Anstelle eines Nachrufs

„Peter Strutynski hat es wie kein anderer vermocht, einen  Brückenschlag herzustellen zwischen Friedensforschung und wissenschaftlicher Analyse einerseits und einem aktionsorientierten Herangehen zum Kampf für Frieden und Abrüstung andererseits.“  (Pressemitteilung Friedensratschlag 27.09.2015)

Foto_Strutynski
„Parteilichkeit [ist] zugleich ein bewußt angewandtes theoretisch-methodisches Prinzip, das den objektiven Wahrheitsgehalt, das kämpferische, revolutionäre Wesen und die konsequente offene Parteinahme des Marxismus-Leninismus für die Sache der Arbeiterklasse, den Sozialismus und Kommunismus, für den Fortschritt der Menschheit überhaupt deutlich macht.“ (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, 1972)

Finanziert wurde dieses theoretisch-methodische Prinzip für den Wahrheitsgehalt des Antizionismus und für den Volkstumskampf der Palästinenser und die konsequente offene Parteinahme für den Jihad, für den Fortschritt der atomaren Bewaffnung des Iran überhaupt aus den Steuermitteln der deutschen Bourgeoisie, bzw. dem Etat für Wissenschaft und Bildung der USrael-Kolonie Deutschland.

Friede seiner Asche

Old Europe – Bilder, Politik und Interventionen

Das Bild des toten Jungen am türkischen Strand hat viele Menschen erschüttert. Gleichzeitig wurde die Phrasendreschmaschinerie in Gang gebracht, von Gefährdung europäischer Werte bis hin zu Forderungen nach Ursachenbekämpfung, nichts Neues. Nicht neu ist auch die Debatte darüber, inwiefern Bilder zu einem Wechsel der Politik beitragen können. Zu Recht wird eingewendet, dass die Wirkmächtigkeit von Bildern überschätzt wird. Zwei Klicks, man ist beim nächsten Bild, das Bedürfnis zu Mitleid und Empörung des Einen wird dann durch das gequälte Tier, des Anderen durch ein gequältes, leidendes oder sterbendes Kind bedient. Für Hartgesottene gibt es die Bilder der Geköpften oder Gekreuzigten, der beim Bombardement ums Leben gebrachten, den Hungernden usw.. Meist ist die Empörung und das Erzeugen von Wut das Ziel derjenigen, die die Bilder nutzen – nicht zufällig bedienen sich auch gerade die Propagandakompanien der Hamas und andere arabischen Medien der Bildproduktion toter Kinder. Aus der Empörung folgt in der Regel die Artikulation von Wut und Ressentiment und nicht die des kritischen Gedankens.

Die Barbarei

Die Barbarei

Selbst wenn es nicht so wäre, was folgte aus der Illustration der täglichen Barbarei. Der Junge floh mit seiner Familie aus Kobane, das unmittelbar vom Vernichtungsfuror des IS bedroht war. Der IS konnte sich im Irak und in Syrien eine Machtbasis sichern und ausbauen, deren gesellschaftliche und staatliche Strukturen durch verschiedene Faktoren dem Verfall preis gegeben waren, die in der Verfasstheit eben jener beiden Staaten zu suchen sind. Beide wurden von blutrünstigen Diktatoren beherrscht, unter denen nicht etwa „Ruhe und Ordnung“ herrschte, sondern in denen Massenerschießungen, Folter, absolute Willkür, der schrankenlose Einsatz von Geheimpolizei und Militär gegen Protestierende und Aufständische zum Alltag gehörten. Der Klientelismus und die unbeschränkte Gewalt in beiden Staaten trugen dazu bei, dass so etwas wie eine Gesellschaft zersetzt und von sich gegenseitig belauernden Bandenstrukturen abgelöst wurde. Weder diese barbarische Form der Terrorherrschaft, noch die Vernichtung der kommunistischen Partei im Irak und die Zusammenarbeit der Machthaber in Syrien mit den (syrischen) Nationalsozialisten (nicht zufällig fand der NS-Verbrecher Alois Brunner in Syrien ein Betätigungsfeld und Exil), hinderten damals die Sowjetunion daran, diese Regimes zu unterstützen, noch die notorischen Prediger der „internationalen Solidarität“ und die Freunde des Friedens in diesen den Nukleus eines arabischen Sozialismus und eines Fortschritts der Menschheit insgesamt zu sehen und sie in ihrer Frontstellung gegen den Westen im allgemeinen und gegen die USA und Israel im besonderen ideell, bisweilen sogar materiell zu unterstützen.

Doch auch der sogenannte Westen paktierte mit beiden Regimes, mit dem Irak mehr, als mit Syrien. Der Irak galt als Bollwerk gegen den Iran und wurde u.a. aus diesem Grund massiv im Krieg gegen den Iran (ähnliches veranstaltet man heute mit Saudi Arabien u.a. unappetitlichen Regimes) unterstützt. Deutschland gerierte sich wie eh und je als „ehrlicher Makler“ und machte mit allen (auch dem Iran) gute Geschäfte. Beiden Regimes war gemein, dass es unter ihnen keine Perspektive einer ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung hin zu einer Gesellschaft modernen Zuschnitts geben konnte. (In Zeiten, in denen Linke sich noch der Analyse anstatt des Ressentiments und der Verschwörungstheorie widmeten, nannte man so etwas, die Produktivkräfte geraten in Widerspruch zu den Produktionsverhältnissen). In Syrien führte dies, wie in anderen arabischen Staaten auch, zu einer sehr heterogenen Bewegung, die den Sturz der autokratischen Terrordiktatur herbeisehnte und forderte. Bevor eine solche Entwicklung im Irak überhaupt einsetzten konnte, wurde Jahrzehnte zuvor, unter einem Vorwand zwar, zur Erleichterung jedoch vieler vor Ort – und zum Leidwesen anderer hierzulande, durch die, von den USA angeführte Intervention, die dortige Diktatur gestürzt.

Lieferte der syrische Diktator zwar genug Anlässe auch ihn mittels einer militärischen Intervention zu stürzen, blieb er auch nach der gewalttätigen Niederschlagung des zunächst von demokratischen Kräften angeführten Aufstandes unbehelligt. Der Präsident der USA formulierte Rote Linien, manche Europäer machten dicke Backen andere gaben sich bedenklich, ansonsten überließ man die Intervention den reaktionären Golfmonarchien und dem Iran und die Türkei betrieb ein undurchsichtiges Spiel mit dem IS. Die von den Golfmonarchien gestützten Kräfte liefen in der sogenannten Free Syrien Army (FSA) sehr bald denen den Rang ab, die für eine freie und demokratische Zukunft auf die Straßen gegangen waren. Übrig geblieben sind heute die Al Nusra, der IS und im Norden die bewaffneten Kräfte der YPG. Letztere konnten nur durch die entscheidende Unterstützung der US Air Force, den IS daran hindern, Kobane einzunehmen. Die Hoffnung, dass diese – selbst wenn sie (weiterhin) unter dem Schutz der USA stünden – in diesen abgelegenen Gebieten eine dauerhaft fortschrittliche Gesellschaft aufbauen könnten, ist eher Projektion und Wunschdenken hiesiger Anhänger der Linken, als Ergebnis einer Analyse der Realität. Die Intervention der im Bunde mit dem Iran agierenden Hisbollah trug (und trägt) dazu bei, dass Assad sich mühsam gegen die nunmehr weitgehend von der Al Nusra beherrschten FSA bis heute behaupten konnte.

1185125_609654389073755_1182282292_nWenn es denn eine Folge gäbe, die uns das Bild des kleinen Aylan aufgäbe, so wäre dies eine militärische Intervention einer von den USA angeführten militärischen Koalition demokratischer Staaten (sprich der NATO), um den Krieg in Syrien zu beenden. Dies setzte unter Umständen einen Deal mit Russland (Abwicklung der Schulden Syriens gegenüber Russland, Überlassung des Mittelmeerhafens Tartus, Asyl Assads in Russland) voraus – es gäbe schlimmeres. Um eine Situation wie die im Irak und Afghanistan zu verhindern, käme es jedoch zusätzlich darauf an, unter einer Besatzungsmacht mit langem Atem einen Prozess in Syrien in Gang zu setzten, der den Namen Nation-Building verdient hätte. Danach sieht es aktuell und in näherer Zukunft aber nicht aus. Nicht nur die innenpolitische Lage in den USA spricht dagegen, auch der Unwille der europäischen Staaten, sich unter Führung der USA militärisch nachhaltig in Syrien und zwangsläufig dann auch wieder im Irak zu engagieren, fehlt. Auch die Erfolglosigkeit unter der Besatzungspolitik in Afghanistan und Irak eine Art Nation-Building zu etablieren, tragen zur allgemeinen Passivität bei.

Der letzte erfolgreiche Versuch, so etwas zu gestalten, fand mit Deutschland vor siebzig Jahren in Europa statt. Durch die Domestizierung der Volksgemeinschaft und ihrer kleinen und mittleren Führer im Nachkriegsdeutschland entwickelte sich die sehr dünne demokratische Tünche der Nachkriegszeit zu einer stabilen Demokratie. Voraussetzung dafür war jedoch, dass (West-)Deutschland als ökonomisches Zentrum in Europa (und gegen die Sowjetunion) gebraucht wurde, also die sogenannte Westbindung durchgesetzt wurde, und mit einem mächtigen (vor allem auf Zwangsarbeit und Investitionstätigkeiten des NS-Staates beruhenden) Kapitalstock die Basis für eine prosperierende Nachkriegsgesellschaft vorhanden war. Vergleichbare Voraussetzungen in Afghanistan und Irak fehl(t)en völlig und sämtliche Versuche, dort so etwas wie eine stabile gesellschaftlich-politische Struktur unter Einbeziehung der vor Ort dominierenden gesellschaftlichen Gruppen zustande zu bringen, mussten u.a. auch daran scheitern.

Im Gegensatz zu Deutschland gehören Afghanistan und Syrien zu den abgehängten Gebieten der Peripherie und haben auch nur eine eingeschränkte geostrategische Bedeutung (falls es so etwas überhaupt noch gibt) für die USA. Allenfalls der Irak als Rohstofflieferant könnte auf Basis einer Ölrente eine vergleichsweise stabile gesellschaftliche und staatliche Strukturen herausbilden, wenn es gelänge mit Unterstützung der demokratischen Staaten den Einfluss des Irans und der aktuell herrschenden Banden im Irak zu brechen. Die erfreuliche Entwicklung der kurdischen Autonomiegebiete im Irak bietet dafür ein gutes Anschauungsbeispiel, wie es sein könnte. Nach einer vergleichbaren Zukunft für den Irak und Syrien sieht es, obwohl sich dies immer noch viele Menschen wünschen würden, jedoch derzeit nicht aus. Viel wahrscheinlicher scheint aktuell eine von den USA geduldete forcierte Unterstützung Assads durch Russland und dem Iran, die dazu führen wird, dass Assad und dessen Clan ein geschrumpftes Herrschaftsgebiet wird halten und konsolidieren können und, was diese Konstellation besonders gefährlich macht, die Ausdehnung des Einflusses des Irans bis an die israelische Grenze. Die Bildung eines Cordon-Sanitaire zu Jordanien und zur Türkei (der Preis den die USA den Akteuren abverlangen wird) die jeweils unter Herrschaft lokaler Stammesfürsten stehen, wird die Grundlagen einer Elendsverwaltung in der Peripherie zum Ergebnis haben. Die Bekämpfung (vielleicht auch die Domestizierung) des IS wird man den Iranern im Bunde mit ihren Freunden im Irak und Syrien überlassen.

Die Idee aus diesen Staaten – und eben auch aus Kobane – zu fliehen hat daher etwas sehr rationales und ist im wesentlichen Ergebnis einer völlig verfehlten Politik des Nichteingreifens demokratischer Mächte. (Was bleibt ist die unmittelbare Solidaritätsarbeit für die Flüchtlinge und das Engagement gegen Nazis und Rassisten, die den Flüchtlingen auch hier die Hölle bereiten wollen; hierfür ist die Illustration der Barbarei jedoch nicht notwendig, sie gebietet der normale Menschenverstand – problematisch dabei, man begibt sich dabei u.U. in unerfreuliche Gesellschaft.)

Vor ca. 50 Jahren ging das Bild der von Napalmbomben verbrannten und terrorisierten Kinder aus Trang Bang durch die Welt. Diesem Bild wird ein nicht zu bestreitender Einfluss zugeschrieben, den mörderischen Krieg in Vietnam einem Ende zu zuführen. Das Bild stand jedoch nicht für sich alleine, sondern für eine neue Art und vor allem intensivere Rezeption der Berichterstattung. Beides trug in den USA dazu bei, dass dort eine den Namen verdienende Friedensbewegung die eigene Regierung so unter Druck setzte, dass diese ihre unselige Interventionspolitik in Vietnam beendete. Es wurde eine Intervention beendet, was einfacher ist, als eine erfolgreich umzusetzen – insofern hinkt der verschiedentlich herangezogene Vergleich über die Wirkmächtigkeit von Bildern.

In Europa trugen der Vietnamkrieg und der durchaus berechtigte Protest gegen diesen jedoch vor allem dazu bei, den in Deutschland und Europa tief sitzenden Antiamerikanismus zu befeuern. Die allerorts entstehenden Vietnamsolidaritätkomitees lösten den ursprünglichen Anspruch der aufbegehrenden Studenten, die Nazibagage in Westdeutschland aus Politik, Justiz, Wissenschaft und Bildung, Wirtschaft usw. hinauszukomplimentieren, ab und schufen die Voraussetzung zur Schaffung der linksdeutschen Ideologie. Vor allem in Deutschland führten die Proteste gegen den Vietnamkrieg (später u.a. gegen Pinochets Putsch und Regime in Chile und gegen die Interventionspolitik gegen das revolutionäre Nikaragua) dazu, dass die Aufbegehrenden die USA als das Übel in der Welt identifizierten, das Engagement für die Unterdrückten in aller Welt fand in der Palästinasolidarität und im Israelhass zu sich selbst und darob den Frieden mit den Vätern und der Nation. Der Gang durch die Institutionen konnte angetreten werden um Old-Europe zu modernisieren und gegen den Weltgeist in Stellung zu bringen.

Ein Napoleon ist nicht in Sicht – das Elend und die Barbarei und ihre Bilder dagegen schon.

Wahre Demokraten und andere Nazis

„Dass einer ein guter Nazi gewesen war, bedeutet trotzdem immer noch, dass mit ‚guter Nazi’ das rührige Mitglied einer hochgradig kriminellen Vereinigung gemeint war.“ (Eike Geisel)

Das Bedürfnis in Kassel nach Vergangenheiten und die Vergangenheit

„Vergangenheiten“ heißt ein Band, der kürzlich veröffentlicht wurde, um der Frage nachzugehen, inwieweit die ersten drei Kasseler Bürgermeister nach 1945 in das nationalsozialistische Regime „verstrickt“ waren. Der Titel ist Programm und Anspruch, geht es doch darum, in Sachen deutsche Vergangenheit zu differenzieren. So wie das Verb „verstrickt“ erheischt die, der Knoppschen Nebelwerferkompanie entstammende Phrase vom Differenzieren allgemeine Beliebtheit, wenn es um die deutsche Geschichte geht. Es besteht das große Bedürfnis, sich trotz Wissen um den Nationalsozialismus, positiv auf die Nation oder eben auf Kassel zu beziehen, beziehungsweise im konkreten Fall, positiv auf eine (sozial)demokratische Tradition, die es in Kassel zumindest nach 1945 gegeben haben soll.

