Das Blücherviertel – ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Die Debatte um Karl Branner – Ein Streit der Exorzisten

Im Gespräch der Stadt ist aktuell der Name Karl Branner. Nach Karl Branner ist eine Brücke benannt, die die Unterneustadt mit der Innenstadt Kassels verbindet. Ferner wurde nach Karl Branner auch ein Flügel im Rathaus benannt. Der Name Branners ist in Verruf geraten. Eine Forschungsgruppe hatte anlässlich des 1100-jährigen Jubiläums Kassels herausgefunden, dass das SPD-Mitglied und der ehemalige Oberbürgermeister Kassels Branner Mitglied der NSDAP und anderer Naziorganisationen war. Er verfasste eine Doktorarbeit. In dieser Arbeit kennzeichnete er jüdische Autoren mit einem Stern, obwohl er es nicht „musste“. Die Doktorarbeit befasste sich mit dem Thema der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Nationalsozialismus unter einer ausgeprägten völkischen Ausrichtung.

Branner ist schon lange tot, er wendete sich allem Anschein nach von der NSDAP bereits während des Krieges ab, engagierte sich in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft im dortigen antifaschistischen Ausschuss (was ihm freilich negativ ausgelegt wird), war wie viele Deutsche nach 1945 kein Nazi mehr und machte sich in verschiedenen Bereichen für die Stadt durchaus verdient. Auch heute steht die Partei, der er nach 1945 angehörte, auch wenn man vieles an ihr kritisieren kann und muss, nicht in dem Ruf, eine Nachfolgeorganisation der NSDAP zu sein – warum also die ganze Aufregung?

Während der Kreis um den Oberbürgermeister versucht, Branner als Demokraten zu retten, wollen die anderen, teils aus antifaschistischer Überzeugung, teils aus durchsichtigen wahltaktischen Gründen, ihn ganz aus dem Gedächtnis der Stadt streichen. Wie sie es jedoch anpacken, sie werden ihn nicht los, den Schatten der Geschichte – was vermutlich der Grund für die ganze Aufregung ist.

Was hier deutlich wird, ist der Versuch aller Beteiligten, die Geschichte des Nationalsozialismus von der Geschichte Kassels oder eben auch von der Geschichte der SPD abzuspalten. Was sind schon 12 Jahre nationalsozialistische Herrschaft vor dem Hintergrund einer über 1100-jährigen Stadtgeschichte, einer 200-jährigen Idee von der deutschen Nation, einer bald 70 Jahre währenden Geschichte einer stabilen demokratischen Gesellschaft in Deutschland? Was sind ein paar Jahre Verirrungen eines jungen Mannes, dessen politisches Engagement ihn zu einer Partei führte, die seit über 150 Jahren für soziale Demokratie steht? Kann die Erinnerung an längst verstorbene politische Akteure der Stadt Kassel, die auch Beteiligte des nationalsozialistischen Regimes waren, den Ruf der Stadt schaden oder gar die Demokratie gefährden, erst Recht vor dem Hintergrund, dass sich alle wichtigen Parteien und soziale Akteure unserer Gesellschaft heute einig sind, dass es den Nationalsozialismus zu verurteilen gilt, dass dessen Opfer erinnert werden, dass über Verantwortung und Schlussfolgerungen angesichts der absoluten Barbarei reflektiert wird?

Doch so sehr dies der Fall ist, so sehr ist bei all diesem Bestreben und bei all denen, die sich durch ein solches Engagement hervortun, der Versuch offensichtlich, den Namen Deutschlands, den deutschen Nationalismus, die Begriffe von der deutschen Nation und dem deutschen Volk von den 12 Jahren Nationalsozialismus durch die einhellige Verdammung desselben abzuspalten und heute durch das immerwährende Gedenken und dem Mantra „Verantwortung zu übernehmen“ eine vom Nationalsozialismus befreite Identität Deutschlands zu behaupten. Besonders tricky ist die neueste Masche, Auschwitz zum Teil der deutschen Identität zu erklären, nicht etwa in dem Sinne, dass behauptet wird, dass der in Auschwitz zu sich selbst gekommene Antisemitismus parteienübergreifend fest zu Deutschland gehört, sondern insofern, als dass die als vorbildlich erklärte Vergangenheitsbewältigung Auschwitz positiv in einen Erinnerungskult aufgehoben hat und daran sich Deutschland neu begründen ließe.

Doch wie sie es auch versuchen, die Vergangenheit werden sie nicht los. Anstatt durch Verdrängung, oder die Beschwörung eines anderen Deutschlands nun die Beschwörung der Vergangenheitsbewältigung um einen geläuterten Nationalismus zu begründen. Die intendierte Trennung oder gar die besonders perverse Aufhebung wird nicht funktionieren, was an drei anderen Straßennamen im Folgenden deutlich wird.

Der Vormärz: Franzosenhass, Aufklärungsfeindlichkeit und Antisemitismus

Der im Zeitalter der Napoleonischen Vorherrschaft hoch aufschäumende deutsche Nationalismus war nicht von den menschheitsbefreienden Ideen der Aufklärung, sondern von den Volkstumslehren romantischer Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn geprägt. Die Idee, die politische Zersplitterung zu überwinden und einen großen Einheitsstaat zu begründen, verband sich mit Doktrinen, die die Reinheit des germanischen Blutes postulierten, … und die traditionelle religiöse Judenfendschaft durch eine biologisch begründete … ersetzten. (Walter Grab)

Die Karl Branner-Brücke führt in die Unterneustadt. Ein Teil der Unterneustadt nennt sich Blücherviertel. Im Blücherviertel sind nicht nur die Blücherstraße zu finden, sondern auch eine Arndtstraße, eine Jahnstraße und eine Körnerstraße. Es erscheint als ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet eine Brücke mit dem Namen eines Nachkriegspolitikers, der während der NS-Zeit sich mit dem Regime identifizierte, wenn er nicht sogar ein Nazi war, in ein Viertel führt, in dem Straßen nach wichtigen Protagonisten benannt sind, die für die Begründung des deutschen Nationalismus stehen, der auf deutschtümelnden Franzosenhass, völkischer Ideologie und Antisemitismus, auf antiwestliche, antiaufklärerische und irrationale Orientierungen baut und eine Volksgemeinschaft konstruiert.

