Rothenditmold, ein Kasseler Stadtteil unter Stalins Banner?

Rothenditmold ist ein Stadtteil in Kassel. Dort wurde bei der Kommunalwahl 2016 eine Liste namens AUF mit 28,75 % der abgegebenen Stimmen zweitstärkste Partei. Hinter AUF verbirgt sich die MLPD. Die HNA vermeldete, dass in diesem Stadtteil ein „linkes Wahlbündnis“ zweitstärkste Fraktion wurde, weitere Infos – Fehlanzeige.

Die MLPD ist im Vergleich zur AfD völlig unbedeutend, aber nicht harmloser als diese. Während die AfD versucht, sich den Anschein zu geben, als wäre sie eine Partei, die auf der Grundlage des Grundgesetzes agiere (gleichzeitig aber z.B. in Kassel Nazis in ihren Reihen duldet), beruft sich die MLPD auf die „Klassiker des Marxismus-Leninismus“, darunter ausdrücklich auch auf Stalin. Dieser habe zwar Fehler begangen, sei aber ob seiner großen Verdienste für den Aufbau des Sozialismus und für die internationale Revolution zu verteidigen. Der Gulag wird von dieser Partei als eine „fortschrittliche Maßnahme der sozialistischen Sowjetunion“ angesehen. In den Arbeitslagern hätten vor allem Kriminelle gesessen, die dort zur nützlichen Arbeit erzogen werden sollten.

Weißmeerkanal

Schuften für den „echten Sozialismus“ – bald an der Döllbachaue in Kassel? (1)

Die, die sich sonst über jeden Furz empören, den ein Rechtsextremist lässt, schweigen angesichts dieser politischen Zumutung nicht nur, sondern üben mit den Brüdern dann sogar gemeinsame Sache, wenn es darum geht, auf den unvermeidlichen Demos gegen Rechts sich gegenseitig der eigenen guten Gesinnung zu versichern. (2)

Gleichwohl, es ist vor allem der Erfolg der AfD, der besorgniserregend ist. Die politische Substanzlosigkeit der SPD, die Orientierungslosigkeit der CDU, der Opportunismus der Grünen erinnert mich an eine Situation, die Thalheimers Faschismustheorie beschreibt. Faschismus sei demnach dann eine Option, wenn die Herrschenden nicht mehr wissen wie es weiter gehen soll und die Revolution keine Perspektive hat. Die proletarische Revolution war zuletzt 1918 eine Option und 1941 eine versäumte Pflicht. An ihrer statt trat die deutsche Revolution 1933, deren Nachwirkungen bis heute spürbar ist, nicht in der Hinsicht, dass die AfD die Nazis von heute seien, sondern, dass die Deutschen in der konformistischen Revolte nach wie vor ihr Heil suchen. Landläufig wird dies heute als „Protest“, als „Sorge“ oder Wut des kleinen Mannes und der kleinen Frau bezeichnet.

Und wenn dann nicht die Partei zur Verfügung steht, die diese deutsche Wut am besten artikuliert, wie zur Zeit die AfD, wird auch mal eine Truppe wie AUF, andernorts die NPD, die Linke, oder in Nordhessens alter Tradition, die SPD gewählt. (3) Daraus den Schluß zu ziehen, es käme jetzt darauf an, die soziale Frage zu formulieren und dann gemeinsam Seit‘ an Seit‘ gegen Faschismus und Kapital zu schreiten und die Verirrten seien nur in die Front des wahlweise wahren, demokratischen, revolutionären et al. Sozialismus einzureihen, ist alter Köhlerglaube linksdeutscher Ideologie, die Ausdruck des politischen Bestrebens ist, eine bessere Volksgemeinschaft wahlweise auch eine Volksfront gegen die da oben, gegen das Finanzkapital, für die (deutsche) Arbeit usw. formieren zu können, als dies die Rechte tut.

Trotzdem, es ist nicht egal, in welche Wählerstimmen sich die Wut der Deutschen ausdrückt. Die NPD oder die AfD im Parlament bedeuten für die demokratische Verfasstheit grundsätzlich etwas anderes, als es die Linke oder gar die SPD im Parlament tun. Die ersten beiden sind eine Bedrohung der Demokratie, die letzteren sind deren Ausdruck.

