Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.

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Die Vernunft in Scherben

Kassel at its best. Nach Deutschlands Lieblingsisraeli, nach dem Liquidator der kritischen Vernunft, einer Blut-und-Boden-Ideologin, nach der leibhaftigen Inkarnation engagierter Kunst und nach Deutschlands Lieblingspräsidenten soll jetzt der „amerikanische Kronzeuge gegen die Verfehlungen der USA“ Edward Snowden (Tobias Jaecker) Träger eines Preises sein, dem einen Begriff angeheftet wurde, dem er spottet .

Snowden hat zwar nicht den Peter-Sodann-Preis (bonjour tristesse) erhalten, er soll dieses Jahr aber Preisträger des Kasseler „Glas der Vernunft“ sein. Eine Schöpfung provinzieller Kleingeisterei und Selbstbeweihräucherung aus jener Stadt, die am weitesten von allen aus der Ostzone im Westen liegt.

scherbenhaufen

Großkotzig heißt es auf dem Portal der Stadt Kassel:

Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen über Datensammlungen amerikanischer Geheimdienste, die der demokratischen Kontrolle entzogen wurden, für eine deutlich gesteigerte Sensibilität bei den Bürgerinnen und Bürgern gesorgt und vielen Akteuren aus der Politik zum Nachdenken und Umdenken Anlass gegeben. Mit Mut, Kompetenz und Vernunft hat er eine Gewissensentscheidung getroffen und dabei sein bisheriges Leben und seine Sicherheit für eine größere Sache aufs Spiel gesetzt.

Wenn es um die Sache geht, dann kennt man in Kassel offenbar kein Halten mehr. Die Festrede soll der „Schlawiner“ (H.M.Broder), passionierte „Israelkritiker“ und Chefredakteur der Waffen-SZ H. Prantl halten. Laudator wird der Autor jenes Groschenromans sein, der „in keinem gutbesetzen ICE fehlen darf“ (Wertmüller) und der den Deutschen einen pädagogisch wertvollen Entwicklungsroman über die Menschwerdung einer Nazisse lieferte.

Schlafwandlerisch findet zusammen was zusammengehört. Ob Osama bin Laden mit einem Grußwort von den Bahamas live zugeschaltet wird, verraten die Preisausrichter noch nicht, man will sich nicht zu leichtfertig den Drohnen aussetzten.

Provinzieller Größenwahn, Versöhnung mit der Geschichte, Antiamerikanismus und Antisemitismus. Vernunft in Kassel – ein Scherbenhaufen.

Kritik den teutonischen Ebern, allerdings!

Was kann man gegen die AfD und gegen den Islam in Stellung bringen? „Das religiöse Elend ist ein Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend … Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. … Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertals, dessen Heiligenschein die Religion ist.“ (MEW, Bd. 1, 378)

wie sie rufen

Deutschtümler von Blut und Freisinnige von Reflexion auf der Suche nach …, tja, nach was eigentlich?

Diese auf Feuerbach zurückgehende und über ihn hinausweisende Kritik der Religion zeigt zum einen auf, dass man im Zusammenhang vom Islam nicht von einer Religion in dem Sinne reden kann, als dass sie ein Seufzer der bedrängten Kreatur und der Widerschein illusorischen Glücks wäre, sondern unmittelbare Ideologie der Unterwerfung und Sein zum Tode ist. Der Zustand dessen, was allenthalben als „Kritik“ am Islam dargestellt wird, ist, wenn sie sich auf das „christliche Abendland“ beruft, allenfalls Ausdruck des wirklichen Elends, hat aber ebenfalls nichts mit einem Begriff (auch nicht mit einem illusorischen) vom Glück zu tun, sondern ist vielmehr Ausdruck des sehr deutschen Elends.

Wir haben es im Fall der AfD, der sehr zu Unrecht von Freund und Feind das Etikett „islamkritisch“ angeheftet wird, mit den teutonischen Ebern zu tun, die in ihrem Koben auf der Suche nach Identität in den Wald hineinrufen, wie es dann allenthalben uns entgegenschallt.