2013 veröffentlichten die Wissenschaftler Jens Fleming und Dietfrid Krause-Vilmar den Band „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte.“ Der Band will, so die Herausgeber, Tiefenbohrungen an „entscheidenden historischen Ereignissen und Konstellationen“ vornehmen, um die Stadtgeschichtsforschung unter neuen Aspekten wieder zu eröffnen. Man annonciert, sich vom Jubelband zur Tausendjahrfeier abzugrenzen, der 1913 erschien und Vergangenheit inszenierte.

Die beiden Wissenschaftlerinnen Anne Belke-Herwig und Barbara Orth schreiben in ihrem dort platzierten Beitrag „Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945“: „Es ist auffallend, dass nicht nur der erste Bürgermeister der Stadt Willi Seidel, sondern zugleich auch einige Dezernenten … bereits lange Jahre für das nationalsozialistische Kassel tätig gewesen waren … Obwohl sie weder an Verbrechen beteiligt waren noch justiziable Schuld auf sich geladen hatten, begründeten sie mit ihren persönlichen Vernetzungen Kontinuitäten, die einem grundlegenden Neuanfang nicht förderlich waren.“ In der Fußnote erwähnen sie, dass nicht nur Seidel, sondern auch die folgenden Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen und Karl Branner im NS-Regime in unterschiedlicher Weise integriert waren.

In Seidel beschreiben die beiden Autorinnen einen Bürokraten der Verwaltung einer Provinzstadt im Nationalsozialismus und in Branner einen Ideologen, der seine Doktorarbeit der Umsetzung völkischer Ideologie in der Wirtschaft- und Steuerpolitik des NS-Staates widmet und es sich dabei nicht nehmen ließ, jüdische Autoren mit einem Stern zu markieren. Dass ihre Tätigkeit, einer verbrecherischen Gemeinschaft dienlich zu sein, nicht justiziabel war, sagt weniger etwas über ihre Tätigkeit aus, als vielmehr etwas über die deutsche Justiz und Rechtsprechung sowie dem Rechtsverständnis in der postnazistischen Gesellschaft.

Über die Wünsche des Kasseler Oberbürgermeisters und wie es in ihm denkt

Obwohl im Jargon deutscher Geschichtsaufarbeitung nur als Mitläufer oder eben als „Belastete“ der Nazigesellschaft ohne Verbrechen begangen zu haben, klassifiziert, führte die Feststellung der beiden Wissenschaftlerinnen dann dazu, dass der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen in einem Interview mit der HNA am 12.10.2013 erklärte, „die Fairness gebietet es, mit Besonnenheit und Sorgfalt offene Fragen zu beantworten“ und suggerierte damit, die beiden Autorinnen wären ohne Besonnenheit und Sorgfalt zu Werke gegangen. Weiter forderte er, „renommierte Historiker“ sollten beauftragt werden, einen „Blick von außen“ auf die Angelegenheit zu richten, denn dies verspreche „unbefangen zu bleiben.“

Diese, den Forscherinnen gegenüber despektierlichen und abwertenden, Bemerkungen begründen sich in dem von ihm geforderten Ziel, „das Leben von Branner – auch das vor 1945 – nachzuvollziehen und seine Doktorarbeit im historischen Zusammenhang einzuordnen.“ In den historischen Zusammenhang zu stellen heißt, anders als suggeriert wird, im Zusammenhang des Nationalsozialismus dazu beizutragen, den Nationalsozialismus als einen von der deutschen Geschichte historisch abzutrennenden Kosmos mit eigenen Regeln zu betrachten, der 1933 begonnen und 1945 beendet wurde. In historistischer Manier wird somit der mit Beginn der deutschen Geschichte (1813/1815) gewachsene Zusammenhang von Volksgemeinschaft, Obrigkeitsdenken, konformistischer Revolte und Antisemitismus eliminiert, einem ideologischen Konglomerat das in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Revolution 1933 staatsgewordene Erfüllung fand. Zur Geschichte Kassels gehört in diesem Zusammenhang, dass Nordhessen (neben Oberhessen) eine Hochburg des Antisemitismus im 19. Jahrhundert war, in Kassel die NSDAP vergleichsweise gute Wahlergebnisse erzielte und im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Deutschland, das Novemberpogrom 1938 gegen die Juden in Kassel zwei Tage vorher stattfand.

Das durchaus sehr unterschiedliche Tun und Lassen der Volksgenossen von 1933 bis 1945 wird nicht als konstituierender Bestandteil eben dieser Gesellschaftsform, sondern als Mimikry angesichts eines 1933 über die deutsche Gesellschaft hereingebrochen Unrechtssystems beurteilt. Als solches läßt sich das Agieren der Volksgenossen im Gesamtzusammenhang der NS-Gesellschaft vom Tatvorwurf verbrecherischen Mittuns freisprechen und anstatt dessen davon abstrahierend von Mitläufertum und Belasteten (unterschiedlichen Grades) reden. Nur so können dann die Volksgenossen nach 1945 als „wahre Demokraten“ wie Phönixe aus der Asche aufsteigen.

Damit man nicht allzu plump daher kommt, sich von der heute gern kritisch betrachteten Persilscheinpraxis der Nachkriegszeit und von dem Geschichtsrevisionismus rechter Provenienz zu unterscheiden, differenziert man zwischen bösen und nicht so bösen und guten und nicht so guten Volksgenossen, zwischen Widerstandskämpfern, Mitläufern, Belasteten und Tätern, erkennt lauter Verstrickungen und Nöte der Handelnden. Die Täter sind immer die anderen, sie sind Nazis, sozusagen Spezies aus dem Weltraum, die Deutschland um Ehre und Ansehen gebracht haben, die die Juden verfolgten und ausgerottet haben und damit Deutschland um wichtige Bestandteile der Wissenschaft, Kultur und Vielfalt beraubt hätten.

„Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer, sonst hätte es das System nicht gegeben“ redet es aus dem Oberbürgermeister und bringt damit genau das zur Sprache, was das NS-Regime ausmachte. Der NS war eine Konsensdiktatur und Menschen wie Branner und Co. waren der personale Ausdruck dafür. Allein das „nicht alle“ im daher gesagten Satz des Oberbürgermeisters suggeriert, es hätte sie gegeben, die Widerstandskämpfer, das andere Deutschland, die Unentschiedenen, die die still hielten und insgeheim den Alliierten die Daumen drückten. Sie hat es auch gegeben, sicher, aber in Spurenelementen, in der Emigration, in den KZs und in den Gefängnissen – sie waren die Ausgestoßenen, die Verräter (und das bis weit in die Gegenwart hinein), sie waren wenige, sie waren nicht Bestandteil der Volksgemeinschaft.

Sekundiert wird des Oberbürgermeisters Rettungsversuch schließlich von einem Heinz Körner (SPD), der nun als „Kassel-Chronist“ meint, den Historikern einen verengten Blick vorwerfen zu müssen. Sie hätten nicht berücksichtigt, dass die NSDAP über allem stand und angesichts dieses misslichen Umstands habe sich das menschenfreundliche und demokratische Potential eines Seidel nicht entfalten können. Leider ganz umsonst, so führt dann Körner ein Beispiel an, habe Seidel bei den Kasseler Nazigrößen Lahmeyer und Weinrich um Nachsicht für einige seiner geprügelten Genossen gebeten.

Kramer führt jedoch nur ein Paradebeispiel an, wie das NS-Regime als Unstaat funktionierte. Die Versuche Seidels, etwas für seine Freunde und Bekannten zu tun ist typisch für eine Gesellschaft, in der Seilschaften und Banden, verschiedene, sich gegenseitig belauernden Cliquen, die um ihre Klientel besorgt waren und stets suchten, für sie etwas zu tun, um Einfluß ringen. Statt öffentliche Debatte, Vermittlung und Repräsentation, statt politische Auseinandersetzung, öffentlicher Protest und Aufstand das Kungeln, das Unmittelbare, das Fürsprechen bei den Mächtigen, von deren Willkür es dann abhing, ob der Fürsprache Erfolg beschieden war oder nicht.

Noch nach 1945 präsentierte sich Seidel als gelehriger Schüler der NS-Ideologie. Zum einen versuchte er sich nun als Fürsprecher des Nazibürgermeisters Gustav Lahmeyer und setzte den Nazi Albert Voßhage als Stadtkämmerer durch, auch kannte er nach 1945 weder Täter noch Opfer, sondern nur noch Kasseler und die, ihn selbst eingeschlossen, hatten dann eben für das Gemeinwohl die Schippe in die Hand zu nehmen um für die Umsetzung der Pläne, der von Seidel in Amt und Würde belassenen Nazistadtplanern den Schutt wegzuräumen. Selbstredend galt dies auch für die Überlebenden der KZs und für die vom Naziterror befreiten Sklavenarbeiter. Darin sieht Körner natürlich nicht eine besonders perfide Praxis der fortexistierenden Volksgemeinschaft, sondern denunziert die Kritik an diesem Gebaren des ersten Bürgermeisters als einen nicht zu duldenden Seitenhieb.

Über Forschungen und ihre Ergebnisse

Nachdem nun also der Oberbürgermeister befand, dass sich dem Thema besonnen und sorgfältig zu widmen sei, beauftragte die Stadt Kassel die Historikerin Sabine Schneider, das Thema der Nazi-Kollaboration der Nachkriegsbürgermeister erneut zu erforschen. Im nun erschienen Band wird festgestellt, dass Seidel, Lauritzen und Branner „keine NS-Verbrecher“ waren. „Aber sie haben, wie Millionen andere Deutsche … auf unterschiedliche Weisen den Nationalsozialismus unterstützt, zum Funktionieren des NS-Systems beigetragen.“ Im folgenden explizieren die Autoren noch was sie gemeint haben und eiern um die Erkenntnis herum, dass der Nationalsozialismus weder ideologisch und noch politisch homogen war und trotzdem als Einheit zu Begreifen ist, und es daher auch unmöglich ist, die Gruppe derjenigen, die wie im aktuellen Fall, euphemistisch als NS-belastet bezeichnet werden von den anderen, die nur allzu gern als belastet bezeichnet werden, zu unterscheiden. So lassen sich die einzelnen Volksgenossen immer als etwas besonderes darstellen und nicht als allgemeiner Ausdruck der Nazigesellschaft.

Prof. Jörg Kammler, einst Forscher in der von ihm mitbegründeten Forschungsgruppe „Nationalsozialismus in Nordhessen“, beschäftigte sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kassel und Umgebung. In dem von ihm mit herausgegebenen Band „Volksgemeinschaft Volksfeinde“ führt er über das Thema Widerstand, Widerspruch, Mitläufertum und aktivem Mittun aus: „Verbunden waren ‚Kern’ und ‚Peripherie’ des Widerstandes durch die Qualität und Problematik individuellen Widerstehens.“ Hier versucht er noch eine Einheit von Widerstand und nörgelnden Volksgenossen herzustellen um darzustellen, dass der Widerstand nicht die Sache von ganz Wenigen war. Diese Sichtweise wird von ihm selbst im Laufe seines Aufsatzes revidiert. „Auch für den auf eine Gruppe bezogenen und politisch bewussten Gegner war es im persönlichen Handeln nicht mit der einmal getroffenen grundsätzlichen Entscheidung getan. Die Entscheidung musste immer erneut bekräftigt werden, und sie stand auch immer wieder in Frage. … Daß der Schritt von der bloßen oppositionellen Stimmung hin zum Handeln auch in aussichtslosen Situationen immer wieder getan wurde, hing im Ernstfall … vor allem von moralischer Sensibilität, dem Bewusstsein von einer zu verteidigenden Identität und schließlich von dem Willen, diese Identität auch um den Preis persönlicher Gefährdung zu bewahren.“

Obwohl es um Kassel herum einige rote Dörfer gab, in denen die KPD und/oder die SPD bis 1933 die beherrschenden politischen Kräfte waren und in denen die NS-Herrschaft mit terroristischen Methoden durchgesetzt werden mußte, insgesamt nahm der Widerstand gegen die NS-Herrschaft in und um Kassel herum wie in Deutschland insgesamt eine gesellschaftlich  unbedeutende Rolle ein. Nur wenige entschieden sich 1933ff trotz offensichtlichen Charakters des NS-Regimes richtig, nämlich in antifaschistischer Weise. Auch für die nach 1945 in Kasseler führenden Politiker gab es immer wieder Punkte, an denen sie aktiv handelten und Entscheidungen trafen. Der eine promovierte bei einem bekannten NS-Ideologen, der andere entschied sich für eine Karriere in der kommunalen Bürokratie des NS-Staates und alle drei traten irgendeiner der vielen Organisationen des NS-Apparates bei, entschieden sich also in wichtigen Situationen für die Option, mit dem NS zu paktieren. Körner bringt es auf den Punkt, Widerstand hätte Seidel den Posten gekostet, also entschied er sich dafür, beim NS-Staat mitzumachen. Sie handelten wie die meisten anderen, was ihr Handeln und ihre Entscheidung aber nicht exkulpiert, wie es der „Kassel-Chronist“ einem weismachen will, sondern symptomatisch für die gesellschaftliche Situation im NS-Staat steht. Ihre immer mal wieder zum Ausdruck gebrachten Nichteinverständnisse mit der einen oder anderen politischen Entscheidungen des NS-Staates machte sie weder zu heimlichen Opponenten oder gar zu Widerstehenden, sondern zu typischen Vertretern der NS-Gesellschaft.

Nur ganz Wenige entschieden sich für eine andere Option. Kammler beschreibt deren Lage als eine Situation, in der sie isolierte, gehetzte und ohnmächtige Individuen waren, „deren Handlungsspielraum sehr gering war.“ Ihnen gegenüber standen die Vielen, die zwar nicht mit allem einverstanden waren, Ablehnung zum Ausdruck brachten und vielleicht sogar gelegentlich dem Willen des NS-Staates zuwiderhandelten, doch tragender Bestandteil des Regimes waren. Ihr „persönliches Handeln bestimmte sich … überwiegend nach den Kategorien des Regimes“ resümierte Kammler und beantwortet damit die von ihm zu Beginn zur Diskussion gestellte Frage, wie eng der Begriff von Widerstand zu setzten ist.