Was jedenfalls nicht zu befürchten ist, ist dass in der Döllbachaue demnächst „freie Arbeiter“ gemeinsam mit Häftlingen unter härtesten Bedingungen für den sozialistischen Aufbau arbeiten – das ist – blickt man nach Polen, Ungarn, Frankreich usw. und den exorbitanten Wahlergebnissen für die AfD aber nur ein schwacher Trost.

(1) Das Bild zeigt eine Baustelle am Ostsee-Weißmeer-Kanal. Vor allem Häftlinge schufteten dort (schon vor dem großen Terror) unter erbärmlichsten Verhältnissen. Tausende kamen dabei ums Leben.

(2) Auf der Webseite des Kasseler Bündnis gegen Rechts wird die MLPD als unterstützende Organisation geführt.

(3) In Kassel schnitt die AfD in den Stadtteilen besonders stark ab, in denen die SPD gute Ergebnisse bei den Wahlen für die Ortsbeiräten erzielte, zu denen die AfD nicht kandidierte.

Antisemitismus in der konformistischen Revolte, der Frieden und die prekäre Lage Israels

Die Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus hat in der Auseinandersetzung um die Ukraine eine wichtige Rolle gespielt. Der Aufstand gegen die ukrainische Regierung unter Janukowitsch war vor allem auch deswegen erfolgreich, weil die Massenbewegung des Maidan Unterstützung durch bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Gruppierungen fand, die in der Ukraine eine lange und schreckliche Tradition haben. Russland und andere um den Weltfrieden besorgte Kräfte warn(t)en vor Antisemitismus und Faschismus, so dass man sich verwundert die Augen reibt, waren diesen das Schicksal der lebenden Juden doch bisher eher gleichgültig, bzw. taten und tun diese sich in der Vergangenheit und Gegenwart besonders dadurch hervor, die Feinde des jüdischen Staates unter besondere Protektion zu stellen und den jüdischen Staat zu delegitimieren. Die Beteiligung der extremistischen und antisemitischen Kräfte am Aufstand und an der ukrainischen Übergangsregierung hat auf der anderen Seite Politiker der EU und der USA – wenn überhaupt – zu bisher eher lauwarmen Erklärungen veranlasst, von einer gebotenen Isolierung und Ächtung dieser Kräfte, gar von Sanktionsdrohungen, sollten diese Kräfte an der Regierung beteiligt bleiben, keine Spur.

Andere versuch(t)en sich in Zweckoptimismus und geben sich der Hoffnung hin, dass der Einfluss von Antisemiten und extremen Nationalisten in der Ukraine (und anderswo in Europa) begrenzt bleibt. Einige hoffen, dass auf die Erklärung der ukrainischen Nationalisten, sich ihrer antisemitischen Tradition entledigt zu haben, Verlass ist und dass es die demokratischen Kräfte sein werden, denen die Zukunft in der Ukraine gehört. Obwohl Israel die in dieser Situation einzig bedeutsame Erklärung abgab, dass für die bedrohten Juden die Möglichkeit der Emigration nach Israel und in der Schulung in Selbstverteidigung besteht, geriet der nahe liegende Zusammenhang von der Bedeutung Israels für die Sicherheit des jüdischen Individuums angesichts einer manifesten antisemitischen Drohkulisse nie in den Blick der sich häufig als Freunde Israels gerierenden Regierungsvertreter der EU-Staaten.