Ludwig Jahn, Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt (auch Blücher, der hier aber nicht weiter thematisiert werden soll) waren Akteure in den sogenannten Befreiungskriegen gegen die französische Herrschaft unter Napoleon. Napoleons Herrschaft war das Ergebnis der französischen Revolution, in der die Ziele der Aufklärung mit revolutionären und kriegerischen Mitteln gegen die beharrenden Kräfte des Absolutismus und Feudalismus durchgesetzt wurden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Schlagworte, die für eine neue Epoche der menschlichen Geschichte stehen und unter denen, für die demokratische Gesellschaft, so elementare Grundsätze wie Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit von der Religion und individuelle Freiheit durchgesetzt werden sollten.

Eine wesentliche Errungenschaft dieser Revolution war die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden. Wie ein roter Faden lässt sich seit dem frühen Mittelalter die Projektion alles Schlechten auf den jüdischen Teil der Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

In den Gebieten östlich des Rheines blieben die beharrenden Kräfte jedoch dominant. Aktionen deutscher Jakobiner blieben örtlich begrenzte und isolierte Phänomene, die schnell niedergeschlagen wurden. Erst mit der Besetzung und Unterwerfung der Gebiete östlich des Rheins durch Napoleons Truppen fanden die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution und eben auch die rechtliche Gleichstellung der Juden Einzug in die Gebiete, in denen später die deutsche Nation entstand. Gegen diese Kombination bürgerliche Errungenschaften, Aufklärung, rechtliche Gleichstellung der Juden und französische Besatzung formierte sich dann die deutsche Nationalbewegung. Teile von ihr formulierten durchaus antifeudale und reformorientierte Grundsätze, der maßgebliche Teil jedoch zeichnete sich dadurch aus, dass sie die Grundlagen einer völkisch-nationalistischen Ideologie formulierten und sich einer aggressiven antifranzösischen und antijüdischen Agitation befleißigten.

Vordenker dieser in der frühen deutschen Nationalbewegung dominanten Richtung waren u.a. der Turnwüterich (Karl Marx), besser bekannt als „Turnvater“ Jahn, und die auf den Straßenschildern der Unterneustadt als „Lyriker der Befreiungskriege“ und „Befreiungskämpfer“ titulierten Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt. Jahn und Arndt formulierten an vielen Stellen ihres Werkes und Wirkens einen extremen Judenhass. Körner ist ein völkisch und aggressiv nationalistischer Barde der Volksgemeinschaft. Alle befleißigten sich einer antifranzösischen Propaganda und fabulierten von einer Einheit eines deutschen Volkes.Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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T. Körner: „Freiheitskämpfer“ und „bedeutender Lyriker“

 

 

Ihr antisemitisches Gedankengut, ihre vom Judenhass geprägten Aussagen und germanophilen Konstrukte waren keine bedauerlichen Ausrutscher eines sonst zu verteidigenden Werkes oder Wirkens, sondern dessen integraler Bestandteil.

„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, wer legt noch die Hände feig in den Schoß?“ (Karl Theodor Körner)

 „Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“ (Ludwig Jahn)

 „Wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer flattert er [der Jude] umher, und lauert und hascht immer nach dem leichten und flüchtigen Gewinn, und hält ihn, …, mit blutigen und unbarmherzigen Klauen fest,“ (Ernst Moritz Arndt)

 „Auf, deutsches Volk, erwache! / Mir nach! Mir nach! Dort ist der Ruhm, / Ihr kämpft für euer Heiligtum. // … Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht / … Du sollst den Stahl ins Feindesherzen tauchen, / Frisch auf, mein Volk! / Auf deutsches Volk, zum Krieg! Wachse du Freiheit der deutschen Eichen, / Wachse empor über unsere Leichen!“ (Karl Theodor Körner)

Der vielfach im Netz zu findende Satz: „Noch sitzt ihr da oben ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott!“  stammt offensichtlich nicht von Körner und ist ihm als Zitat von Nazis untergeschoben worden. Er trifft nicht ganz den Inhalt des Denkens des Körner, verweist aber darauf, dass er als Identifikationsfigur nationalrevolutionärer Kreise und einiger Linker funktioniert.

Arndt, Jahn und Körner sind keine Einzelfälle. Sie hatten viele Wegbegleiter wie Clemens Brentano, Johann Gottlieb Fichte, Karl Hoffmann u.a., die in ihren schriftstellerischen Kreisen den Ausschluss von Juden dekretierten und die die ideologischen Stichworte für die politische Ausrichtung der völkisch, nationalistisch und antisemitisch orientierten Burschenschaften lieferten, die gemeinhin als Nukleus deutschen Nationalbewusstseins gelten.

Vom Vormärz zum Nationalsozialismus

Man kann diese Figuren mit Fug und Recht als Begründer der spezifisch antiaufklärerischen, antisemitischen und antiwestlich konnotierten Begriffe von der deutschen Nation und vom deutschen Volk definieren. Sie begründeten eine Tradition, die schon 1817 zu den ersten Bücherverbrennungen auf dem Wartburgfest führte, die in den später folgenden antisemitischen Hep-Hep-Unruhen einen weiteren Ausdruck fand und die sich in der Welle des politischen Antisemitismus Deutschlands zum Ende des 19 Jahrhunderts manifestierte. Besonderes viele Anhänger fand der antisemitische Wahn auch in Nord- und Mittelhessen. Dieses ideologische Konglomerat fand seine Fortsetzung in der durchweg antisemitisch aufgeladenen Propaganda und Aktion der Feinde der demokratisch / proletarischen Revolution 1918 und war ideologische Grundlage vor allem der rechten und rechtsextremen Feinde der Weimarer Republik.

Die dichotomische Idee vom (deutschen) Volk und seinem Antipoden dem Juden fand jedoch auch einen Widerhall in der antikapitalistischen Agitation der KPD und anderer linker Gruppen. Der populäre Antikapitalismus nicht nur der Kommunisten stellte sich den zu kritisierenden Gegenstand häufig als personalisierenden Gegensatz von Ausbeutern und Proletariat dar. Nicht selten wurden die Ausgebeuteten mit dem (deutschen) Volk identifiziert und vermeintliche jüdische Attribute den Kapitalisten zugeordnet. Auch die KPD zeichnete sich in der Weimarer Republik dadurch aus, dass sie neben der Rechten gegen den Versailler Friedensvertrag polemisierte und von einer Fremdbestimmung der deutschen Nation durch imperialistische Mächte sprach. Der Ersetzung des Internationalismus und die Ergänzung der Orientierung auf den Klassenkampf durch die Propagierung einer nationalen Befreiung konnten ebenfalls auf den Begriff von der deutschen Nation Körners, Arndts und Jahns zurückgreifen. Nicht zufällig versuchte auch die DDR dann, Arndt, Jahn und Körner für eine in ihrem Sine positiv besetzte deutsche Nationalgeschichte zu reklamieren.

