Wir kennen keine Volksgemeinschaft sondern nur noch Opfer

75 Jahre nach dem Bombenangriff auf Kassel: Die Tränen der Volksgenossen und die Unfähigkeit in Kassel, einer notwendigen militärischen Maßnahme gerecht zu werden.

Ein am Angriff auf Kassel beteiligter Lancasterbomber und seine Besatzung

Kassel war, wie andere deutsche Städte, mehrfach Ziel alliierter Bombenangriffe. Das Datum der gründlichsten Bombardierung Kassels jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Dies ist Anlass für eine von der HNA vorangetriebene Erinnerungsoffensive. In der HNA widmet man sich seit geraumer Zeit in regelmäßigen Abständen und in dichter werdender Folge diesem Thema mit ganzseitigen Ausführungen. Auf der Internetseite der Zeitung gibt es sogar eine eigenständige Rubrik zum Thema. Darüber hinaus hat der ehemalige Redakteur der HNA Horst Seidenfaden zusammen mit Harry Soremski (Extra-Tip) einen opulenten Band über die Erinnerungen der vom Bombenangriff betroffenen Kasseler herausgebracht. Der HNA-Journalist Thomas Siemon zog ein paar Monate später mit einem kleineren Bändchen nach. In beiden Bänden kommen sogenannte Zeitzeugen zu Wort. Seidenfaden und Soremski fügen noch weitergehende Ausführungen bei, die zur historischen und politischen Einordnung der Berichte ihrer „Zeitzeugen“ und des Angriffs auf Kassel aber buchstäblich nichts beitragen. Die Berichte der „Zeitzeugen“ drücken par excellence das aus, was den nach Deutschland einmarschierenden Alliierten unangenehm auffiel, als sie 1945 auf die Deutschen trafen: Empathielosigkeit, Selbstbezogenheit, Sentimentalität, Selbstviktimisierung und die Leugnung Nazi gewesen zu sein. Die Chronisten des Angriffs auf Kassel kommen so gut wie ohne Bezug zum Nationalsozialismus aus, kennen keine Nazis, sondern nur noch Opfer und sind zu Tränen gerührt. „Trümmer, Tod und Tränen“ heißt der eine, „Diese Tränen trocknen nie …“ der andere Band.

I. Der Luftkrieg gegen Deutschland – Eine Voraussetzung des Sieges über Nazideutschland

Die Luftangriffe auf Deutschland waren – von 1940, dem Fall Frankreichs bis 1943, der Landung der Alliierten in Sizilien – abgesehen von der „Atlantikschlacht“ und einigen Nebenkriegsschauplätzen die einzige Möglichkeit der Westalliierten direkt militärisch gegen Nazideutschland vorzugehen. Von 1941 bis 1943 trug auf dem europäischen Kontinent die Rote Armee die Hauptlast der Kämpfe gegen die Wehrmacht. Die Ausweitung der Luftangriffe der Westalliierten auf Deutschland trug dazu bei, dass beträchtliche Teile der deutschen Luftwaffe von der Ostfront abgezogen wurden. Somit entlasteten die Westalliierten die sowjetische Luftwaffe, der es im Laufe des Jahres 1943 gelang, die Lufthoheit an der Ostfront zu erringen. Insgesamt gelang es den alliierten Fliegerverbänden nach und nach, die deutsche Luftwaffe nachhaltig zu schwächen. Die Lufthoheit ist für erfolgreiche Bodenoperationen eine unabdingbare Voraussetzung und war Bedingung für die im Sommer 1944 vorgetragenen erfolgreichen und kriegsentscheidenden Offensiven in Weißrussland (Operation Bagration) und in der Normandie (Operation Overlord). Diese wichtigsten Ergebnisse der alliierten Luftkriegskampagne gegen Deutschland werden im Allgemeinen völlig ignoriert. Den Autoren über die „Bombennacht“ dürfte dieser Sachverhalt offensichtlich unbekannt oder gleichgültig sein.

Ein wichtiges Ziel alliierter Bomberverbände waren die Rüstungsindustrie und die Infrastruktur des Nazireiches. Die Angriffe störten die deutsche Rüstungsproduktion jedoch in geringerem Maß als angenommen und trotz einiger spektakulärer Erfolge, wie die gelungenen Angriffe auf die Edertal- und Möhnetalsperre, gelang es den Alliierten erst gegen Ende des Krieges die Verkehrs- und Energieinfrastruktur des deutschen Reiches lahm zu legen. Die Alliierten erreichten es auch nicht, wie ebenfalls beabsichtigt, die Moral der deutschen Bevölkerung zu brechen. Vor allem dies wird in Deutschland gegen die Luftkriegsstrategen vorgebracht. Dieser Misserfolg dient als Beweis der Nutzlosigkeit und der gleichzeitig attestierten Grausamkeit alliierter Bombenangriffe. Jenes Argument entbehrt jedoch jeder Grundlage, denn entgegen jeder vernünftigen Annahme, ließ sich die deutsche Volksgemeinschaft trotz der Zerstörung vieler ihrer Städte nicht dazu bewegen, von Judenmord und Vernichtungskrieg abzulassen. 1918 noch trugen Hungersnot und andere Entbehrungen dazu bei, dass sich die deutsche Bevölkerung zunehmend der weitaus harmloseren Kriegspolitik des Kaiserreichs widersetzte.

Der Luftkrieg wurde gegen eine Nation geführt, die die Volksgemeinschaft nicht nur propagierte sondern auch formierte und die den totalen Krieg ausgerufen hatte, den sie bis zum 8. Mai 1945 unerbittlich führte. Entgegen immer wieder kolportierten Behauptungen, der Luftkrieg sei gegen eine unbewaffnete und wehrlose Bevölkerung geführt worden, fügten die deutsche Luftwaffe und Flugabwehr den Alliierten schwerste Verluste zu. Mehr als 100.000 alliierte Bomberbesatzungen kamen bei ihren Einsätzen gegen Nazideutschland ums Leben. Die Bomberpiloten zogen einen massiven Beschuss auf sich. Die in großen Mengen im Land aufgestellten Geschütze und die Massen in die Luft geschossene Munition fehlten der Wehrmacht an anderer Stelle. Auch dies war letztendlich ein Beitrag, der zum Erfolg der alliierten Bodenoperationen beitrug, freilich zu einem hohen Preis unter den jungen Fliegern.

Im Gesamtkontext bleibt die Schlussfolgerung, dass der Luftkrieg als Bestandteil des notwendigen Krieges gegen Nazideutschland bis zur Kapitulation eine notwendige, richtige und letztendlich auch eine effektive Maßnahme war.

II. Nationalsozialismus und Volksgemeinschaft

„… Achtung, Achtung, wir geben eine Luftwarnmeldung …“, der Leser fühlt sich in die Reihen der deutschen Familie versetzt und meint den „Volksempfänger“ hören zu können.

Auf einer Doppelseite wird in Seidenfadens und Soremskis Band in großem Format der „Volksempfänger“ abgebildet. Etwas kleiner daneben ein, in nationalsozialistischer Ästhetik gehaltenes Bild einer Familie. Sie wird als „Arbeiterfamilie“ bezeichnet. Auch wenn es schon vor 1933 Radios und Familien gab, der Volksempfänger, die Abbildung desselben, sowie Bilder der einträchtig lauschenden deutschen Familie spielten eine wichtige Rolle in der Propaganda von der Volksgemeinschaft. Dieser Zusammenhang wird nicht erläutert. Berichtenswert ist den Autoren nur, dass die Kasseler das Gerät dazu nutzten, die Meldungen über die einfliegenden Bomberverbände zu verfolgen. Die Funksprüche werden zitiert. Sie sind in einem anderen Textformat gedruckt, so dass man sie zu hören meint: „Achtung, Achtung, hier ist der Befehlsstand der ersten Flakdivision“ usw. Der Leser sieht förmlich die Lautsprechermembran des Volksempfängers vibrieren und sich unter die Volksgenossen versetzt.

In beiden Büchern geht es hauptsächlich darum „Zeitzeugen“ zu präsentieren. Was wir also vor uns liegen haben ist Oral History, nur dass die grundlegende Methodik dieser historischen Betrachtung auch nicht annähernd eingehalten wird. Es fehlt durchweg die professionelle Distanz zu den Berichtenden. Völlig ungenügend ist bei Seidenfaden und Soremski die kritische Einordnung des Erzählten in den historischen Kontext, bei Siemon fehlt dies völlig. Die „Zeitzeugen“ sprechen zu lassen, hat zwar tatsächlich etwas mit Authentizität zu tun, dass sie rundweg die Stimmen der damaligen Volksgemeinschaft darstellen, wird von den Chronisten jedoch entweder nicht bemerkt, oder schlicht ignoriert. So ist die ungefilterte und unkommentierte, häufig auf Emotionen setzende Reproduktion dieser Stimmen der Grundtenor sowohl Seidenfadens und Soremskis als auch des kleineren Bändchens Siemons.

Folgendes muss vom Leser, auf dessen Emotionen ungehemmt gesetzt wird, unbegriffen bleiben. Der deutsche Nationalsozialismus war im Wesentlichen eine Konsensdiktatur. Der 1933 anfänglich vor allem von Kommunisten, verschiedenen kleineren sozialistischen und anarchistischen Gruppierungen und einigen Einzelpersonen heroisch vorgetragene Widerstand gegen die Nationalsozialisten war schnell gebrochen. Die Volksgemeinschaft formierte sich so schnell, wie sich die 1933 schnell gefüllten Konzentrationslager im Laufe der dreißiger Jahre wieder leerten. Mit der Verfolgung der Kommunisten, den Kampagnen gegen „Asoziale“ und „Volksschädlinge“, mit der Etablierung des Reichsarbeitsdienstes und der Kraft-durch-Freude-Kampagne stieß das Regime auf Zuspruch in der Bevölkerung, der noch Jahrzehnte nach dem Ende des Nationalsozialismus einen deutlichen Widerhall fand. „Damals herrschte noch Zucht und Ordnung“, „Hitler gab uns Brot und Arbeit“, „Damals konnte man Nachts noch auf die Straßen gehen“ usw. waren häufig zu vernehmende Äußerungen der ehemaligen Volksgenossen, wenn sie mit Kritik der Jüngeren konfrontiert wurden. Der antifaschistische Widerstand war dagegen isoliert. Seine Protagonisten galten bei Vielen noch Jahrzehnte nach dem Ende des Regimes als Verräter. Der schlimmste Feind der Aufrechten war nicht etwa die GESTAPO, sondern das weit verbreitete Denunzianten- und Spitzeltum.

An zwei Stellen werden in Seidenfadens und Soremskis Buch Juden erwähnt. Ein Onkel einer „Zeitzeugin“ war mit einer Jüdin verheiratet. Der Onkel und seine jüdische Frau starben beim Angriff. Der Tod einer (sic!) Jüdin wird also in einem Buch erwähnt, das sich dem Jahr 1943 widmet. Die „Täter“ sind britische Bomber. Ein Inhaber einer Druckerei, die 1933, „als die Nazis in Deutschland die Macht übernahmen“, geschlossen wurde, weil Juden zu den Kunden gehörten, ist die zweite Stelle, an der erwähnt wird, dass es Juden in Kassel gab. Und es ist die einzige Stelle, an der das Jahr 1933 erwähnt wird. Dass es in Kassel vor 1933 ca. zweitausend Juden gab und 1943 keine mehr, das fällt unter den Tisch. Keiner der „Zeitzeugen“ erinnert sich daran, dass es Juden in der Stadt gab, dass antisemitische Propaganda den Alltag beherrschte, dass mit der Reichspogromnacht auch in Kassel 1938 ein Zeichen gesetzt wurde, dass spätestens jetzt alles anders als zuvor war. Keiner erinnert sich daran, dass die letzten Kasseler Juden 1942 vor aller Augen durch die Stadt zum Bahnhof auf eine „Reise“ geschickt wurden, von der sie nie wieder kamen. Antisemitismus als Bestandteil der Politik der Formierung der Volksgemeinschaft wurde von den „Zeitzeugen“ nicht als Schrecken wahrgenommen. Antisemitismus war Alltag und Normalität.

Im Frühjahr 1941, nach der Eroberung Frankreichs und vor dem Einmarsch in die Sowjetunion sah sich der Nationalsozialismus auf dem Zenit seiner Macht. Er war nicht nur die militärisch dominante Macht auf dem Kontinent, er erreichte zu diesem Zeitpunkt auch den Höhepunkt der Zustimmung in der deutschen Bevölkerung. Das war in Kassel nichts anders. Die beiden 1984 und 1987 von der IAG Nationalsozialismus an der Uni Kassel publizierten Bände „Volksgemeinschaft und Volksfeinde“ zeichnen ein detailliertes Bild der Situation in Kassel. Der Politikwissenschaftler Jörg Kammler resümierte die Situation wie folgt: „[…] Widerstandskämpfer gerieten durch Zerschlagung ihrer Gruppen […] in die Situation isolierter, gehetzter und ohnmächtiger einzelner […] Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges [war] in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter.“

Erst gegen Ende des Krieges schwand die Zustimmung zum Regime. Ein großer Teil der Bevölkerung nahm Hitler die Formierung der Volksgemeinschaft genauso wenig übel, wie die Ermordung der Juden. Nicht das unvorstellbare Ausmaß an Leid und Gräuel, dass deutsche Truppen in Europa, vor allem in Polen, auf dem Balkan und in der Sowjetunion verbreiteten, trug dazu bei, dass sich kleinere Gruppen in der deutschen Gesellschaft gegen Hitler richteten, sondern die sich ab 1944 abzeichnende Gewissheit, dass der Endsieg ein leeres Versprechen war und Hitler der dafür verantwortliche miserable Heerführer. Neben einer ausgeprägten Weinerlichkeit der besiegten Volksgenossen, für die beide Bände über die „Bombennacht“ stehen, hielt sich die Enttäuschung über Hitlers Versagen als Heerführer noch lange Jahre nach der Niederlage.

