6. August – Basteltag der Friedensbewegung

Alle Jahre wieder begräbt die Bewegung ihr Hirn an der Biegung eines Flusses

In Kassel: 6. August 2016 – basteln von schwimmenden Lichterketten. 6. August und 9. August 1945: In Hiroshima und Nagasaki warfen Bomber der United States Air Force jeweils eine Atombombe ab. Dabei kamen ca. 100.000 Menschen ums Leben, über hunderttausend Menschen verstarben an den Spätfolgen. Die Gründe des Atombombenabwurfs sind bis heute umstritten. Tatsächlich dürfte es auch nicht nur einen Grund gegeben haben, sondern eine Gemengenlage an Gründen. Das Ende des Krieg mit einer fürchterlichen aber mächtigen Demonstration militärischer Überlegenheit zu erzwingen, gegenüber der stalinistischen Sowjetunion militärische Macht zu signalisieren, weltweit den militärischen und politischen Führungsanspruch zu untermauern und nicht zuletzt, das Interesse eine neue Waffe unter Echtbedingungen zu testen, sowie die Bereitschaft zu demonstrieren, diese auch einzusetzen. Die hauptsächliche Ursachen des Bombenabwurfs waren aber, der von Japan begonnene Vernichtungskrieg und der Umstand, dass Japan sich bis zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Krieg gegen China, gegen die USA und gegen andere Nationen befand und es bis zu dem Zeitpunkt des Abwurf zwar den einen oder anderen Hinweis aus politischen Kreisen Japans gab, über das Ende des Krieges zu verhandeln, offiziell aber jede Bereitschaft den Krieg zu beenden von sich gewiesen wurde. Die einfache Logik: Hätte Japan am 5. August kapituliert, hätte es keinen Atombombenabwurf gegeben, die will bis heute niemand hören – insbesondere die nicht, die mit Verve und Geschmacklosigkeiten an diese beiden schrecklichen Tage erinnern.

In Kassel gibt es einen Teil des Fuldaufers, der nach Hiroshima benannt ist. Es gibt in Kassel keine Straße, keinen Platz, keinen Hain oder keine Schlucht, die an die deutschen Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschheit erinnern. Es gibt mit dem Aschrottbrunnen zwar ein gelungenes Mahnmal, das eher abstrakt, aber in gelungener Einheit von Form und Inhalt an den Judenmord der Deutschen erinnert. Auch einige schwer zu entdeckende Stolpersteine und mittlerweile ein aber auch ebenso schwer auszumachendes Gleis am Hauptbahnhof, auf dem die Namen jüdischer Bürger eingraviert sind, erinnern an die aus Kassel deportierten und umgebrachten Juden – immerhin. Auf dem Hauptfriedhof hingegen, für alle unübersehbar das Gräberfeld und ein Gedenkstein für die Kasseler Bombenopfer, am Weinberg, das „Ehrenmal für die Opfer des Faschismus“ – ebenfalls Wallfahrtsort der Friedensbewegung – erinnert, für die Kasseler in praktischer Weise an Alle: An die Bombenopfer, an die Soldaten und an die Verfolgten und die Gegner des Nationalsozialismus – zusammengefasst: An „die Vernichteten“. Das Ensemble macht deutlich wie Gedenken und Erinnerung in Kassel praktiziert wird.

Und die Friedensbewegung ruft angesichts des Atombombenabwurfs zur Bastelstunde auf. Um dies zu erklären hat sie ein Flugblatt verfasst. Dort wird erzählt, dass die NATO massiv aufrüste und daher Russland dazu zwinge, ebenfalls zu rüsten. Dazu wäre anzumerken: Einige souveräne Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten, suchten sich nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion der NATO anzuschließen oder anzunähern – verständlich angesichts der historischen Erfahrung, die diese Nationen mit dem russischen Imperialismus und der stalinistischen Gewaltherrschaft machten. Wie es sich am Beispiel Georgiens und der Ukraine zeigt, eine nicht ganz irrationale Furcht. Wer hier also wen zu rüsten zwingt, ist nicht ganz so einfach zu beantworten, wie es sich die Friedensbewegung so vorstellt.

Eine seltsame Standpunktlogik kann die Annährung mancher souveräner Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten auch als Einkreisungspolitik der NATO gegen Russland interpretieren. Dass Georgien, die Krim, die Ukraine mit tatsächlicher militärischer Gewalt, die von Russland ausging, konfrontiert wurden und werden, wird vornehm verschwiegen. Einige ganz Gewitzte meinen, man könne diese Politik Russlands mit der Monroedoktrin der USA vergleichen,  sie verteidigen die Machtpolitik Russlands mit diesem Hinweis. Die antikoloniale Stoßrichtung der Monroedoktrin wurde von den Linken nie verstanden, sondern rief als Beispiel US-amerikanischen Imperialismus den schärfsten Protest hervor. Diese merkwürdige Volte verweist darauf, wie selektiv die Wahrnehmung ist, wenn sie der jeweiligen Weltanschauung angepasst werden soll.

