Buchenwald und die Gemütlichkeit

Über die Rezeption von Befreiung und Widerstand in der postnazistischen Gesellschaft

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Jorge Semprun beschreibt in seinem Roman „Die große Reise“ folgende Begebenheit. Nach der Befreiung Buchenwalds laufen er, mittlerweile in Uniformen der US-Armee eingekleidet und weitere Kameraden durch die bei Buchenwald gelegenen Dörfer. Sie kommen an einem „ziemlich stattlichen“ Haus vorbei. Semprun fällt sofort auf, dass von diesem Haus aus, das Lager im Blickfeld der Aussicht gelegen haben muss. Er beschließt, dieses Haus zu betreten und die Leute kennen zu lernen, die dort die Jahre lebten und diese Aussicht hatten. Seine beiden Kameraden lehnen das Ansinnen ab, aber Semprun selber klopft an. Nachdem schließlich keiner aufmacht wird er massiver, „aufmachen“ schreit er, „los aufmachen!“ Semprun erschrickt über seinen Ton, der ihn an den der SS-Leute im Lager erinnert. Es öffnet ihm eine ältere grauhaarige Frau. Semprun betritt das Haus. Die Frau des Hauses folgt ihm auf Schritt und Tritt. Semprun sucht sofort das Stockwerk auf, von dem aus das Lager zu sehen sein muss. Schließlich betritt er ein Zimmer, dessen Fenster in Richtung des Lagers weisen. „Genau im Rahmen eines der Fenster zeichnet sich der viereckige Krematoriumsschornstein ab.“ Die Frau bemerkt, nachdem Semprun das Zimmer betreten hat, „ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?“ und antwortet auf seine Frage, wie denn dieses Zimmer genutzt worden sei, „in diesem Zimmer sitzen wir gewöhnlich.“ Nachdem er dann fragt, ob sie denn nicht das rauchende Krematorium bemerkt hätten, schlägt die Stimmung um, die Frau bekommt es mit der Angst zu tun, dann sagt sie, „meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.“ Semprun kann nicht viel mehr entgegnen, als „hoffentlich sind sie gefallen.“ Und verlässt konsterniert das „gemütliche Zimmer“.

Gedenkstätte Buchenwald, Mahnmal, Winter

Diese Szene steht symptomatisch für die bis heute währende Situation des, unterschiedliche Phasen durchlaufenden, Postnazismus. Die deutsche Bevölkerung richtete es sich im Nationalsozialismus gemütlich ein. Obwohl später durchweg bestritten, waren Millionen Deutsche nicht nur Zeugen der Massenvernichtung, des alltäglichen Terrors und der Verfolgung, sie waren Beteiligte und Profiteure. Und als sie dann im Laufe des Frühjahrs 1945 damit konfrontiert wurden, dass sie in dieser Rolle von den übrig gebliebenen Opfern und Vertretern der Siegermächte ertappt wurden, kehrten sie das eigene Leid hervor und erklärten sich zu Opfern derjenigen, denen sie kurz zuvor noch mit großer Begeisterung folgten oder die sie selber darstellten. In dem sie sich zudem als Opfer des Bombardements ihrer Städte, als heimatlos gewordene Flüchtlinge und Umgesiedelte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, als trauernde Angehörige gefallener Soldaten und schließlich als Hungerleider im folgenden Winter definierten, konnten sie sich darüber hinaus als Opfer eines Krieges definieren, der über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen sei, wie die Pest anno dazumal.

Buchenwald wurde vor 70 Jahren befreit. Anders als es das Narrativ in der DDR behauptete, waren es die herannahenden US-Truppen, die die SS-Einheiten dazu veranlassten, das Lager zu verlassen, was es dem in Buchenwald agierenden Widerstandskomitee ermöglichte, die Kontrolle des Lagers nach der Flucht der SS zu übernehmen und das Lager den kurz danach eintreffenden US-Truppen zu übergeben.

Aufstände gab es in einigen Lagern. In Treblinka, Sobibor, Auschwitz und in Mauthausen. In allen diesen Lagern war es den Aufständischen bewusst, dass sie der Vernichtung zugeführt werden sollten. Die Option auszuhalten und im letzten Augenblick, beim Herannahen der Truppen der Alliierten loszuschlagen, um wie in Buchenwald einer drohenden Liquidation des Lagers zuvorzukommen, bot sich in Treblinka oder Sobibor nicht oder führte wie in Auschwitz oder in Mauthausen zu Konflikten zwischen den Akteuren der Widerstandsgruppen und denen, die den Aufstand riskieren wollten. Die in Auschwitz und in Mauthausen agierenden Widerstandsgruppen setzten wie in Buchenwald darauf, den Augenblick abzuwarten, zu dem die alliierten Truppen vor den Toren des Lagers gestanden hätten – eine Option die den für die „Sonderkommandos“ abgestellten Häftlingen in Auschwitz (Juden) und den Häftlingen des Todesblocks (gefangene Rotarmisten) in Mauthausen nicht blieb. Sie sollten unabhängig vom Frontverlauf, wie ihre Leidensgenossen vernichtet werden.

In Auschwitz, Treblinka und Sobibor fand die nationalsozialistische Ideologie zu ihrer Vollendung, indem dort vor allem Juden, als „jüdische Rasse“ definiert und als halluziniertes Gegenprinzip zur deutschen Volksgemeinschaft verstanden, vernichtet wurden. Lager wie Buchenwald und Dachau waren hingegen Instrumente des Terrors, der sich vor allem gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus richtete, um sie einzuschüchtern und zu dezimieren. Ebenfalls sollten in diesen Lagern Unbotmäßige, „Arbeitsscheue“, „Asoziale“ und Kriminelle zu „ordentlichen Volksgenossen umerzogen“ werden. Während also die Inhaftierung von Juden in den Vernichtungslagern keinem anderen Zweck diente, als sie dort umzubringen, wurde in den übrigen Konzentrationslagern die politische Auseinandersetzung fortgeführt, die außerhalb der Lager (zunächst in Deutschland dann in den besetzten Gebieten) geführt wurde. Später dienten die Konzentrationslager auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dieser Unterschied setzte die o.g. unterschiedlichen Rahmenbedingungen für etwaigen Widerstand und dessen Aktionen.