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In der DDR positiv besetzt: Deutsche Patrioten

Kurzum der Nationalsozialismus ist nicht völlig überraschend und beziehungslos in Deutschland aufgetaucht und zur Macht gekommen, auch ist er nicht durch eine Verschwörung besonders gieriger und aggressiver Kapitalisten an die Macht gebracht worden, er hat auch nicht das deutsche Volk verführt, betrogen oder unterworfen um dann in dessen Namen die Barbarei in die Welt hinauszutragen, sondern der Nationalsozialismus stellte die zwar radikale aber doch konsequente Zuspitzung völkischer, nationaler und antisemitischer Ideologie und politischer Tradition dar, die von Arndt, Jahn und Körner (und einigen anderen) im sogenannten Vormärz begründet wurden.

Der spezifisch deutsche Nationalismus und die Idee vom deutschen Volk als eine konsistente Ideologie der deutschen Nation interpretiert, fand einen zunehmend breiten Widerhall in der deutschen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund konnten sich die, diese Ideen propagierenden, Parteien als hegemonialer Machtfaktor in der Weimarer Republik etablieren und somit, ohne auf (massen-)wirksamen Widerstand zu stoßen, der Machtübernahme der NSDAP und Hitler den Weg bahnen.

Das Fortwirken des spezifisch deutschen Nationalismus

Die Ideen der Aufklärung, des Weltbürgertums sowie die an Demokratie und Recht orientierte bürgerliche Tradition blieben dagegen in Deutschland immer randständig. Die Demokratie als staatliche Verfassung eines neu aufzubauenden Deutschlands wurde folglich 1945 in Deutschland auch nicht vom antifaschistischen Widerstand erkämpft, sondern musste von den Alliierten den Deutschen erst aufgezwungen werden. Deswegen fand auch die Geschichte des völkischen und antisemitisch aufgeladenen deutschen Nationalismus mit der Niederlage 1945 kein Ende. Bis heute lassen sich diese ideologischen Traditionslinien verfolgen.

Der die politische Kultur Deutschlands im 19. Jahrhundert bis 1945 prägende Hass auf Frankreich ist tatsächlich in den Jahren nach 1945 überwunden worden. Der Antisemitismus war nach 1945 nach wie vor virulent, wie einige Umfragen der US-amerikanischen Besatzungsbehörden herausfanden, er wurde jedoch nicht mehr oder kaum noch offen artikuliert und fristete lange ein Schattendasein in Kreisen der extremen Rechten und am Stammtisch. Erst nach dem Sieg der Israelis im Krieg gegen die arabischen Nachbarstaaten im Jahre 1967 kehrte er, in Form eines Antizionismus der Linken und einer „Israelkritik“ („man wird ja Israel noch kritisieren dürfen“) wieder. In dieser Form ist der Antisemitismus fester Bestandteil des Meines und der politischen Kultur in Deutschland.

Die Protagonisten der deutschen Nazigesellschaft, die Generation der ca. 1890 – 1923 Geborenen, die noch Jahrzehnte lang die Adenauer-Republik mit einer postnazistischen Ideologie (deutscher Antikommunismus, Verdrängung, Schuldabwehr, Opfermythos u.ä.) prägten, verloren 1968ff immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung und wurden schließlich durch den biologischen Altersprozess entsorgt.

Der Hass auf Frankreich, der in erster Linie einer gegen die Aufklärung und die Freiheit des Individuums war und der Hass auf die Juden stellen sich heute also in anderer Form dar. In der antiamerikanischen und antizionistischen Aufladung der Agitation vieler sozialer Bewegungen und linker Parteien, in ihren positiven Bezügen auf den Staat und das Volk (beiden lassen sich ohne Probleme das Attribut deutsch beifügen) und in einer Kapitalismuskritik die auf Personen abstellt, oder die bei einer Kritik am Finanzkapitalismus stehen bleibt, sowie in einer moralisierende Herrschaftskritik, ist diese Tradition ebenso wieder zu erkennen, wie in der unverhüllten und unvermittelten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Propaganda rechter und wutbürgerlicher Gruppen, die oft nur scheinbar im Gegensatz zu den erstgenannten stehen.

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In Berlin gegen TTIP: Ein Volk steht auf – der Sturm bricht los?

Die politische Mitte, die noch am ehesten dafür gesorgt hat, dass die deutsche Demokratie durch die Westbindung der Bundesrepublik zumindest partiell von der unheilvollen national-völkischen Tradition gelöst wurde, fällt immer wieder dadurch auf, dass versucht wird, den Begriff der deutschen Nation und die Idee vom deutschen Volk, von den ihnen untrennbar verbundenen Bestandteilen Antisemitismus, völkisches Denken und aggressiven Nationalismus dadurch zu trennen, indem dieser Zusammenhang schlicht geleugnet, verdrängt oder exorziert wird. Diese Strategie des Exorzismus deutscher Geschichtsbewältigung öffnet jedoch dem Gespenst des deutschen Nationalismus die Hintertür, um im politisch-gesellschaftlichen und kulturellem Mainstream sein Unwesen zu treiben. Auch ist die außenpolitische Anbindung Deutschlands an den Westen, sprich an die USA und Großbritannien keineswegs unumstritten. Sowohl in der SPD und bei den Grünen, als auch in Teilen der CDU gibt es immer wieder Kräfte, die auf einen von den USA unabhängigen außenpolitischen Kurs pochen, oder die EU explizit als Gegengewicht gegen die US-amerikanische Hegemonie geltend machen wollen.

Eine kritische Diskussion über den Namen Branner müsste unvermeidlich zu den Namen Arndt, Jahn und Körner führen, wobei die Brücke, die ja gerade in diese Richtung verweist, ein metaphorischer Wink mit dem Zaunpfahl ist – das ist jedoch nicht der Fall. Gerade der Versuch Branner zu retten wird deswegen nicht von Ewiggestrigen betrieben, sondern von politischen Akteuren, die sich zur Demokratie bekennen. Auch die zu erwartende Auskunft, Arndt, Jahn und Körner wären als Vorväter der heute demokratischen deutschen Nation und als Bestandteile deutschen Kulturgutes zu bewahren, ihr Antisemitismus, Franzosenhass und Deutschtümelei sei dagegen doch nur ein zeitgenössischer heute aber längst überwundener Teil ihres ansonsten wertvollen Oeuvres, sind Ausdruck dieses Exorzismus.

