Über die Verdrängung besiegt und nicht befreit worden zu sein

„Man sah immer nur wenige Deutsche auf einmal, und die waren in ihrer Unterwürfigkeit, Scheinheiligkeit und Liebenswürdigkeit schlicht ekelerregend. […] Wie wollen sie sich von allem, was war, distanzieren? Welche Verdrängungsleistung in ihren schlecht belüfteten Hirnwindungen bringt sie zu der Vorstellung, sie seien ein befreites Volk und kein besiegtes.“ (Lee Miller 1945)

Im Unterschied zur Situation von vor 75 Jahren, sind es heute nicht mehr wenige auf einmal. Inzwischen wird der 8. Mai in Deutschland von einer zunehmenden Menge feierlich begangen. Mittlerweile gibt es sogar eine Initiative, den 8. Mai als „Tag der Befreiung“ zu einem Feiertag zu erklären. Der 8. Mai steht mittlerweile nicht mehr für eine schändliche Niederlage, als die die Kapitulation am 8. und 9. Mai bis in die achtziger Jahre herein von der Mehrheit der Deutschen wahrgenommen wurde, sondern das Datum gilt als positiver Bezugspunkt deutscher Identität. Die Rede von der Befreiung, die Deutschland von den Alliierten erfahren habe und die gefeiert werden soll, suggeriert, dass die Herrschaft des Nationalsozialismus gegen den Willen der Bevölkerung existiert habe, dass das deutsche Volk quasi das erste Opfer nationalsozialistischer Herrschaft war. Diese Interpretation ist eine besonders perfide Form des Geschichtsrevisionismus, der unterschlägt, dass dem Nationalsozialismus nicht nur in der Propaganda sondern tatsächlich die formierte Volksgemeinschaft zugrundelag, dass die Diktatur des Nationalsozialismus eine Konsensdiktatur war. Diese Lesart überhöht die gesellschaftliche Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes, sie ist eine Fortsetzung der falschen Faschismusanalyse Georgi Dimitroffs und der Komintern, die davon ausgeht, dass die Nazidiktatur die Herrschaftsform der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals gewesen sei. Eine Herrschaft gegen ein unschuldiges Volk war.

Am 8. und 9. Mai 1945 kapitulierten die deutschen Truppen. Der deutsche Vernichtungskrieg war damit beendet. Die letzten Konzentrationslager konnten befreit werden, sofern sie nicht schon vorher, von den in Richtung Deutschland marschierenden Truppen der Alliierten, befreit wurden. Dank weitgehender Übereinstimmung von Führung und Volksgemeinschaft in Deutschland, konnten die Nazis ihr Vernichtungsprogramm reibungslos umsetzten und das europäische Judentum fast gänzlich vernichten.

6 Millionen Juden, Männer, Frauen, Kinder und Greise verloren ihr Leben in den Gaskammern oder vor Maschinengewehrkommandos, wurden in Scheunen und Kirchen verbrannt, auf offener Straße erschlagen oder man ließ sie in eigens errichteten Ghettos verhungern. Millionenfach verloren die Soldaten der Alliierten, millionenfach verloren vor allem in Osteuropa Zivilisten ihr Leben, ihre jugendliche Unbeschwertheit und ihre Gesundheit weil deutsche Soldaten den Wahn der deutschen Volksgemeinschaft dank deutscher Technik und deutschem militärischen Genie umsetzten konnten, weil man in Deutschland entschied, Menschen zu dezimieren oder auszurotten. Die wenigen Widerstandskämpfer in Deutschland, häufig von den Volksgenossen an die Gestapo verraten, geköpft, an Fleischerhaken aufgehängt oder zu Tode gefoltert, verloren ihr Leben für ihre naive Hoffnung auf ein besseres Deutschland. Andere waren rechtzeitig geflohen, nach Großbritannien, in die USA, nach Mexiko und in die Sowjetunion, sie verloren ihre Heimat. In der Sowjetunion verschwanden einige von ihnen, manche für immer, als Volksfeinde deklariert oder als vermeintlich faschistische Spione denunziert. Die Parole „Wer nicht feiert hat verloren“ ist perfide.

Reporter, Schriftsteller und Vernehmungsoffiziere, wie Saul K. Padover, Lee Miller, Martha Gellhorn und Ilja Ehrenburg stellten 1945 konsterniert fest, dass es in Deutschland offensichtlich keine Nazis gab. Ehrenburg erinnerte sich: „Dutzende Städte habe ich gesehen, mit Menschen verschiedenster Schichten gesprochen: mit Ärzten, Notaren und Lehrern, mit Bauern, Gastwirten und Schneidern, mit Krämern, Stahlschmelzern und Bierbrauern, mit Juwelieren, Agronomen und Pastoren, sogar mit Stammbaumspezialisten. Ich suchte Antwort bei einem katholischen Vikar, bei einem Professor der Marburger Universität, bei Greisen und Schülern – ich wollte wissen, wie sie zur Idee des ‚Herrenvolkes‘, zum Traum von der Eroberung Indiens, zu Hitler und den Öfen von Auschwitz standen. Überall hörte ich das gleiche: ‚Wir haben nichts damit zu tun …‘ […] Unter den Hunderten von Menschen, mit denen ich sprach, gab es natürlich auch welche, die aufrichtig waren, aber ich konnte sie nicht voneinander unterscheiden – sie redeten alle das gleiche.“

Wenn sie auf Deutsche trafen, so mussten sie sich anhören, dass diese sich als verkannte Widerstandskämpfer ansahen und wenn dies zu offensichtlich als Lüge erschien, dass sie für sich reklamierten, man habe sich in der inneren Emigration befunden, oder der Onkel sei Kommunist, der Nachbar Sozialdemokrat gewesen und man habe immer ein gutes Verhältnis zu ihnen gehabt. Andere behaupteten, sie hätten einem Juden Unterschlupf gewährt, dort einem Zwangsarbeiter ein Brot zugesteckt, oder einem Verfolgten einen „Guten Tag“ gewünscht. „Ich habe einen Juden versteckt, er hat einen Juden versteckt, alle Kinder Gottes haben einen Juden versteckt. […] Man müsste es vertonen. Dann können die Deutschen einen Refrain singen“, schrieb die Reporterin Martha Gellhorn voller Sarkasmus im Jahre 1945. Angesichts der gebetsmühlenartig vorgetragenen Beteuerungen der besiegten Deutschen fragte sie sich: „[…] wie die verabscheute Nazi-Regierung, der niemand Gefolgschaft leistete, es fertigbrachte, diesen Krieg fünfeinhalb Jahre lang durchzuhalten.“

Aufgehalten hatte der Widerstand in Deutschland tatsächlich weder die Kriegsmaschinerie, noch die Judenvernichtung, noch konnte der Widerstand seine eigenen Leute auch nur annähernd vor der massenhaft getätigten Denunziation der Volksgemeinschaft schützen. Der antifaschistische Widerstand stand angesichts der formierten Volksgemeinschaft von Beginn an auf verlorenen Posten. Besonders Kommunisten schätzten die Situation 1933 völlig falsch ein. Sie vermuteten eine vorrevolutionäre Situation und dachten, die den Nazis folgenden Massen hätten sich nur in der Fahne geirrt und wollten sie daher auf den rechten Weg leiten. Ihre Widerstandsaktionen waren heroisch, aber verantwortungslose Himmelfahrtskommandos. Bis Mitte der dreißiger Jahre war der antifaschistische Widerstand in Deutschland gesellschaftlich völlig isoliert und von der Gestapo aufgerollt. Fast alle, die im Land blieben und versuchten Widerstand zu organisieren, fielen trotz aller Vorsicht der Denunziation oder den oft in ihren eigenen Reihen eingesetzten Spitzeln der Gestapo zum Opfer.

In den deutschen KZ saßen Mitte der dreißiger Jahre bis 1938 „nur“ einige Tausend Nazi-Gegner, auch diese Zahl sagt etwas über die gesellschaftliche Bedeutung des Widerstandes aus. Durch die in Folge des November-Pogroms vorgenommenen Verhaftungen von ca. 30.000 Juden schnellten die Zahlen der Insassen in den Konzentrationslagern in die Höhe und erst nach Kriegsbeginn füllten sich die deutschen Lager mit Millionen von Verschleppten aus allen Ländern Europas. Als in den letzten Kriegswochen diese Lager angesichts der herannahenden Befreier „evakuiert“ wurden, wurden deren Insassen auf die berüchtigten Todesmärsche mitten durch Deutschland geschickt, in Güterwaggons verfrachtet, deren Insassen, auf manchem Abstellgleis abgestellt, elendig starben. Deutsche Volkssturmeinheiten und versprengte Wehrmachtseinheiten kämpften gegen die vorrückenden Alliierten und sie verfolgten und jagten ausgebrochene und entflohene Häftlinge – sie richteten ihre Waffen nicht gegen die Bewacher der Todesmärsche, sie befreiten keine der in den Güterwaggons gepferchten Hungernden und Dürstenden und sie ließen es zu, dass in Bergen-Belsen inmitten blühender Landschaften, bewacht von einigen SS-Leuten, Zehntausende, kurz bevor die britische Armee anrückte, verreckten.

Eine Widerstandsbewegung gab es aber: Viele standen fast bis zum Ende aufrecht ihren Mann um den Vormarsch der Alliierten aufzuhalten. Die deutschen Tugenden militärisches Genie, Kameradschaft, Militarismus, Gehorsam, die Liebe zum Tod usw. bedeuteten für die Armeen der Alliierten, insbesondere aber für die Rote Armee bis zu den letzten Tagen einen opferreichen Gang, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Jeder deutsche Landser mit dem Gewehr in der Hand, am Steuer seines Panzers oder Fliegers bedeutete bis zu seiner Ausschaltung: Widerstand gegen die Rettung der letzten Juden, Widerstand gegen die Befreiung der Verfolgten, Unterdrückten und millionenfach Verschleppten.

Am Stammtisch, wenn man unter sich war, galt man als wer, der Widerstand an der Ostfront gegen „den anstürmenden Russen“ leistete, irgendwo in der russischen Steppe „Deutschland verteidigte“, gegen „General Winter“, oder gegen den „General Schlamm“ tapfer aushielt, als Flaksoldat oder stolzer Jagdflieger gegen die alliierten „Luftkriegsterroristen“, oder gegen anrückende Panzer der Amis oder Russen zum Trutze der als wehr-, schuld- und ahnungslos hingestellten Volksgemeinschaft mutig und todesverachtend vorging. Man war stolz darauf (und ist es bisweilen bis heute), dass dank deutscher Ingenieurskunst, die deutschen Panzer und Flieger, denen der Alliierten angeblich überlegen waren, und dass nur die schiere Masse (von anstürmenden Russen oder in Form von unendlich zur Verfügung stehendem Material, des an sich feigen und unmilitärischen Ami) den tapferen deutschen Soldaten mitsamt seiner überlegenen Technik und seinem militärischen Genie besiegt habe.

Dass ihr „heroischer“ Widerstand, ihr Einstehen für das Vaterland, ihre kameradschaftliche Treue nicht mit Erfolg belohnt wurde, dafür machten dann viele, als es vorbei war, Hitler oder die Nazis verantwortlich. Genoss Hitler besonders Anfang der Vierziger einen großen Rückhalt in der deutschen Volksgemeinschaft, nahmen es ihm jetzt die Volksgenossen übel, dass er den Krieg vermasselt hatte. Der für die US-Army als Vernehmungsoffizier dienende Saul K. Padover schrieb: „Die meisten Deutschen gaben zu,  dass sie 1939 den Krieg widerstandslos akzeptiert und die Siege 1940 mit großer Begeisterung begrüßt hatten. Der Krieg brachte Wohlstand und Beute. […] Niemand kritisierte die Aggression als solche. Kritisiert wurde die gescheiterte Aggression. Hitler wurde vorgeworfen, den Krieg verloren […] zu haben.“ Angesichts zerstörter Städte, gefallener Soldaten und verlorener Heimat, angesichts des ausbleibenden Nachschubs an geplünderten Hab und Gut aus den eroberten und nun befreiten Gebieten floss man über vor Selbstmitleid. Padover kam zu dem Schluss, dass diese an den Tag gelegte „Larmoyanz eine mehr oder weniger unbewusste Methode zur Rechtfertigung des eigenen Mitläufertums [war] […] Dieses Selbstmitleid und dieser Egoismus ist eng verknüpft mit der Weigerung (oder der psychologischen Unfähigkeit), sich gegen das NS-Regime zu wenden.“

Viele meinten nun, den Siegern die Hand zur Versöhnung reichen zu können, man verzieh ihnen großzügig, dass sie gegen Deutschland zu Felde gezogen waren, man gab sich beflissen und servil und erwartete geschont zu werden. Ehrenburg hielt in seine Memoiren fest: „Ich bemerkte überall nur den Wunsch, das eigene Hab und Gut zu retten, sowie die Gewohnheit alle Befehle pünktlich auszuführen. Man grüßte ehrerbietig und zwang sich zu einem Lächeln.“ Diese Haltung, die Miller voller Verachtung als „schleimige Einladungen“, als „Dreistigkeit“ und „Idiotie“ begegnete, drückt sich heute in dem Bestreben aus, den Sieg der Alliierten feiern zu wollen oder einen Feiertag, eine „Tag der Befreiung“ zu etablieren. Sie schrieb: „Ein Gestapogefängnis wurde befreit, und gegen das gesamte deutsche Volk wird nun von den stummen Toten wie auch von den beredten Lebenden Anklage wegen krimineller Geisteskrankheit erhoben.“

Anstatt eines Feiertages sollte der Ertrag eines Tages der deutschen Volkswirtschaft (Löhne, Gewinne, Miet- und Pachteinnahmen, Lohnersatzleistungen usw.) zugunsten der bis heute nicht entschädigten Opfer des deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieges abgeschöpft werden. Eine Petition, die es nicht geben wird.