Diese weit verbreiteten Haltung der nörgelnden Volksgenossen präsentierte nach Kriegsende der entsetzten Weltöffentlichkeit die Mär, nicht für das NS-Regime gestanden zu haben, sondern sogar Teil des Widerstands gewesen zu sein. Die, die Truppen der Alliierten begleitenden Offiziere der jeweiligen Aufklärungseinheiten wunderten sich daher, dass ihnen im niedergeworfenen Deutschland keine Nazis mehr begegneten. Kammler beschließt seine Betrachtung mit der Bemerkung „Die Akten der Verfolger lassen erkennen, dass Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“

Das Nachleben eines Kasseler Eichmanns und eines Kasseler Rosenbergs

Branner und Seidel sind typische Repräsentanten für das NS-Regime. Während Seidel als Bürokrat im Kasseler Rathaus wichtige Arbeit für das Funktionieren des NS-Regimes in der Provinz leistete und auch mit dem Raub jüdischen Eigentums befasst war, also ein kleiner Dutzend-Eichmann war, steht Branner für den Volksgemeinschaftsideologen, der seine wissenschaftliche Beschäftigung der Anpassung der Wirtschaftswissenschaft an die Volksgemeinschaftsideologie widmete, wirkte also wie etwa Alfred Rosenberg an der für den Nationalsozialismus zentralen Ideologie mit. Dass er nicht den Bekanntheitsgrad eines Rosenbergs erreichte, lag weniger an der Festigkeit seiner Gesinnung, als vielmehr daran, dass er nicht das Zeug dazu hatte zum Volkstribun zu werden und auch sein Thema nicht dazu taugte, ihn zum großen Ideologen zu werden zu lassen. Im Gegensatz zu den beiden hier genannten und allgemein als Nazis bekannten Eichmann und Rosenberg, wurden der Kasseler Westentaschenrosenberg und Dutzendeichmann nicht bestraft, sondern machten Karriere als „wahre Demokraten“ im Nachkriegsdeutschland, ein Weg, den die Bestraften, hätte man ihnen Bewährung gewährt, als ordentliche Deutsche auch gegangen wären.

Doch heute schauen sich auch Seidel, Branner und Lauritzen die Radieschen von unten an und da nur für Günter Grass schon zu Lebzeiten ein Museum und ein Denkmal errichtet wurde, warum nicht diese als Namenspatrone für Straßen, Brücken und Häuser auserwählen. Es gibt in Kassel ja auch eine Waldemar-Petersen-Straße, einen Fieseler-Storch-Kult, es gibt das Ehrenmal in der Aue, auf dem bis heute die Vernichtungskrieger und ihre Einheiten geehrt werden, usw., warum soll es dann keine Branner-Brücke, keine Willi-Seidelhaus etc. geben.

Alle sind „differenziert“ zu betrachten! Der Fieseler-Storch eine geniale Flugzeugkonstruktion eines „entjudeten“ Kasseler Betriebes, ein Waldemar Petersen ein genialer Ingenieur der auch in Kassel wichtigen AEG-Werke und die vielen Soldaten, die an allen Fronten für Vaterland und Führer das Leben ließen, waren doch auch Söhne dieser Stadt. Das geht nur dann, wenn Roland Freisler und der Gestapo-Chef Franz Marmon, die auch Söhne der Stadt waren, dafür herhalten müssen zu beweisen, dass die postnazistische Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und den Nazifaschismus als unbenamte und undeutsche Gewaltherrschaft verurteilt. Hitler wie in Helsa die Ehrenbürgerschaft abzusprechen, Freisler und Marmon keine Straßennamen zu widmen ist Ausdruck dafür, sie aus der Identifikation stiftenden Geschichte zu extrahieren und dem Bösen zuzuordnen. Ob man jetzt wie die CDU und die Kasseler Linke versucht, Branner & Co zu „entehren“, oder wie die SPD in ihnen „wahre Demokraten“ zu sehen, beides ist der Versuch die deutsche, die Kasseler oder, im speziellem Kasseler Fall, die Geschichte der SPD zu retten. Deutschland ist heute ein anderer Staat und Kassel eine andere Stadt, so einfach ist das.

Sicher haben die Autoren von „Vergangenheiten“ Recht, wenn sie behaupten, dass die Integration der Nazis in die demokratische Gesellschaft wesentlich zur Befriedung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft beigetragen hat. Doch dies machte gerade das Unheimliche dieser Gesellschaft aus. Nicht die Nazis, sondern das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, erkannte Theodor W. Adorno als potentiell bedrohlich an. So kam es in Deutschland, anders als beispielsweise in Jugoslawien, nicht zur Tabula Rasa, und dass die gerade von den Alliierten abgesetzten Nazis, außer vereinzelt vor den gerade freigelassenen KZ-Häftlingen, nirgends wo beschützt werden mussten ist bezeichnend. Weil der antifaschistische Widerstand eben keine Basis in der deutschen Volksgemeinschaft hatte, wandten sich die Besiegten eben auch nicht der Rache gegen die Nazis, sondern beflissen dem Wiederaufbau ihrer in Trümmern liegenden Städte zu. So auch in Kassel.

Branner wurde dann doch von seiner Vergangenheit eingeholt. Nicht aber die als Nazi, sondern die als gewendeter Antifaschist fiel ihm auf die Füße. Branner geriet in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft und betätigte sich dort im Gefangenenlager als führende Kraft im antifaschistischen Komitee. Er beurteilte verschiedene Mitgefangene, was der jugoslawischen Lagerverwaltung als Anhaltspunkt für die mögliche Entlassung der Insassen diente. Nicht die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Soldaten als Teil der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu Recht in einem Lager saßen und als solche von Branner eben als bockig und verstockt klassifiziert wurden, sondern dass Branner durch diese Tätigkeit als Kameradenschwein angesehen wurde, einen Vorwurf, den er nur mit Mühe von sich weisen konnte, steht für die Logik des Postnazismus, der in der despektierlichen Bemerkung der HNA über diese einzig zu begrüßende Tätigkeit Branners bis heute fortwirkt.

Literatur:

Anne Belke-Herwig, Barbara Orth, Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg.) J. Flemming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 2013

Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2., (Hg) W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Kassel 1987

Erwin Knauß, Der politische Antisemitismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs unter besonderer Berücksichtigung des nord- und mittelhessischen Raumes, in: Juden in Kassel 1808 – 1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1987.

Herbert Pinno, Ochshausen – 5. März 1933, eine rote Bastion wird geschleift, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2 (ob. zit.)

Sabine Schneider, Eckart Conze, Jens Fleming, Dietfrid Krause-Vilmar, Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Marburg 2015.

Buchenwald und die Gemütlichkeit

Über die Rezeption von Befreiung und Widerstand in der postnazistischen Gesellschaft

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Jorge Semprun beschreibt in seinem Roman „Die große Reise“ folgende Begebenheit. Nach der Befreiung Buchenwalds laufen er, mittlerweile in Uniformen der US-Armee eingekleidet und weitere Kameraden durch die bei Buchenwald gelegenen Dörfer. Sie kommen an einem „ziemlich stattlichen“ Haus vorbei. Semprun fällt sofort auf, dass von diesem Haus aus, das Lager im Blickfeld der Aussicht gelegen haben muss. Er beschließt, dieses Haus zu betreten und die Leute kennen zu lernen, die dort die Jahre lebten und diese Aussicht hatten. Seine beiden Kameraden lehnen das Ansinnen ab, aber Semprun selber klopft an. Nachdem schließlich keiner aufmacht wird er massiver, „aufmachen“ schreit er, „los aufmachen!“ Semprun erschrickt über seinen Ton, der ihn an den der SS-Leute im Lager erinnert. Es öffnet ihm eine ältere grauhaarige Frau. Semprun betritt das Haus. Die Frau des Hauses folgt ihm auf Schritt und Tritt. Semprun sucht sofort das Stockwerk auf, von dem aus das Lager zu sehen sein muss. Schließlich betritt er ein Zimmer, dessen Fenster in Richtung des Lagers weisen. „Genau im Rahmen eines der Fenster zeichnet sich der viereckige Krematoriumsschornstein ab.“ Die Frau bemerkt, nachdem Semprun das Zimmer betreten hat, „ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?“ und antwortet auf seine Frage, wie denn dieses Zimmer genutzt worden sei, „in diesem Zimmer sitzen wir gewöhnlich.“ Nachdem er dann fragt, ob sie denn nicht das rauchende Krematorium bemerkt hätten, schlägt die Stimmung um, die Frau bekommt es mit der Angst zu tun, dann sagt sie, „meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.“ Semprun kann nicht viel mehr entgegnen, als „hoffentlich sind sie gefallen.“ Und verlässt konsterniert das „gemütliche Zimmer“.

Gedenkstätte Buchenwald, Mahnmal, Winter

Diese Szene steht symptomatisch für die bis heute währende Situation des, unterschiedliche Phasen durchlaufenden, Postnazismus. Die deutsche Bevölkerung richtete es sich im Nationalsozialismus gemütlich ein. Obwohl später durchweg bestritten, waren Millionen Deutsche nicht nur Zeugen der Massenvernichtung, des alltäglichen Terrors und der Verfolgung, sie waren Beteiligte und Profiteure. Und als sie dann im Laufe des Frühjahrs 1945 damit konfrontiert wurden, dass sie in dieser Rolle von den übrig gebliebenen Opfern und Vertretern der Siegermächte ertappt wurden, kehrten sie das eigene Leid hervor und erklärten sich zu Opfern derjenigen, denen sie kurz zuvor noch mit großer Begeisterung folgten oder die sie selber darstellten. In dem sie sich zudem als Opfer des Bombardements ihrer Städte, als heimatlos gewordene Flüchtlinge und Umgesiedelte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, als trauernde Angehörige gefallener Soldaten und schließlich als Hungerleider im folgenden Winter definierten, konnten sie sich darüber hinaus als Opfer eines Krieges definieren, der über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen sei, wie die Pest anno dazumal.

Buchenwald wurde vor 70 Jahren befreit. Anders als es das Narrativ in der DDR behauptete, waren es die herannahenden US-Truppen, die die SS-Einheiten dazu veranlassten, das Lager zu verlassen, was es dem in Buchenwald agierenden Widerstandskomitee ermöglichte, die Kontrolle des Lagers nach der Flucht der SS zu übernehmen und das Lager den kurz danach eintreffenden US-Truppen zu übergeben.

Aufstände gab es in einigen Lagern. In Treblinka, Sobibor, Auschwitz und in Mauthausen. In allen diesen Lagern war es den Aufständischen bewusst, dass sie der Vernichtung zugeführt werden sollten. Die Option auszuhalten und im letzten Augenblick, beim Herannahen der Truppen der Alliierten loszuschlagen, um wie in Buchenwald einer drohenden Liquidation des Lagers zuvorzukommen, bot sich in Treblinka oder Sobibor nicht oder führte wie in Auschwitz oder in Mauthausen zu Konflikten zwischen den Akteuren der Widerstandsgruppen und denen, die den Aufstand riskieren wollten. Die in Auschwitz und in Mauthausen agierenden Widerstandsgruppen setzten wie in Buchenwald darauf, den Augenblick abzuwarten, zu dem die alliierten Truppen vor den Toren des Lagers gestanden hätten – eine Option die den für die „Sonderkommandos“ abgestellten Häftlingen in Auschwitz (Juden) und den Häftlingen des Todesblocks (gefangene Rotarmisten) in Mauthausen nicht blieb. Sie sollten unabhängig vom Frontverlauf, wie ihre Leidensgenossen vernichtet werden.

In Auschwitz, Treblinka und Sobibor fand die nationalsozialistische Ideologie zu ihrer Vollendung, indem dort vor allem Juden, als „jüdische Rasse“ definiert und als halluziniertes Gegenprinzip zur deutschen Volksgemeinschaft verstanden, vernichtet wurden. Lager wie Buchenwald und Dachau waren hingegen Instrumente des Terrors, der sich vor allem gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus richtete, um sie einzuschüchtern und zu dezimieren. Ebenfalls sollten in diesen Lagern Unbotmäßige, „Arbeitsscheue“, „Asoziale“ und Kriminelle zu „ordentlichen Volksgenossen umerzogen“ werden. Während also die Inhaftierung von Juden in den Vernichtungslagern keinem anderen Zweck diente, als sie dort umzubringen, wurde in den übrigen Konzentrationslagern die politische Auseinandersetzung fortgeführt, die außerhalb der Lager (zunächst in Deutschland dann in den besetzten Gebieten) geführt wurde. Später dienten die Konzentrationslager auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dieser Unterschied setzte die o.g. unterschiedlichen Rahmenbedingungen für etwaigen Widerstand und dessen Aktionen.

Die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern bewegte sich zwischen 4.000 im Jahr 1935 und 60.000 Ende 1938. 1938 stellten Juden die Mehrheit der Häftlinge, sie wurden während der Reichspogromnacht festgenommen. Viele von ihnen wurden aber kurz danach wieder entlassen um sie in die Emigration zu treiben oder drei Jahre später in die Vernichtungslager zu deportieren. Diese Zahlen verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Opposition gegen Hitler in Deutschland und den Stellenwert der antisemitischen Verfolgung.  Erst nach Kriegsbeginn wuchs die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf mehrere 100.000 Häftlinge. Die größte Anzahl wurde nun von Häftlingen gestellt, die als Gegner der deutschen Besatzung aus ganz Europa in die Lager verschleppt wurden. Die deutschen Häftlinge stellten in den vierziger Jahren eine kleine Minderheit dar. Insgesamt schätzt man die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von denen ca. 450.000 umkamen.

Mehr als 3 Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern umgebracht, auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die Tatsache, dass es Aufstände in den Vernichtungslagern gab, nicht jedoch in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald usw., blieb in der DDR-Geschichtsschreibung unbenannt. Die Rolle der Vernichtungslager wie die der antisemitischen Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus wurde in der DDR nur am Rande thematisiert. Im Vordergrund stand die Befassung mit der politischen Auseinandersetzung zwischen Widerstand und dem NS-Regime, wobei durch die Überhöhung der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes die deutsche Volksgemeinschaft im Ergebnis wie im Westen exkulpiert wurde, nur auf andere Art und Weise.

Die Übernahme des KZs Buchenwald durch das Häftlingskommitee am 11. April 1945 kurz nachdem die SS geflohen war, wurde zum Aufstand des Antifaschismus in Deutschland uminterpretiert. Mangels eines Aufstandes des deutschen Proletariats oder der deutschen Bevölkerung gegen das NS-Regime wurde so der vermeintliche Aufstand in Buchenwald in der DDR zum zentralen Chiffre des antifaschistischen Widerstands. Dieses Ereignis diente der DDR, die sich von Beginn an positiv auf den antifaschistischen Widerstand bezog, als Bezugspunkt nationaler und politischer Identität, entsprechend bedeutsam waren sowohl Erzählungen über das Lager, das Lager als Initiationsstätte politischer Jugendorganisationen, als auch der jährlich stattfindende Erinnerungskult unter Einbindung des internationalen Buchenwaldkommitees.