Warum eigentlich eine andere Namensgebung?

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel will nun mit Moses Hess, Saul Ascher, Rudolf Hallo und Israel Jacobsohn vier Vertreter des kosmopolitischen Denkens in Erinnerung rufen, die im weitesten Sinne der hier problematisierten Tradition entgegenstehen. Alle vier setzten sich für die Emanzipation der Juden ein, agitierten gegen Antisemitismus und Deutschtümelei und kämpften für die Teilhabe der Juden an der deutschen Gesellschaft.

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Deutsche Tradition: Bücherverbrennung

Saul Ascher

„Volkstum, Nationalität, Deutschheit sind die Fetzen, um welche sich täglich ein neuer Haufen Kampflustiger sammelt, und von deren Gladiatorenkünsten Regierung und Volk irre zu werden täglich in Gefahr stehen.“ (Saul Ascher)

Am deutlichsten ist dies bei dem heute weitgehend vergessenen Saul Ascher nachzuvollziehen, der mit seiner Schrift „Germanomanie“ explizit dem von Jahn, Arndt und anderen vertretenen deutsch-messianischen Sendungsbewusstsein und den damit verbundenen Judenhass entgegentrat. Nicht zufällig wurden Aschers Schriften dann von Jahns Jüngern auf dem Wartburgfest mit dem Spruch „Wehe über die Juden …!“ dem Feuer übergeben.

Israel Jacobsohn

Israel Jacobsohn war einen Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, der 1808 unter König Jérome Präsident des israelitischen Konsistoriums mit Sitz in Kassel war. Jacobsohn begrüßte ausdrücklich die Schritte Napoleons, die Gleichberechtigung der Juden auch in den von Frankreich beherrschten Gebieten umzusetzen. Gegenüber König Jérome äußerte er in einer Festrede anlässlich seiner ihm verliehenen Bürgerrechte seinen Dank, dass er „seinen Unterthanen jüdischer Nation unbeschränktes Bürgerecht ertheilt“ hat. Die französische Herrschaft kannte Jacobsohn daher auch uneingeschränkt an. Nach dem Sturz der französischen „Fremdherrschaft“ kämpfte Jacobsohn unermüdlich gegen die Schritte der Restauration, insbesondere auch gegen die Bestrebungen der hessischen Kurfürsten, die Errungenschaften der jüdischen Emanzipation wieder rückgängig zu machen.

Moses Hess

[Der Sieg über die Franzosen] „hatte nicht nur in der Politik und Literatur, in der Religion und Kunst, sondern auch in der Philosophie eine Überhebung des Christlich-Germanischen Elements zu Wege gebracht; eine oscillierende Bewegung zwischen Revolution und Reaktion.“ (Moses Hess)

Moses Hess ist manchen vielleicht noch als Frühsozialist ein Begriff. Er war ein scharfer Kritiker des damals sich ausbildenden Kapitalismus, was ihn als Frühsozialisten aber auch nicht vor der Kritik Karl Marx bewahrte. Moses Hess war jedoch auch ein unerbittlicher Gegner des Antisemitismus, den er auch in den Reihen vieler seiner linken Weggefährten entdecken musste und gegen den er intervenierte. Gleichzeitig erkannte und propagierte er noch vor Theodor Herzl die Notwendigkeit, einen demokratischen und egalitären jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Hess steht vielleicht für die linkssozialistische Tradition im Zionismus und der jüdischen Emanzipationsbewegung, die vom Nationalsozialismus vernichtet und vom Stalinismus unerbittlich bekämpft und verfolgt wurde.

Rudolf Hallo

Rudolf Hallo steht für eine kurze Blüte einer kontroversen jüdischen Debatte und Diskussion in Deutschland vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus. Auch in Kassel fand diese Debatte jüdischer Denker mit den Protagonisten Rosenzweig und Gershom Sholem statt. In ihrem Disput ging es um das Verständnis vom Judentum und dessen Rolle in oder gegen Deutschland. Hallo gebührt das Verdienst die beiden Protagonisten zueinander in Beziehung gebracht zu haben. Der umfassend gebildete Hallo begründete aber auch das erste jüdische Museum in Kassel. Mit seinem Projekt wollte er dazu beitragen, das jüdische Leben als einem bisher unbekannten Teil Deutschland der Öffentlichkeit zu erschließen. Ein Versuch der von den Nazis samt dem jüdischen Leben dann vernichtet wurde und die somit vollzogen, was Arndt, Jahn und Co. propagierten.

Schlussbemerkung

Es gäbe noch viele andere bedeutende historische Figuren, die wie Georg Weerth, Leopold Eichelberg, Ludwig Börne etc. entweder für die 1933 beendete Tradition jüdischen Lebens in Deutschland stehen oder sich als kosmopolitische Gegner der Deutschtümelei erwiesen, an die man erinnern könnte. Das findet in Kassel ja auch zum Teil schon statt. Mit Heinrich Heine, Ludwig Mond, Lilli Jahn oder auch z. B. mit Franz Grillparzer und Ferdinand Freiligrath sind wichtige Protagonisten des demokratischen oder liberalen Denkens oder der jüdischen Geschichte Bestandteil des Stadtbildes geworden. Doch gerade letztere finden sich als Namen von Straßen beziehungslos neben solchen nach ausgewiesenen Judenhassern wie Brentano oder Arnim.

Wie in vielen anderen Städten, gibt es also auch in Kassel Straßen, die nach Personen mit einer fragwürdigen Geschichte verbunden sind. Über die bis jetzt genannten wären da noch die Waldemar-Petersen-Straße, die Steinigk-, Wissmann- und Lüderitzstraße und etliche Straßen, die die Protagonisten des hessischen Absolutismus verewigen, zu nennen. Auch der Namensgeber der jüngst erschlossenen Joseph-Beuys-Straße hinter dem Hauptbahnhof (Kuba) hat einen üblen Leumund und ob der in Kassel zentral gelegene Platz, der nach dem Bauernschlächter und Judenhasser Martin Luther benannt ist, nicht auch eine Umbenennung verdient hätte, wäre ebenfalls zu diskutieren. Schließlich hätte es auch die Germaniastraße verdient in Ben-Gurion-Straße umgetauft zu werden, alleine schon deswegen, weil diese Straße die Adresse des in der linksalternativen Szene Kassel allseits beliebten Café Buch-Oase ist.

