Die Vernunft in Scherben

Kassel at its best. Nach Deutschlands Lieblingsisraeli, nach dem Liquidator der kritischen Vernunft, einer Blut-und-Boden-Ideologin, nach der leibhaftigen Inkarnation engagierter Kunst und nach Deutschlands Lieblingspräsidenten soll jetzt der „amerikanische Kronzeuge gegen die Verfehlungen der USA“ Edward Snowden (Tobias Jaecker) Träger eines Preises sein, dem einen Begriff angeheftet wurde, dem er spottet .

Snowden hat zwar nicht den Peter-Sodann-Preis (bonjour tristesse) erhalten, er soll dieses Jahr aber Preisträger des Kasseler „Glas der Vernunft“ sein. Eine Schöpfung provinzieller Kleingeisterei und Selbstbeweihräucherung aus jener Stadt, die am weitesten von allen aus der Ostzone im Westen liegt.

scherbenhaufen

Großkotzig heißt es auf dem Portal der Stadt Kassel:

Edward Snowden hat mit seinen Enthüllungen über Datensammlungen amerikanischer Geheimdienste, die der demokratischen Kontrolle entzogen wurden, für eine deutlich gesteigerte Sensibilität bei den Bürgerinnen und Bürgern gesorgt und vielen Akteuren aus der Politik zum Nachdenken und Umdenken Anlass gegeben. Mit Mut, Kompetenz und Vernunft hat er eine Gewissensentscheidung getroffen und dabei sein bisheriges Leben und seine Sicherheit für eine größere Sache aufs Spiel gesetzt.

Wenn es um die Sache geht, dann kennt man in Kassel offenbar kein Halten mehr. Die Festrede soll der „Schlawiner“ (H.M.Broder), passionierte „Israelkritiker“ und Chefredakteur der Waffen-SZ H. Prantl halten. Laudator wird der Autor jenes Groschenromans sein, der „in keinem gutbesetzen ICE fehlen darf“ (Wertmüller) und der den Deutschen einen pädagogisch wertvollen Entwicklungsroman über die Menschwerdung einer Nazisse lieferte.

Schlafwandlerisch findet zusammen was zusammengehört. Ob Osama bin Laden mit einem Grußwort von den Bahamas live zugeschaltet wird, verraten die Preisausrichter noch nicht, man will sich nicht zu leichtfertig den Drohnen aussetzten.

Provinzieller Größenwahn, Versöhnung mit der Geschichte, Antiamerikanismus und Antisemitismus. Vernunft in Kassel – ein Scherbenhaufen.

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Ein Kasseler Glas gegen die Vernunft

Als Autohausbesitzer noch wert darauf legten, nicht nur als „ehrbare Kaufleute“ Bourgeois, sondern aktives Mitglied der Zivilgesellschaft, Citoyen zu sein, beteiligte sich ein Kasseler Mitglied dieser Zunft an der Stiftung des Bürgerpreises „Glas der Vernunft„. Zweck dieses Preises ist, nach eigener Aussage, „Politiker, Geisteswissenschaftler oder Künstler“ zu ehren, „die sich in besonderer Weise um die Maximen der Aufklärung – Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz – verdient gemacht haben. Es wird symbolisiert durch eine Skulptur mit einem Prisma, gestaltet von dem Kasseler Künstler Professor Karl Oskar Blase. „Glas“ steht für Transparenz und Zerbrechlichkeit, das Prisma für „Aufklärung durch wissenschaftliche Analyse.“

Die wirtschaftliche Existenz besagten KFZ-Betriebes hat jüngst, nach nahezu zehnjährigem Insolvenzverfahren mit strafrechtlichen Nebenkriegsschauplätzen, ein Ende gefunden, der ehemalige Eigentümer war gezwungen, sich bei einstigen Konkurrenten zu verdingen, wo Kunden aus dem Strukturvertriebs- und Tschaka-Tschaka- Sektenmilieu den ehemaligen Unternehmer zu ihrer Belustigung begaffen konnten. Der Triumph von Bandenform und Aberglaube über den Bürger als einstigen Träger der Vernunft hätte nicht größer sein können.