Dass Buchenwald faktisch von den US-Truppen befreit wurde, heißt jedoch nicht, dass es dort keinen organisierten Widerstand gegeben hat, dass Buchenwald kein Vernichtungslager war nicht, dass es dort keinen tausendfachen Mord an Häftlingen, keinen entgrenzten Terror gegen wehrlose Gefangene gegeben hat. In Buchenwald gelang es dem von Kommunisten dominierten Lagerwiderstand trotz widrigster Umstände, eine Untergrundorganisation aufzubauen, aus dem schließlich das internationale Buchenwaldkommitee erwuchs, dem es gelang, wichtige Positionen im Lager zu übernehmen, die die SS vorsah, um den riesigen Terrorkomplex verwalten zu können. Diese Taktik des Widerstandes war damit verbunden, mit der SS in bestimmten Fragen zu kooperieren. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, aber es gelang so immer wieder einige bedrohte Personen zu schützen und zu helfen sowie eine im geheimen agierende Widerstandsorganisation aufzubauen, die sich sogar einige Waffen organisieren konnte. In den Lagern, in denen Kriminelle diese Positionen einnahmen, war dies so gut wie unmöglich. Dort waren die Häftlinge vollkommen schutzlos dem Terror der SS ausgeliefert, aber auch dem  der kriminellen Funktionshäftlinge. Es ist Ausdruck eines hermetisch-perfektionierten Terrorsystems sowie der völligen Abschottung von jeglicher Unterstützung durch ein Außen, dass die Handlungsoptionen eines sich formierenden Widerstands, auch wenn er vor dem Hintergrund eines ihm wohlwollend gegenüber positionierten, aber machtlosen Kollektivs agiert, äußerst begrenzt sind und die Grenze zwischen den für die Betroffenen nützlichen Handlungen und faktischer Kollaboration fließend sind. Dieser Widerstand ist aber auch Ausdruck eines ungebrochenen Kampfeswillens und eines äußersten Mutes, das vor allem, weil er völlig auf sich gestellt war. Diesen mutigen Widerstand gab es auf reichsdeutschem Gebiet vor allem in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald (und unter den Zwangsarbeitern).

Grundsätzlich davon verschieden ist die Situation in Deutschland außerhalb der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus, der als Konsensdiktatur zu begreifen ist. Natürlich gab es den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und einigen anderen auch außerhalb der Lager. Aber so gesellschaftlich isoliert die Widerstandskämpfer im Lager waren, so waren es sie auch außerhalb der Lager. Innerhalb der Lager gab es zwar auch Verrat und Ränkespiele, jedoch konnten die Widerstandskämpfer innerhalb des Lagers auf eine sie stützende Gemeinschaft bauen, wenn der Rückhalt der Häftlingsgemeinschaft auch häufig nur moralischer Natur war. Zwar gab es Deutschland auch während des Nationalsozialismus nonkonformistisches Verhalten, die Phänomene des sich Wegduckens und der inneren Immigration. Der angesichts des absoluten Antihumanismus und Nihilismus gebotene Widerstand blieb in Deutschland jedoch ein isoliertes Randphänomen. Die Politik des Nationalsozialismus war mehrheitsfähig und Hitler ein populärer Politiker. Die deutschen Volksgenossen wähnten sich herrlichen Zeiten entgegenzumarschieren und viele – sofern sie nicht gerade an den Eroberungs-, Raub-, und Vernichtungszügen teil hatten – richteten sich darob gemütlich ein.

Im Gegensatz zur SBZ und dann in der DDR war der Bezug auf den Widerstand in Westdeutschland ein marginales, z. T. sogar hinsichtlich der kommunistischen Tradition weiterhin verfolgtes Randphänomen. Anders als in der DDR, in der sich der Volksgenosse einem propagierten Antifaschismus anschließen konnte und somit sein schlechtes Gewissen über sein Mitmachen im Nationalsozialismus als Hass auf den kapitalistischen Feind projizieren konnte, blieben dem bis 1945 vorherrschenden gesellschaftlichen/politischen Bewusstsein im Westen die von den Alliierten nicht sanktionierten Formen. Diese waren der ideologisch überformte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit Eifer betriebene Wiederaufbau und die in den 50iger Jahren dominante Wir-sind-wieder-wer-Haltung des „Wirtschaftswunders“, sowie das Fortwesen des nationalsozialistisch geprägten Antikommunismus, der nun im aufkommenden Kalten Krieg anschlussfähig war.

Die in der BRD sich dann in den sechziger und siebziger Jahren gegen vielfältigen Widerstand etablierende Erinnerungskultur stellte vor allem den Widerstand des 20. Juli, den der Geschwister Scholl und den der bekennenden Kirche in den Vordergrund. Ohne die moralische Integrität vieler dieser an diesen Gruppen Beteiligten in Zweifel ziehen zu wollen, vielen aus diesen Kreisen war gemein, dass sie zunächst der NS-Diktatur gegenüber sich indifferent oder gar zustimmend verhielten, viele aus dem Kreis des 20. Juli sogar veritable Anhänger des NS-Regimes waren und erst, die Niederlage und die selbst zu verantwortende Barbarei vor Augen, durch einen Seitenwechsel, sich selbst und die Nation vor einem erwarteten Strafgericht versuchten zu retten. Obwohl also allen ein positiver Bezug zur deutschen Nation gemein war und sie gegen Hitler vor allem deswegen opponierten, weil ihm die Schuld zugeschoben wurde,  den Krieg zu verlieren, diese Haltung also durchaus an einen zum Kriegsende zunehmenden Überdruss angesichts Hitlers Versagen als Kriegsherr anknüpfte, herrschte in der Nachkriegszeit eine weit verbreitete Haltung vor, dem Widerstand Verrat an der deutschen Sache vorzuwerfen.

Diese Haltung änderte sich erst im Laufe der sechziger Jahre als es angesichts des Braunbuches, des Auschwitzprozesses, der beginnenden wissenschaftlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und einer vor allem von studentischen Kreisen eingeforderten Befassung mit den Verbrechen der Elterngeneration opportun wurde, einen positiven Bezug zur Gegnerschaft des Nationalsozialismus einzunehmen. Der Antinazismus bewies zunehmend Gesellschaftsfähigkeit, ohne jedoch die Konsequenz daraus zu ziehen, die in einer gründlichen Abrechnung mit der damals noch häufig in Amt und Würden agierenden Tätergeneration hätte einen angemessenen Ausdruck finden können. Auch die Bereitschaft zur Sühne und kostenpflichtigen Übernahme von Verantwortung für Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus (vor allem denen im Ausland), die konsequente Bekämpfung nazistischer (Wieder-)Betätigung sowie des Antisemitismus, der sich auch in einer bedingungslosen Solidarität gegenüber Israel auszudrücken hat, wären ein angemessener Ausdruck einer tatsächlich antinazistischen Politik. Sie fand nicht statt.

Hinsichtlich letzterem formiert sich die deutsche Volksgemeinschaft dahingehend, dass die Freunde des deutschen Friedens in schlechter Tradition des Antifaschismus den Hauptaspekt des Nationalsozialismus, den Antisemitismus verdrängten oder schlicht ignorierten. Der Faschismus, verstanden als terroristische Herrschaftsform des Kapitals über das deutsche Volk und der Krieg, mit dem Nazideutschland Europa überzog, waren Hauptaspekte des Verständnisses vom Nationalsozialismus, der so auch konsequent Faschismus bezeichnet wurde. Dazu gehört der um wesentliche Momente verkürzte Buchenwaldschwur „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“, der bis heute dieser Bagage als erhabene Parole dient, wenn es darum geht, vor allem das Land zu diffamieren und zu delegitimieren, dass sich gegen tätigen Antisemitismus zuverlässig und aktiv wehrt und denen in die Arme zu fallen, die die aufs Korn nehmen, die man als gefährlichste Bedrohung des jüdischen Staates bezeichnen muss.

Die literarischen und cineastischen Befassungen mit dem Nationalsozialismus, in denen versucht wird, den Widerstand gegen den NS als Massenphänomen zu begreifen oder Opfer unter der deutschen Volksgemeinschaft zu suchen, zählen Legion. Unwillige, unwissende oder verführte Soldaten, Kinder unter den Bombenopfern, vergewaltigte Frauen, die ums Leben und ihre Gesundheit gebrachten Volksgenossen, derer sind Viele, das Murren, das Wegducken, eine defätistische Bemerkung, Lästereien über Hitler und seine Satrapen, aber auch das Zustecken eines Brots für einen hungernden Zwangsarbeiter, all dies wird zu Widerstandsaktionen geadelt, was all dies – obwohl es durchaus auch gefährlich sein konnte – nicht war.

So, wie die nach Deutschland eintreffenden Vernehmungsoffiziere der US-Armee, der britischen und der Roten Armee damit konfrontiert wurden, nur noch Opfer und Gegner des Nationalsozialismus anzutreffen, so stellt sich das nationale Narrativ bis heute dar. Die quasi offiziösen Exkulpationsschinken „UMUV“, „Die Flucht“, „Wolfskinder“ usw. sind jüngste Beispiele hierfür, dass sich seit der Gruppe 47 und dem Film „Die Brücke“ nicht viel geändert hat, nur dass zuerst genannte entgegen den zuletzt genannten hegemoniale Bestandteile der Erinnerungskultur geworden sind und platter Geschichtsrevisionismus à la Konsalik, Mansteinliteratur etc. heute nicht mehr en vogue ist.

Auf der politischen Ebene sieht es dann so aus, dass zwar regional und überregional zu allen möglichen Anlässen den Opfern des NS gedacht wird und man mittlerweile (seit Bitburg) auch darum bemüht ist, nicht die ums Leben gekommenen Volksgenossen im gleichen Atemzug in das Gedenken mit einzubeziehen. Doch das vielerorts stattfindende regionale Gedenken an die Zerstörung der deutschen Städte, den, auf ihren europaweiten Raubmordzügen ums Leben gekommenen Soldaten und den, an der „Heimatfront“ im Bombenhagel ums Leben gekommenen Volksgenossen geltenden Trauer am Volkstrauertag, sowie das Bemühen, den „Vertriebenen“ ein Denkmal in Berlin zu errichten, all das spiegelt bis heute genau das wieder, was Semprun 1945 bei Weimar mit dem Verweis auf die gefallenen Söhne widerfuhr. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen der Exkulpation dienenden vor allem aufs symbolische abzielenden Erinnerungskultur und -politik in Verbindung mit dem Beharren am eigenen Status als Opfer ist dies das Fortwesen einer, die bundesdeutsche Gesellschaft wie eine Patina überziehende Haltung des Verdrängens und Vergessens.

Ganz andere Maßstäbe werden hingegen an den Widerstand in den KZs gelegt. Ein seit den Neunziger Jahren im Gestus der wissenschaftlichen Genauigkeit und in moralischer Überheblichkeit daherkommendes Beckmessertum wirft nunmehr den Widerstandsgruppen in Buchenwald vor, mit der SS zum eigenen Nutzen paktiert zu haben und sich in der Ergatterung der Funktionsstellen gemütlich eingerichtet zu haben. Diese Haltung steht spiegelbildlich zu jener, die vor einigen Jahrzehnten behauptete, man könne die Verhältnisse im NS nicht beurteilen und man sei von unerträglicher Moralität besessen, wenn man die Tätergeneration damit konfrontierte, was sie getan und unterlassen habe und im gleichen Augenblick nachschob, man hätte von nichts gewusst.

Während unter der Tätergeneration mit akribischen Eifer nach Widerstandshandlungen gesucht wird, jeder Volksgenosse der einem Zwangsarbeiter ein Brot zusteckte, einem Juden zur Flucht verhalf oder gar versteckte, zum großen oder kleinen Helden der Nation erklärt wird und als Filmheld auf die Leinwand oder als Romanheld zwischen die Buchdeckel gebannt wird, werden diejenigen, die dem unmittelbaren Terror der SS ausgesetzt waren, unter mörderischen Bedingungen Widerstand leisteten und das Überleben zu organisieren versuchten, zu selbstsüchtigen Anhängern eines dem NS ähnelnden Totalitarismus erklärt.

Die grau gewordenen Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen der Täter können sich es beim Fernsehschauen der jüngsten Machwerke deutscher Fernsehanstalten in ihren Wohnstuben gemütlich machen. Befürchtungen, es könnte ein Überlebender der Konzentrationslager an die Tür klopfen um den Blick aus dem Fenster einzufordern, müssen sie nicht mehr haben.

Querfront light und jährlich grüßt das Murmeltier

ein Gastbeitrag

Murmeltiere sind ja ganz possierliche Tierchen und Kriegsgegner wie z.B. Bertha von Suttner, Erich Maria Remarque, oder Ernst Friedrich aufrechte Gegner von Gewalt und Krieg. Sie waren konsequente Kämpfer gegen den Krieg, die beiden zuletzt genannten, den Krieg imperialistischer Staaten vor Augen, indem die Proletariermassen für die Dividende der jeweiligen nationalen Kapitalfraktionen Jugend, Gesundheit und das Leben lassen mussten. Also was könnte man dagegen haben, wenn Menschen für Frieden und gegen Gewalt auf die Straße gehen.

Peace-Murmeltier

Doch den gemeinen Friedensverfechter von heute treibt etwas anderes um. Seit mehr als 50 Jahren marschieren jährlich auch in Kassel zu dem Zeitpunkt, zu dem in Kassel einst die Amerikaner einmarschierten, friedensbewegte Deutsche, vornehmlich gegen die USA oder Israel und für eine selektive Verurteilung von Krieg, die konsequent unabhängig der Tatsachen nach dem überkommenen Schema des Imperialismus/Antiimperialismus einen Schuldigen und einen Unschuldigen kennen. Wobei letzteren obwohl ihnen oft alle Mittel recht sind, alles durchgelassen wird. Angesichts dieser dualistischen Geisteshaltung gesellt sich zur angestammten Friedensbewegung scheinbar mühelos eine neue, der sogenannten Friedenswinter dazu – eine neue, die aber eher rechte Wurzeln hat.

Ja, ich habe Marihuana geraucht, aber nicht inhaliert – mit diesem Satz von Bill Clinton lässt sich das Verhältnis der traditionellen Friedensbewegung in Kassel und anderswo zu den Montagsmahnwachen, zum Friedenswinter und den anderen Blechhüten beschreiben.

Mit den ideologischem Rüstsatz der neunziger und nuller Jahre, das in der Welt im Allgemeinen und im Nahem Osten im Besonderen der Frieden ausbräche, wenn nur Israel die Waffen strecken und die Amerikaner zum Isolationismus zurückkehren würden, lassen sich Jahr für Jahr weniger hinter dem Ofen herlocken. In Zeiten eines sich abzeichnenden großen Sunnitisch-Schiitisch und/oder Persisch-Arabischen Krieges und einer Außenpolitik der Obama-Administration, die sich kaum mehr von der deutschen unterscheidet, fällt es selbst dem Leichtgläubigsten schwer, zu glauben, diese Weltgegend zwischen Mittelmeer und Indus wäre ein Paradies, wenn nicht Israel hartnäckig auf der eigenen Existenz beharren und die Amerikaner sporadisch eingreifen würden.