Germania:
Alle Plätze, Trift und Stätten
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten
Gebet ihn den Fischern preis;
Dammt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen
Und ihn dann die Grenze sein!

Chor:
Eine Treibjagd, wie wenn Schützen
Auf der Spur dem Wolfe sitzen, –
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.
(Heinrich von Kleist, Germania an ihre Kinder)

Im Blücherviertel versammeln sich jedoch an einer Ecke Straßennamen, die einen dazu sich hinreißen lassen könnten, anstatt vom Blücherviertel, vom Viertel der nationalen Wiedererweckung zu sprechen. Sie finden jedoch in der städtischen Debatte um die Brannerbrücke und um die Waldemar-Petersen-Straße keine weitere Beachtung.

Die Erläuterungen auf den Straßenschildern der Straßen im Blücherviertel verharmlosen und vernebeln die tatsächliche historische Bedeutung ihrer Namensgeber.

Literaturhinweise:

  • Claudia Glunz. Thomas Schneider (Hg.), Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverabeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, Osnabrück 2015
  • Walter Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte der deutschen Jakobiner, Frankfurt 1984
  • Walter Grab, Der Deutsche Weg der Juden-Emanzipation 1789 – 1938, München 1991
  • Walter Grab, Uwe Friesel, Noch ist Deutschland nicht verloren. Unterdrückte Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung, München 1970
  • Dietfried Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Kassel, in: Juden in Deutschland, (Hg.) Jens Fleming, Dietfried Krause-Vilmar, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Kassel 2007
  • George L. Mosse, Die völkische Revolution, Königstein 1991
  • Marco Puschner, Antisemitismus im Kontext der politischen Romantik. Konstruktion des ‚Deutschen‘ und des ‚Jüdischen‘ bei Arnim, Brentano und Saul Ascher, Tübingen 2008
  • Ekkehard Schmidberger, Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel, in: Juden in Kassel 1808 – 1933, Kassel o.D. (1987)
  • Sabine Schneider u.a., Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Schüren 2015
  • Volker Weiß: »Moses Hess. Rheinischer Jude, Revolutionär, früher Zionist«. Greven, Köln 2015

Friedliche Zeiten und ein Störenfried

Am 14.10.2015 fand in Lohfelden, eine seit 1934 friedliche Umlandgemeinde bei Kassel, eine Versammlung besorgter Bürger statt. Es ist geplant, dass ein paar hundert Flüchtlinge in einem ehemaligen Baumarkt am Rand des Dorfes untergebracht werden. Während sonst das Interesse der Bürger für Kommunalpolitik gen Null tendiert, kamen nun die Massen des Volkes. Darunter auch Vertreter der nordhessischen Kagida. Sie setzten sich nicht nur breitbeinig in die erste Reihe und fühlten sich im Saal wie Fische im Wasser, sondern tönten gegenüber anderen, dass sie das nächste mal auch gerne ihre Baseballschläger mitbringen würden.

Während der Ausführungen des Regierungspräsidenten Dr. Walter Lübcke pöbelte das Publikum. Dr. Lübcke sagte dann folgendes: „Wer diese Werte nicht vertritt, kann jederzeit dieses Land verlassen.“ Er erklärt am 17.10 2015 in einem Interview der HNA, welche Werte er meint: „Unser Zusammenleben beruht auf christlichen Werten. Damit eng verbunden sind die Sorge, die Verantwortung und die Hilfe für Menschen in Not.“ Seine Aussage auf der Versammlung sei auf die zu beziehen, die diese Werte offensichtlich nicht teilen.  Auch als die Zeitung im Dienste des Volkes bei ihm nachfragt, bleibt er bei seiner Haltung. „Ich habe gerade ausführlich erklärt, wie diese Äußerung zustande kam. … und bleibe dabei.“

Chapeau!

Die HNA findet das „verhängnisvoll“. Im Kommentar eines Peter Ketteritzsch heißt es gar, der Regierungspräsident habe „pauschal verunglimpft“! Wer soll verunglimpft worden sein? „Menschen, die sich angesichts des Flüchtlingsproblems ernsthaft Sorgen um die Zukunft unseres Landes machen“, so der besorgte Ketteritzsch. Nicht dass die Zuhörer die pöbelnden und drohenden Volksgenossen nicht hinaus komplimentiert haben, sondern toleriert haben oder ihnen Beifall gezollt haben, findet Ketteritzsch also skandalös, sondern dass Lübcke sich als Vertreter des staatsoffiziellen Antifaschismus präsentiert hat. Die HNA spricht seither von Rücktritt und davon, dass für Lübcke die Luft dünn würde, fragt in Wiesbaden nach, ob der Störenfried nicht endlich in die Wüste geschickt wird.

Bomber Harris, do it again!

Keine Zukunft für Ostpreußen

Ein Aufruf von T.A.S.K. aus Kassel

Am 17. und 18. Mai findet auf dem Kasseler Messegelände unter dem Motto „Ostpreußen hat Zukunft“ das „Deutschlandtreffen der Ostpreußen“ mit eigener „Großkundgebung“ in der Rothenbach-Halle statt. Die „Deutschlandtreffen“ werden alle drei Jahre an wechselnden Orten von der Landsmannschaft Ostpreußen ausgerichtet, welche sich als „Interessenverband der geflüchteten und vertriebenen Ostpreußen“ versteht. Ihr erklärtes Ziel ist es, Ostpreußen als Teil des historischen Deutschlands im Bewusstsein des „deutschen Volkes“ zu verankern. Betrauert wird die Vertreibung aus den „deutschen Ostprovinzen“, die als „in ihrer Dimension einzigartiges Verbrechen der Neuzeit“ aufgebauscht wird.

Geschichte der Deutschlandtreffen

Weiter geht’s hier … T.A.S.K.