Nachdem in den letzten Jahren neben wirklich verdienstvollen Persönlichkeiten oder Institutionen, wie Ayaan Hirsi Ali oder das Russische Komitee der Soldatenmütter, auch mehr oder weniger abgetakelte Prominente aus Politik und Kulturindustrie besagten Preis erhielten, wird der Preis in diesem Jahr an die, so Aussage auf der Website des Bürgerpreises, „indische Wissenschaftlerin und Menschenrechtlerin Dr. Vandani Shiva“ vergeben.

Wer ist Dr. Vandani Shiva, und in wie weit hat sie sich in besonderer Weise um die Maximen der Aufklärung, Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz verdient gemacht?

Über die ‚Natur der Frau‘: Von Shiva und Barth

Zunächst einmal wird Shiva als Urheberin der Idee des Ökofeminismus gefeiert. Diese Weltanschauung beruht auf der Annahme einer besonderen und privilegierten Beziehung zwischen Frau und Natur. Vernunft im Sinne der Aufklärung oder gar ihre praktische Anwendung als Wissenschaft gilt den Anhängern dieser Weltanschauung als Teufelswerkzeug, mit dem böse Männer Mutter Erde vergewaltigen. Weibliche Intuition hingegen, die der Frau ihrer Natur nach angeboren sei – schon Mario Barth wusste ja, dass Geschlechterrollen nicht gesellschaftlich konstruiert sind, sondern Männer einparken und Frauen Schuhe kaufen – würde die bedrängte Natur retten.

Die indische Biologin und Wissenschaftsphilosophin M. Nanda, kritisiert an Shivas Ideen, dass sie die Traditionen romantisierten, ohne die Unterdrückungen, die für Frauen mit diesen Traditionen verbunden waren, offen zu legen. Shivas Ideologie sei antimodernistisch, weil sie die Moderne als abzulehnendes Produkt eines imperialistischen Westens denunziere und von den Frauen in der Dritten Welt die Aufrechterhaltung traditioneller Lebensweisen fordere. Diese auch von M. Mies propagierte Ideologie verwehrten Frauen im Ergebnis den Zugang zu Grundrechten wie Lebensunterhalt und Vermögen.

Shivas Probleme mit der Agroindustrie, dem Freihandel und den Subventionen

Shivas Ruhm beruht darauf, als Kritikerin der Agrarindustrie zu gelten. Zwar gibt es kaum einen Sektor der Weltwirtschaft, in dem der Wahnsinn der kapitalistischen Produktionsweise so offensichtlich ist wie in der Landwirtschaft. Riesige Mengen überflüssiger Waren werden unter massiver Umweltverschmutzung produziert, und anschließend weggeworfen, nur um Subventionen hierfür zu kassieren, während anderswo Menschen verhungern. Doch Shivas Kritik richtet sich gegen einen Freihandel, den es auf diesem hochsubventionierten und regulierten Sektor der Weltwirtschaft so gar nicht gibt und den die Konzerne des agroindustriellen Komplexes, die sich in diesen Verhältnissen bestens eingerichtet haben, gar nicht wollen.

Des weiteren hat sich Shiva dem Kampf gegen die Gentechnologie verschrieben. Wie verschiedene andere Aktivisten äußerte Shiva die kontrovers diskutierte Auffassung, dass transgene Baumwolle über höhere Preise und jährliches Nachkaufen des Saatguts tausenden indischen Bauern Verschuldung gebracht und sie in den Selbstmord getrieben habe. Auf den Gedanken, dass es vielleicht auch die staatlicherseits auf äußerst niedrigem Niveau festgesetzten Preise für landwirtschaftliche Produkte sind, welche Bauern in den Ruin treiben, kommt sie nicht.

Gleichzeitig ist sie aber auch dagegen, den hungernden Opfern von Naturkatastrophen Nahrungsmittel aus den USA oder anderen Ländern, in denen transgene Pflanzen legal sind, zu spenden, denn diese könnten ja gentechnisch verändert sein und sich fortpflanzen – wie dies angesichts der doch so vehement behaupteten eingebauten Fortpflanzungsunfähigkeit dieser Pflanzen funktionieren soll, verrät sie nicht.