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  • Ilja Ehrenburg, Menschen. Jahre. Leben, Memoiren Fünftes Buch, Band III, Berlin 1982
  • Martha Gellhorn, Das deutsche Volk. April 1945, in: Das Gesicht des Krieges. Reportagen 1937 – 1987, München Hamburg 1989
  • Lee Miller, Deutschland. Der Krieg ist gewonnen, in: Lee Miller. Krieg. Reportagen und Fotos. Mit den Alliierten in Europa, Berlin 2013
  • Saul K. Padover, Lügendetektor. Vernehmungen im besiegten Deutschland, Frankfurt 1999

Suchten sie den Tod ? – Ein Beispiel deutscher Erinnerungsarbeit

Schostakowitsch, Leningrad, eine Symphonie und ein schlechter deutscher Film

Vor etwa 75 Jahren gelang es der Roten Armee in der vom 12. – 30. Januar 1943 dauernden zweiten Ladoga-Schlacht (Operation Iskra), die deutschen Besatzungstruppen aus Schlüsselburg hinauszuwerfen. Damit konnte ein schmaler Zugangsweg zur belagerten Stadt Leningrad freigekämpft werden. Schlüsselburg ist ein Ort am Ladoga-See, den deutsche Invasionstruppen am 8. September 1941 eroberten und damit Leningrad eingeschlossen. Die deutsche Kriegs- und Vernichtungsplanung sah vor, die Stadt nicht im Sturm zu nehmen, sondern die Bewohner verhungern zu lassen, um dann im Folgejahr ohne nennenswerten Widerstand in die Stadt zu marschieren und sie dem Erdboden gleichzumachen. Die verbliebenen Bewohner sollten dann in die umliegenden Sümpfe und Wälder getrieben oder gleich umgebracht werden. Unzureichend ausgerüstet und oft schlecht geführt, gelang es der Roten Armee bis 1943 nicht, den deutschen Belagerungsring zu sprengen, hinderte aber unter enormen Verlusten die Wehrmacht daran, den für das Jahr 1942 geplanten finalen Vernichtungsangriff auf die Stadt durchzuführen.

Die Belagerung der Stadt dauerte 900 Tage. Fliehende Zivilisten wurden an den deutschen Linien abgewiesen, gezielt wurden von der deutschen Luftwaffe schon 1941 die größeren Lebensmittellager der Stadt bombardiert und zerstört und die verbliebenen Zufahrtswege über den Ladogasee waren wie die Stadt selbst permanenten Angriffen aus der Luft ausgesetzt. Schon Ende September 1941 waren die Lebensmittelvorräte der Stadt so gut wie aufgebraucht. In der Folge starben bis in das Frühjahr 1942 mehr als eine halbe Millionen Menschen an Hunger, eine weitere halbe Million noch bis zum Ende der Belagerung im Jahre 1944. Diese Geschichte ist weitgehend bekannt und vielfach beschrieben.1

Am 13. November 1941 wurde die Brotration für Arbeiter, Ingenieure und Techniker auf 300 Gramm Brot, für alle anderen auf 150 Gramm gesenkt, am 20. November wurde diese Ration nochmals gesenkt: 250 Gramm für die Arbeiter und 125 Gramm für die restlichen.

Der Norddeutsche Rundfunk hat 2017 einen semidokumentarischen Film, ein sogenanntes Dokudrama, „Leningrad Symphonie – Eine Stadt kämpft um ihr Leben“ produziert, der Ende Februar 2018 im „deutsch-französischen Kultursender“ ARTE präsentiert wurde. In der Ankündigung bei ARTE heißt es, dass über eine Million Zivilisten während der Belagerung den „Tod gefunden“ haben. Diese Begriffswahl lässt aufhorchen, ob sie ihn gesucht haben, oder nicht vielmehr von ihm heimgesucht wurden, sei zunächst einmal dahingestellt. Sich dem bis Oktober 1941 in Leningrad lebenden Schostakowitsch und seiner siebten Symphonie zu widmen, ist an sich keine schlechte Idee, haben sich andere doch eher Schostakowitsch allgemein gewidmet.2 Obwohl Schostakowitsch Zielscheibe stalinistischer „Kunstkritik“ war, überlebte er 1937 und 1938 die schlimmsten Jahre des stalinistischen Terrors und wurde rechtzeitig aus Leningrad evakuiert.

„Ich empfinde unstillbaren Schmerz um alle, die Hitler umgebracht hat. Aber nicht weniger Schmerz bereitet mir der Gedanke an die auf Befehl Stalins Ermordeten“, schreibt Schostakowitsch in seinen Memoiren und in vielen seiner Werke hielt er durchaus mutig dem Terrorregime einen Spiegel vor. Auch in seiner siebten Symphonie stellte er mit musikalischen Mitteln zum einen das von Stalin und seiner Entourage nur ungern zugegebene von Deutschen aber gezielt verursachte unermessliche Leid der sowjetischen Bevölkerung dar, deutete zum anderen auch darauf hin, dass die Staatsführung des eigenen Staates selbstherrlich und terroristisch war. Selbst  die Gegenwehr der Roten Armee stellte er nicht einfach als heroischen Akt dar, sondern er nahm in der Darstellung ihres Kampfes Motive auf, die vorher den Vormarsch der Deutschen darstellten. Gleichwohl avancierte die Symphonie, die in Moskau und in Leningrad während deutscher Angriffe uraufgeführt wurde und auch in den USA positiv rezipiert wurde, zum Symbol des Antifaschismus. Die siebte Symphonie wie auch Schostakowitschs Werk im allgemeinen und der Komponist selbst gäben also genug Stoff, um sich diesen auch mit den Mitteln des Filmes zu widmen.3

Das gelingt dem Film des NDR nicht annähernd und man hat den Eindruck, dass er dies trotz entsprechender Ankündigung auch gar nicht versucht. Der Film beginnt nicht etwa mit einem musizierenden Orchester, dem Leben eines Musikers, mit, ihr eigenes Unheil noch nicht ahnenden, spielenden Kindern oder schlicht mit Bildern aus der Stadt vor der Belagerung, sondern mit nachgestellten Szenen aus deutschen Schützengräben. Man wähnt sich in einem Landserfilm Vilsmaiers oder in einer Wiederauflage des deutschen Machwerks des Selbstmitleids „Unsere Mütter unsere Väter“. Schnell wird eine Figur des hadernden Landsers und katholisch geprägten Humanisten aufgebaut, der als Kanonier zunächst wenig von der deutschen Kriegsgräuel erfährt, dann aber mit der Brutalität des Schützengrabenkrieges konfrontiert wird, der völlig realitätswidrig zum Sinnbild des Grauens des deutschen Krieges im Osten stilisiert wird. Zwischendurch darf er einem hungernden russischen Bauern bedeuten, dass doch alle nur Menschen in einem bösem Krieg seien. Er findet den Tod, indem er, angesichts eines verwundeten Rotarmisten im Niemandsland, die Deckung des Schützengrabens verlässt. Schon mit Kurt Reuber ist es den deutschen Erinnerungsarbeitern gelungen, eine Figur aufzubauen, die das gute Deutschland symbolisieren soll, unschwer zu erkennen, versuchen die Filmemacher das Gleiche mit dem Landser Wolfgang Buff.

Eine Beleidigung des historischen Urteilsvermögens sind die in typisch deutscher Weinerlichkeit präsentierten Schützengrabenerlebnisse und Gewissensbisse deutscher Landser. Der Gipfel  dieser Zumutung wird erreicht, als auch noch das Weihnachtsfest im Bunker bei französischem Rotwein und Gebäck aus der Heimat inszeniert wird. Als Opfer des Krieges werden dann konsequenter Weise und an erster Stelle auch zwei deutsche Soldaten dargestellt, die als Kriegsgefangene der Roten Armee kurz nach ihrer Gefangennahme umkamen.

Wie in allen Produkten des neuen deutschen Geschichtsrevisionismus gibt man sich ganz ausgewogen, also muss der Film sich nicht nur dem hadernden deutschen Landser sondern auch den tatsächlichen Opfern widmen. Es wird behauptet, der Film zeichne mit eindrücklichen Interviews mit Zeitzeugen, einzigartigen Archivaufnahmen aus dem besetzten Leningrad und aufwendig produzierten Spielszenen die erschütternde Geschichte der Belagerung Leningrads nach. Das gelingt dem Film an keiner Stelle. Erschütternd sind z.B. die überlieferten Tagebuchaufzeichnungen betroffener Kinder, die in der entsprechenden Literatur zu finden sind. Sie sind eindrückliche Aufzeichnungen der Verhungernden und geben exemplarisch die Perspektive der Opfer wieder. Die semidokumentarischen Szenen, in denen der Überlebenskampf nachgestellt wird, leisten dies nicht. Die paar eingestreuten Schnipsel echter Dokumentarfilme und – die einzigen Lichtblicke -, die Interviews mit Überlebenden aus der Stadt, machen das Machwerk nicht besser. Diese Passagen dienen unweigerlich als Staffage schlechter Spielfilmszenen, um dem Film den Anschein des authentischen zu geben.

Kurz wird, wohl der Vollständigkeit halber, erwähnt, dass zu Beginn des Jahres 1942 9.000 Zivilisten täglich umkamen. Immer wieder werden dann die längst bekannten Bilder der in den Straßen und auf den Kinderschlitten herumliegenden Toten präsentiert. Auch der kurze Blick auf die Tagesration Brot im Januar 1942 kann nicht das leisten, was Aufgabe gewesen wäre, nämlich den Eindruck zu vermitteln, dass der von Deutschland nach Leningrad gebrachte Hunger, das Tod und Vernichtung und nicht das Leben die Normalität während der 900 Tage dauernden Belagerung gewesen sind. Auf die erbärmliche Verfolgungsgeschichte und Erinnerungspolitik in der Sowjetunion nach dem Krieg wird noch nicht einmal hingewiesen, auch die vom Leningrader Parteifunktionär Schdanow erneut entfachte Hetze gegen Schostakowitsch findet keine Erwähnung. Dass keiner der deutschen Beteiligten dieses monströsen deutschen Kriegsverbrechens je vor ein deutsches Gericht gestellt wurde und einer sogar deutscher Bundeskanzler wurde ist natürlich ebenfalls kein Thema.

Weder schafft es der Film, die Ausmaße der Hungersnot in angemessener Weise darzustellen, noch gelingt es ihm, die stalinistische Gewalt- und Terrorherrschaft darzulegen oder gar den Widerstandsgeist der Menschen in Leningrad angemessen zu würdigen. Auch thematisiert er völlig unzureichend die Verantwortung der deutschen Armee für die Ausführung dieses von der Führung der deutschen Volksgemeinschaft angeordnete Verbrechen.

