Martin, Brecht, die Indianer, Hühner KZs und Siedlerkinder*

Oh Lord, war das ein Tag gestern (30. 6.).

„Martin Heidegger hat kurzzeitig aus falscher Erwartung heraus mit dem Dritten Reich sympathisiert, seine Fehler dann aber korrigiert. Den Antisemitismus des Dritten Reichs hat er nie geteilt “ mit diesen Wort lud das Institut für Philosophie der Uni Kassel am 30 Juni zu einem Vortrag von Professor Silvio Vietta ein. Der laut Ankündigung zu den „profiliertesten Deutern“ der Philosophie Heideggers gehörende Redner konnte den Freiburger Philosophen noch selbst kennenlernen und besitzt das kürzlich aufgetauchte „schwarze Heft“ aus den Jahren 1945 und 1946.

Unser kleines, aber durchaus illustres Grüppchen vom Bündnis gegen Antisemitismus nahm sich die Freiheit um 18 Uhr in die Hochschule für bildende Künste hier in Kassel zu kommen.

Heidegger genießt via Foucault und dem ganzen Poststrukturalismus heuer hohes Ansehen, sein sehr deutsches Geraune und Gewabere inclusive der notorischen Neologismen hat die Unis in Frankreich, v.a. den USA und nun auch den geisteswissenschaftlichen Fachbereich in Kassel durchdrungen und dazu beigetragen, dass an den Geistes- bzw. Humanwissenschaften die Elemente „Geist“, „human“ und v.a. „Wissenschaft“ seit Dezennien getrost gestrichen werden können. Allerorten: irres, wahnhaftes, wolkiges und verblasenes Geschwätz rules ok. Und im Namen Heideggers lassen sich schon auch mal palästinensische Selbstmordattentate verklären. Gibt es alles bei Suhrkamp.

Was hatte Herr Vietta uns mitzuteilen?

Also: Word up!

Vietta – dessen Mutter eine Geliebte Heideggers war – fing launig an und gab Anekdötchen zum Besten. Der kleine Silvio war 10, spielte Ball, ein Pass zu Heidegger. Dieser schoss aufs Tor, „fast ein bisschen zu fest“, so Vietta. Lachen im Publikum. Ja, der Heidegger war natürlich ganz ein Mensch des späten 19. Jahrhunderts (the generation of 1880), katholisch geprägt, dann ist er aber wegen Herzschmerzen wieder raus aus der Scene … Und die Frauen, ja da hat er eine gehabt, war er verheiratet mit, hat aber natürlich mehr gebraucht, das brauchte der irgendwie zum Arbeiten, halt viele Beziehungen (u.a. zur Jüdin Arendt), die Frau hat derweil die Familie zusammen gehalten. Gutes Konzept. Über sowas hat der liebe Theweleit tausend Seiten geschrieben, die es in sich haben.

Ok, und Nazi war der nicht. Heidegger habe die Politik der Nationalsozialisten falsch eingeschätzt deswegen die überschwengliche Hoffnung auf einen Neubeginn der Abendländischen Kultur zwischen bolschewistischen und angelsächsischen Technik und -Machtwahn (brutalitas plus Technik) und sicher, da gibt es blöde Stellen in seinen Heften, auch habe er Kritik an Juden geübt, sie aber nicht als solche gemeint. Nur die Spekulanten und die in den herrschenden Kreisen überproportional vertretenen Juden, die habe er gemeint. … Aber diese ganze Nazi – Rassismus – Erbanlagen – Vernichtungsscheisse, nee, damit hat der nichts zu tun.

Eigentlich war der ja wie Brecht. In einer der blöden Stellen, da schreibt er nämlich, dass ihm die Bäuerlein in seinem lieben Todtnauberg berichten, wie die Juden die ganzen Rinder aufkaufen, und dann wird sich im Winter keiner mehr Fleisch leisten können. Dieser rechnende Geist, das hat der abgelehnt, das wird man ja noch schreiben dürfen – Und das hat der Brecht ja auch, da muss man nur mal die Heilige Johanna der Schlachthöfe lesen.

Heidegger wollte halt nur „ein Hirte des Seins“ sein, recht eigentlich einer der frühen Kritiker von Technik und Vermassung. Stell dir mal vor, Alter, was der zu Google gesagt hätte…

In der Diskussion wiesen eine Dame und ein junger Herr darauf hin, dass eine solche Haltung Heideggers recht eigentlich schlimmer wie die Totschlagmentalität eines schlichten SA – Manns sei.

Vietta wußte sich da nicht recht zu positionieren, redete sich sozusagen um Kopf und Kragen und entblödete sich zu meiner allergrößten Verblüffung nicht, folgende Einlassung zu tätigen: Die Holocaust – Debatte, das ist ja schon bisschen seltsam, wie die in Deutschland geführt wird, immer der Blick auf die Einzigartigkeit, dabei gäbe es doch überall schlimme Sachen … In den USA gäbe es z.B. Menschen, die die Vernichtung der Indianer durch ihre Vorfahren auch als Holocaust bezeichnen, dito manche auch die Massentierhaltung und –Schlachtung.

Irgendwie war es langsam an der Zeit für ein klärendes Wort von Homer Simpson, aber der war nicht da.

Schluss mit lustig, es war zum Verzweifeln. Ein kaum unterbietbares Niveau. Und das im Rahmen einer Lehrveranstaltung an einer Uni, die als sie noch Gesamthochschule hieß, durchaus Bahnbrechendes und Wegweisendes zur NS – Zeit erarbeitet hat.

Einziger Lichtblick – die Anwesenheit einer Handvoll Zuhörer, die kundige, kluge, informierte Statements abgaben, darunter ein Philosophiestudent, der mit ein paar ausgewählten Zitaten und in zehn Sätzen alles, aber auch wirklich alles sagte, was zu Heidegger und Antisemitismus zu sagen ist. Wer in Kenntnis dieser Zitate noch behaupte Heidegger sei kein Antisemit gewesen, müsse verrückt sein, so der Diskutant. Der Gunter Hagen Lookalike fing an zu stammeln. Im Publikum wurde es daraufhin laut, Unmutsäußerungen wurden in den Raum gerufen. Die veranstaltende Professorin Karin Joisten beendete wenig später die Diskussion.

Ich verließ die Veranstaltung und begann mich schon klammheimlich auf das Fußballspiel zu freuen, natürlich in der Hoffnung, dass die Algerier jetzt mal Schluss mit dem Merkel – Fußball machen würden.

Draußen vor dem Gebäude erfuhr ich die schreckliche Wahrheit, die drei israelischen Jungs waren ermordet worden, ihre Leichen waren gefunden worden.

Und plötzlich war die Welt eine andere.

Also doch. 18 Tage gebangt. Und jetzt verscharrt auf offenem Feld. Die „Siedlerkinder“, wie so schön die Kotz-Zeit titelte.

Hey Martin, dort am Feldrain in der Bauernjacke, erkennst Du die heutigen Zeiten? Ain’t no change. Sie schlagen noch immer Juden tot, und die beherrschen noch immer das Business…

Und dann hat doch wieder Deutschland gesiegt…

Oh Mann, was für ein Abend…

*Jürgen Petzoldt (mit ein paar Ergänzungen von T.K.)