Angesichts aufbegehrender Massen in einer konformistischen Revolte ist es um den Schutz insbesondere des jüdischen Individuums traditionell schlecht bestellt. Die Aufstände in den arabischen Nationen, die Zuspitzung der kapitalistischen Krise in Griechenland, die in Europa und auch in Deutschland zu beobachtenden Protestformen und die sie begleitenden ideologischen Rechtfertigungen verweisen darauf, dass die Ukraine nicht die letzte Gesellschaft gewesen ist, in der es zum Aufbegehren der Massen gekommen ist, das sich gegen die für das Individuum existentiell bedrohlichen Erscheinungen der kapitalistischen Moderne richtet, ohne deren Grundlagen in Frage zu stellen. Die Geschichte beweist, es ist häufig nur ein kurzer Schritt vom konformistischen Massenprotest zum Pogrom. Seit Jahrhunderten suchten die Juden – nicht immer vergeblich – den Schutz bei den Mächtigen und setzten – fast immer vergeblich – auf die Hoffnung, dass die Vernunft gegenüber der Raserei Oberhand behielte. Auch die Hoffnung auf die Proklamation der Bürgerrechte, auf den demokratischen Staat oder dessen Pendant, den sozialistischen erwies sich als Illusion. Es sind eben nicht nur die rasenden Massen, die zur Gefahr werden und die ggf. vom Staat noch in die Schranken gewiesen werden könnten. Weil die Politik kapitalistischer Krisenbewältigung zur Delegitimierung staatstragender Parteien des demokratischen Spektrums führen muss, entwickelt sich auch das, u.a. im Wahlverhalten Ausdruck suchende, Unbehagen sich sonst eher passiv verhaltener Massen, zu einer besorgniserregenden Situation des Bedeutungszuwachses rechtsextremer Parteien, die in der Regel mit dem verharmlosenden Begriff des Rechtspopulismus belegt werden, ohne dabei zu reflektieren, dass die populistischste Partei der Rechten die NSDAP war. Die Entwicklung in Frankreich kann einem daher nur Angst und Bange machen. Ebenfalls ist nicht ausgemacht, dass es in Deutschland „nur“ bei der bisherigen Paktiererei staatlicher Exekutivorgane mit Naziterroristen bleibt. Auch sonst ist die Situation in Europa nicht beruhigend

Israel ist der notwendig staatlich gewordene Ausdruck für die bittere Lehre, dass nur die Organisation der Selbstverteidigung eine Gewähr für das Überleben der Juden bietet. Insofern ist dieser Staat ein ständiges Ärgernis des in seiner latenten und manifesten Daseinsform existierenden Antisemitismus und so spielt die „Suche nach einer Lösung des Nah-Ost-Konflikts“, die Israel als handelndes Subjekt oder gar in Gänze in Frage stellt, eine zentrale Rolle seit der Gründung dieses Staates. Schon 1967 stellte der Dichter Dürrenmatt fest, dass das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen wird, dass dies „beinahe einer Kriegserklärung“ an Israel gleichkommt. Gemeinsamer Nenner dieser Friedensdiskurse ist, dass die israelische Politik und die israelischen Interessen zu zentralen Problemen erklärt werden und im Kleinbeigeben des „Störenfrieds“ Israels die Schlüsselrolle für eine friedvolle Zukunft des Nahen-Ostens gesehen wird. Und so sieht sich die israelische Regierung einem besonderen Druck der so genannten Friedensdiplomatie ausgesetzt. Die EU und auch die USA – so scheint es – wollen endlich „Ruhe“ im Nahen Osten und stellen sich der im Nahen Osten nach wie bedeutsamen Option von der Eliminierung Israels – für die insbesondere die Politik des Irans steht – gegenüber zunehmend taub. Es wird alles daran gesetzt, dass Israel einer „Endlösung“ zustimmt, die zur Preisgabe sicherheitspolitischer Interessen Israels und seiner Rolle als Nation, die das Schicksal in den eigenen Händen behält, führen wird. Die Möglichkeit den vom Antisemitismus bedrohten Juden eine sichere Heimstatt zu bieten wird somit die Grundlage entzogen.

Insofern sind sowohl der Antisemitismus in der Ukraine, in Ungarn und anderswo als auch die Ignoranz oder Beschwichtigung diesem gegenüber* sowie die Versuche der Entmündigung des israelischen Staates in der Friedensdiplomatie gleichermaßen ideologischer Ausdruck einer Gesellschaftsform, in der nicht die revolutionäre Umwerfung der verkehrten Verhältnisse auf der Tagesordnung steht sondern die institutionalisierte Krisenbewältigung und/oder die konformistischer Revolte. Dass sich in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands alle Spielarten dieser Ideologie wiederfinden – Gerhard Schröders Putinapologie, Frank-Walter Steinmeiers nassfrosche Ignoranz der Schlägertrupps auf dem Maidan und Siegmar Gabriels  und Martin Schulz‘ Schelte Israels – verdeutlicht diesen Zusammenhang.