III. 1943

1943 – „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“

Seit 1939 zogen deutsche Verbände mordend und plündernd durch Osteuropa, über den Balkan und dann durch die Sowjetunion. Die letzten verbliebenen Juden wurden 1942 aus den deutschen Städten vor aller Augen in die Vernichtungslager deportiert. Die Volksgenossen teilten, in fester Gewissheit, dass die jüdischen Nachbarn nicht mehr wiederkehren, die Besitztümer der Deportierten unter sich auf. In fast allen Ländern Europas wurden von deutschen Trupps Juden aufgespürt, gejagt, deportiert und ermordet. In Leningrad verhungerten von 1941 bis 1943 unter der Blockade der deutschen Wehrmacht über eine Million Menschen. In Warschau wurde 1943 das Ghetto liquidiert. Die dort zusammengepferchten jüdischen Bewohner wurden zu zehntausenden in die Vernichtungslager verschleppt und der im April 1943 begonnene Aufstand der letzten verzweifelten Bewohner des Ghettos niedergeschlagen. Überlebende gab es so gut wie keine. Ein Jahr später wurde, aus Rache für den Aufstand der Bevölkerung Warschaus, die ganze Stadt dem Erdboden gleichgemacht.1943 wurden in Auschwitz, Sobibor, Maidanek, Treblinka und Trostinez, bei unzähligen Menschenjagden und Massenerschießungen in der Sowjetunion, in Jugoslawien und in Polen Leichenberge in unvorstellbaren Ausmaß produziert. 1943 ist das Jahr, in dem in Weißrussland über 5.000 Dörfer komplett vernichtet wurden.

Hitler war 1943 seit zehn Jahren an der Macht. In Kassel jedoch war bis 1943 die Welt, so wie es beiden Erinnerungsbänden zu entnehmen ist, in Ordnung. Seidenfaden und Soremski beginnen ihr Buch mit dieser Überschrift: „Es war ein wunderschöner Herbsttag, der Himmel war wolkenlos …“. Ein entsprechendes idyllisch gehaltenes Bild von Spaziergängern an der Schönen Aussicht soll diesen Eindruck illustrieren. Die Autoren kommen, wenn sie von Kassel erzählen, aus dem Schwärmen nicht heraus. „Es war, daran erinnern sich noch heute alle Überlebenden, ein wunderschöner Herbsttag. Dieser 22. Oktober 1943.“ Seidenfaden und Soremski ergehen sich in der Beschreibung der Stadt vor dem Angriff in Superlativen. Um die Situation vor dem Angriff zu beschreiben, ist es ihnen offensichtlich wichtig zu betonen, dass die Altstadt „wunderschön“ gewesen sei. Sie schreiben von „schönsten und prächtigsten“ Gebäuden, davon, dass die Stadt 1943 „in voller Schönheit“ stand und die Innenstadt Kassels vor „Lebensfreude sprühte“. Sie schreiben von singenden Kindern, die „Bunt sind schon die Wälder“ gesungen haben, von Café-Besuchern usw.. Nicht fehlen darf natürlich der Hinweis, dass die prächtige Stadt eine 1000-jährige Stadt war. Zu dem sich aufdrängenden Zusammenhang mit dem von den Nazis propagierten Anspruch, ein 1000-jähriges Reich gegründet zu haben, fällt den beiden Autoren natürlich auch nichts ein.

Die Kasseler Innenstadt „sprühte vor Lebensfreude“

IV. Das Grauen ereilt die Stadt

Dann „ereilte“ aber „das Grauen“ die Stadt, wie es in der HNA in einer Besprechung am 19.06.2018 heißt und die „vor Lebensfreude sprühende“ Stadt war, als ob es 1933 nie gegeben hätte, „mit einem Schlag“ Geschichte. Über den „Alltag mit seinen normalen Abläufen und Routinen“ brachen eine Katastrophe und eine Tragödie herein. Seidenfaden und Soremski lassen nicht unerwähnt, dass Kassel ein wichtiges Zentrum der Rüstungsindustrie und deswegen Ziel britischer Angriffe war und sie erwähnen in einigen Zeilen auch die Besatzungen der britischen Bomber, von denen viele den Krieg nicht überlebten. Sie erwähnen stellvertretend für die, die beim Einsatz über Kassel ihr Leben ließen, das Schicksal einer Fliegerbesatzung. Genaue Zahlen nennen sie, die an anderer Stelle die gefallenen Bomben penibel katalogisieren und auflisten, jedoch nicht. Es müssen etwa 250 – 300 junge Männer gewesen sein, die beim Einsatz gegen Kassel umkamen.

Wenn es um den Zusammenhang des Angriffs und die Rolle Kassels als Rüstungsstandort geht, kommen die Autoren nicht über floskelhafte Plattitüden hinaus. Welche Rolle die Stadt und die Bevölkerung in der Nazizeit spielten, wird ganz weggelassen. So heißt es seltsam unbestimmt, „man produzierte Militärfahrzeuge“. Wer dieses man war, wozu hier Rüstungsgüter produziert wurden, wird nicht weiter ausgeführt. Der HNA-Journalist Siemon führt in einem (in Zahlen 1) Satz im Vorwort seines Bombenbändchens aus, dass der Auslöser der Zerstörung der deutsche Angriffskrieg und die Luftangriffe auf London waren. Näher wird auf Angriffskrieg und deutsche Luftkriegsstrategie auch hier nicht eingegangen.

Seidenfaden und Soremski wissen aber, dass 1943 „Luftmarschall Arthur Harris, genannt ‚Bomber Harris‘, entschieden [hatte], dass am Abend Kassel angegriffen werden sollte. Der Grund, so Seidenfaden und Soremski, „war die positive Wetterprognose.“ Gutes Wetter also war der Auslöser des Angriffs auf Kassel. Das Stichwort „Bomber Harris“, so darf man annehmen, fällt hier nicht zufällig. Wenn er diesen Namen hört, geht dem erinnerungsbeflissenen Deutschen das Messer in der Hose auf. Nähere Ausführungen zum Luftkrieg sind dann gar nicht mehr nötig, die Chronisten haben den Leser da wo sie ihn haben wollen, als Ankläger eines sinnlosen, grausamen und willkürlichen Angriffs unter dem, wie es die VVN-Kassel anführt, die Stadt und die Bewohner zu leiden hatten.

V. Das Essen und das Inferno

Es sind die Erinnerungen verschiedener damals jüngerer oder älterer Volksgenossen oder ihrer unmittelbaren Angehörigen, denen sich beide Bände ausführlich widmen. Die Autoren reflektieren und analysieren dabei in keiner Weise, was diese Leute von ihren Erlebnissen vom 22. Oktober erzählen. Auffällig ist, sie erzählen von Gulasch, von Pellkartoffeln, von Kaninchenbraten, von Jagdwurst, von Kuchen, von Pudding usw. Es sind Erinnerungen aus einer Zeit, in der vor allem die Sowjetunion systematisch geplündert und das Verhungern der dort lebenden Bevölkerung billigend in Kauf genommen wurde, teilweise sogar Ziel der deutschen Besatzungspolitik war. 1944 wiederholte sich das Gleiche auch mit den Niederlanden. Aber auch Länder wie zum Beispiel Frankreich, Griechenland und Norwegen wurden mit einer ausgetüftelten und perfiden Besatzungspolitik systematisch ausgeplündert.

Andere „Zeitzeugen“ erzählen von Café- und Kinobesuchen, von Ausflügen mit singenden Kindern usw. und verdeutlichen damit, dass für die deutsche Bevölkerung die Welt 1943 offensichtlich noch in Ordnung war. Nur die von Seidenfaden und Soremski erwähnten Todesanzeigen in den Zeitungen, die sich häufen, machen deutlich, dass etwas nicht stimmte. Es handelte sich um die immer häufiger werdenden Anzeigen der gefallenen Wehrmachtssoldaten. Wo und warum sie fielen, ist den Chronisten keine Ausführung wert.

Um so plötzlicher der Luftangriff. „Die Mutter hatte am Nachmittag im Ufa-Filmtheater noch den Film ‚Münchhausen‘ mit Hans Albers gesehen. Und dann der Angriff.“ Die britischen Flieger läuteten die „Todesstunde“ der Stadt Kassel ein und auf 1.000 Jahre Geschichte folgte der 22. Oktober 1943, „die Nacht, in der Kassel starb …“. Seitenlang liest man in beiden Büchern dann Geschichten über die in Kellern erstickten Opfer, von Leichenbergen, die wiederholt abgebildet werden, es wird von verkohlten Leichen erzählt, von brennenden Menschen, von Ruinen, vom Pfeifen und Krachen der Bomben, von im Stakkato auf die Altstadt prasselnden Bomben, von heißen Feuern in der Innenstadt, von Phosphor, von Flächenbränden, Druckwellen, Sogwirkung, von Trümmern und verwüsteten Straßenzügen. Kurz: Es wird ein Inferno beschrieben, das der massive Angriff für die Bewohner Kassels bedeutete. Dass Kriegshandlungen gegen einen hochgerüsteten, zutiefst amoralischen und zu allem entschlossenen Feind jedoch voller Gewalt sein müssen, das fällt bei dieser Betrachtung notwendig unter den Tisch. Die Erinnerungsbände sind so konzipiert, dass das Inferno für sich sprechen und Betroffenheit und Mitleid mit den leidenden Volksgenossen auslösen soll.

VI. Die „Zeitzeugen“ und der Nationalsozialismus

Auffällig ist, dass im „Alltag und seinen normalen Abläufen“ der Nationalsozialismus wenn überhaupt, dann nur sehr beiläufig vorkommt. Von Nationalsozialismus und Nazis ist bei den „Zeitzeugen“ keine Rede. Die „Zeitzeugen“ oder ihre Angehörigen waren, so wie es viele Deutschen nach 1945 behaupteten, keine Nazis. Sie waren Luftwaffenhelfer, Flakhelfer, Soldaten der Wehrmacht auf Fronturlaub oder „irgendwo in Frankreich“, sie waren als Soldaten mit Aktensichtung beschäftigt, mit Helfen beim Aufräumen oder Bergen. Andere „machten Kriegseinsatz bei Henschel“, waren Sanitätssoldaten, Wirtsleute, es gab freundschaftliche Nachbarbeziehungen „zum Fleischer, zum Bäcker, zum Inhaber des Zigarrengeschäfts […] bei dem es immer mal was Süßes gab“, es gab Straßenbahner, Wachhabende der Luftschutzwache, einen Lehrling bei Henschel-Flugmotoren, eine Verkäuferin bei Kaufhof. Dass das Kaufhaus „Kaufhof“ 10 Jahre zuvor einer jüdischen Familie gehörte und Tietz hieß, ist den Chronisten keine Erwähnung wert.

Einmal wird erwähnt, dass „die Jungs der Hitlerjugend und die Mädchen des Bundes Deutscher Mädels“ für die an der Front kämpfenden Soldaten an verschiedener Stelle einspringen mussten. Aber Hitlerjunge oder BDM-Mädel war dann jedoch keiner der „Zeitzeugen“. Man „ehelicht 1939 unter der Fahne […] Und kurz danach, am 29. September, feiert man das 50-jährige Bestehen der Gaststätte.“ Es fällt der Begriff „Kinderlandverschickung“. Ein deutscher Jagdflieger hatte „seinen ersten Einsatz während des Spanischen Bürgerkrieges mit der Legion Condor.“ Fachleute wissen, was es mit der „Legion Condor“ auf sich hat. Dem Kasseler Publikum wird die Waffenhilfe der Nazis für die blutrünstigen Franco-Faschisten, die aus Freiwilligen bestand, vorenthalten. Selbstverständlich ist auch der Angriff der Legion Condor auf die damals tatsächlich völlig wehrlose Stadt Guernica keine Zeile oder auch nur eine Fußnote wert. Über eine „Horst-Wessel-Mittelschule“ gibt es nichts weiter zu sagen außer dem Umstand, dass sie nach dem Angriff zerstört war.