Weiter heißt es im Flugblatt der Friedensbewegung: „1.800 strategische Atomwaffen werden in den USA und Russland nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft gehalten. Das Risiko des Atomkrieges aufgrund eines Fehlalarms bleibt hoch.“ Diese Feststellung ist gewiss nicht falsch. Doch, bei aller Konfliktträchtigkeit der Beziehungen zwischen Deutschland, der EU, den USA einerseits und Russlands andererseits bleibt diese Problematik angesichts des nach wie vor stattfindenden Dialoges zwischen den Konfliktparteien eher randständig und erweist sich vielmehr als müder Abklatsch der German-Angst aus den Achtzigern, als der von den bösen Supermächten zu verantwortende atomare Volkstod der Deutschen als das die Gemeinschaft der Friedensfreunde einigendes Ideologem errichtet wurde.

„Dazu kommen neue Risiken durch die Weiterverbreitung der Atomwaffen in neun weiteren Staaten, die in verschiedene politische Konflikte involviert sind“ heißt es im Flugblatt dann noch nebulös. Der Staat, der mit europäischer, insbesondere aber mit deutscher und russischer Unterstützung an einer Atombombe baut, der Iran, der wird nicht benannt. Dass dieser Staat immer wieder ein Land – nämlich Israel – mit der Vernichtung droht und dass dazu eine Atombombe sehr hilfreich ist, wird auch nicht benannt.

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging.

Querfront light und jährlich grüßt das Murmeltier

ein Gastbeitrag

Murmeltiere sind ja ganz possierliche Tierchen und Kriegsgegner wie z.B. Bertha von Suttner, Erich Maria Remarque, oder Ernst Friedrich aufrechte Gegner von Gewalt und Krieg. Sie waren konsequente Kämpfer gegen den Krieg, die beiden zuletzt genannten, den Krieg imperialistischer Staaten vor Augen, indem die Proletariermassen für die Dividende der jeweiligen nationalen Kapitalfraktionen Jugend, Gesundheit und das Leben lassen mussten. Also was könnte man dagegen haben, wenn Menschen für Frieden und gegen Gewalt auf die Straße gehen.

Peace-Murmeltier

Doch den gemeinen Friedensverfechter von heute treibt etwas anderes um. Seit mehr als 50 Jahren marschieren jährlich auch in Kassel zu dem Zeitpunkt, zu dem in Kassel einst die Amerikaner einmarschierten, friedensbewegte Deutsche, vornehmlich gegen die USA oder Israel und für eine selektive Verurteilung von Krieg, die konsequent unabhängig der Tatsachen nach dem überkommenen Schema des Imperialismus/Antiimperialismus einen Schuldigen und einen Unschuldigen kennen. Wobei letzteren obwohl ihnen oft alle Mittel recht sind, alles durchgelassen wird. Angesichts dieser dualistischen Geisteshaltung gesellt sich zur angestammten Friedensbewegung scheinbar mühelos eine neue, der sogenannten Friedenswinter dazu – eine neue, die aber eher rechte Wurzeln hat.

Ja, ich habe Marihuana geraucht, aber nicht inhaliert – mit diesem Satz von Bill Clinton lässt sich das Verhältnis der traditionellen Friedensbewegung in Kassel und anderswo zu den Montagsmahnwachen, zum Friedenswinter und den anderen Blechhüten beschreiben.

Mit den ideologischem Rüstsatz der neunziger und nuller Jahre, das in der Welt im Allgemeinen und im Nahem Osten im Besonderen der Frieden ausbräche, wenn nur Israel die Waffen strecken und die Amerikaner zum Isolationismus zurückkehren würden, lassen sich Jahr für Jahr weniger hinter dem Ofen herlocken. In Zeiten eines sich abzeichnenden großen Sunnitisch-Schiitisch und/oder Persisch-Arabischen Krieges und einer Außenpolitik der Obama-Administration, die sich kaum mehr von der deutschen unterscheidet, fällt es selbst dem Leichtgläubigsten schwer, zu glauben, diese Weltgegend zwischen Mittelmeer und Indus wäre ein Paradies, wenn nicht Israel hartnäckig auf der eigenen Existenz beharren und die Amerikaner sporadisch eingreifen würden.