* die Warnung vor Antisemitismus und Faschismus der russischen Regierung und Medien sind instrumenteller Natur und haben daher keine andere Qualität als die weitgehende Ignoranz vieler Regierungsoffizieller in den EU-Staaten gegenüber den antisemitischen Strömungen.

J.D.

Das Bündnis gegen Antisemitismus lädt am 10.04.2014 zu einer Veranstaltung mit Tilman Tarach ein. Dort soll die Rolle der Friedensverhandlungen vor dem Hintergrund der israelischen Geschichte diskutiert werden.

Antifaschismus als Farce

Berechtige Ängste und eine schreckliche Tradition

Aufgrund ihrer Ausrüstung wichtige aber in der Ukraine bis dato nicht mehrheitsfähige Bestandteile der Maidan-Bewegung waren extrem nationalistische und antisemitische Gruppen, die sich auf eine üble Tradition des ukrainischen Nationalismus beriefen. Entsprechend äußerten sich vor und nach dem Sturz Janukowitschs insbesondere Stimmen jüdischer Organisationen und Zeitungen besorgt. Manche riefen dazu auf, das Land zu verlassen, andere dazu, sich in Selbstverteidigung zu üben, das AJC wiederum versuchte bestehende Ängste zu beruhigen und verspricht wachsam zu sein, wichtige Stimmen ukrainischer Juden* warnten davor, die Maidanbewegung generell als offen antisemitisch oder als solchermaßen unterwandert zu diffamieren. Dass es in Momenten nationaler Aufwallung und Massenprotesten zu antisemitischen Ausschreitungen kommt, gehört, gerade in einem Land mit entsprechender Tradition wie der Ukraine, zur nach wie vor beängstigende Normalität, die aber wie oben angezeigt, im Moment offensichtlich nicht die in Kiew dominierenden politischen Verhältnisse widerspiegelt. Doch der Blick auf die, sich ebenfalls auf Nazikollaborateure und extrem nationalistische Gruppen berufenden politischen Strömungen in den baltischen Staaten, in Ungarn und in der Slowakei trugen bei vielen in berechtigter Weise dazu bei, die politische Zukunft der Ukraine in schwarzbraunen Tönen zu sehen. Der Blick zurück lässt einen nur schaudern. Anstatt historischer Analysen, sei hier nur Isaak Babel zitiert, der weiland 1920 die bolschewistische Revolutionsarmee  bei der Verfolgung weißgardistischer Banden bis auf die Krim begleitete.

„Wir fanden die jüdische Bevölkerung des Städtchens bis auf das Hemd ausgeplündert, niedergemetzelt, verwundet. Unsere Kämpfer, die manches gesehen haben, selbst manchen Kopf vom Rumpf getrennt haben, traten entsetzt vor dem Blick zurück, das sich ihren Augen bot. In ihren elenden bis auf die Grundmauern zerstörten Hütten lagen in Blutlachen nackte siebzigjährige Greise mit zerschmetterten Schädeln, oft noch lebende Kleinkinder mit abgehackten Fingern, vergewaltigte alte Frauen mit aufgeschlitzten Bäuchen, in den Ecken zusammengekrümmt, mit Gesichtern, auf denen die wilde unerträgliche Verzweiflung erstarrt war.“ (Isaak Babel, Die Reiterarmee, Berlin 1994)

Doch wir befinden uns in der Gegenwart, die ohne die Vergangenheit zu berücksichtigen – insbesondere hinsichtlich bestehender Ängste – zwar nicht zu beurteilen ist, in der aber der Blick nur getrübt bleiben kann, zöge man nur die Vergangenheit ohne Reflektion auf die Gegenwart heran. Eine große Rolle in der aktuellen Wahrnehmung hiesiger Zeitgenossen bei der Einschätzung der Gegenwart spielt die russische Propaganda, die sich in antifaschistischer Manier gebärdet ohne Vergangenheit und Gegenwart kritisch zu reflektieren, bzw. die Verhältnisse in Russland selbst zu thematisieren.

