“ (Saul Ascher)

Am deutlichsten ist dies bei dem heute weitgehend vergessenen Saul Ascher nachzuvollziehen, der mit seiner Schrift „Germanomanie“ explizit dem von Jahn, Arndt und anderen vertretenen deutsch-messianischen Sendungsbewusstsein und den damit verbundenen Judenhass entgegentrat. Nicht zufällig wurden Aschers Schriften dann von Jahns Jüngern auf dem Wartburgfest mit dem Spruch „Wehe über die Juden …!“ dem Feuer übergeben.

Israel Jacobsohn

Israel Jacobsohn war einen Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, der 1808 unter König Jérome Präsident des israelitischen Konsistoriums mit Sitz in Kassel war. Jacobsohn begrüßte ausdrücklich die Schritte Napoleons, die Gleichberechtigung der Juden auch in den von Frankreich beherrschten Gebieten umzusetzen. Gegenüber König Jérome äußerte er in einer Festrede anlässlich seiner ihm verliehenen Bürgerrechte seinen Dank, dass er „seinen Unterthanen jüdischer Nation unbeschränktes Bürgerecht ertheilt“ hat. Die französische Herrschaft kannte Jacobsohn daher auch uneingeschränkt an. Nach dem Sturz der französischen „Fremdherrschaft“ kämpfte Jacobsohn unermüdlich gegen die Schritte der Restauration, insbesondere auch gegen die Bestrebungen der hessischen Kurfürsten, die Errungenschaften der jüdischen Emanzipation wieder rückgängig zu machen.

Moses Hess

[Der Sieg über die Franzosen] „hatte nicht nur in der Politik und Literatur, in der Religion und Kunst, sondern auch in der Philosophie eine Überhebung des Christlich-Germanischen Elements zu Wege gebracht; eine oscillierende Bewegung zwischen Revolution und Reaktion.“ (Moses Hess)

Moses Hess ist manchen vielleicht noch als Frühsozialist ein Begriff. Er war ein scharfer Kritiker des damals sich ausbildenden Kapitalismus, was ihn als Frühsozialisten aber auch nicht vor der Kritik Karl Marx bewahrte. Moses Hess war jedoch auch ein unerbittlicher Gegner des Antisemitismus, den er auch in den Reihen vieler seiner linken Weggefährten entdecken musste und gegen den er intervenierte. Gleichzeitig erkannte und propagierte er noch vor Theodor Herzl die Notwendigkeit, einen demokratischen und egalitären jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Hess steht vielleicht für die linkssozialistische Tradition im Zionismus und der jüdischen Emanzipationsbewegung, die vom Nationalsozialismus vernichtet und vom Stalinismus unerbittlich bekämpft und verfolgt wurde.

Rudolf Hallo

Rudolf Hallo steht für eine kurze Blüte einer kontroversen jüdischen Debatte und Diskussion in Deutschland vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus. Auch in Kassel fand diese Debatte jüdischer Denker mit den Protagonisten Rosenzweig und Gershom Sholem statt. In ihrem Disput ging es um das Verständnis vom Judentum und dessen Rolle in oder gegen Deutschland. Hallo gebührt das Verdienst die beiden Protagonisten zueinander in Beziehung gebracht zu haben. Der umfassend gebildete Hallo begründete aber auch das erste jüdische Museum in Kassel. Mit seinem Projekt wollte er dazu beitragen, das jüdische Leben als einem bisher unbekannten Teil Deutschland der Öffentlichkeit zu erschließen. Ein Versuch der von den Nazis samt dem jüdischen Leben dann vernichtet wurde und die somit vollzogen, was Arndt, Jahn und Co. propagierten.

Schlussbemerkung

Es gäbe noch viele andere bedeutende historische Figuren, die wie Georg Weerth, Leopold Eichelberg, Ludwig Börne etc. entweder für die 1933 beendete Tradition jüdischen Lebens in Deutschland stehen oder sich als kosmopolitische Gegner der Deutschtümelei erwiesen, an die man erinnern könnte. Das findet in Kassel ja auch zum Teil schon statt. Mit Heinrich Heine, Ludwig Mond, Lilli Jahn oder auch z. B. mit Franz Grillparzer und Ferdinand Freiligrath sind wichtige Protagonisten des demokratischen oder liberalen Denkens oder der jüdischen Geschichte Bestandteil des Stadtbildes geworden. Doch gerade letztere finden sich als Namen von Straßen beziehungslos neben solchen nach ausgewiesenen Judenhassern wie Brentano oder Arnim.