Die guten alten Zeiten, in denen Deutschland wie ein Mann hoffte, Saddam Hussein würde im dritten Weltkrieg die Amerikaner schlagen, nach Jerusalem marschieren und so die Schmach des besiegten Naziopas auslöschen, sind für die Freunde des deutschen Friedens erst einmal vorbei. Während der einstmals so verehrte „irakische Widerstand“ nunmehr selbst im Spiegel, ja sogar im Guardian gelegentlich als die Bande von Kopfabschneidern bezeichnet werden darf, die er in Wahrheit ja schon immer war, erinnert sich der eine oder andere ja noch an die noch besseren ganz alten Zeiten, als die deutsche Friedensbewegung sich noch der Gunst des Kremls erfreute und so Millionen auf die Straße brachte.

Heute sind sogar die Regale im Bahnhofsbuchhandel, anstatt wie damals der nur in Wissen-und-Fortschritts-Buchhandlungen zu erstehenden Paperbacks des Pahl-Rugenstein-Verlages, voll mit luxuriös aufgemachten Hochglanzzeitschriften, in denen Putin in den höchsten Tönen gepriesen wird. Wieso sollte also heute die Anhängerschaft des russischen Präsidenten und Mannsbildes geringer sein als damals, als im Kreml betagte Greise saßen, noch dazu, wo er doch so populäre Fürsprecher wie Gehard Schröder hat.

So ganz gemein machen mit Menschen, die glauben, wir würden auf der Innenseite einer Hohlkugel leben und – mit Ausnahme des auf dem Mond oder in der Antarktis noch bestehenden Deutschen Reiches – von Echsenmenschen beherrscht, möchten sich Strutynski, Ruf und Konsorten aber dann doch nicht, schließlich hat man ja einen gewissen Restbestand an akademischer Respektabilität zu verlieren.

Auch schreckt der offenkundige Rassismus der Pe-, Ka- und sonstigen -gidas und ihrer Wiedergänger im Friedenswinter diejenigen, die sich selbst stolz als Antirassisten bezeichnen und Einwanderer „nur“ ins als multikulturell verklärte Ghetto und die Schattenwirtschaft der Shisha-Bars, Dönerbuden und Handyläden abschieben, aber nicht gleich verbrennen oder im Mittelmeer ertränken wollen, ab. Schließlich hat man sich jahrzehntelang als Handlanger des Islam im Kampf gegen die Zumutungen der westlichen Moderne positioniert und braucht die Moslems noch als Kanonenfutter im Kampf gegen Israel und die USA, und mit dem Prädikat „gegen Islamisierung“ im eigenem Namen lässt sich wohl kaum die Gunst desjenigen Teils der deutschen Wirtschaft erringen, der dem Emirat Katar ganz oder anteilig gehört.

Andererseits verbindet das gemeinsame Feindbild: der Westen, die Nato, das wurzellosen Weltjudentum, Pardon, die Zionisten, und die USA, sowie das Unvermögen, das Weltgeschehen anders denn als Verschwörung finsterer Mächte deuten zu können. Nur allzu deutlich ist die Begeisterung der Türsteher, Eventmanager und Schlagersänger für den starken Mann Putin als Popversion der Begeisterung der Professoren und Studienräte für das Ba’ath-Regime in Syrien oder das ehemalige im Irak oder für die Hamas zu erkennen. Auch bringen die Putinisten – zumindest mancherorts – eine beachtliche Menge an Anhänger auf die Straßen, während der traditionelle Antiimperialismus inzwischen ein Nachwuchsproblem hat – auf den Veranstaltungen einer Susan Witt-Stahl herrscht inzwischen nicht nur ein Juden- sondern auch ein Jugendverbot.

Für Strutynski und Konsorten stellt sich also die Leninsche Frage: Was tun? Dem Friedenswinter einen deutschen Frühling folgen lassen und auf diese Weise der Querfront Tür und Tor öffnen; oder einen letzten Rest an linker Identität bewahren, um den Preis eines Versinkens in die Bedeutungslosigkeit?

Zum Glück gibt es in der Linkspartei Personal, das, frei nach Erich Mühsam, weiß, wie man revoluzzt und trotzdem Laternen putzt und kein Problem damit hat, mit einem Bein im Lager der alten Linken, mit dem anderem in dem der neuen Rechten zu stehen.

An erster Stelle ist da natürlich Diether Dehm zu nennen, der ja auch schon auf einem früheren Ostermarsch in Kassel mit befremdlichen Ausführungen der Art, Antisemitismus fange erst an, wenn Juden zu tausenden umgebracht würden, aufgefallen ist. Verbalen Antisemitismus z.B. durch Propaganda kann es für ihn daher schon per Definitionem nicht geben. Da ist es logisch, das der selbsternannte Nicht-Antisemit Dehm auch keine Scheu hat, gerne zusammen mit Ken Jebsen und Lars Mährholz aufzutreten.