Was ist von einem Staat und seinen ihm untergeordneten Medien zu erwarten, dessen übrig gebliebenen „linken“ Gruppierungen teils den Verhältnissen unter Stalin nachtrauern, bestenfalls einem Nationalbolschewismus frönen, insgesamt von einem Staatsfetischismus geprägt sind, gegen den die Vertreter der staatsfrömmelnden Partei „Die Linke“ wie Liberale daherkommen, was von einem Staat, dessen politischer Mainstream von einem stramm autoritären, klerikalen, nationalistischen, fremdenfeindlichen und homophoben Diskurs geprägt ist und indem antisemitische Tendenzen und plumper Antiamerikanismus in der Bevölkerung zum guten Ton gehören, was von einem Staat, dessen Regierung die Pressefreiheit und unabhängige Justiz ein Graus ist.

Kämpft Russland für das Menschenrecht?

Inwiefern Bürger der Ukraine, die sich als Russen definieren bedroht wurden oder vielleicht werden, nun gerade von diesem Staat in ihren Bürgerrechten geschützt werden sollen, bleibt unklar. Sicherlich war es nicht ratsam, während der Maidanunruhen mit einer russischen Fahne oder einem Putinplakat sich unter die Demonstranten zu mischen, sicher waren und sind gerade die bewaffneten Schläger unter den Maidanleuten keine Gewährsleute für ein friedliches oder auch streitbares Mit- und Nebeneinander von Ukrainern, Russen und Juden. Der u.a. auch von Vertretern jüdischer Organisationen geäußerte Glaube an die Erklärungen der Svoboda, keine antisemitischen Tendenzen mehr zu dulden, ist sicher naiv. Aber an der Maidanbewegung beteiligten sich an prominenter Stelle auch Kämpfer, die sich offen als Juden bekennen. Und dass dem Bevölkerungsteil der Ukraine, der sich als russisch oder jüdisch definiert, ernsthaft Gefahr droht, scheint ein Fake zu sein, den uns die russische, durchaus geschickt agierende und einflussreiche Propaganda weismachen will. Selbst die als Beweis herangezogenen Änderung der ukrainischen Sprachenregelung, hält nicht das, was einem versucht wurde weiszumachen. Wie auch immer, wenn Putin und seine Entourage vor Antisemitismus, Nationalismus und Intoleranz warnen sollte man hellhörig werden. Ein Blick auf die Geschichte – der ja von dem einen oder anderen Warner vor ukrainischen Chauvinismus bemüht wurde – hilft hier weiter.

Putinismus sei Sowjetunion ohne Kommunismus, heißt es vielfach zurecht, d.h. in Russland herrscht eine Despotie ohne die, der Sowjetunion eigenen Restvernunft, die das, den Stalinismus in Spurenelemente überlebende, leninistische Denken in der KPdSU aufrecht erhielt. Doch in Bezug auf den Kampf gegen Antisemitismus, Nationalismus und Faschismus hat sich schon die Sowjetunion nicht mit Ruhm bekleckert. Mit dem Hitler-Stalin-Pakt, spätestens mit der Ausrufung des „Große Vaterländischen Krieges“ hat die Sowjetunion ihre Unschuld als antifaschistische, antinationalistische oder internationalistische Gewährsmacht verloren. Wie irritierend der Hitler-Stalin-Pakt für viele Antifaschisten war, beschreibt anschaulich u.a. Manés Sperber, ohne dass er dadurch zum Parteigänger Hitlers wurde. Doch Autoren wie insbesondere Wassili Grossman, Ilja Ehrenburg oder selbst Konstantin Simonow, auch Fotographen wie Jewgeni Chaldei und Michail Trachman und viele andere legen Zeugnis davon ab, dass der Hass auf den Faschismus, auf den Nationalismus und auf den Antisemitismus und die Hoffnung auf den Internationalismus sowie auf eine Zukunft des Humanismus treibendes Element für abertausende KämpferInnen unter den Rotarmisten war, gegen die hochgerüstete und taktisch versierte deutsche Naziarmee in höchster Todesverachtung vorzugehen. Ohne Zweifel, ohne die Sowjetunion wäre der deutsche Nazifaschismus nie niedergerungen worden, ohne Rote Armee wären demokratische Verhältnisse in Europa nie durchgesetzt worden, ohne den Todesmut der oft orientierungslos gegen die gut aufgestellte Wehrmachtseinheiten gehetzten SoldatInnen der Roten Armee, wären die letzten übrig gebliebenen Juden vor den deutschen Mordtrupps nicht gerettet worden.