Dann an einer Stelle bekommt man eine Ahnung davon, dass es so etwas wie einen politischen Konflikt in Kassel gegeben haben muss. Es wird Reinhard Henschel, Sprössling der Industriellenfamilie Henschel, zitiert, der in Ankara als Diplomat an der deutschen Botschaft tätig war. Seine Ausführungen über den Generaldirektor der Firma, der mit „Braunhemden“ in Konflikt gerät, werden zitiert. Man erfährt jedoch nichts über den Konflikt im Henschelwerk, weder ob es ihn gegeben hat noch über die Geschichte des Werkes während des Nationalsozialismus. Seidenfaden und Soremski werfen dem ratlosen Leser ein paar Brocken nebulöser Gedanken Henschels hin: „Da kann man lange philosophisch über Gesetz und Recht meditieren, Entscheidung schafft doch letztendlich nur die innere Betroffenheit. […] es war richtig gewesen, den Brief an Churchill zu schreiben.“ Dass Henschel zum erweiterten Umfeld des Widerstandes des 20. Juli gehörte, wird nicht erwähnt. Die sich daraus ergebenden Fragen, „Was für eine Entscheidung?“, „Warum ein Brief an Churchill?“, „Was versteht Henschel unter Recht und Gesetz und in welchem Zusammenhang sinniert er über diese Frage?“ werden nicht aufgegriffen. Der Leser wird ratlos zurückgelassen. Es wird nichts dazu ausgeführt. Wichtig ist den beiden Chronisten nur, dass Henschel in seinem Erinnerungsbuch über Kassel ein paar Seiten geschrieben hat und über die toten Arbeiter, die zerstörten Fabrikgebäude und die darniederliegende Produktion sinniert.

Das Schützengrabenerlebnis als authentisches Dokument der „Opfer“ präsentiert. Wer genau hinschaut erkennt ein „HJ“.

Nazis, politische Verfolgung, Bücherverbrennung, Reichspogromnacht, Deportation der jüdischen Bürger Kassels, Judenmord, Raub- und Vernichtungskrieg, alles das scheint es in Kassel nicht gegeben zu haben oder ohne die Kasseler bewerkstelligt worden zu sein. Einen Nazi erwähnen Seidenfaden und Soremski dann aber doch. Sie erwähnen, dass Gauleiter Karl Weinrich die Volksgenossen in der „Todesstunde“ ihrer Stadt im Stich gelassen hätte und angesichts der britischen Bomber das Weite im sicheren Bad Hersfeld suchte. Darüber sind Seidenfaden und Soremski sichtlich empört und fahren schweres Geschütz auf. Kein geringerer als Goebbels selbst wird herangezogen, um Weinrich eine „traurige Rolle“ zuzuschreiben und ihn als „jammervollen“ und „feigen Deutschen“, der „keine Leuchte“ gewesen sei, zu überführen. Goebbels dagegen, so wissen Seidenfaden und Soremski zu berichten, sei im offenen Wagen durch die Stadt gefahren, um sich davon zu überzeugen, dass die den „vom Luftterror betroffenen Städte und Regionen“ geltenden Hilfs- und Fürsorgemaßnahmen angelaufen sind.

Andere zeigten mehr Mut als Kassels einziger Nazi und kämpften tapfer gegen die von „Bomber Harris“ geschickten Flieger und die Flammen. Auch für einen Flakschützen war der 22. Oktober ein „völlig normaler Tag“. Als aber dann gemeldet wurde, dass die britischen Bomber Kassel ansteuern, da wusste er, „jetzt wird es ernst […] und dass es um die ganze Stadt geht.“ Er und seine Kameraden haben „geschossen was die Rohre hergaben.“ Ein selbstgemaltes Bild des Kanoniers darf nicht fehlen, um den Lesern das Schützengrabenerlebnis der Flakgeneration zu vermitteln. Auch dem schon erwähnten deutschen Jagdflieger wird sich gewidmet. Am „Himmel über Kassel schoss Radusch […] drei britische Bomber ab“ schildern Seidenfaden und Soremski dessen „Heldentaten“. In jedem dieser Flieger saßen bis zu sieben Mann, die gegen Nazideutschland zu Felde ziehen mussten, weil die deutsche Volksgemeinschaft sich hinter den Führer scharte. Es handelte sich um bestätigte Abschüsse, wer in diesen Bombern saß und zu Opfern des Nazifliegers wurden, erfährt der Leser nicht.

Mit diesem mehr als dürftigen Bezug zum Nationalsozialismus fallen die Chronisten der Bombennacht selbst weit hinter die den historischen Gegenstand notorisch trivialisierenden Fernsehsendungen des Geschichtsonkels Guido Knopp zurück. Knopp widmete sich allen möglichen „Helfern Hitlers“ und vor allem sein Nachfolger Sönke Neitzel erwähnt, dass die deutsche Wehrmacht und die ihnen unterstellten Verbände völkermordend durch Europa zogen. Beide stellen Nationalsozialismus und Krieg in einen, wenn auch unzureichend analysierten, Zusammenhang. Sie stehen für das, was als state of the art in Sachen popularisierter Aufarbeitung deutscher Geschichte gelten kann: Wenn man von Opfern unter den Deutschen spricht, soll man auch von den Opfern der deutschen Täter nicht schweigen.

Die wichtige Frage des HNA-Journalisten Siemon: „Kann es zur Bombennacht […] eine Liebesgeschichte geben?“. Ein „Opfer“ mit Wehrpass und Erinnerung …

VII. Volkssturmprosa und „Lehren“ aus der Geschichte

Den Zusammenhang von schlechtem Geschmack und Unvermögen zur kritischen Reflektion beweisen Seidenfaden und Soremski, indem sie die pennälerhaften Strophen eines dichtenden Feuerwehrhelden nicht etwa in Ausschnitten und beispielhaft kritisch analysieren, sondern dessen Zeilen vollumfänglich auf den mit Brandspuren, Schmutz- und Stockflecken eingefärbten Hochglanzseiten ihres Bandes präsentieren. Dieser Look soll wohl Authentizität suggerieren. Ein Gedicht oder ein Poem, dem mit graphischen Effekten förmlich Authentizität angeheftet werden soll und das nicht durch sich selbst spricht, ist billiges Kunsthandwerk. Doch nicht nur das, aus dem über mehrere Seiten abgedruckten „Gedicht“ spricht aus jeder Strophe der Jargon der Volksgemeinschaft.

„Die Sirenen heulten, es war der 16. Fliegeralarm // nehme mein Kind noch schnell auf den Arm.“ […] „In die Kohlenstraße bog ich ein, // das Jaulen der Stabbrandbomben ging mir durch Mark und Bein. // Ein Splittern, Krachen und Knallen // die ersten Stabbrandbomben waren gefallen.“ […]„Entwarnung war gegeben. // In die Straßen und Gassen kam Leben // Es war förmlich zu spüren, // jeder der konnte, wollte sich rühren. // Schüler, Jugendliche, Frauen und Greise // jeder halt auf seine Weise. //“ „Aus zahlreichen Stahlrohren, Wasserkanonen und Feuerlöschturm // bekämpften die Menschen den Feuersturm.“ […] „Was gab’s da noch zu hoffen, die Stadt war nach oben vollkommen offen. // Durch eine menschliche Schweinerei, wurden gewaltige Energien frei.“ […] „In ein und ein halber Stunde wurden in dieser Nacht, // dreizehntausend Menschen umgebracht.“

Volkssturmprosa auf sechs Seiten. Das Papier mit Stockflecken ist Design.

Das ist Volkssturmprosa. Die Volksgemeinschaft, bewaffnet mit Rohren und Kanonen, erhebt sich im Feuersturm und scheitert an den „gewaltigen Energien“, die, so raunt der Verseschmied, von „menschlichen Schweinereien“ freigesetzt wurden und eine „offene Stadt“ trafen. Ob der Nationalsozialismus mit „menschliche Schweinerei“ gemeint ist, der „gewaltige Energien“ freigesetzt hat, oder die auch Destruktionskräfte freisetzende Erfindungsgabe der Menschen ganz allgemein, oder ob gar die Royal Air-Force gemeint ist, das bleibt unklar. 13.000 Menschen wurden von gewaltigen Energien „umgebracht“, sprich ermordet. 13.000 Kasseler, die bei dem Angriff ums Leben kamen, werden so zu wehr- und arglosen Menschen, zu Opfern einer vorsätzlichen Tat. Insbesondere der Terminus „offene Stadt“ verdreht die Betroffenheitsprosa zur offenen Lüge. Auch wenn unter den Opfern des Bombardements Kinder, Zwangsarbeiter und sicher auch einige Gegner des Regimes waren, Goebbels hätte es nicht besser hinbekommen. Der unkommentierte Abdruck dieses „Gedichts“, oder dieses als authentisches Zeugnis eines „schrecklichen Krieges“ (Knopp) zu präsentieren, bezeugt, dass weder Seidenfaden noch Soremski wissen was sie tun, wenn sie unbefangen „Zeitzeugen“ aus der Volksgemeinschaft präsentieren. Das Pendant auf anderer Ebene dazu bietet Siemon, der einen Herrn aufbietet, der davon zu erzählen weiß, dass es auch die Zeit für Liebesgeschichten unter den Volksgenossen gab. Dummdreist hält der heute alte Mann seinen Wehrpass ins Bild. Drückeberger? Nein, das war auch er nicht!

Die Stumpfheit einerseits und die Unfähigkeit der Volksgenossen andererseits, wenigstens Scham wenn schon nicht Empathie den unzähligen Opfern des deutschen Vernichtungskrieges gegenüber zu empfinden, wird deutlich, wenn z.B. eine Kasselerin räsoniert, dass sie „in der Bombennacht […] ihren Glauben an einen gütigen und gerechten Gott“ verloren hat. Sie verliert nicht etwa darüber ihren Glauben, dass der Vater als Schichtführer „kriegswichtige Aufgaben“ in der Spinnfaser AG erfüllte, also Anteil daran hatte, was deutsche Soldaten in Europa vorsätzlich anrichteten und für das kein gütiger oder gerechter Gott sich eine angemessene Strafe hätte je ausdenken können. Wenn ein anderer feststellt, dass an „diesem Tag […] die Normalität meines Lebens beseitigt“ war sollte doch die Frage nahe liegen, was denn als Normalität alles gelten konnte, wenn deutsche Einsatzkräfte zur gleichen Zeit Millionen Menschen ermordeten. Die „Zeitzeugin“, die resümiert, dass der 22. Oktober das Ende ihrer Kindheit bedeutete und dann ausführte, dass es nun „mit Kriegseinsätzen“ weiterging, die ihre „Lehr- und Wanderjahre“ waren und dann sogar feststellt, dass diese Jahre „wichtige Jahre“ waren, denn sie führten zu „Menschenkenntnis [und] Berufserfahrung“, verblüfft angesichts ihrer Empathielosigkeit (selbst angesichts der zu Tode gekommenen Kasseler).

Es finden sich schließlich noch einige „Zeitzeugen“, die Lehren aus dem Ganzen ziehen. „Der Krieg sei ein scheußliches Kapitel in ihrem langen Leben gewesen,“ meint die eine und dem anderen fällt Europa ein, wenn er an den Krieg zurückdenkt. „Wenn ich an den Krieg zurückdenke, werden die Streitereien der letzten Jahre um Europa […] zu Kleinigkeiten.“ Wenn der Volksgenosse schon nicht gelernt hat, dass er einer der Millionen Co-Autoren scheußlicher Kapitel für Zigmillionen Europäer war, so weiß er wenigstens, dass die geläuterten Deutschen den Europäern heute erzählen müssen, was Kleinigkeiten sind und was nicht.

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass es kein zu bedauerndes individuelles Leid auch unter den Individuen der Volksgemeinschaft gab und gibt, auch nicht, dass den Angehörigen der vielen Toten und Überlebenden die individuelle Trauer verwehrt werden soll. In Sachen Nationalsozialismus sollte aber klar sein, dass jede öffentliche Zurschaustellung individuellen Leids der Angehörigen der Täternation zwangsläufig zur grundsätzlich verkehrten Darstellung der Rolle der Volksgemeinschaft als Opfer eines „schrecklichen Krieges“ führt. Das wird grundsätzlich auch nicht besser, wenn erwähnt würde, dass es den Nationalsozialismus als historische Rahmenbedingung gab, dass Kassel Rüstungsstandort war und dass die Verfolgten und die gefallenen und verletzten Alliierten auch Opfer des Krieges waren. Bedingt durch die gesellschaftliche und politische Verfasstheit des Nationalsozialismus führt der Terminus „Opfer des Krieges“ und ein, den Deutschen zugedachter Opferstatus, immer zur Täter-Opfer-Umkehr.

Die vielen Artikel der HNA zum Thema und die beiden Bände zur „Bombennacht“ führen diese Verkehrung exemplarisch vor. Und wenn man dann auch noch sein Buch theatralisch „Diese Tränen trocknen nie …“ nennt, lässt sich sogar Vorsatz unterstellen. Bei „Trümmer, Tod und Tränen“ ist dies auch nicht besser. Und wie zum Beweis führt ein anderer Journalist der HNA vor, wie der Zusammenhang sich herstellt. Wolfgang Blieffert zitierte am 14.02.2018 in der HNA den in Sachen Nationalsozialismus notorischen Gerhard Hauptmann wie folgt: „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens“ und beansprucht dann aber „vorurteilsfrei und sachlich über den Krieg“ zu diskutieren. Aber er plaudert aus, was neben der unübersehbaren Emotionalisierung das Ziel der Kampagne ist: Es ginge um den überfälligen „Prozess der deutschen Selbstversöhnung“. Auf dem Klappentext des Bandes von Seidenfaden und Soremski heißt es, er soll als „Mahnmal für Frieden, Verständigung und Versöhnung“ stehen. Versöhnung angesichts Auschwitz kann jedoch nur obszön sein, Selbstversöhnung auch.