Die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern bewegte sich zwischen 4.000 im Jahr 1935 und 60.000 Ende 1938. 1938 stellten Juden die Mehrheit der Häftlinge, sie wurden während der Reichspogromnacht festgenommen. Viele von ihnen wurden aber kurz danach wieder entlassen um sie in die Emigration zu treiben oder drei Jahre später in die Vernichtungslager zu deportieren. Diese Zahlen verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Opposition gegen Hitler in Deutschland und den Stellenwert der antisemitischen Verfolgung.  Erst nach Kriegsbeginn wuchs die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf mehrere 100.000 Häftlinge. Die größte Anzahl wurde nun von Häftlingen gestellt, die als Gegner der deutschen Besatzung aus ganz Europa in die Lager verschleppt wurden. Die deutschen Häftlinge stellten in den vierziger Jahren eine kleine Minderheit dar. Insgesamt schätzt man die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von denen ca. 450.000 umkamen.

Mehr als 3 Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern umgebracht, auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die Tatsache, dass es Aufstände in den Vernichtungslagern gab, nicht jedoch in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald usw., blieb in der DDR-Geschichtsschreibung unbenannt. Die Rolle der Vernichtungslager wie die der antisemitischen Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus wurde in der DDR nur am Rande thematisiert. Im Vordergrund stand die Befassung mit der politischen Auseinandersetzung zwischen Widerstand und dem NS-Regime, wobei durch die Überhöhung der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes die deutsche Volksgemeinschaft im Ergebnis wie im Westen exkulpiert wurde, nur auf andere Art und Weise.

Die Übernahme des KZs Buchenwald durch das Häftlingskommitee am 11. April 1945 kurz nachdem die SS geflohen war, wurde zum Aufstand des Antifaschismus in Deutschland uminterpretiert. Mangels eines Aufstandes des deutschen Proletariats oder der deutschen Bevölkerung gegen das NS-Regime wurde so der vermeintliche Aufstand in Buchenwald in der DDR zum zentralen Chiffre des antifaschistischen Widerstands. Dieses Ereignis diente der DDR, die sich von Beginn an positiv auf den antifaschistischen Widerstand bezog, als Bezugspunkt nationaler und politischer Identität, entsprechend bedeutsam waren sowohl Erzählungen über das Lager, das Lager als Initiationsstätte politischer Jugendorganisationen, als auch der jährlich stattfindende Erinnerungskult unter Einbindung des internationalen Buchenwaldkommitees.

Dass Buchenwald faktisch von den US-Truppen befreit wurde, heißt jedoch nicht, dass es dort keinen organisierten Widerstand gegeben hat, dass Buchenwald kein Vernichtungslager war nicht, dass es dort keinen tausendfachen Mord an Häftlingen, keinen entgrenzten Terror gegen wehrlose Gefangene gegeben hat. In Buchenwald gelang es dem von Kommunisten dominierten Lagerwiderstand trotz widrigster Umstände, eine Untergrundorganisation aufzubauen, aus dem schließlich das internationale Buchenwaldkommitee erwuchs, dem es gelang, wichtige Positionen im Lager zu übernehmen, die die SS vorsah, um den riesigen Terrorkomplex verwalten zu können. Diese Taktik des Widerstandes war damit verbunden, mit der SS in bestimmten Fragen zu kooperieren. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, aber es gelang so immer wieder einige bedrohte Personen zu schützen und zu helfen sowie eine im geheimen agierende Widerstandsorganisation aufzubauen, die sich sogar einige Waffen organisieren konnte. In den Lagern, in denen Kriminelle diese Positionen einnahmen, war dies so gut wie unmöglich. Dort waren die Häftlinge vollkommen schutzlos dem Terror der SS ausgeliefert, aber auch dem  der kriminellen Funktionshäftlinge. Es ist Ausdruck eines hermetisch-perfektionierten Terrorsystems sowie der völligen Abschottung von jeglicher Unterstützung durch ein Außen, dass die Handlungsoptionen eines sich formierenden Widerstands, auch wenn er vor dem Hintergrund eines ihm wohlwollend gegenüber positionierten, aber machtlosen Kollektivs agiert, äußerst begrenzt sind und die Grenze zwischen den für die Betroffenen nützlichen Handlungen und faktischer Kollaboration fließend sind. Dieser Widerstand ist aber auch Ausdruck eines ungebrochenen Kampfeswillens und eines äußersten Mutes, das vor allem, weil er völlig auf sich gestellt war. Diesen mutigen Widerstand gab es auf reichsdeutschem Gebiet vor allem in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald (und unter den Zwangsarbeitern).

Grundsätzlich davon verschieden ist die Situation in Deutschland außerhalb der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus, der als Konsensdiktatur zu begreifen ist. Natürlich gab es den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und einigen anderen auch außerhalb der Lager. Aber so gesellschaftlich isoliert die Widerstandskämpfer im Lager waren, so waren es sie auch außerhalb der Lager. Innerhalb der Lager gab es zwar auch Verrat und Ränkespiele, jedoch konnten die Widerstandskämpfer innerhalb des Lagers auf eine sie stützende Gemeinschaft bauen, wenn der Rückhalt der Häftlingsgemeinschaft auch häufig nur moralischer Natur war. Zwar gab es Deutschland auch während des Nationalsozialismus nonkonformistisches Verhalten, die Phänomene des sich Wegduckens und der inneren Immigration. Der angesichts des absoluten Antihumanismus und Nihilismus gebotene Widerstand blieb in Deutschland jedoch ein isoliertes Randphänomen. Die Politik des Nationalsozialismus war mehrheitsfähig und Hitler ein populärer Politiker. Die deutschen Volksgenossen wähnten sich herrlichen Zeiten entgegenzumarschieren und viele – sofern sie nicht gerade an den Eroberungs-, Raub-, und Vernichtungszügen teil hatten – richteten sich darob gemütlich ein.