Das Schlimme an der Sache ist, dass man 175 Jahre nach Feuerbach mit der Kritik der Religion wieder von vorne anfangen muss um dann vielleicht zur Kritik im allgemeinen kommen zu können.

Panama Papers und der Reflex des Bildungsbürgers

Warum auch Kritik der politischen Ökonomie – wenn’s der Dollarschein tut

Am 3. April gelangten Informationen über den panamaischen Offshore-Dienstleister Mossack Fonseca an die Öffentlichkeit. Demnach haben unzählige Kunden mit Hilfe des Dienstleisters Steuer- und Geldwäschedelikte u.a. Wirtschaftsdelikte, sowie Bruch von UN-Sanktionen begangen. Es werden Namen von zahlreichen Prominenten und Politikern genannt, frühere und noch amtierende Staatschefs, aber auch Terroristen, Sportfunktionäre usw. Als Staaten die betroffen sind, werden Argentinien, China, Chile, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Island, Niederlande, Österreich, Russland, Schweiz, Uruguay, Tschechien und die USA genannt. Aus den USA seien etwa 200 Menschen betroffen – so wenige? Wikipedia muss darob den vermutlich erstaunten Leser aufklären. In Deutschland vermutet man mehrere tausend Klienten, in China sind führende politische Kreise beteiligt, ebenso aus Russland.

Vietor

Die Hypostasierung des Konkreten und die Identifikation des Kapitals mit dem manifest Abstrakten liegt einem ‚Antikapitalismus‘ zugrunde, der die bestehende soziale Ordnung von einem der Ordnung immanenten Standpunkt aus überkommen will. (M. Postone)

Wenn man denn wollte, könnte man also mit Putin, XiJinping, mit dem Logo der Deutschen Bank die Geschichte illustrieren. In Kassel gibt es die Buchhandlung Vietor, die diese Angelegenheit nun für die Schaufensterdekoration bemüht und weiß  – läppische 200 Amerikaner hin oder her – worauf seine Klientel anspricht, wenn es um Kapitalismus“kritik“ geht: Auf den Dollarschein.

Für die, die nicht beim Weltkonzern Amazon bestellen, sondern den einheimischen Laden um die Ecke bemühen, stehen dort die Bücher „Die kleine Kapitalistensau“, ein „Konz, 1000 ganz legale Steuertricks“, „Deins ist Meins. Die unbequemen Wahrheiten der Sharing Economy“ und andere eher harmlose Bücher, die den Anschein geben, sich kritisch mit der kapitalistischen Gesellschaft auseinanderzusetzen, aber nichts als den Mainstream des konformistischen Groll auf das Abstrakte widerspiegeln. Ach und man ist ja in Kassel, ein Beuys und der ist dann der deutsch-völkischen Ideologie schon deutlich zuzuordnen, darf dann auch nicht fehlen. Diese Bücher und eine Schatzkiste sind mit Dollarscheinen drapiert. Bei einigen dieser Dollarscheine ist das Porträt George Washingtons mit Bildern der aktuell beteiligten Personen überklebt. Man will halt nicht nur das abstrakte Geld verteufeln, sondern auch gleich eine konkrete Person als verantwortlich markieren.  Auch ein bluttriefendes Dollarzeichen ist zu finden – aber vielleicht war hier die Farbgebung eher Zufall, denn einfältiger Wille.

Was stellt das Fenster hier also zur Schau: Kapitalismus“kritik“ für den gehobenen Mittelstand, dem die Bücher aus dem Kopp-Verlag zu vulgär sind und für den „Das Kapital“ von Karl Marx, das das Schaufenster ebenfalls ziert, allenfalls im Bücherregal als Markenzeichen für den sich distinguiert gebenden Hass auf Amerika, auf die Zirkulationssphäre, die Spekulanten usw. dient, denn als Grundlage für eine Kritik an der Gesellschaft und der der eigenen Ideologie bemüht wird – die Rutschbahn ist offen.