Wer an einem eindrücklichen und informativen Dokumentarfilm über die Blockade interessiert ist, der sollte sich den Film „Leningrad 1941 – 1944“ von Thomas Kufus aus dem Jahre 1991 ansehen. Der beginnt mit der Szene in Leningrad, in der nach der Befreiung mehrere deutsche Offiziere öffentlich gehängt werden, dann widmet er sich jedoch unter Verwendung zahlreicher Interviews mit Überlebenden und reichlich präsentiertem Archivmaterial und ohne auf das zweifelhafte Mittel der Dokufiktion zurückzugreifen, eindrücklich dem Alltag der Zivilbevölkerung während der Belagerung. Auch auf den preisgekrönten Dokumentarfilm des ukrainischen Filmemachers Sergei Loznita „Blockade“ aus dem Jahr 2005 sei an dieser Stelle noch hingewiesen. Wer sich dem Leben und Werk Schostakowitsch unter dem Aspekt Leben und Wirken in einem terroristischen Zeitalter widmen möchte, dem sei vielleicht Matthias Stadelmanns „Von Leningrad nach Babij Jar. Dmitrij Šostakovičs symphonische Auseinandersetzungen mit Krieg und Vernichtung in der Sowjetunion“ empfohlen, der im Sammelwerk Frank Grüners et al., „Zerstörer des Schweigens. Formen künstlerischer Erinnerung an die nationalsozialistische Rassen- und Vernichtungspolitik in Osteuropa“ erschien.

Ein bis heute eindrückliches und immer noch zu empfehlendes Werk ist das Blockadebuch der beiden sowjetischen Schriftsteller Daniil Granin und Ales Adamowitsch, sowie das Buch des amerikanischen Journalisten Harrison Salisbury „900 Tage“. Empfehlenswerte wissenschaftliche Werke sind Jörg Ganzenmüllers „Das belagerte Leningrad 1941 bis 1944“, David M. Glantzs „The Siege of Leningrad, 1941–1944. 900 Days of Terror“ und natürlich Anna Reids, „Blokada. Die Belagerung von Leningrad: 1941-1944“. Wertvolle Eindrücke vermitteln die Werke der Dichterinnen Vera Inber, Olga Bergolz sowie die Gennadij Gors als auch das weltbekannte Tagebuch der Elena A. Skrjabina.

Dmitri Schostakowitsch. Dem kühlen Morgen entgegen (2008) (https://www.nmz.de/artikel/beckmesser-200902)

3 In dem Wikipedia-Artikel „7. Sinfonie (Schostakowitsch)“ wird dies zusammenfassend ausgeführt. (https://de.wikipedia.org/wiki/7._Sinfonie_(Schostakowitsch)

Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.

Der Tod eines freundlichen Nazis und andere Entbehrungen

Kassel, Reichskriegerhauptstadt, Stadt Roland Freislers, Produktionsstandort des Kampfpanzer Tigers, des Flugzeuges Fieseler Storch (auf letzteres ist man in Kassel bis heute stolz) usw. war im 2. Weltkrieg mehrfach Angriffsziel britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Bei den Angriffen wurde die Stadt nachhaltig bombardiert, was die Volksgenossen jedoch nicht dazu brachte die Volksgemeinschaft aufzukündigen. „Die Akten der Verfolger lassen […] erkennen, daß Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“ (Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Band 2)

Die Angriffe auf Nazideutschland forderten zahlreiche Opfer unter den Bomberbesatzungen, darunter auch die Besatzung eines Kampfbombers, der in ein bei Kassel gelegenes Dorf abstürzte. Dieser Absturz war am 29.09.2017 Gegenstand der Berichterstattung der hiesigen Lokalpresse. Der Artikel in der HNA zeigt exemplarisch, wie sich Volksgemeinschaft und Postnazismus im Gefühlshaushalt der Volksgenossen darstellt.

Memorial Kanadischer Soldaten, die im 2. Weltkrieg ihr Leben ließen. Das im Kampf gegen Nazideutschland in Istha gefallene Besatzungsmitglied Lionel G. Chaston ist dort aufgelistet.

Beim Absturz des getroffenen Kampfbombers der Royal Air Force kamen alle vier Besatzungsmitglieder und drei Dorfbewohner ums Leben. Einer von den ums Leben gekommenen Dorfbewohnern war der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Über den Tod des stellvertretenden Bürgermeisters heißt es in der HNA: Es habe große Trauer geherrscht, „weil er wegen seines freundlichen Wesens sehr beliebt war.“ Die politischen Ämter in den Kommunen waren bekanntlich von 1933 – 1945 von Nazis besetzt. Aber wenn es doch ein freundlicher Nazi war, dann wird man ja seinen Führer auch noch lieben und wenn er ins Gras beißt, auch betrauern dürfen.

Nebulös berichtet der Dorfchronist R. Brüning in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes von „heute schwer nachvollziehbaren Konflikten“ im Dorf, die sich noch 1933, kurz nach dem die NSDAP in Deutschland bestimmende politische Kraft wurde, in Prügeleien entluden. Die NSDAP war im Wahlkreis Hessen Waldeck als auch in den Gemeinden Wolfhagen und Umgebung schon vor 1933 stärkste politische Kraft. Genauso wenig wie man näheres über die schwer nachvollziehbaren Konflikte erfährt, ist das was nach 1933 kam kein Thema in der historischen Darstellung. Erst über den Zeitpunkt, als sich amerikanische Truppen im Jahr 1945 dem Ort näherten, finden sich ein paar dürre Informationen. Es war „die günstige Verkehrsanbindungen“, die 1945 Probleme auch nach Istha brachten.

Die Bewohner des Dorfes sahen plötzlich das Wohl des Dorfes gefährdet, weil eine SS-Einheit den Kampf mit der US-Army aufnehmen wollte.  Eine Bewohnerin des Dorfes  weiß im Artikel der HNA zu berichten: „Der Krieg bedeutete viele Entbehrungen. ‚Wir sind mit kaltem Wasser aufgewachsen, und oft gab es nur trockenes Brot. Unsere Landwirtschaft hat uns am Leben gehalten’“ –  wenn das der Führer gewusst hätte! Eine andere Entbehrung der Volksgenossin war, dass sie nur eine Notkonfirmation feiern durfte. Schlimm dieser Krieg! Und hätten die Volksgenossen damals schon von Verkehrsberuhigung etwas gewusst, dann wären ihnen auch die Fährnisse des Einmarsches der Amerikaner erspart geblieben.

Während also junge Männer auch aus Kanada für die Royal Air Force im besten Alter ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gaben, warteten die Bewohner und ihr geliebtes Führungspersonal im Dorf bei Notkonfirmation, Wasser, Brot und landwirtschaftlichen Produkten ab, bis die amerikanischen Truppen kamen. Als es dann mit dem 1000-jährigen Reich auch in Istha vorbei war, empfand die zitierte Bewohnerin des Ortes die Ankunft der GIs als Befreiungsschlag. Antifaschismus in Deutschland ist – wenn es die Anderen machen. Ein anderer Dorfchronist wusste jedoch über weitere Probleme dieser Tage zu berichteten: „Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos.“

Woher kamen plötzlich diese zu Beginn dieser Glosse schon einmal erwähnten Ausländer? Dass sie für die Volksgemeinschaft an der Macht auf den Feldern der Volksgenossen (und in den Kasseler Fabriken) schufteten, damit diese mit den Produkten der Landwirtschaft wohlgenährt am Leben erhalten wurden, das ist jedenfalls weder Thema der Dorfchronisten noch der Berichterstattung über einen Absturz.

 

Es hat ordentlich gekracht

Den Panzer trafen die Granaten,
Es explodiert, wie schnell das geht.
Will so gerne leben, Kameraden,
Zum Rausklettern ist’s schon zu spät.

Daniil Granin hat dieses Lied der sowjetischen Panzerfahrer in seinem Buch „Mein Leutnant“1 aufgeschrieben. Es ist ein Traurigkeit ausdrückendes Lied der Soldaten, die gegen eine Armee kämpften mussten, die auszog um Europa mit einem Vernichtungsfeldzug zu überziehen, um den deutschen Volksgenossen „Lebensraum“ zu verschaffen, die „Slawen“ zu vertreiben, zu dezimieren und zu versklaven und die Juden auszurotten. Die sowjetischen Bauern, Angestellten und Arbeiter, die gerade die Schulbank verlassenden jungen Männer und Frauen, die in die Panzer gesetzt wurden, wurden nicht lange gefragt. Sie mussten, ob sie wollten oder nicht, sich der deutschen Vernichtungswut entgegen stellen, während die deutsche Arbeiterklasse ihren selbst angedichteten revolutionären Auftrag endgültig an den Nagel hängte, sich wegduckte, der Volksgemeinschaft eingliederte und überall in Europa einmarschierte und auf Menschenjagd ging.

Alexander Gauland ist ob seines Ausspruchs, die Deutschen dürften stolz auf „die Leistungen deutscher Soldaten“2 im Ersten und Zweiten Weltkrieg sein, viel gescholten worden – völlig zurecht. Die Schelte wurde in der Gesellschaft fast einhellig formuliert. Ist es daher so, dass seine Positionen wirklich randständig sind? Was unterscheidet seine Äußerung von dem Bedürfnis eines Gerhard Schröders, das Bild seines Vaters, als Wehrmachtssoldat in voller Montur auf dem Schreibtisch zu positionieren, oder von der, vielfach über die Kreise der AfD hinaus, geäußerten Empörung, als es darum ging, ein Bildnis des Wehrmachtoffiziers Helmut Schmidt aus einer Kaserne zu entfernen, oder auch von der launigen Ehrfurcht eines Journalisten der Zeitung „Die Welt“, die dieser angesichts deutscher Ingenieurskunst ausdrückte und vom verpassten deutschen Sieg im Luftkrieg schwadronierte.3

Es hat gekracht

Die hiesige Lokalzeitung, die HNA, preist in regelmäßigen Abständen die deutsche Waffen-Ingenieurskunst nebst ihren Benutzern. Das betrifft den Fieseler Storch, ein Torpedoboot, ein U-Boot, den tapferen Landser, der mit der „Hitlersäge“ die in der Normandie anlandenden GIs umlegte und auch den u.a. in Kassel produzierten Tiger. Selbst über eine Atombombe, die dann aber doch nicht gebaut wurde, machte man sich so seine Gedanken.4 Es drückt sich hier nicht nur eine empathielose Begeisterung für die Technik aus, sondern hier kommt sehr verklausuliert das zu Ausdruck, was Gauland in tumber Einfältigkeit ungefiltert raushaut: Der Führer hat’s trotz unserer enormen Leistungen vermasselt, stolz sind wir auf unsere Leistungen.

Das jüngste Beispiel ist die Flug- und Panzerabwehrkanone 8,8. In heimischen Gefilden sei sie eingeschossen worden, haben hiesige Heimatforscher herausgefunden. Es habe ordentlich gekracht schildern sie ehrfürchtig und ein Leiter eines Museums sekundiert den eifrigen Heimattümlern, dass ihr Fundstück einzigartig sei. Die 8,8 war eine effektive Waffe. Sie hinderte effektiv die Rote Armee und die Westalliierten daran, gegen die Deutsche Wehrmacht vorzurücken und bereitete diesen dabei große Verluste. Jeder abgeschossene Panzer verzögerte den Vormarsch der Alliierten und trug dazu bei, dass die in den deutschen Lagern einsitzenden Versklavten und dem Tode Geweihten dem Terror noch länger ausgesetzt waren, ihre Überlebenschancen mit jedem Tag, den sie ausharren mussten dahinschwanden und dass ihre Hoffnungen, die Befreiung zu erleben, so wie ihre Kräfte dahin schwanden. Und jeder abgeschossene Panzer bedeutet für die gegen die Nazifaschisten kämpfenden Menschen, dass ihr Leben ein grausames Ende fand, ein Leben dass sie gerne in einer befreiten Welt weiter geführt hätten.

1 Daniil Granin, Mein Leutnant, Roman, Berlin 2015,S. 79

2 Stellvertretend sei die Zeitung Die Welt genannt: 16.09.2017, Gauland verteidigt seine Aussage über die Wehrmachtssoldaten, (https://www.welt.de/politik/deutschland/article168696834/Gauland-verteidigt-seine-Aussage-ueber-Wehrmachtssoldaten.html)

4 Einen Überblick gibt es hier: Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Die HNA hat vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel in den letzten Monaten das eine oder andere verdiente Lob erhalten. Es ist ein paar Journalisten, insbesondere Tibor Pésza zu verdanken, dass in Bezug auf Israel sich dort eine, vom übergroßen Rest des deutschen Blätterwaldes wohltuend zu unterscheidende Berichterstattung durchgesetzt hat. Dieses mal hat das Blatt jedoch mal wieder einen Bock geschossen.

Nach der unsäglich heimattümelnden Propaganda für ein einschlägig genutztes Kriegsflugzeug (z.B. HNA, 24.05.2013), der Fahrt mit dem Tiger durch die Ukraine (HNA, 28.07.2014), dem im Stil eines Landserheftes verfassten Bericht über einen Wehrmachtsoldaten an der Normandie (HNA, 06.06.2014) und der Schelte des Ilja Ehrenburg (HNA 10.05.2010), wird nun einem U-Boot-Kommandanten und seiner Besatzung eine ganze Seite gewidmet.

