Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Eindrücke einer Reise nach Triest und Istrien

Mehrfach habe ich das Gebiet Istrien bereist. Außer schönes Wetter, beschauliche Städtchen, leckeres Essen und ein badefreundliches Meer ist an dieser Region jedoch auch die Geschichte bemerkenswert.

In Jugoslawien fand 1941 nach dem Überfall Deutschlands auf das Land ein spontaner und bewaffneter Aufstand gegen die nazifaschistische deutsche Besatzungsmacht statt. Den überwiegend von Kommunisten angeführten jugoslawischen Partisanen gelang es in der Folge – freilich zu einem entsetzlich hohen Preis – über längere Zeiträume größere Gebiete der italienischen und deutschen Besatzungsmacht zu entreißen und zu kontrollieren und zuletzt auch die deutsche Besatzungsmacht zu vertreiben. Dieser Vorgang war einmalig in Europa. Diese Geschichte dieses Landes – auch die jüngere, die man nicht verstehen kann, ohne den Blick auf die Vergangenheit zu richten, beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Die Gedanken, die ich mir bei den Reisen in dieses Land mache, kreisen um dieses historische Phänomen, aber auch darum, warum dieses Land immer wieder bei mir selbst als Projektionsfläche unerfüllter politischer Ideale  dient.

Anbei daher eine subjektiv gehaltene Reflexion über eine Reise in ein Gebiet, welches viele nur als Urlaubsgebiet und vielleicht noch als Gegend der Trüffel kennen. Sie beginnt in Triest, das mit der Bahn von Deutschland aus ganz gut zu erreichen ist und führt dann weiter nach Istrien, heute aufgeteilt in Slowenien und Kroatien.

Triest ist eine sehr beeindruckende italienische Hafenstadt an der Grenze zu Slowenien. Eher untypisch für italienische Städte ist die Innenstadt. Sie ist stark vom imperialen Zuckerbäckerstil aus der Zeit Österreichs-Ungarns geprägt – man könnte, betrachtet man die Zeit nach 1914 bis in die Gegenwart sich fast dazu hinreißen lassen zu sagen, aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Piazza Della Borsa

Piazza Della Borsa in Triest

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Der repräsentativ, zentral gelegene und sehr großzügig angelegte Platz „Piazza Unita D’Italia“ von der Mole aus gesehen. Schöner als der Platz einer anderen Einheit in Kassel ist er allemal.

Triest war neben Pula und Rijeka eine wichtige Hafenstadt der KuK-Monarchie Österreich-Ungarns. In diesem Gebiet lebten und leben Italiener, Slowenen, Kroaten und Österreicher. Nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie fiel Triest an Italien, im zweiten Weltkrieg gehörte es zeitweilig zur sogenannten Operationszone Adriatisches Küstenland, wodurch das Gebiet nach dem Sturz Mussolinis direkt dem deutschen Reichsgebiet zugeschlagen und dem Kommando der SS unter Friedrich Rainer und Odilo Globocnik unterstellt wurde. Nachdem die jugoslawischen Truppen von Süden und englische Truppen von Westen kommend, sowie jugoslawische und italienische Partisanen die letzten Nazitruppen Ende April und Mai 1945 aus Norditalien und Istrien vertrieben hatten, besetzten jugoslawische Truppen zunächst Triest. Dann wurde einige Tage später Triest alliierter Herrschaft unterstellt und zu einem „freien Territorium“ erklärt um dann schließlich 1954 Italien zugeordnet zu werden.

Spuren und Zeichen der Erinnerung in Triest

Italien stand im 1. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten. Blutige Kämpfe fanden am Isonzo, der ca. 100 km westlich von Triest in das Mittelmeer fließt, statt. Erst durch die massive Verstärkung durch englische und amerikanische Truppen gelang es in Italien, die Truppen der Achsenmächte zurückzudrängen. Bis heute wird an dieses blutige Schlachten auch in Triest mit zahlreichen Denkmälern uns Skulpturen erinnert.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Man  findet auf den Spaziergängen in der Stadt viele in Stein gemeißelte oder in Bronze gegossene Zeugnisse des italienischen Nationalismus vor. Die Stadt wird durch den zentral gelegenen Hügel San Guisto geprägt. Oben auf dem Hügel steht das Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Soldaten.

Von faschistischer Ästhetik geprägtes Kriegerdenkmal in Triest

Das von faschistischer Ästhetik geprägte Kriegerdenkmal in Triest

Läuft man durch den am westlichen Hang gelegenen Park findet man unzählige Erinnerungssteine gefallener italienischer Soldaten. Gefallen in Afrika, in Italien und im Mittelmeer, aber auch in Spanien und in Palästina. Mitten drin, die Erinnerungsstätten an die antifaschistischen Kämpfer Italiens. Unten in der Stadt werden auf Erinnerungstafeln diejenigen geehrt, die nach 1945 für den Anschluss Triest an Italien demonstrierten und bei Zwischenfällen mit Sicherheitskräften ums Leben kamen.