Kritik und Affirmation

„Waren die Juden Europas vordem wegen nichts und für nichts ermordet worden, so sollen sie nun, ein halbes Jahrhundert nach Auschwitz, endlich Profit abwerfen, den man damals nicht aus ihnen hatte ziehen können … Alle beteuern ihr gute Absicht. Und genau die gilt es zu fürchten. Niemand hat bei dem Dreischritt von der Humanität über die Nationalität zur Frivolität je die Frage gestellt, mit welchem Recht sich Deutsche so fürsorglich an den Ermordeten vergreifen.“ (Eike Geisel)

Ein Kommunist, ein Antiamerikaner und der gute Ruf der Stadt Kassel

In Kassel treibt seit einigen Jahren ein Stolperstein e.V. sein Unwesen. Er verlegt an diversen Stellen in Kassel und Umland emsig Steine, die an die Opfer der nationalsozialistischen Herrschaft und Volksgemeinschaft erinnern. Als im letzten Jahr einer der Vereinsmitglieder eine antisemitische Rede auf einer Hassdemo gegen Israel hielt, der Vorsitzende des Vereins Jochen Boczkowski entspannt seinen Freunden auf der Bühne lauschte und ein entsprechendes Plakat in die Höhe hob, wandte sich das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel an die Öffentlichkeit. Wir machten auch darauf aufmerksam, dass die Haltung dieses Vereins mit der des im Vordergrund agierenden Protagonisten – Gunter Demnig – konform geht. Unsere Interventionen blieben, wie so oft zunächst, mehr oder weniger unbeachtet. Nun fand eine Podiumsdiskussion im Sara Nussbaum Zentrum statt. Im Vorfeld dieser Diskussion zeigte sich die Stadt besorgt, die jüdische Gemeinde gefährde mit einer solchen ihre Beliebtheit bei der nordhessischen Bevölkerung.

Dennoch, ein Vertreter des Bürgermeisterbüros und zwei Vertreter des unermüdlichen nordhessischen Gedenkbetriebes waren zugegen. Sie verwahrten sich zunächst gegen den Vorwurf, dass wenn ein Vorsitzender eines Vereins sich an einer Hassdemo gegen Israel beteiligt, dies noch nichts über den Verein selbst aussage und die Vergangenheit eines Gunter Demnig sei Vergangenheit, ja heute würde er sogar weinen, wenn es um die schlimme Vergangenheit in Deutschland geht. Nachdem dann aber der Podiumsgast der Jüdisch Liberalen Gemeinde Nordhessen, Christopher Willing, klar machte, dass mit den Vertretern des Kasseler Vereins keine Zusammenarbeit mehr möglich ist, solange sich der Verein nicht klipp und klar zu den Ereignissen im Sommer 2014 geäußert hat und es ruchbar wurde, dass der Vorsitzende des Vereins nicht nur ein Antizionist ist, sondern horribile dictu auch eine politische Vergangenheit hat, von der er nicht abgeschworen hat, wackelte die Abwehrhaltung der Erinnerungsarbeiter. Boczkowski ist ein Kommunist, „dem die Position der Linkspartei zu rechts sei!“, so ein wichtiger Teilnehmer aus dem Publikum. Das geht natürlich nicht, so etwas beschädigt den Ruf der Stadt, erst recht, wenn dieser dann die in diesem Spektrum üblichen Positionen zu Israel öffentlichkeitswirksam propagiert. Es gehört nicht viel Phantasie dazu, zu prophezeien, dass die Tage des Vorsitzenden des Stolpersteinvereins in Kassel gezählt sein dürften. Der Konnex linksdeutsche Erinnerungspolitik und Israelhass ist erfolgreich vom politischen Mainstream abgespalten.

