Warum das Bündnis mit Antisemiten möglich ist

Der Antisemit will den Tod des Juden, heißt es zutreffend bei Jean-Paul Sartre. Die Partei „Die Rechte“, die in Kassel am 20. Juli 2019 u.a. mit der Parole „Nationale GegenOfenSSive“ auftrat, brachte damit die antisemitische Ideologie und den Kern der Naziideologie unverblümt auf den Punkt. Der Bezug zu den Öfen von Auschwitz geht über den strafbewehrten Tatbestand der Holocaustleugnung hinaus und ist, der Strategie der Provokation und ideologischen Grundlage dieser Partei gemäß, die kaum verblümte Forderung nach Auschwitz und der SS.

Nazis tun in Kassel was Nazis tun müssen: Juden hassen.

Der Partei „Die Rechte“ trat ein breites Bündnis entgegen, dessen Parolen „Gegen Ausgrenzung, gegen Haß, gegen Gewalt“, „Gegen Rechts“, „Kein Platz für Rassismus“, „Offen für Vielfalt“, „Gegen Nationalismus“, „Für Toleranz“ usw. samt und sonders und ohne Ausnahme am Gegenstand vorbei gehen. Der bei vielen unbekannte und von anderen weitgehend unverstandene Moishe Postone führt folgendes aus: „Was ist die Besonderheit des Holocaust und des modernen Antisemitismus? Dies ist sicherlich keine Frage der Quantität, […] noch des Ausmaßes ihres Leidens. Es gibt zu viele historische Beispiele für Massenmord und Genozid. So sind zum Beispiel viel mehr Russen als Juden von Nazis getötet worden. Die Frage zielt vielmehr auf die qualitative Besonderheit. Bestimmte Aspekte der Vernichtung des europäischen Judentums bleiben so lange unerklärlich, wie Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteil, Fremdenhaß und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel für Sündenbockstrategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können.“ (Moishe Postone , 177)

Die Parolen der verschiedenen Aufrufe und der vielen Transparente, die vor allem den Rassismus, Rechts allgemein, Intoleranz, Ausgrenzung usw. anklagten, zeigen also, dass der Antisemitismus nicht verstanden wird, auch von denen, die es besser wissen müssten und sich ebenfalls dem Marsch der Antifaschisten anschlossen ohne den Aufruf zu unterzeichnen. Aber auch dann, wenn unter den Parolen oder gar im Aufruf der Nazigegner neben anderen der Passus „Gegen (jeden) Antisemitismus!“ aufgetaucht wäre, was aber am 20. Juli in Kassel nicht der Fall war, wäre der zentralen Ideologie des Nationalsozialismus nicht überzeugend entgegengetreten worden.

Grabstätten der Opfer des Ma’alot-Massakers. 1974 ermordeten Terroristen der DFLP 31 Schüler und Lehrer einer Schule, die sie zuvor als Geiseln nahmen. Die DFLP wurde unter dem Tarnnamen „Internationalisitisches Bündnis“ an der Demo gegen die Nazipartei beteiligt.

„Ist die qualitative Besonderheit der Vernichtung des europäischen Judentums einmal erkannt, wird klar, daß Erklärungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung oder die autoritäre Persönlichkeit stützen, viel zu allgemein bleiben.“ (178) Diese Unkenntnis und das allgemeine durchaus gewollte Mißverständnis vom Antisemitismus als Spielart des Rassismus und der Subsumierung des Nationalsozialismus als „Rechte Ideologie“, als Herrschaft aggressiver Kapitalgruppen oder des Imperialismus usw. tragen dann auch dazu bei, dass Gruppen wie die Judenmörderbande DFLP, neben anderen Antizionisten, von der Partei „Die Linke“, über „Pax Christi“, bis hin zur MLPD immer wieder als Unterzeichner der Aufrufe der üblichen Bündnisse gegen Rechts einbezogen werden. Aber auch Gruppen, Parteien und Verbände wie Attac, Die Grünen, die SPD, die GEW bis hin zur VVN, die sich auf regionaler Ebene zum Thema Israel in der Regel zwar nicht äußern, aber offen für Toleranz gegenüber Antizionismus und „Israelkritik“, bzw. klammheimliche Sympathisanten dieser gesellschaftlich akzeptierten Form des Antisemitismus sind, sind Ausdruck der angeführten Problematik. Eine detaillierte Auflistung der Israelhasser und Antizionisten des Bündnisses gegen Rechts in Kassel ist beim Bündnis gegen Antisemitismus Kassel  zu finden. Es dürfte so gewesen sein, dass am 20. Juli in Kassel mehr Antisemiten auf der Seite der Nazi-Gegner zu zählen waren, als unter den Nazis (die allesamt welche sind, aber nur hundert Streiter mobilisieren konnten).

Warum der Tod des Juden die notwendige Konsequenz des Antisemitismus ist und dieser über eine „kapitalismuskritische“ Haltung Eingang in die Weltanschauung der gesellschaftlichen Linken und darüber hinaus bis hin zur AfD findet, begründet Postone wie folgt: „Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegen darin, daß er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedene Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit scheinbar erklärt und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Er läßt den Kapitalismus aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Form angreift. Ein so verstandener Antisemitismus ermöglicht es, ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzten Antikapitalismus zu verstehen. Für ihn ist der Haß auf das Abstrakte charakteristisch. Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten mündet in einer einmütig, grausamen – aber nicht notwendig haßerfüllten Mission: der Erlösung der Welt von der Quelle allen Übels in Gestalt der Juden.“

Da der offene Antisemitismus, wie ihn die Partei „Die Rechte“ formuliert, in Deutschland nach 1945 gesellschaftlich diskreditiert ist und sofern er auftritt – obwohl oft nicht verstanden – einhellig verurteilt wird, drückt sich dieser insbesondere seit 1967 in der gesellschaftlich akzeptierten Form der Kritik an Israel und dem Antizionismus aus. Allgemeiner tritt er auch im Manichäismus und im Hass auf die Moderne zu Tage. Parolen und Bonmots wie „Die da oben“, eine „Geldkritik“, der Regionalismus, der Antiamerikanismus, die Verdächtigung „bestimmter Kräfte“, das „Wir“, die „99 %“ usw. usf., gehören allesamt zur Weltanschauung und zum Repertoire vieler sozialer Bewegungen und sind der Ausdruck dieser von Postone „verkürzte Kapitalismuskritik“ genannten Ideologie, die die Grundlage der Bündnisfähigkeit dieser Bewegungen mit den Gruppen bildet, die sich alleine über den Antizionismus und den Hass auf Israel definieren. Diese Haltung reicht bis in das Handeln der Regierenden, die sich in der für Israel gefährlichen Appeasementpolitik gegenüber dem Iran ausdrückt, in der Nachsichtigkeit gegenüber dem Antisemitismus palästinensischer Behörden, Institutionen und Verbände sowie in der Dialogbereitschaft mit Verbänden, die mit den antisemitischen Muslim-Brüdern verbandelt, oder dem türkischen Religionsministerium der islamistischen AKP-Regierung in der Türkei unterstellt sind.

Der Iran ist, sofern ihm die Herstellung der Atombombe gelingt, aktuell die einzige Kraft, die das Umsetzen kann, was die Partei „Die Rechte“ fordert. Würde zum Protest gegen die Politik des Irans und zur Unterstützung der Politik der USA gegen den Iran aufgerufen werden, wäre in Kassel mit einer Kundgebung mit ein paar Dutzend Teilnehmern zu rechnen.

Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, in: ders., „Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen, Freiburg 2005

… und die Faschisten brüllten schon: Gefallen ist die Stadt Kassel!

„No pasaran!“ hieß der Schlachtruf der Republikaner, als Francos Faschisten vor Madrid standen, ausgestattet mit deutschen Waffen, unterstützt von italienischen Truppen, marokkanischen Söldnern und deutschen Fliegern um der demokratischen Republik ein Ende zu bereiten. Mit Hilfe der Internationalen Brigaden, sowjetischer Panzer und Flieger mit ihren sowjetischen Besatzungen und sowjetischer Offiziere konnten die Faschisten abgewehrt werden. Letztendlich war dies vergeblich, zweieinhalb Jahre später fiel Madrid, auch deswegen, weil es den Faschisten gelang, eine nicht unbeträchtliche Zustimmung in der Bevölkerung zu erlangen und weil die spanische Republik von den Demokratien im Westen im Stich gelassen wurde.

Finde den Fehler!

„No pasaran!“ heißt es jetzt auch in Kassel in einem Aufruf des Kasseler Bündnisses gegen Rechts. Steht’s in Kassel um unsere Sache schlecht? Geht’s Schritt um Schritt zurück? Stehen faschistische Divisionen, bewaffnet und personell unterstützt von ausländischen Mächten vor Kassels Toren und schicken Kugeln hageldicht? Konnten unter der nordhessischen Bevölkerung tausende von Kämpfern rekrutiert werden?Haben wir es mit einer Bewegung zu tun, die die Unterstützung der Kasseler Elite genießt? Und wer sind die vier noblen Generale, die uns verraten haben? Manfred Nielson, Markus Kneip, Eberhard Zorn, Erhard Bühler etwa, sind das die Anführer der faschistischen Divisionen, die vor Kassel stehen?

Nein, es gibt natürlich keine faschistischen Divisionen und, trotz einiger Rechtsextremer in der Bundeswehr und in der Polizei, auch keine ebensolche Generale mit zu heißem Blut. Die Partei „Die Rechte“ hat eine Kundgebung in Kassel angemeldet. Sie ist eine rechtsextreme und neonazistische Kleinstpartei, die laut Verfassungsschutz Aktivitäten von Neonazi-Kameradschaften fortführt, sich offen zum Nationalsozialismus bekennt und die die in Haft sitzende Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck als Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019 aufstellte. Im Europawahlkampf fiel sie u.a. mit der offen und aggressiven antisemitischen Propagandaformel „Israel ist unser Unglück“ auf.

Die Partei hat bundesweit ca. 500 Mitglieder, bei der Europawahl erhielt sie 0,1% der Stimmen. Eine große Zustimmung oder eine Massenbewegung sehen anders aus. Die gesellschaftlichen Eliten sehen sich in der Partei „Die Grünen“ repräsentiert und auch wenn die Partei „Die Rechte“ mit ihrer antiisraelischen Propagandaformel, wenn sie diese denn anders formuliert hätte, sicher einen Nerv der deutschen Bevölkerung getroffen hätte, denn diese mag zwar Israel genauso wenig wie selbstbewusst auftretende Juden, ist seit 1945 offener Antisemitismus in Deutschland tabu. Nicht anders ist das mit Nazis, wenn diese nicht gerade im Gaza oder im Libanon für die palästinensische Sache agieren, oder sich mit drei Halbmonden in oder vor den Kasseler Moscheen drapieren und den Wolfsgruß präsentieren, sondern aus Deutschland kommen und sich ganz old-scool-like offen als solche für Jedermann zu erkennen geben. Die Old-Scool-Nazis mag keiner, der Protest gegen sie ist gesellschaftlicher Konsens. Es steht nicht zu erwarten, dass dies in Zukunft anders wird.

Es ist daher in erster Linie keine politische Frage, wie mit dem Phänomen der Partei „Die Rechte“ umzugehen ist, sondern zuvörderst eine juristische und ordnungspolitische. Es wäre denk- und machbar, diese Partei aufgrund ihrer offenen Bezüge zum Nationalsozialismus zu verbieten. Inwiefern dies bei einer 500-Mann-Partei politisch sinnvoll ist, ist eine andere Frage. Ferner wäre es die Aufgabe der Ordnungskräfte, bei Demonstrationen konsequent nationalsozialistische Propaganda und Anleihen an den NS-Habitus zu unterbinden. Vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und dem zur Verfügung stehenden juristischen Instrumentarium wäre dies nicht nur sinnvoll, sondern auch machbar und – by the way – aufgrund gelegentlich schlafmütziger oder inkompetenter Behörden auch eine sinnvolle Parole für eine Kundgebung.

Das Kasseler Bündnis, das natürlich #unteilbar ist, ruft voller Pathos jedoch den Ausnahmezustand aus: „Wir werden es nicht zulassen, dass Neonazis und Faschist*innen einen Aufmarsch in Kassel durchführen! Ein breites gesellschaftliches Bündnis wird am 20. Juli #platznehmen […]“ Es geht nicht um die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Rechtsextremen, sondern um die Anmaßung exekutiver Gewalt. Aufmärsche zu unterbinden ist in einem Rechtsstaat Aufgabe der Polizei, sie nicht zuzulassen, die der Justiz. In der historischen Situation von 1936 in Madrid war das etwas anderes, hier blieb nichts anderes, als sich mit der Waffe in der Hand, dem Faschismus entgegenzustellen. Einen Bezug zu dieser Situation herzustellen, wie es die Parole suggeriert, ist aberwitzig und lächerlich.