Zu Dehms Mini-Mes in der Linkspartei zählt unter anderem auch eine Abgeordnete Sevim Dagdelen, die in erster Linie dadurch bekannt ist, sich bei einer Rede des israelischen Präsidenten Shimon Peres am Holocaustgedenktag so beschämend benommen zu haben, das die evangelische Landeskirche Nordrhein-Westfalen – wahrlich kein Hort der Israelsolidarität – den Kirchenbann über diese Dame aussprach.

Der streitbaren Hinterbänklerin fiel also beim diesjährigem Ostermarsch die Aufgabe zu, vor dem Kasseler Rathaus eine Rede zu halten, in der sie zunächst brav das Anzünden von Asylbewerberheimen verdammte, die Aufklärung der NSU-Morde forderte, die Balten und Ukrainer pauschal der Nazi-Kollaboration bezichtigte (während hinter ihr die Fahne des SS-Brigadeführers Grossmufti al-Husseini flatterte) und dem Genossen Putin für die Befreiung vom Faschismus – als wäre dies das Werk großrussischer Nationalisten gewesen – dankte. Gebranntes Kind scheut das Feuer, und noch einmal ein Lob von der NPD, wie damals nach der Peres-Rede zum Holocaustgedenktag muss ja nun nicht sein.

Solcherart gegen mögliche Querfront-Vorwürfe abgesichert, folgten dann gerade genug Textbausteine aus dem Mahnwachen und -gida Baukasten (Lügenpresse! Friedensfrühling! Transatlantische Netzwerke!) um den Angesprochenen mit einem Augenzwinkern zu vermitteln, das mit dem Antifaschismus sei ja gar nicht so gemeint und man könne ruhig weiter den Kampf gegen die „private CIA“ eines gewissen „George Friedman“ gemeinsam fortsetzen.

Soweit, so schlecht. Was Frau Dagdelen aber dazu bewogen haben mag, zu behaupten, nicht etwa die somalische Mördermiliz Al-Shabab, die erst vor wenigen Tagen in Kenia hunderte von wehrlosen Studenten niedergemetzelt hat, sondern vielmehr deren Gegner seien Islamisten, welche auf Grundlage der Scharia handeln, das dürfte sie wahrscheinlich noch nicht einmal selber erklären können, zumal sie wenige Minuten zuvor das Vorgehen der ideologisch keineswegs anders gearteten Saudis noch ausdrücklich verdammt hatte. Letzteres wäre sogar richtig gewesen, wenn hier nicht der entscheidende Nachsatz fehlen würde, das deren Gegner, nämlich der Iran, auch nicht besser ist.

So hinterließ die Dagdelensche Rhetorik beim unbefangenem Zuhörer den Eindruck, sich auf einem Gemälde von Escher zurechtfinden zu müssen: Waren die sunnitischen Islamisten in einem Augenblick noch Aggressoren, waren sie gleich darauf arme Opfer des US-amerikanischen Drohnenkrieges, dem die wackere Referentin mit den Mitteln des deutschen Strafrechtes beikommen will. Wer am eigenem Leib erfahren möchte, was Karl Kraus mit seinem Ausspruch „Sie denken deutsch, aber sie können es nicht“, meinte, der möge Dagdelens Rede nachlesen.

Genutzt hat der halbherzige Versuch eines Querfröntchens der Kasseler Friedensbewegung allerdings nichts: Mehr als 600 Personen sind nicht zum diesjährigem Kasseler Ostermarsch erschienen.

Als erfreulich ist immerhin zu vermerken, das einige Zaungäste es sich nicht nehmen ließen, durch Zeigen von Israel- und Antifa-Fahnen ihre Meinung zum vorgetragenen Unfug kund zu tun.
(J.H.)

Engagierte Kunst im Untergrund – Wer ist der Kriegstreiber?

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Auch im Untergrund: Das deutsche Volk erhebt sich

Kassel konnte sich rühmen, über das kürzeste U-Bahn-Netz (das Kulisse des herrlichen Zombiefilms Toxic Lullaby war) in Deutschland zu verfügen. Die älteren werden es noch kennen, vom Grünen Weg zweigte die Strecke ab, führte am Atombunker entlang, unter den alten Hauptbahnhof hindurch um dann dort wieder an der Oberfläche zu erscheinen, wo heute die Regiotram unter den Bahnhofsvorplatz taucht.