VIII. Resumee

Der Klappentext Siemons Bändchens führt aus, er sei ein „Buch von Zeitzeugen für Zeitzeugen und gegen das Vergessen.“ Die „Zeitzeugen“ fungieren hier als der Sprecher der Unwahrheit über den Nationalsozialismus. Sie reden von Normalität, wenn es darum gehen sollte, vom Grauen zu zeugen, an dem sie direkt oder indirekt beteiligt waren und sie reden über das Grauen, als es darum ging, mit notwendiger Gewalt das Grauen zu überwinden. Sie verschweigen also durchweg die Wahrheit des Nationalsozialismus und werden zu Zeugen der Unwahrheit. Es ist nicht so, dass nicht auch ein vom Bombardement Betroffener als Zeuge historischer Wahrheit dienen könnte. Es wird nur kein einziger von den Chronisten präsentiert. Dass diesen beiden Bänden trotzdem so viel Aufmerksamkeit gezollt wird, im Buchhandel sogar die Rede davon ist, es würden Analysen präsentiert, ist so bestürzend wie aussagekräftig.

Die politische Schlussfolgerung, die aus der sogenannten Bombennacht, bzw. aus dem Bombenkrieg gegen Deutschland zu ziehen ist, ist nicht etwa „Bomber Harris do it again“. Diese Parole hatte als politische Provokation in Zeiten allgemeiner nationaler Besoffenheit im Zuge der deutschen Wiedervereinigung ihre Berechtigung. Sie ist heute, gegen Sachsen gerichtet, angesichts vor allem (aber nicht nur) dort auftretender Nazi-Gruppen, die auf einhellige Ablehnung der bundesrepublikanischen Gesellschaft stoßen, aber nur noch abgeschmackt. Die Schlussfolgerung aus dem Krieg gegen NS-Deutschland, den die Alliierten mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln vortrugen, ist, dass Ideologien und Herrschaftsverhältnissen, wie dem Nationalsozialismus und den Versuchen, seine ihm wesentlichen Ziele zu verfolgen, kompromisslos entgegen getreten werden muss. In der Bundesrepublik tut das mal mehr mal weniger ausreichend die Polizei. Auf internationaler Ebene gegen Regime vorzugehen, die danach trachten, in die Fußstapfen Nazideutschlands zu treten, tut sich allein die Regierung der Vereinigten Staaten hervor. Deutschland dagegen spielt in diesem Zusammenhang oft eine undurchsichtige Rolle.

Tätern, Politikern und Staatsführern dieser Kategorie kann nur unverblümt beigebracht werden, dass der Preis ihrer Untaten so hoch ist oder sein wird, dass sie von ihren Vernichtungsvorsätzen und Taten ablassen. Dazu fehlten den Alliierten bis zum Mai 1945 jedoch die Mittel. Die Bombardierungen waren wie schon erwähnt auch ein Versuch der Abschreckung. Dass die Annahme, die Moral der Volksgenossen mittels einer verschärften Bombenkampagne brechen zu können eine Fehlannahme war, oder dass Deutschland nicht heftig genug bombardiert wurde, ist den Verantwortlichen in den Stäben der Alliierten von damals aber nicht anzulasten.

„So etwas darf sich nie wiederholen“ stellt der Chronist Siemon im Interview seiner Zeitung fest. (HNA, 05.09.2018) Damit treffen sich die Chronisten und „Zeitzeugen“ mit jenen, die zwar auch die Nase über diese beiden Bände und die HNA rümpfen, die aber der Auffassung sind, der Welt den Frieden erklären zu müssen und die, wenn sie über den Nationalsozialismus reden, das Wort Faschismus in den Mund nehmen. Sie stehen sich näher als sie sich darüber bewusst sind und betreiben das gleiche Geschäft. Sie meinen mit „Nie wieder“ nicht das Fehlen, einer zur schnelleren Niederwerfung Nazideutschlands anwendbaren effektiveren Waffentechnologie, oder das Ende der dreißiger Jahre zulange zögerliche Handeln der Alliierten, Nazideutschland entgegen zu treten. Nein, diese Floskel drückt den klammheimlichen Wunsch nach „Nie wieder Krieg gegen Faschismus“ aus.

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944: Alles in allem ist der Deutsche nämlich brutal, solange er siegreich bleibt, wird aber selbstmitleidig und bettelt um Mitleid, wenn er geschlagen ist.

Horst Seidenfaden, Harry Soremski, Diese Tränen trocknen nie … Die Kasseler Bombennacht vom 22. Oktober 1943, B & S Siebenhaar Verlag, Berlin Kassel 2018, 156 Seiten, 29,80 €

Thomas Siemon, Trümmer, Tod und Tränen. Überlebensberichte aus der Kasseler Bombennacht 1943, Wartberg Verlag, Gudensberg 2018, 63 Seiten, 12,90 €

IX. Literatur

Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Bonn 2005

Götz Aly und Karl-Heinz Reuband, Volkes Stimme. Skepsis und Führervertrauen im Nationalsozialismus, Frankfurt a. M. 2006

Autor_Innenkollektiv „Dissonanz“ (Hg.), Gedenken Abschaffen. Kritik am Diskurs zur Bombardierung Dresdens 1945, Berlin 2013

Bernward Dörner, Die Deutschen und der Holocaust. Was niemand wissen wollte, aber jeder wissen konnte, Berlin 2007

Beutelsbacher Konsens, Bundeszentrale für Politische Bildung 2011

Europa unterm Hakenkreuz. Die Okkupation des deutschen Faschismus, 1938 – 1945, 8 Bde., Hg. Bundesarchiv und einem Kollegium unter Leitung von Wolfgang Schumann und Ludwig Nestler, Köln, Berlin, Heidelberg 1988 ff

Tilman Krause, Für Gerhart Hauptmann hatte sich Hitler „bewährt“, 2009, in: Welt

Leitfaden für Britische Soldaten in Deutschland 1944, Köln 2014

Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002

Richard Overy, Der Bombenkrieg. Europa 1939 – 1945, Berlin 2014

Cord Pagenstecher, Oral History als Methode, Bundeszentrale für Politische Bildung, 2016

Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, 2 Bde, Hg., W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Fuldabrück 1987

 

Gegen den Anti-Islamismus – im Namen der Opfer

„Genauso wie wir alle Formen von Hass auf Andersdenkende und Gewaltanmaßung verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Faschismus in unserem Land. Dies sind Formen von Intoleranz und Demokratieverachtung, die in unserer Gesellschaft keinen Platz haben dürfen.“ Erklärt die VVN-BdA nach dem Brandanschlag auf das Auto des Politikers der Jungen Alternative Lars Steinke aus Göttingen1 und der lebensgefährlichen Prügelattacke auf einen Teilnehmer einer Kundgebung „Merkel-muss-weg“ in Hamburg.2 Daran kann etwas nicht stimmen. Die Kasseler VVN-BdA stellt sich doch nicht vor Rechtsausleger, mutmaßliche Faschisten oder vor die, die vielleicht nicht alle Tassen im Schrank haben, denn die Gewalt gegen diese geht ja von den Leuten aus, die eine Gesinnung vor sich her tragen, die sie, wie die VVN-BdA die ihre,  Antifaschismus nennen. Aber nichts ist wie es scheint, eine ähnlich lautende Erklärung veröffentlichte die VVN-BdA aus Kassel, nur dass die Aktion, die es zu verurteilen gab, sich nicht gegen vermeintliche oder tatsächliche Nazis und Faschisten deutscher Provenienz richtete,  sondern gegen waschechte, türkischer Herkunft.

In Kassel kam es an diesem Wochenende zu einem Brandanschlag auf eine Moschee. (vgl., HNA, 25.03.2018) Die VVN-BdA ließ erklären: „Genauso wie wir alle Formen von Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit verurteilen, wenden wir uns gegen die zunehmenden Anzeichen von Anti-Islamismus (sic!) in unserem Land. […] Die VVN-BdA versichert den türkischen Mitbürgern in unserer Stadt und allen Menschen aus anderen Ländern ihre volle Solidarität gegen rassistische und fremdenfeindliche Angriffe.“ Das Engagement der unermüdlichen Kämpfer gegen Rechts gegen einen vermeintlichen antimuslimischen Rassismus ist hier schon zu einen gegen den „Anti-Islamismus“ mutiert und ein „Vermächtnis“ macht das Ganze noch bodenloser: Das Engagement erfolge als „Vermächtnis der Überlebenden des menschenverachtenden deutschen Faschismus.“3

Der Brandanschlag richtete sich gegen die Yunus Emre Moschee in Kassel. Da Antifaschisten ja bekannt dafür sind, dass sie recherchieren, sollte man voraussetzen können, dass die VVN-BdA wusste, vor wen sie sich stellt, als sie in ihrer Erklärung tönte, dass Gotteshäuser keine Zielscheiben politischer Aktionen zu sein haben. Was, wenn diese „Gotteshäuser“ aber Horte der Reaktion, der Menschenverachtung und ja vor allem des Antisemitismus sind? Wusste die VVN-BdA es nicht, sind ihre Streiter bestenfalls naiv und dumm? Wussten sie es, ist ihre Erklärung umso unverschämter. Eine Gruppe aus Kassel, die es verdient antifaschistisch bezeichnet zu werden, hat recherchiert. Diese Moschee wird von dem „Verband der türkischen Kulturvereine in Europa“ – abgekürzt ATB betrieben.4

Schon bei Wikipedia5 kann man erfahren, mit was für einer Truppe man es hier zu tun hat: „Die beiden Wesensmerkmale der Ideologie des ATB sind ein traditionelles und rigides Verständnis des Islam und des türkischen Nationalismus. Der Islam wird dabei als Hauptbestandteil des nationalen Selbstverständnisses empfunden. […] Hakkı Öznur, stellvertretender Vorsitzender der Mutterpartei BBP, stellt dazu auf der Homepage des ATB fest: ‚Unser Weg ist der Weg Gottes, unser Weg ist der Weg des Korans, unser Weg ist der Weg des [nationalen] Ideals.‘ Der Koran wird nicht als bloßes Offenbarungsbuch verstanden, sondern wird in den Rang einer Verfassung erhoben. Die Geschichte der Menschheit wird als Kampf zwischen Gut und Böse aufgefasst, als Kampf zwischen dem Wahren (Hak) und dem Nichtigen (Batıl), zwischen Gott (Allah) und Teufel (Şeytan) oder als Kampf zwischen der ‚Nation des Islam‘ (Millet-i İslamiye) und der ‚Nation des Unglaubens‘ (Millet-i Küfriye) Die Website des ATB enthielt ferner eine ‚Enzyklopädie der islamischen Jurisprudenz‘ (İslam Fıkıh Ansiklopedisi) Einige Beispiele: ‚Die Strafe für Ehebruch lautet für verheiratete Männer und Frauen auf Steinigung, für unverheiratete auf 100 Stockschläge.‘ ‚Wenn er auf Abkehr [vom Islam] besteht und nicht Buße tut, wird er zum Tode verurteilt.‘ […] Der ATB begreift die Türken als große Nation, die ihrerseits Teil der islamischen Umma ist.“ Lupenreiner islambasierter Faschismus eben. Die VVN-BdA schweigt zu Gewaltaktionen gegen klassische und autochtone  Rechte, den Wiedergängern des Gestern, sie tönt in moralischer Erhabenheit „Nie wieder!“, wenn Gewalt gegen die Islamisten, gegen den Faschismus von heute ausgeübt wird.

Warum also die VVN-BdA im Zusammenhang dieses Anschlags den „Anti-Islamismus“ inbrünstig verurteilt und mit Abscheu und Entsetzten auf einen Anschlag gegen eine islamfaschistische Einrichtung reagiert, verweist auf den Geisteszustand und moralische Verwahrlosung der VVN-Leute. Nicht nur das, das Manöver ist durchsichtig, denn es beginnt diese Verurteilung mit einer faustdicken Lüge, indem sie behauptet, sich gegen „alle Formen von Antisemitismus“ zu wenden. Eine Organisation, die Veranstaltungen im Café Buch-Oase abhält, den Ostermarsch regelmäßig unterstützt, Rolf Becker einlädt und den Kasseler Friedensratschlag verlinkt, hätte genug Anlass, sich in Sachen Antisemitismus vor allem mit sich selbst und den Bündnisgenossen zu befassen. Die Aneinanderreihung von Antisemitismus, Rassismus und Anti-Islamismus, die es zu bekämpfen gelte, ist durchsichtig und abgeschmackt, weil hier eine Idiosynkrasie zum Ausdruck kommt, die zwar vom Engagement gegen Antisemitismus spricht, aber den Anschluss zu eben diesem in seinen aktuellen Erscheinungsformen sucht.