Eine einzige Parallele zu 1936 gibt es dann aber doch. Man schließt in das „unteilbar“-Bündnis Demokratieverächter und Stalinisten mit ein und mit dem „Internationalistischen Bündnis“ eine Gruppe, die in Verbindung mit der antisemitischen Terrorbande DFLP steht. Was 1936 angesichts des Umstandes, dass die Westmächte England und Frankreich die spanische Republik im Stich ließen, eine Notwendigkeit und vor Madrid auch entscheidende Unterstützung war – das Bündnis mit den Stalinisten zu suchen – wäre heute absolut unnötig.

Es wäre angesichts der antisemitischen Parole der Partei „Die Rechte“ angebracht einen klaren Aufruf gegen Antisemitismus und für Israel zu verfassen. Dazu müsste man aber erkennen, dass diese Parole nur die ungeschminkte Zuspitzung einer Weltanschauung ist, die vom durchschnittlichen Spiegel-, Freitag- und SZ-Leser geteilt wird und auch von Vertretern der Regierungs- und Oppositionsparteien, von Kirchenvertretern und Protagonisten sozialer Bewegungen. Angesichts der Grundlage nationalsozialistischer Ideologie und den Erfahrungen jüdischer Menschen ist klar, dass Nazis gefährlich und eine Bedrohung für das jüdische Leben sind, allerdings ist es ebenfalls eine Erfahrung jüdischer Menschen, dass der alltägliche Antisemitismus heute vor allem andere Quellen hat unter anderem auch die, die die Agenda eines beträchtlichen Teils des unteilbaren Bündnisses ist.

Anstatt zur Blockade der Straße aufzurufen, also einer bislang nicht verbotenen Partei, das Grundrecht in einer demokratischen Gesellschaft streitig zu machen, die Öffentlichkeit zu suchen, wäre es angebracht öffentlich gegen die antidemokratischen Ambitionen dieser Partei Stellung zu beziehen. Damit wäre ein deutliches Bekenntnis zur demokratischen Republik, zu den sie konstituierenden Werten der Aufklärung und Vernunft, sowie zu ihren Institutionen und zur Gewaltenteilung verbunden. Mit einem solchen Aufruf könnte man vermeiden, dass solche Gruppen wie die MLPD, die REVO, die Internationalistische Liste, die SAV usw. usf. sich als Antifaschisten gebärden. Aber das klare Bekenntnis zur Republik und ihren Grundlagen wäre auch auch für viele Aktivisten, die den Ausnahmezustand aufgrund klimatischer Veränderungen und einer Flüchtlingsbewegungen ausrufen ein Problem und man könnte vielleicht erkennen, dass die Gefahr dieser Republik von etwas anderes ausgeht, als von einer Partei mit 500 Mitgliedern.

Wir kennen keine Volksgemeinschaft sondern nur noch Opfer

75 Jahre nach dem Bombenangriff auf Kassel: Die Tränen der Volksgenossen und die Unfähigkeit in Kassel, einer notwendigen militärischen Maßnahme gerecht zu werden.

Ein am Angriff auf Kassel beteiligter Lancasterbomber und seine Besatzung

Kassel war, wie andere deutsche Städte, mehrfach Ziel alliierter Bombenangriffe. Das Datum der gründlichsten Bombardierung Kassels jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Dies ist Anlass für eine von der HNA vorangetriebene Erinnerungsoffensive. In der HNA widmet man sich seit geraumer Zeit in regelmäßigen Abständen und in dichter werdender Folge diesem Thema mit ganzseitigen Ausführungen. Auf der Internetseite der Zeitung gibt es sogar eine eigenständige Rubrik zum Thema. Darüber hinaus hat der ehemalige Redakteur der HNA Horst Seidenfaden zusammen mit Harry Soremski (Extra-Tip) einen opulenten Band über die Erinnerungen der vom Bombenangriff betroffenen Kasseler herausgebracht. Der HNA-Journalist Thomas Siemon zog ein paar Monate später mit einem kleineren Bändchen nach. In beiden Bänden kommen sogenannte Zeitzeugen zu Wort. Seidenfaden und Soremski fügen noch weitergehende Ausführungen bei, die zur historischen und politischen Einordnung der Berichte ihrer „Zeitzeugen“ und des Angriffs auf Kassel aber buchstäblich nichts beitragen. Die Berichte der „Zeitzeugen“ drücken par excellence das aus, was den nach Deutschland einmarschierenden Alliierten unangenehm auffiel, als sie 1945 auf die Deutschen trafen: Empathielosigkeit, Selbstbezogenheit, Sentimentalität, Selbstviktimisierung und die Leugnung Nazi gewesen zu sein. Die Chronisten des Angriffs auf Kassel kommen so gut wie ohne Bezug zum Nationalsozialismus aus, kennen keine Nazis, sondern nur noch Opfer und sind zu Tränen gerührt. „Trümmer, Tod und Tränen“ heißt der eine, „Diese Tränen trocknen nie …“ der andere Band.

I. Der Luftkrieg gegen Deutschland – Eine Voraussetzung des Sieges über Nazideutschland

Die Luftangriffe auf Deutschland waren – von 1940, dem Fall Frankreichs bis 1943, der Landung der Alliierten in Sizilien – abgesehen von der „Atlantikschlacht“ und einigen Nebenkriegsschauplätzen die einzige Möglichkeit der Westalliierten direkt militärisch gegen Nazideutschland vorzugehen. Von 1941 bis 1943 trug auf dem europäischen Kontinent die Rote Armee die Hauptlast der Kämpfe gegen die Wehrmacht. Die Ausweitung der Luftangriffe der Westalliierten auf Deutschland trug dazu bei, dass beträchtliche Teile der deutschen Luftwaffe von der Ostfront abgezogen wurden. Somit entlasteten die Westalliierten die sowjetische Luftwaffe, der es im Laufe des Jahres 1943 gelang, die Lufthoheit an der Ostfront zu erringen. Insgesamt gelang es den alliierten Fliegerverbänden nach und nach, die deutsche Luftwaffe nachhaltig zu schwächen. Die Lufthoheit ist für erfolgreiche Bodenoperationen eine unabdingbare Voraussetzung und war Bedingung für die im Sommer 1944 vorgetragenen erfolgreichen und kriegsentscheidenden Offensiven in Weißrussland (Operation Bagration) und in der Normandie (Operation Overlord). Diese wichtigsten Ergebnisse der alliierten Luftkriegskampagne gegen Deutschland werden im Allgemeinen völlig ignoriert. Den Autoren über die „Bombennacht“ dürfte dieser Sachverhalt offensichtlich unbekannt oder gleichgültig sein.

Ein wichtiges Ziel alliierter Bomberverbände waren die Rüstungsindustrie und die Infrastruktur des Nazireiches. Die Angriffe störten die deutsche Rüstungsproduktion jedoch in geringerem Maß als angenommen und trotz einiger spektakulärer Erfolge, wie die gelungenen Angriffe auf die Edertal- und Möhnetalsperre, gelang es den Alliierten erst gegen Ende des Krieges die Verkehrs- und Energieinfrastruktur des deutschen Reiches lahm zu legen. Die Alliierten erreichten es auch nicht, wie ebenfalls beabsichtigt, die Moral der deutschen Bevölkerung zu brechen. Vor allem dies wird in Deutschland gegen die Luftkriegsstrategen vorgebracht. Dieser Misserfolg dient als Beweis der Nutzlosigkeit und der gleichzeitig attestierten Grausamkeit alliierter Bombenangriffe. Jenes Argument entbehrt jedoch jeder Grundlage, denn entgegen jeder vernünftigen Annahme, ließ sich die deutsche Volksgemeinschaft trotz der Zerstörung vieler ihrer Städte nicht dazu bewegen, von Judenmord und Vernichtungskrieg abzulassen. 1918 noch trugen Hungersnot und andere Entbehrungen dazu bei, dass sich die deutsche Bevölkerung zunehmend der weitaus harmloseren Kriegspolitik des Kaiserreichs widersetzte.

Der Luftkrieg wurde gegen eine Nation geführt, die die Volksgemeinschaft nicht nur propagierte sondern auch formierte und die den totalen Krieg ausgerufen hatte, den sie bis zum 8. Mai 1945 unerbittlich führte. Entgegen immer wieder kolportierten Behauptungen, der Luftkrieg sei gegen eine unbewaffnete und wehrlose Bevölkerung geführt worden, fügten die deutsche Luftwaffe und Flugabwehr den Alliierten schwerste Verluste zu. Mehr als 100.000 alliierte Bomberbesatzungen kamen bei ihren Einsätzen gegen Nazideutschland ums Leben. Die Bomberpiloten zogen einen massiven Beschuss auf sich. Die in großen Mengen im Land aufgestellten Geschütze und die Massen in die Luft geschossene Munition fehlten der Wehrmacht an anderer Stelle. Auch dies war letztendlich ein Beitrag, der zum Erfolg der alliierten Bodenoperationen beitrug, freilich zu einem hohen Preis unter den jungen Fliegern.

Im Gesamtkontext bleibt die Schlussfolgerung, dass der Luftkrieg als Bestandteil des notwendigen Krieges gegen Nazideutschland bis zur Kapitulation eine notwendige, richtige und letztendlich auch eine effektive Maßnahme war.

II. Nationalsozialismus und Volksgemeinschaft

„… Achtung, Achtung, wir geben eine Luftwarnmeldung …“, der Leser fühlt sich in die Reihen der deutschen Familie versetzt und meint den „Volksempfänger“ hören zu können.

Auf einer Doppelseite wird in Seidenfadens und Soremskis Band in großem Format der „Volksempfänger“ abgebildet. Etwas kleiner daneben ein, in nationalsozialistischer Ästhetik gehaltenes Bild einer Familie. Sie wird als „Arbeiterfamilie“ bezeichnet. Auch wenn es schon vor 1933 Radios und Familien gab, der Volksempfänger, die Abbildung desselben, sowie Bilder der einträchtig lauschenden deutschen Familie spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda von der Volksgemeinschaft. Dieser Zusammenhang wird nicht erläutert. Berichtenswert ist den Autoren nur, dass die Kasseler das Gerät dazu nutzten, die Meldungen über die einfliegenden Bomberverbände zu verfolgen. Die Funksprüche werden zitiert. Sie sind in einem anderen Textformat gedruckt, so dass man sie zu hören meint: „Achtung, Achtung, hier ist der Befehlsstand der ersten Flakdivision“ usw. Der Leser sieht förmlich die Lautsprechermembran des Volksempfängers vibrieren und sich unter die Volksgenossen versetzt.

In beiden Büchern geht es hauptsächlich darum „Zeitzeugen“ zu präsentieren. Was wir also vor uns liegen haben ist Oral History, nur dass die grundlegende Methodik dieser historischen Betrachtung auch nicht annähernd eingehalten wird. Es fehlt durchweg die professionelle Distanz zu den Berichtenden. Völlig ungenügend ist bei Seidenfaden und Soremski die kritische Einordnung des Erzählten in den historischen Kontext, bei Siemon fehlt dies völlig. Die „Zeitzeugen“ sprechen zu lassen, hat zwar tatsächlich etwas mit Authentizität zu tun, dass sie rundweg die Stimmen der damaligen Volksgemeinschaft darstellen, wird von den Chronisten jedoch entweder nicht bemerkt, oder schlicht ignoriert. So ist die ungefilterte und unkommentierte, häufig auf Emotionen setzende Reproduktion dieser Stimmen der Grundtenor sowohl Seidenfadens und Soremskis als auch des kleineren Bändchens Siemons.