Die guten alten Zeiten, in denen Deutschland wie ein Mann hoffte, Saddam Hussein würde im dritten Weltkrieg die Amerikaner schlagen, nach Jerusalem marschieren und so die Schmach des besiegten Naziopas auslöschen, sind für die Freunde des deutschen Friedens erst einmal vorbei. Während der einstmals so verehrte „irakische Widerstand“ nunmehr selbst im Spiegel, ja sogar im Guardian gelegentlich als die Bande von Kopfabschneidern bezeichnet werden darf, die er in Wahrheit ja schon immer war, erinnert sich der eine oder andere ja noch an die noch besseren ganz alten Zeiten, als die deutsche Friedensbewegung sich noch der Gunst des Kremls erfreute und so Millionen auf die Straße brachte.

Heute sind sogar die Regale im Bahnhofsbuchhandel, anstatt wie damals der nur in Wissen-und-Fortschritts-Buchhandlungen zu erstehenden Paperbacks des Pahl-Rugenstein-Verlages, voll mit luxuriös aufgemachten Hochglanzzeitschriften, in denen Putin in den höchsten Tönen gepriesen wird. Wieso sollte also heute die Anhängerschaft des russischen Präsidenten und Mannsbildes geringer sein als damals, als im Kreml betagte Greise saßen, noch dazu, wo er doch so populäre Fürsprecher wie Gehard Schröder hat.

So ganz gemein machen mit Menschen, die glauben, wir würden auf der Innenseite einer Hohlkugel leben und – mit Ausnahme des auf dem Mond oder in der Antarktis noch bestehenden Deutschen Reiches – von Echsenmenschen beherrscht, möchten sich Strutynski, Ruf und Konsorten aber dann doch nicht, schließlich hat man ja einen gewissen Restbestand an akademischer Respektabilität zu verlieren.

Auch schreckt der offenkundige Rassismus der Pe-, Ka- und sonstigen -gidas und ihrer Wiedergänger im Friedenswinter diejenigen, die sich selbst stolz als Antirassisten bezeichnen und Einwanderer „nur“ ins als multikulturell verklärte Ghetto und die Schattenwirtschaft der Shisha-Bars, Dönerbuden und Handyläden abschieben, aber nicht gleich verbrennen oder im Mittelmeer ertränken wollen, ab. Schließlich hat man sich jahrzehntelang als Handlanger des Islam im Kampf gegen die Zumutungen der westlichen Moderne positioniert und braucht die Moslems noch als Kanonenfutter im Kampf gegen Israel und die USA, und mit dem Prädikat „gegen Islamisierung“ im eigenem Namen lässt sich wohl kaum die Gunst desjenigen Teils der deutschen Wirtschaft erringen, der dem Emirat Katar ganz oder anteilig gehört.

Andererseits verbindet das gemeinsame Feindbild: der Westen, die Nato, das wurzellosen Weltjudentum, Pardon, die Zionisten, und die USA, sowie das Unvermögen, das Weltgeschehen anders denn als Verschwörung finsterer Mächte deuten zu können. Nur allzu deutlich ist die Begeisterung der Türsteher, Eventmanager und Schlagersänger für den starken Mann Putin als Popversion der Begeisterung der Professoren und Studienräte für das Ba’ath-Regime in Syrien oder das ehemalige im Irak oder für die Hamas zu erkennen. Auch bringen die Putinisten – zumindest mancherorts – eine beachtliche Menge an Anhänger auf die Straßen, während der traditionelle Antiimperialismus inzwischen ein Nachwuchsproblem hat – auf den Veranstaltungen einer Susan Witt-Stahl herrscht inzwischen nicht nur ein Juden- sondern auch ein Jugendverbot.

Für Strutynski und Konsorten stellt sich also die Leninsche Frage: Was tun? Dem Friedenswinter einen deutschen Frühling folgen lassen und auf diese Weise der Querfront Tür und Tor öffnen; oder einen letzten Rest an linker Identität bewahren, um den Preis eines Versinkens in die Bedeutungslosigkeit?

Zum Glück gibt es in der Linkspartei Personal, das, frei nach Erich Mühsam, weiß, wie man revoluzzt und trotzdem Laternen putzt und kein Problem damit hat, mit einem Bein im Lager der alten Linken, mit dem anderem in dem der neuen Rechten zu stehen.

An erster Stelle ist da natürlich Diether Dehm zu nennen, der ja auch schon auf einem früheren Ostermarsch in Kassel mit befremdlichen Ausführungen der Art, Antisemitismus fange erst an, wenn Juden zu tausenden umgebracht würden, aufgefallen ist. Verbalen Antisemitismus z.B. durch Propaganda kann es für ihn daher schon per Definitionem nicht geben. Da ist es logisch, das der selbsternannte Nicht-Antisemit Dehm auch keine Scheu hat, gerne zusammen mit Ken Jebsen und Lars Mährholz aufzutreten.

Zu Dehms Mini-Mes in der Linkspartei zählt unter anderem auch eine Abgeordnete Sevim Dagdelen, die in erster Linie dadurch bekannt ist, sich bei einer Rede des israelischen Präsidenten Shimon Peres am Holocaustgedenktag so beschämend benommen zu haben, das die evangelische Landeskirche Nordrhein-Westfalen – wahrlich kein Hort der Israelsolidarität – den Kirchenbann über diese Dame aussprach.

Der streitbaren Hinterbänklerin fiel also beim diesjährigem Ostermarsch die Aufgabe zu, vor dem Kasseler Rathaus eine Rede zu halten, in der sie zunächst brav das Anzünden von Asylbewerberheimen verdammte, die Aufklärung der NSU-Morde forderte, die Balten und Ukrainer pauschal der Nazi-Kollaboration bezichtigte (während hinter ihr die Fahne des SS-Brigadeführers Grossmufti al-Husseini flatterte) und dem Genossen Putin für die Befreiung vom Faschismus – als wäre dies das Werk großrussischer Nationalisten gewesen – dankte. Gebranntes Kind scheut das Feuer, und noch einmal ein Lob von der NPD, wie damals nach der Peres-Rede zum Holocaustgedenktag muss ja nun nicht sein.

Solcherart gegen mögliche Querfront-Vorwürfe abgesichert, folgten dann gerade genug Textbausteine aus dem Mahnwachen und -gida Baukasten (Lügenpresse! Friedensfrühling! Transatlantische Netzwerke!) um den Angesprochenen mit einem Augenzwinkern zu vermitteln, das mit dem Antifaschismus sei ja gar nicht so gemeint und man könne ruhig weiter den Kampf gegen die „private CIA“ eines gewissen „George Friedman“ gemeinsam fortsetzen.

Soweit, so schlecht. Was Frau Dagdelen aber dazu bewogen haben mag, zu behaupten, nicht etwa die somalische Mördermiliz Al-Shabab, die erst vor wenigen Tagen in Kenia hunderte von wehrlosen Studenten niedergemetzelt hat, sondern vielmehr deren Gegner seien Islamisten, welche auf Grundlage der Scharia handeln, das dürfte sie wahrscheinlich noch nicht einmal selber erklären können, zumal sie wenige Minuten zuvor das Vorgehen der ideologisch keineswegs anders gearteten Saudis noch ausdrücklich verdammt hatte. Letzteres wäre sogar richtig gewesen, wenn hier nicht der entscheidende Nachsatz fehlen würde, das deren Gegner, nämlich der Iran, auch nicht besser ist.

So hinterließ die Dagdelensche Rhetorik beim unbefangenem Zuhörer den Eindruck, sich auf einem Gemälde von Escher zurechtfinden zu müssen: Waren die sunnitischen Islamisten in einem Augenblick noch Aggressoren, waren sie gleich darauf arme Opfer des US-amerikanischen Drohnenkrieges, dem die wackere Referentin mit den Mitteln des deutschen Strafrechtes beikommen will. Wer am eigenem Leib erfahren möchte, was Karl Kraus mit seinem Ausspruch „Sie denken deutsch, aber sie können es nicht“, meinte, der möge Dagdelens Rede nachlesen.

Genutzt hat der halbherzige Versuch eines Querfröntchens der Kasseler Friedensbewegung allerdings nichts: Mehr als 600 Personen sind nicht zum diesjährigem Kasseler Ostermarsch erschienen.

Als erfreulich ist immerhin zu vermerken, das einige Zaungäste es sich nicht nehmen ließen, durch Zeigen von Israel- und Antifa-Fahnen ihre Meinung zum vorgetragenen Unfug kund zu tun.
(J.H.)

Vor 70 Jahren beendeten die Amerikaner die nationalsozialistische Herrschaft in Kassel

Hessen April 1945

Truppen des „aggressiven Westens“ marschieren im April 1945 in Kassel ein

Die Ostermarschierer marschieren jedoch nach wie vor unbeirrt gegen Amerika und „den Westen“

Vom deutschen Boden muss Frieden ausgehen, so das diesjährige Motto der Ostermarschierer. Die Welt (und im konkreten die Ukraine) mag mit einer aggressiven Politik Russlands konfrontiert sein, mit der allgemeinen Barbarei, in erster Linie durch Islamisten wie den IS, der Boko Haram, der Al Qaida/Al Nusra u.a., durch einen nach Atomwaffen strebenden Iran und seine durch ihn protegierten Terrorbanden alles egal, es gibt nur einen, den es zu verurteilen gibt und gegen den es zu marschieren gilt, den aggressiven Westen.

Der Staat, der sich dadurch definiert, dass er jedem Juden, jeder Jüdin das Versprechen ausspricht, im Falle der Verfolgung Aufnahme und Asyl zu gewähren, wird nach wie vor von Terrorbanden wie der Hamas, der Hisbollah u.a. bedroht und regelmäßig angegriffen, wird von einem Staat bedroht, der die Bewaffnung mit Atomwaffen anstrebt und die Absicht Israel zu vernichten in regelmäßigen Ansprachen von Regierungsvertretern beteuert. Die Ostermarschierer beschuldigen jedoch namentlich Israel mit angeblich völkerrechtswidriger Politik Unruhe und Unfrieden zu stiften.

Einer der angekündigten Redner ist der lokale VVN-Aktivist und Busenfreund des Friedensforums Dr. Ulrich Schneider. Es bedarf nicht viel Fantasie, voraussichtlich stellen sich die Ostermarschierer in die Tradition des Antifaschismus und werden wohlmöglich an die Befreiung Buchenwalds vor siebzig Jahren erinnern (auch Buchenwald wurde durch Truppen der Amerikaner befreit) und den dort getätigten, aber regelmäßig verkürzten Spruch „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“ predigen.

Dies in Deutschland zu behaupten hat eine Menge mit Geschichtsvergessenheit zu tun. In Kassel wurde die Herrschaft des Nationalsozialismus nicht durch den antifaschistischen Widerstand beendet. Es war auch nicht eine deutsche Friedensbewegung, die die deutsche Wehrmacht daran hinderte, auch von Kassel aus, die deutsche Schreckensherrschaft in Europa durchzusetzen. Anfang April 1945 besetzten amerikanische Kampfeinheiten Kassel, und beendeten so in Kassel die Herrschaft der Nazis. Auch in Buchenwald waren es die sich rasch nähernden amerikanischen Truppen, vor denen die SS, die die Aufgabe hatte, das Lager zu liquidieren, schließlich flohen. Die Kampftruppen der tapferen Buchenwaldhäftlinge in Buchenwald, konnten die einige Wochen zuvor beginnenden Abtransporte der Häftlinge nicht verhindern und hätten gegen das Räumungskommando ebenfalls keine Chance gehabt. Erst nachdem der Hauptteil der SS-Mannschaften vor den heranrückenden US-Truppen geflohen waren, übernahm der Widerstand in Buchenwald das Kommando über das Lager und konnte so eine weitgehend geordnete Übergabe an die heranrückenden Befreier gewährleisten.

Die Ostermarschierer machen gerne Halt an den Mahnmalen für die „Opfer des Faschismus“, ohne sich bewusst zu sein, dass nicht Verhandlungen mit den Nazis, auch nicht ein Truppenabzug oder Abrüstung, sondern gut bewaffnete und kämpfende Einheiten sowjetischer, amerikanischer und englischer Armeen der Naziherrschaft ein Ende bereiteten. Erst danach war der demokratische Neuanfang (auch) in Kassel möglich.

Die Truppen der Alliierten stießen bis in die letzten Tage auf Widerstand deutscher Einheiten, auch im Raum um Kassel. Das lag daran, dass dieses Regime von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung bis in die letzten Tage hinein getragen wurde.

Die Kasseler Geschichte ist für Deutschland typisch. Kurz vor Kriegsbeginn – vom 3.- 5. Juni 1939 – kommt es in Kassel zu einem Massenspektakel. Über 200.000 ehemalige Soldaten und Angehörige der Deutschen Wehrmacht kommen, um das militärische Spektakel des „Großdeutschen Reichskriegertags 1939“ zu erleben.

In Kassel gab es eine Tradition des Nationalismus, Militarismus, Autoritarismus und des Revanchismus. Rechte Parteien, wie die DNVP und die DVP, Krieger- und Vaterländische Vereine und der Stahlhelm beherrschten das politische Klima mit Massenaufmärschen, Gedenktagen und Versammlungen. Die NSDAP griff das Gedankengut dieser Gruppierungen in verschärfter und zugespitzter Form auf und fand daher auch in Kassel schnell eine breite Zustimmung. In einigen Stadtteilen erhielt sie weit über 50 % der abgegebenen Stimmen. 1932 wurde die NSDAP mit knapp unter 50% der Wählerstimmen dann die stärkste Partei.

Kassel war die Stadt Roland Freislers. Freisler war ein hoher Funktionär im NS-Staat, an der Wannseekonferenz beteiligt und dann berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofes. Er war verantwortlich für etliche Todesurteile (z.B. gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“). Freislers Karriere begann in Kassel als gewählter Stadtverordneter.

In Nordhessen war Antisemitismus en Vogue. Bei den Reichstagswahlen 1907 und 1912 setzte sich der Kasseler Kandidat der „Wirtschaftspartei“, ein bekennender Antisemit, durch. Die Hälfte der 1907 und 1911 in den deutschen Reichstag gewählten Vertreter der Antisemiten, kam aus dem Kasseler Regierungsbezirk. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre kam es in Kassel immer wieder zu antisemitischen Übergriffen gegen Juden. Der offene Terror gegen die Kasseler Juden begann mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus 1933. Der erste Höhepunkt der Verfolgung fand mit dem Pogrom am 07. November 1938 in Kassel statt, zwei Tage vor der reichsweiten Reichspogromnacht. 1941 setzte die Deportation der Kassler Juden nach den Osten ein, wo sie umgehend ermordet wurden. Eine organisierte Form, ihre jüdischen Nachbarn vor der Ermordung zu schützen, gab es wie in ganz Deutschland auch in Kassel nicht. Vielmehr profitierten auch in Kassel viele vom „Verschwinden“ ihrer jüdischen Nachbarn.