„Seeromantik“ und Nazikapitänsfressen

Der deutsche U-Bootkrieg sollte England und die Sowjetunion vom überlebenswichtigen Nachschub aus den USA abschneiden. 1.) England war die letzte verbliebene demokratische Nation, die sich seit Churchills Amtsantritt, Deutschland entgegenstellte, die Sowjetunion wurde ab 1941 mit dem mächtigsten Teil der deutschen Kriegsmaschinerie konfrontiert und mit einem in der Geschichte beispiellosen Vernichtungskrieg überzogen. Die USA lieferten den beiden letzten verbliebenen gegen Nazideutschland kämpfenden Nationen Waffen, Munition und Lebensmittel. Die Lieferungen wurden über den Atlantik mit dem Schiff abgewickelt. Kurzum, die sogenannte U-Boot-Waffe sollte dazu beitragen, die letzten Bollwerke gegen den deutschen Nazifaschismus niederzuringen. Die U-Boote samt Mannschaften waren also wichtiger Bestandteil des deutschen Vernichtungs- und Eroberungskrieges.

In der Heimat waren die U-Boot-Mannschaften eine Zeitlang sehr populär. Ähnlich wie heute Fußballstars, gab es damals beliebte Sammelbildchen von Mannschaft, Kapitän und Waffe. Die HNA schreibt, dass der aus Kassel stammende Kommandant Claus von Trotha Kontakt mit der Stadt aufnahm und fragte, ob die Stadt nicht eine Patenschaft für das U-Boot übernehmen wollte. Das sei damals „nicht unüblich gewesen und sollte den Soldaten signalisieren, dass die Bevölkerung hinter ihnen stand. […] Die Stadt vermittelte Brieffreundschaften zwischen jungen Soldaten und Mädchen“ und Weihnachtsgeschenke gab es auch. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass das Volk gemeinschaftlich mit seinen U-Boot-Mannen in den Tod ging. Kurz bevor das U-Boot mitsamt Mannschaft versenkt wurde, wurde Kassel bombardiert 2.) und wie Trothas Vater fanden auch viele andere der Volksgenossen damals den Tod. Anstatt nun den Stolz auf die Krieger mit der Illustration heroischer Bilder von Kapitän, Smutje und Schiff hervorzukehren, hätte hier eine kritische Würdigung der sogenannten Volksgemeinschaft einsetzten können. Anstatt dessen werden die Maße und technischen Daten des Bootes bekannt gegeben und die Anzahl der ums Leben gekommenen U-Boot-Besatzungen genannt.

Bei der Verschiffung des Nachschubs für Großbritannien und die Sowjetunion über den Atlantik kamen über 60.000 alliierte Seeleute ums Leben. Sie gaben ihr Leben, damit der deutsche Nazifaschismus niedergerungen werden konnte. Die deutschen U-Boot-Leute kämpften bis 1945 dafür, dass die „Judenfrage“ einer „Endlösung“ zugeführt werden konnte, also in Auschwitz die Schornsteine qualmen konnten und im Osten die Bewohnern für deutschen Lebensraum vertrieben und ausgerottet wurden. Nebenbei sei angemerkt, 1917 und 1918 spielten deutsche Matrosen eine ganz andere Rolle und bewiesen damit, dass es kein Naturgesetz ist, auch im Krieg Befehlen Folge zu leisten.

Eine kleine Randnotiz: Auf der gleichen Seite der Zeitung findet sich eine Einladung des Friedensforums zum Gedenken. Bei dieser Veranstaltung sollte freilich nicht den zu Tode gekommenen U-Boot-Leuten, sondern den „Opfern“ eines „Terrorangriffs“ (ARTE, 08.08.2017) in Japan gedacht werden. (Zu diesem Kasseler Unrat mehr unter dem Tag: Hiroshima)

1.) Einen Überblick mit weiterführenden Literaturhinweisen zur „Atlantikschlacht“ findet sich bei Wikipedia.

2.) Mehr zu diesem Evergreen hier: Bomben auf Kassel

Eindrücke einer Reise nach Triest und Istrien

Mehrfach habe ich das Gebiet Istrien bereist. Außer schönes Wetter, beschauliche Städtchen, leckeres Essen und ein badefreundliches Meer ist an dieser Region jedoch auch die Geschichte bemerkenswert.

In Jugoslawien fand 1941 nach dem Überfall Deutschlands auf das Land ein spontaner und bewaffneter Aufstand gegen die nazifaschistische deutsche Besatzungsmacht statt. Den überwiegend von Kommunisten angeführten jugoslawischen Partisanen gelang es in der Folge – freilich zu einem entsetzlich hohen Preis – über längere Zeiträume größere Gebiete der italienischen und deutschen Besatzungsmacht zu entreißen und zu kontrollieren und zuletzt auch die deutsche Besatzungsmacht zu vertreiben. Dieser Vorgang war einmalig in Europa. Diese Geschichte dieses Landes – auch die jüngere, die man nicht verstehen kann, ohne den Blick auf die Vergangenheit zu richten, beschäftigt mich seit Jahrzehnten. Die Gedanken, die ich mir bei den Reisen in dieses Land mache, kreisen um dieses historische Phänomen, aber auch darum, warum dieses Land immer wieder bei mir selbst als Projektionsfläche unerfüllter politischer Ideale  dient.

Anbei daher eine subjektiv gehaltene Reflexion über eine Reise in ein Gebiet, welches viele nur als Urlaubsgebiet und vielleicht noch als Gegend der Trüffel kennen. Sie beginnt in Triest, das mit der Bahn von Deutschland aus ganz gut zu erreichen ist und führt dann weiter nach Istrien, heute aufgeteilt in Slowenien und Kroatien.

Triest ist eine sehr beeindruckende italienische Hafenstadt an der Grenze zu Slowenien. Eher untypisch für italienische Städte ist die Innenstadt. Sie ist stark vom imperialen Zuckerbäckerstil aus der Zeit Österreichs-Ungarns geprägt – man könnte, betrachtet man die Zeit nach 1914 bis in die Gegenwart sich fast dazu hinreißen lassen zu sagen, aus einer Zeit, in der die Welt noch in Ordnung war.

Piazza Della Borsa

Piazza Della Borsa in Triest

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Der repräsentativ, zentral gelegene und sehr großzügig angelegte Platz „Piazza Unita D’Italia“ von der Mole aus gesehen. Schöner als der Platz einer anderen Einheit in Kassel ist er allemal.

Triest war neben Pula und Rijeka eine wichtige Hafenstadt der KuK-Monarchie Österreich-Ungarns. In diesem Gebiet lebten und leben Italiener, Slowenen, Kroaten und Österreicher. Nach dem Ende der österreichisch-ungarischen Monarchie fiel Triest an Italien, im zweiten Weltkrieg gehörte es zeitweilig zur sogenannten Operationszone Adriatisches Küstenland, wodurch das Gebiet nach dem Sturz Mussolinis direkt dem deutschen Reichsgebiet zugeschlagen und dem Kommando der SS unter Friedrich Rainer und Odilo Globocnik unterstellt wurde. Nachdem die jugoslawischen Truppen von Süden und englische Truppen von Westen kommend, sowie jugoslawische und italienische Partisanen die letzten Nazitruppen Ende April und Mai 1945 aus Norditalien und Istrien vertrieben hatten, besetzten jugoslawische Truppen zunächst Triest. Dann wurde einige Tage später Triest alliierter Herrschaft unterstellt und zu einem „freien Territorium“ erklärt um dann schließlich 1954 Italien zugeordnet zu werden.

Spuren und Zeichen der Erinnerung in Triest

Italien stand im 1. Weltkrieg auf der Seite der Alliierten. Blutige Kämpfe fanden am Isonzo, der ca. 100 km westlich von Triest in das Mittelmeer fließt, statt. Erst durch die massive Verstärkung durch englische und amerikanische Truppen gelang es in Italien, die Truppen der Achsenmächte zurückzudrängen. Bis heute wird an dieses blutige Schlachten auch in Triest mit zahlreichen Denkmälern uns Skulpturen erinnert.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Eine Skulptur in Triest, die den italienischen Soldaten im 1. Weltkrieg gewidmet ist.

Man  findet auf den Spaziergängen in der Stadt viele in Stein gemeißelte oder in Bronze gegossene Zeugnisse des italienischen Nationalismus vor. Die Stadt wird durch den zentral gelegenen Hügel San Guisto geprägt. Oben auf dem Hügel steht das Kriegerdenkmal für die im ersten Weltkrieg gefallenen italienischen Soldaten.

Von faschistischer Ästhetik geprägtes Kriegerdenkmal in Triest

Das von faschistischer Ästhetik geprägte Kriegerdenkmal in Triest

Läuft man durch den am westlichen Hang gelegenen Park findet man unzählige Erinnerungssteine gefallener italienischer Soldaten. Gefallen in Afrika, in Italien und im Mittelmeer, aber auch in Spanien und in Palästina. Mitten drin, die Erinnerungsstätten an die antifaschistischen Kämpfer Italiens. Unten in der Stadt werden auf Erinnerungstafeln diejenigen geehrt, die nach 1945 für den Anschluss Triest an Italien demonstrierten und bei Zwischenfällen mit Sicherheitskräften ums Leben kamen.

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Am Hügel San Guisto wird an Alle erinnert. An die, die in allen möglichen Ländern für Faschismus und das italienische Vaterland ums Leben kamen, als auch an die, die gegen Faschismus und deutsche Besatzung kämpften.

Unter Mussolini versuchten die italienischen Faschisten die im Küstenland um und in Triest und nun in Italien lebenden Slowenen zu italienisieren. Die slowenische Sprache war verboten, renitente slowenische Nationalisten wurden verhaftet und / oder ausgewiesen. In Triest kam es 1920 zu einem Pogrom. Der Narodni-Dom, das Kulturzentrum der Slowenen in Triest wurde von einem faschistischen Mob angezündet. Gegen die slowenische Untergrundbewegung, die gegen die faschistische Politik kämpfte, wurde mit Härte vorgegangen. Nach dem Überfall auf Jugoslawien durch deutsche und italienische Truppen 1941, wurde diese Politik auf das nun von italienische Truppen besetzte slowenische Gebiet Jugoslawiens ausgeweitet. (Die italienische Besatzungspolitik war rassistisch und brutal, wurde aber von der deutschen, mit der der serbische Teil Jugoslawiens überzogen wurde, bei weitem in den Schatten gestellt. Der Terror des kroatischen Ustaschastaates stand der deutschen Herrschaft im serbischen Teil wiederum in nichts nach.)

Auch unter Mussolini setzte sich in Italien in den dreißiger Jahren eine immer stärker antisemitisch ausgeprägte Politik durch, die  noch vor dem Sturz Mussolinis 1943 in Triest zu einem Pogrom nun gegen die jüdische Bevölkerung führte. Die große Triester Synagoge wurde dabei geplündert.

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Die Synagoge von Triest. Sie ist eine der größten im Mittelmeerraum. 1943 wurde sie von faschistischen Italienern geplündert. Ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung wurde nach dem Sturz Mussolinis von den Deutschen deportiert und umgebracht.

Doch erst die deutsche Politik setzte den eliminatorischen Antisemitismus um. Ein Großteil der bis dahin noch nicht geflüchteten, untergetauchten oder von Italienern oder Jugoslawen versteckten jüdischen Bevölkerung Triests und Istriens wurde nach Auschwitz deportiert. Nur wenige kamen zurück.

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Auch in Triest plünderten die deutschen Mordkommandos die Juden vor ihrer Ermordung aus. Ein paar zurückerlangte Habseligkeiten der Opfer sind im Museum Rissiera Di San Sabba ausgestellt

Nach dem Sieg der jugoslawischen Partisanen kam es in Slowenien zu blutigen Racheaktionen. Mit Resten der deutschen Wehrmacht versuchten Kollaborateure aus Slowenien und Kroatien Mitte Mai 1945 in das kürzlich von englischen Truppen besetzte Österreich  zu fliehen, dort wurden sie aber zurückgewiesen und viele von ihnen wurden dann von jugoslawischen Truppen und Verbänden direkt an die Wand gestellt. Mehrere Tausend tatsächliche und vermeintliche Kollaborateure wurden so umgebracht. Auch bei Triest kam es zu solchen extralegalen Hinrichtungen. Diese Morde wurden und werden von Geschichtsrevisionisten aller Couleur zu Delegitimierung des von jugoslawischen Kommunisten angeführten Aufstandes und Volkskrieges gegen die deutsche Nazibesatzung instrumentalisiert oder mit dem Terror des Naziregimes auf eine Stufe gestellt.