Folgendes muss vom Leser, auf dessen Emotionen ungehemmt gesetzt wird, unbegriffen bleiben. Der deutsche Nationalsozialismus war im Wesentlichen eine Konsensdiktatur. Der 1933 anfänglich vor allem von Kommunisten, verschiedenen kleineren sozialistischen und anarchistischen Gruppierungen und einigen Einzelpersonen heroisch vorgetragene Widerstand gegen die Nationalsozialisten war schnell gebrochen. Die Volksgemeinschaft formierte sich so schnell, wie sich die 1933 schnell gefüllten Konzentrationslager im Laufe der dreißiger Jahre wieder leerten. Mit der Verfolgung der Kommunisten, den Kampagnen gegen „Asoziale“ und „Volksschädlinge“, mit der Etablierung des Reichsarbeitsdienstes und der Kraft-durch-Freude-Kampagne stieß das Regime auf Zuspruch in der Bevölkerung, der noch Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus einen deutlichen Widerhall fand. „Damals herrschte noch Zucht und Ordnung“, „Hitler gab uns Brot und Arbeit“, „Damals konnte man Nachts noch auf die Straßen gehen“ usw. waren häufig zu vernehmende Äußerungen der ehemaligen Volksgenossen, wenn sie mit Kritik der Jüngeren konfrontiert wurden. Der antifaschistische Widerstand war dagegen isoliert. Seine Protagonisten galten bei Vielen noch Jahrzehnte nach dem Ende des Regimes als Verräter. Der schlimmste Feind der Aufrechten war nicht etwa die GESTAPO, sondern das weit verbreitete Denunzianten- und Spitzeltum.

An zwei Stellen werden in Seidenfadens und Soremskis Buch Juden erwähnt. Ein Onkel einer „Zeitzeugin“ war mit einer Jüdin verheiratet. Der Onkel und seine jüdische Frau starben beim Angriff. Der Tod einer (sic!) Jüdin wird also in einem Buch erwähnt, das sich dem Jahr 1943 widmet. Die „Täter“ sind britische Bomber. Ein Inhaber einer Druckerei, die 1933, „als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen“, geschlossen wurde, weil Juden zu den Kunden gehörten, ist die zweite Stelle, an der erwähnt wird, dass es Juden in Kassel gab. Und es ist die einzige Stelle, an der das Jahr 1933 erwähnt wird. Dass es in Kassel vor 1933 ca. zweitausend Juden gab und 1943 keine mehr, das fällt unter den Tisch. Keiner der „Zeitzeugen“ erinnert sich daran, dass es Juden in der Stadt gab, dass antisemitische Propaganda den Alltag beherrschte, dass mit der Reichspogromnacht auch in Kassel 1938 ein Zeichen gesetzt wurde, dass spätestens jetzt alles anders als zuvor war. Keiner erinnert sich daran, dass die letzten Kasseler Juden 1942 vor aller Augen durch die Stadt zum Bahnhof auf eine „Reise“ geschickt wurden, von der sie nie wieder kamen. Antisemitismus als Bestandteil der Politik der Formierung der Volksgemeinschaft wurde von den „Zeitzeugen“ nicht als Schrecken wahrgenommen. Antisemitismus war Alltag und Normalität.

Im Frühjahr 1941, nach der Eroberung Frankreichs und vor dem Einmarsch in die Sowjetunion sah sich der Nationalsozialismus auf dem Zenit seiner Macht. Er war nicht nur die militärisch dominante Macht auf dem Kontinent, er erreichte zu diesem Zeitpunkt auch den Höhepunkt der Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Das war in Kassel nichts anders. Die beiden 1984 und 1987 von der IAG Nationalsozialismus an der Uni Kassel publizierten Bände „Volksgemeinschaft und Volksfeinde“ zeichnen ein detailliertes Bild der Situation in Kassel. Der Politikwissenschaftler Jörg Kammler resümierte die Situation wie folgt: „[…] Widerstandskämpfer gerieten durch Zerschlagung ihrer Gruppen […] in die Situation isolierter, gehetzter und ohnmächtiger einzelner […] Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges [war] in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter.“

Erst gegen Ende des Krieges schwand die Zustimmung zum Regime. Ein großer Teil der Bevölkerung nahm Hitler die Formierung der Volksgemeinschaft genauso wenig übel, wie die Ermordung der Juden. Nicht das unvorstellbare Ausmaß an Leid und Gräuel, dass deutsche Truppen in Europa, vor allem in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion verbreiteten, trug dazu bei, dass sich kleinere Gruppen in der deutschen Gesellschaft gegen Hitler richteten, sondern die sich ab 1944 abzeichnende Gewissheit, dass der Endsieg ein leeres Versprechen war und Hitler der dafür verantwortliche miserable Heerführer. Neben einer ausgeprägten Weinerlichkeit der besiegten Volksgenossen, für die beide Bände über die „Bombennacht“ stehen, hielt sich die Enttäuschung über Hitlers Versagen als Heerführer noch lange Jahre nach der Niederlage.

III. 1943

1943 – „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“

Seit 1939 zogen deutsche Verbände mordend und plündernd durch Osteuropa, über den Balkan und dann durch die Sowjetunion. Die letzten verbliebenen Juden wurden 1942 aus den deutschen Städten vor aller Augen in die Vernichtungslager deportiert. Die Volksgenossen teilten, in fester Gewissheit, dass die jüdischen Nachbarn nicht mehr wiederkehren, die Besitztümer der Deportierten unter sich auf. In fast allen Ländern Europas wurden von deutschen Trupps Juden aufgespürt, gejagt, deportiert und ermordet. In Leningrad verhungerten von 1941 bis 1943 unter der Blockade der deutschen Wehrmacht über eine Million Menschen. In Warschau wurde 1943 das Ghetto liquidiert. Die dort zusammengepferchten jüdischen Bewohner wurden zu zehntausenden in die Vernichtungslager verschleppt und der im April 1943 begonnene Aufstand der letzten verzweifelten Bewohner des Ghettos niedergeschlagen. Überlebende gab es so gut wie keine. Ein Jahr später wurde, aus Rache für den Aufstand der Bevölkerung Warschaus, die ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht.1943 wurden in Auschwitz, Sobibor, Maidanek, Treblinka und Trostinez, bei unzähligen Menschenjagden und Massenerschießungen in der Sowjetunion, in Jugoslawien und in Polen Leichenberge in unvorstellbaren Ausmaß produziert. 1943 ist das Jahr, in dem in Weißrussland über 5.000 Dörfer komplett vernichtet wurden.

Hitler war 1943 seit zehn Jahren an der Macht. In Kassel jedoch war bis 1943 die Welt, so wie es beiden Erinnerungsbänden zu entnehmen ist, in Ordnung. Seidenfaden und Soremski beginnen ihr Buch mit dieser Überschrift: „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“. Ein entsprechendes idyllisch gehaltenes Bild von Spaziergängern an der Schönen Aussicht soll diesen Eindruck illustrieren. Die Autoren kommen, wenn sie von Kassel erzählen, aus dem Schwärmen nicht heraus. „Es war, daran erinnern sich noch heute alle Überlebenden, ein wunderschöner Herbsttag. Dieser 22. Oktober 1943.“ Seidenfaden und Soremski ergehen sich in der Beschreibung der Stadt vor dem Angriff in Superlativen. Um die Situation vor dem Angriff zu beschreiben, ist es ihnen offensichtlich wichtig zu betonen, dass die Altstadt „wunderschön“ gewesen sei. Sie schreiben von „schönsten und prächtigsten“ Gebäuden, davon, dass die Stadt 1943 „in voller Schönheit“ stand und die Innenstadt Kassels vor „Lebensfreude sprühte“. Sie schreiben von singenden Kindern, die „Bunt sind schon die Wälder“ gesungen haben, von Café-Besuchern usw.. Nicht fehlen darf natürlich der Hinweis, dass die prächtige Stadt eine 1000-jährige Stadt war. Zu dem sich aufdrängenden Zusammenhang mit dem von den Nazis propagierten Anspruch, ein 1000-jähriges Reich gegründet zu haben, fällt den beiden Autoren natürlich auch nichts ein.

Die Kasseler Innenstadt „sprühte vor Lebensfreude“

IV. Das Grauen ereilt die Stadt

Dann „ereilte“ aber „das Grauen“ die Stadt, wie es in der HNA in einer Besprechung am 19.06.2018 heißt und die „vor Lebensfreude sprühende“ Stadt war, als ob es 1933 nie gegeben hätte, „mit einem Schlag“ Geschichte. Über den „Alltag mit seinen normalen Abläufen und Routinen“ brachen eine Katastrophe und eine Tragödie herein. Seidenfaden und Soremski lassen nicht unerwähnt, dass Kassel ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie und deswegen Ziel britischer Angriffe war und sie erwähnen in einigen Zeilen auch die Besatzungen der britischen Bomber, von denen viele den Krieg nicht überlebten. Sie erwähnen stellvertretend für die, die beim Einsatz über Kassel ihr Leben ließen, das Schicksal einer Fliegerbesatzung. Genaue Zahlen nennen sie, die an anderer Stelle die gefallenen Bomben penibel katalogisieren und auflisten, jedoch nicht. Es müssen etwa 250 – 300 junge Männer gewesen sein, die beim Einsatz gegen Kassel umkamen.

Wenn es um den Zusammenhang des Angriffs und die Rolle Kassels als Rüstungsstandort geht, kommen die Autoren nicht über floskelhafte Plattitüden hinaus. Welche Rolle die Stadt und die Bevölkerung in der Nazizeit spielten, wird ganz weggelassen. So heißt es seltsam unbestimmt, „man produzierte Militärfahrzeuge“. Wer dieses man war, wozu hier Rüstungsgüter produziert wurden, wird nicht weiter ausgeführt. Der HNA-Journalist Siemon führt in einem (in Zahlen 1) Satz im Vorwort seines Bombenbändchens aus, dass der Auslöser der Zerstörung der deutsche Angriffskrieg und die Luftangriffe auf London waren. Näher wird auf Angriffskrieg und deutsche Luftkriegsstrategie auch hier nicht eingegangen.

Seidenfaden und Soremski wissen aber, dass 1943 „Luftmarschall Arthur Harris, genannt ‚Bomber Harris‘, entschieden [hatte], dass am Abend Kassel angegriffen werden sollte. Der Grund, so Seidenfaden und Soremski, „war die positive Wetterprognose.“ Gutes Wetter also war der Auslöser des Angriffs auf Kassel. Das Stichwort „Bomber Harris“, so darf man annehmen, fällt hier nicht zufällig. Wenn er diesen Namen hört, geht dem erinnerungsbeflissenen Deutschen das Messer in der Hose auf. Nähere Ausführungen zum Luftkrieg sind dann gar nicht mehr nötig, die Chronisten haben den Leser da wo sie ihn haben wollen, als Ankläger eines sinnlosen, grausamen und willkürlichen Angriffs unter dem, wie es die VVN-Kassel anführt, die Stadt und die Bewohner zu leiden hatten.

V. Das Essen und das Inferno

Es sind die Erinnerungen verschiedener damals jüngerer oder älterer Volksgenossen oder ihrer unmittelbaren Angehörigen, denen sich beide Bände ausführlich widmen. Die Autoren reflektieren und analysieren dabei in keiner Weise, was diese Leute von ihren Erlebnissen vom 22. Oktober erzählen. Auffällig ist, sie erzählen von Gulasch, von Pellkartoffeln, von Kaninchenbraten, von Jagdwurst, von Kuchen, von Pudding usw. Es sind Erinnerungen aus einer Zeit, in der vor allem die Sowjetunion systematisch geplündert und das Verhungern der dort lebenden Bevölkerung billigend in Kauf genommen wurde, teilweise sogar Ziel der deutschen Besatzungspolitik war. 1944 wiederholte sich das Gleiche auch mit den Niederlanden. Aber auch Länder wie zum Beispiel Frankreich, Griechenland und Norwegen wurden mit einer ausgetüftelten und perfiden Besatzungspolitik systematisch ausgeplündert.

Andere „Zeitzeugen“ erzählen von Café- und Kinobesuchen, von Ausflügen mit singenden Kindern usw. und verdeutlichen damit, dass für die deutsche Bevölkerung die Welt 1943 offensichtlich noch in Ordnung war. Nur die von Seidenfaden und Soremski erwähnten Todesanzeigen in den Zeitungen, die sich häufen, machen deutlich, dass etwas nicht stimmte. Es handelte sich um die immer häufiger werdenden Anzeigen der gefallenen Wehrmachtssoldaten. Wo und warum sie fielen, ist den Chronisten keine Ausführung wert.