Dank der schon von den Nazis geplanten Umgestaltung der Stadt in eine autogerechte, wurden die Fußgänger an vielen Stellen unter die Erde geschickt. Gekachelte, nach Pisse stinkende Unterführungen. Trotz des tapferen Widerstandes der Autofreunde wurden einige davon nach und nach zugeschüttet. Ein paar gibt es aber noch, eine z.B. am holländischen Platz. Auch dort tobt sich eine Gruppe namens „Raum für urbane Experimente“ aus, die der Auffassung ist, dass die Städte Abbild der Gesellschaft sind. Wie war:

Dass die Aluhutfraktion den Nerv der Zeit trifft, beweist oben dokumentiertes Bild. (Hier der Macher in Aktion.) Das Geld ist die Macht, der die Welt die Geißel des Krieges zu verdanken hat, doch im Untergrund rührt sich der Widerstand und die Friedenswacht an der Fulda postet:  „Die Zeit ist gekommen! Das Personal ist erwacht! Das deutsche Volk erhebt sich!“

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging

Vor siebzig Jahren warf die US Army Air Force (USAAF) zwei Atombomben über japanische Städte ab. Dabei kamen ca. 200.000 Menschen ums Leben. Diese militärische Maßnahme war wohl auch ein politisches Zeichen im beginnenden Kalten Krieg. Bis heute gilt der Atombombenabwurf als besonders anschauliches Beispiel für Unmenschlichkeit und Grausamkeit im Krieg, als Menetekel der Atomtechnologie und dient vielen Friedensbewegten als Anlass, gegen Krieg und Atomwaffen zu demonstrieren.

Doch von Beginn an war diesem Gedenken eine seltsame Schieflage eigen. Die USA standen und stehen im Mittelpunkt der Anklage. Der besondere Charakter des deutschen und japanischen Krieges, die Atomwaffen der Sowjetunion, selbst als diese in der DDR stationiert waren, standen bei der deutschen Friedensbewegung nie im Fokus der Aufmerksamkeit – unbeachtlich bleibt auch das Streben nach Atomwaffen des Irans. Im Gegenteil, die Friedensbewegung, die den Schulterschluss zur Anti-AKW-Bewegung suchte, skandalisierte nie das sowohl zivile als auch militärische Atomprogramm im Iran, sondern sah stets dessen Ursache in der vermeintlich aggressiven Politik der USA und Israel gegen den Iran. Das Streben des Iran nach der Atombombe wurde mit der Abschreckungspolitik der Großmächte im Kalten Krieg gleich gestellt und indirekt gerechtfertigt, wenn nicht sogar betont wurde, dass auch der Iran ein Recht auf die Anwendung der Atomtechnologie besäße. 

70 Jahre nach dem Atombombenabwurf wird voraussichtlich wieder eine Gedenkveranstaltung am sogenannten Hiroshimaufer stattfinden. Die Friedensbewegten werden, wenn sie denn auf das Thema Iran zu sprechen kommen, das Abkommen mit dem Iran mutmaßlich begrüßen und somit gemeinsam mit der Kasseler Industrie und Handelskammer eine Einheitsfront als „Jubelperser“ bilden. (25.07.215)

In Kassel findet alljährlich zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima ein Gedenktag statt. Initiiert hat das Ganze die Kasseler Friedensbewegung. Wie in Hiroshima gibt es in Kassel einen kleinen Fluss. Dort versammeln sich die Friedensaktivisten und werfen brennende Kerzen auf Holzbootchen montiert in den Fluss, singen ergriffen Lieder und sprechen die dazugehörigen Reden, um an die US-amerikanische Untat zu erinnern. 2009 ließ sich die Stadt Kassel dazu hinreißen, diesen Uferabschnitt „Hiroshimaufer“ zu nennen.

Natürlich fällt dem Kasseler Bürgermeister, der zur Umbenennung des Ufers ein Grußwort beisteuerte und eine Rede hielt, sofort Kassel ein, wenn er an Hiroshima denkt. Denn Kassel wurde ebenfalls zerstört und „viele Menschen starben“. Und so wie die meisten Kasseler die Zerstörung der eigenen Stadt am liebsten nicht mit Ursache und Wirkung, mit Notwendigkeit und Verantwortung in Verbindung bringen, so fällt dem Oberbürgermeister natürlich auch nichts dazu ein, was Voraussetzung für den Atombombenabwurf in Japan war. Und noch viel weniger ist davon die Rede, wo Engagement gegen Atombewaffnung heute vielleicht Sinn machen würde.