Im Gegensatz zur SBZ und dann in der DDR war der Bezug auf den Widerstand in Westdeutschland ein marginales, z. T. sogar hinsichtlich der kommunistischen Tradition weiterhin verfolgtes Randphänomen. Anders als in der DDR, in der sich der Volksgenosse einem propagierten Antifaschismus anschließen konnte und somit sein schlechtes Gewissen über sein Mitmachen im Nationalsozialismus als Hass auf den kapitalistischen Feind projizieren konnte, blieben dem bis 1945 vorherrschenden gesellschaftlichen/politischen Bewusstsein im Westen die von den Alliierten nicht sanktionierten Formen. Diese waren der ideologisch überformte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit Eifer betriebene Wiederaufbau und die in den 50iger Jahren dominante Wir-sind-wieder-wer-Haltung des „Wirtschaftswunders“, sowie das Fortwesen des nationalsozialistisch geprägten Antikommunismus, der nun im aufkommenden Kalten Krieg anschlussfähig war.

Die in der BRD sich dann in den sechziger und siebziger Jahren gegen vielfältigen Widerstand etablierende Erinnerungskultur stellte vor allem den Widerstand des 20. Juli, den der Geschwister Scholl und den der bekennenden Kirche in den Vordergrund. Ohne die moralische Integrität vieler dieser an diesen Gruppen Beteiligten in Zweifel ziehen zu wollen, vielen aus diesen Kreisen war gemein, dass sie zunächst der NS-Diktatur gegenüber sich indifferent oder gar zustimmend verhielten, viele aus dem Kreis des 20. Juli sogar veritable Anhänger des NS-Regimes waren und erst, die Niederlage und die selbst zu verantwortende Barbarei vor Augen, durch einen Seitenwechsel, sich selbst und die Nation vor einem erwarteten Strafgericht versuchten zu retten. Obwohl also allen ein positiver Bezug zur deutschen Nation gemein war und sie gegen Hitler vor allem deswegen opponierten, weil ihm die Schuld zugeschoben wurde,  den Krieg zu verlieren, diese Haltung also durchaus an einen zum Kriegsende zunehmenden Überdruss angesichts Hitlers Versagen als Kriegsherr anknüpfte, herrschte in der Nachkriegszeit eine weit verbreitete Haltung vor, dem Widerstand Verrat an der deutschen Sache vorzuwerfen.

Diese Haltung änderte sich erst im Laufe der sechziger Jahre als es angesichts des Braunbuches, des Auschwitzprozesses, der beginnenden wissenschaftlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und einer vor allem von studentischen Kreisen eingeforderten Befassung mit den Verbrechen der Elterngeneration opportun wurde, einen positiven Bezug zur Gegnerschaft des Nationalsozialismus einzunehmen. Der Antinazismus bewies zunehmend Gesellschaftsfähigkeit, ohne jedoch die Konsequenz daraus zu ziehen, die in einer gründlichen Abrechnung mit der damals noch häufig in Amt und Würden agierenden Tätergeneration hätte einen angemessenen Ausdruck finden können. Auch die Bereitschaft zur Sühne und kostenpflichtigen Übernahme von Verantwortung für Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus (vor allem denen im Ausland), die konsequente Bekämpfung nazistischer (Wieder-)Betätigung sowie des Antisemitismus, der sich auch in einer bedingungslosen Solidarität gegenüber Israel auszudrücken hat, wären ein angemessener Ausdruck einer tatsächlich antinazistischen Politik. Sie fand nicht statt.

Hinsichtlich letzterem formiert sich die deutsche Volksgemeinschaft dahingehend, dass die Freunde des deutschen Friedens in schlechter Tradition des Antifaschismus den Hauptaspekt des Nationalsozialismus, den Antisemitismus verdrängten oder schlicht ignorierten. Der Faschismus, verstanden als terroristische Herrschaftsform des Kapitals über das deutsche Volk und der Krieg, mit dem Nazideutschland Europa überzog, waren Hauptaspekte des Verständnisses vom Nationalsozialismus, der so auch konsequent Faschismus bezeichnet wurde. Dazu gehört der um wesentliche Momente verkürzte Buchenwaldschwur „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“, der bis heute dieser Bagage als erhabene Parole dient, wenn es darum geht, vor allem das Land zu diffamieren und zu delegitimieren, dass sich gegen tätigen Antisemitismus zuverlässig und aktiv wehrt und denen in die Arme zu fallen, die die aufs Korn nehmen, die man als gefährlichste Bedrohung des jüdischen Staates bezeichnen muss.

Die literarischen und cineastischen Befassungen mit dem Nationalsozialismus, in denen versucht wird, den Widerstand gegen den NS als Massenphänomen zu begreifen oder Opfer unter der deutschen Volksgemeinschaft zu suchen, zählen Legion. Unwillige, unwissende oder verführte Soldaten, Kinder unter den Bombenopfern, vergewaltigte Frauen, die ums Leben und ihre Gesundheit gebrachten Volksgenossen, derer sind Viele, das Murren, das Wegducken, eine defätistische Bemerkung, Lästereien über Hitler und seine Satrapen, aber auch das Zustecken eines Brots für einen hungernden Zwangsarbeiter, all dies wird zu Widerstandsaktionen geadelt, was all dies – obwohl es durchaus auch gefährlich sein konnte – nicht war.

So, wie die nach Deutschland eintreffenden Vernehmungsoffiziere der US-Armee, der britischen und der Roten Armee damit konfrontiert wurden, nur noch Opfer und Gegner des Nationalsozialismus anzutreffen, so stellt sich das nationale Narrativ bis heute dar. Die quasi offiziösen Exkulpationsschinken „UMUV“, „Die Flucht“, „Wolfskinder“ usw. sind jüngste Beispiele hierfür, dass sich seit der Gruppe 47 und dem Film „Die Brücke“ nicht viel geändert hat, nur dass zuerst genannte entgegen den zuletzt genannten hegemoniale Bestandteile der Erinnerungskultur geworden sind und platter Geschichtsrevisionismus à la Konsalik, Mansteinliteratur etc. heute nicht mehr en vogue ist.