Um so plötzlicher der Luftangriff. „Die Mutter hatte am Nachmittag im Ufa-Filmtheater noch den Film ‚Münchhausen‘ mit Hans Albers gesehen. Und dann der Angriff.“ Die britischen Flieger läuteten die „Todesstunde“ der Stadt Kassel ein und auf 1.000 Jahre Geschichte folgte der 22. Oktober 1943, „die Nacht, in der Kassel starb …“. Seitenlang liest man in beiden Büchern dann Geschichten über die in Kellern erstickten Opfer, von Leichenbergen, die wiederholt abgebildet werden, es wird von verkohlten Leichen erzählt, von brennenden Menschen, von Ruinen, vom Pfeifen und Krachen der Bomben, von im Stakkato auf die Altstadt prasselnden Bomben, von heißen Feuern in der Innenstadt, von Phosphor, von Flächenbränden, Druckwellen, Sogwirkung, von Trümmern und verwüsteten Straßenzügen. Kurz: Es wird ein Inferno beschrieben, das der massive Angriff für die Bewohner Kassels bedeutete. Dass Kriegshandlungen gegen einen hochgerüsteten, zutiefst amoralischen und zu allem entschlossenen Feind jedoch voller Gewalt sein müssen, das fällt bei dieser Betrachtung notwendig unter den Tisch. Die Erinnerungsbände sind so konzipiert, dass das Inferno für sich sprechen und Betroffenheit und Mitleid mit den leidenden Volksgenossen auslösen soll.

VI. Die „Zeitzeugen“ und der Nationalsozialismus

Auffällig ist, dass im „Alltag und seinen normalen Abläufen“ der Nationalsozialismus wenn überhaupt, dann nur sehr beiläufig vorkommt. Von Nationalsozialismus und Nazis ist bei den „Zeitzeugen“ keine Rede. Die „Zeitzeugen“ oder ihre Angehörigen waren, so wie es viele Deutschen nach 1945 behaupteten, keine Nazis. Sie waren Luftwaffenhelfer, Flakhelfer, Soldaten der Wehrmacht auf Fronturlaub oder „irgendwo in Frankreich“, sie waren als Soldaten mit Aktensichtung beschäftigt, mit Helfen beim Aufräumen oder Bergen. Andere „machten Kriegseinsatz bei Henschel“, waren Sanitätssoldaten, Wirtsleute, es gab freundschaftliche Nachbarbeziehungen „zum Fleischer, zum Bäcker, zum Inhaber des Zigarrengeschäfts […] bei dem es immer mal was Süßes gab“, es gab Straßenbahner, Wachhabende der Luftschutzwache, einen Lehrling bei Henschel-Flugmotoren, eine Verkäuferin bei Kaufhof. Dass das Kaufhaus „Kaufhof“ 10 Jahre zuvor einer jüdischen Familie gehörte und Tietz hieß, ist den Chronisten keine Erwähnung wert.

Einmal wird erwähnt, dass „die Jungs der Hitlerjugend und die Mädchen des Bundes Deutscher Mädels“ für die an der Front kämpfenden Soldaten an verschiedener Stelle einspringen mussten. Aber Hitlerjunge oder BDM-Mädel war dann jedoch keiner der „Zeitzeugen“. Man „ehelicht 1939 unter der Fahne […] Und kurz danach, am 29. September, feiert man das 50-jährige Bestehen der Gaststätte.“ Es fällt der Begriff „Kinderlandverschickung“. Ein deutscher Jagdflieger hatte „seinen ersten Einsatz während des Spanischen Bürgerkrieges mit der Legion Condor.“ Fachleute wissen, was es mit der „Legion Condor“ auf sich hat. Dem Kasseler Publikum wird die Waffenhilfe der Nazis für die blutrünstigen Franco-Faschisten, die aus Freiwilligen bestand, vorenthalten. Selbstverständlich ist auch der Angriff der Legion Condor auf die damals tatsächlich völlig wehrlose Stadt Guernica keine Zeile oder auch nur eine Fußnote wert. Über eine „Horst-Wessel-Mittelschule“ gibt es nichts weiter zu sagen außer dem Umstand, dass sie nach dem Angriff zerstört war.

Dann an einer Stelle bekommt man eine Ahnung davon, dass es so etwas wie einen politischen Konflikt in Kassel gegeben haben muss. Es wird Reinhard Henschel, Sprössling der Industriellenfamilie Henschel, zitiert, der in Ankara als Diplomat an der deutschen Botschaft tätig war. Seine Ausführungen über den Generaldirektor der Firma, der mit „Braunhemden“ in Konflikt gerät, werden zitiert. Man erfährt jedoch nichts über den Konflikt im Henschelwerk, weder ob es ihn gegeben hat noch über die Geschichte des Werkes während des Nationalsozialismus. Seidenfaden und Soremski werfen dem ratlosen Leser ein paar Brocken nebulöser Gedanken Henschels hin: „Da kann man lange philosophisch über Gesetz und Recht meditieren, Entscheidung schafft doch letztendlich nur die innere Betroffenheit. […] es war richtig gewesen, den Brief an Churchill zu schreiben.“ Dass Henschel zum erweiterten Umfeld des Widerstandes des 20. Juli gehörte, wird nicht erwähnt. Die sich daraus ergebenden Fragen, „Was für eine Entscheidung?“, „Warum ein Brief an Churchill?“, „Was versteht Henschel unter Recht und Gesetz und in welchem Zusammenhang sinniert er über diese Frage?“ werden nicht aufgegriffen. Der Leser wird ratlos zurückgelassen. Es wird nichts dazu ausgeführt. Wichtig ist den beiden Chronisten nur, dass Henschel in seinem Erinnerungsbuch über Kassel ein paar Seiten geschrieben hat und über die toten Arbeiter, die zerstörten Fabrikgebäude und die darniederliegende Produktion sinniert.

Das Schützengrabenerlebnis als authentisches Dokument der „Opfer“ präsentiert. Wer genau hinschaut erkennt ein „HJ“.

Nazis, politische Verfolgung, Bücherverbrennung, Reichspogromnacht, Deportation der jüdischen Bürger Kassels, Judenmord, Raub- und Vernichtungskrieg, alles das scheint es in Kassel nicht gegeben zu haben oder ohne die Kasseler bewerkstelligt worden zu sein. Einen Nazi erwähnen Seidenfaden und Soremski dann aber doch. Sie erwähnen, dass Gauleiter Karl Weinrich die Volksgenossen in der „Todesstunde“ ihrer Stadt im Stich gelassen hätte und angesichts der britischen Bomber das Weite im sicheren Bad Hersfeld suchte. Darüber sind Seidenfaden und Soremski sichtlich empört und fahren schweres Geschütz auf. Kein geringerer als Goebbels selbst wird herangezogen, um Weinrich eine „traurige Rolle“ zuzuschreiben und ihn als „jammervollen“ und „feigen Deutschen“, der „keine Leuchte“ gewesen sei, zu überführen. Goebbels dagegen, so wissen Seidenfaden und Soremski zu berichten, sei im offenen Wagen durch die Stadt gefahren, um sich davon zu überzeugen, dass die den „vom Luftterror betroffenen Städte und Regionen“ geltenden Hilfs- und Fürsorgemaßnahmen angelaufen sind.

Andere zeigten mehr Mut als Kassels einziger Nazi und kämpften tapfer gegen die von „Bomber Harris“ geschickten Flieger und die Flammen. Auch für einen Flakschützen war der 22. Oktober ein „völlig normaler Tag“. Als aber dann gemeldet wurde, dass die britischen Bomber Kassel ansteuern, da wusste er, „jetzt wird es ernst […] und dass es um die ganze Stadt geht.“ Er und seine Kameraden haben „geschossen was die Rohre hergaben.“ Ein selbstgemaltes Bild des Kanoniers darf nicht fehlen, um den Lesern das Schützengrabenerlebnis der Flakgeneration zu vermitteln. Auch dem schon erwähnten deutschen Jagdflieger wird sich gewidmet. Am „Himmel über Kassel schoss Radusch […] drei britische Bomber ab“ schildern Seidenfaden und Soremski dessen „Heldentaten“. In jedem dieser Flieger saßen bis zu sieben Mann, die gegen Nazideutschland zu Felde ziehen mussten, weil die deutsche Volksgemeinschaft sich hinter den Führer scharte. Es handelte sich um bestätigte Abschüsse, wer in diesen Bombern saß und zu Opfern des Nazifliegers wurden, erfährt der Leser nicht.

Mit diesem mehr als dürftigen Bezug zum Nationalsozialismus fallen die Chronisten der Bombennacht selbst weit hinter die den historischen Gegenstand notorisch trivialisierenden Fernsehsendungen des Geschichtsonkels Guido Knopp zurück. Knopp widmete sich allen möglichen „Helfern Hitlers“ und vor allem sein Nachfolger Sönke Neitzel erwähnt, dass die deutsche Wehrmacht und die ihnen unterstellten Verbände völkermordend durch Europa zogen. Beide stellen Nationalsozialismus und Krieg in einen, wenn auch unzureichend analysierten, Zusammenhang. Sie stehen für das, was als state of the art in Sachen popularisierter Aufarbeitung deutscher Geschichte gelten kann: Wenn man von Opfern unter den Deutschen spricht, soll man auch von den Opfern der deutschen Täter nicht schweigen.

Die wichtige Frage des HNA-Journalisten Siemon: „Kann es zur Bombennacht […] eine Liebesgeschichte geben?“. Ein „Opfer“ mit Wehrpass und Erinnerung …

VII. Volkssturmprosa und „Lehren“ aus der Geschichte

Den Zusammenhang von schlechtem Geschmack und Unvermögen zur kritischen Reflektion beweisen Seidenfaden und Soremski, indem sie die pennälerhaften Strophen eines dichtenden Feuerwehrhelden nicht etwa in Ausschnitten und beispielhaft kritisch analysieren, sondern dessen Zeilen vollumfänglich auf den mit Brandspuren, Schmutz- und Stockflecken eingefärbten Hochglanzseiten ihres Bandes präsentieren. Dieser Look soll wohl Authentizität suggerieren. Ein Gedicht oder ein Poem, dem mit graphischen Effekten förmlich Authentizität angeheftet werden soll und das nicht durch sich selbst spricht, ist billiges Kunsthandwerk. Doch nicht nur das, aus dem über mehrere Seiten abgedruckten „Gedicht“ spricht aus jeder Strophe der Jargon der Volksgemeinschaft.

„Die Sirenen heulten, es war der 16. Fliegeralarm // nehme mein Kind noch schnell auf den Arm.“ […] „In die Kohlenstraße bog ich ein, // das Jaulen der Stabbrandbomben ging mir durch Mark und Bein. // Ein Splittern, Krachen und Knallen // die ersten Stabbrandbomben waren gefallen.“ […]„Entwarnung war gegeben. // In die Straßen und Gassen kam Leben // Es war förmlich zu spüren, // jeder der konnte, wollte sich rühren. // Schüler, Jugendliche, Frauen und Greise // jeder halt auf seine Weise. //“ „Aus zahlreichen Stahlrohren, Wasserkanonen und Feuerlöschturm // bekämpften die Menschen den Feuersturm.“ […] „Was gab’s da noch zu hoffen, die Stadt war nach oben vollkommen offen. // Durch eine menschliche Schweinerei, wurden gewaltige Energien frei.“ […] „In ein und ein halber Stunde wurden in dieser Nacht, // dreizehntausend Menschen umgebracht.“

Volkssturmprosa auf sechs Seiten. Das Papier mit Stockflecken ist Design.

Das ist Volkssturmprosa. Die Volksgemeinschaft, bewaffnet mit Rohren und Kanonen, erhebt sich im Feuersturm und scheitert an den „gewaltigen Energien“, die, so raunt der Verseschmied, von „menschlichen Schweinereien“ freigesetzt wurden und eine „offene Stadt“ trafen. Ob der Nationalsozialismus mit „menschliche Schweinerei“ gemeint ist, der „gewaltige Energien“ freigesetzt hat, oder die auch Destruktionskräfte freisetzende Erfindungsgabe der Menschen ganz allgemein, oder ob gar die Royal Air-Force gemeint ist, das bleibt unklar. 13.000 Menschen wurden von gewaltigen Energien „umgebracht“, sprich ermordet. 13.000 Kasseler, die bei dem Angriff ums Leben kamen, werden so zu wehr- und arglosen Menschen, zu Opfern einer vorsätzlichen Tat. Insbesondere der Terminus „offene Stadt“ verdreht die Betroffenheitsprosa zur offenen Lüge. Auch wenn unter den Opfern des Bombardements Kinder, Zwangsarbeiter und sicher auch einige Gegner des Regimes waren, Goebbels hätte es nicht besser hinbekommen. Der unkommentierte Abdruck dieses „Gedichts“, oder dieses als authentisches Zeugnis eines „schrecklichen Krieges“ (Knopp) zu präsentieren, bezeugt, dass weder Seidenfaden noch Soremski wissen was sie tun, wenn sie unbefangen „Zeitzeugen“ aus der Volksgemeinschaft präsentieren. Das Pendant auf anderer Ebene dazu bietet Siemon, der einen Herrn aufbietet, der davon zu erzählen weiß, dass es auch die Zeit für Liebesgeschichten unter den Volksgenossen gab. Dummdreist hält der heute alte Mann seinen Wehrpass ins Bild. Drückeberger? Nein, das war auch er nicht!