Weil ein Brandsatz gegen eine Moschee geworfen wurde, ruft die VVN-BdA, „Moscheen brennen“ und sie dürften dabei genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, insbesondere dann, wenn sie von einem „Vermächtnis der Opfer des deutschen Faschismus“ sprechen. Und sie dürften auch genau wissen, was damit im Alltagsverstand assoziiert wird, wenn sie tönen, man müsse sich gegen einen „Anti-Islamismus“ wenden, denn Antisemitismus klingt ähnlich. Ihre Gesinnungsfreunde wiesen in anderen Zusammenhängen schon darauf hin, die Araber seien als „Semiten“ ebenfalls Opfer des Antisemitismus. Was die VVN meint, lässt sich auch so ausdrücken: Kampf denen, die den Kampf gegen den Islamismus führen. Diesen Kampf wollen sie gerne auch mit einer „aktiven Friedenspolitik“ kombinieren. Es verwundert daher nicht, wenn die VVN-BdA beim Ostermarsch dabei ist und in Kürze mit den üblichen Verdächtigen wieder für den Abzug aus Afghanistan und für das Recht des Iran auf die Atombombe wirbt. (Dass das Werfen von Brandsätzen auf eine Moschee eine Straftat und kein probates Mittel im Kampf gegen den Islamismus ist, ist eine Binsenweisheit, die man in zwei Sätzen hätte schreiben können.)

1 Unbekannte setzen Auto in Brand, Göttinger Tageblatt, 15.03.2017

5 Verband der türkischen Kulturvereine in Europa, https://de.wikipedia.org/wiki/Verband_der_türkischen_Kulturvereine_in_Europa, 27.03.2018

Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Warum der Untergang einer Partei nichts Gutes bedeutet

Die SPD erreichte 1919 ihren größten Wahlerfolg in der Weimarer Republik und 1972 in der Bundesrepublik. Heute liegt sie bei 20 Prozent oder weniger und es besteht die Gefahr, dass die AfD die SPD in der Wählergunst hinter sich lässt. Dazu ein paar Gedanken.

1919 stand die SPD für einen sozialen und demokratischen Wandel einer Gesellschaft, die von der obrigkeitshörigen, autoritären und militaristischen Klassengesellschaft unter Bismarck und Kaiser Wilhelm geprägt war. So problematisch die theoretischen Entwürfe eines August Bebel, Karl Kautsky, Ferdinand Lassalle und anderer auch waren, sie machten deutlich, dass die Partei für eine gesellschaftliche Alternative stand. Daran änderte nach dem Ersten Weltkrieg auch ein schwacher Repräsentant der Partei wie Friedrich Ebert zunächst nichts. Nicht seinetwegen, sondern der Ideen von der repräsentativen Demokratie wegen, der Ideen von der Rechtsstaatlichkeit und von der sozialen Teilhabe und Mitbestimmung in der Gesellschaft wegen, war die Partei damals mehrheitsfähig. Die SPD erlangte bei der ersten Wahl im Jahre 1919 37,9 % die linksliberale DDP 18,6 %. Zahlen, die die SPD in der Weimarer Republik nicht und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik lange nicht mehr erreichen sollte. (Der Linksliberalismus konnte nie wieder an diesen gesellschaftlichen Zuspruch anknüpfen.)

Noch mit einer Idee von einem Morgen

Erst als Aufstandsversuche randständiger Linksradikaler von der SPD-geführten Reichsregierung im Bündnis mit einer rechtsextremen Soldateska mit äußerster Brutalität niedergeschlagen und die Revolutionäre, sowie kritische Geister von einer vom monarchistischen und antidemokratischen Geist beherrschten Justiz gnadenlos verfolgt wurden, verlor die SPD deutlich an Zustimmung in der Wählerschaft. Von diesem Niedergang erholte sich die Partei nur vorübergehend im Zuge der Debatten um die Fürstenenteignung und um den Panzerkreuzer-A. Der Niedergang der SPD und des Linksliberalismus hinterließ ein politisches Leerfeld, das zum Teil von der USPD dann von der KPD vor allem aber vom Revanchismus, Rechtsnationalismus, dem Nationalchauvinismus und dann vom Nationalsozialismus gefüllt wurde. Die SPD landete beim Wählerzuspruch 1933 da, wo sie heute steht, nämlich bei weniger als 20 % der Wählerstimmen.

1969 stand die SPD, obwohl sie vorher der großen Koalition angehörte, für eine Alternative zur bestehenden Politik und zur postnazistischen Nachkriegsgesellschaft und löste eine sklerotische CDU ab. Die SPD und ihr sozialliberaler Bündnispartner standen damals für eine Demokratisierung der Gesellschaft, für eine Bildungsreform, eine Justizreform (hier insbesondere auch das Ehe- und Familienrecht) und für die Ausweitung der Mitbestimmung. Vor allem aber wurde von der SPD die Reform der sozialen Sicherungssysteme in Angriff genommen, die eine Ausweitung sozialer Sicherheit bedeuteten. (vgl., Peter Borovsky, Sozialliberale Koalition und innere Reformen) Damit wurde ein Kernbestandteil sozialdemokratischer Politik umgesetzt und nicht wie unter Gerhard Schröder 30 Jahre später demontiert. Damals verstand man unter Reform einen Schritt in Richtung einer Gesellschaft, die man als Alternative zur von der Kapitalverwertung dominierten verstehen wollte und nicht das Gegenteil davon. Diese Politik führte 1972 zum besten Wahlergebnis, dass die SPD jemals in ihrer Geschichte erreichen konnte.

Als ein Kandidat der SPD ein Selbstläufer war

Damit war es mit dem Rücktritt Willy Brands vorbei. Es begann der Niedergang dieser Partei für den schon ein Helmut Schmidt stand, der aber erst im Schröder-Blair-Turn seinen programmatischen Niederschlag fand, der sich im Hartz-Konzept am krassesten ausdrückte. Diese politische Wende ist verantwortlich dafür, dass die SPD da steht, wo sie heute steht. Bis heute ist es der SPD nicht gelungen, der Vernichtung der Kernelemente ihrer Politik außer postmodernem Wortgeklingel irgendetwas Substantielles entgegenzusetzen. Nahles, Maas, Gabriel, Schulz und auch ein Kühnert täuschen mit ihren leeren Phrasen, die nur dem Schein nach für unterschiedliche Konzepte stehen, darüber hinweg, dass es in der SPD niemanden gibt, der eine Idee davon hat, was unter Demokratie, Sicherheit und Soziale Gerechtigkeit in einer kapitalistischen Moderne verstanden werden könnte und wie diese dann auch in die Gesellschaft getragen werden könnte.

Den Niedergang der SPD und seine Repräsentanten Nahles, Schulz und Gabriel kann man mit Spott, Häme und Verachtung quittieren, das Problem was dabei nur auftritt, ist, dass ein politisches Vakuum entstanden ist, in das zum einen der Islam in den Einwandererkommunities und in der „autochtonen“ Gesellschaft mit zunehmenden Selbstbewusstsein die AfD tritt. Die AfD und der offizielle Islam (Islamrat, Zentralrat der Muslime) stehen dabei für den legalistischen und dem Schein nach, die demokratischen Gepflogenheiten akzeptierenden Teil einer gesellschaftlichen Parallel- oder Gegengesellschaft, deren metastasierende Ausläufer hasserfüllt, gewalttätig und terroristisch sind und auf dem platten Land, in Stadtteilen und in den sozialen Medien versuchen, die politische und kulturelle Hegemonie zu erkämpfen. Wenn nun die AfD die einzige Partei ist, die vernehmbar gegen die Islamisierungstendenzen (in Deutschland) auftritt und die Sozialdemokratie in postmoderner Anwandlung, die AfD deswegen als rassistisch brandmarkt und den Islam unter Artenschutz stellt, bzw. teilweise offen mit diesem kollaboriert, verrät die SPD auch noch die letzte Traditionslinie, die sie einmal in der Weimarer Republik und unter Willy Brand kennzeichnete, nämlich den Antifaschismus in demokratischer Absicht.

Von Pfifferlingen und deutschen Opfern

„… das weitere Schicksal Krugs schilderten ehemalige, teils hochrangige Mossad-Leute dem Buchautor [Ronen Bergman]. […] Nach Bergmans Recherchen befahl der Mossadchef [Isser Harel] einem seiner Männer, Krug zu erschießen. Seine Leiche sei von einer Maschine der israelischen Luftwaffe über dem Meer abgeworfen worden, sagt ein anonymer Ex-Mossad-Mann in der TV-Dokumentation in die Kamera.“  (Spiegel 4 / 2018) Spiegel-Leser wissen mehr.

Diese Methode kennt man aus anderen Zusammenhängen und es gibt gute Gründe gegenüber solchermaßen „belegten“ Aussagen skeptisch zu bleiben. Nicht dass es damals Gründe gab, Krug an seinem Wirken zu hindern und notfalls auch aus dem Weg zu räumen, doch über das Ende von Krug weiß man auch heute nichts genaues. Von Skorzeny in Säure aufgelöst, vom Flugzeug abgeworfen, oder …

1963 berichtete der Spiegel in einem mit „Heidi und die Detektive“ launig betitelten Artikel : „Am 11. September verschwand der ehemalige Sänger-Mitarbeiter Dr. Heinz Krug, 49, aus München. Krug war Inhaber der Intra-Handelsgesellschaft, die Ägypten mit Material für Raketenbau versorgte. Von Krug wurde bis heute keine Spur gefunden; ein anonymes Schreiben zeigte seinen Tod an.“ Der Zeuge über den Tod Krugs damals wie heute ein Anonymus. Seit 1963 also nichts wirklich Neues.

Von den Tätigkeiten des deutschen Kaufmanns erfährt man heute im Spiegel: Er sollte für Nasser Raketen entwickeln, er hat Pfifferling gesucht, einen Mercedes 300 SE gefahren, den er allerdings skeptisch begutachtete, bevor er in ihn stieg, denn so wird der Sohn zitiert, „seinem Vater sei wohl bewusst gewesen, dass Nasser [für die Raketen] auch militärische Einsatzzwecke vorschwebten. Spätestens seit Juli 1962 bestand daran kein Zweifel mehr. Nur Tage nach einem erfolgreichen Test von vier Raketen ließ der begeisterte Staatspräsident bei einer Militärparade  die neuen Waffensysteme vorführen […] Die Botschaft war klar. Hiermit können wir Ziele in Israel angreifen. Dort brach Panik aus. […] Mossad-Boss Harel betrieb nun den Kampf gegen die Flugkörper.“

1963 wusste man im Spiegel: „Der Agentenkrieg“ brach aus, als Nasser 1962 seine Raketen öffentlich vorgeführt hat. „Nasser verdankte seine neuen Waffen deutschen und österreichischen Wissenschaftlern.“ Man schrieb zwar nichts von Pfifferlingen aber erkannte damals wie heute: „Die ägyptische Aktivität brachte alsbald die Israelis auf den Plan, die in Nassers Raketen eine tödliche Bedrohung für ihr Land sehen. […] Für Nassers Raketen-Bauer begann unversehens ein gefährliches Leben“.

Die verfolgten Unschuldigen und ihre schuldigen Verfolger

Krug war kein Einzeltäter. Ein Wolfgang Pilz und ein Hans Kleinwächter werden genannt, auch die kannte man schon 1963 und auch die „Postsendungen aus Hamburg, die Sprengstoff enthielten“ konnte man zuordnen. Der hier genannte Kleinwächter wusste damals schon Gehard Frey in der Nationalzeitung zu berichten: „Eine Betrachtung der letzten 20 Jahre ägyptischer Geschichte zeigt keinen einzigen Fall auf, in denen Ägypten einen anderen Staat überfallen hätte.“ Heute würde er das auf dem Friedensratschlag an der Kasseler Universität als Ergebnis jahrelanger Friedensforschung verbreiten. Und auch wie heute nahm man bei den Arbeitgebern der deutschen Raketenspezialisten kein Blatt vor dem Mund, wenn es um Israel geht. So ließ der damalige Chefredakteur der Al-Ahram verlauten: „Israel kann nicht ewig isoliert und umgeben von Haß existieren, […]. Israel wird […] ein Fremdkörper bleiben.“ Die arabische Haltung Israel gegenüber beruht „nicht nur auf dem Verdruß wegen der bitteren Erfahrungen der Palästinatragödie von 1948 […]“, sondern auf der „Tatsache, daß ein Staat Israel existieren soll und noch dazu auf einem Boden, der von Israel geraubt wurde […]“, so der Cairo-Brief in der Broschüre der Liga der Arabischen Staaten „Israel verfolgt deutsche Wissenschaftler“ aus dem Jahr 1964.