Auf der politischen Ebene sieht es dann so aus, dass zwar regional und überregional zu allen möglichen Anlässen den Opfern des NS gedacht wird und man mittlerweile (seit Bitburg) auch darum bemüht ist, nicht die ums Leben gekommenen Volksgenossen im gleichen Atemzug in das Gedenken mit einzubeziehen. Doch das vielerorts stattfindende regionale Gedenken an die Zerstörung der deutschen Städte, den, auf ihren europaweiten Raubmordzügen ums Leben gekommenen Soldaten und den, an der „Heimatfront“ im Bombenhagel ums Leben gekommenen Volksgenossen geltenden Trauer am Volkstrauertag, sowie das Bemühen, den „Vertriebenen“ ein Denkmal in Berlin zu errichten, all das spiegelt bis heute genau das wieder, was Semprun 1945 bei Weimar mit dem Verweis auf die gefallenen Söhne widerfuhr. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen der Exkulpation dienenden vor allem aufs symbolische abzielenden Erinnerungskultur und -politik in Verbindung mit dem Beharren am eigenen Status als Opfer ist dies das Fortwesen einer, die bundesdeutsche Gesellschaft wie eine Patina überziehende Haltung des Verdrängens und Vergessens.

Ganz andere Maßstäbe werden hingegen an den Widerstand in den KZs gelegt. Ein seit den Neunziger Jahren im Gestus der wissenschaftlichen Genauigkeit und in moralischer Überheblichkeit daherkommendes Beckmessertum wirft nunmehr den Widerstandsgruppen in Buchenwald vor, mit der SS zum eigenen Nutzen paktiert zu haben und sich in der Ergatterung der Funktionsstellen gemütlich eingerichtet zu haben. Diese Haltung steht spiegelbildlich zu jener, die vor einigen Jahrzehnten behauptete, man könne die Verhältnisse im NS nicht beurteilen und man sei von unerträglicher Moralität besessen, wenn man die Tätergeneration damit konfrontierte, was sie getan und unterlassen habe und im gleichen Augenblick nachschob, man hätte von nichts gewusst.

Während unter der Tätergeneration mit akribischen Eifer nach Widerstandshandlungen gesucht wird, jeder Volksgenosse der einem Zwangsarbeiter ein Brot zusteckte, einem Juden zur Flucht verhalf oder gar versteckte, zum großen oder kleinen Helden der Nation erklärt wird und als Filmheld auf die Leinwand oder als Romanheld zwischen die Buchdeckel gebannt wird, werden diejenigen, die dem unmittelbaren Terror der SS ausgesetzt waren, unter mörderischen Bedingungen Widerstand leisteten und das Überleben zu organisieren versuchten, zu selbstsüchtigen Anhängern eines dem NS ähnelnden Totalitarismus erklärt.

Die grau gewordenen Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen der Täter können sich es beim Fernsehschauen der jüngsten Machwerke deutscher Fernsehanstalten in ihren Wohnstuben gemütlich machen. Befürchtungen, es könnte ein Überlebender der Konzentrationslager an die Tür klopfen um den Blick aus dem Fenster einzufordern, müssen sie nicht mehr haben.

Vor 70 Jahren: D-Day

Ein entscheidender Schritt, Europa vom Nazifaschismus zu befreien

Now the Germans played on all their instruments, and I could not find any hole between the shells and bullets that blocked the last twenty-five yards to the beach. I just stayed behind my tank, repeating a little sentence from my Spanish Civil War days, „Es una cosa muy seria. Es una cosa muy seria.“*

Der so genannte D-Day gab Nazideutschland den Rest. Am 6. Juni 1944 landeten in einem gewagten und gewaltigen Unternehmen Truppen der West-Alliierten an der Normandie. Die ein paar Tage nach der Landung in der Normandie einsetzende Offensive der Roten Armee Bagration zerschlug im Osten die gewaltige Heeresgruppe Mitte und verhinderte, dass die Wehrmacht weitere Truppen freisetzten konnte um sie gegen die Westalliierten einzusetzen. Trotzdem dauerte es noch ein knappes Jahr, bis Deutschland die Waffen streckte. Verschiedentlich hält sich der Vorwurf, zu spät die zweite Front eröffnet zu haben, in unzulässiger Weise abgewartet zu haben, bis die Rote Armee der deutschen Wehrmacht das Rückgrat gebrochen hatte und in einigen Kreisen wird geraunt, dass nur die materielle Übermacht gegen einen schlecht bewaffneten Gegner den Sieg der Alliierten gesichert hätte.

Wahr ist, dass die Rote Armee bis zur Landung der West-Alliierten in Italien 1943 auf dem europäischen Festland fast auf sich alleine gestellt war und dass mit der Abwehr des Angriffs auf Moskau, der Schlacht in Stalingrad und dann in der am Kursker Bogen der Wehrmacht schwere und entscheidende Niederlagen beigebracht wurden, die mit einem äußerst hohen Blutzoll seitens der Rotarmisten erkauft wurden. Im Westen gab es nach der Niederlage in Frankreich zunächst keine Möglichkeiten der westlichen Alliierten mehr, der deutschen Wehrmacht auf dem Land Einhalt zu gebieten. Nach der Eroberung Frankreichs beherrschte Deutschland den westeuropäischen Kontinent. Lediglich aus der Luft und im Atlantik wurde ein konsequenter Kampf gegen Nazideutschland geführt.

My beautiful France lookes sordid and uninviting, and a German machine gun, spitting bullets around the barge, fully spoiled my return. The men from my barge waded in the water. Waist-deep, with rifles ready to shoot, with the invasion obstacles and the smoking beach in the background – this was good enough for photographer.

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GIs am 6. Juni 1944: Kein happy-day, aber ein guter Tag für Europa (Foto: R. Capa)

Der von Seiten der West-Alliierten geführte Krieg aus der Luft trug dazu bei, dass die deutsche Luftwaffe erheblich geschwächt wurde, so dass die sowjetische Luftwaffe an der Ostfront die Oberhand gewinnen konnte, was mit eine Voraussetzung für die erfolgreichen Operationen der Roten Armee gewesen war. Im Atlantik kämpften die West-Alliierten die deutsche U-Bootflotte nieder, um den Nachschub sowohl nach England als auch in die Sowjetunion zu sichern. In die Sowjetunion konnten so kriegswichtige Güter geliefert werden, die entgegen der häufig kolportieren Auffassung nicht nur Dosenfleisch enthielten, sondern für die Rote Armee durchaus brauchbares und nützliches Kriegsmaterial. Insbesondere die Lieferung Tausender Lastwagen schuf die Voraussetzung für eine erheblich gesteigerte Beweglichkeit der sowjetischen Truppen. Sowohl die Atlantik- als auch die Luftkriegsoperationen gegen Deutschland waren effektive Massnahmen und bedeuteten eine logistische Meisterleistung und waren für die West-Alliierten äußerst verlustreich.