Die Stumpfheit einerseits und die Unfähigkeit der Volksgenossen andererseits, wenigstens Scham wenn schon nicht Empathie den unzähligen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges gegenüber zu empfinden, wird deutlich, wenn z.B. eine Kasselerin räsoniert, dass sie „in der Bombennacht […] ihren Glauben an einen gütigen und gerechten Gott“ verloren hat. Sie verliert nicht etwa darüber ihren Glauben, dass der Vater als Schichtführer „kriegswichtige Aufgaben“ in der Spinnfaser AG erfüllte, also Anteil daran hatte, was deutsche Soldaten in Europa vorsätzlich anrichteten und für das kein gütiger oder gerechter Gott sich eine angemessene Strafe hätte je ausdenken können. Wenn ein anderer feststellt, dass an „diesem Tag […] die Normalität meines Lebens beseitigt“ war sollte doch die Frage nahe liegen, was denn als Normalität alles gelten konnte, wenn deutsche Einsatzkräfte zur gleichen Zeit Millionen Menschen ermordeten. Die „Zeitzeugin“, die resümiert, dass der 22. Oktober das Ende ihrer Kindheit bedeutete und dann ausführte, dass es nun „mit Kriegseinsätzen“ weiterging, die ihre „Lehr- und Wanderjahre“ waren und dann sogar feststellt, dass diese Jahre „wichtige Jahre“ waren, denn sie führten zu „Menschenkenntnis [und] Berufserfahrung“, verblüfft angesichts ihrer Empathielosigkeit (selbst angesichts der zu Tode gekommenen Kasseler).

Es finden sich schließlich noch einige „Zeitzeugen“, die Lehren aus dem Ganzen ziehen. „Der Krieg sei ein scheußliches Kapitel in ihrem langen Leben gewesen,“ meint die eine und dem anderen fällt Europa ein, wenn er an den Krieg zurückdenkt. „Wenn ich an den Krieg zurückdenke, werden die Streitereien der letzten Jahre um Europa […] zu Kleinigkeiten.“ Wenn der Volksgenosse schon nicht gelernt hat, dass er einer der Millionen Co-Autoren scheußlicher Kapitel für Zigmillionen Europäer war, so weiß er wenigstens, dass die geläuterten Deutschen den Europäern heute erzählen müssen, was Kleinigkeiten sind und was nicht.

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass es kein zu bedauerndes individuelles Leid auch unter den Individuen der Volksgemeinschaft gab und gibt, auch nicht, dass den Angehörigen der vielen Toten und Überlebenden die individuelle Trauer verwehrt werden soll. In Sachen Nationalsozialismus sollte aber klar sein, dass jede öffentliche Zurschaustellung individuellen Leids der Angehörigen der Täternation zwangsläufig zur grundsätzlich verkehrten Darstellung der Rolle der Volksgemeinschaft als Opfer eines „schrecklichen Krieges“ führt. Das wird grundsätzlich auch nicht besser, wenn erwähnt würde, dass es den Nationalsozialismus als historische Rahmenbedingung gab, dass Kassel Rüstungsstandort war und dass die Verfolgten und die gefallenen und verletzten Alliierten auch Opfer des Krieges waren. Bedingt durch die gesellschaftliche und politische Verfasstheit des Nationalsozialismus führt der Terminus „Opfer des Krieges“ und ein, den Deutschen zugedachter Opferstatus, immer zur Täter-Opfer-Umkehr.

Die vielen Artikel der HNA zum Thema und die beiden Bände zur „Bombennacht“ führen diese Verkehrung exemplarisch vor. Und wenn man dann auch noch sein Buch theatralisch „Diese Tränen trocknen nie …“ nennt, lässt sich sogar Vorsatz unterstellen. Bei „Trümmer, Tod und Tränen“ ist dies auch nicht besser. Und wie zum Beweis führt ein anderer Journalist der HNA vor, wie der Zusammenhang sich herstellt. Wolfgang Blieffert zitierte am 14.02.2018 in der HNA den in Sachen Nationalsozialismus notorischen Gerhard Hauptmann wie folgt: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“ und beansprucht dann aber „vorurteilsfrei und sachlich über den Krieg“ zu diskutieren. Aber er plaudert aus, was neben der unübersehbaren Emotionalisierung das Ziel der Kampagne ist: Es ginge um den überfälligen „Prozess der deutschen Selbstversöhnung“. Auf dem Klappentext des Bandes von Seidenfaden und Soremski heißt es, er soll als „Mahnmal für Frieden, Verständigung und Versöhnung“ stehen. Versöhnung angesichts Auschwitz kann jedoch nur obszön sein, Selbstversöhnung auch.

VIII. Resumee

Der Klappentext Siemons Bändchens führt aus, er sei ein „Buch von Zeitzeugen für Zeitzeugen und gegen das Vergessen.“ Die „Zeitzeugen“ fungieren hier als der Sprecher der Unwahrheit über den Nationalsozialismus. Sie reden von Normalität, wenn es darum gehen sollte, vom Grauen zu zeugen, an dem sie direkt oder indirekt beteiligt waren und sie reden über das Grauen, als es darum ging, mit notwendiger Gewalt das Grauen zu überwinden. Sie verschweigen also durchweg die Wahrheit des Nationalsozialismus und werden zu Zeugen der Unwahrheit. Es ist nicht so, dass nicht auch ein vom Bombardement Betroffener als Zeuge historischer Wahrheit dienen könnte. Es wird nur kein einziger von den Chronisten präsentiert. Dass diesen beiden Bänden trotzdem so viel Aufmerksamkeit gezollt wird, im Buchhandel sogar die Rede davon ist, es würden Analysen präsentiert, ist so bestürzend wie aussagekräftig.

Die politische Schlussfolgerung, die aus der sogenannten Bombennacht, bzw. aus dem Bombenkrieg gegen Deutschland zu ziehen ist, ist nicht etwa „Bomber Harris do it again“. Diese Parole hatte als politische Provokation in Zeiten allgemeiner nationaler Besoffenheit im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ihre Berechtigung. Sie ist heute, gegen Sachsen gerichtet, angesichts vor allem (aber nicht nur) dort auftretender Nazi-Gruppen, die auf einhellige Ablehnung der bundesrepublikanischen Gesellschaft stoßen, aber nur noch abgeschmackt. Die Schlussfolgerung aus dem Krieg gegen NS-Deutschland, den die Alliierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln vortrugen, ist, dass Ideologien und Herrschaftsverhältnissen, wie dem Nationalsozialismus und den Versuchen, seine ihm wesentlichen Ziele zu verfolgen, kompromisslos entgegen getreten werden muss. In der Bundesrepublik tut das mal mehr mal weniger ausreichend die Polizei. Auf internationaler Ebene gegen Regime vorzugehen, die danach trachten, in die Fußstapfen Nazideutschlands zu treten, tut sich allein die Regierung der Vereinigten Staaten hervor. Deutschland dagegen spielt in diesem Zusammenhang oft eine undurchsichtige Rolle.

Tätern, Politikern und Staatsführern dieser Kategorie kann nur unverblümt beigebracht werden, dass der Preis ihrer Untaten so hoch ist oder sein wird, dass sie von ihren Vernichtungsvorsätzen und Taten ablassen. Dazu fehlten den Alliierten bis zum Mai 1945 jedoch die Mittel. Die Bombardierungen waren wie schon erwähnt auch ein Versuch der Abschreckung. Dass die Annahme, die Moral der Volksgenossen mittels einer verschärften Bombenkampagne brechen zu können eine Fehlannahme war, oder dass Deutschland nicht heftig genug bombardiert wurde, ist den Verantwortlichen in den Stäben der Alliierten von damals aber nicht anzulasten.

„So etwas darf sich nie wiederholen“ stellt der Chronist Siemon im Interview seiner Zeitung fest. (HNA, 05.09.2018) Damit treffen sich die Chronisten und „Zeitzeugen“ mit jenen, die zwar auch die Nase über diese beiden Bände und die HNA rümpfen, die aber der Auffassung sind, der Welt den Frieden erklären zu müssen und die, wenn sie über den Nationalsozialismus reden, das Wort Faschismus in den Mund nehmen. Sie stehen sich näher als sie sich darüber bewusst sind und betreiben das gleiche Geschäft. Sie meinen mit „Nie wieder“ nicht das Fehlen, einer zur schnelleren Niederwerfung Nazideutschlands anwendbaren effektiveren Waffentechnologie, oder das Ende der dreißiger Jahre zulange zögerliche Handeln der Alliierten, Nazideutschland entgegen zu treten. Nein, diese Floskel drückt den klammheimlichen Wunsch nach „Nie wieder Krieg gegen Faschismus“ aus.

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944: Alles in allem ist der Deutsche nämlich brutal, solange er siegreich bleibt, wird aber selbstmitleidig und bettelt um Mitleid, wenn er geschlagen ist.

Horst Seidenfaden, Harry Soremski, Diese Tränen trocknen nie … Die Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943, B & S Siebenhaar Verlag, Berlin Kassel 2018, 156 Seiten, 29,80 €

Thomas Siemon, Trümmer, Tod und Tränen. Überlebensberichte aus der Kasseler Bombennacht 1943, Wartberg Verlag, Gudensberg 2018, 63 Seiten, 12,90 €

IX. Literatur

Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bonn 2005

Götz Aly und Karl-Heinz Reuband, Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 2006

Autor_Innenkollektiv „Dissonanz“ (Hg.), Gedenken Abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945, Berlin 2013

Bernward Dörner, Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte, Berlin 2007

Beutelsbacher Konsens, Bundeszentrale für Politische Bildung 2011

Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupation des deutschen Faschismus, 1938 – 1945, 8 Bde., Hg. Bundesarchiv und einem Kollegium unter Leitung von Wolfgang Schumann und Ludwig Nestler, Köln, Berlin, Heidelberg 1988 ff

Tilman Krause, Für Gerhart Hauptmann hatte sich Hitler „bewährt“, 2009, in: Welt

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944, Köln 2014

Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002

Richard Overy, Der Bombenkrieg. Europa 1939 – 1945, Berlin 2014

Cord Pagenstecher, Oral History als Methode, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016

Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, 2 Bde, Hg., W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Fuldabrück 1987

 

Gegen den Anti-Islamismus – im Namen der Opfer

„Genauso wie wir alle Formen von Hass auf Andersdenkende und Gewaltanmaßung verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Faschismus in unserem Land. Dies sind Formen von Intoleranz und Demokratieverachtung, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Erklärt die VVN-BdA nach dem Brandanschlag auf das Auto des Politikers der Jungen Alternative Lars Steinke aus Göttingen1 und der lebensgefährlichen Prügelattacke auf einen Teilnehmer einer Kundgebung „Merkel-muss-weg“ in Hamburg.2 Daran kann etwas nicht stimmen. Die Kasseler VVN-BdA stellt sich doch nicht vor Rechtsausleger, mutmaßliche Faschisten oder vor die, die vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben, denn die Gewalt gegen diese geht ja von den Leuten aus, die eine Gesinnung vor sich her tragen, die sie, wie die VVN-BdA die ihre,  Antifaschismus nennen. Aber nichts ist wie es scheint, eine ähnlich lautende Erklärung veröffentlichte die VVN-BdA aus Kassel, nur dass die Aktion, die es zu verurteilen gab, sich nicht gegen vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Faschisten deutscher Provenienz richtete,  sondern gegen waschechte, türkischer Herkunft.