Wie in vielen anderen Städten, gibt es also auch in Kassel Straßen, die nach Personen mit einer fragwürdigen Geschichte verbunden sind. Über die bis jetzt genannten wären da noch die Waldemar-Petersen-Straße, die Steinigk-, Wissmann- und Lüderitzstraße und etliche Straßen, die die Protagonisten des hessischen Absolutismus verewigen, zu nennen. Auch der Namensgeber der jüngst erschlossenen Joseph-Beuys-Straße hinter dem Hauptbahnhof (Kuba) hat einen üblen Leumund und ob der in Kassel zentral gelegene Platz, der nach dem Bauernschlächter und Judenhasser Martin Luther benannt ist, nicht auch eine Umbenennung verdient hätte, wäre ebenfalls zu diskutieren. Schließlich hätte es auch die Germaniastraße verdient in Ben-Gurion-Straße umgetauft zu werden, alleine schon deswegen, weil diese Straße die Adresse des in der linksalternativen Szene Kassel allseits beliebten Café Buch-Oase ist.

Germania:
Alle Plätze, Trift und Stätten
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten
Gebet ihn den Fischern preis;
Dammt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen
Und ihn dann die Grenze sein!

Chor:
Eine Treibjagd, wie wenn Schützen
Auf der Spur dem Wolfe sitzen, –
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.
(Heinrich von Kleist, Germania an ihre Kinder)

Im Blücherviertel versammeln sich jedoch an einer Ecke Straßennamen, die einen dazu sich hinreißen lassen könnten, anstatt vom Blücherviertel, vom Viertel der nationalen Wiedererweckung zu sprechen. Sie finden jedoch in der städtischen Debatte um die Brannerbrücke und um die Waldemar-Petersen-Straße keine weitere Beachtung.

Die Erläuterungen auf den Straßenschildern der Straßen im Blücherviertel verharmlosen und vernebeln die tatsächliche historische Bedeutung ihrer Namensgeber.

Literaturhinweise:

  • Claudia Glunz. Thomas Schneider (Hg.), Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverabeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, Osnabrück 2015
  • Walter Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte der deutschen Jakobiner, Frankfurt 1984
  • Walter Grab, Der Deutsche Weg der Juden-Emanzipation 1789 – 1938, München 1991
  • Walter Grab, Uwe Friesel, Noch ist Deutschland nicht verloren. Unterdrückte Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung, München 1970
  • Dietfried Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Kassel, in: Juden in Deutschland, (Hg.) Jens Fleming, Dietfried Krause-Vilmar, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Kassel 2007
  • George L. Mosse, Die völkische Revolution, Königstein 1991
  • Marco Puschner, Antisemitismus im Kontext der politischen Romantik. Konstruktion des ‚Deutschen‘ und des ‚Jüdischen‘ bei Arnim, Brentano und Saul Ascher, Tübingen 2008
  • Ekkehard Schmidberger, Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel, in: Juden in Kassel 1808 – 1933, Kassel o.D. (1987)
  • Sabine Schneider u.a., Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Schüren 2015
  • Volker Weiß: »Moses Hess. Rheinischer Jude, Revolutionär, früher Zionist«. Greven, Köln 2015

Volkstrauertag – Tränen für die Täter

Deutsche Täter sind keine Opfer. Diese Parole hat schon reichlich Patina angesetzt, muss – wie es scheint – aber trotzdem immer wieder bemüht werden.

Die Reservistenkameradschaft Kassel lädt zum Volkstrauertag am Kasseler „Ehrenmal“ an der Karlsaue ein. Die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK), also durchaus eine offizielle Institution, hat diese Veranstaltung genehmigt. Es heißt, man wolle ein „Zeichen wider das Vergessen setzen. Wider das Vergessen der gefallenen Kameraden aber ganz besonders auch wider das Vergessen des Ehrenmals in Kassel.“

Die Reservistenkameradschaft ist ein Verband ehemaliger (und noch aktiver) Bundeswehrsoldaten. Das Erleben von Kameradschaft steht im Mittelpunkt dieser Gruppe, allein dieses männerbündische und das militaristische Erscheinungsbild ihrer neuen Homepage könnten schon Grund für eine kritische Intervention sein. Aber lassen wir das an dieser Stelle, diesem Thema können sich die dazu Berufenen widmen, sie hätten damit ein Betätigungsfeld, dass sie anstelle ihrer obsessiven Befassung mit Israel setzten könnten.