Im Gegensatz zur NPD, den Totschlägern der Saufnazis, den freien Kameradschaften etc. genießen die so genannten – mit dem Status der Erblichkeit versehenen –  Vertriebenen eine außerordentliche gesellschaftliche Reputation. Straßen in fast allen Städten und Gemeinden werden nach den „verlorenen Gebieten“ bezeichnet, wichtige Politiker zeigen sich auf ihren Veranstaltungen, sie erhalten für ihre völkische, geschichtsrevisionistische und alldeutsche Tätigkeiten Unsummen an Fördergeldern. In Hessen gibt es einen Gedenktag usw. Hierzu haben wir uns wie folgt geäußert: Gedenktag für die Opfer der Vertreibung – Implikationen deutscher Gedenkkultur

Kurt Reuber und die Sehnsucht nach dem guten Deutschen

Vor 70 Jahren starb der Vernichtungskrieger, Arzt und „Anti-Nazi“ Kurt Reuber in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Der in Kassel geborene Reuber wurde 1939 in die Wehrmacht als Truppenarzt einberufen und auf dem Balkan und in der Sowjetunion eingesetzt – eben genau dort, wo die sechste Armee ihre Blutspur der Vernichtung zog. Dann nach Stalingrad geschickt, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Grund genug für die HNA an ihn im Artikel „Sinnbild sieghaften Lebens“ zu erinnern. Die HNA berichtet, dass Reuber dem religiösen Sozialismus nahe stand, seine Tochter wird zitiert: „Er war ganz stark Anti-Nazi“*. Aufgrund einer Predigt als Vikar zum Volkstrauertag hätten ihn SA-Männer später in Kassel zusammengeschlagen und er sei bespitzelt worden.

Es ist nicht zu leugnen, auch nach der Machtergreifung Hitlers ging das alltägliche Leben für die meisten Deutschen weiter. Eltern waren liebevoll, gleichgültig oder Ekelpakete, an der Arbeit hatte man Kollegen, auf die man sich verlassen konnte, welche vor denen man sich in Acht nehmen musste, es gab Chefs, mit denen konnte man auskommen und welche, die waren unerträglich. Auch nach 1933 blühten im Frühjahr die Obstbäume und wurden die Wälder im Herbst bunt, die Kinder spielten und lärmten in den Gärten und auf den Straßen und wer es sich leisten konnte, fuhr in den Urlaub und Sonntags ging es in die Badewanne. Viele ärgerten sich über alltägliche Probleme, von denen sie annahmen, es könnte auch anders sein, andere waren mit ihrem Leben rundum zufrieden. Lediglich für eine abnehmende Zahl an konsequenten Regimegegnern, für Juden, Sinti und Roma und für behinderte Menschen dürfte diese Feststellung nicht gelten.

Sinnbild einer deutschen Lüge

Sinnbild einer deutschen Lüge

Viele der politischeren Menschen, oder einfach diejenigen, für die Menschlichkeit keine hohle Phrase war, waren sicher befremdet und entsetzt, als sie feststellten mit welcher Brutalität die Nazis gegen Regimegegner, Juden, „Volksfeinde“ und „-schädlinge“ hetzten und vorgingen. Manche von ihnen machten vielleicht sogar den Mund auf, wenn ein ihnen bekannter Nazi im persönlichen Umkreis seine Meinung kund tat, andere wiederum halfen Verfolgten, oder zeigten mit Gesten, dass ihnen deren Schicksal nicht gleichgültig war und die sich formierende Volksgemeinschaft ein Gräuel. Andere, wie z.B. einige wenige Pfarrer hatten den Mut, ihren Zuhörern ins Gewissen zu reden – zu diesen Menschen gehörte wohl auch Reuber. Diese Menschen gehörten zu dem Teil der Bevölkerung, die der Hitlerpartei und die diese unterstützenden Parteien und Gruppierungen ihre Stimme bei den Wahlen nicht gaben, sondern SPD, KPD oder andere Parteien, Gruppierungen, Vereinigungen und/oder Zusammenhänge wählten und/oder unterstützten. 1933 machten sie, je nach Region etwa 1/3 bis zur Hälfte der Bevölkerung aus. Das war auch in und um Kassel so. In einigen Dörfern rund um Kassel, waren die Gegner der Nazis in der Mehrzahl, in Kassel selbst waren die Nazis überdurchschnittlich stark. Doch auch nach 1933 gingen sie – bis auf die Verhafteten und Erschlagenen – hier wie dort weiter arbeiten, lebten ihr Familienleben, ärgerten und freuten sich über Alltägliches. Zu diesen Menschen gehörte wohl auch jener Reuber.

Auch in der Wehrmacht, die in fast alle europäischen Länder einmarschierte, um dort ein verbrecherisches Raub- und Terrorregime zu errichten, gab es vielleicht bisweilen nur ein Drittel überzeugte Regimeanhänger. Der Rest der Mannschaften nahmen vielleicht eine gleichgültige oder z.T. sogar ablehnende Haltung gegenüber dem Naziregime ein. Das war in den Einsatzgruppen, die hinter der Front ihr Vernichtungswerk ausübten nicht viel anders. Die Entscheidung, den Schritt zu tun, sich aktiv gegen das Regime zu wenden, taten weder diese Menschen in der Wehrmacht, noch die an der „Heimatfront“. Kurzum, die Deutschen verhielten sich zwischen 1933 und 1945 ganz alltäglich. Sie hatten es aber mit nichtalltäglichen Verhältnissen zu tun, oder anders formuliert, das Alltägliche war in Deutschland das unvorstellbare Grauen – für die Anderen. Während z.B. Reuber die Maria und das Christuskind für die eingekesselten Soldaten zeichnete, wurden in ganz Europa Juden aufgespürt und zusammen getrieben, um in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Maidanek wie Ungeziefer vernichtet zu werden. Während Reuber „12 Stunden“ (Wikipedia) am Tag operierte, also bis zur Erschöpfung die Landser wieder zusammenflickte, deren Aufgabe es war, die Rote Armee daran zu hindern, der deutschen Vernichtungspolitik den Garaus zu bereiten, rotteten deutsche Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in Handarbeit die Juden aus.

Der deutsche Alltag war ab 1933 sowohl im Frieden als auch im Krieg untrennbar verknüpft mit der sämtliche menschlichen Werte negierenden deutschen Politik. Der liebevolle Vater, der mit schallendem Lachen sein Kind etwas vorsang und es herzte ist untrennbar verbunden mit dem auf der Bogerschaukel gemarterten KZ-Häftling, ein heilender Arzt war untrennbar verbunden mit den in den Gaskammern Eingeschlossenen, die in Todesangst die Klappe im Auge hatten, durch die das Zyklon B hineingeworfen wurde, das sie grausam ersticke. Der Wunsch nach dem Abstellen des Friedenswidrigen, der Reuber wie sicher auch viele andere Menschen in Deutschland umtrieb, war untrennbar verbunden mit dem deutschen Maschinengewehr- und Kanonenfeuer auf die, gegen die deutschen Stellungen anrennenden und dabei millionenfach verreckenden Rotarmisten, die es unter dem Einsatz ihres Lebens versuchen mussten, diejenigen aus ihrem Land und schließlich den osteuropäischen Ländern zu vertreiben, die die Vernichtungspolitik vollzogen und/oder erst möglich gemacht hatten.