Die Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima am 6. August und Nagasaki am 9. August 1945 waren eine überaus grausame und vielleicht barbarische Kriegshandlung und sie war in dem Sinne nicht mehr „militärisch notwendig“, als das Japan, militärisch betrachtet, am Ende war. Doch was heißt das schon. Deutschland war ein Jahr vorher, nach der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte durch die Rote Armee und der Landung der Alliierten in Frankreich, ebenfalls am Ende, kämpfte aber fast ein ganzes Jahr lang weiter. Die Erfahrungen, die die US-Truppen in Okinawa machten, sprachen ebenfalls nicht dafür, dass Japan, obwohl militärisch am Ende, aufgeben würde.

Es spricht auch vieles dafür, dass der Atombombenabwurf in der spätestens ab 1945 wieder auflebenden Systemauseinandersetzung ein politisches Zeichen gegen die Sowjetunion war. Und nicht zuletzt: Die Bombenabwürfe trafen vor allem die Zivilbevölkerung, für die es kein Entrinnen gab. Diese beiden Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Diese Argumentation führt aber in der Regel dazu, wichtige Kategorien zu Beurteilung militärischer Gewalt, Verbrechen im Krieg und verbrecherischer Kriege durcheinander zu werfen.

Im Gedenken an die Atombombenabwürfe geraten die Kategorien vom jus ad bellum (dem Recht einen Krieg zu führen) und dem jus in bello (dem Recht im Krieg) durcheinander. Auch in einem rechtmäßigen Krieg kommt es zwangsläufig zu Verstößen gegen allgemeine menschliche Moralvorstellungen, auch zu Verstößen gegen das Kriegsrecht, also zu Kriegsverbrechen. Die Abwürfe waren fragwürdige militärische Handlungen eines rechtmäßigen Krieges, nämlich des Befreiungskrieges der Alliierten gegen Japan und Deutschland, ob sie den Tatbestand eines Kriegsverbrechens erfüllen ist umstritten.

In einem unrechtmäßigen Krieg kann es dem einzelnen Soldat zwar dünken, er verhielte sich anständig und rechtmäßig, aber wie der Mitläufer in einer kriminellen Straßengang, der bei der begangenen Straftat selbst keine Hand anlegt hat – sondern vielleicht nur Schmiere gestanden hat, oder dem Entführungsopfer das Essen gebracht hat, bleibt auch er ein krimineller Mittäter. Die Soldaten der Armeen der Achsenmächte, ob sie nun wie der deutsche Soldat beim Mord an den Juden, ob wie der japanische beim Mord an den Chinesen Hand an legten oder nicht, waren Mittäter einer unvergleichlichen kriminellen Tat. Jede Tat, jede Handlung, jede Unterstützung im Krieg der Achsenmächte war Teil des verbrecherischen Krieges. Die Achsenmächte (Deutschland, Japan und bis 1943 Italien) hatten einen Krieg begonnen (Japan gegen China schon 1931), der von Anfang an ein unrechtmäßiger Krieg war, und der als Vernichtungskrieg und totaler Krieg sich von allen bisher geführten Kriegen der Moderne unterschied. Die militärischen Aktionen der Achsenmächte richteten sich bewusst und gezielt gegen die Zivilbevölkerung der gegnerischen Staaten und banden im Konzept des totalen Krieges ebenfalls die eigene Zivilbevölkerung in das Kriegsgeschehen ein.

Deutschland führte darüber hinaus einen rassistisch motivierten Ausrottungsfeldzug. Zu den militärischen Operationen, sowohl Deutschlands als auch Japans, gehörte die Schaffung von „Toten Zonen“. Tote Zonen sind Gebiete, in denen die Zivilbevölkerung von militärischen Einheiten ausgerottet, manchmal auch „nur“ vertrieben oder verschleppt wurde. Die Strategie der „Toten Zonen“ fand vor allem Anwendung durch deutsche Truppen in Weißrussland und durch japanisches Militär in vielen Landstrichen Chinas. Hier nannte sich diese Strategie die Politik der „Drei Alles“: Alles töten – Alles verbrennen – Alles plündern.

Das japanische Militär stand in Sachen Grausamkeit, gezieltem Massenmord, Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung und Missachtung der Haager Landkriegsordnung den deutschen Nazitruppen in Nichts nach. Der einzige Unterschied zur deutschen Politik war das Fehlen des antisemitischen Vernichtungswahns. Japans Politik zielte nicht darauf ab, eine bestimmte Gruppe von Menschen unabhängig von militärischen Erwägungen systematisch zu vernichten. Die Vernichtungsaktionen gegen Zivilisten und Gefangene durch japanisches Militär waren zwar auch durch rassistische Überlegenheitsideologien begründet, fanden i.d.R. aber im Kontext militärischer Strategien und Aktionen statt.