Was ist das Ergebnis? Der Verein wird mit einem anderen Vorsitzenden unbelastet vom wüsten Antizionismus linker Provenienz weiter seine Steine legen und die Dankbarkeit der Angehörigen und Verwandten der Opfer der deutschen Volksgemeinschaft darüber, dass sich jemand der Erinnerung ihrer Verwandten annimmt, zur Beweihräucherung der eigenen Ergriffenheit ob des unermüdlichen Erinnerns missbrauchen. So wie in der Provinz ein anderer Verein seit Jahr und Tag Erinnerungsarbeit leistet um die Geschichte beider deutschen Diktaturen aufzubereiten und die Toleranz und den Dialog zu fördern sowie ein Museum im Landkreis den Schülern der nordhessischen Bildungseinrichtungen die nationalsozialistische Barbarei vor Augen führt, so werden sie allesamt versuchen, die Shoah und die Herrschaft des Nationalsozialismus zum Wohle der Nation zu bewältigen.

In Kürze wird die nächste Kranzabwurfstelle für tote Juden am Hauptbahnhof geschaffen und eine hochangesehene Gesellschaft wird weiter fleißig Freundschaft mit Israel propagieren, vor allem dann, wenn es nichts kostet und das Ansehen der Stadt Kassel und seiner Bürger mehrt. Die Kasseler Zivilgesellschaft wird stolz sein, das Erinnern an die Shoah kommensurabel zu machen und Versöhnungsarbeit zu leisten. Deren Protagonisten werden ebenso stolz sein, als würdige und rührige Bürger Nordhessens und Kassels geehrt zu werden und sich angesichts der Freude der Angehörigen der Opfer im eigenen Wohlgefallen suhlen. Kassel kann Dank solch beflissener Tätigkeiten der Zivilgesellschaft fortfahren, sich damit zu brüsten, Vorreiter des Erinnerns und der Aufarbeitung der Geschichte zu sein und dazu beitragen, das Deutschland ein freundliches Gesicht hat.

Ein Beitrag auch dazu, kaltschnäuzig lächelnd eine Austeritätspolitik auf dem Rücken der Armen, Alten und Kranken in Europa durchzusetzen, ein Grenzregime an den Außengrenzen der EU zu exerzieren, dem abertausende Flüchtlinge zum Opfer fallen und Israels Regierungsrepräsentanten zu erklären, unter Freunden könne auch mal Kritik geübt werden, wenn Israels Sicherheitskräfte konsequent gegen den antisemitischen Terror vorgehen.

Und um so unbefangener können dann die, Dank alliierten militärischen Engagements gegen die deutsche Volksgemeinschaft und ihren Nazis, zu Tode gekommenen Kasseler Volksgenossen jährlich am 23. Oktober auf dem Hauptfriedhof und am Volkstauertag am Ehrenmal weiter als unschuldige Opfer von Krieg und Gewalt betrauert werden. Umso besser kann der alltägliche Terror gegen die Israelis mit Nichtbeachtung gestraft werden und falls Israel mal zurückschlägt, mit dem Segen eines staatsoffiziellen „Fachmanns“ für Antisemitismus, der Antizionismus und Antisemitismus der Friedenshetzer und ihrer Bündnispartner als legitime Kritik an Israels Regierung verteidigt und als verständliche Empörung über die Untaten (oder „überzogenen Aktionen“) der israelischen Sicherheits- und Streitkräfte entschuldigt werden.