Hitlerdeutschand verkörperte sich nicht nur in den braunen Hitler zujubelnden Horden, nicht nur in jenen, die sich das Eigentum der Vertriebenen und Ermordeten aneigneten und nicht nur in dem Agieren der KZ-Wächter und Einsatzgruppen, sondern eben auch im ganz normalen Alltag der Deutschen. Der im Mai blühende Kirschbaum im deutschen Vorgarten stand genauso für Hitlerdeutschland, wie singende und lachende blondbezopfte und wohlgenährte Kinder, die darunter Ringel-Rein tanzten, der mit seinen Angehörigen an einem deutschen See in der Sonne liegende Urlaubsgänger genauso, wie der, heimlich seine Faust in der Tasche ballende, Unzufriedene und in innerer Emigration verweilende Humanist. Es gab kein anderes Deutschland. Diejenigen, die ob der offensichtlichen Barbarei den einzig gültigen kategorischen Imperativ vollzogen, nämlich aktiven Widerstands zu leisten oder zu emigrieren, waren die wenigsten. Es waren z.B. Thomas Mann und  Marlene Dietrich und jene schnell weniger werdenden Kommunisten und Sozialisten, die zu Beginn der Naziherrschaft (und später auch die Gruppe um die Geschwister Scholl), auf den Aufstand gegen Hitler hoffend, noch tausendfach Flugblätter verteilten, Parolen an die Wände pinselten und hin und wieder eine rote Fahne an einen Fabrikschornstein hissten, oder gar ein paar SA-Männer verdroschen. Es waren Einzelgänger wie Georg Elser, der mit Sprengstoff Hitler zu beseitigen versuchte, es war die Baumgruppe, die in Berlin einen Brandanschlag auf eine Propagandaausstellung verübte, es war die Rote Kapelle, die wichtige Daten an die Sowjetunion weitergab und es waren die Zwangsarbeiter, die in den Rüstungsbetrieben Sand in die Panzer- und Flugzeuggetriebe streuten, die Zünder der Granaten falsch zusammenmontierten und ähnliche Sabotageaktionen vollzogen.

Kirschbaum

Auch die Kirschen blühten in den Jahren 1933 – 1945 in Deutschland. „Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt.“ (T.W. Adorno)

Die Madonna Reubers ist nicht der Inbegriff der Grausamkeit des Krieges, sondern Sinnbild der deutschen Lüge, dass es ein gutes Leben, dass es den guten Deutschen auch unter Hitler geben konnte. Als weiterer aktueller Ausdruck dieses Wunsches in Kassel steht auch die vereinte Abwehr gegen die Erkenntnis zweier Historikerinnen, dass der Kasseler Oberbürgermeister und Sozialdemokrat Karl Branner ein Nazi war, die soweit führt, dass nun eine Historikerkommission ins Leben gerufen wird, um die schlichte Schlussfolgerung der Forscherinnen zu hinterfragen, dass jemand, der den Nazijargon in seiner wissenschaftlichen Arbeit benutzt, Naziuniformen trägt und Naziorganisationen angehört, ein Nazi – und somit Täter – war. Die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in der Nazidiktatur ist unmittelbar mit der ewigen Litanei des Wunsches nach Versöhnung verknüpft, für die dann in der HNA nur drei Tage nach der Litanei über Reuber die Schwester eines in der Sowjetunion gefallenen und jüngst identifizierten Vernichtungskriegers aus Kassel herhalten muss. Dieser Wunsch nach Versöhnung spiegelt sich auf der nationalen Ebene bis heute in der unablässigen Erinnerungsarbeit der Deutschen wieder.

Doch weder Reuber noch seine Madonna, noch die frommen Wünsche einer Schwester eines gefallenen Wehrmachtsangehörigen und noch viel weniger die offiziöse Gedenkpolitik in Deutschland können ein Beitrag zur Versöhnung sein. Der deutsche Arzt, der die deutschen Truppen auf ihrem Vernichtungsfeldzug begleitete, sah, wie vermutlich viele andere halbwegs klar denkenden Wehrmachtsangehörigen auch, in den Steppen keine Untermenschen, sondern Menschen mit reinen Augen und Kinder die hinter ihm herliefen. Es waren Verlorene, Hoffnungslose und Verängstigte, die keine Kraft mehr besaßen, um gegenüber den Angehörigen der deutschen Besatzungstruppen wenigstens die ihnen gebührende Verachtung auszudrücken, oder ihnen ein Messer in den Rücken zu stoßen, eine Handgranate in ihr Truppenquartier zu schmuggeln, sie hinterrücks mit einer Pistole zu erschießen etc.

Der Inbegriff des deutschen Krieges bleibt Auschwitz, bleibt das belagerte Leningrad, bleiben die Gruben von Babi Jar usw. Auschwitz, Leningrad, Babi Jar als Inbegriffe deutschen Vernichtungsfurors werden nie einen Anlass zur Versöhnung bieten können – nur Anlass zur Sühne. Im Gegensatz zu den Versuchen, sich über den Gräbern gefallener Soldaten die Hand zur Versöhnung zu reichen, was nach 1918 vielleicht noch eine adäquate Geste gewesen wäre, wäre und ist dieser Akt über der Asche der Verbrannten in Auschwitz, Sobibor, Treblinka, den Erschossenen in Babi Jar und den Ausgehungerten in Leningrad usw. undenkbar, es wäre und ist ein Akt der Verhöhnung. Stalin schlug gegen Ende des Krieges vor, mehrere 10.000 deutsche Offiziere zu erschießen, dieser Akt wäre sicher eine Genugtuung für den einen oder anderen Überlebenden gewesen. Eine angemessene Sühne für die Jahre währende deutsche Terrorherrschaft wäre auch dies nicht gewesen.

J.D.

* kursiv: Zitate aus „Sinnbild sieghaften Lebens“ (HNA, 20.01.2014).