Dieser Zusammenhang, den der Spiegel 1963 immerhin noch indirekt zur Sprache brachte, als er die Haaretz wie folgt zitierte, „wenn Israel gezwungen wird, unkonventionelle Maßnahmen anzuwenden, um sich gegen die Bedrohung […] zu wehren, so liegt die wirkliche Verantwortung auf den Schultern der Regierung in der Bundesrepublik“ ist heute in diesem Magazin kein Thema mehr. Stattdessen präsentiert man zum Teil fasziniert, zum Teil empört die Ausführungen des Wissenschaftlers aus Israel über die Effektivität des Mossad und zählt akribisch die Toten, die der Mossad angeblich oder tatsächlich zu verantworten hat und zu denen, der Teufel soll sie holen, vielleicht sogar Arafat, aber auf jeden Fall auch deutsche Volksgenossen zählten, die wie Kleinwächter am Beispiel Krugs damals vor Frey empört darlegte, keine 20 Jahre vorher noch für Volk und Führer ihr Leben und ihre Gesundheit aufs Spiel setzten.

In der genannten Broschüre ist noch folgendes zu lesen: „[…] israelische Agenten fanden Schutz bei den bundesrepublikanischen Behörden aufgrund der Behauptung, daß das deutsche Volk für die Taten einer Gruppe von Menschen, während des Dritten Reichs verantwortlich sei. Diese Gruppe von Menschen wurde durch die Philosophie der westlichen Demokratie als diktatorisch bezeichnet, […]“ Heute ist man da schon weiter. Der Kampf gegen die westliche Philosophie ist Kernbestandteil linker Ideologie geworden und so wie man den Faschismus überall dort entdeckt, wo westliche Philosophie als das große Narrativ der Herrschenden gemutmaßt wird, nur dort nicht wo er stattfindet, so sieht man Täter vor allem da, wo der Staat, in dem, wie es Golda Meir damals formulierte, „die Überlebenden der Massenvernichtung Zuflucht gefunden haben“ verteidigt wird, nur da nicht, wo Waffen entwickelt werden, mit denen diesem Staat der Garaus bereitet werden soll.

Damals stellte sich schnell heraus: Die deutschen Waffentechniker stellten Kriegsgerät her, welches sich als untauglich erwies. Die für Israel bedrohliche Aufrüstung bewerkstelligte damals eine andere Macht. Die Waffen, die heute Israel bedrohen und auch aufgrund deutscher Politik ermöglicht werden, sind nicht nur  weitaus gefährlicher als die der damaligen Raketentechniker, sonder auch als die, die Ägypten und Syrien 1973 dazu befähigten, Israel nahe an den Abgrund zu bringen. Die Politik und die Politiker, die diese Rüstung vor dem Hintergrund einer postulierten Verantwortung vor der Geschichte heute möglich machen sind kein Thema des Spiegels. Damals legten Politiker der CDU, der SPD und der FDP einen Gesetzentwurf vor, nach denen Auftragsreisen deutscher Wissenschaftler und Techniker ins Ausland ähnlich wie beim Kriegswaffenkontrollgesetz vorher genehmigt werden müssten.  Dem Politiker, der heute die Waffentechnik verhindern will, die Israel tödlich bedroht, wirft man auch im Spiegel vor, Wegbereiter des Faschismus zu sein.

Den Antisemiten eins auf die Backen!

„Im Laufe der vergangenen 40 Jahre sind die israelischen Juden eine Nation geworden. Sie haben eine archaische Sprache (Hebräisch) wiederbelebt, die heute Umgangssprache der Mehrheit der Israelis geworden ist; eine nationale Kultur überwindet die ethnische Teilung. […] Aber ein wesentliches Element des Nationalbewusstseins der israelischen Juden ist ihre unterdrückerische und chauvinistische Haltung gegenüber den Arabern. Die israelischen Juden haben ein Nationalbewusstsein herausgebildet, […], gleichzeitig sind sie Angehörige einer Unterdrückernation; ihr Nationalbewusstsein ist nur entstanden durch die gleichzeitige Verweigerung des legitimen Rechts auf Selbstbestimmung für die Palästinenser. Israel ist daher eine Unterdrückernation, und wir erkennen daher sein Existenzrecht als Nationalstaat nicht an.“ 1

So heißt es auf der Seite der Gruppe Arbeitermacht, die Dachorganisation der Truppe, die sich „REVOLUTION“ nennt und in Kassel auch bei den antisemitischen Kundgebungen im Sommer 2014 dabei waren, denn „als revolutionäre Kommunist_Innen stehen wir stets an der Seite der Unterdrückten und halten auch deshalb den palästinensischen Widerstand […] gegen das zionistische Regime für legitim und notwendig, denn es handelt sich hier um eine religiöse Legitimation für eine kolonialistische Politik.“ Und die würden die jungen Revolutionäre natürlich nie unterstützen und bekämpfen deswegen Israel, weil dieser Staat „unter Vereinnahmung des Davidsterns sich als ‚das jüdische Volk‘ präsentiert und in diesem Namen unterdrückt, ermordet und vertreibt. Wir betonen an dieser Stelle erneut: der Staat Israel ist zionistisch, nicht jüdisch.“2 Und der Staat ist nicht nur nicht jüdisch, sondern ist ein Staat der „einen Genozid an den Palästinensern begeht […] deswegen ist, „wer so einen Staat in Frage stellt, […] noch lange kein Antisemit.“ Auch der ist kein Antisemit der „die Zerschlagung des bürgerlichen Staates Israels“ zusammen „mit der Befreiung der PalästinenserInnen“ fordert. Und im übrigen „dass Israel Kinder tötet, ist eine Tatsache. Jeder, der [daher] den Angehörigen, deren Familien in Gaza oder der Westbank umgebracht werden, unterstellen will, dass sie Antisemiten sind, weil sie ihre Wut und Trauer herausschreien, ist an Zynismus wohl kaum zu überbieten. Wenn Südafrika ein Apartheidsstaat war, dann ist Israel mit Gewissheit ein Apartheidsstaat.“3

In Kassel haben nun ein paar juvenile Vertreter dieses lupenreinen Antisemitismus eins auf die Backen bekommen. Diese beklagen sich darüber, dass „Antirassit_Innen“ angegriffen worden seien.4 Um die Jungs und Mädchen dieser Truppe noch mal zu zitieren: „Im Kampf gegen Antisemitismus treten wir auch sehr wohl für demokratische Selbstverteidigungsstrukturen gegen antisemitische Übergriffe ein.“ Ein paar GenossInnen haben sie beim Wort genommen!

Merkava das ist die wahre Antifa!

Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten

Ein Kasseler Junge als Soldat der britischen Armee in Nordafrika
(Update 31.10.2018)

Sie lesen hier einen kleinen Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen eines Veteranen der britischen Armee und später der jüdischen Brigade, der gegen Nazideutschland kämpfte. Sie werden in der Form wiedergegeben, in der sie von Mordechai Tadmor mir erzählt wurden. Der Text ist daher in der Ich-Form gehalten. Mordechai Tadmor war Martin Kaufmann, der seine ersten 10 Lebensjahre in Kassel verbrachte, um dann 1932 mit seinen Eltern und zwei Brüdern die Stadt zu verlassen und mit ihnen nach Palästina / Israel auswanderte. Als er kurz vor der Auswanderung auf das Kasseler Wilhelmsgymnasium wechselte, erlebte er als Schüler antisemitische Anfeindungen der deutschen Volksgemeinschaft (Nachbarn, Schüler und Lehrer). Trotzdem erinnert er sich gerne an die Straßen und Plätze der Kassel Altstadt zurück, in denen er als „Gassenjunge“ lebte. Martin überlebte den Krieg und heißt seit 1948  Mordechai Tadmor.

Eine ausführlichere Fassung der Erzählungen ist unter dem Titel „Westlich des Suez“ in gedruckter Form erhältlich und kann beim Autor bestellt werden.

Am 30.10.2018 ist Mordechai Tadmor leider verstorben. Er hinterlässt seine Frau Edith, mit der er fast 70 Jahre verheiratet war, zwei Söhne, Enkel und Urenkel. Ihnen und Martins Eltern ist eine kleine Broschüre gewidmet. 

I. Weihnachten in Kairo

Wir Rekruten hatten unsere Grundausbildung im Sarafand (heute Tzrifin1) hinter uns, bekamen neue Uniformen (unsere alten waren Bestände aus dem ersten Weltkrieg) und bestiegen die Fahrzeuge, die uns über den Suezkanal nach Kairo brachten. Die meisten von unserer Gruppe kamen aus einem Kibbuz oder einer Siedlung. Sogar Tel Aviv war damals eher ein Schtetl, denn eine große Stadt. Kairo hingegen war eine Metropole mit Straßenbahnen, Museen und Vergnügungsstätten, die wir aber leider nicht besuchen konnten, da unser Sold dazu nicht ausreichte. Wir trafen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Kairo, die für uns eine Art von Klub organisierten, wo man billig essen konnte. Die Leute sprachen untereinander französisch, arabisch nur mit den Dienstboten. Ihre Töchter ignorierten uns leider. Wir wurden dort im Militärlager Abbasiyah untergebracht, es lag inmitten der Stadt. Im Lager war Betrieb als wären wir noch im tiefsten Frieden und das obwohl Marschall Grazianis2 Armee schon an der ägyptischen Grenze stand.

Ein Erlebnis, das ich bis heute mit meinem Dienst in der britischen Armee verbinde, war das Weihnachtsfest 1940. Es war mein erstes und letztes Mal Weihnachten zu feiern. Normalerweise wurden wir täglich gedrillt und inspiziert und mussten viel Zeit totschlagen. Dann kam der 24. Dezember. Das Camp verwandelte sich. Plötzlich stand der Drill nicht mehr auf der Tagesordnung wir wurden weder inspiziert noch angeschnauzt. Am Abend wurden wir in den großen Speisesaal des Lagers geführt. Die Halle war festlich geschmückt. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum mit allem was dazugehört, Kerzen, Sterne und Lametta. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser. Normalerweise aßen wir aus sogenannten Messtins, das sind zusammenklappbare Blechnäpfe, deren einer Teil für Getränke vorgesehen war, der andere Teil für das Essen. Auf dem Tisch standen Bierflaschen und Boxen mit Zigaretten und zwar von der Marke “Player“ und “Capstan“, nicht die Sorte Zigaretten, die wir sonst als Ration erhielten. Das waren welche mit dem Namen “Victory“. Denen wurde nachgesagt, dass sie aus purem Kamelmist bestehen würden – jedenfalls schmeckten sie so.

Die Feier wurde natürlich für die Engländer ausgerichtet, doch wir waren als Gäste geladen. Nachdem alle Platz genommen hatten, betrat der Regimental Sergeant Major die Halle. Ein Regimental Sergeant Major, der höchste Rang des Sergeanten, ist verantwortlich für die Ordnung und Disziplin und normalerweise versuchten wir ihm aus dem Weg zu gehen, denn er fand immer einen Grund uns anzuschnauzen oder zu einer Arbeit einzuteilen. Er trug zur Feier des Tages seine Friedensuniform und wir standen auf. Er hielt eine Ansprache, und wir wurden mit „Gentlemen“ angesprochen. Das hinterließ bei uns einen großen Eindruck. Danach wurde der Weihnachtsbaum angezündet. Wir tranken ein Toast auf Seine Majestät King George VI und es wurden Weihnachtslieder gesungen. Unter anderem „Oh come all ye faithfull“. Wir versuchten mehr schlecht als recht mitzusingen. Dann wurde das Festessen aufgetragen. An die Speisenfolge habe ich keine klare Erinnerung mehr, war es das gute und reichlich ausgeschenkte Bier, ich weiß es nicht mehr genau. Aber es gab Steak, Kidny Pie und Plumpudding. Natürlich waren wir sehr beeindruckt und vielleicht sogar ein wenig stolz, ein Teil von dieser Organisation zu sein. Später relativierte sich dieser Eindruck.

Am nächsten Morgen gab es keine “Reveille“ (Wecken). Britische Offiziere brachten uns sogar den Tee an unsere Pritschen. Später erklärte man uns, das wäre der Brauch in der Army in Friedenszeiten. Nach wenigen Tagen war das alles leider vorbei.

II. Libyen

Wir erreichten Tripolis nach 3 Jahren Krieg in der Wüste. Oft glaubten wir, wir hätten es schon fast geschafft. Aber dreimal wurden wir auf halben Weg zurück gejagt. Doch nach Montgomerys Sieg bei El-Alamein, waren wir dann endlich am Ziel. Schon der Weg dahin war eindrucksvoll: Auf der Strecke von Derna nach Tripolis blühte alles. Deswegen wurde die Gegend auch „Djebel Achdar“ genannt, der „Grüne Berg“. Dort lebten italienischen Bauern, die von Mussolini dort angesiedelt wurden und die Gegend in einen Garten verwandelten. Jahre nach dem Krieg, nachdem Gaddafi die Macht übernahm, wurden sie verjagt und das Land wurde wieder zu Wüste, wo die Senussibeduinen3 ihr Unwesen trieben, was sie bekanntlich heute noch tun.