Islamistische Propaganda, ein Bauernopfer und der Dialog

In der nordhessischen Kleinstadt Melsungen postete ein örtlicher Vertreter der DITIB die islamische Lehre über den Juden. Nachdem dies in einem jungle-world-Artikel erwähnt wurde, postete das Bündnis gegen Anisemitismus Kassel die Übersetzung der Melsunger Thesen. Dies wirbelte einigen Staub auf, die Melsunger Thesen fanden sogar Erwähnung in den überregionalen Medien. Die DITIB beeilte sich zu erklären, mit dieser Sache nicht zu tun zu haben, man sei erschrocken über diese Tat eines Einzeltäters und diktierte der lokalen Presse folgendes Sedativum in den Notizblock: „Wir haben immer bewiesen, dass wir die Nähe zu allen ethnischen und fremden Kulturen suchen und pflegen …“ außerdem habe der Verursacher „unbedarft Texte gesammelt, kopiert und auf der Ditib-Seite veröffentlicht“. Dies sei ohne Absprache geschehen. Der Mann habe keinesfalls für radikale Thesen gestanden, sondern „lediglich die Seite erweitern wollen …“ Dann ist ja alles gut. Der Unbedarfte wurde dennoch zurückgetreten und die hessische Landesregierung beeilte sich zu erklären, nun sei ja alles geklärt, der Dialog könne weiter gehen.

Die Erklärung der DITIB ist eine Nebelkerze und geht natürlich am Kern der Sache vorbei. Antisemitismus hat nichts damit zu tun, inwieweit Nähe zu „ethischen und fremden Kulturen“ fehlt und der Kampf gegen Antisemitismus nichts damit, wie diese Nähe gesucht und gepflegt wird. Der Hass auf Juden ist auch kein Ausdruck davon, dass diese einer „fremde Ethnie“ angehören würden. Das Statement beweist, dass mit den Islamverbänden über alles Mögliche gesprochen wird, garantiert aber nicht über Antisemitismus und Islam. Natürlich hat der Verantwortliche nur Texte gesammelt und veröffentlicht, Texte des Islam auf Türkisch – mutmaßlich noch öfters auf Arabisch – eben. Werden diese zu deutlich und findet sich einer, der dieses dem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht, muss der Verantwortliche eben zurücktreten. Ändern tut sich nichts, das öffentliche Ärgernis ist mit Rücktritt oder Rauswurf und ein paar vieldeutigen Nebelkerzen beseitigt, die Dialogfähigkeit wieder hergestellt – bis zum nächsten Mal, wenn es mal wieder gilt, die Israelische Regierung zu kritisieren oder wenn sich jemand, der arabisch oder türkisch kann, die Mühe macht, in den einschlägigen Foren und Webseiten zu suchen und die dort gesammelten Texte übersetzt.

Der Islamist ist unter den Teppich gekehrt, Antisemitismus und Judenhass sind auf wundersame Weise verschwunden. Das Treiben der DITIB (und anderer noch problematischerer islamischer Verbände) und der empörten Freunde Palästinas sowie die Indifferenz der dialogwütigen Vertreter der offiziellen Politik haben dann natürlich nichts mit Antisemitismus zu tun.

Kritik ist dann, wenn es nicht konstruktiv wird

Die Kritik des Bündnisses gegen Antisemitismus Kassel hat also dazu geführt, dass ein Kasseler Kommunist ob seines Antizionismus überführt wurde und mutmasslich kalt gestellt wird – was aufgrund des konsensfähigen Antikommunismus keine Kunst ist – und dass ein Islamist nicht mehr öffentlich dass sagen soll, was die ihm überstellte Regierungsbehörde in der Türkei jeden Tag von sich gibt. Was sagt uns das? Die Kritik an der Leitidee der Moderne führt bestenfalls zur politischen Hygiene. Die Stadtgesellschaft kann sagen, seht her da sind die Bösen und wir sind die Guten. Die Stadt Kassel gedenkt fleißig den toten Juden, stellt immer einen Polizeiwagen vor die Synagoge, dialogisiert emsig mit den Religionen, hat eine Partnerstadt in Israel und erklärt sogar die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde zur Ehrenbürgerin Kassels.