Fährt man durch das italienische Hinterland von Triest, so sieht man überall, sowie auch in Istrien zweisprachige Orts- und Straßenschilder. Das ist insofern bemerkenswert, als dass der Versuch in Kärnten eine ähnliche Praxis umzusetzen von rechten und rechtsextremen Österreichern auf das schärfste bekämpft wurde. In Triest ist das Slowenische weniger präsent, der niedergebrannte Narodni-Dom wurde aber wieder aufgebaut, es gibt ihn heute wieder und wird von der slowenischen Bevölkerung Triests und Umgebung als Kulturzentrum genutzt.

Jugoslawische Erinnerungs- und Gedenkpolitik

Ob den jugoslawischen Juden in Istrien gedacht wird und wurde ist mir nicht bekannt. Im Gegensatz zur Situation in den sozialistischen Ländern, ist der Massenmord an den Juden in Jugoslawien jedoch nicht verschwiegen worden. Es gibt in Belgrad ein Mahnmal, das sich explizit dem Holocaust widmet und seit 1948 auch ein jüdisches Museum.

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Das Mahnmal in Belgrad, das den ermordeten jugoslawischen Juden gewidmet ist.

Aus Istrien wurden nach 1945 viele Italiener vertrieben, die,  die jedoch bereit waren, die jugoslawische Staatsbürgerschaft anzunehmen, konnten in ihrer Heimat bleiben. Das auch Italiener sich den Partisanen und dem Widerstand anschlossen, ist in Jugoslawien nicht verschwiegen worden. Einige Erinnerungsstätten für den Kampf gegen den Nazifaschismus sind in Istrien auch in italienisch verfasst.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Ein Denkmal für den Kampf der Partisanen in Novigrad. Die Inschrift ist italienisch.

Auch wenn die Erinnerung an Tito bei vielen Zeitgenossen verblasst. In Istrien findet man nach wie vor viele Erinnerungsstätten an die im Partisanenkampf Gefallenen und von den Deutschen Ermordeten und Deportierten.

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Auch wenn in Istrien zahlreiche Plätze und Strassen nach Tito benannt sind, die Erinnerung an ihn scheint zu verblassen

Anders als in anderen kroatischen Gebieten sind diese dort in den neunzigern und 2000er Jahren stehen geblieben, oder wurden wieder aufgerichtet.

Eine Büste für eine Partisanin in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neuzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

Eine Büste für die Partisanin Olga Ban in Pazin / Istrien. Einige der Büsten wurden in den Neunzigern oder 2000ern zerstört. Sie sind wieder aufgerichtet worden.

In Pazin beispielsweise wurden die in den 2000er Jahren z.T. zerstörten Büsten der „Volkshelden“ des antifaschistischen Befreiungskrieges wieder hergerichtet.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Pazin / Istrien: Tod dem Faschismus, Freiheit für das Volk, eine Parole, die in Kroatien nicht auf einhellige Zustimmung stößt.

In Novigrad erinnert ein Büste an die von den Deutschen ermordete Partisanin Irma Bencic.

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste der Partisanin Irma Bencic

Die in Novigrad wieder aufgestellte Erinnerungsbüste für die Partisanin Irma Bencic

Viele der Mahnmale sind in den Achtzigern errichtet worden, es gibt aber auch ältere oft schlicht gehaltene Denkmäler und Erinnerungsstätten. In Porec hingegen grüßt pathetisch vor dem Eingang zur Altstadt der Genosse Joakim Rakovac. Porec, bevorzugtes Reisegebiet vieler Urlauber aus Deutschland und Österreich ist auch Bischofssitz, vielleicht ist das kriegerische Denkmals dort doch nicht ganz fehl am Platze. Die katholische Kirche in Kroatien hat sich in der deutschen Besatzungszeit nicht mit Ruhm bekleckert und ist von der jugoslawischen Regierung 1948 völlig zurecht enteignet worden.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovic in Porec ist seltener anzutreffen.

Dieser pathetische Stil des Denkmals für den Partisanenführer Akim Rakovac in Porec ist seltener anzutreffen.

Etwas nördlich von Porec, an idyllischer und ruhiger Stelle direkt am Meer gelegen, liegt das ehemalige Kloster Dajla. Es wurde in Jugoslawien als Altenheim und Sanatorium genutzt. Nach Rückübertragung an die katholische Kirche und Rechtsstreit steht es seit Jahren leer und verfällt. Es gibt mehrere Beispiel für ehemals sozial sinnvoll genutzte Gebäude an prominenter Stelle, die heute nicht nur ungeklärter Besitzverhältnisse wegen, dem Verfall preisgegeben sind.

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die direkt am Meer gelegene Ruine Dajla

Die meisten Mahnmale und Erinnerungsstätten sind zurückhaltend und das Leid des Befreiungskrieges angemessen ausdrückend gestaltet. Auch die Rolle der Frauen ist nicht zu übersehen.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft. Das Leiden steht im Vordergrund.

Im Vergleich zum italienischen Kriegerdenkmal wird hier im istrischen Städtchen Buje der Tod im Kampf gegen Nazideutschland weniger heldenhaft dargestellt. Das Leiden steht im Vordergrund.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar trägt die Frau ebenfalls eine Waffe und sucht nicht nur Schutz hinter dem tapferen männlichen Kämpfer.

Das Denkmal für die Partisanen in Buzet / Istrien. Unverkennbar sucht die Frau nicht den Schutz hinter dem tapfer kämpfenden Mann, sondern trägt selbst in kämpferischer Weise eine Waffe.

Im glichen Städchenauf der gegenüberliegenden Seite ist ebenfalls ein Monument jüngeren Datums errichtet. Dort ist

Im gleichen Städtchen auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Rollenverteilung auf dem gleichwohl sehr eindrucksvollen Monument jüngeren Datums anders. Die endlose Zahl der Opfer dieses kleinen Orts, die auf der Mauer dieses Memorials aufgeführt werden, sagt viel über das Ausmaß des Leidens der Menschen unter deutscher Besatzung aus.

Erinnerung an die deutsche Vernichtungspolitik in Triest

Unter deutscher Herrschaft spielte das Sammel- und Durchgangslager Risiera Di San Sabba ein wichtige Rolle. In der am Rande Triests gelegenen ehemaligen Fabrik wurden unter der Regie der SS mehrere tausend Juden, Slowenen und italienische Widerstandskämpfer und Gefangene ermordet. Hier ist ein beeindruckende Erinnerungsstätte errichtet worden, die 1965 vom italienischen Präsidenten der Republik zum Nationalmonument erklärt wurde.

Deutsche Fachmänner errichteten in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Deutsche Fachmänner für Mord und Totschlag errichteten und betrieben in der Risiera Di San Sabba ein Krematorium, um die von ihnen Ermordeten zu verbrennen. An den Rauch des Krematoriums erinnert heute eine Stele.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Eine Zelle in der Risiera. In einer solchen Zelle wurden bis zu 15 Menschen inhaftiert. Eine vertrocknete Blume zeigt, dass regelmäßig an sie erinnert wird.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Von Triest wurden viele Juden nach Auschwitz deportiert. Den Bezug stellt die in der Risiera aufgestellte Skulptur des Künstlers Marcello Mascherini her.

Ausführlich zur politischen Geschichte dieser Region:

  • Rolf Wörsdörfer, Krisenherd Adria 1915 – 1955, Konstruktion und Artikulation des Nationalen im italienisch-jugoslawischen Grenzraum, Paderborn 2014
  • Kärnten|Slowenien|Triest, Umkämpfte Erinnerungen. (Hg.) Tanja v. Fransecky u.a., Bremen 2010
  • Jozo Tomasevich, War and Revolution in Yugoslavia, 1941 – 1945. Occupation and Collaboration, Stanford 2001
  • Marie-Janine Calic, Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010
  • Die Internetseite „Gedenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa“ widmet sich der Gedenkstätte  Risiera di San Sabba.

 

Über den 22. Juni und die Erinnerung

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Das Bild zeigt Moskauer Bürger, wie sie am 22. Juni 1941 der Ankündigung des sowjetischen Rundfunksender über den deutschen Angriff zuhören. Der Fotograph dieses Bildes, Jewgeni Chaldej, notierte in seinem Tagebuch: „Wir begriffen, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.“

Jewgeni Chaldej  war Sohn einer jüdischen Familie aus der Ukraine. Seine Mutter wurde 1918 während eines Pogroms ermordet, er selbst schwer verletzt. 1941 oder 1942 wurden sein Vater und drei seiner Schwestern von den Deutschen ermordet. Chaldej war von 1941 bis 1945 offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee. Von Chaldej stammt das berühmte Bild der Rotarmisten auf dem Reichstag, die die sowjetische Fahne hissten. 1948 wird Chaldej aufgrund seiner jüdischen Herkunft bei der TASS entlassen.

Spuren im Sand

Spuren im Sand

„Deine Spuren im Sand“ heißt ein Schlager. Wie so oft, verbirgt sich in harmlos und unschuldig daherkommenden Metaphern deutscher Schlager das Grauen und verdeutlichen damit den Stellenwert der Erinnerung an das deutsche Morden mehr als alle Erinnerungsstätten in Deutschland.

„Die Menschen … betraten die schnurgerade, von Blumen und Tannen gesäumte Allee, …, die zur Mordstätte führte. … Der Weg war mit weißem Sand bestreut, und die da mit erhobenen Händen vorwärts gingen, erblickten in diesem Boden die frischen Abdrücke nackter Füße: kleine von Frauen, winzige von Kindern und schwere Abdrücke von den Alten. Diese flüchtigen Spuren im Sand waren alles, was von den Tausenden übriggeblieben war, die erst vor kurzem genauso über diese Straße gezogen waren, wie es jetzt die nach ihnen gekommenen viertausend Menschen taten und wie, wiederum zwei Stunden später, es noch Tausende tun würden, … Die Menschen gingen, wie andere gestern oder vor zehn Tagen gegangen waren und morgen oder in 50 Tagen gehen würden – so wie alle, die diese ganzen 13 Monate lang dahinzogen, in denen die Hölle von Treblinka existierte.“

Das schrieb der Journalist der Roten Armee Wassili Grossman in seinem Bericht „Treblinka“, der zusammen mit Konstantin Simonows Bericht über das Vernichtungslager Majdanek in einem Bändchen auch in deutscher Sprache 1945 publiziert wurde. Grossmans Text sollte auch im Buch „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetische Juden“ publiziert werden. Das Schwarzbuch war eine Sammlung von Dokumenten über den Mord der Deutschen an den sowjetischen Juden, das von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegeben werden sollte. Die Herausgabe dieses Buches war in der Sowjetunion nicht möglich. Erstmals gab es eine Ausgabe der russischen Fassung 1980 in Jerusalem. Das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAFK), dass diese Dokumentation veranlasste, wurde 1948 aufgelöst. Viele wichtige Mitstreiter des JAFK wurden während Stalins Herrschaft bis 1952 umgebracht.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion war die zwingende Folge der Naziideologie. In der Herrschaft der Bolschewiki sahen die Nazis eine Seite der Inkarnation der „jüdischen Weltherrschaft“*. Der Begriff „Jüdischer Bolschewismus“ war ein gebräuchliches Schlagwort in der Naziterminologie und wichtiger Bestandteil in der Ideologie des Nationalsozialismus. Schon nach dem Ersten Weltkrieg gehörte diese Propagandaformel zum Standardrepertoire der Nazis und extremen Rechten in Europa.

Dieser wesentliche Bestandteil der Naziideologie bestimmte daher auch das Vorgehen der deutschen Streitkräfte im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Die Begriffe Bolschewik, Jude und Partisan wurden gleichgesetzt. Gefangene Kommunisten (Kommissare) der Roten Armee und Juden (Zivilisten und Angehörige der Roten Armee)  wurden im deutschen Herrschaftsbereich von deutschen Sicherheitskräften gezielt ermordet. So wie der Antisemitismus zentraler Bestandteil der Naziideologie war, so war die Vernichtung der Juden eines der wichtigsten Ziele des deutschen Ostfeldzuges.**

Obwohl viele Sowjetbürger, unter ihnen auch viele Juden, den Kampf gegen die Nazibarbarei als antifaschistischen Kampf*** ansahen, setzte die stalinistische Führung auf die Mobilisierung vor allem des russischen Nationalismus und Patriotismus. Gleichwohl war in der sowjetischen Propaganda auf allen Ebenen permanent die Rede vom Kampf gegen den Faschismus. Der Begriff war Ausdruck der Dimitroffschen These vom Faschismus, der den Faschismus nur als besonders brutale Herrschaftsform des Kapitalismus erklärte. Angesicht der konkreten Barbarei, die von den deutschen Einheiten verübt wurde, war für viele Bürger der Kampf gegen die Sowjetunion keine Frage, doch es verbanden auch viele diesen Kampf nicht nur als einen für die Heimat, sondern auch einen explizit gegen den deutschen Nazifaschismus und mit einer Vorstellung von einer besseren Welt und Zukunft. Im Gegensatz zur Dimitroffschen These füllten sie somit den Begriff Antifaschismus mit konkreten Inhalten.