Kassel war eine wichtige Stadt der Rüstung. Bis in die letzten Kriegstage wurden in den Kasseler Firmen Rüstungsgüter produziert, die die Wehrmacht für den Angriffs- und Vernichtungskrieg ausrüsteten. Panzer und Lastwagen durch die Firmen Henschel, Credé & Co. und Wegmann sowie Flugzeuge, Flugzeugmotoren und Flugbomben durch die Firmen Henschel, Fieseler und Junkers. Doch nicht nur das Kapital, sondern das auch deutsche Proletariat produzierte weitgehend reibungslos in den Fabriken die erforderlichen Waffen, sofern es nicht als Vernichtungskrieger seinem Handwerk in den Reihen der Wehrmacht nachging. Verweigerung, Sabotage und Aufbegehren leisteten trotz massiven Terrors der Gestapo in erster Linie die ausländischen Zwangsarbeiter in den Kasseler Fabriken.

Kassel war Garnisonsstadt der Wehrmacht. Mehrere Wehrmachtseinheiten waren in den verschiedenen Kasernen Kassels stationiert. Sie wurden gegen Polen eingesetzt. Von dort wiederkehrend, wurden sie von mehreren Tausend Bürgern feierlich begrüßt. Danach wurden sie in Frankreich und dann im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eingesetzt. Die Blutspur dieser Einheiten reichte bis kurz vor Moskau, bis sie dann in Stalingrad von der Roten Armee vernichtet wurden. Nur etwa 100 Nordhessen machten den Vernichtungskrieg nicht mit, desertierten oder liefen über.

Wie überall in Deutschland leisteten einige mutige Nordhessen (Kommunisten, einzelne Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Humanisten, Christen u.a.) Widerstand gegen das NS-Regime. Es wurden Flugblätter und Zeitungen verteilt, Plakate geklebt und Parolen gegen die Nazipolitik an die Wände gemalt. Die gesellschaftliche Isolierung des Widerstandes, Zerwürfnisse untereinander, aber auch ihre häufig fatalen Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus führten dazu, dass der Widerstand schnell zerschlagen wurde und wirkungslos blieb.

Das Gedenken der Friedensbewegung an den Mahnmalen für die Opfer des Faschismus ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus wird auf die Frage „Krieg und Frieden“ reduziert, der Begriff Faschismus negiert das spezifisch antisemitische Wesen des deutschen Nationalsozialismus und gerade der allgemeine Opferbegriff erlaubt es, auch deutsche Soldaten und Zivilisten als Opfer zu begreifen und nicht als Bestandteil einer zu allem entschlossenen Volksgemeinschaft gegen die es nur ein Mittel gab – den Krieg.

Der Wahn der Mitte und ihrer Forscher

Über die Gefahren des Extremismus

Die Pegida hat sich totgelaufen. Auch in Kassel hat das entsprechende Pendant das Niveau der seit Jahren existierenden Montagsdemos unterschiedlicher Provenienz erreicht. Ein paar an Logorrhoe leidende Irre faseln weitgehend unbeachtet ihre Monologe in die Mikrophone.

Entwarnung also? Der höchst staatsoffiziöse „Forschungsverbund SED-Staat“ hat jüngst die Gefahr für die zivilisierte Gesellschaft darin entdeckt, dass ein beachtlicher Bestandteil der deutschen Bevölkerung revolutionäres Gedankengut hege und damit ein beträchtliches Presseecho bis hinunter zur hiesigen HNA (HNA, 23.03.15 – Extremistische Gewalt führt zu einer unzivilen Gesellschaft) gefunden. Einem stabilen antisemitischen gesellschaftlichen Grundkonsens, Pegidamassenaufmärschen in diesem Winter, islamistisch-antisemitischen Kundgebungen und Querfronten im letzten Sommer und einer tödlichen Koalition von terroristischen Untergrundnazis und Verfassungsschützern zum Trotz, Gefahr droht durch Revolution und Antikapitalismus! Die Rauschschwaden und die Aufregung, die die Randale in Frankfurt im bundesdeutschen Blätterwald und in der staatstragenden Politik verursacht haben, scheinen dem Geraune von Klaus Schroeder und Co. Recht zu geben.

bahnsteigkarte

Wird sie eingelöst werden? Der Vorbote einer „unzivilen Gesellschaft“ in Deutschland

Dabei war das, was der ominöse Forschungsverbund herausgefunden hat, die banale Erkenntnis darüber, dass ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung ahnt, dass Kapitalismus Krieg, Armut und Elend verursacht. Eine Ahnung, die selbst die CDU – über ein halbes Jahrhundert ist es her – einmal umtrieb, die aber damals wie heute nur zur Manifestierung volksgemeinschaftlicher Ideologien führt. Doch nicht nur der Kapitalismus wird angeblich kritisch gesehen, knappe 20% der Bevölkerung würden gar zur „Revolution“ neigen. Donnerkiel, wer hätte gedacht, dass der Bahnsteigkartenverkäufer in Deutschland einmal etwas zu tun bekommt. Die Bundesrepublik also kein Pegidaland sondern ein Land der Kapitalismuskritik und Revolution?

Seit dem Zusammenbruch des Staatssozialismus ist es nicht mehr notwendig, nicht nur mehr und bessere Konsumgüter, als das damals konkurrierende Gesellschaftsmodell zu produzieren, sondern es ist überflüssig geworden, eine bessere Wissenschaft über Marx, Kommunismus, Kapitalismus usw. zu betreiben, als dies in den Universitäten Ostberlins, Leningrads, Moskaus usw. simuliert wurde. Die Produktion von Konsumgütern ist zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Akkumulation notwendig,  die Produktion von kritischer Theorie – und das was sich als solche verstehen wollte – ist es nicht (und die Konsumption ebensolcher erst recht nicht). Die Zeiten, an denen an den Universitäten über einen kritischen Begriff der Gesellschaft, über Revolution und Bewusstsein etc. geforscht, debattiert und nachgedacht wurde, sind also längst passé.

Das gegenwärtige Unbehagen und die Bereitschaft zur nationalen und/oder konformistischen Revolte als linksradikales revolutionäres Bewusstsein zu interpretieren, dazu gehört also nicht nur eine ordentliche Portion an Dummheit, Theorielosigkeit und ein Positivismus plattester Art, sowie die höchst regierungsamtlich verordnete Extremismusideologie, sondern dass sich so etwas als Wissenschaft geriert, ist Ausdruck dessen, dass kritisches Denken keinen Platz im Wissenschaftsbetrieb mehr hat. Nur diese Melange kann einen solchen, als empirische Wissenschaft geadelten Unfug zustande bringen (der vermutlich auch noch gut bezahlt wird). Auch wenn sie sich dem Schwerpunkt „Linksextremismus“ widmen, dem Buch den effekthascherischen Titel „Gegen Staat und Kapital- für die Revolution!“ geben, eine notwendige Kritik an dem was jüngst in Frankfurt zum Ausdruck kam, können die „Verbundforscher SED-Staat“ nicht leisten, denn dazu hätte es eines Begriffs von Staat, Kapital und Revolution bedurft, wovon in ihrer ziegelsteinschweren Publikation nicht die Rede sein kann.

Die gesellschaftliche Ordnung in Frage zu stellen, die die Überflüssigen mitsamt ihren regressiven und barbarischen Ideologien (zu denen freilich ein beträchtlicher Teil gehört, die sich als Links verstehen) produziert aber keineswegs eine wirkmächtige Idee von einer Aufhebung der bestehenden Verhältnisse und noch viel weniger ein wie auch immer zu denkendes revolutionäres Subjekt, ist nicht die Aufgabe dieser „Forscher“. Im Gegenteil, es ist ihr ausgesprochenes Credo, diese gegen ihre vermeintlichen Kritiker zu verteidigen. „Es wird nicht gesehen, dass der Sozialismus zu Hunger und Elend geführt hat und der Kapitalismus … den Wohlstand allgemein angehoben hat“ so der das Projekt leitende Professor Dr. Klaus Schroeder im Interview. Wenn sie also mit empirischen Methoden über „Staat“, „Revolution“ und „Kapitalismus“ Meinungen erfragen, haben sie außer einer platten Apologie der bestehenden Verhältnisse noch lange keine Ahnung davon, worüber sie reden, resp. schreiben. Sie reproduzieren nichts als eine massenkompatible Herrschaftsideologie, die es vermeiden muss und will, einen kritischen Begriff von Kapital, Staat, gesellschaftlicher Reproduktion und Revolution zu entwickeln. Im Gegenteil sie bewegen sich innerhalb der verdinglichten Kategorien, mit denen im politischen Handgemenge gegen die als handfeste Realitäten identifizierten Abstraktionen kapitalistischer Vergesellschaftung vermeintlich hantiert werden kann.

Natürlich ist es so, dass die vom kapitalistischen Akkumulationsmodell dominierte Welt Unglück, Armut und Krieg verursacht und es ist auch so, dass eine Ahnung von dieser Tatsache bei vielen Menschen ein erhebliches Maß an Unbehagen und Angst verursacht – ein Unbehagen, das sich durchaus zur Gefahr einer zivilisierten Gesellschaft entwickeln kann, wenn es sich öffentlichkeitswirksam artikuliert und auf die Straßen getragen wird, von entsprechenden Medien reproduziert und in der Politik als Bestätigung („Wir müssen die Sorgen der Bürger ernst nehmen“) aufgenommen wird. Dieses Unbehagen und diese Ahnung jedoch als vermeintlich kapitalismuskritisches und gar als revolutionäres Bewusstsein zu definieren, muss an dem Problem vorbei führen, dass das Aufbegehren und die Wut als einfache Negation tatsächlich eine Gefahr für eine Zivilisation darstellen aber in den Verhältnissen der kapitalistischen Reproduktion eingeschrieben sind.

Obwohl es also den Anschein hatte, in Frankfurt wäre Staat und Kapital angegriffen worden, das was sich dort abspielte ist nur die eine, wenn auch weitaus harmlosere Spielart dessen, was sich im Winter auf den Strassen vieler Städte abspielte, wo Flüchtlinge, „die da Oben“, die „Lügenpresse“ usw. als Ursachen für die durchaus als real existierende Gefahr des allzeit drohenden eigenen sozialen Abstiegs herhalten mussten. Es ist der Versuch einer Revolte, die auf die als Bedrohung wahrgenommenen Erscheinungen und Auswüchse der modernen Gesellschaft zielt, ohne einen Begriff von den Verwerfungen und Realabstraktionen kapitalistischer Vergesellschaftung zu entwickeln.

Mit denjenigen „Globalisierungsgegnern“, die die Steine und Brandsätze geworfen haben, wird – bei aller heimlichen oder klammheimlichen Sympathie in den Reihen der die Staatsräson achtenden friedlichen „Globalisierungsgegner“ – die Staatsmacht mit spielender Leichtigkeit Herr. Die „Bullen“, die den Affekthandlungen testosteronstrotzender Jungmännern als zu bekämpfende Verkörperung der zwar unbegriffenen aber Unbehagen, Angst und Wut auslösenden Realabstraktionen kapitalistischer Vergesellschaftung herhalten müssen, treten als Garanten der von ihnen als Ziel auserkorenen Staatsmacht und -gewalt auf und sind entsprechend gerüstet und daher kein leichter und vor allem kein konsensstiftender Gegner.

Einfacher ist die Verwendung der Feindbilder „Sozialschmarotzer“, „Wirtschaftsflüchtlinge“, „Asylanten“, „Die da oben“, „Geldwirtschaft“, „Bilderberger“, „Banker“, „Spekulanten“ usw. usf.. Wenn sich die „Wut“ tatsächlich in Gewalt, Einschüchterung, Brand- und Mordanschlägen gegen die in der Regel wehrlosen Flüchtlinge, Obdachlose und Minderheiten ausdrückt, wird diese nicht als symbolische Aktion gegen Staat und Kapital wahrgenommen, sondern allenfalls als Gefahr für das Ansehen einer Gebietskörperschaft einer sich gern als zivil und aufgeklärt gebenden Gesellschaft – entsprechend halbherzig ist der gewährte Schutz durch die Staatsmacht. Auch wenn es für die Betroffenen ein Unterschied ums Ganze ist, ist in der Verwendung dieser in der Ideologie der Wütenden als Schablonen ihrer wahnhaften Projektionen genutzten Begriffe nur ein gradueller Unterschied auszumachen. Dem Grunde nach sind sie austauschbar und rücken die, die sie in unterschiedlichen Kontexten verwenden, und sich oft auch spinnefeind gegenüberstehen, näher aneinander, als es ihnen bewusst und lieb ist.

Der (Wut-)Bürgermob, der sich zur Zeit verlaufen hat und der aber – man kann es tagtäglich in den Meinungsforen der Presseorgane und sonst im Internet verfolgen – seine Faust, ob seiner Angst vorm Absturz, in der Tasche ballt, benötigt gerade jenes Zerrbild vom gefährlichen linksextremen Revoluzzer um das eigene Unbehagen in staats- und gesellschaftskompatible Formen der Ideologiebildung zu lenken. Der mal aktive, mal inaktive Mob und seine Ideologie bilden so die Legitimationsbasis von Gesellschaft und Politik, die die, die den Zumutungen und Ausgrenzungsmechanismen wehrlos ausgeliefert sind, dem Wahnsinn, dem Elend und dem sozialen und tatsächlichen Tod ohne mit der Wimper zu zucken preisgeben. Die großen und kleinen Sarrazins, die Generation Sarrazin, wird auf ihren Wahn als Ausdruck eines eigenen Distinktionsbedürfnisses bestehen, um sich von jenen abgrenzen zu können, die das Pech haben, nicht ausgesucht worden zu sein, um mit dazu beizutragen, die Reproduktionsbedingungen der Produktionsverhältnisse aufrecht zu erhalten, oder von jenen, die je nach Konjunktur entweder auf einem mehr oder weniger erträglichen Niveau alimentiert, mit Almosen abgespeist oder eben zurück in das Elend gestoßen werden dem sie zu entfliehen suchten.

Denunziation, Unvermögen und nordhessischer Journalismus

Das Kürzel HNA stand in vergangenen Zeiten mal für Hässlich Niederträchtig fürn Arsch. Nach dem Eigentümerwechsel sank das Niveau einer nordhessischen Zeitung mit dem gleichen Kürzel merklich. Einer Zeitung die vorher brav, bieder aber im Vergleich zu vielen anderen Provinzblättchen doch recht seriös daher kam. Nunmehr von einem, vom schon fast pathologisch zu nennenden „Sozenhass“ getriebenen Chefredakteur angeführt, wurde der Lokalteil als wichtigster Teil der Zeitung erkoren und der Nachrichtenteil über das Weltgeschehen wanderte nach hinten in die Zeitung. Wichtiger als die nationale und internationale Politik, so schien es den Zeitungsmachern sei in Nordhessen die Berichterstattung über das allwöchentliche Schnittchenvertilgen der Provinzprominenz, über das allseitige Vereinsleben, über den Start und die Landung jedes einzelnen Fliegers auf einer, Flughafen genannten, Investitionsruine, gelegentlich in Guido Knopps Manier die Landsergeschichten der Kasseler Volksgemeinschaft u.v.m. Darüber hinaus tat sich die Zeitung häufig dadurch hervor, den einen oder anderen Parteigänger der SPD oder der Partei „Die Grünen“ wie die bekannte Sau durchs Dorf zu treiben, wenn dem seidenfadigen Chef dieser Zeitung wieder einmal ein Furz quer saß. Die in Sachen Kampagne völlig unbedarfte SPD duckte sich in der Regel weg, bis sie eines Tages einen Bürgermeister an die Macht wählen ließ, der sich auf das Tümliche und das Volk verstand und für Fehler seiner Politik stets ein Bauernopfer zu präsentieren wusste und sich im Glanze seiner bürgermeisterlichen Würde zu sonnen gefiel – Hofberichterstattung inklusive.