Tripolis war zu unserer Zeit eine schöne Stadt, erbaut im italienischen Stil, mit eindrucksvollen Gebäuden und nahezu unbeschädigt. Wie die Stadt heutzutage aussieht, muss ein Alptraum sein. Der Krieg war zu der Zeit, wo ich dort stationiert war, schon ziemlich weit weg – an der Grenze zu Tunesien. Dort konnte Rommel den neu angekommenen Amerikanern lehren, was Krieg ist, bevor sie ihm dann das Laufen beibrachten. Wir waren eingesetzt, um den Nachschub an die Front zu sichern. So hielt sich unsere Belastung in Grenzen. Wir bezogen ein Camp am Stadtrand und richteten uns dort ein. Nur die nächtlichen Angriffe deutscher Bomber hielten uns auf Trab, aber daran waren wir schon gewöhnt. Unser Camp lag in der Nähe des Viertels Gargaresh, wohin die Italiener, seit der Verbindung mit Nazideutschland, die Juden von Tripolis4 verbannten. Das war also so eine Art von Ghetto. Dort lebten sowohl die ehemals wohlhabenden jüdischen Einwohner von Tripolis als auch die sehr armen. Wir organisierten sofort eine Art Gemeinschaftsleben, unterrichteten Hebräisch, lehrten hebräische Lieder und halfen so gut wir konnten. Die meisten Bewohner des Ghettos sprachen italienisch und so fing ich schon dort an, Italienisch zu lernen.

Oft wurden wir zum Essen Freitagabends, also zum Sabbath, eingeladen. Dort lernte ich zum ersten Mal den Freitagabendfisch der tripolitanischen Juden kennen. Später erfuhr ich, dass das auch die Art der tunesischen, marokkanischen und algerischen Juden war, den Fisch zuzubereiten. Das Essen nennt sich „Chreime“. Der so zubereitete Fisch war so scharf, dass uns die Tränen liefen. Nie wieder habe ich so einen Fisch gegessen. Dazu tranken wir Arrak und einen Wein, der – ich glaube – aus Datteln gekeltert war. Man nannte ihn „Legbe“. Heute kennt den glaube ich kein Mensch mehr.

Mitte August endete dann dieses Leben. Wir wurden in ein isoliertes Camp versetzt, weit entfernt von der Stadt und mitten in der Wüste. Wir durften keinen Kontakt mehr mit der Außenwelt haben, auch nicht schreiben. Unsere Fahrzeuge wurden wasserdicht gemacht. Alles Vorbereitungen für das Unternehmen „Bigot“, die Invasion Italiens. Im September 1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. In Folge der erfolgreichen Befreiung Siziliens wurde Mussolini gestürzt und Italien schied als Kriegsteilnehmer an der Seite Deutschlands aus. Deutsche Truppen besetzten daraufhin den nördlichen Teil Italiens und errichteten die „Republik Salo“, in der Mussolini als Oberhaupt fungierte. So endete das tripolitanische Intermezzo für uns. Ein Nachspiel gab es noch: Viele Jahre später traf ich zufällig in Givatayim einen Mann aus Tripolis. Er war ein Schneider, der meine Hosen flickte. Wir kannten uns vorher nicht, freundeten uns aber an und ich besuchte in oft. Natürlich tauschten wir unsere Erinnerungen an Tripolis aus und unterhielten uns auf italienisch. Er ist schon lange tot. Eine Plakette an seinem Haus erinnert an ihn.

Martin Kaufmann und sein bester Freund Israel Gefen
als Soldaten der britischen Armee in Nordafrika (© JD)

III. Italien

Wir haben die italienische Bevölkerung ganz unterschiedlich wahrgenommen und kennengelernt. Da waren, zum ersten, die italienischen Siedler in der Provinz Cyrenaika, die von Mussolini im fruchtbaren Teil Libyens angesiedelt wurden. Soweit sie nicht evakuiert waren, lernten wir sie als stolze Faschisten kennen, die nichts mit uns zu tun haben wollten. Ganz anders war die Situation nach der Landung der Alliierten in Sizilien und Salerno. Es kam zu einem Waffenstillstand, die Deutschen übernahmen das Land und die Italiener und wir waren auf einmal Verbündete.

Meine Abteilung wurde nach der Landung in die Nähe von Neapel versetzt. Neapel war der Hauptnachschubhafen für die 5. Amerikanische Armee, der wir unterstellt waren. Die Korruption war fürchterlich. Alles wurde verschoben, alles war zu haben, einschließlich Frauen – für eine Dose Cornedbeef oder eine Stange Zigaretten. Ich bin stolz auf die Tatsache, dass wir, d.h. meine Kompanie, im Großen und Ganzen sauber blieben. Wir waren eben immer noch Idealisten, so komisch das heute klingt.

Mit den Italienern kamen wir gut zurecht. Die meisten Italiener, besonders in den Dörfern, in denen wir kampierten, hatten keine Ahnung, wer wir waren und woher wir kamen. Wir wurden gefragt: „Woher kommt ihr ?“ Wir antworteten: „Aus Palästina“. Die Antwort: „Ah bene, siete da Palestrina“. Den Ort gibt es wirklich, in der Nähe von Rom. In Florenz, wo wir nach Kriegsende längere Zeit stationiert waren, gab es dann ziemlich viel Kontakt zwischen den Italienern und uns. Einige von uns heirateten sogar Florentinerinnen. Ich selbst schloss Freundschaft mit einem Italiener, der als Zivilangestellter bei uns arbeitete und besuchte ihn oft zu Hause. Er hatte eine 10-jährige Tochter, die mein Italienisch korrigierte, während ich ihre englischen Hausaufgaben durchsah. Mit dieser Familie korrespondierte ich noch Jahre danach. Die Liebe zu Italien, zur italienischen Sprache und zur Literatur ist mir bis heute geblieben.

Alles in Allem hatte ich in Florenz einen bequemen Job, der mir viel freie Zeit ließ. Diese Freizeit nutzte ich aus um Florenz kennen zu lernen. Ich verliebte mich in diese Stadt mit ihren historischen Brücken und Gebäuden. Auf einem meiner Streifzüge durch die Stadt lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Lina und arbeitete in einer Wäscherei, nicht weit von unserem Kompanie HQ. Auch sie wohnte in der Nähe. Sie lud mich ein, sie daheim zu besuchen. Ihre Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen. Da war noch ein kleiner Bruder, er hieß Gianpaolo. Die Eltern hatten keine Einwände gegen meine Besuche, denn meistens brachte ich etwas mit: Einige Dosen Corned Beef die mir mein Freund, der Küchenchef spendierte oder Zigaretten der Marke „Player“ aus unserer „NAAFI“ (Kantine). Wir unternahmen Streifzüge durch die Stadt und besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, den Palazzo Vecchio und den Dom. Das war das erste Mal, dass ich eine Kirche von innen sah. Meine Mutter sagte immer: „Ein Jude geht nicht in eine Kirche“. Auch die Martinskirche in Kassel sah ich nie von innen. Lina führte mich auch an die Santa Trinita Brücke, dort wo Dante Beatrice zum ersten Mal sah. Jedes Kind in Florenz kennt die Geschichte der Stadt. Einmal bat sie mich, sie in eine Kirche in in der Nähe ihrer Wohnung zu begleiten, zur Beichte wie sie sagte. Während ich auf sie wartete, setzte sich ein Pater zu mir (ich glaube, es war arrangiert). Er stellte sich als Prete Giuseppe vor und stellte mir Fragen über meine Herkunft, Religion usw. Er war sehr angetan, als ich ihm erzählte, dass ich aus Palästina komme und er fing an über Jesus, Maria, und die Kreuzigung zu erzählen.

Am Ende des Gespräches lud er mich ein, an einem Sonntag an einer Messe teilzunehmen. Ich folgte seiner Einladung und war auch sehr von dem Zeremoniell beeindruckt, das so verschieden von dem Unseren war. Bei meinem letzten Besuch gab er mir ein Gebetbuch mit Gebeten in lateinischer Sprache mit, das ich bis Heute habe. Ich las oft darin und war sehr beeindruckt von der lateinischen Sprache und von dieser Zeit rührt mein Interesse an dieser Sprache. Doch bevor Lina und ich über eine gemeinsame Zukunft sprechen konnten wurden wir getrennt. Aber ich hatte auch noch keinen Begriff, wie eine solche Zukunft hätte aussehen können. Ich war noch absolut unreif und kindisch in dieser Beziehung, denn ich war zwar lange Soldat, hatte aber weder Beruf, Bildung noch Rückhalt in der Familie. Ich auch an ein Leben im Kibbuz. Vielleicht wären wir beide dort aufgenommen worden.

Mordechai Tadmor liebte nicht nur die italienische Sprache. Das ist Lina aus Florenz.

Auf jeden Fall aber, das Schicksal wollte es anders. Der Krieg war zu Ende und die dienstältesten Soldaten (ich war unter diesen, ich hatte die Dienstnummer 529) bekamen 56 Tage Heimaturlaub. Dieser Urlaub erwies sich für mich als Katastrophe – Alles war mir fremd geworden. Ich wollte zurück nach Italien aber dahin führte kein Weg zurück. Für meine Anstrengungen nach Italien zurückzukommen wurde ich auf einen Posten in der Negevwüste (Bir Asluj) verbannt wo ich bis zu meiner Entlassung aus dem Dienst bleiben musste. Lina heiratete einen Kameraden aus meiner Kompanie und kam mit ihm sogar nach Israel. Aber ich sah sie nie wieder. Bei der letzten Zusammenkunft unserer Kompanie im Jahre 1988, traf ich ihren Mann. Er erzählte mir, dass sie ein Jahr zuvor an Krebs starb. Ite, Missa est.

1 Tzifrin ist heute eine israelische Militärbasis. Sie liegt südöstlich von Tel Aviv.

2 Rudolfo Graziani war ein italienischer General. Er war u.a. für den Einsatz chemischer Waffen in Abessinien und völkermordähnlichen Deportationen in Libyen verantwortlich. 1940 scheiterte ein Angriff seiner Truppen auf Kairo. In der sogenannten Republik Salo war er Verteidigungsminister. Nach dem Krieg trat er 1955 der faschistischen MSI bei. Graziani starb 1955.

3 Senussi-Beduinen sind eine Bevölkerungsgruppe in Libyen, die stark vom Soufi-Orden beeinflusst waren. Viele von ihnen waren Gegner der italienischen Besatzung und kooperierten mit den Alliierten. Das Oberhaupt der Senussi-Beduinen wurde nach 1945 als Regent eingesetzt. Die Regierung wurde von Gaddafi gestürzt. Der Soufi-Orden war unter Gaddafi verboten, ohne jedoch den gesellschaftlichen Einfluss eingebüßt zu haben.

4 In Tripolis gab es wie in vielen anderen nordafrikanischen Städten, wie auch im schon erwähnten Kairo, seit der Antike eine uralte jüdische Gemeinde. Unter italienischer Herrschaft wuchs diese Gemeinde zunächst an und erfuhr auch nach der Einführung antisemitischer Gesetze in Italien keine Benachteiligung. Erst nach der Besetzung Libyens durch deutsche Truppen, wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Libyens interniert und in ein Zwangsarbeiterlager deportiert, wo viele Juden umgebracht wurden, oder an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben. Nach dem Krieg kam es dann schon 1945 zu einem Pogrom, bei dem über 100 Juden von einem Mob umgebracht wurden. 1948 kam es erneut zu Angriffen auf die jüdische Bevölkerung, die sich jedoch verteidigte. Danach begann die Vertreibung des Großteils der jüdischen Bevölkerung aus Libyen (wie aus den anderen arabischen Staaten). Die letzten verbliebenen Juden wurden 1967 aus Tripolis vertrieben.

DITIB – UETD – ATIB – scheißegal

Einer von uns – und die Indifferenz der Wohlmeinenden

„Einer von uns“ heißt eine Plakatserie, die uns deutlich machen will, dass Kassel eine tolerante und weltoffene Stadt ist, in der Migranten und solche, die man als Bürger, mit migrantischem Hintergrund bezeichnet, akzeptierter und integrierter Teil der Gesellschaft sind. Die Plakatserie hängt in der Markthalle, in der vor allem die einkaufen gehen, die als die etwas Betuchteren gelten und die sich dem wohlmeinendem, mit notorisch guter Gesinnung  ausgestatteten Kasseler Bürgertum zuzählen dürften.

Einer von uns. Das Plakat links zeigt Kamil Saygin.

Das links hängende Plakat zeigt den Vorsitzenden des Ausländerbeirats Kassel Kamil Saygin. Er steht der UETD nahe, vielleicht ist auch Mitglied dieser Organisation. Die UETD ist die Lobbyorganisation der AKP in Deutschland. Die UETD hatte im Zusammenhang der Armenienresolution des deutschen Bundestages Protestbriefe an die Abgeordneten gesandt, die Bedrohungen an diese nach sich zogen, zu denen die UETD schwieg. (vgl. Wikipdiaeintrag UETD) Man kann davon ausgehen, dass die UETD wie auch die DITIB missliebige „Landsleute“ an die türkischen Organe meldet, was die bekannten Folgen nach sich zieht.

Bericht von einer UETB-Versammlung auf der auch Kamil Saygin als Vertreter genannt wird. Im übrigen wird hier vermeldet, dass die „türkischstämmigen“ Bürger vor allem SPD wählen würden – was einiges über den Obersultan in Kassel erklärt.

In Kassel gibt es eine eng kooperierende politische Szene aus UETD, Milli Görüs, DITIB und ATIP (Graue Wölfe), die man getrost als faschistisch und islamistisch bezeichnen kann.