Eine trostlose Geschichte vom Kampf gegen Antisemitismus

Auch wenn Lenin ein Gewährsmann für das Engagement gegen Antisemitismus war, und selbst unter Stalin Antisemitismus offiziell geächtet war, das tatsächliche Verhältnis zum Antisemitismus und zum Internationalismus war unter Stalin von einem instrumentellen Verhältnis und dem Verrat an den Juden, sowie einem zunehmend chauvinistischen Großrussentum geprägt. Im Laufe des Jahres 1941 wurde das Jüdische Antifaschistische Komitee – das JAFK – gegründet, um der Sowjetunion im Kampf gegen den Nazifaschismus beizustehen. Im Moment der größten Bedrohung durch die deutschen Truppen nahm Stalin das antifaschistische Engagement der sowjetischen Juden dankbar an. Dass ein Jahr zuvor stalinistische Mordschergen die gerade vor den Nazis in die Sowjetunion geflüchteten Bundisten Henryk Erlich und Wiktor Alter gekillt hatten, Schwamm drüber. Die Dichter David Bergelson, Izik Fefer, Ilja Ehrenburg, der Theaterregisseur und Schauspieler Micho’els, aber auch Angehörige der Roten Armee wie der Panzergeneral Aron Katz und der Offizier Aron Kuschnirow gehörten diesem Komitee an, das mit Unterstützung Albert Einsteins auch in den USA Gelder für den antifaschistischen Kampf der Sowjetunion sammelte. Doch nach dem Sieg über den Nationalsozialismus warf man dem JAFK genau dies vor, nämlich im Ausland für den Kampf der Sowjetunion gegen die Nazis Kontakte geknüpft zu haben. Angeklagt der Spionage – und später dem unvermeidlichen Vorwurf des Zionismus ausgesetzt, wanderten die wichtigsten Gründer des JAFK in die Folterkeller des NKWD und wurden ermordet. Eine beispielslose antisemitische Welle rollte durch die Sowjetunion, dann auch durch Polen und die Tschechoslowakei, deren tödliche Konsequenz für viele nur durch Stalins Tod gestoppt wurde. Der Antisemitismus in der Sowjetunion fand mit dem Tod Stalins freilich kein Ende, sondern setzte sich zwar abgemildert, aber immerhin so wirksam bis in die letzten Jahre der Sowjetunion fort, dass kontinuierlich über die Jahre abertausende sowjetische Juden das Land verließen.** Der Sieg über den Nationalsozialismus war für den sowjetischen Staat ein Triumph, für viele Überlebende des Naziterrors aber gleichzeitig Befreiung und Tragödie.