Die Kasseler gewöhnen sich an alles – so ist es in den letzten Jahren recht still um das einmal auch in besseren Kreisen en vogue gewesene HNA-Bashing geworden, man liebt das einigende Moment, die Gemeinsamkeiten im Nordhessischen angesichts immer unübersichtlicher Verhältnisse in der weiten Welt und also auch die dazu passende Zeitung.

Außer über die Dokumenta, die alle fünf Jahre Kassel aus dem Dornröschenschlaf weckt, gibt es selten etwas spektakuläres von Kassels Straßen zu berichten. Das allzweijährliche öffentliche Besäufnis kann somit als bedeutsamste Manifestation der Gemeinsamkeit aller Kasseler in der lokalen Presse entsprechend gebührend gefeiert werden. Versöhnen statt spalten, so das Motto, ordentlich schuften, ein durch kurfürstlichen Menschenhandel finanziertes Kulturerbe bejubeln, zwei märchensammelnde Volkstümler, die in Nordhessen den einen oder anderen Stoff für ihre biedermeierlichen Geschichtchen fanden, als Literatur- und Kulturgut zu bestaunen und allseitigen Namenspaten verwendend, dass konnte vergessen machen, dass Kassel Reichskriegerhauptstadt, Pogromvorreiterstadt, Roland Freisler-, Tiger- und Fieseler-Storch-Stadt war, die vollkommen zu Recht von der RAF nachhaltigen Besuch bekam und nun auch nicht mehr von dem Charme der am westlichsten gelegenen Stadt der DDR geplagt ist, sondern sich zu alledem als Stadt Mitten in Deutschland zu rühmen weiß.

Doch mit Ausklang des letzten Jahres begann in Kassel ein Provinzableger der Pegida, eine Truppe namens Kagida, die Straßen unsicher zu machen und drohte den mühselig gewonnenen guten Ruf der Stadt in den Schmutz zu ziehen. Sofort lockte dieses Treiben von nationalchauvinistischen, männerbündischen und rassistischen Dumpfbacken sowie manifesten Nazis, die auf die Straße, die reflexartig die Volksfront ausrufen, oder die besorgt um Standort und Ruf der Stadt und Deutschland sind und den Lichterkettenantifaschismus bemühen, wenn es merklich nach Nazi riecht. Allmontäglich kam es so schließlich zu einem Stelldichein am Philipp-Scheidemann-Platz.

Das nordhessische Blatt tat sich angesichts dessen in der Berichterstattung darüber vor allem dadurch hervor, dass sie die Kagidaaufmärsche und die Gegenveranstaltungen als Verkehrsproblem beschrieb, dass sie dem Anführer der nordhessischen Kagida, ein übler Antisemit und rechtsextremer Haudrauf, Platz gab, davon zu schwadronieren, mit Nazis nun gar nichts am Hut zu haben. Man müsse die Sorgen derjenigen ernst nehmen, die behaupten „Muslime“ würden im europäischen Abendland so wie weiland die Türken vor Wien, kurz vor der Eroberung desselbigen stehen, so häufig der Tenor in der Zeitung. Eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Kagida, eine ernsthaft Recherche, wer sich denn da so alles versammelt (die FR zeigt, dass wenn man will, die Analyse des lokalen Ablegers der Pegida möglich ist: Rechtsextreme Ordner bei Kagida-Demo), oder auch mit den Positionen der Gegendemonstranten fand in dieser Zeitung kaum statt.

Den Tatbestand, dass die Staatsmacht die Gegendemonstranten jedes Mal hinter einen Käfig sperrten, dass mehrmals junge Gegendemonstranten von der Straße entfernt wurden, als sie sich den marschierenden Nationalchauvinisten und Nazis in den Weg setzten, dass mindestens einmal dazu massive Gewalt von der Polizei ausgeübt wurde, dass Nazis und Hools während und nach der Kundgebung immer wieder die Innenstadt unsicher machten und Passanten nicht nur bedrohten, das fand keine Erwähnung in der lokalen Journaille.

In Kassel taten sich dann einige junge Leute zusammen, denen es nicht um den Ruf der Stadt bestellt war, sondern denen es darum ging, der Kagida den Platz streitig zu machen. Ihre Protestformen begannen den Lichterkettenantifaschismus aufzumischen. Sie nennen sich „Arbeitskreis Casseler Autonomer Berufsdemonstrant_innen“, abgekürzt ACAB. Mit einem Überraschungscoup gelang es ihnen am 2. Februar die Kagida-Deppen von ihrem angestammten Platz zu verdrängen. Doch anstatt dies als gelungene und phantasievolle Aktion gegen die Zusammenrottung gemeingefährlicher Nazis und rassistischer Hetzer zu loben, kritisierte der Reporter Claas Michaelis dies als Zusammenspiel von Extremisten, das den guten Ruf der Stadt und das allseitige Streben nach Toleranz gefährde.

Es war des Guten zu viel. Die Reporter der HNA Ulrike Pflüger Scherb und jener Michaelis sahen im Protest nicht mehr nur noch eine Verkehrsbehinderungen und ein lästiges Beschwernis für die KVG-Kundschaft, nein jetzt tummelten sich Extremisten auf allen Seiten. Die vollkommen auf Toleranz gebürsteten Reporter der HNA warfen dann den Streitern der ACAB vor, dass sie die Kagida attackieren wollten und, was natürlich völlig unerhört ist, dass „Nie wieder Deutschland!“ gerufen, nein „gegrölt“ wurde. Dies Teufelszeug abzuwehren nahmen die Reporter das Instrument der Denunziation zur Hand.

Die zwei Journalisten fanden heraus, dass auch Nazis Kassel mit C schreiben. Dies durfte reichen, um die Antifaschisten in die Nähe der Totschlägernazis zu stellen, schlimmer noch, die Abkürzung der Antifagruppe könne gar auch etwas anderes bedeuten, nämlich „all cops are basterds“. Im Gestus des investigativen Journalisten machten sie sich auf den Weg, um die Übeltäter zu enttarnen. Sie fanden über verschlungene Wege die Handynummer einer Person heraus, die die Kundgebungen der ACAB angemeldet hatte. Die Mutmaßung, dass hier zudem ein erheblicher Verstoß gegen den Datenschutz seitens der zuständigen Behörde vorliegt, liegt nahe. In der Hoffnung einen Führer dieser Gruppe identifiziert zu haben, wurde diese Person angerufen und zur ACAB befragt. Der Angerufene verweigerte aber jede Auskunft und zitierte in abgewandelter Form Götz von Berlichingen. Sogar der Verfassungsschutz wurde von den Reportern bemüht und weil dieser nicht zeitnah antwortete, wurden auch das „Bündnis gegen Rechts“ und das Mobile Beratungs Team befragt, ob sie nicht sagen könnten, wer denn hinter diesem Kürzel stehen würde. Diese hielten sich bedeckt. Wäre es der HNA darum gegangen herauszufinden, was die ACAB will, hätte ein Blick auf den Facebookacount genügt, da stehen die 19 Punkte, für die diese Gruppe auf die Straße geht. Aber der HNA ging es mal wieder nicht um Inhalte, sondern um Personen.

Doch damit nicht genug, die HNA benennt den, den sie als Ansprechpartner der ACAB mutmaßen, mit vollem Namen in der Zeitung, auch ein Foto, dass einige MitstreiterInnen des Bündnisses zeigt, wird ohne Verfremdung abgebildet. Und auch wenn die HNA sonst nichts weiß, dass die in Kassel wesenden und nach Kassel pilgernden Nazis, diejenigen, die dort auf den Bildern zu identifizieren sind oder der mit vollem Namen genannt wird, an Leib und Leben bedrohen können, das hätte sie wissen müssen. Es sieht schon fast nach Absicht aus, vor allem dann, wenn man weiß, dass der Nazi, Totschläger und Mädchenschinder Bernd Tödter in der Berichterstattung der HNA immer mit Bernd T. abgekürzt und Bilder von ihm und seinen Satrapen nur verpixelt abgedruckt werden. Im Gegensatz zum Anmelder der ACAB-Aktionen, der als gemutmaßter Anführer zum Abschuss frei gegeben wird, legt das nordhessische Blatt offensichtlich Wert darauf, den Nazi-Politgangster und seine Kumpanen zu schützen.

Einzelne im „Bündnis gegen Rechts“, oder aus dem Umfeld desselben üben sich schon mal in Distanzierung. Der bekennende Antizionist und Provinzpolitiker der Partei „Die Linke“ Axel Selbert kritisiert, die Abkürzung ACAB sei eine „unglückliche und unangebrachte Provokation“. Thomas Flügge, ein Vertreter der Partei „Die Grünen“, die ebenfalls im „Bündnis gegen Rechts“ vertreten sind, distanziert sich von dem Personenkreis so, wie er sich von der Kagida zu distanzieren vorgibt, „mit denen setze ich mich nicht an den Tisch“.

Im Dezember gab es eine Auseinandersetzung im „Bündnis gegen Rechts“ um den Begriff „Bullen“. Ein wichtiger Vertreter der Kasseler Gewerkschaften gab damals zu bedenken, dass dies von den Polizisten als Beleidigung empfunden würde. Polizisten aber, die er als Gewerkschafter ebenso zu vertreten habe, wie andere Gewerkschaftsmitglieder, wolle er so nicht bezeichnet wissen. Auch wenn sich der schon zitierte Vertreter der Kasseler Gewerkschaften über den Umstand empörte, dass innerhalb des „Bündnis gegen Rechts“ stramme Antizionisten und Antisemiten vertreten sind, so hat dieser Umstand im Gegensatz zur Debatte, ob ziviler Ungehorsam ein legitimes Mittel sei, den Nazis wirkungsvoll entgegen zu treten und ob es legitim sei, die Polizisten Bullen nennen zu dürfen, nie zur notwendigen Spaltung dieses Bündnisses geführt. Diejenigen aus dem Umfeld des „Bündnis gegen Rechts“, die sich nun über das Akronym ACAB mokieren, fanden nichts dabei, im Sommer letzten Jahres mit Islamfaschisten, türkischen, arabischen und palästinensischen Nationalisten gemeinsam durch Kassels Straßen zu marschieren um bei der größten antisemitischen Zusammenrottung nach 1945 mitzumischen.

Ein Aufruf und das Elend des Meinens der Wohlgesinnten

Die Stadt Kassel lädt zum 02. Februar zu einer Kundgebung ein. „Gegen religiösen Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus behaupten wir die Werte Europas und des Grundgesetzes, die Geltung der Menschenrechte und aus aktuellem Anlass insbesondere die Freiheit der Presse und die Freiheit der Kunst, der Satire“ heisst es im Aufruf.

Der gute Wille

Der vordergründige Anlass, auf den sich dieser Aufruf bezieht, ist das mörderische Attentat von Islamisten in Paris. Der Aufruf ist auch Ergebnis einer längeren Auseinandersetzung darüber, wie auf die Aufmärsche der Kagida in Kassel zu reagieren ist. Das Kasseler Bündnis gegen Rechts hatte von Beginn auf die Aufmärsche der Kagida mit Protestkundgebungen reagiert. Die Kasseler Grünen sahen dies kritisch, das Oberbürgermeisterbüro wollte von diesen Aktionsformen nichts wissen und so kam es, dass – anders als in anderen Städten – das Kasseler Stadtoberhaupt den Kundgebungen gegen die Kagida fern blieb. Dieses Schisma führt jetzt dazu, dass die Partei „Die Linke“ und ihr Studentenverband SDS sich wiederum vom Aufruf der Stadt distanzieren – freilich ohne inhaltlich etwas am Aufruf aussetzen zu wollen.

Auf die Inhalte aber kommt es an, darum geht es hier: Die Autoren im Aufruf erkennen, dass es sich in Paris um einen antisemitischen Anschlag gehandelt hat. Sie schreiben „Die Mörder von Paris haben sich bewusst einen jüdischen Laden ausgesucht.“ Folglich heißt es im Aufruf „Gegen religiösen Fanatismus, Rassismus und Antisemitismus behaupten wir die Werte Europas und des Grundgesetzes, die Geltung der Menschenrechte …“ Soweit so gut, hier deutet der Aufruf völlig zu Recht an, dass gegen Antisemitismus und gegen religiösen Fanatismus die freie und demokratische Gesellschaft in Anschlag zu bringen ist.

Aber auch hier könnte man schon ein Tröpfchen Wermut in den Wein gießen, zu den Werten Europas gehört der Antisemitismus doch eher, als die Freiheit. Von den Werten des Westens zu sprechen, wäre klarer gewesen, weil hiermit die Werte gemeint sind, für die viele Menschen aus ganz Europa gen Westen über den großen Teich auswanderten und die in eine der wichtigsten demokratischen Verfassungen Einzug gefunden haben – aber Schwamm drüber, diese Bemerkung ist ein wenig beckmesserisch. Eine Frage aber bleibt: Wie, mit wem und mit welchen Mitteln die freie Gesellschaft sich wehren kann, das auszuführen stünde nun an – wird es aber nicht, sieht man von einer beiläufigen Bemerkung ab, Kinder zu erziehen.

Und das was sie wirkliche meinen …

Der Aufruf schlägt einen anderen Weg ein, indem eine Brücke zum deutschen Konsens gebaut wird. Im Stile des Lichterkettenantifaschismus ist die Rede vom Rassismus dem man eine bunte Stadt entgegenzusetzen hat. Auch hiergegen wäre nichts einzuwenden, bis auf den Tatbestand, dass solche Aufrufe dazu dienen, den in Misskredit geratenen Ruf einer Stadt oder einer Nation zu polieren und nicht dazu, Opfer rassistischer Übergriffe zu schützen und Täter zu bekämpfen.

Doch dann wird der Erklärbär losgelassen: „Rassismus wird immer auch zu Antisemitismus führen, wie Antisemitismus das Einfallstor zu weiteren Rassismen sein wird.“ Nachtigall, ick hör dir trapsen – es schwant einem Übles.