  • In China führten japanische Flieger erstmalig ein Flächenbombardement gegen eine Stadt durch (Shanghai 1932).

  • In China kamen ca. 10 Millionen Zivilisten durch Säuberungsaktionen der japanischen Armeen um. 2 Millionen Vietnamesen und bis zu 4 Millionen Indonesier verhungerten während der japanischen Besatzung.

  • In Nanking brachten japanische Einheiten binnen weniger Tage ca. 200.000 Zivilisten und bereits entwaffnete chinesische Kriegsgefangene um.

  • In China erprobte das japanische Militär bakterielle und chemische Waffen an Kriegsgefangenen und setzten biologische (Milzbrand, Beulenpest, Cholera) und chemische (Senfgas, Lewisite) Waffen im großen Stil gegen die chinesische Zivilbevölkerung ein. Ca. 580.000 Menschen starben durch diese Waffeneinsätze.

  • In Gefangenenlagern führten japanische Militärs (die berüchtigtste Einheit war die 731ste in Harbin) Menschenversuche an chinesischen Gefangenen und Zivilisten durch. Ein Veteran der Einheit 731 führte nach dem Krieg Japans größtes Pharmaunternehmen.

  • Ca. 200.000 koreanische, chinesische und südostasiatische Frauen wurden von japanischen Militärs zur Prostitution gezwungen (also systematisch vergewaltigt) und müssen heute noch endlos verschleppte, demütigende Prozesse um ihre Entschädigung führen.

  • Mehrere 10.000 alliierte Kriegsgefangene der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Hollands und Australiens und mehrere 100.000 asiatische Kriegsgefangene kamen in japanischen Gefangenenlagern durch willkürliche Tötungen, Misshandlungen, Hunger und Zwangsarbeit um.

Vor dem ersten Atombombenabwurf ergingen deutliche Aufforderungen an die japanische Regierung, den Krieg sofort zu beenden – auch nach dem ersten Abwurf wurde diese Aufforderung wiederholt. Obwohl es Stimmen in Japan gab, den Krieg sofort zu beenden, die Forderungen zu kapitulieren, wurden von den maßgeblich führenden japanischen Militärs abgelehnt. Verantwortlich für den Einsatz der Atombomben als Kriegshandlung zur Unterwerfung des Feindes waren die führenden amerikanischen Militärs und Politiker, die wussten was sie taten. Ob diese Tat, ein Angriff gegen eine Stadt eines kriegsführenden Staates, als Kriegsverbrechen zu bewerten ist, ist umstritten. Es spricht mehr gegen eine solche Wertung als dafür (Barton J. Bernstein). Verantwortlich dafür, dass der Krieg – mit all seinen möglichen Konsequenzen – nicht vorher beendet wurde, war jedoch Japan.

Bis heute fokussiert das Gedenken in Japan die eigenen Opfer, bis heute werden in das offizielle Gedenken japanische Kriegsverbrecher einbezogen. Über die gebotene Kapitulation und erst Recht über die Opfer des japanischen Krieges wird weitgehend geschwiegen. Auch das Gedenken in Deutschland an Hiroshima trägt dazu bei, dass durch das Herausheben einer barbarischen Tat in einem gerechtfertigten Krieg, dessen Charakter dem des ungerechtfertigten gleichgesetzt wird. Fokussiert man tatsächliche oder vermeintliche Kriegsverbrechen alliierter Truppen, wird aus einem verabscheuungswürdigem Angriffs- und Vernichtungskrieg der Deutschen und der Japaner ein Krieg, dessen einzelne Taten aus dem Kontext gelöst werden um dann diese mit den Taten eines zu begrüßenden Befreiungskrieges auf eine Stufe zu stellen. Von der gebotenen Unterscheidung eines Befreiungskrieges von einem Vernichtungskrieg bleibt im Knoppschen Duktus der allgemein „verdammenswerte Krieg“. Der Krieg wird so seines politischen Inhaltes entledigt. Die Argumentation gegen den Krieg als allgemein grausame und daher abzulehnende Erscheinung ist bestenfalls unpolitisch. Die, die das Augenmerk auf einzelne Handlungen, wie z. B. den Atombombeneinsatz richten, tragen in ehrenwerter Absicht zwangsläufig zum geschichtspolitischen Revisionismus bei.

Dass ausgerechnet die deutsche Gesellschaft einer barbarischen kriegerischen Handlung der Alliierten, durch die Benennung eines städtischen Ufers (in anderen Städten gibt es auch den einen oder anderen so benannten Platz) einen besonderen Stellenwert des Gedenkens einräumt, muss in einem schiefen Licht erscheinen, vor allem auch deswegen, weil es in Kassel (und wahrscheinlich in keiner anderen deutschen Stadt) keinen Platz, keine Straße und auch kein Ufer gibt, das Orte oder Vorkommnisse deutscher oder japanischer Kriegsverbrechen benennt oder ausdrücklich an die damit verbundenen Schicksale erinnert.