Dass die Reservistenkameradschaft den bei verschiedenen Einsätzen zu Tode gekommenen „Kameraden“ erinnern wollen ist legitim. Die Bundeswehr ist eine Institution eines demokratischen Staates. Die Entscheidung, sie einzusetzen erfolgt i.d.R. im Einklang mit dem internationalen und nationalen Recht und ist demokratisch legitimiert. Ob diese Einsätze sinnvoll sind oder nicht, kann und sollte politisch diskutiert und darüber kann auch gestritten werden, was ja auch geschieht.

Doch die Reservistenkameradschaft betont, auch das Ehrenmal soll nicht in Vergessenheit geraten. Gut wir wollen hier an dieser Stelle an dieses Ehrenmal erinnern:

Ehre dem Panzerkorps Grossdeutschland

Ehre dem Panzerkorps Grossdeutschland

Unter anderem steht dort auf den verschiedenen Tafeln:

20. Inf.Div. mot. nach ihrem Untergang im Kessel von Stalingrad neu aufgestellt 20. Pz.Gren.Div. Euch Kameraden, Euch … die ihr nicht heimkehrtet, Treue und Dank

Den für Deutschlands Ruhm und Ehre gefallenen Helden zum Gedächtnis 1914 – 1918 … Ich hatt einen Kameraden einen bessern findst du nicht.

Im Glauben an Deutschlands gerechte Sache, im festen Vertrauen
Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen. …

Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer 1914 – 1918 in Treue und festem Zukunftsglauben. Aus eurem Blut wird unsre Freiheit sprießen.

1939 IR GD 1942 PzGrenDiv GD 1944 Panzerkorps Großdeutschland
Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land. (?)

Wir haben es hier also mit einem Denkmal zu tun, dass im Duktus der Feinde der Weimarer Republik, der Gegner des Versailler Friedensvertrages und des deutschen Nationalchauvinismus an die im ersten Weltkrieg Gefallenen erinnert aber auch an die, die im Bunde der 6. Armee und des Panzerkorps Grossdeutschland dem deutschen Vernichtungsfuror den Weg ‚gen Osten freikämpften. Dies ist kein Widerspruch, denn diejenigen, die sich in den zwanziger Jahren dieser Sprache und dieser Parolen bedienten, bereiteten dem Nationalsozialismus den Weg.

Weil die Veranstaltung ausdrücklich am Ehrenmal stattfinden soll, ist klar, wer mit Kameraden gemeint ist, an die gedacht werden soll. Es sind nicht nur die Toten, die, seitdem die Bundeswehr eingesetzt wird, zu betrauern sind. Doch weil der Reservistenverband in das Deutschland des 21. Jahrhundert angekommen ist, weiß er natürlich auch, dass man auch an die erinnern soll, die als jüdische Deutsche für Kaiser und Vaterland gekämpft haben und gefallen sind. Dieses will der Verband auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen tun. Auch an die, im Kriegsgefangenenlager in den Jahren 1914 – 1918 bei Kassel umgekommenen Kriegsgefangenen der Alliierten soll erinnert werden. Dort soll ausdrücklich „den Opfern aller Nationen der Weltkriege“ gedacht und „die Versöhnung über den Gräbern“ zelebriert werden. Sprich es soll auch an diejenigen, die als Wegbereiter und Vollstrecker des deutschen Vernichtungskrieges gefallen sind, gedacht werden. Der Gang auf den jüdischen Friedhof dient dabei offensichtlich der eigenen Exkulpation und ist nichts als eine Nebelkerze und üble Instrumentalisierung toter Juden. Natürlich soll „über den Gräbern“ die Hand zur Versöhnung ausstreckt werden. Perverser geht’s nicht.