Gedenktag für die Opfer der Vertreibung – Implikationen deutscher Gedenkkultur

Die „vaterlandslosen Gesellen“ sind auch nicht mehr das, was sie hätten gewesen sein sollen – aber wohl nie gewesen sind. Die alte SPD-Parole „Hessen vorn“, man muss es befürchten, hat einen gewissen Wahrheitsgehalt. Die Große Koalition machts (voraussichtlich) möglich, die Berufsvertriebene Erika Steinbach ist begeistert – es wird ihn bundesweit geben, den „Gedenktag für die Opfer der Vertreibung“. Zu diesem Ereignis ein reload:

Wie in Bayern wird es in Hessen zukünftig einen Gedenktag für die „Opfer der Vertreibung“ geben. Kurz vor dem Ende des Krieges flohen vor den anrückenden Rotarmisten mehrere Millionen Bewohner aus den damals deutschen Ostgebieten. Nach Beendigung des Krieges verließen weitere Millionen Deutsche verschiedene Gebiete, die zum Teil zu Deutschland gehörten, zum Teil in osteuropäischen Nationen lagen. Zum größeren Teil wurden sie vertrieben, später geordnet umgesiedelt, ein weiterer Teil verließ von sich aus diese Landstriche.

Ein großer Teil, dieser Bevölkerungsgruppe waren aktive Anhänger des NS-Regimes und betrieben, sofern sie im Ausland lebten, aktive Wühlarbeit für das Naziregime und erwiesen sich als zuverlässig(st)er Teil der deutschen Volksgemeinschaft. Nach Angliederung oder Besetzung der jeweiligen Gebiete an und durch das Reich waren die Mehrheit von ihnen Kollaborateure des Naziregimes bzw. -besatzung. Sie taten sich durch Beteiligung an der Vertreibung und Vernichtung der Juden im Besonderen, sowie durch ihre aktive Teilhabe am Herrschafts- und Terrorapparat der Nazis im Allgemeinen hervor. Als herausragende Beispiele in dieser Hinsicht wären die so genannten Sudetendeutschen, wesentlich unbekannter aber in gleicher Weise notorisch, die Donauschwaben in Jugoslawien zu nennen. Nur ein sehr kleiner Teil dieser Deutschen waren im Widerstand gegen das Naziregime aktiv.

In der Bundesrepublik gründeten sich Verbände, die sich Landsmannschaften nannten und die vorgaben für diesen nun in der Bundesrepublik lebenden Bevölkerungsteil zu sprechen. (Auch in der DDR wurden viele der Flüchtlinge und Vertriebenen in die Gesellschaft aufgenommen und eingegliedert. Einen vergleichbaren Verband gab es in der DDR freilich nicht.) In der Bundesrepublik wurden der Bund der Vertriebenen von ehemals führenden z. T. nach 1945 immer noch aktiven Nazis geführt. Diese lang vorher schon bekannte Tatsache wurde von einer, unter großem Tamtam veröffentlichen, offiziösen Untersuchung 2012 erneut bestätigt und sogleich als typische Erscheinung für das Nachkriegsdeutschland bagatellisiert. Der Verband exponierte sich durch eine anscheinende Verständigungssrhetorik, die sich bei genauerem Hinsehen aber als impertinente Anmaßung eines, den Opfern Deutschlands abverlangten, Einverständnisses für die eigene Exkulpation erwies. Kurz, eine Teilgruppe der deutschen Tätergemeinschaft forderte für die erlittene Strafe oder Rache eine Entschuldigung von den Opfern deutscher Politik – und bot im Gegenzug generös einen Rache- und Gewaltverzicht an.

Insgeheim waren der Verband, wie vor 1933 die Auslandsdeutschen und ihre Verbände, Garant, Triebkraft und Instrument eines deutschen Revanchismus, wenn auch nach 1945 – da unter alliierter Aufsicht stehend – mit anderen Mitteln betrieben, als vor 1933. Entgegen der landauf und landab propagierten Behauptung, Flucht und Vertreibung der Deutschen sei ein Tabuthema, erfreuen sich diese Verbände einer Jahrzehnte währenden, bis heute andauernden enormen finanziellen Zuwendung, parteienübergreifenden Ergebenheitsbekundungen und Protegierung, sowie einer Aufmerksamkeit in Kulturbetrieb, Schulbüchern und Medien, von denen Verbände der Opfer und Verfolgten des Naziregimes nur träumen konnten (und können). In einer einzigen Hinsicht wäre diesen Gruppierungen rechtzugeben, nämlich hinsichtlich der Tatsache, dass sie im Gegensatz zum Rest der deutschen Volksgemeinschaft ein Mehr an Strafe und Rache erlitten. Diese „Ungerechtigkeit“ in der Strafzuteilung wurde jedoch durch die großzügige Praxis des Lastenausgleichs in der Bundesrepublik und erfolgreicher Integrationsarbeit in beiden deutschen Staaten wettgemacht.

Die Errichtung einer zentralen Gedenkstätte, eines Gedenktages und überhaupt das Absehen davon, den angemaßten Status des Vertriebenen als zu vererbender, als durchsichtiges Manöver zur Erlangung von politischen Einfluss und monetären Zuwendungen, zurückzuweisen, steht paradigmatisch für den politischen Stellenwert des offiziellen Gedenkens in Deutschland, den dazugehörigen Gedenkstätten, offiziösen und offiziellen Organisationen und Verbänden.

Literaturhinweise:
Walter von Goldendach, Hans-Rüdiger Minow: „Deutschtum Erwache!“ Aus dem Innenleben des staatlichen Pangermanismus, Berlin 1994.
Eva Hahn, Hans Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern, Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn 2010.
Samuel Salzborn: Heimatrecht und Volkstumskampf. Außenpolitische Konzepte de Vertriebenenverbände und ihre praktische Umsetzung. Hannover 2001.
Samuel Salzborn: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Vertriebenenverbände. Berlin 1999.
Erich Später: Kein Frieden mit Tschechien. Die Sudetendeutschen und ihre Landsmannschaft. Hamburg 2005.

J.D.

PS

Die Bedeutungszuschreibung des Status „Vertriebener“ und die Erfindung desselbigen als über Generationen zu vererbenden Status ist keine deutsche Exklusivität. Mit ähnlicher Inbrunst und politischer Instrumentalisierung ist dies bei den so genannten vertriebenen Palästinensern zu beobachten. Die Hingabe der Deutschen in der dichotomischen und geschichtsverkehrenden Zuschreibung von Opfer- und Täterstatus im Nahen Osten ist vor dem Hintergrund des oben Geschilderten wohl kein Zufall.