Diese trostlose Geschichte, die sich auch darin widerspiegelte, dass der Kampf zwischen Nationalsozialismus und Sowjetunion mit dem Begriff vom Vaterländischen Krieg auf einen Kampf von Nationen reduziert wurde, darin dass der Mord an den Juden als Nebensache des Nationalsozialismus verstanden wurde, auch darin, dass das Gedenken an die Opfer, des vor allem auch in den besetzten Gebieten der Sowjetunion seitens deutscher Besatzungseinheiten durchgeführten Massenmord an den Juden lange unmöglich war und nicht zuletzt im gnadenlosen Antizionismus der Sowjetunion und ihrer Verbündeten, diese Geschichte an die sich keiner der hiesigen Versteher und Apologeten russischem Großmachtchauvinismus erinnern mag erst recht nicht die Vertreter ebenjener Nation, verweist auf die unglaubliche Heuchelei dieser wie jener, wenn nun vor ukrainischem Nationalismus und Antisemitismus gewarnt wird. Der von Putin annoncierte Kampf gegen einen ukrainischen Neofaschismus ist eine Farce. Nicht zuletzt darf man gespannt sein, wen die in einigen Wochen aufmarschierenden Friedensfreunde als den Hauptstörenfried einer imaginierten Völkerfreundschaft ausmachen werden, verwundert wird man sich die Augen reiben, wer dann als Schutzmacht der Juden in der Ukraine dargestellt wird.

Skepsis auch der EU gegenüber bleibt angebracht

Skepsis sollte man bei aller Kritik am russischen Chauvinismus jedoch auch vor der westlichen Propaganda walten lassen. Warum sollte die EU, die die griechische Gesellschaft am langen Arm verrecken lässt, die die rumänische und bulgarische Volkswirtschaften ökonomisch ausbluten lassen, Spanien und Portugal Sparmaßnamen aufbrummt, so dass ihnen ein ähnliches Elend wie den Griechen blüht, warum sollte also die EU einer bankrotten Nation wie die Ukraine ökonomisch auf die Beine helfen. Warum sollte die EU, die die ungarischen Antidemokraten, Chauvinisten und Antisemiten, die die slowakischen und kosovarischen Zigeunerhasser, die die Geschichtsrevisionisten in Kroatien und in den baltischen Ländern gewähren lässt, warum sollten die EU gerade die Krimtataren vor den Unwägbarkeiten schützen, die ihnen  – aktuell tatsächlich als einzigen blühen – wenn dem russischen Chauvinismus nach der Abstimmung auf der Krim mutmaßlich freien Lauf gelassen wird. Vor allem aber, wenn nun eine halbwegs demokratische Regierung in der Ukraine, genauso wie Rumänien, Bulgarien, Griechenland usw. trotz oder gerade wegen der gerade locker gemachten Milliarden an den riesigen ökonomischen, sozialen und voraussichtlich auch nationalen Problemen und Gegensätzen scheitern wird, werden die unzufriedenen Massen sich denen politischen Kräften zuwenden, die bisher in der Minderheit sind, den in der Ukraine sehr wohl existierenden nationalchauvinistischen und antisemitischen Gruppierungen – dann werden Schreckensszenarien eines Isaak Babels sich vielleicht doch noch mal wiederholen – und wie man die EU in Bezug auf Ungarn, auf die Hamas und Hisbollah, auf den Iran usw. kennt, ist auch dann nichts von ihr zu erwarten. (Isaak Babel wurde übrigens 194o von NKWD-Schergen erschossen.)

* Es ist umstritten welchen Einfluß antisemitische und faschistische Kräfte in Kiew haben. Hier einige Stimmen, die das Wirken dieser Kräfte nicht bestreiten, aber deren Einfluß für überschätzt halten.

http://eajc.org/page32/news43876.html
http://www.dw.de/ukrainische-juden-maidan-nicht-faschistisch/a-17497850
http://www.interpretermag.com/all-ukrainian-jewish-congress-antisemitism-not-on-the-rise/
http://www.change.org/en-GB/petitions/to-journalists-commentators-and-analysts-writing-on-the-ukrainian-protest-movement-euromaidan-kyiv-s-euromaidan-is-a-liberationist-and-not-extremist-mass-action-of-civic-disobedience
http://euromaidanpr.wordpress.com/2014/01/26/jewish-community-outraged-at-berkuts-antisemitic-propaganda/
http://maidantranslations.com/2014/03/05/open-letter-of-ukrainian-jews-to-russian-federation-president-vladimir-putin/
http://www.timesofisrael.com/israeli-militia-commander-fights-to-protect-kiev/

** zur trostlosen Geschichte des JAFK und seiner Streiter, siehe: Arno Lustiger, Rotbuch: Stalin und die Juden, Berlin 1998.

J.D.