Doch auch auf dem Landweg kämpften sich alliierte Truppen an den deutschen Herrschaftsbereich heran. 1942 landeten US-Truppen in Nordafrika um dort das deutsche Expeditionsheer endgültig zu vernichten, dass sich angeschickt hatte, über Ägypten nach Palästina und dann weiter über den Irak und den Iran zum damals besetzten Kaukasus vorzustoßen, daran aber von englischen Truppen gehindert wurde. 1943 landeten dann die Alliierten in Italien, was dazu beitrug, dass die Italiener Mussolini stürzten und Italien als erster Bündnispartner sich von Nazideutschland löste.

The tide was coming in and now the water reached the farewell letter to my family in my brest pocket. Behind the human cover of the last two guys, I reached the beach. I threw myself flat and my lips touched the earth of France. I had no desire to kiss it.

D-Day war kein happy-day

Der D-Day war kein happy-day. We would have to be unhappy in the water before we could be unhappy on the shore stellte der großartige Fotograf Robert Capa lakonisch fest. Capa, geboren 1913 als André Friedmann in Ungarn, schoss neben vielen weiteren (von denen aber nur elf erhalten blieben) das oben gezeigte Foto, als er als Journalist die US-Truppen am ersten Tag der Invasion begleitete.

The empty camera trembled in my hands. It was a new kind of fear shaking my body from toe to hair, and twisting my face. I unhooked my shovel and tried to dig a hole. The shovel hit stone under the sand and I hurles it away. The men around me lay motionless. Only the dead on the waterline rolled with the waves.

Mehrere tausend GIs, Kanadier, Engländer u.a. verloren an diesem Tag ihr Leben, Männer die vorher Bauern, Angestellte, Arbeiter usw. waren, die lieber bei ihren Frauen, Kindern, Geschwistern, Eltern oder Freunden geblieben wären, als sich dem deutschen Feuer auszusetzen, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Auch 20.000 Zivilisten kamen bei den Kämpfen der Alliierten gegen die Nazitruppen ums Leben.

Die Landung in der Normandie war Auftakt dafür, die deutsche Naziherrschaft in Frankreich zu beenden. Die Alliierten kämpften sich in Frankreich zu einem Zeitpunkt vor, als die letzte Phase der Vernichtung der Juden, das sogenannte „Erntefest“,  in Frankreich seitens der deutschen Besatzung umgesetzt werden sollte. Die bis dahin in der Judenvernichtung zögerliche und widerstrebende Haltung der Vichy-Behörden trug dazu bei, dass ein großer Teil der französischen Juden bis zu diesem Zeitpunkt nicht deportiert werden konnte, das sollte nun unter deutscher Federführung anders werden. Für viele Juden in Frankreich – vor allem Kinder – kamen die Alliierten trotzdem zu spät.

Deutscher Professionalismus und Dilettantismus

Doch anstatt Widerstand gegen Nazis, leisteten die Deutschen noch fast zwölf Monate lang professionellen Widerstand gegen die Truppen der Alliierten, schufen so die Voraussetzung, dass Auschwitz noch über 6 Monate weiter betrieben werden konnte und so die Vernichtung der letzten europäischen Juden in präziser Perfektion fortgeführt wurde, dass in den anderen Konzentrationslagern das Morden weiterging, dass der Volksgerichtshof die wenigen deutschen Widerstandskämpfer unter das Schafott schickte, dass die, die nicht mehr mitmachen wollten, an die Bäume geknüpft wurden und dass abertausende Soldaten der Alliierten und andere europäische Antifaschisten ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre jugendliche Unbeschwertheit verloren. Nicht der Rede Wert ist der dilettantische Versuch einen Monat nach der Landung – am 20. Juli 1944 – gegen Hitler zu putschen. Heute wird gerne an den 20. Juli erinnert und man versucht, sich mit den Gegnern von damals zu verbrüdern. Das was Deutschland am besten konnte, darüber wird vornehm geschwiegen.

The mess boys who had served our coffee in white jackets and with white gloves at three in the morning were covered with blood and were sewing the dead in white sacks. The sailors were hoisting stretchers from sinking barges alongside. I started taking pictures. Then things got confused … I woke up in a bunk. My naked body was covered with a rough blanket. On my neck, a piece of paper read: „Exhaustion case. No dog tags.“ … In the second bunk was another naked young man, his eyes staring at the ceiling. The tag around his neck said only: „Exhausting case.“ He said: „I am a coward.“ He was the only survivor from the ten amphibious tanks …

Zur politischen Einschätzung des D-Day sei auf die Seite der Freunde aus Stuttgart verwiesen: Danke, liebe Amis …

*kursiv: Zitate aus Robert Capa, Slightly Out of Focus, New York 2001 (zuerst erschienen 1947). Dort schildert er seine Eindrücke der Landung, an der er am 06.06. an der „Omaha-Beach“ beteiligt war.

Informationen über die Bedeutung und Voraussetzungen alliierter Kriegshandlungen findet man bei Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002.