Natürlich ist es angenehm, die wüstesten Antizionisten vom öffentlichen Podium fernzuhalten, den Islamisten das Maul zu stopfen und dafür zu sorgen, dass die Dialogpartner genauer darauf achten, wer bei Ihnen was auf Deutsch sagt und schreibt. Nichts spricht zudem dagegen freundlich gegenüber der jüdischen Gemeinde zu sein, an die deutsche Vergangenheit zu erinnern und zu den Nachkommen der Opfer der deutschen Volksgemeinschaft Kontakte zu knüpfen. Doch vergeblich wird das Bemühen sein, die Selbstbezüglichkeit und die Kommensurabilität deutscher Vergangenheitsbewältigung zu kritisieren um daraus eine Handlungsanweisung für ein richtiges Gedenken zu formulieren.

Die Isolierung des politischen Islam, die Befreiung der migrantischen Community von der islamischen Bevormundung und dessen Tugendterror, die Verbannung islamischer Propaganda und Symbolen aus den Schulen und anderen staatlichen und halbstaatlichen Bildungsinstitutionen, auf so etwas wird man vergeblich warten müssen. Die Indifferenz gegenüber dem alltäglichen Terror in Israel, dem Treiben der BDS-Kampagne, die fehlende Solidarisierung der Stadt mit Israel, wenn es allösterlich zu antisemitischen und antizionistischen Aufläufen kommt oder wenn es mal wieder legitim ist, Israel zu kritisieren, wird bleiben. Und wenn die örtlichen Gewerbetreibenden angesichts der Appeasementpolitik gegenüber dem Iran und Saudi-Arabien überschwänglich die guten Geschäftsbeziehungen zu den Paten des Terrors loben, wird es auch zukünftig nicht dazu kommen, dass ihnen einer auf die Finger haut.

Es zeigt sich, Kritik, die nicht affirmativ sein will, bleibt einsam.

Tränen lügen nicht – oder wo hängt die Wurst?

Wie berichtet, fand am 18.05.2014 eine u.a. von den Genossen der T.A.S.K organisierte Kundgebung gegen das Deutschlandtreffen der Ostpreußen statt.

Die Kasseler Lokalzeitung, die HNA, in Nordhessen das auflagenstärkste Blatt und damit hier faktisch das Pressemonopol ausübend, berichtete am 19.05.2014: „Die Tränen kullerten der 76-jährigen … über die Wangen.“ Entsprechend kommentierte die Berichterstatterin der Zeitung Katja Rudolph, es sei „armselig, Menschen, die unter dem Krieg gelitten haben, pauschal als rechtsradikal darzustellen.“ (Was im Übrigen reine Halluzination der Kommentatorin ist, weil das niemand tat.) Holger Kindler vom „Bündnis gegen Rechts“, das die Aktion der T.A.S.K mit initiierte und unterstützte, gab klein bei und stellte gegenüber der Presse fest, man wolle „nicht die Schicksale von Besuchern infrage stellen. Man wende sich … gegen die Position der Landsmannschaft. Dort gebe es personelle Verbindungen in die rechte Szene.“ Dazu passt der Gedankengang der HNA-Kommentatorin „Richtig ist, dass wir alle uns gegen rechtes Gedankengut wehren sollen.“ Nichts bringt die Armseligkeit der volksdeutschen Einheitsfront gegen Rechts besser auf den Punkt als dieser Satz.