Mit dieser Volte, die sowohl gleichzeitig Ausdruck eines intellektuellen Offenbarungseides als auch der quasi regierungsoffiziösen Verlautbarungspolitik ist, bekommt der Aufruf die Kurve, die es ermöglicht, dass nicht nur ehrwürdige Organistionen und Verbände den Aufruf zeichnen, sondern obskure Organisationen wie das stramm antizionistische Kasseler Friedensforum, die von der islamistischen türkischen Staatregierung beherrschten Ditib-Gemeinde, die strukturkonservativ-islamische Ahmadia-Gemeinde, das Islamisch Albanische Kulturzentrum. Diese, die sich zu allen möglichen und unmöglichen Gelegenheiten gegen Rassismus aussprechen, haben beim Thema Antisemitismus aber so ihre Probleme. Kompatibel für ihr Weltbild ist ein Begriff von Antisemitismus nur dann, wenn dieser mit Rassismus gleichsetzt wird oder dieser als eine Unterart des Rassismus begriffen wird, oder noch schlimmer wie in diesem Aufruf, wenn Antisemitismus zum Einfallstor zu weiteren „Rassismen“ erklärt wird, worunter der eine oder andere heute gerne den „antimuslimischen“ zu zählen weiß.

What the fuck is antisemitism?

Doch sämtliche Merkmale des modernen Antisemitismus haben mit Rassismus wenig gemein, auch wenn die Ursprünge einiger Elemente des modernen Antisemitismus im Rassismus zu finden sind. Die Arbeitsdefinition der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte führt verschiedene Punkte auf, wie Antisemitismus definiert werden kann, u.a.:

  • Es geht dem Antisemitismus nicht nur um dämonisierende und stereotype Anschuldigungen und Zuschreibungen gegen Juden (die noch am ehesten an rassistische Weltbilder erinnern), sondern um das Phantasma einer geheimen jüdischen Macht, um Mythen von einer jüdischen Weltverschwörung, über vermeintliche Kontrolle der Medien, der Wirtschaft, der Regierung durch Juden. Dieses Weltbild wird nicht nur von verrückten Esoterikern und Weltverschwörungsideologen verbreitet, sondern findet sich strukturell im vulgären Antikapitalismus, Antiamerikanismus, Kulturpessimismus und im Wir-da-Unten Ihr-da-Oben-Gerede deutscher Kulturproduzenten und sich betrogen wähnender Allerweltsbürger, der sich gerne als Melkkühe der Nation Gerierenden usw. wieder. Diese Ideologie ist das verbindende Amalgam einer Ideologie rechter wie linker Wutbürger, die sich in Parteien wie AfD und Die Linke, in Bewegungen wie Attac, Blockupy und eben jetzt bei der Pegida etc. tummeln, die sich in den Leserbriefspalten und den Kommentarfunktionen der Onlinemedien austoben.
  • Antisemitismus stellt sich dar in dem Bestreiten der historischen Tatsache des Ausmaßes, der Mechanismen sowie der Vorsätzlichkeit der Shoah. Dieses Denkmuster findet man nicht nur bei Holocaustleugnern wie den Regierungsrepräsentanten des Iran und der mit dieser verbandelten international agierenden Hisbollah sowie bei verschiedenen Rechtsextremen, sondern verklausuliert in den Versuchen der Nivellierung der Verantwortung Deutschlands für den Holocaust oder der Stilisierung der deutschen Täterschaft zu Opfern von Krieg und Gewalt, wie es regelmäßig auch in Kassel geschieht, wenn ehrfürchtig der Bombennacht im Oktober 1943 gedacht wird.
  •  Die massenkompatible Verkehrsform des Antisemitismus heute ist aber die so genannte Israelkritik und der Antizionismus. „Israelkritik“ unterscheidet sich davon, sich mit Entscheidungen der israelischen Regierung kritisch auseinanderzusetzen, indem diese das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes bestreitet, indem sie z.B. die Behauptung verbreitet, Israel sei ein rassistisch/koloniales Projekt, oder indem diese das Recht auf Verteidigung dem jüdischen Staat in Abrede stellt. Das Anwenden doppelter Standards gegenüber Israel, das Verwenden von Symbolen und Bildern, die mit dem traditionellen Antisemitismus oder der Judenfeindschaft in Verbindung stehen gehören ebenso zu den Standards der „Israelkritik“ und sind Ausdruck deren antisemitischen Charakters. Dieses Denken treffen wir in allen Parteien an, bei nationalen Kulturgrößen wie Günther Grass, bei Lokalgewächsen wie einer Sabine Wackernagel. Diese Ideologie ist einigendes Band vieler Aktivisten der Friedensbewegung im besonderen, bei linken sich gesellschaftskritisch dünkenden Bewegungen und Parteien im allgemeinen.

Und warum stehen sie vorm Rathaus?

Erst das Absehen von den Grundlagen einer Definition von Antisemitismus ermöglicht es, diesen unter dem Begriff Rassismus zu subsumieren um dann sich das Label „Wir stehen gegen Rassismus und Antisemitismus“ auf die Brust zu heften. So wird verschiedensten Gruppen und Personen ermöglicht, sich in die Einheitsfront der Wohlmeinenden einzureihen, die sonst bei jeder Gelegenheit Israel an den Pranger stellen, oder dann schweigen, wenn israelfeindliche Kundgebungen abgehalten werden auf denen antisemitische Parolen skandiert werden. So wird eine Einheitsfront möglich, die vom Bürgermeisteramt bis zum Kasseler Cafe Jihad (formaly known as Cafe Buchoase) reicht, auch wenn sich deren Matadoren wie die Kesselflicker streiten, wenn es darum geht, gegen ein paar dutzend Nazis die adäquate Aktionsform zu finden.

Der Satz in dem der Antisemitismus zum „Einfallstor von Rassismen“ erklärt wird, ist das Chiffre von der Islamfeindschaft als dem eigentlichen Antisemitismus und von den Muslimen als den Juden von heute und an sich schon Ausdruck eines antisemitischen Hintergrundrauschens. Der sehr deutsche Bänkelsänger Herbert Grönemeyer hat dies prägnant zum Ausdruck gebracht, als er jüngst in Dresden beifallumtost sagte: „Wenn aber mal wieder eine religiöse Gruppe für vielschichtige teilweise diffuse Befürchtungen als Sündenbockprojektion (hä?, der Verf.) und Zielscheibe ausgemacht wird, ist das eine Katastrophe.“

Es sind zwar die Juden, die vor allem in Frankreich und Belgien, aber auch in Deutschland vor allem von sich religiös definierenden Terrorgruppen und Einzeltätern bedroht und angegriffen werden, aber Grönemeyer meint mit religiöser Gruppe, die zur Zielscheibe wird die Muslime und erklärt kurzerhand die Verfolgung und Ermordung der Juden zu einer Verfolgung einer religiösen Gruppe. Bekanntlich hatte die Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus aber nichts mit dem Glaubensbekenntnis mancher Juden zu tun sondern mit Antisemitismus und die antimuslimischen Ressentiments wenig mit deren Glaubensbekenntnis als vielmehr mit der tatsächlichen oder vermeintlichen Herkunft dieser Menschen aus der Fremde, also mit Fremdenhass.

In den Reaktionen auf das Pariser Attentat spiegelt sich diese Begriffsstutzigkeit im allgemeinen wieder. So sehr zwar die Öffentlichkeit vom Anschlag in Paris schockiert war, so wenig wurde ihr bewusst, dass der Anschlag auch ein antisemitischer war und umso beflissener waren die allgegenwärtigen Statements, jetzt sei es vor allem darum bestellt, den Islam vor Kritik und Anfeindungen zu schützen.

Wer über den Islamismus reden will, darf vom Islam nicht schweigen!

Diese merkwürdige Wendung findet sich auch darin wieder, dass allenthalben zu hören ist, der Angriff der Terroristen in Paris habe der Pressefreiheit gegolten, so als wären alle Presseorgane Zielscheibe terroristischer islamistischer Aktivitäten. Es war jedoch nicht zufällig die Zeitung Charlie Hebdo, die das Ziel eines Angriffs wurde, genauso wenig wie es den holländischen Künstler und Kritiker Theo van Gogh zufällig traf, oder dass mit Salman Rushdie irgendein Schriftsteller bis heute unter Polizeischutz steht.

Alle waren oder sind scharfe Kritiker des Islam, dieser Kritik galt der terroristische Mordanschlag. Die Reaktionen der sich in den Dauerbeleidigten-Status erhebenden Anhänger einer Religion, die sogenannte „Empörung“ unterscheidet sich nicht dem Inhalt nach, sondern nur der Form nach. Der Mord an den Kritikern ihres Aberglaubens wird von den meisten Muslimen abgelehnt, aber die „Empörung“ darüber, dass ihr Aberglaube und ihr strukturell konservativ, reaktionäres und autoritäres Weltbild Ziel der Kritik ist, ist allen gemein. Wer daher heute in kritischer Absicht von Islamismus reden will, der darf vom Islam nicht schweigen. Dies jedoch wird mit Inbrunst seitens der Wohlmeinenden als tendenziell rassistisch oder intolerant gegenüber anderen – generell zu respektierenden – „Kulturen“ abgewehrt.

Die viel behauptete Islamfeindschaft wird maßlos übertrieben. Die Begriffe „Islamophobie“ und „antimuslimischer Rassismus“ sind Unsinn. Sicher, es gibt rechtsextreme Eiferer und evangelikale Christen, für die Muslime oder Muslima Teufelsanbeter oder per se Terroristen in nuce sind. Doch wenn selbst die Kanzlerin weitgehend unwidersprochen erklärt, der Islam gehöre zu Deutschland und damit eine lange Tradition deutscher Freundschaft und Protektion des Islam fortsetzt, die mit Kaiser Wilhelms Unterstützung des Jihad im Nahen Osten begann und sich in der, Krieg und Niederlage überdauernden, Freundschaft der Nazis mit arabischen Nationalisten und Islamisten zeigte und sich bis heute in Form von Kungeleien mit den antisemitischen Herrschern im Iran oder in den blendenden Geschäftsbeziehungen mit dem Fundamentalistenregime in Saudi Arabien fortsetzt, ist es schlichtweg Unfug, davon auszugehen, „Islamfeindschaft“ hätten eine hegemoniale Bedeutung in Deutschland.

In der Regel haben wir es mit einem Ticket zu tun, dass Ausdruck von Fremdenhass und Rassismus ist, der im Gegensatz zur vermeintlichen Islamfeindschaft tatsächlich einen stabilen Bodensatz in der deutschen Gesellschaft hat und in der europäischen Abschottungspolitik gegen Flüchtlinge einen institutionellen und mörderischen Ausdruck findet. Daher war es gut, dass es auch in Kassel viele Menschen gegeben hat, die wenn z.T. auch ohne zu wissen warum, gegen die Kagida auf die Straße gegangen sind.

Kasseler Bündnisse

Vor dem Hintergrund, dass es in den Reihen der Antikagida etliche gibt, für die die Parole der Jungen Welt „Sie lügen wie gedruckt, wir drucken wie sie lügen!“ Ausdruck aufrechten Journalismus ist, für die Russland ein Opfer westlicher Aggression ist, für die Israel für ein Besatzungs- und Apartheidregime in Palästina steht, für die TTIP ein, die deutsche Kultur, die deutsche Ehrlich- und Tüchtigkeit bedrohendes Produkt der Ostküste ist, hätten sich die Demonstranten gegen die Kagida fragen müssen, warum die Reihen der Kagida und der Antikagida von dutzenden Bullenwannen, Zäunen und Polizisten in schwerer Montur getrennt wurden.

Es hat doch Nazis bei der Kagida gegeben! – Ist das nicht Grund genug auf die Straße zu gehen? Ja das stimmt und von denen geht auch tatsächlich eine Gefahr aus, wenn man ihnen im falschen Augenblick begegnet, oder wenn sie im Bunde mit dem deutschen Geheimdienst mordend durch die Lande ziehen. Aber was es bringen soll gegen diese Bagage „Nazis raus!“ zu rufen, sich ihnen in den Weg zu setzten oder einen von ihnen im geeigneten Augenblick eins auf die Mütze geben zu können – auch das bleibt undiskutiert.

Und im Sommer 2014 marschierten viele derjenigen, die nun gegen die Kagida trommeln und „Hoch die Internationale Solidarität!“ und „Nazis raus!“ brüllen, mit türkischen Faschisten, arabischen Nationalisten und Islamfaschisten einträchtig nebeneinander her. Ihre damaligen Bündnispartner unterscheiden sich von den Nazis, die nun bei der Kagida auftauchen nur darin, dass die vom Sommer Fahnen der grauen Wölfe, der Hisbollah, Fahnen der von Hamas und Fatah getragenen palästinensischen Autonomiebehörde und die der spanischen Faschisten trugen, die Nazis im Winter die deutsche. „Die Weisen von Zion“ und „Mein Kampf“ halten viele dieser beiden Gruppen von Faschisten für große Literatur und Hitler für einen großen Staatsmann, der in seinem großen Ziel, das Weltjudentum auszurotten, leider vom Bolschewik und vom Ami, respektive der jüdischen Weltverschwörung aufgehalten wurde.

Spätestens zu dem Zeitpunkt, als die Gegenkundgebungen des Bündnis gegen Rechts Anschlussfähigkeit an die MLPD, an die Revo und andere Antizionisten und Stalinisten bewies, als zunehmend besinnungslos gegen ein kleines erbärmliches Häuflein verwirrter Wutbürger und ein paar dutzend Nazis allmontäglich demonstriert wurde, nur um sich gegenseitig der richtigen Gesinnung zu vergewissern – spätestens da hätte ein Innehalten gut getan um sich darüber im Klaren zu werden, was Islamismus, Wutbürgertum und Linksreaktionäre gemeinsam haben und warum dies so ist. Das verbindende Glied all dieser ist der Antisemitismus. Dazu hätte man sich jedoch der Anstrengung des Begriffs hingeben müssen und nicht jeden Montag in der Kälte die sattsam bekannten Parolen brüllen und sich eine halbe Woche vorher stundenlang darüber streiten müssen, ob nun die Blockade das ideale Instrument ist oder das Lichterkettentum um den Nazis die Lust am Wallfahrtsort Kassel zu nehmen.

Aber nichts da, nun versammelt man sich schiedlich friedlich und in staatsbürgerlicher Ernsthaftigkeit unter dem Appell des Oberbürgermeister um den Ruf Kassels wieder herzustellen oder, wie es Grönemeyer so vortrefflich in Dresden auf den Punkt brachte: „Gebt [uns] Stolz und .. Würde wieder.“ Welch verloren gegangenen Stolz meinte er?

AUF DEN NAMEN ZU

(Rilke / Celan)

Ich habe geschrieben und schreibe

Es ist das erinnernde unbewusste

Vorausschauen auf eine bewunderte Stadt

allzuschön und wirklich

keine ist wie Du

steh auf und erhebe Dich

und du wirst erleuchtet

 

Einzeln unwiderständiges Sprechen

leuchte laut und undeutlich

 

Erinnerung und unbewusstes Voraus

schauen auf eine viel bewund-

 

Stadt von der es heißt

wie du weißt: stehe auf

erhebe Dich und leuchte

 

geschrieben habe ich und schreib

Traum der ich bin

Wunderliche lebelein

(Peer Schröder)