Einen musikalischen Beitrag gibt es auch noch, es soll das Lied „Der gute Kamerad“ angestimmt werden. Dieses Lied stammt, wie sollte es anders sein, aus der Zeit der antifranzösischen „Befreiungskämpfe“. Einer Zeit also, in der der Grundstein des antiwestlichen, antisemitischen und nationalchauvinistischen deutschen Nationalismus gelegt wurde, der im deutschen Nationalsozialismus zu sich selbst fand. (Hierzu wird das Bündnis gegen Antisemitismus am 3. Dezember 2015 zu einer Aktion einladen.)

Friedliche Zeiten und ein Störenfried

Am 14.10.2015 fand in Lohfelden, eine seit 1934 friedliche Umlandgemeinde bei Kassel, eine Versammlung besorgter Bürger statt. Es ist geplant, dass ein paar hundert Flüchtlinge in einem ehemaligen Baumarkt am Rand des Dorfes untergebracht werden. Während sonst das Interesse der Bürger für Kommunalpolitik gen Null tendiert, kamen nun die Massen des Volkes. Darunter auch Vertreter der nordhessischen Kagida. Sie setzten sich nicht nur breitbeinig in die erste Reihe und fühlten sich im Saal wie Fische im Wasser, sondern tönten gegenüber anderen, dass sie das nächste mal auch gerne ihre Baseballschläger mitbringen würden.

Während der Ausführungen des Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke pöbelte das Publikum. Dr. Lübcke sagte dann folgendes: „Wer diese Werte nicht vertritt, kann jederzeit dieses Land verlassen.“ Er erklärt am 17.10 2015 in einem Interview der HNA, welche Werte er meint: „Unser Zusammenleben beruht auf christlichen Werten. Damit eng verbunden sind die Sorge, die Verantwortung und die Hilfe für Menschen in Not.“ Seine Aussage auf der Versammlung sei auf die zu beziehen, die diese Werte offensichtlich nicht teilen.  Auch als die Zeitung im Dienste des Volkes bei ihm nachfragt, bleibt er bei seiner Haltung. „Ich habe gerade ausführlich erklärt, wie diese Äußerung zustande kam. … und bleibe dabei.“

Chapeau!

Die HNA findet das „verhängnisvoll“. Im Kommentar eines Peter Ketteritzsch heißt es gar, der Regierungspräsident habe „pauschal verunglimpft“! Wer soll verunglimpft worden sein? „Menschen, die sich angesichts des Flüchtlingsproblems ernsthaft Sorgen um die Zukunft unseres Landes machen“, so der besorgte Ketteritzsch. Nicht dass die Zuhörer die pöbelnden und drohenden Volksgenossen nicht hinaus komplimentiert haben, sondern toleriert haben oder ihnen Beifall gezollt haben, findet Ketteritzsch also skandalös, sondern dass Lübcke sich als Vertreter des staatsoffiziellen Antifaschismus präsentiert hat. Die HNA spricht seither von Rücktritt und davon, dass für Lübcke die Luft dünn würde, fragt in Wiesbaden nach, ob der Störenfried nicht endlich in die Wüste geschickt wird.

Bomber Harris, do it again!

Friedliche Zeiten und Störenfriede

Wie jedes Jahr bejammert die HNA die Bombardierung Kassels im Oktober 1943. Am 22.10.1943 flog ein britisches Bombergeschwader einen effektiven Angriff gegen Kassel und legte diese Stadt der Tiger- und Fieseler-Storch-Produzenten, die Stadt Roland Freislers und des vorauseilenden Judenpogroms, die Reichskriegerhauptstadt und die Stadt der nationalsozialistischen Massenaufmärsche in Schutt und Asche.

Und das, obwohl seit 1934 die Kasseler in friedlichen Zeiten lebten – unerhört!

HNA, 22.10.2015. Das Bild links, der abgebrannte Friedrichplatz 1943, das Bild rechts zeigt Bewohner Kassels 1934. Die HNA untertitelt das Bild rechts: "Foto aus friedlichen Zeiten. Diese Aufnahme aus dem Jahr 1934 ..."

HNA, 22.10.2015. Das Bild links, der abgebrannte Friedrichsplatz 1943, das Bild rechts zeigt Bewohner Kassels 1934. Die HNA untertitelt das Bild rechts: „Foto aus friedlichen Zeiten. Diese Aufnahme aus dem Jahr 1934 …“