Die, die zu uns gehören – Die Harzburgerfront in Kassel

Sie organisierten u.a. eine Busfahrt zum großen Kölner Politspektakel. Auf der Busfahrt wurden die einschlägigen Grusszeichen präsentiert, die man dann auch stolz im Internet präsentierte. Eine Distanzierung der entsprechenden Szene zum Kasseler Aufruf zum Märtyrertod und zur Vernichtung der Gegner gibt es bis heute nicht.

Wahlaufruf der Liste G2000 auf der Kamil Saygin (links oben) u.a. neben dem Milli Görüs-Mann Caglar Öztürk (unterste Reihe 3. von links) geführt wird.

Man stelle sich vor, es würde eine Plakataktion geben, in der der sich der schon einmal als Nazi bekennende Kasseler AfD-Stadtverordnete Michael Werl als „Einer von uns“ bezeichnet würde.

PS
Bis heute (15.10.2017) werden die maßgeblichen faschistisch und islamistischen Moscheevereine als sunnitische Dialogpartner des Rat der Religionen der Stadt Kassel geführt.

Der Tod eines freundlichen Nazis und andere Entbehrungen

Kassel, Reichskriegerhauptstadt, Stadt Roland Freislers, Produktionsstandort des Kampfpanzer Tigers, des Flugzeuges Fieseler Storch (auf letzteres ist man in Kassel bis heute stolz) usw. war im 2. Weltkrieg mehrfach Angriffsziel britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Bei den Angriffen wurde die Stadt nachhaltig bombardiert, was die Volksgenossen jedoch nicht dazu brachte die Volksgemeinschaft aufzukündigen. „Die Akten der Verfolger lassen […] erkennen, daß Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“ (Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Band 2)

Die Angriffe auf Nazideutschland forderten zahlreiche Opfer unter den Bomberbesatzungen, darunter auch die Besatzung eines Kampfbombers, der in ein bei Kassel gelegenes Dorf abstürzte. Dieser Absturz war am 29.09.2017 Gegenstand der Berichterstattung der hiesigen Lokalpresse. Der Artikel in der HNA zeigt exemplarisch, wie sich Volksgemeinschaft und Postnazismus im Gefühlshaushalt der Volksgenossen darstellt.

Memorial Kanadischer Soldaten, die im 2. Weltkrieg ihr Leben ließen. Das im Kampf gegen Nazideutschland in Istha gefallene Besatzungsmitglied Lionel G. Chaston ist dort aufgelistet.

Beim Absturz des getroffenen Kampfbombers der Royal Air Force kamen alle vier Besatzungsmitglieder und drei Dorfbewohner ums Leben. Einer von den ums Leben gekommenen Dorfbewohnern war der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Über den Tod des stellvertretenden Bürgermeisters heißt es in der HNA: Es habe große Trauer geherrscht, „weil er wegen seines freundlichen Wesens sehr beliebt war.“ Die politischen Ämter in den Kommunen waren bekanntlich von 1933 – 1945 von Nazis besetzt. Aber wenn es doch ein freundlicher Nazi war, dann wird man ja seinen Führer auch noch lieben und wenn er ins Gras beißt, auch betrauern dürfen.

Nebulös berichtet der Dorfchronist R. Brüning in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes von „heute schwer nachvollziehbaren Konflikten“ im Dorf, die sich noch 1933, kurz nach dem die NSDAP in Deutschland bestimmende politische Kraft wurde, in Prügeleien entluden. Die NSDAP war im Wahlkreis Hessen Waldeck als auch in den Gemeinden Wolfhagen und Umgebung schon vor 1933 stärkste politische Kraft. Genauso wenig wie man näheres über die schwer nachvollziehbaren Konflikte erfährt, ist das was nach 1933 kam kein Thema in der historischen Darstellung. Erst über den Zeitpunkt, als sich amerikanische Truppen im Jahr 1945 dem Ort näherten, finden sich ein paar dürre Informationen. Es war „die günstige Verkehrsanbindungen“, die 1945 Probleme auch nach Istha brachten.

Die Bewohner des Dorfes sahen plötzlich das Wohl des Dorfes gefährdet, weil eine SS-Einheit den Kampf mit der US-Army aufnehmen wollte.  Eine Bewohnerin des Dorfes  weiß im Artikel der HNA zu berichten: „Der Krieg bedeutete viele Entbehrungen. ‚Wir sind mit kaltem Wasser aufgewachsen, und oft gab es nur trockenes Brot. Unsere Landwirtschaft hat uns am Leben gehalten’“ –  wenn das der Führer gewusst hätte! Eine andere Entbehrung der Volksgenossin war, dass sie nur eine Notkonfirmation feiern durfte. Schlimm dieser Krieg! Und hätten die Volksgenossen damals schon von Verkehrsberuhigung etwas gewusst, dann wären ihnen auch die Fährnisse des Einmarsches der Amerikaner erspart geblieben.

Während also junge Männer auch aus Kanada für die Royal Air Force im besten Alter ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gaben, warteten die Bewohner und ihr geliebtes Führungspersonal im Dorf bei Notkonfirmation, Wasser, Brot und landwirtschaftlichen Produkten ab, bis die amerikanischen Truppen kamen. Als es dann mit dem 1000-jährigen Reich auch in Istha vorbei war, empfand die zitierte Bewohnerin des Ortes die Ankunft der GIs als Befreiungsschlag. Antifaschismus in Deutschland ist – wenn es die Anderen machen. Ein anderer Dorfchronist wusste jedoch über weitere Probleme dieser Tage zu berichteten: „Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos.“

Woher kamen plötzlich diese zu Beginn dieser Glosse schon einmal erwähnten Ausländer? Dass sie für die Volksgemeinschaft an der Macht auf den Feldern der Volksgenossen (und in den Kasseler Fabriken) schufteten, damit diese mit den Produkten der Landwirtschaft wohlgenährt am Leben erhalten wurden, das ist jedenfalls weder Thema der Dorfchronisten noch der Berichterstattung über einen Absturz.

 

Ein Vertreter der Partei der Freunde des Genickschusses vor dem Arbeitsgericht – und die Indifferenz einer Gewerkschaft

In Kassel kam es am Freitag zu einer Gerichtsverhandlung. Der Kasseler Aktivist der MLPD Andreas Gärtner soll Flugblätter für diese Partei auf dem Firmengelände von VW verteilt haben. Deswegen wurde er abgemahnt.1 Soweit so unspektakulär.

Gärtner ist jedoch auch als IG-Metall-Mitglied führender Vertrauensmann. Das erstaunt. In der IGM gilt folgender Passus: „Der Ausschluss von Mitgliedern ohne Untersuchungsverfahren kann auch erfolgen, wenn sie einer gegnerischen Organisation angehören oder sich an deren gewerkschaftsfeindlichen Aktivitäten beteiligen oder diese unterstützen.“ Es gab in der Geschichte der IGM auch diverse Ausschlüsse von Personen dieser Organisation. Die Rechtmäßigkeit des Ausschlusses von MLPD-Mitgliedern wurde vom BGH (Az: II ZR 255/89) bestätigt.2

Kann die MLPD von einer Gewerkschaft als gegnerische Organisation verstanden werden? Die MLPD, das dürfte bekannt sein, ist eine Partei, die „stets Stalins Verdienste beim Kampf um die internationale Revolution“3 verteidigt. Aber trotz seiner Verdienste habe er jedoch den notwendigen ideologischen „Kampf gegen die kleinbürgerliche Denkweise vernachlässigt und auf die Mobilisierung der Massen gegen die kleinbürgerlich entarteten Vertreter der Bürokratie verzichtet.“4 Das kann man so deuten, dass noch zu wenig „entartete Vertreter der Bürokratie“ in den Kellern der Lubjanka erschossen wurden, dass zu wenig von ihnen in den Arbeitslagern verreckt sind. Zwar wird an einer Stelle zugestanden, dass „auch unschuldige Menschen hingerichtet oder zu Freiheitsstrafen verurteilt“ wurden, doch dieser Satz ist mehr als zweideutig, denn das „auch“ bedeutet, dass offensichtlich vor allem schuldige Menschen hingerichtet wurden. Eine monströse Behauptung.

An anderer Stelle werden die Verbrechen in Anführungsstriche gesetzt. Nach dem – für Millionen eine Erlösung – Stalin der Tod ereilte, versuchte der XX. Parteitag den Terror unter Stalin zu begreifen, zu verurteilen und die Ehre einiger der Opfer des stalinistischen Terrors wieder herzustellen. Dieser Parteitag der KPdSU ist nach Ansicht des ehemaligen Vorsitzenden der MLPD Stefan Engel eine „historische Katastrophe für die Menschheit“5. 2010 wurde folgender Satz formuliert: „Die von Chruschtschows ‚Geheimrede‘ auf dem XX. Parteitag der KPdSU ausgehende Hetze gegen Stalins angeblichen ‚Personenkult‘ und ‚Verbrechen’“ hätte zur Verwirrung der Revolutionäre beigetragen.6

Kein verwirrter Revolutionär, sondern unermüdlicher Schlächter „kleinbürgerlich- entarteter Bürokraten“

Als Stalin an die Macht kam, gab es längst keine freien Gewerkschaften mehr. Die Führung der der Partei untergeordneten Gewerkschaft wurde unter Stalin dennoch hingerichtet. Prominente Opfer waren Solomon Losowski, Adrés Nin und Michail Pawlowitsch Tomski. Ob sie in der Interpretation der MLPD auch zu den „entarteten Vertretern der Bürokratie“ gehörten, weiß man nicht genau. Angesichts der Tatsache, dass sie der „Nomenklatura“, bzw. der staatlichen Bürokratie angehörten, Tomski darüber hinaus ein Befürworter der Neuen Ökonomischen Politik war, Nin ein Trotzkist ergo im stalinschen Sinne ein „faschistischer Agent“ und Losowsk gar ein „Zionist“, kann man es aber vermuten.

In den Ausführungen der MLPD über den Begriff „Diktatur des Proletariats“ heißt es, „der Kampf […] wird sich allerdings im Sozialismus fortsetzen, bis in den Kommunismus hinein. Zuletzt darf man nicht vergessen, dass die Unterdrückung im Sozialismus im Interesse und Auftrag der überwiegenden Mehrheit der Bevölkerung ausgeübt wird. Sie richtet sich gegen eine verschwindende Minderheit von Kapitalisten, Ausbeutern, Kriegstreibern, Faschisten sowie ihrer Helfer und Helfershelfer.“7 Wer die im Interesse der Mehrheit zu Unterdrückenden sein sollen, lässt Rückschlüsse auf das Verständnis von Rechtsstaatlichkeit zu und ist schon allein angesichts der Begriffe „Ausbeuter“ und „Kriegstreiber“ völlig willkürlich. Auch der Begriff „Faschist“ ist in der Geschichte kommunistischer Parteien bekanntlich sehr kreativ angewendet worden. Die Ausdehnung der angestrebten Unterdrückung auf die „Helfer und Helfershelfer“ ist der vollendete Ausdruck einer Vorstellung von Willkür,  Terror und der Denunziation als legitime Methoden in der Politik – und nicht zu letzt das, was Moishe Postone als deutsche Revolution beschrieb. Dass auch Gewerkschafter diese „Helfer und Helfershelfer“ sein können, lässt die Interpretation des Wahlprogramms der MLPD zu, wenn es dort heißt: „Kampf dem Co-Management.“8

Wenn der Betriebsrat von VW Gärtner als jemanden hinstellt, der als gewerkschaftlicher Vertrauensmann „ordentliche Arbeit“ leiste, mag dies vielleicht sogar stimmen. Wer sich mit der Geschichte des Stalinismus und mit dem Verhältnis der Bolschewiki zu den Gewerkschaften auskennt weiß aber auch, dass dieses Eintreten für Arbeitnehmerrechte aus rein instrumentellen Gründen erfolgte und nichts damit zu tun hat, dass Gärtner einer ist, der im Sinne einer freiheitlich und demokratischen Gesellschaft für die Rechte der Arbeitnehmer streitet.

1 HNA, 15.09.2017, VW-Mitarbeiter soll Wahl-Flyer verteilt haben: Keine Einigung vor dem Arbeitsgericht

3 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“ Artikel aus der Roten Fahne 04/2010, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2011/kw31/die-verlogene-stalin-hetze-und-ihre-motive) 17.09.2017

4  Programm der MLPD, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/themen/klassiker-des-marxismus-leninismus/stalin), 17.09.2017

5 Stefan Engel, präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. Vgl. FN 4

6 „Die verlogene Stalin-Hetze und ihre Motive“. Vgl. FN 3

7 Jörg Weidemann, Ausbeutung und Unterdrückung – im Sozialismus verschwunden? Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD. (https://www.mlpd.de/2012/kw11/ausbeutung-und-unterdrueckung-2013-im-sozialismus-verschwunden), 17.09.2017

8 Gewerkschaften: Kampf statt Co-Management. Wahlprogramm der MLPD. Präsentiert auf dem Internetauftritt der MLPD (https://www.mlpd.de/internationalistische-liste/wahlprogramm/gewerkschaften-kampf-statt-co-management), 17.09.2017