Dass der deutsche Krieg nicht nur für die Sowjetunion, sondern insbesondere für die Juden in ganz Europa eine existenzielle Bedrohung war, wurde in der offiziellen Diktion der Sowjetunion jedoch ignoriert. Für viele Juden war diese Bedrohung hingegen von Beginn an klar. Sie stellten sich wie viele Sowjetbürger dem deutschen Angriff entgegen. Das JAFK sammelte sogar im Ausland Geld und warb für den Kampf der Sowjetunion. Doch im Zuge der in der Sowjetunion nach 1945 initiierten antizionistischen und antisemitischen Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wurde die Erinnerung sowohl an den Massenmord an den Juden als auch an den Beitrag der Juden im Kampf gegen die Deutschen unterdrückt. ****

Auch in der, in Deutschland und anderen Ländern sich zunehmend durchsetzenden Interpretation des Krieges gegen die Sowjetunion, als ein Kampf zweier blutrünstiger Diktatoren oder zweier totalitärer Systeme, gerät die Interpretation des Kampfes gegen das Nazireich als ein antifaschistischer und die Bedeutung des Antisemitismus in der Naziideologie zunehmend in den Hintergrund. Diese Interpretation trägt dazu bei, dass zum einen der Antifaschismus vieler Rotarmisten und Partisanen in der Interpretation ihres Kampfes keine Rolle spielt, und dass z.B. Ukrainer und Balten als Opfer stalinistischer Repression und des deutschen Nazifaschismus gleichermaßen angesehen werden. Deren massenhafte Beteiligung am Kampf gegen Deutschland in der Roten Armee und in den Verbänden der Partisanen passt auch da nicht in das wohlfeile Geschichtsbild. Für den simplifizierenden Totalitarismus der mit einem unbestimmten Begriff von der Gewaltherrschaft hausieren geht, kann der Antifaschismus der vielen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus nur Ausdruck herrschender Sowjetideologie sein und wird folglich zunehmend diskreditiert. Völlig sinnentleert wird der Antifaschismus als treibendes Element aber auch im gängigen Gebrauch russischer Erinnerungspolitik.

Die Ignoranz des Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie und des deutschen Krieges im Osten im nach 1945 vorherrschenden Antifaschismus (zunächst in der DDR und in Deutschland nach 1989 in den diversen Bewegungen) trägt bis heute dazu bei, dass zum einen die ermordeten Juden als eine Opferkategorie unter vielen subsumiert werden und zum anderen, das Wesen der Naziideologie nicht zu begreifen. Der Ostfeldzug wird in diesem Zusammenhang als extremes Beispiel des Imperialismus begriffen, was wiederum das Unvermögen erklärt, die Kriegshandlungen der Alliierten (und vieler Partisanen) als praktischen und den einzig wirksamen Antifaschismus zu begreifen und eben nicht als Antiimperialismus (den man praktischer Weise von der Roten Armee dann alleine vertreten sieht – und somit die wichtige Rolle der Westalliierten im Kampf gegen Nazideutschland gleich mit erledigt).

* Die andere Seite sahen sie in der „kapitalistischen Plutokratie“ und „Herrschaft des Finanzkapitals“.
**  Es ging aber auch um die Eroberung von „Lebensraum“. Dazu sollten die Bewohner der Sowjetunion hinter den Ural vertrieben und durch Aushungern erheblich  dezimiert werden.
*** Diesem Kampf setzte Wassili Grossman mit seinem zweiteiligen Roman „Die Wende an der Wolga“ und „Leben und Schicksal“ ein beeindruckendes Denkmal. Der zweite Teil seines Romans konnte zu Lebzeiten Grossmans in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden.
**** In der Rote Armee kämpften neben vielen anderen auch viele Balten und Ukrainer. In der Instrumentalisierung der Erinnerung an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg im Dienste eines russischen Chauvinismus gerät dies zunehmend in Vergessenheit.

Jews in the Red Army

Das Blücherviertel – ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Die Debatte um Karl Branner – Ein Streit der Exorzisten

Im Gespräch der Stadt ist aktuell der Name Karl Branner. Nach Karl Branner ist eine Brücke benannt, die die Unterneustadt mit der Innenstadt Kassels verbindet. Ferner wurde nach Karl Branner auch ein Flügel im Rathaus benannt. Der Name Branners ist in Verruf geraten. Eine Forschungsgruppe hatte anlässlich des 1100-jährigen Jubiläums Kassels herausgefunden, dass das SPD-Mitglied und der ehemalige Oberbürgermeister Kassels Branner Mitglied der NSDAP und anderer Naziorganisationen war. Er verfasste eine Doktorarbeit. In dieser Arbeit kennzeichnete er jüdische Autoren mit einem Stern, obwohl er es nicht „musste“. Die Doktorarbeit befasste sich mit dem Thema der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Nationalsozialismus unter einer ausgeprägten völkischen Ausrichtung.

Branner ist schon lange tot, er wendete sich allem Anschein nach von der NSDAP bereits während des Krieges ab, engagierte sich in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft im dortigen antifaschistischen Ausschuss (was ihm freilich negativ ausgelegt wird), war wie viele Deutsche nach 1945 kein Nazi mehr und machte sich in verschiedenen Bereichen für die Stadt durchaus verdient. Auch heute steht die Partei, der er nach 1945 angehörte, auch wenn man vieles an ihr kritisieren kann und muss, nicht in dem Ruf, eine Nachfolgeorganisation der NSDAP zu sein – warum also die ganze Aufregung?

Während der Kreis um den Oberbürgermeister versucht, Branner als Demokraten zu retten, wollen die anderen, teils aus antifaschistischer Überzeugung, teils aus durchsichtigen wahltaktischen Gründen, ihn ganz aus dem Gedächtnis der Stadt streichen. Wie sie es jedoch anpacken, sie werden ihn nicht los, den Schatten der Geschichte – was vermutlich der Grund für die ganze Aufregung ist.

Was hier deutlich wird, ist der Versuch aller Beteiligten, die Geschichte des Nationalsozialismus von der Geschichte Kassels oder eben auch von der Geschichte der SPD abzuspalten. Was sind schon 12 Jahre nationalsozialistische Herrschaft vor dem Hintergrund einer über 1100-jährigen Stadtgeschichte, einer 200-jährigen Idee von der deutschen Nation, einer bald 70 Jahre währenden Geschichte einer stabilen demokratischen Gesellschaft in Deutschland? Was sind ein paar Jahre Verirrungen eines jungen Mannes, dessen politisches Engagement ihn zu einer Partei führte, die seit über 150 Jahren für soziale Demokratie steht? Kann die Erinnerung an längst verstorbene politische Akteure der Stadt Kassel, die auch Beteiligte des nationalsozialistischen Regimes waren, den Ruf der Stadt schaden oder gar die Demokratie gefährden, erst Recht vor dem Hintergrund, dass sich alle wichtigen Parteien und soziale Akteure unserer Gesellschaft heute einig sind, dass es den Nationalsozialismus zu verurteilen gilt, dass dessen Opfer erinnert werden, dass über Verantwortung und Schlussfolgerungen angesichts der absoluten Barbarei reflektiert wird?

Doch so sehr dies der Fall ist, so sehr ist bei all diesem Bestreben und bei all denen, die sich durch ein solches Engagement hervortun, der Versuch offensichtlich, den Namen Deutschlands, den deutschen Nationalismus, die Begriffe von der deutschen Nation und dem deutschen Volk von den 12 Jahren Nationalsozialismus durch die einhellige Verdammung desselben abzuspalten und heute durch das immerwährende Gedenken und dem Mantra „Verantwortung zu übernehmen“ eine vom Nationalsozialismus befreite Identität Deutschlands zu behaupten. Besonders tricky ist die neueste Masche, Auschwitz zum Teil der deutschen Identität zu erklären, nicht etwa in dem Sinne, dass behauptet wird, dass der in Auschwitz zu sich selbst gekommene Antisemitismus parteienübergreifend fest zu Deutschland gehört, sondern insofern, als dass die als vorbildlich erklärte Vergangenheitsbewältigung Auschwitz positiv in einen Erinnerungskult aufgehoben hat und daran sich Deutschland neu begründen ließe.

Doch wie sie es auch versuchen, die Vergangenheit werden sie nicht los. Anstatt durch Verdrängung, oder die Beschwörung eines anderen Deutschlands nun die Beschwörung der Vergangenheitsbewältigung um einen geläuterten Nationalismus zu begründen. Die intendierte Trennung oder gar die besonders perverse Aufhebung wird nicht funktionieren, was an drei anderen Straßennamen im Folgenden deutlich wird.

Der Vormärz: Franzosenhass, Aufklärungsfeindlichkeit und Antisemitismus

Der im Zeitalter der Napoleonischen Vorherrschaft hoch aufschäumende deutsche Nationalismus war nicht von den menschheitsbefreienden Ideen der Aufklärung, sondern von den Volkstumslehren romantischer Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn geprägt. Die Idee, die politische Zersplitterung zu überwinden und einen großen Einheitsstaat zu begründen, verband sich mit Doktrinen, die die Reinheit des germanischen Blutes postulierten, … und die traditionelle religiöse Judenfendschaft durch eine biologisch begründete … ersetzten. (Walter Grab)

Die Karl Branner-Brücke führt in die Unterneustadt. Ein Teil der Unterneustadt nennt sich Blücherviertel. Im Blücherviertel sind nicht nur die Blücherstraße zu finden, sondern auch eine Arndtstraße, eine Jahnstraße und eine Körnerstraße. Es erscheint als ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet eine Brücke mit dem Namen eines Nachkriegspolitikers, der während der NS-Zeit sich mit dem Regime identifizierte, wenn er nicht sogar ein Nazi war, in ein Viertel führt, in dem Straßen nach wichtigen Protagonisten benannt sind, die für die Begründung des deutschen Nationalismus stehen, der auf deutschtümelnden Franzosenhass, völkischer Ideologie und Antisemitismus, auf antiwestliche, antiaufklärerische und irrationale Orientierungen baut und eine Volksgemeinschaft konstruiert.

Ludwig Jahn, Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt (auch Blücher, der hier aber nicht weiter thematisiert werden soll) waren Akteure in den sogenannten Befreiungskriegen gegen die französische Herrschaft unter Napoleon. Napoleons Herrschaft war das Ergebnis der französischen Revolution, in der die Ziele der Aufklärung mit revolutionären und kriegerischen Mitteln gegen die beharrenden Kräfte des Absolutismus und Feudalismus durchgesetzt wurden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Schlagworte, die für eine neue Epoche der menschlichen Geschichte stehen und unter denen, für die demokratische Gesellschaft, so elementare Grundsätze wie Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit von der Religion und individuelle Freiheit durchgesetzt werden sollten.

Eine wesentliche Errungenschaft dieser Revolution war die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden. Wie ein roter Faden lässt sich seit dem frühen Mittelalter die Projektion alles Schlechten auf den jüdischen Teil der Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

In den Gebieten östlich des Rheines blieben die beharrenden Kräfte jedoch dominant. Aktionen deutscher Jakobiner blieben örtlich begrenzte und isolierte Phänomene, die schnell niedergeschlagen wurden. Erst mit der Besetzung und Unterwerfung der Gebiete östlich des Rheins durch Napoleons Truppen fanden die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution und eben auch die rechtliche Gleichstellung der Juden Einzug in die Gebiete, in denen später die deutsche Nation entstand. Gegen diese Kombination bürgerliche Errungenschaften, Aufklärung, rechtliche Gleichstellung der Juden und französische Besatzung formierte sich dann die deutsche Nationalbewegung. Teile von ihr formulierten durchaus antifeudale und reformorientierte Grundsätze, der maßgebliche Teil jedoch zeichnete sich dadurch aus, dass sie die Grundlagen einer völkisch-nationalistischen Ideologie formulierten und sich einer aggressiven antifranzösischen und antijüdischen Agitation befleißigten.