Ein Plädoyer für die Idiotie des Landlebens

Für Shiva ist die Alternative zur kapitalistischen Gegenwart die Rückkehr in vorkapitalistische Barbarei. Anstelle den Kapitalismus auf der Höhe seines Entwicklungstandes zu überwinden, plädiert Shiva für eine Rückkehr zu Verhältnissen, welche Marx einmal „die Idiotie des Landlebens“ genannt hat.

Dem Dasein als sprechender Hund eines Familienpatriarchen oder Feudalherren durch Flucht in die Stadt entkommen zu wollen und dadurch möglicherweise Bürger (wir sprechen ja von einem Bürgerpreis) zu werden, oder auch nur die eigene Lebensgrundlage durch neue Anbaumethoden über die bloße Subsistenz in guten und den Hungertod in schlechten Zeiten hinaus zu verbessern, ist in Shivas Vorstellung der ländlichen Idylle nicht vorgesehen; ebenso wenig kulturelle Betätigung oder zumindest Zerstreuung, die über das Quälen des Dorfdeppen hinausginge.

Zur Rechtfertigung dieser Weltanschauung wird behauptet, ein solches Dasein sei auf Dauer „nachhaltig“, was auf makabere Weise sogar stimmen mag: Wenn erst genug Menschen verhungert sind, könnte der verbliebene Rest der Menschheit vielleicht wirklich Millionen Jahre so weitervegetieren, bis eine Seuche oder ein Meteoriteneinschlag dem Elend ein Ende macht. Der letzte Baum wäre dann freilich längst für Ackerfläche gerodet oder als Brennmaterial verheizt, die letzten verbliebenen Wildtiere die Wanderratte und der Kakerlak.

Wie so viele andere Bewunderer gott- oder göttinnengefälliger Armseligkeit – man denke nur an Marie Antoinette (von deren Ausspruch, wer nicht genug Brot habe, möge Kuchen essen, Shivas Empfehlung, wem es an Reis fehle, der solle halt die Leber seiner Ziege verspeisen, offensichtlich inspiriert ist) – versucht sich Shiva an der Quadratur des Kreises, gleichzeitig die Armen und die Armut zu lieben. Aber während Marie Antoinette der bürgerlichen Revolution zum Opfer fiel, ist es der bürgerlichen Ideologie – oder vielmehr ihrer Schwundstufe – heutzutage ganz recht, wenn diejenigen, welche der Kapitalismus abgeschrieben hat und noch nicht einmal mehr ausbeuten will, in Elendsselbstverwaltung dahindämmern.

Blut und Boden nicht nur in der Theorie

Wie steht es nun mit der im Einleitungstext zum Bürgerpreis geforderten Toleranz? Konflikte entstehen laut Shiva durch ökologische und kulturelle Entwurzelung. Hierdurch seien die gewachsenen Verbindungen zum Boden und innerhalb der Gemeinschaft brüchig geworden. Blut und Boden garantieren somit in diesem Weltbild den Frieden, der durch Abstraktion und Vermittlung bedroht wird.

Angesichts dessen ist es wohl kaum Zufall, dass die Preisträgerin einem Staat als Beraterin dient, der 45 Prozent der Bevölkerung, die durch ihre nepalesische Herkunft eine buthanische Reinheit von Blut und Boden stören sollen, erst die Staatsbürgerschaft entzogen und dann kurzerhand durch seine Soldateska verjagt hat. 60.000 von ihnen können sich glücklich schätzen, Asyl in den USA erhalten zu haben, der Rest vegetiert in Flüchtlingslagern oder verreckte im Dschungel. Doch wen interessiert das schon in diesem Lande, bzw. wer will sich schon die Treckingtour im idyllischem Königreich Bhuthan verderben lassen, schließlich will die neue Jack Wolfskin Expeditionsjacke einmal artgerecht bewegt werden.

Weit davon entfernt, ideologische Schranken zu überwinden, hängt Shiva somit einer Ideologie an, welche im Zweifelsfalle eine deutsche ist. Der Kasseler Preis hat zu sich selbst gefunden.

D. Vinz, Nachhaltigkeit und Gender – Umweltpolitik aus der Perspektive der Geschlechterforschung.

C. Jackson, Radical Environmental Myths. A Gender Perspective, 1995.

M. Nanda, Prophets Facing Backward, in: Postmodern Critiques of Science and Hindu Nationalism in India. Rutgers University Press, 2003, S. 245-246.

J.H.