Der 8. Mai und das merkwürdige Bedürfnis feiern zu wollen

Eine erneute Überarbeitung eines älteren Textes anläßlich eines wiederkehrenden Problems*:

Wie inzwischen jedes Jahr wird der 8. Mai auch in Deutschland feierlich begangen. Sicher, einige Nazis und ein paar Deutschnationale fühlen sich immer noch provoziert, wenn man sie an die Niederlage im Jahr 1945 erinnert. Auch ist es in rechtsextremen und nationalchauvinistischen Kreisen mittlerweile en vogue, trotzig zum 8. Mai hinauszuposaunen: Feiern – wir nicht! Aber so wie die Nazis weitgehend alleine dastehen, wenn sie ihre Aufmärsche veranstalten und die Linke sich in die Volksfront des offiziellen bundesrepublikanischen Antifaschismus einreiht, so ist der 8. Mai mittlerweile kein Datum der schändlichen Niederlage mehr, sondern (so wie die Deutsch-Linke) von der Mehrheit in Politik und Gesellschaft als positiver Bezugspunkt deutscher Identität eingemeindet worden. An die tatsächlichen Verlierer von 12 Jahre Nationalsozialismus denkt man dabei lieber nicht.

Der 8. Mai ist vielmehr zum Bezugspunkt des „anständigen“ Deutschen geworden, sich wohlgefällig als zivilisiert und geschichtsbewusst zu präsentieren und den guten Ruf der Nation zu mehren oder zu verteidigen, so wie der zum selben Zweck der massenhaft befolgte Lichterkettenantifaschismus und der einst von Schröder propagierte „Aufstand“ gegen Antisemitismus, wenn unter den Volksgenossen einige mein(t)en, Wohn- oder Gotteshäuser von Menschen, die sie als Ausländer identifizier(t)en, oder jüdische Einrichtungen anzünden zu müssen, um darauf aufmerksam zu machen, dass sie mal wieder davon bedroht (gewesen) sind, zu den Zukurzgekommenen zu gehören.

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. Der deutsche Vernichtungskrieg war damit beendet. Die letzten Konzentrationslager konnten befreit werden, sofern sie nicht schon vorher, von den in Richtung Deutschland marschierenden Truppen der Alliierten, befreit wurden. Dank weitgehender Übereinstimmung von Führung und Volksgemeinschaft in Deutschland, konnten die Nazis ihr Vernichtungsprogramm reibungslos umsetzten, das europäische Judentum fast gänzlich vernichten. 6 Millionen Juden, Männer, Frauen, Kinder und Greise, verloren ihr Leben in den Gaskammern oder vor Maschinengewehrkommandos. Millionenfach verloren die Soldaten der Alliierten, millionenfach verloren vor allem in Osteuropa Zivilisten ihr Leben, ihre jugendliche Unbeschwertheit und ihre Gesundheit weil Deutsche Soldaten den Wahn der deutschen Volksgemeinschaft umsetzten konnten. Die wenigen Widerstandskämpfer in Deutschland, häufig von den Volksgenossen an die Gestapo verraten, waren geköpft, an den Fleischerhaken aufgehängt oder zu Tode gefoltert, sie verloren ihr Leben für ihre naive Hoffnung auf ein besseres Deutschland. Der NS ist nur in einem Zusammenhang mit Antisemitismus und seiner Umsetzung, der Ausrottung der europäischen Juden zu denken. Der deutsche Krieg nur als Raub-, Weltanschauungs- und Vernichtungskrieg zu denken.

Seit einigen Jahren steigen zum Datum der Niederlage des NS vielerorts Partys, einige seit 2013 mit der Parole “Wer nicht feiert hat (schon) verloren“. Angesichts der Verlierer von 12 Jahren NS-Diktatur ein perfides Motto. Bei veganem Barbecue zu dem ein „Bündnis 8. Mai“ in Nürnberg einlädt, oder zur russischen Küche nebst begleitendem Kulturprogramm zu dem die VVN Berlin und Gruppen der Berliner Antifa einladen, dürfte der Gedanke an sie, Nebensache sein. Im besten Falle ergibt das Motto nur dann einen Sinn, wenn man den NS als gewöhnliche Diktatur begreift, der eine, den Deutschen geschenkte (und von den anderen Nationen erkämpfte), Freiheit nach 1945 gegenübersteht und wenn man den Krieg als imperialistischen begreift, der Sieg über Deutschland als ein Schritt der Befreiung der Völker vom Kapitalismus betrachtet wird – der Zusammenhang von Antisemitismus, Vernichtungskrieg und NS muss dabei unberücksichtigt bleiben. Das Motto “Hurra, Deutschland kaputt!“, bei dem erkennbar der Wunsch Vater des Gedankens ist, nimmt der Problematik, die in der Parole von 2013 zum Tragen kam, ihren perfiden Gehalt, dennoch bleibt die Frage, warum eigentlich eine Feier in Deutschland zu diesem Datum notwendig sein soll. Dass nach dem Krieg unterschwellig festgestellt wurde, Deutschland habe angesichts des Wirtschaftswunders, des ökonomischen Niedergangs der Siegermächte (Großbritannien, der UdSSR etc.) der unbestrittenen Vormachtstellung in Europa, den Krieg gewonnen, verweist zusätzlich auf die Perfidität der Parole, „Wer nicht feiert …“.

Der ebenfalls zu reflektierenden Gesichtspunkt, nämlich dem Bedürfnis, sich exzessiv mit den Kriegshandlungen der Alliierten zu identifizieren, bleibt im Folgenden unberücksichtigt, hier sei auf Felix Riedel verwiesen.

Für die meisten der Insassen Bergen Belsens kamen die englischen Truppen zu spät – Feiern?

In Deutschland wurden nach 1945 viele von einem öffentlichen Bedürfnis umgetrieben, bloß nicht den Nazis zugehört zu haben, am besten aber dem Widerstand – wenn zwar auch nicht dem, der Kommunisten – und wenn schon nicht dem Widerstand, dann doch wenigstens der inneren Emigration. Die, die tatsächlich im Widerstand waren, es waren nicht viele, hatten am 8. Mai nichts zu feiern. Die Bilanz des Widerstands war desaströs: Die meisten der Mitstreiter waren tot, aufgehängt an Fleischerhaken, geköpft, gefoltert, erschlagen in den Kellern der Gestapo, umgekommen in Spanien oder elendig verreckt in den KZs, der Gesundheit beraubt, in der Regel verraten von Nachbarn, Bekannten, Kollegen usw. – eben von Angehörigen der Volksgemeinschaft wie Du und Ich.

Manche, die vor den Nazis in der Sowjetunion Zuflucht gesucht hatten, verschwanden als Volksfeinde deklariert oder als vermeintlich faschistische Spione denunziert dort für immer.