Vordenker dieser in der frühen deutschen Nationalbewegung dominanten Richtung waren u.a. der Turnwüterich (Karl Marx), besser bekannt als „Turnvater“ Jahn, und die auf den Straßenschildern der Unterneustadt als „Lyriker der Befreiungskriege“ und „Befreiungskämpfer“ titulierten Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt. Jahn und Arndt formulierten an vielen Stellen ihres Werkes und Wirkens einen extremen Judenhass. Körner ist ein völkisch und aggressiv nationalistischer Barde der Volksgemeinschaft. Alle befleißigten sich einer antifranzösischen Propaganda und fabulierten von einer Einheit eines deutschen Volkes.Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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T. Körner: „Freiheitskämpfer“ und „bedeutender Lyriker“

 

 

Ihr antisemitisches Gedankengut, ihre vom Judenhass geprägten Aussagen und germanophilen Konstrukte waren keine bedauerlichen Ausrutscher eines sonst zu verteidigenden Werkes oder Wirkens, sondern dessen integraler Bestandteil.

„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, wer legt noch die Hände feig in den Schoß?“ (Karl Theodor Körner)

 „Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“ (Ludwig Jahn)

 „Wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer flattert er [der Jude] umher, und lauert und hascht immer nach dem leichten und flüchtigen Gewinn, und hält ihn, …, mit blutigen und unbarmherzigen Klauen fest,“ (Ernst Moritz Arndt)

 „Auf, deutsches Volk, erwache! / Mir nach! Mir nach! Dort ist der Ruhm, / Ihr kämpft für euer Heiligtum. // … Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht / … Du sollst den Stahl ins Feindesherzen tauchen, / Frisch auf, mein Volk! / Auf deutsches Volk, zum Krieg! Wachse du Freiheit der deutschen Eichen, / Wachse empor über unsere Leichen!“ (Karl Theodor Körner)

Der vielfach im Netz zu findende Satz: „Noch sitzt ihr da oben ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott!“  stammt offensichtlich nicht von Körner und ist ihm als Zitat von Nazis untergeschoben worden. Er trifft nicht ganz den Inhalt des Denkens des Körner, verweist aber darauf, dass er als Identifikationsfigur nationalrevolutionärer Kreise und einiger Linker funktioniert.

Arndt, Jahn und Körner sind keine Einzelfälle. Sie hatten viele Wegbegleiter wie Clemens Brentano, Johann Gottlieb Fichte, Karl Hoffmann u.a., die in ihren schriftstellerischen Kreisen den Ausschluss von Juden dekretierten und die die ideologischen Stichworte für die politische Ausrichtung der völkisch, nationalistisch und antisemitisch orientierten Burschenschaften lieferten, die gemeinhin als Nukleus deutschen Nationalbewusstseins gelten.

Vom Vormärz zum Nationalsozialismus

Man kann diese Figuren mit Fug und Recht als Begründer der spezifisch antiaufklärerischen, antisemitischen und antiwestlich konnotierten Begriffe von der deutschen Nation und vom deutschen Volk definieren. Sie begründeten eine Tradition, die schon 1817 zu den ersten Bücherverbrennungen auf dem Wartburgfest führte, die in den später folgenden antisemitischen Hep-Hep-Unruhen einen weiteren Ausdruck fand und die sich in der Welle des politischen Antisemitismus Deutschlands zum Ende des 19 Jahrhunderts manifestierte. Besonderes viele Anhänger fand der antisemitische Wahn auch in Nord- und Mittelhessen. Dieses ideologische Konglomerat fand seine Fortsetzung in der durchweg antisemitisch aufgeladenen Propaganda und Aktion der Feinde der demokratisch / proletarischen Revolution 1918 und war ideologische Grundlage vor allem der rechten und rechtsextremen Feinde der Weimarer Republik.

Die dichotomische Idee vom (deutschen) Volk und seinem Antipoden dem Juden fand jedoch auch einen Widerhall in der antikapitalistischen Agitation der KPD und anderer linker Gruppen. Der populäre Antikapitalismus nicht nur der Kommunisten stellte sich den zu kritisierenden Gegenstand häufig als personalisierenden Gegensatz von Ausbeutern und Proletariat dar. Nicht selten wurden die Ausgebeuteten mit dem (deutschen) Volk identifiziert und vermeintliche jüdische Attribute den Kapitalisten zugeordnet. Auch die KPD zeichnete sich in der Weimarer Republik dadurch aus, dass sie neben der Rechten gegen den Versailler Friedensvertrag polemisierte und von einer Fremdbestimmung der deutschen Nation durch imperialistische Mächte sprach. Der Ersetzung des Internationalismus und die Ergänzung der Orientierung auf den Klassenkampf durch die Propagierung einer nationalen Befreiung konnten ebenfalls auf den Begriff von der deutschen Nation Körners, Arndts und Jahns zurückgreifen. Nicht zufällig versuchte auch die DDR dann, Arndt, Jahn und Körner für eine in ihrem Sine positiv besetzte deutsche Nationalgeschichte zu reklamieren.

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In der DDR positiv besetzt: Deutsche Patrioten

Kurzum der Nationalsozialismus ist nicht völlig überraschend und beziehungslos in Deutschland aufgetaucht und zur Macht gekommen, auch ist er nicht durch eine Verschwörung besonders gieriger und aggressiver Kapitalisten an die Macht gebracht worden, er hat auch nicht das deutsche Volk verführt, betrogen oder unterworfen um dann in dessen Namen die Barbarei in die Welt hinauszutragen, sondern der Nationalsozialismus stellte die zwar radikale aber doch konsequente Zuspitzung völkischer, nationaler und antisemitischer Ideologie und politischer Tradition dar, die von Arndt, Jahn und Körner (und einigen anderen) im sogenannten Vormärz begründet wurden.

Der spezifisch deutsche Nationalismus und die Idee vom deutschen Volk als eine konsistente Ideologie der deutschen Nation interpretiert, fand einen zunehmend breiten Widerhall in der deutschen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund konnten sich die, diese Ideen propagierenden, Parteien als hegemonialer Machtfaktor in der Weimarer Republik etablieren und somit, ohne auf (massen-)wirksamen Widerstand zu stoßen, der Machtübernahme der NSDAP und Hitler den Weg bahnen.

Das Fortwirken des spezifisch deutschen Nationalismus

Die Ideen der Aufklärung, des Weltbürgertums sowie die an Demokratie und Recht orientierte bürgerliche Tradition blieben dagegen in Deutschland immer randständig. Die Demokratie als staatliche Verfassung eines neu aufzubauenden Deutschlands wurde folglich 1945 in Deutschland auch nicht vom antifaschistischen Widerstand erkämpft, sondern musste von den Alliierten den Deutschen erst aufgezwungen werden. Deswegen fand auch die Geschichte des völkischen und antisemitisch aufgeladenen deutschen Nationalismus mit der Niederlage 1945 kein Ende. Bis heute lassen sich diese ideologischen Traditionslinien verfolgen.

Der die politische Kultur Deutschlands im 19. Jahrhundert bis 1945 prägende Hass auf Frankreich ist tatsächlich in den Jahren nach 1945 überwunden worden. Der Antisemitismus war nach 1945 nach wie vor virulent, wie einige Umfragen der US-amerikanischen Besatzungsbehörden herausfanden, er wurde jedoch nicht mehr oder kaum noch offen artikuliert und fristete lange ein Schattendasein in Kreisen der extremen Rechten und am Stammtisch. Erst nach dem Sieg der Israelis im Krieg gegen die arabischen Nachbarstaaten im Jahre 1967 kehrte er, in Form eines Antizionismus der Linken und einer „Israelkritik“ („man wird ja Israel noch kritisieren dürfen“) wieder. In dieser Form ist der Antisemitismus fester Bestandteil des Meines und der politischen Kultur in Deutschland.

Die Protagonisten der deutschen Nazigesellschaft, die Generation der ca. 1890 – 1923 Geborenen, die noch Jahrzehnte lang die Adenauer-Republik mit einer postnazistischen Ideologie (deutscher Antikommunismus, Verdrängung, Schuldabwehr, Opfermythos u.ä.) prägten, verloren 1968ff immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung und wurden schließlich durch den biologischen Altersprozess entsorgt.

Der Hass auf Frankreich, der in erster Linie einer gegen die Aufklärung und die Freiheit des Individuums war und der Hass auf die Juden stellen sich heute also in anderer Form dar. In der antiamerikanischen und antizionistischen Aufladung der Agitation vieler sozialer Bewegungen und linker Parteien, in ihren positiven Bezügen auf den Staat und das Volk (beiden lassen sich ohne Probleme das Attribut deutsch beifügen) und in einer Kapitalismuskritik die auf Personen abstellt, oder die bei einer Kritik am Finanzkapitalismus stehen bleibt, sowie in einer moralisierende Herrschaftskritik, ist diese Tradition ebenso wieder zu erkennen, wie in der unverhüllten und unvermittelten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Propaganda rechter und wutbürgerlicher Gruppen, die oft nur scheinbar im Gegensatz zu den erstgenannten stehen.

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In Berlin gegen TTIP: Ein Volk steht auf – der Sturm bricht los?

Die politische Mitte, die noch am ehesten dafür gesorgt hat, dass die deutsche Demokratie durch die Westbindung der Bundesrepublik zumindest partiell von der unheilvollen national-völkischen Tradition gelöst wurde, fällt immer wieder dadurch auf, dass versucht wird, den Begriff der deutschen Nation und die Idee vom deutschen Volk, von den ihnen untrennbar verbundenen Bestandteilen Antisemitismus, völkisches Denken und aggressiven Nationalismus dadurch zu trennen, indem dieser Zusammenhang schlicht geleugnet, verdrängt oder exorziert wird. Diese Strategie des Exorzismus deutscher Geschichtsbewältigung öffnet jedoch dem Gespenst des deutschen Nationalismus die Hintertür, um im politisch-gesellschaftlichen und kulturellem Mainstream sein Unwesen zu treiben. Auch ist die außenpolitische Anbindung Deutschlands an den Westen, sprich an die USA und Großbritannien keineswegs unumstritten. Sowohl in der SPD und bei den Grünen, als auch in Teilen der CDU gibt es immer wieder Kräfte, die auf einen von den USA unabhängigen außenpolitischen Kurs pochen, oder die EU explizit als Gegengewicht gegen die US-amerikanische Hegemonie geltend machen wollen.

Eine kritische Diskussion über den Namen Branner müsste unvermeidlich zu den Namen Arndt, Jahn und Körner führen, wobei die Brücke, die ja gerade in diese Richtung verweist, ein metaphorischer Wink mit dem Zaunpfahl ist – das ist jedoch nicht der Fall. Gerade der Versuch Branner zu retten wird deswegen nicht von Ewiggestrigen betrieben, sondern von politischen Akteuren, die sich zur Demokratie bekennen. Auch die zu erwartende Auskunft, Arndt, Jahn und Körner wären als Vorväter der heute demokratischen deutschen Nation und als Bestandteile deutschen Kulturgutes zu bewahren, ihr Antisemitismus, Franzosenhass und Deutschtümelei sei dagegen doch nur ein zeitgenössischer heute aber längst überwundener Teil ihres ansonsten wertvollen Oeuvres, sind Ausdruck dieses Exorzismus.

Warum eigentlich eine andere Namensgebung?

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel will nun mit Moses Hess, Saul Ascher, Rudolf Hallo und Israel Jacobsohn vier Vertreter des kosmopolitischen Denkens in Erinnerung rufen, die im weitesten Sinne der hier problematisierten Tradition entgegenstehen. Alle vier setzten sich für die Emanzipation der Juden ein, agitierten gegen Antisemitismus und Deutschtümelei und kämpften für die Teilhabe der Juden an der deutschen Gesellschaft.

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Deutsche Tradition: Bücherverbrennung

Saul Ascher

„Volkstum, Nationalität, Deutschheit sind die Fetzen, um welche sich täglich ein neuer Haufen Kampflustiger sammelt, und von deren Gladiatorenkünsten Regierung und Volk irre zu werden täglich in Gefahr stehen.“ (Saul Ascher)

Am deutlichsten ist dies bei dem heute weitgehend vergessenen Saul Ascher nachzuvollziehen, der mit seiner Schrift „Germanomanie“ explizit dem von Jahn, Arndt und anderen vertretenen deutsch-messianischen Sendungsbewusstsein und den damit verbundenen Judenhass entgegentrat. Nicht zufällig wurden Aschers Schriften dann von Jahns Jüngern auf dem Wartburgfest mit dem Spruch „Wehe über die Juden …!“ dem Feuer übergeben.