In Kassel kam es an diesem Wochenende zu einem Brandanschlag auf eine Moschee. (vgl., HNA, 25.03.2018) Die VVN-BdA ließ erklären: „Genauso wie wir alle Formen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Islamismus (sic!) in unserem Land. […] Die VVN-BdA versichert den türkischen Mitbürgern in unserer Stadt und allen Menschen aus anderen Ländern ihre volle Solidarität gegen rassistische und fremdenfeindliche Angriffe.“ Das Engagement der unermüdlichen Kämpfer gegen Rechts gegen einen vermeintlichen antimuslimischen Rassismus ist hier schon zu einen gegen den „Anti-Islamismus“ mutiert und ein „Vermächtnis“ macht das Ganze noch bodenloser: Das Engagement erfolge als „Vermächtnis der Überlebenden des menschenverachtenden deutschen Faschismus.“3

Der Brandanschlag richtete sich gegen die Yunus Emre Moschee in Kassel. Da Antifaschisten ja bekannt dafür sind, dass sie recherchieren, sollte man voraussetzen können, dass die VVN-BdA wusste, vor wen sie sich stellt, als sie in ihrer Erklärung tönte, dass Gotteshäuser keine Zielscheiben politischer Aktionen zu sein haben. Was, wenn diese „Gotteshäuser“ aber Horte der Reaktion, der Menschenverachtung und ja vor allem des Antisemitismus sind? Wusste die VVN-BdA es nicht, sind ihre Streiter bestenfalls naiv und dumm? Wussten sie es, ist ihre Erklärung umso unverschämter. Eine Gruppe aus Kassel, die es verdient antifaschistisch bezeichnet zu werden, hat recherchiert. Diese Moschee wird von dem „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB betrieben.4

Schon bei Wikipedia5 kann man erfahren, mit was für einer Truppe man es hier zu tun hat: „Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und des türkischen Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden. […] Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest: ‚Unser Weg ist der Weg Gottes, unser Weg ist der Weg des Korans, unser Weg ist der Weg des [nationalen] Ideals.‘ Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl), zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan) oder als Kampf zwischen der ‚Nation des Islam‘ (Millet-i İslamiye) und der ‚Nation des Unglaubens‘ (Millet-i Küfriye) Die Website des ATB enthielt ferner eine ‚Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz‘ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele: ‚Die Strafe für Ehebruch lautet für verheiratete Männer und Frauen auf Steinigung, für unverheiratete auf 100 Stockschläge.‘ ‚Wenn er auf Abkehr [vom Islam] besteht und nicht Buße tut, wird er zum Tode verurteilt.‘ […] Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.“ Lupenreiner islambasierter Faschismus eben. Die VVN-BdA schweigt zu Gewaltaktionen gegen klassische und autochtone  Rechte, den Wiedergängern des Gestern, sie tönt in moralischer Erhabenheit „Nie wieder!“, wenn Gewalt gegen die Islamisten, gegen den Faschismus von heute ausgeübt wird.

Warum also die VVN-BdA im Zusammenhang dieses Anschlags den „Anti-Islamismus“ inbrünstig verurteilt und mit Abscheu und Entsetzten auf einen Anschlag gegen eine islamfaschistische Einrichtung reagiert, verweist auf den Geisteszustand und moralische Verwahrlosung der VVN-Leute. Nicht nur das, das Manöver ist durchsichtig, denn es beginnt diese Verurteilung mit einer faustdicken Lüge, indem sie behauptet, sich gegen „alle Formen von Antisemitismus“ zu wenden. Eine Organisation, die Veranstaltungen im Café Buch-Oase abhält, den Ostermarsch regelmäßig unterstützt, Rolf Becker einlädt und den Kasseler Friedensratschlag verlinkt, hätte genug Anlass, sich in Sachen Antisemitismus vor allem mit sich selbst und den Bündnisgenossen zu befassen. Die Aneinanderreihung von Antisemitismus, Rassismus und Anti-Islamismus, die es zu bekämpfen gelte, ist durchsichtig und abgeschmackt, weil hier eine Idiosynkrasie zum Ausdruck kommt, die zwar vom Engagement gegen Antisemitismus spricht, aber den Anschluss zu eben diesem in seinen aktuellen Erscheinungsformen sucht.

Weil ein Brandsatz gegen eine Moschee geworfen wurde, ruft die VVN-BdA, „Moscheen brennen“ und sie dürften dabei genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, insbesondere dann, wenn sie von einem „Vermächtnis der Opfer des deutschen Faschismus“ sprechen. Und sie dürften auch genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, wenn sie tönen, man müsse sich gegen einen „Anti-Islamismus“ wenden, denn Antisemitismus klingt ähnlich. Ihre Gesinnungsfreunde wiesen in anderen Zusammenhängen schon darauf hin, die Araber seien als „Semiten“ ebenfalls Opfer des Antisemitismus. Was die VVN meint, lässt sich auch so ausdrücken: Kampf denen, die den Kampf gegen den Islamismus führen. Diesen Kampf wollen sie gerne auch mit einer „aktiven Friedenspolitik“ kombinieren. Es verwundert daher nicht, wenn die VVN-BdA beim Ostermarsch dabei ist und in Kürze mit den üblichen Verdächtigen wieder für den Abzug aus Afghanistan und für das Recht des Iran auf die Atombombe wirbt. (Dass das Werfen von Brandsätzen auf eine Moschee eine Straftat und kein probates Mittel im Kampf gegen den Islamismus ist, ist eine Binsenweisheit, die man in zwei Sätzen hätte schreiben können.)

1 Unbekannte setzen Auto in Brand, Göttinger Tageblatt, 15.03.2017

5 Verband der türkischen Kulturvereine in Europa, https://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_türkischen_Kulturvereine_in_Europa, 27.03.2018

Der totale Dialog

Man stelle sich vor, ein der SPD angehörender Oberbürgermeister würde sich im Kaiser-Wilhelm-Kostüm als Gast einer Versammlung zeigen, die die Reichskriegsflagge und mit Hakenkreuzen versehene Wimpel der Freikorps präsentiert.1 Die Gruppe, die ihn zur Versammlung eingeladen hätte, würde mehrere Zentren in der Stadt unterhalten, in denen bei Versammlungen und Busfahrten der Führergruß entrichtet wird, in denen aus Mein Kampf rezitiert würde und regelmäßig zum Sedantag Festveranstaltungen stattfinden würden.

Sultan Hilgen – Symbol für den Kasseler Dialog

Anlässlich einer antifaschistischen Aktion in einer anderen Stadt würde diese Gruppe zu einer Großkundgebung aufrufen, die den kompletten Königsplatz füllte und einer der Hauptredner würde seinen Gegnern die Vernichtung androhen und würde über die bei den Auseinandersetzungen gefallenen Kämpfer schwadronieren, dass sie als Helden in Walhalla zum Festmahl erwartet würden. Würde ein Oberbürgermeister, der einer solchen Gruppe die Ehre erweisen würde, in Amt und in der Partei bleiben?Würde man diese Truppe in die Jugend- und Bildungsarbeit einbinden?  Würde mit dieser Truppe ein Dialog geführt werden? Wohl eher nicht. Aus viel geringerem Anlass sagte der OB eine Teilnahme an einer Frühjahrsausstellung ab, weil dort ein kleiner Stand der AfD aufgebaut werden durfte.

Aber all dies ist möglich, wenn man das Kaiser-Wilhelm-Kostüm mit dem eines osmanischen Sultans austauscht, die Reichskriegsflagge mit der der Osmanen, die mit Hakenkreuz verzierten Wimpel der Freikorps mit denen der islam-faschistischen Grauen Wölfe. Wenn anstatt des deutschen Grußes, der Gruß der Islamisten und / oder der der türkischen Faschisten entrichtet, anstatt des Sedantag der Çankkale-Tag begangen wird. Wenn das so ist, dann gehört man in Kassel zum illustren Kreis, mit dem der Dialog geführt wird. Ja man ist Bestandteil einer Institution, die lobend auf dem offiziellen Portal der Stadt Kassel erwähnt wird.

Der Imam der Moschee in Kassel Mattenberg Semih Ögrünc  preist den Çanakkale
-Tag

Die Dummen und die Wölfe:
Sozialer Friedensdienst – Juleika – Institut für Evangelische Theologie – Rat der Religionen

Es ist aber nicht nur der Rat der Religionen, der mit städtischer Unterstützung und vermutlich öffentlichen Geldern bis heute mit eben jenen Gruppen parliert. Mit der Juleika und dem vom Sozialen Friedensdienst Kassel e.V. und der DITIB initiierten Kulturprojekt KulturBrücke gibt es zwei Jugendbildungswerke die ganz ungeniert mit der rechts- und Islamismus-offenen DITIB und im Fall der Juleika sogar mit noch bedenklicheren Leuten zusammenarbeiten. Dadurch wird diesem Milieu ein Renommee verschafft, dass es diesem erlaubt, sich als „multi-kulturelle Bereicherung“ der Stadt zu präsentieren. Die Friedensfreunde ließen 2009 Milli-Görüs-Ordner auf einer Demo zu, die mit dieser Gruppe zusammen veranstaltet wurde. Sie zerlegten damals einen israelsolidarischen Stand. Bei den Gedenkveranstaltungen für ein Kasseler Opfer der Nazigruppe NSU sind die Vertreter der DITIB u.a. übel beleumundeter Vertreter oder Anhänger des Islamismus wie selbstverständlich mit dabei. Die SPD im Landkreis Kassel arbeitet(e) mit dem UETD-Mann Kadir Bicer zusammen. (UETD 2014 in Kassel) Der UETD-Mann Kamil Saygin ist nach wie vor und unbestritten Vorsitzender des Ausländerbeirates, ohne dass irgendeine Antifa-Gruppe aufläuft und dessen Sitzungen belagert. Die mit der Milli-Görüs in Zusammenhang zu bringende studentische Muslimische Hochschulgemeinde wird aktuell sogar in universitären Kreisen als Partner eines „interreligiösen Dialogs“ des Institutes für Evangelische Theologie an der Uni Kassel geadelt. Ausführlich, wenn auch vielleicht nicht erschöpfend sind die hier nicht anders ausgewiesenen und genannten und nicht genannten Verbindungen und Aktivitäten der Islamisch / türkisch-faschistischen Szene hier dargestellt: Recherche Gruppe Kassel

Der Kulturrelativismus der Wohlgesinnten: Während anderswo Frauen für die Freiheit vom Kopftuch kämpfen und dafür z.T. drakonische Strafen in Kauf nehmen, dient es hierzulande als Symbol von Toleranz und interkulturellem Dialog.

Während die AfD in Kassel, bis auf die Tatsache, dass sie ein paar Stadtverordnete mit geringem Verstand im Stadtparlament sitzen hat, kaum politische Präsenz zeigt und die KAGIDA an ihren besten Tagen ein paar dutzend Leute mobilisieren konnte, riefen und rufen diese traurigen Gestalten des deutschen Ungeistes und Ressentiments regelmäßig die maximale Aufmerksamkeit und den Nazialarm bei allen üblichen Vertretern der guten Gesinnung hervor. Die DITIB kann dagegen einen Millionenbau am Mattenberg unterhalten, unterhält Dependancen in der Nordstadt und in Bettenhausen, in denen Frauen den Nebeneingang benutzen müssen, und beherrschen andere Gruppen wie die Grauen Wölfe, die BBP, die ATIB und ihre schweren Jungs die Szenerie am Stern und in der Kasseler Nordstadt, betreiben Propaganda für einen nach deutschen Gesetzen untersagten Angriffskrieg und bedrohen schon einmal ihre politischen Gegner mit Gewalt.2

Die Stadt ficht das nicht an. Die Nachfrage der Frankfurter Rundschau wurde wie folgt beantwortet: „Ein Rathaussprecher teilte mit, man nehme die Vorkommnisse in den Moscheen ‚zur Kenntnis‘, wolle sie aber nicht bewerten: ‚Grundsätzlich versucht die Stadt Kassel, den Dialog mit allen Religionsgemeinschaften in der Stadt zu pflegen.’“  (Imame beten für den Sieg. Gebete für die Armee und Märtyrer-Rhetorik – fast alle türkischen Moscheen in Kassel unterstützen den Einmarsch der türkischen Armee in Syrien, FR, 15.03.2018) Die Pressemitteilung eines unermüdlichen und ehrenhaften Stadtverordneten zu diesem Thema blieb in der lokalen Presse unbeachtet. Dass dieser einer Partei angehört, die sich schwer damit tut, den Zusammenhang von Islam und türkischem Chauvinismus zu erkennen und in ihren Reihen üble Antizionisten auch in Kassel beherbergt macht sein Engagement nicht unehrenhaft, sondern beweist nur, wie arm an republikanischen Geist und säkularer Gesinnung die anderen Parteien sind.

1 Dass die SPD allerdings keine Berührungsängste mit toten Antisemiten und Nazis aus dem eigenen Stall hat, beweist der Umgang mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Karl Branner.

Warum der Untergang einer Partei nichts Gutes bedeutet

Die SPD erreichte 1919 ihren größten Wahlerfolg in der Weimarer Republik und 1972 in der Bundesrepublik. Heute liegt sie bei 20 Prozent oder weniger und es besteht die Gefahr, dass die AfD die SPD in der Wählergunst hinter sich lässt. Dazu ein paar Gedanken.