Aufgehalten hatte der Widerstand in Deutschland weder die Kriegsmaschinerie, noch die Judenvernichtung, noch konnte der Widerstand seine eigenen Leute auch nur annähernd vor der funktionierenden Denunziationsmaschinerie der Volksgemeinschaft schützen. Man stand angesichts der formierten Volksgemeinschaft von Beginn an auf verlorenen Posten. Anfangs, solang man dies noch nicht begriff, waren Widerstandsaktionen aus diesem Grund heroisch zwar, aber verantwortungslose Himmelfahrtkommandos, später war man, trotz aller Klandestinität angesichts aufrichtiger Volksgenossen, schnell verraten. Auch nach 1945 blieb man isoliert, wurde als Verräter beschimpft und gemieden und dies trotz des penetrant öffentlich vorgetragenen allgemeinen Dementis, vor 1945 Nazi gewesen zu sein

Doch auch die deutsche Volksgemeinschaft leistete Widerstand, viele aufrecht bis zum 7. Mai – es war der Widerstand gegen die militärische Intervention der Alliierten. Die deutschen Tugenden Kameradschaft, Militarismus, Gehorsam usw. bedeuteten für die Armeen der Alliierten, insbesondere aber für die Rote Armee bis zu den letzten Tagen einen opferreichen Gang, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Jeder deutsche Landser mit dem Gewehr in der Hand, am Steuer seines Panzers oder Fliegers bedeutete bis zu seiner Ausschaltung: Widerstand gegen die Rettung der letzten Juden, Widerstand gegen die Befreiung der Verfolgten, Unterdrückten und millionenfach Verschleppten.

Einer der Widerstand gegen die Alliierten leistete (Lee Miller)

Nach der Feier: Einer der Widerstand gegen die Alliierten leistete , bzw. leisten ließ. (Foto: Lee Miller)

Doch diesen Widerstand konnte man nach 1945 nicht feiern, zumal auch diesem kein Erfolg beschieden war. Am Stammtisch hingegen, wenn man unter sich war, galt man jedoch als wer, der Widerstand an der Ostfront gegen „den anstürmenden Russen“ leistete, irgendwo in der russischen Steppe „Deutschland verteidigte“, gegen „General Winter“, oder gegen den „General Schlamm“ tapfer aushielt, als Flaksoldat oder stolzer Jagdflieger gegen die alliierten „Luftkriegsterroristen“, oder gegen anrückende Panzer der Amis Abwehr zum Trutze der als wehr-, schuld- und ahnungslos hingestellten Volksgemeinschaft bewaffneten Widerstand leistete. Man war stolz darauf (und ist es bisweilen bis heute), dass dank deutscher Ingenieurskunst, die deutschen Panzer und Flieger, denen der Alliierten angeblich überlegen waren, und dass nur die schiere Masse (von anstürmenden Russen oder in Form von unendlich zur Verfügung stehendem Material, des an sich feigen und unmilitärischen Amis) den tapferen deutschen Soldaten mitsamt seiner überlegenen Technik besiegt habe.

Dass ihr „heroischer“ Widerstand, ihr Einstehen für das Vaterland, ihre kameradschaftliche Treue nicht mit Erfolg belohnt wurde, dafür machten dann viele, als es vorbei war, Hitler oder die Nazis verantwortlich. Die Nazis waren nach dem Krieg ja immer die anderen und Hitler war plötzlich einer von denen da oben, die schon immer den kleinen Mann verarscht hatten. Diese Projektion des eigenen Versagens auf den Führer führte zu einer Haltung, die von den in Deutschland einmarschierenden Alliierten als Verstocktheit, Selbstmitleid und Anbiederung wahrgenommen wurde. Genoss Hitler besonders Anfang der Vierziger einen großen Rückhalt in der deutschen Volksgemeinschaft, nahmen es ihm jetzt also die Volksgenossen übel, dass er den Krieg vermasselt hatte. Aber man war nicht nachtragend, bald reichte man den Siegern die Hand zur Versöhnung und wollte ihnen Verzeihen, dass sie gegen Deutschland zu Felde gezogen sind.

Nach den noch eher tölpelhaften Versuchen Kohls (mit Mitterrand in Verdun, mit Reagan in Bitburg) versucht seit 1985 eine immer breiter werdende Szene des politischen Establishments, Deutschland in die Gemeinschaft der Sieger einzugemeinden. Man will dazu gehören. Auch auf Seite der Linken wurde der 8. Mai entdeckt. Noch besser als damals Weizsäcker bringen sie es seit einigen Jahren mit ihrer Parole: „Wer nicht feiert, hat verloren!“ das Bedürfnis, dazu zu gehören auf den Punkt.

Der nachvollziehbare Wunsch, sich (zumindest moralisch) auf der Seite der Alliierten zu wähnen dient dazu, sich gegenseitig eine gute Gesinnung zu attestieren und trägt zum einen dazu bei, zu verdrängen, Teil der postnazistischen Gesellschaft zu sein, zum anderen, dass von den Alliierten nunmehr nur der westliche Teil übrig geblieben ist und die, die vermeintlich die Tradition der Roten Armee bemühen, zum größeren Teil aus großrussischen Chauvinisten besteht. Bei Barbecue, Soljanka, Wodka oder Cocktails und je nach Gusto russischer Folklore, dem Anstimmen von Partisanenliedern oder beim Sound des Neuesten aus dem Underground lässt sich die notwendige Auseinandersetzung umgehen, die unweigerlich zu Konflikten mit den feiernden Russophilen, Stalinisten, linken Antisemiten, Freunden kollektiver Vergemeinschaftung und Anbeter einer als Arbeiterklasse halluzinierten Volksgemeinschaft führen müsste. So ist dieses Feiern Ausdruck einer Geschichtsvergessenheit, die die Begriffsbestimmung von Stalinismus und nationalem Sozialismus, von Nationalsozialismus, Volksgemeinschaft und Antisemitismus wieder einmal vertagt und es wird so getan, als könne der Zusammenhang vom Hass auf Israel, Antisemitismus und der konformistischen Revolte (oder Revöltchen) und/oder entsprechend zugehöriger Attitüde bei Wein und Gesang heute schlicht dementiert werden.