Die Heimat ist da, wo die Wurst hängt

Die Heimat ist da, wo die Wurst hängt

Böse Nazis und die Gute Heimat

„Wir sollen die Nazis verherrlichen? Die waren doch der Auslöser für Flucht und Vertreibung“ wird ein Intelligenterer der „Vertriebenen“ zitiert. In Ostpreußen erzielten die Nazis überdurchschnittliche Stimmenergebnisse, damit könnte man sein Argument von „die waren es, nicht wir“ schnell entkräften. Die Zustimmung für Hitler war jedoch nicht nur in Ostpreußen groß, sondern erreichte 1941 deutschlandweit einen Höhepunkt. Hitler war einer der populärsten Politiker Deutschlands. Aber wenn es ein Ergebnis der deutschen Erinnerungsarbeit gibt, ist es das, 1933 – 1945 gab es Nazis. Doch Nazis sind immer die Anderen und an die Heimat zu denken kann doch nichts verwerfliches sein. Wir sind gegen Nazis weil die, wie es Onkel Knopp uns eingebläut hat, so böse waren und viele Volksgenossen schrecklich leiden mussten, so lässt sich das Geschwurbel abkürzen und gibt ziemlich genau das wieder, was den deutschen Erinnerungskult so problematisch und Aktionen, wenn sie die Überschneidungen zur rechtsextremen Szene, oder Nazis selbst problematisieren und beim „Nazis raus!“, „Bunt statt Braun!“ etc. stehen bleiben, so hilflos, so banal, so dumm macht.

An anderer Stelle hier schon mehrfach dargelegt, die deutsche Erinnerungsarbeit hat sich gewandelt. Die Verbrechen der Nazis werden nicht mehr bagatellisiert oder in Abrede gestellt. Nein! Die Arbeit von vielen Wissenschaftlern, die sich der NS-Zeit widmeten und widmen, die kulturindustriellen Produktionen des deutschen Fernsehens, die die fiesen Nazis akkurat in Uniform packen und als Widerlinge von Schauspielern für jeden nachvollziehbar als den Anderen in Szene setzen, sollen sich bezahlt machen. Aufrecht steht man da und sagt, seht her, wir stellen uns unserer Geschichte und lernen daraus, nehmen Verantwortung war und suchen Versöhnung. Das ist mittlerweile auch bei den „Vertriebenen“ angekommen, wenn auch hier die Abgrenzung noch nicht ganz so ordentlich funktioniert, wie es bei der Einheitsfront der Demokraten die Regel ist und man noch nicht begreifen will, was den Wutprofessor Arnulf  Baring so problematisch macht (aber das versteht ja so mancher Fernsehverantwortliche auch noch nicht), warum man deutsche Panzersoldaten verherrlichende Bücher lieber nicht auf den Büchertischen auslegen soll und ein Fahnenappell vielleicht doch nicht ganz en vogue ist – aber wozu hat man eine Jugendorganisation. Der Holocaust wird nicht mehr verleugnet, ja wie ein Besucher mir geifernd entgegenschleuderte, man begrüße es, dass Holocaustleugner bestraft würden – und da die UNO Vertreibungen und ethnische Säuberungen als Völkermord definiert habe, so müsse lediglich auch noch die Leugnung der „Vertreibung“ zum Straftatbestand erhoben werden. Der Einwand, dass wenn man die Umsiedlung der Deutschen auf eine Stufe mit dem Mord an den Juden stellt, dies wiederum eine Bagatellisierung des Holocaust ist, wäre hier zwar richtig, aber zum einen zwecklos zum anderen würde der Hinweis an der hier diskutierten Sache vorbeigehen.

Wie man es dreht und wendet, die Beschäftigung mit der Vergangenheit ist Teil der Ideologieproduktion Deutschlands. Nicht mehr die Versuche Nazis zu rehabilitieren, eine Kriegsschulddebatte, die Leugnung des Holocaust und deutsche Kriegsverbrechen o.ä. sind das Problem. Die solches äußern sind abseitige Vertreter die im wissenschaftlichen Mainstream keiner mehr Ernst nimmt und deren tatsächlicher Einfluß in der Gesellschaft gen Null tendieren dürfte. Es ist der Erinnerungsdiskurs als solcher anzugreifen in dem der im Mainstream der Erinnerungsarbeit unbegriffene Gegenstand der Nationalsozialismus und die deutsche Volksgemeinschaft als das herausgestellt wird, was zu kritisieren wäre und als das bezeichnet wird, das bis heute freilich in verschiedenen Formen als deutsche, als postnazistische Ideologie fortwest.