1919 stand die SPD für einen sozialen und demokratischen Wandel einer Gesellschaft, die von der obrigkeitshörigen, autoritären und militaristischen Klassengesellschaft unter Bismarck und Kaiser Wilhelm geprägt war. So problematisch die theoretischen Entwürfe eines August Bebel, Karl Kautsky, Ferdinand Lassalle und anderer auch waren, sie machten deutlich, dass die Partei für eine gesellschaftliche Alternative stand. Daran änderte nach dem Ersten Weltkrieg auch ein schwacher Repräsentant der Partei wie Friedrich Ebert zunächst nichts. Nicht seinetwegen, sondern der Ideen von der repräsentativen Demokratie wegen, der Ideen von der Rechtsstaatlichkeit und von der sozialen Teilhabe und Mitbestimmung in der Gesellschaft wegen, war die Partei damals mehrheitsfähig. Die SPD erlangte bei der ersten Wahl im Jahre 1919 37,9 % die linksliberale DDP 18,6 %. Zahlen, die die SPD in der Weimarer Republik nicht und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik lange nicht mehr erreichen sollte. (Der Linksliberalismus konnte nie wieder an diesen gesellschaftlichen Zuspruch anknüpfen.)

Noch mit einer Idee von einem Morgen

Erst als Aufstandsversuche randständiger Linksradikaler von der SPD-geführten Reichsregierung im Bündnis mit einer rechtsextremen Soldateska mit äußerster Brutalität niedergeschlagen und die Revolutionäre, sowie kritische Geister von einer vom monarchistischen und antidemokratischen Geist beherrschten Justiz gnadenlos verfolgt wurden, verlor die SPD deutlich an Zustimmung in der Wählerschaft. Von diesem Niedergang erholte sich die Partei nur vorübergehend im Zuge der Debatten um die Fürstenenteignung und um den Panzerkreuzer-A. Der Niedergang der SPD und des Linksliberalismus hinterließ ein politisches Leerfeld, das zum Teil von der USPD dann von der KPD vor allem aber vom Revanchismus, Rechtsnationalismus, dem Nationalchauvinismus und dann vom Nationalsozialismus gefüllt wurde. Die SPD landete beim Wählerzuspruch 1933 da, wo sie heute steht, nämlich bei weniger als 20 % der Wählerstimmen.

1969 stand die SPD, obwohl sie vorher der großen Koalition angehörte, für eine Alternative zur bestehenden Politik und zur postnazistischen Nachkriegsgesellschaft und löste eine sklerotische CDU ab. Die SPD und ihr sozialliberaler Bündnispartner standen damals für eine Demokratisierung der Gesellschaft, für eine Bildungsreform, eine Justizreform (hier insbesondere auch das Ehe- und Familienrecht) und für die Ausweitung der Mitbestimmung. Vor allem aber wurde von der SPD die Reform der sozialen Sicherungssysteme in Angriff genommen, die eine Ausweitung sozialer Sicherheit bedeuteten. (vgl., Peter Borovsky, Sozialliberale Koalition und innere Reformen) Damit wurde ein Kernbestandteil sozialdemokratischer Politik umgesetzt und nicht wie unter Gerhard Schröder 30 Jahre später demontiert. Damals verstand man unter Reform einen Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die man als Alternative zur von der Kapitalverwertung dominierten verstehen wollte und nicht das Gegenteil davon. Diese Politik führte 1972 zum besten Wahlergebnis, dass die SPD jemals in ihrer Geschichte erreichen konnte.

Als ein Kandidat der SPD ein Selbstläufer war

Damit war es mit dem Rücktritt Willy Brands vorbei. Es begann der Niedergang dieser Partei für den schon ein Helmut Schmidt stand, der aber erst im Schröder-Blair-Turn seinen programmatischen Niederschlag fand, der sich im Hartz-Konzept am krassesten ausdrückte. Diese politische Wende ist verantwortlich dafür, dass die SPD da steht, wo sie heute steht. Bis heute ist es der SPD nicht gelungen, der Vernichtung der Kernelemente ihrer Politik außer postmodernem Wortgeklingel irgendetwas Substantielles entgegenzusetzen. Nahles, Maas, Gabriel, Schulz und auch ein Kühnert täuschen mit ihren leeren Phrasen, die nur dem Schein nach für unterschiedliche Konzepte stehen, darüber hinweg, dass es in der SPD niemanden gibt, der eine Idee davon hat, was unter Demokratie, Sicherheit und Soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Moderne verstanden werden könnte und wie diese dann auch in die Gesellschaft getragen werden könnte.

Den Niedergang der SPD und seine Repräsentanten Nahles, Schulz und Gabriel kann man mit Spott, Häme und Verachtung quittieren, das Problem was dabei nur auftritt, ist, dass ein politisches Vakuum entstanden ist, in das zum einen der Islam in den Einwandererkommunities und in der „autochtonen“ Gesellschaft mit zunehmenden Selbstbewusstsein die AfD tritt. Die AfD und der offizielle Islam (Islamrat, Zentralrat der Muslime) stehen dabei für den legalistischen und dem Schein nach, die demokratischen Gepflogenheiten akzeptierenden Teil einer gesellschaftlichen Parallel- oder Gegengesellschaft, deren metastasierende Ausläufer hasserfüllt, gewalttätig und terroristisch sind und auf dem platten Land, in Stadtteilen und in den sozialen Medien versuchen, die politische und kulturelle Hegemonie zu erkämpfen. Wenn nun die AfD die einzige Partei ist, die vernehmbar gegen die Islamisierungstendenzen (in Deutschland) auftritt und die Sozialdemokratie in postmoderner Anwandlung, die AfD deswegen als rassistisch brandmarkt und den Islam unter Artenschutz stellt, bzw. teilweise offen mit diesem kollaboriert, verrät die SPD auch noch die letzte Traditionslinie, die sie einmal in der Weimarer Republik und unter Willy Brand kennzeichnete, nämlich den Antifaschismus in demokratischer Absicht.

Churchill und der Fuhrer

Nachdem der Film „Dunkirk“ den historischen Augenblick, als die Alliierten im Jahre 1940 am Abgrund standen, aus der Perspektive von Soldaten dargestellt hat, stellt der Film „The darkest hour“ diesen nun aus der Perspektive des britischen Kabinetts um Churchill dar. Es geht um den historischen Augenblick, indem Großbritannien als 1940 einzig verbliebene Macht von Rang sich entschieden gegen Nazideutschland stellte. Schlüsselfigur war dabei Winston Churchill. Allgemein gilt dieser Film in jeder Hinsicht als gelungen. Und die Deutsche Film- und Medienbewertung erkennt sogar, dass der Film „in unsere Gegenwart hinein ragt“. Wohl war, wie am Beispiel einer Kritik deutlich wird, die im Focus von einem deutschen Fuhrer (nicht von dem mit den Pünktchen) verfasst wurde. (Armin Fuhrer, Film idealisiert Churchill als Kriegshelden, in Focus, 18. Januar 2018)

Obwohl es in dem Film nicht um eine Biographie Churchills geht, beginnt der Fuhrer seine Besprechung des Filmes damit, dass er eine Anekdote über Barack Obama zum Besten gibt, der, als er in das Weiße Haus einzog, die Büste Churchills vom Schreibtisch entfernen ließ, die sein Vorgänger George W. Bush dort aufgestellt hatte. Der Fuhrer findet es im Zusammenhang eines Filmes, der die für Europa entscheidende Wende in der britischen Politik zum Thema hat, relevant zu bemerken, dass Churchill für Lager in Afrika verantwortlich war, in denen zwischen 20.000 und 100.000 Menschen umkamen.

Fuhrer meint, der Film sei „ein Heldenepos, das sich auf Churchills Rolle als zeitweilig letzter und wie viele glauben hartnäckigsten Kontrahenten Hitlers und seiner Wehrmacht konzentriert.“ Wohlgemerkt er schreibt nicht, der Film handelt von Churchills Rolle, als England alleine gegen Nazideutschland stand und Churchill derjenige Politiker war, der diese Politik auch kompromisslos durchsetzte, sondern er faselt etwas von Heldenepos und von zu glaubenden Behauptungen. Die historische Tatsache als Konjunktiv formuliert, das ist das Raunen darüber, dass es ja auch anders sein könnte. Um diese Möglichkeit aufzuzeigen, geht es Fuhrer im Folgenden darum, die finstere Seite Churchills durchzudeklinieren.

Die indische Journalistin Sudhanva Shetty zitierend, setzt er folgenden Satz in das Organ für Fakten Fakten Fakten: „Churchill war einer der am meisten überschätzten, rassistischen, genozidalen, kriegstreiberischen Imperialisten der Menschheitsgeschichte“, außerdem habe er Benito Mussolini bewundert und mit Annette Mackin („socialistworker“) wird eine weitere Dame angeführt, um Churchill ans Zeug zu flicken : „Während des Krieges war Churchill nicht gegen Hitler, weil dieser ein Nazi war, sondern weil er Britannien angegriffen hatte“. Churchill war schon vor Kriegsbeginn ein Gegner der britischen Außenpolitik, weil er ein ausgewiesener Nazigegner war, was sogar sein Papagei nie vergessen konnte, und er deswegen gegen die Politik opponierte, die versuchte durch Zugeständnisse an Hitler einen fragwürdigen Frieden zu retten. Und die Macht (nachdem sie im spanischen Bürgerkrieg sowie vor und nach dem Überfall Deutschlands auf die Tschechoslowakei keine Bündnispartner gegen Hitler fand), die erst wieder auf die Seite der Alliierten wechselte, nachdem sie von Deutschland überfallen wurde, war nicht Großbritannien sondern die Sowjetunion. Aber wenn es darum geht, Politikern, deren politisches Ziel es war, Deutschland in die Schranken zu weisen, Völkermord, Kriegstreiberei und Rassismus vorzuwerfen, dann sind die Fakten egal. Also historische Tatsachen hin oder her, Fuhrer pflichtet der Shetty bei und trötet: „es gibt Belege dafür, dass Churchill ein ausgewiesener Rassist war, der von der vermeintlichen Überlegenheit der weißen Rasse überzeugt war.“ Um schließlich des Volkes Zorn so richtig zu entfachen, erwähnt der Fuhrer auch noch, dass Churchill mit Ghandi sogar einen der deutschen Säulenheiligen beleidigte.

Nachdem ruchbar wurde, dass die indische Nationalbewegung Sympathien für Hitler hegte (vgl., Kevin Zdiara, Hitler bei den Hindus, in jungle world, 33/2013), besaß Churchill 1943 doch sogar die Frechheit, Ghandis Tod bewusst in Kauf zu nehmen. Und natürlich darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen werden zu erwähnen, Churchill sei auch verantwortlich für die Hungerkatastrophe in Bengalen während des zweiten Weltkrieges. Hier starben „bis zu vier Millionen Menschen. Sehr viele davon hätten wahrscheinlich gerettet werden können, wenn sie Hilfe bekommen hätten“, die Churchill mit Blick auf die prekäre Kriegssituation in Fernost und Europa und der unklaren Haltung in der indischen Politik jedoch keine Priorität beimaß. Vier Millionen sind keine sechs, aber Fuhrer weiß noch mehr, Churchill sei „unbestritten […] Eugeniker“ und stellt beflissen gleich einen Zusammenhang her, der jedem geschichtsbewussten Deutschen einleuchtet. Dass es Eugeniker im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall gab, auch unter vielen Linken, unterschlägt er, er weiß aber, dass man das, was Churchill forderte „im Dritten Reich […] lebensunwertes Leben“ nannte.

Bei soviel Wahlverwandschaft zum Führer mit ü verwundert es dann doch, dass Churchill entschiedener Gegner des Nazireichs war und auch so handelte. Aber auch das wird im zur Last gelegt, hat er doch tatsächlich befohlen „wehrlose deutsche Städte während des Zweiten Weltkrieges“ zu bombardieren. An dieser Bemerkung wird wiederum deutlich, dass die Kritik an Churchill der verdruckste Ausdruck davon ist, dass die Nachkommen der Täter es den „Plutokraten aus Engelland“ bis heute nicht verziehen haben, der deutschen Volksgemeinschaft den Platz an der Sonne zu verwehrt zu haben.

Fuhrer kommt zu dem Schluss, dass „Winston Churchill rassistisch, fremdenfeindlich, beleidigend und elitär war. Wenn es in den 1930er und 1940er Jahren schon Twitter gegeben hätte, dann wäre Churchill die britische Version von Donald Trump gewesen.“ Und das ist heutzutage unter den moralisch erhabenen Deutschen natürlich der schwerwiegendste Vorwurf, dem man einem Politiker machen kann, der aber auch ihr Ressentiment so durchsichtig macht.