Aktivisten des BgA-Kassel fragen sich, warum in Kassel – einer deutschen Stadt – gerade Hiroshima als Namen für eine Ortsbezeichnung gewählt wird

Das Nebeneinander würde dies aber auch nicht besser machen. Ein Hiroshima-Ufer neben einem Platz „900 Tage Belagerung Leningrads“ oder einer Babi-Jar-Straße, würde das verwischen, was die kriegerischen Handlungen der Alliierten von denen der Achsenmächte prinzipiell unterscheidet.

In Hiroshima hielten sich im August 1945 viele Zivilisten und kaum Soldaten auf. Trotzdem war die japanische Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt keine zivile Gesellschaft. Sie befand sich – wie übrigens auch Deutschland seit 1943 – in einer Phase der allgemeinen Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte für einen totalen Krieg.

Wird dann der vermeintlich zivile Status der Opfer durch die Bombardierung der Alliierten besonders hervorgehoben, so ist dies Teil der Strategie, den Unterschied von Opfer und Täter zu verwischen. Das Beklagen der zivilen Opfer der Achsenmächte durch die Friedenspriester unterscheidet sich daher nicht vom Trauertag der Volksgenossen, wenn sie an den in Stein gemeißelten Gedenkstätten ihre Kränze abwerfen. Wenn der deutsche Volksgenosse den gefallenen Großvater betrauert, so betrauert der Friedensmichel das zukünftige Opfer seines Volkes in einem herbei fantasierten atomaren Holocaust oder die Opfer der, gerne als angloamerikanische oder zionistische Luftgangster bezeichneten, Streitkräfte des Westens oder Israels in gegenwärtigen Kriegen.

Immer dann, wenn die USA in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind, wird die Gleichung Guernica – Coventry – Dresden – Hiroshima und je nach dem eine entsprechende Stadt des Landes, das in den zeitgenössischen Krieg verwickelt war/ist hinzugefügt. Und natürlich spielt Hiroshima eine herausragende Rolle, wenn es um den massenhaften Tod von Zivilisten geht und die Analogie zum Holocaust ist schnell gezogen.

In den achtziger Jahren gefiel sich die deutsche Gesellschaft besonders gut in der Opferrolle. Angesichts der tatsächlich zugespitzten Konfrontation im Zusammenhang der in Folge des so genannten Nato-Doppelbeschlusses durchgeführten Ausrüstung der NATO mit atomar bestückten Mittelstreckenraketen war die Gefahr eines auch unbeabsichtigten atomaren Schlagabtausches nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl war die Bewegung gegen diese Politik auch durch eine nekrophile Selbstbezüglichkeit, durch Irrationalismus und Nationalismus geprägt, als deren besonders groteskes Beispiel die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang gelten darf.

Die Veranstaltung zum Bombenabwurf in Hiroshima ist heute mindestens ein Anachronismus. Denn seit seit Ende der achtziger Jahren besteht keine realistische Gefahr mehr, die von den Atomwaffen der ehemaligen Gegner im Kalten Krieg ausgeht. Selbst den übrig gebliebenen Atomwaffen in Europa und Deutschland droht wohl eher der Fraß durch den Rost als das Verglühen durch eine Kernspaltung. Die Veranstaltung ist aber vor allem scheinheilig: Über die beiden Mächte Korea und Iran, die tatsächlich Länder mit Atomwaffen bedrohen, bzw. wie der Iran, der Israel wörtlich die Vernichtung androht und an der Atomwaffe bastelt, wird in der Gedenkveranstaltungen kein Wort fallen – natürlich auch nicht über die, denen der Atomtod dann tatsächlich droht.

Quellen:

Gar Alperovitz, Hiroshima. Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe, Hambur 1995.
Barton J. Bernstein, Understanding the Atomic bomb and the Japanese Surrender: Missed Opportunities, Little-Known Near Disasters, and Modern Memory. Diplomatic History 1995.
Yuji Ishida, Die japanischen Kriegsverbrechen in China 1931-1945, in: W.Wette u. Ueberschär, Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001.
John W. Dower, War Without Mercy: Race and Powerin the Pacific War, 1987 Pantheon
Vern Weitzel, Vietnam needs to remember famine of 1945, Singapore 2008

Babi Jar
Death-Railway-Platz
Leningrad
Nanking-Ufer

J.D. & J.H.