Der Heimatbegriff genauso wie seine nach wie vor ungebrochene Popularität sollte dabei eine zentrale Rolle spielen. Die „Vertriebenen“ sind nun besonders leicht zu überführende Vertreter dieser Ideologie aber man findet sie eben nicht nur dort. Die Vorstellung von einer Harmonie der Ursprünglichkeit, von Wurzeln eines Volkes als integraler Bestandteil der Natur, vom Geist eines Volkes, den man in einer Landschaft, in den heimeligen Häusern, den kleinen Städtchen und den Bauernhöfen eingeschrieben findet, von einer organische Natur einer Gemeinschaft etc., das alles sind Bestandteile völkischer Ideologie. Diese Ideologie ist Ausdruck der Ablehnung der Moderne, des Abstrakten, des Wurzellosen, des sich unablässig Wandelnden. Der Antisemitismus ist eine logische Konsequenz. Doch diese zentralen Bestandteile völkischer Ideologie finden sich nicht nur bei Nazis, Neu- und Altrechten und eben nicht nur bei den „Vertriebenen“, sondern sie sind fester Bestandteil einer deutschen Ideologie, die bis weit in die Kreise der Linken reicht, wenn sie nicht gerade dort immer wieder fröhliche Urständ feiert.

Die Antwort der Genossen von T.A.S.K, „Nie wieder Deutschland!“ ist vielleicht etwas abgelutscht und grobschlächtig, aber sie ist für das politische Handgemenge ausreichend und ist auch nicht umsonst im Bündnis gegen Rechts nicht konsensfähig, weil man damit natürlich gerade jenen vor den Kopf stößt, die zwar fleißig gegen Nazis mobilisieren und immer schnell mit ihrem „Nazis raus aus Kassel!“ bei der Hand sind, dann aber nichts damit anfangen zu wissen, wenn es darum geht, die Ideologie der Nazis als das zu begreifen was sie ist, nämlich eine völkische und eine von der Volksgemeinschaft. Es ist eben eine die sich in den Reihen der Linken fortsetzt, wenn dort von den bösen Banken, vom Großkapital, von Spekulanten, von unterdrückten Völkern, von undurchsichtigen Handelsabkommen etc. die Rede ist, gegen die sich man als aufrechter Linker und als Fürsprecher des Volkes und anderer Völker (vornehmlich dem in einem „besetzten“ Gebiet) zu stellen habe.

Epilog

Und was war das mit der Wurst? Hat nicht jeder eine Heimat? „Was ist denn Deine Heimat?“, wurde ich, penetrant geduzt, von wutschnaubenden Besuchern des Deutschlandtags gefragt – „Hast wohl keine!“, „Bist Du Jude?“, „Bist Du Kommunist?“, „Wo bist Du denn geboren?“ u.ä. Klar habe ich eine – eine Heimat. „Heimat ist da wo die Wurst hängt!“ Aber das in Nordhessen zu sagen ist natürlich auch schon wieder grenzwertig. Dennoch, obwohl ich die nordhessische Ahle Wurscht sehr gerne esse, deswegen fühle ich mich diesem Landstrich nicht mehr verbunden als anderen wo ich mich gerne aufhalte und vielleicht sollte man in Nordhessen lieber sagen, meine Heimat ist da wo ich mein Leben leben kann, dort wo mein Kühlschrank brummt, oder ganz frei nach Gustav Heinemann: Da wo meine Liebste oder mein Liebster schläft, da ist meine Heimat – und das kann überall sein, dort nämlich wo man gerade ist und nicht dort wo man war. Unübertroffen ist allerdings Ernst Bloch. „Was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

Überflüssig zu sagen, dass in der HNA natürlich permanent von Vertreibung ohne Anführungszeichen, von Ostpreußen, von Menschen, die im Krieg gelitten haben, von 300.000 Menschen, die auf der Flucht von Ostpreußen ums Leben kamen die Rede ist – dies alles ist ideologischer Plumperquatsch, den in Grund und Boden zu stampfen ein leichtes wäre – was nicht mein Anliegen war.

J.D.