Trump hat mit Sicherheit nicht das Format und die Gradlinigkeit eines Churchills und nobelpreisträchtig sind seine Schriften auf Twitter auch nicht, aber so wie es Churchill damals vom Nationalsozialismus wusste, so ahnt heute Trump, wenn er auch sonst wenig erkennen mag, dass die Bedrohung freiheitlichen Werte und der demokratischen Gesellschaft vom politischen Islam ausgeht. Und so wie das Unvermögen, den Nationalsozialismus als spezifische Form des deutschen Antisemitismus auf den Begriff zu bringen, daran erkenntlich ist, dass man ausgewiesenen Nazigegnern unterstellt ebenfalls faschistisch gewesen zu sein, so zeigt sich heute die Unfähigkeit den Islam auf den Begriff zu bringen darin, dass man seine Gegner als Rassisten, Imperialisten und Faschisten bezeichnet. Der Fuhrer vom Focus macht klar, dass zwischen beiden Erscheinungen deutscher Ideologie ein notwendiger Zusammenhang besteht.

Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.

Es hat ordentlich gekracht

Den Panzer trafen die Granaten,
Es explodiert, wie schnell das geht.
Will so gerne leben, Kameraden,
Zum Rausklettern ist’s schon zu spät.

Daniil Granin hat dieses Lied der sowjetischen Panzerfahrer in seinem Buch „Mein Leutnant“1 aufgeschrieben. Es ist ein Traurigkeit ausdrückendes Lied der Soldaten, die gegen eine Armee kämpften mussten, die auszog um Europa mit einem Vernichtungsfeldzug zu überziehen, um den deutschen Volksgenossen „Lebensraum“ zu verschaffen, die „Slawen“ zu vertreiben, zu dezimieren und zu versklaven und die Juden auszurotten. Die sowjetischen Bauern, Angestellten und Arbeiter, die gerade die Schulbank verlassenden jungen Männer und Frauen, die in die Panzer gesetzt wurden, wurden nicht lange gefragt. Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, sich der deutschen Vernichtungswut entgegen stellen, während die deutsche Arbeiterklasse ihren selbst angedichteten revolutionären Auftrag endgültig an den Nagel hängte, sich wegduckte, der Volksgemeinschaft eingliederte und überall in Europa einmarschierte und auf Menschenjagd ging.

Alexander Gauland ist ob seines Ausspruchs, die Deutschen dürften stolz auf „die Leistungen deutscher Soldaten“2 im Ersten und Zweiten Weltkrieg sein, viel gescholten worden – völlig zurecht. Die Schelte wurde in der Gesellschaft fast einhellig formuliert. Ist es daher so, dass seine Positionen wirklich randständig sind? Was unterscheidet seine Äußerung von dem Bedürfnis eines Gerhard Schröders, das Bild seines Vaters, als Wehrmachtssoldat in voller Montur auf dem Schreibtisch zu positionieren, oder von der, vielfach über die Kreise der AfD hinaus, geäußerten Empörung, als es darum ging, ein Bildnis des Wehrmachtoffiziers Helmut Schmidt aus einer Kaserne zu entfernen, oder auch von der launigen Ehrfurcht eines Journalisten der Zeitung „Die Welt“, die dieser angesichts deutscher Ingenieurskunst ausdrückte und vom verpassten deutschen Sieg im Luftkrieg schwadronierte.3

Es hat gekracht

Die hiesige Lokalzeitung, die HNA, preist in regelmäßigen Abständen die deutsche Waffen-Ingenieurskunst nebst ihren Benutzern. Das betrifft den Fieseler Storch, ein Torpedoboot, ein U-Boot, den tapferen Landser, der mit der „Hitlersäge“ die in der Normandie anlandenden GIs umlegte und auch den u.a. in Kassel produzierten Tiger. Selbst über eine Atombombe, die dann aber doch nicht gebaut wurde, machte man sich so seine Gedanken.4 Es drückt sich hier nicht nur eine empathielose Begeisterung für die Technik aus, sondern hier kommt sehr verklausuliert das zu Ausdruck, was Gauland in tumber Einfältigkeit ungefiltert raushaut: Der Führer hat’s trotz unserer enormen Leistungen vermasselt, stolz sind wir auf unsere Leistungen.

Das jüngste Beispiel ist die Flug- und Panzerabwehrkanone 8,8. In heimischen Gefilden sei sie eingeschossen worden, haben hiesige Heimatforscher herausgefunden. Es habe ordentlich gekracht schildern sie ehrfürchtig und ein Leiter eines Museums sekundiert den eifrigen Heimattümlern, dass ihr Fundstück einzigartig sei. Die 8,8 war eine effektive Waffe. Sie hinderte effektiv die Rote Armee und die Westalliierten daran, gegen die Deutsche Wehrmacht vorzurücken und bereitete diesen dabei große Verluste. Jeder abgeschossene Panzer verzögerte den Vormarsch der Alliierten und trug dazu bei, dass die in den deutschen Lagern einsitzenden Versklavten und dem Tode Geweihten dem Terror noch länger ausgesetzt waren, ihre Überlebenschancen mit jedem Tag, den sie ausharren mussten dahinschwanden und dass ihre Hoffnungen, die Befreiung zu erleben, so wie ihre Kräfte dahin schwanden. Und jeder abgeschossene Panzer bedeutet für die gegen die Nazifaschisten kämpfenden Menschen, dass ihr Leben ein grausames Ende fand, ein Leben dass sie gerne in einer befreiten Welt weiter geführt hätten.

1 Daniil Granin, Mein Leutnant, Roman, Berlin 2015,S. 79

2 Stellvertretend sei die Zeitung Die Welt genannt: 16.09.2017, Gauland verteidigt seine Aussage über die Wehrmachtssoldaten, (https://www.welt.de/politik/deutschland/article168696834/Gauland-verteidigt-seine-Aussage-ueber-Wehrmachtssoldaten.html)

4 Einen Überblick gibt es hier: Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Ein Vertreter der Partei der Freunde des Genickschusses vor dem Arbeitsgericht – und die Indifferenz einer Gewerkschaft

In Kassel kam es am Freitag zu einer Gerichtsverhandlung. Der Kasseler Aktivist der MLPD Andreas Gärtner soll Flugblätter für diese Partei auf dem Firmengelände von VW verteilt haben. Deswegen wurde er abgemahnt.1 Soweit so unspektakulär.

Gärtner ist jedoch auch als IG-Metall-Mitglied führender Vertrauensmann. Das erstaunt. In der IGM gilt folgender Passus: „Der Ausschluss von Mitgliedern ohne Untersuchungsverfahren kann auch erfolgen, wenn sie einer gegnerischen Organisation angehören oder sich an deren gewerkschaftsfeindlichen Aktivitäten beteiligen oder diese unterstützen.“ Es gab in der Geschichte der IGM auch diverse Ausschlüsse von Personen dieser Organisation. Die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses von MLPD-Mitgliedern wurde vom BGH (Az: II ZR 255/89) bestätigt.2

Kann die MLPD von einer Gewerkschaft als gegnerische Organisation verstanden werden? Die MLPD, das dürfte bekannt sein, ist eine Partei, die „stets Stalins Verdienste beim Kampf um die internationale Revolution“3 verteidigt. Aber trotz seiner Verdienste habe er jedoch den notwendigen ideologischen „Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise vernachlässigt und auf die Mobilisierung der Massen gegen die kleinbürgerlich entarteten Vertreter der Bürokratie verzichtet.“4 Das kann man so deuten, dass noch zu wenig „entartete Vertreter der Bürokratie“ in den Kellern der Lubjanka erschossen wurden, dass zu wenig von ihnen in den Arbeitslagern verreckt sind. Zwar wird an einer Stelle zugestanden, dass „auch unschuldige Menschen hingerichtet oder zu Freiheitsstrafen verurteilt“ wurden, doch dieser Satz ist mehr als zweideutig, denn das „auch“ bedeutet, dass offensichtlich vor allem schuldige Menschen hingerichtet wurden. Eine monströse Behauptung.

An anderer Stelle werden die Verbrechen in Anführungsstriche gesetzt. Nach dem – für Millionen eine Erlösung – Stalin der Tod ereilte, versuchte der XX. Parteitag den Terror unter Stalin zu begreifen, zu verurteilen und die Ehre einiger der Opfer des stalinistischen Terrors wieder herzustellen. Dieser Parteitag der KPdSU ist nach Ansicht des ehemaligen Vorsitzenden der MLPD Stefan Engel eine „historische Katastrophe für die Menschheit“5. 2010 wurde folgender Satz formuliert: „Die von Chruschtschows ‚Geheimrede‘ auf dem XX. Parteitag der KPdSU ausgehende Hetze gegen Stalins angeblichen ‚Personenkult‘ und ‚Verbrechen’“ hätte zur Verwirrung der Revolutionäre beigetragen.6

Kein verwirrter Revolutionär, sondern unermüdlicher Schlächter „kleinbürgerlich- entarteter Bürokraten“

Als Stalin an die Macht kam, gab es längst keine freien Gewerkschaften mehr. Die Führung der der Partei untergeordneten Gewerkschaft wurde unter Stalin dennoch hingerichtet. Prominente Opfer waren Solomon Losowski, Adrés Nin und Michail Pawlowitsch Tomski. Ob sie in der Interpretation der MLPD auch zu den „entarteten Vertretern der Bürokratie“ gehörten, weiß man nicht genau. Angesichts der Tatsache, dass sie der „Nomenklatura“, bzw. der staatlichen Bürokratie angehörten, Tomski darüber hinaus ein Befürworter der Neuen Ökonomischen Politik war, Nin ein Trotzkist ergo im stalinschen Sinne ein „faschistischer Agent“ und Losowsk gar ein „Zionist“, kann man es aber vermuten.

In den Ausführungen der MLPD über den Begriff „Diktatur des Proletariats“ heißt es, „der Kampf […] wird sich allerdings im Sozialismus fortsetzen, bis in den Kommunismus hinein. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Unterdrückung im Sozialismus im Interesse und Auftrag der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ausgeübt wird. Sie richtet sich gegen eine verschwindende Minderheit von Kapitalisten, Ausbeutern, Kriegstreibern, Faschisten sowie ihrer Helfer und Helfershelfer.“7 Wer die im Interesse der Mehrheit zu Unterdrückenden sein sollen, lässt Rückschlüsse auf das Verständnis von Rechtsstaatlichkeit zu und ist schon allein angesichts der Begriffe „Ausbeuter“ und „Kriegstreiber“ völlig willkürlich. Auch der Begriff „Faschist“ ist in der Geschichte kommunistischer Parteien bekanntlich sehr kreativ angewendet worden. Die Ausdehnung der angestrebten Unterdrückung auf die „Helfer und Helfershelfer“ ist der vollendete Ausdruck einer Vorstellung von Willkür,  Terror und der Denunziation als legitime Methoden in der Politik – und nicht zu letzt das, was Moishe Postone als deutsche Revolution beschrieb. Dass auch Gewerkschafter diese „Helfer und Helfershelfer“ sein können, lässt die Interpretation des Wahlprogramms der MLPD zu, wenn es dort heißt: „Kampf dem Co-Management.“8

Wenn der Betriebsrat von VW Gärtner als jemanden hinstellt, der als gewerkschaftlicher Vertrauensmann „ordentliche Arbeit“ leiste, mag dies vielleicht sogar stimmen. Wer sich mit der Geschichte des Stalinismus und mit dem Verhältnis der Bolschewiki zu den Gewerkschaften auskennt weiß aber auch, dass dieses Eintreten für Arbeitnehmerrechte aus rein instrumentellen Gründen erfolgte und nichts damit zu tun hat, dass Gärtner einer ist, der im Sinne einer freiheitlich und demokratischen Gesellschaft für die Rechte der Arbeitnehmer streitet.

1 HNA, 15.09.2017, VW-Mitarbeiter soll Wahl-Flyer verteilt haben: Keine Einigung vor dem Arbeitsgericht

3 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“ Artikel aus der Roten Fahne 04/2010, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2011/kw31/die-verlogene-stalin-hetze-und-ihre-motive) 17.09.2017

4  Programm der MLPD, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/themen/klassiker-des-marxismus-leninismus/stalin), 17.09.2017

5 Stefan Engel, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. Vgl. FN 4

6 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“. Vgl. FN 3

7 Jörg Weidemann, Ausbeutung und Unterdrückung – im Sozialismus verschwunden? Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2012/kw11/ausbeutung-und-unterdrueckung-2013-im-sozialismus-verschwunden), 17.09.2017

8 Gewerkschaften: Kampf statt Co-Management. Wahlprogramm der MLPD. Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD (https://www.mlpd.de/internationalistische-liste/wahlprogramm/gewerkschaften-kampf-statt-co-management), 17.09.2017