Israel Jacobsohn

Israel Jacobsohn war einen Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, der 1808 unter König Jérome Präsident des israelitischen Konsistoriums mit Sitz in Kassel war. Jacobsohn begrüßte ausdrücklich die Schritte Napoleons, die Gleichberechtigung der Juden auch in den von Frankreich beherrschten Gebieten umzusetzen. Gegenüber König Jérome äußerte er in einer Festrede anlässlich seiner ihm verliehenen Bürgerrechte seinen Dank, dass er „seinen Unterthanen jüdischer Nation unbeschränktes Bürgerecht ertheilt“ hat. Die französische Herrschaft kannte Jacobsohn daher auch uneingeschränkt an. Nach dem Sturz der französischen „Fremdherrschaft“ kämpfte Jacobsohn unermüdlich gegen die Schritte der Restauration, insbesondere auch gegen die Bestrebungen der hessischen Kurfürsten, die Errungenschaften der jüdischen Emanzipation wieder rückgängig zu machen.

Moses Hess

[Der Sieg über die Franzosen] „hatte nicht nur in der Politik und Literatur, in der Religion und Kunst, sondern auch in der Philosophie eine Überhebung des Christlich-Germanischen Elements zu Wege gebracht; eine oscillierende Bewegung zwischen Revolution und Reaktion.“ (Moses Hess)

Moses Hess ist manchen vielleicht noch als Frühsozialist ein Begriff. Er war ein scharfer Kritiker des damals sich ausbildenden Kapitalismus, was ihn als Frühsozialisten aber auch nicht vor der Kritik Karl Marx bewahrte. Moses Hess war jedoch auch ein unerbittlicher Gegner des Antisemitismus, den er auch in den Reihen vieler seiner linken Weggefährten entdecken musste und gegen den er intervenierte. Gleichzeitig erkannte und propagierte er noch vor Theodor Herzl die Notwendigkeit, einen demokratischen und egalitären jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Hess steht vielleicht für die linkssozialistische Tradition im Zionismus und der jüdischen Emanzipationsbewegung, die vom Nationalsozialismus vernichtet und vom Stalinismus unerbittlich bekämpft und verfolgt wurde.

Rudolf Hallo

Rudolf Hallo steht für eine kurze Blüte einer kontroversen jüdischen Debatte und Diskussion in Deutschland vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus. Auch in Kassel fand diese Debatte jüdischer Denker mit den Protagonisten Rosenzweig und Gershom Sholem statt. In ihrem Disput ging es um das Verständnis vom Judentum und dessen Rolle in oder gegen Deutschland. Hallo gebührt das Verdienst die beiden Protagonisten zueinander in Beziehung gebracht zu haben. Der umfassend gebildete Hallo begründete aber auch das erste jüdische Museum in Kassel. Mit seinem Projekt wollte er dazu beitragen, das jüdische Leben als einem bisher unbekannten Teil Deutschland der Öffentlichkeit zu erschließen. Ein Versuch der von den Nazis samt dem jüdischen Leben dann vernichtet wurde und die somit vollzogen, was Arndt, Jahn und Co. propagierten.

Schlussbemerkung

Es gäbe noch viele andere bedeutende historische Figuren, die wie Georg Weerth, Leopold Eichelberg, Ludwig Börne etc. entweder für die 1933 beendete Tradition jüdischen Lebens in Deutschland stehen oder sich als kosmopolitische Gegner der Deutschtümelei erwiesen, an die man erinnern könnte. Das findet in Kassel ja auch zum Teil schon statt. Mit Heinrich Heine, Ludwig Mond, Lilli Jahn oder auch z. B. mit Franz Grillparzer und Ferdinand Freiligrath sind wichtige Protagonisten des demokratischen oder liberalen Denkens oder der jüdischen Geschichte Bestandteil des Stadtbildes geworden. Doch gerade letztere finden sich als Namen von Straßen beziehungslos neben solchen nach ausgewiesenen Judenhassern wie Brentano oder Arnim.

Wie in vielen anderen Städten, gibt es also auch in Kassel Straßen, die nach Personen mit einer fragwürdigen Geschichte verbunden sind. Über die bis jetzt genannten wären da noch die Waldemar-Petersen-Straße, die Steinigk-, Wissmann- und Lüderitzstraße und etliche Straßen, die die Protagonisten des hessischen Absolutismus verewigen, zu nennen. Auch der Namensgeber der jüngst erschlossenen Joseph-Beuys-Straße hinter dem Hauptbahnhof (Kuba) hat einen üblen Leumund und ob der in Kassel zentral gelegene Platz, der nach dem Bauernschlächter und Judenhasser Martin Luther benannt ist, nicht auch eine Umbenennung verdient hätte, wäre ebenfalls zu diskutieren. Schließlich hätte es auch die Germaniastraße verdient in Ben-Gurion-Straße umgetauft zu werden, alleine schon deswegen, weil diese Straße die Adresse des in der linksalternativen Szene Kassel allseits beliebten Café Buch-Oase ist.

Germania:
Alle Plätze, Trift und Stätten
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten
Gebet ihn den Fischern preis;
Dammt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen
Und ihn dann die Grenze sein!

Chor:
Eine Treibjagd, wie wenn Schützen
Auf der Spur dem Wolfe sitzen, –
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.
(Heinrich von Kleist, Germania an ihre Kinder)

Im Blücherviertel versammeln sich jedoch an einer Ecke Straßennamen, die einen dazu sich hinreißen lassen könnten, anstatt vom Blücherviertel, vom Viertel der nationalen Wiedererweckung zu sprechen. Sie finden jedoch in der städtischen Debatte um die Brannerbrücke und um die Waldemar-Petersen-Straße keine weitere Beachtung.

Die Erläuterungen auf den Straßenschildern der Straßen im Blücherviertel verharmlosen und vernebeln die tatsächliche historische Bedeutung ihrer Namensgeber.

Literaturhinweise:

  • Claudia Glunz. Thomas Schneider (Hg.), Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverabeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, Osnabrück 2015
  • Walter Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte der deutschen Jakobiner, Frankfurt 1984
  • Walter Grab, Der Deutsche Weg der Juden-Emanzipation 1789 – 1938, München 1991
  • Walter Grab, Uwe Friesel, Noch ist Deutschland nicht verloren. Unterdrückte Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung, München 1970
  • Dietfried Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Kassel, in: Juden in Deutschland, (Hg.) Jens Fleming, Dietfried Krause-Vilmar, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Kassel 2007
  • George L. Mosse, Die völkische Revolution, Königstein 1991
  • Marco Puschner, Antisemitismus im Kontext der politischen Romantik. Konstruktion des ‚Deutschen‘ und des ‚Jüdischen‘ bei Arnim, Brentano und Saul Ascher, Tübingen 2008
  • Ekkehard Schmidberger, Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel, in: Juden in Kassel 1808 – 1933, Kassel o.D. (1987)
  • Sabine Schneider u.a., Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Schüren 2015
  • Volker Weiß: »Moses Hess. Rheinischer Jude, Revolutionär, früher Zionist«. Greven, Köln 2015

Volkstrauertag – Tränen für die Täter

Deutsche Täter sind keine Opfer. Diese Parole hat schon reichlich Patina angesetzt, muss – wie es scheint – aber trotzdem immer wieder bemüht werden.

Die Reservistenkameradschaft Kassel lädt zum Volkstrauertag am Kasseler „Ehrenmal“ an der Karlsaue ein. Die Museumslandschaft Hessen Kassel (MHK), also durchaus eine offizielle Institution, hat diese Veranstaltung genehmigt. Es heißt, man wolle ein „Zeichen wider das Vergessen setzen. Wider das Vergessen der gefallenen Kameraden aber ganz besonders auch wider das Vergessen des Ehrenmals in Kassel.“

Die Reservistenkameradschaft ist ein Verband ehemaliger (und noch aktiver) Bundeswehrsoldaten. Das Erleben von Kameradschaft steht im Mittelpunkt dieser Gruppe, allein dieses männerbündische und das militaristische Erscheinungsbild ihrer neuen Homepage könnten schon Grund für eine kritische Intervention sein. Aber lassen wir das an dieser Stelle, diesem Thema können sich die dazu Berufenen widmen, sie hätten damit ein Betätigungsfeld, dass sie anstelle ihrer obsessiven Befassung mit Israel setzten könnten.

Dass die Reservistenkameradschaft den bei verschiedenen Einsätzen zu Tode gekommenen „Kameraden“ erinnern wollen ist legitim. Die Bundeswehr ist eine Institution eines demokratischen Staates. Die Entscheidung, sie einzusetzen erfolgt i.d.R. im Einklang mit dem internationalen und nationalen Recht und ist demokratisch legitimiert. Ob diese Einsätze sinnvoll sind oder nicht, kann und sollte politisch diskutiert und darüber kann auch gestritten werden, was ja auch geschieht.

Doch die Reservistenkameradschaft betont, auch das Ehrenmal soll nicht in Vergessenheit geraten. Gut wir wollen hier an dieser Stelle an dieses Ehrenmal erinnern:

Ehre dem Panzerkorps Grossdeutschland

Ehre dem Panzerkorps Grossdeutschland

Unter anderem steht dort auf den verschiedenen Tafeln:

20. Inf.Div. mot. nach ihrem Untergang im Kessel von Stalingrad neu aufgestellt 20. Pz.Gren.Div. Euch Kameraden, Euch … die ihr nicht heimkehrtet, Treue und Dank

Den für Deutschlands Ruhm und Ehre gefallenen Helden zum Gedächtnis 1914 – 1918 … Ich hatt einen Kameraden einen bessern findst du nicht.

Im Glauben an Deutschlands gerechte Sache, im festen Vertrauen
Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen. …

Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer 1914 – 1918 in Treue und festem Zukunftsglauben. Aus eurem Blut wird unsre Freiheit sprießen.

1939 IR GD 1942 PzGrenDiv GD 1944 Panzerkorps Großdeutschland
Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land. (?)

Wir haben es hier also mit einem Denkmal zu tun, dass im Duktus der Feinde der Weimarer Republik, der Gegner des Versailler Friedensvertrages und des deutschen Nationalchauvinismus an die im ersten Weltkrieg Gefallenen erinnert aber auch an die, die im Bunde der 6. Armee und des Panzerkorps Grossdeutschland dem deutschen Vernichtungsfuror den Weg ‚gen Osten freikämpften. Dies ist kein Widerspruch, denn diejenigen, die sich in den zwanziger Jahren dieser Sprache und dieser Parolen bedienten, bereiteten dem Nationalsozialismus den Weg.

Weil die Veranstaltung ausdrücklich am Ehrenmal stattfinden soll, ist klar, wer mit Kameraden gemeint ist, an die gedacht werden soll. Es sind nicht nur die Toten, die, seitdem die Bundeswehr eingesetzt wird, zu betrauern sind. Doch weil der Reservistenverband in das Deutschland des 21. Jahrhundert angekommen ist, weiß er natürlich auch, dass man auch an die erinnern soll, die als jüdische Deutsche für Kaiser und Vaterland gekämpft haben und gefallen sind. Dieses will der Verband auf dem jüdischen Friedhof in Bettenhausen tun. Auch an die, im Kriegsgefangenenlager in den Jahren 1914 – 1918 bei Kassel umgekommenen Kriegsgefangenen der Alliierten soll erinnert werden. Dort soll ausdrücklich „den Opfern aller Nationen der Weltkriege“ gedacht und „die Versöhnung über den Gräbern“ zelebriert werden. Sprich es soll auch an diejenigen, die als Wegbereiter und Vollstrecker des deutschen Vernichtungskrieges gefallen sind, gedacht werden. Der Gang auf den jüdischen Friedhof dient dabei offensichtlich der eigenen Exkulpation und ist nichts als eine Nebelkerze und üble Instrumentalisierung toter Juden. Natürlich soll „über den Gräbern“ die Hand zur Versöhnung ausstreckt werden. Perverser geht’s nicht.

Einen musikalischen Beitrag gibt es auch noch, es soll das Lied „Der gute Kamerad“ angestimmt werden. Dieses Lied stammt, wie sollte es anders sein, aus der Zeit der antifranzösischen „Befreiungskämpfe“. Einer Zeit also, in der der Grundstein des antiwestlichen, antisemitischen und nationalchauvinistischen deutschen Nationalismus gelegt wurde, der im deutschen Nationalsozialismus zu sich selbst fand. (Hierzu wird das Bündnis gegen Antisemitismus am 3. Dezember 2015 zu einer Aktion einladen.)