Veteran der Roten Armee anlässlich einer Gedenkkundgebung zum 8. Mai – Feiern?

8. Mai 1945 – Befreiung vom Nationalsozialismus? Ja, Europa wurde befreit, einige zehntausend KZ-Insassen und im Untergrund Ausharrende in Deutschland auch.

Aber Feiern? Angesichts der enormen Opfer, die nötig waren, die Welt vom deutschen Nationalsozialismus zu befreien? Angesichts des Umstands, dass die Alliierten für viele einfach zu spät nach Deutschland vorstießen? Für die deutsche Bevölkerung, die zur überwiegenden Mehrheit nach dem Krieg immer noch lebte, brachte der Sieg der Alliierten die Demokratie. Für 6 Millionen Juden – für das europäische Judentum – führte der Sieg über den Nationalsozialismus nicht dazu, sich den Siegern zugehörig fühlen zu können, oder sich an deren (zu Recht begangenen) Feiern zu beteiligen – sie gab es nicht mehr. Es gab auch für die Übriggebliebenen wenig Grund zu feiern. Viele von ihnen hatten unter ihrem (Schuld-)Gefühl, anders als ihre Verwandten, Bekannten und Leidensgenossen durch Zufall überlebt zu haben, ihr Leben lang zu leiden.

Und diejenigen, die sich weder mit der deutschen Nation identifizieren mögen, noch die, die daran denken, mit ihrem Geschichtsbewusstsein das Ansehen der deutschen Nation zu mehren und auch die, die heute noch ein Bewusstsein davon haben, dass es ein Segen für die Menschheit war, dass es die Soldaten, Soldatinnen der Alliierten und die europäischen antifaschistischen Partisanen und Partisaninnen (die Briten, die Franzosen der Resistance, die Jugoslawen, die Polen, die Sowjetbürger, die Tschechoslowaken, die US-Amerikaner und u.a.) waren, die die deutsche Wehrmacht und die hinter dieser stehenden deutsche Volksgemeinschaft mit all ihren zur Verfügung stehenden Mitteln niederkämpfen konnten – wie sollen die ihre Dankbarkeit ausdrücken?

Mehr als ein bescheidenes Dankeschön, ein Spasibo, Thank You oder Merci steht uns in Deutschland nicht zu. Seine 13. Symphonie schrieb Schostakowitsch anlässlich des Massakers in Babyn Jar – man lege diese Musik auf und überlege dann, ob die Party steigen kann.

J.D.

* für eine ebenfalls notwendige Auseinandersetzung mit dem nationalchauvinistischen Turn der russischen Feiern zum 9. Mai, bleibt dem Autor leider nicht die notwendige Zeit. Aufgeschoben heißt nicht aufgehoben, so eine Plattitüde. Da es den Autor aber zunehmend nervt, dass der von Lenin einst gescholtene, heute wieder großkotzig daherkommende, russische Chauvinismus, den letzten Rest eines Internationalismus und Antifaschismus, der der Sowjetunion zugrunde liegenden Idee trotz Stalin noch zugehörte, für den doch auch viele Rotarmisten (Ukrainer, Weißrussen, Litauer, Kasachen, Juden etc.) als Soldaten einer sowjetischen und nicht russischen Armee gegen das NS-Regime in das Feuer gegangen sind und ihr Leben, ihre Gesundheit und jugendliche Unbeschwertheit gelassen haben, hinweggefegt hat, wird hierzu eine notwendige Sottise folgen. 

Vor 70 Jahren: Nach 900 Tagen beendeten Rotarmisten die deutsche Hungerblockade Leningrads

Vor siebzig Jahren, am 27. Januar 1944, wurde die Belagerung Leningrads nach vielen für die Rote Armee äußerst verlustreichen Entsatzversuchen endgültig von der Roten Armee gesprengt. Während der Belagerung dieser Stadt kamen ca. 1. Million Leningrader Bewohner ums Leben. Ihr Sterben war Ziel und Plan der deutschen Regierung, umgesetzt durch die deutschen Soldaten unter General Leeb* und Küchler unterstützt durch die Heimatfront in Deutschland, die Soldaten und Waffen lieferte.

Das Mädchen Tanja Savicheva war eines der Opfer. Bis kurz vor ihrem Tod schrieb sie Tagebuch. Auf der letzten Seite führte sie aus: „Alle sind gestorben, nur Tanja ist geblieben.“

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Tanja Savicheva und Zettel aus ihrem Tagebuch

Der Junge Jura Rjabinkin führte in seinem letzten Eintrag, am 6. Januar 1942 aus: „Ich kann fast überhaupt nicht mehr gehen oder arbeiten. Bin völlig entkräftet. Mutter schleppt sich auch gerade noch umher. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie sie das schafft. Sie schlägt mich jetzt oft, schimpft, schreit, hat nervöse Anfälle und kann meinen nichtsnutzigen Anblick nicht ertragen – den eines vor Kräftemangel schwachen, hungernden, erschöpftem Menschen, der sich kaum vom Fleck rühren kann, der stört und krank und kraftlos ‚tut‘. Aber ich simuliere doch meine Schwäche nicht. Nein! Das ist keine Heuchelei, meine Kräfte schwinden unablässig. Und die Zeit dehnt sich, dehnt sich und ist lang, lang! Oh Gott, was geht in mir vor? Und jetzt ich, ich, ich …“ Und dann kam der ersehnte Augenblick – der Tag der Evakuierung. Das wenige, was man für die Reise brauchte und mitnehmen konnte, war auf einem Schlitten verpackt. Auch Jura richtete sich im Bett auf, tastete nach seinem Stöckchen, versuchte aufzustehen, konnte es nicht und fiel aufs Bett zurück.  Aus: A. Adamowitsch u. D. Granin, Das Blockadebuch.

Jura Rjabinkin

Jura Rjabinkin

Anläßlich des Holocaustgedenktages sprach der russische Schriftsteller Daniil Granin im Bundestag.

* nach Leeb war bis 1992 eine Kaserne der Bundeswehr benannt.