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Am Hügel San Guisto wird an Alle erinnert. An die, die in allen möglichen Ländern für Faschismus und das italienische Vaterland ums Leben kamen, als auch an die, die gegen Faschismus und deutsche Besatzung kämpften.

Unter Mussolini versuchten die italienischen Faschisten die im Küstenland um und in Triest und nun in Italien lebenden Slowenen zu italienisieren. Die slowenische Sprache war verboten, renitente slowenische Nationalisten wurden verhaftet und / oder ausgewiesen. In Triest kam es 1920 zu einem Pogrom. Der Narodni-Dom, das Kulturzentrum der Slowenen in Triest wurde von einem faschistischen Mob angezündet. Gegen die slowenische Untergrundbewegung, die gegen die faschistische Politik kämpfte, wurde mit Härte vorgegangen. Nach dem Überfall auf Jugoslawien durch deutsche und italienische Truppen 1941, wurde diese Politik auf das nun von italienische Truppen besetzte slowenische Gebiet Jugoslawiens ausgeweitet. (Die italienische Besatzungspolitik war rassistisch und brutal, wurde aber von der deutschen, mit der der serbische Teil Jugoslawiens überzogen wurde, bei weitem in den Schatten gestellt. Der Terror des kroatischen Ustaschastaates stand der deutschen Herrschaft im serbischen Teil wiederum in nichts nach.)

Auch unter Mussolini setzte sich in Italien in den dreißiger Jahren eine immer stärker antisemitisch ausgeprägte Politik durch, die  noch vor dem Sturz Mussolinis 1943 in Triest zu einem Pogrom nun gegen die jüdische Bevölkerung führte. Die große Triester Synagoge wurde dabei geplündert.

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Die Synagoge von Triest. Sie ist eine der größten im Mittelmeerraum. 1943 wurde sie von faschistischen Italienern geplündert. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung wurde nach dem Sturz Mussolinis von den Deutschen deportiert und umgebracht.

Doch erst die deutsche Politik setzte den eliminatorischen Antisemitismus um. Ein Großteil der bis dahin noch nicht geflüchteten, untergetauchten oder von Italienern oder Jugoslawen versteckten jüdischen Bevölkerung Triests und Istriens wurde nach Auschwitz deportiert. Nur wenige kamen zurück.

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. Ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Nach dem Sieg der jugoslawischen Partisanen kam es in Slowenien zu blutigen Racheaktionen. Mit Resten der deutschen Wehrmacht versuchten Kollaborateure aus Slowenien und Kroatien Mitte Mai 1945 in das kürzlich von englischen Truppen besetzte Österreich  zu fliehen, dort wurden sie aber zurückgewiesen und viele von ihnen wurden dann von jugoslawischen Truppen und Verbänden direkt an die Wand gestellt. Mehrere Tausend tatsächliche und vermeintliche Kollaborateure wurden so umgebracht. Auch bei Triest kam es zu solchen extralegalen Hinrichtungen. Diese Morde wurden und werden von Geschichtsrevisionisten aller Couleur zu Delegitimierung des von jugoslawischen Kommunisten angeführten Aufstandes und Volkskrieges gegen die deutsche Nazibesatzung instrumentalisiert oder mit dem Terror des Naziregimes auf eine Stufe gestellt.

Fährt man durch das italienische Hinterland von Triest, so sieht man überall, sowie auch in Istrien zweisprachige Orts- und Straßenschilder. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der Versuch in Kärnten eine ähnliche Praxis umzusetzen von rechten und rechtsextremen Österreichern auf das schärfste bekämpft wurde. In Triest ist das Slowenische weniger präsent, der niedergebrannte Narodni-Dom wurde aber wieder aufgebaut, es gibt ihn heute wieder und wird von der slowenischen Bevölkerung Triests und Umgebung als Kulturzentrum genutzt.

Jugoslawische Erinnerungs- und Gedenkpolitik

Ob den jugoslawischen Juden in Istrien gedacht wird und wurde ist mir nicht bekannt. Im Gegensatz zur Situation in den sozialistischen Ländern, ist der Massenmord an den Juden in Jugoslawien jedoch nicht verschwiegen worden. Es gibt in Belgrad ein Mahnmal, das sich explizit dem Holocaust widmet und seit 1948 auch ein jüdisches Museum.

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Das Mahnmal in Belgrad, das den ermordeten jugoslawischen Juden gewidmet ist.

Aus Istrien wurden nach 1945 viele Italiener vertrieben, die,  die jedoch bereit waren, die jugoslawische Staatsbürgerschaft anzunehmen, konnten in ihrer Heimat bleiben. Das auch Italiener sich den Partisanen und dem Widerstand anschlossen, ist in Jugoslawien nicht verschwiegen worden. Einige Erinnerungsstätten für den Kampf gegen den Nazifaschismus sind in Istrien auch in italienisch verfasst.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Auch wenn die Erinnerung an Tito bei vielen Zeitgenossen verblasst. In Istrien findet man nach wie vor viele Erinnerungsstätten an die im Partisanenkampf Gefallenen und von den Deutschen Ermordeten und Deportierten.

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Anders als in anderen kroatischen Gebieten sind diese dort in den neunzigern und 2000er Jahren stehen geblieben, oder wurden wieder aufgerichtet.

Eine Büste für eine Partisanin in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neuzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

Eine Büste für die Partisanin Olga Ban in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neunzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

In Pazin beispielsweise wurden die in den 2000er Jahren z.T. zerstörten Büsten der „Volkshelden“ des antifaschistischen Befreiungskrieges wieder hergerichtet.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole, die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Novigrad erinnert ein Büste an die von den Deutschen ermordete Partisanin Irma Bencic.

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste der Partisanin Irma Bencic

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste für die Partisanin Irma Bencic

Viele der Mahnmale sind in den Achtzigern errichtet worden, es gibt aber auch ältere oft schlicht gehaltene Denkmäler und Erinnerungsstätten. In Porec hingegen grüßt pathetisch vor dem Eingang zur Altstadt der Genosse Joakim Rakovac. Porec, bevorzugtes Reisegebiet vieler Urlauber aus Deutschland und Österreich ist auch Bischofssitz, vielleicht ist das kriegerische Denkmals dort doch nicht ganz fehl am Platze. Die katholische Kirche in Kroatien hat sich in der deutschen Besatzungszeit nicht mit Ruhm bekleckert und ist von der jugoslawischen Regierung 1948 völlig zurecht enteignet worden.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovic in Porec ist seltener anzutreffen.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovac in Porec ist seltener anzutreffen.

Etwas nördlich von Porec, an idyllischer und ruhiger Stelle direkt am Meer gelegen, liegt das ehemalige Kloster Dajla. Es wurde in Jugoslawien als Altenheim und Sanatorium genutzt. Nach Rückübertragung an die katholische Kirche und Rechtsstreit steht es seit Jahren leer und verfällt. Es gibt mehrere Beispiel für ehemals sozial sinnvoll genutzte Gebäude an prominenter Stelle, die heute nicht nur ungeklärter Besitzverhältnisse wegen, dem Verfall preisgegeben sind.

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die meisten Mahnmale und Erinnerungsstätten sind zurückhaltend und das Leid des Befreiungskrieges angemessen ausdrückend gestaltet. Auch die Rolle der Frauen ist nicht zu übersehen.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft. Das Leiden steht im Vordergrund.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier im istrischen Städtchen Buje der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft dargestellt. Das Leiden steht im Vordergrund.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar trägt die Frau ebenfalls eine Waffe und sucht nicht nur Schutz hinter dem tapferen männlichen Kämpfer.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar sucht die Frau nicht den Schutz hinter dem tapfer kämpfenden Mann, sondern trägt selbst in kämpferischer Weise eine Waffe.

Im glichen Städchenauf der gegenüberliegenden Seite ist ebenfalls ein Monument jüngeren Datums errichtet. Dort ist

Im gleichen Städtchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Rollenverteilung auf dem gleichwohl sehr eindrucksvollen Monument jüngeren Datums anders. Die endlose Zahl der Opfer dieses kleinen Orts, die auf der Mauer dieses Memorials aufgeführt werden, sagt viel über das Ausmaß des Leidens der Menschen unter deutscher Besatzung aus.

Erinnerung an die deutsche Vernichtungspolitik in Triest

Unter deutscher Herrschaft spielte das Sammel- und Durchgangslager Risiera Di San Sabba ein wichtige Rolle. In der am Rande Triests gelegenen ehemaligen Fabrik wurden unter der Regie der SS mehrere tausend Juden, Slowenen und italienische Widerstandskämpfer und Gefangene ermordet. Hier ist ein beeindruckende Erinnerungsstätte errichtet worden, die 1965 vom italienischen Präsidenten der Republik zum Nationalmonument erklärt wurde.

Deutsche Fachmänner errichteten in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Deutsche Fachmänner für Mord und Totschlag errichteten und betrieben in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die von ihnen Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Ausführlich zur politischen Geschichte dieser Region:

  • Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915 – 1955, Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum, Paderborn 2014
  • Kärnten|Slowenien|Triest, Umkämpfte Erinnerungen. (Hg.) Tanja v. Fransecky u.a., Bremen 2010
  • Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia, 1941 – 1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001
  • Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010
  • Die Internetseite „Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa“ widmet sich der Gedenkstätte  Risiera di San Sabba.