6. August – Basteltag der Friedensbewegung

Alle Jahre wieder begräbt die Bewegung ihr Hirn an der Biegung eines Flusses

In Kassel: 6. August 2016 – basteln von schwimmenden Lichterketten. 6. August und 9. August 1945: In Hiroshima und Nagasaki warfen Bomber der United States Air Force jeweils eine Atombombe ab. Dabei kamen ca. 100.000 Menschen ums Leben, über hunderttausend Menschen verstarben an den Spätfolgen. Die Gründe des Atombombenabwurfs sind bis heute umstritten. Tatsächlich dürfte es auch nicht nur einen Grund gegeben haben, sondern eine Gemengenlage an Gründen. Das Ende des Krieg mit einer fürchterlichen aber mächtigen Demonstration militärischer Überlegenheit zu erzwingen, gegenüber der stalinistischen Sowjetunion militärische Macht zu signalisieren, weltweit den militärischen und politischen Führungsanspruch zu untermauern und nicht zuletzt, das Interesse eine neue Waffe unter Echtbedingungen zu testen, sowie die Bereitschaft zu demonstrieren, diese auch einzusetzen. Die hauptsächliche Ursachen des Bombenabwurfs waren aber, der von Japan begonnene Vernichtungskrieg und der Umstand, dass Japan sich bis zu diesem Zeitpunkt nach wie vor im Krieg gegen China, gegen die USA und gegen andere Nationen befand und es bis zu dem Zeitpunkt des Abwurf zwar den einen oder anderen Hinweis aus politischen Kreisen Japans gab, über das Ende des Krieges zu verhandeln, offiziell aber jede Bereitschaft den Krieg zu beenden von sich gewiesen wurde. Die einfache Logik: Hätte Japan am 5. August kapituliert, hätte es keinen Atombombenabwurf gegeben, die will bis heute niemand hören – insbesondere die nicht, die mit Verve und Geschmacklosigkeiten an diese beiden schrecklichen Tage erinnern.

In Kassel gibt es einen Teil des Fuldaufers, der nach Hiroshima benannt ist. Es gibt in Kassel keine Straße, keinen Platz, keinen Hain oder keine Schlucht, die an die deutschen Kriegsverbrechen und Verbrechen an der Menschheit erinnern. Es gibt mit dem Aschrottbrunnen zwar ein gelungenes Mahnmal, das eher abstrakt, aber in gelungener Einheit von Form und Inhalt an den Judenmord der Deutschen erinnert. Auch einige schwer zu entdeckende Stolpersteine und mittlerweile ein aber auch ebenso schwer auszumachendes Gleis am Hauptbahnhof, auf dem die Namen jüdischer Bürger eingraviert sind, erinnern an die aus Kassel deportierten und umgebrachten Juden – immerhin. Auf dem Hauptfriedhof hingegen, für alle unübersehbar das Gräberfeld und ein Gedenkstein für die Kasseler Bombenopfer, am Weinberg, das „Ehrenmal für die Opfer des Faschismus“ – ebenfalls Wallfahrtsort der Friedensbewegung – erinnert, für die Kasseler in praktischer Weise an Alle: An die Bombenopfer, an die Soldaten und an die Verfolgten und die Gegner des Nationalsozialismus – zusammengefasst: An „die Vernichteten“. Das Ensemble macht deutlich wie Gedenken und Erinnerung in Kassel praktiziert wird.

Und die Friedensbewegung ruft angesichts des Atombombenabwurfs zur Bastelstunde auf. Um dies zu erklären hat sie ein Flugblatt verfasst. Dort wird erzählt, dass die NATO massiv aufrüste und daher Russland dazu zwinge, ebenfalls zu rüsten. Dazu wäre anzumerken: Einige souveräne Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten, suchten sich nach dem Auseinanderfallen der Sowjetunion der NATO anzuschließen oder anzunähern – verständlich angesichts der historischen Erfahrung, die diese Nationen mit dem russischen Imperialismus und der stalinistischen Gewaltherrschaft machten. Wie es sich am Beispiel Georgiens und der Ukraine zeigt, eine nicht ganz irrationale Furcht. Wer hier also wen zu rüsten zwingt, ist nicht ganz so einfach zu beantworten, wie es sich die Friedensbewegung so vorstellt.

Eine seltsame Standpunktlogik kann die Annährung mancher souveräner Staaten, die vormals der Sowjetunion angehörten auch als Einkreisungspolitik der NATO gegen Russland interpretieren. Dass Georgien, die Krim, die Ukraine mit tatsächlicher militärischer Gewalt, die von Russland ausging, konfrontiert wurden und werden, wird vornehm verschwiegen. Einige ganz Gewitzte meinen, man könne diese Politik Russlands mit der Monroedoktrin der USA vergleichen,  sie verteidigen die Machtpolitik Russlands mit diesem Hinweis. Die antikoloniale Stoßrichtung der Monroedoktrin wurde von den Linken nie verstanden, sondern rief als Beispiel US-amerikanischen Imperialismus den schärfsten Protest hervor. Diese merkwürdige Volte verweist darauf, wie selektiv die Wahrnehmung ist, wenn sie der jeweiligen Weltanschauung angepasst werden soll.

Weiter heißt es im Flugblatt der Friedensbewegung: „1.800 strategische Atomwaffen werden in den USA und Russland nach wie vor in höchster Alarmbereitschaft gehalten. Das Risiko des Atomkrieges aufgrund eines Fehlalarms bleibt hoch.“ Diese Feststellung ist gewiss nicht falsch. Doch, bei aller Konfliktträchtigkeit der Beziehungen zwischen Deutschland, der EU, den USA einerseits und Russlands andererseits bleibt diese Problematik angesichts des nach wie vor stattfindenden Dialoges zwischen den Konfliktparteien eher randständig und erweist sich vielmehr als müder Abklatsch der German-Angst aus den Achtzigern, als der von den bösen Supermächten zu verantwortende atomare Volkstod der Deutschen als das die Gemeinschaft der Friedensfreunde einigendes Ideologem errichtet wurde.

„Dazu kommen neue Risiken durch die Weiterverbreitung der Atomwaffen in neun weiteren Staaten, die in verschiedene politische Konflikte involviert sind“ heißt es im Flugblatt dann noch nebulös. Der Staat, der mit europäischer, insbesondere aber mit deutscher und russischer Unterstützung an einer Atombombe baut, der Iran, der wird nicht benannt. Dass dieser Staat immer wieder ein Land – nämlich Israel – mit der Vernichtung droht und dass dazu eine Atombombe sehr hilfreich ist, wird auch nicht benannt.

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging.

Ein Problem des Gedenkens – Was dem Atombombenabwurf voraus ging

Vor siebzig Jahren warf die US Army Air Force (USAAF) zwei Atombomben über japanische Städte ab. Dabei kamen ca. 200.000 Menschen ums Leben. Diese militärische Maßnahme war wohl auch ein politisches Zeichen im beginnenden Kalten Krieg. Bis heute gilt der Atombombenabwurf als besonders anschauliches Beispiel für Unmenschlichkeit und Grausamkeit im Krieg, als Menetekel der Atomtechnologie und dient vielen Friedensbewegten als Anlass, gegen Krieg und Atomwaffen zu demonstrieren.

Doch von Beginn an war diesem Gedenken eine seltsame Schieflage eigen. Die USA standen und stehen im Mittelpunkt der Anklage. Der besondere Charakter des deutschen und japanischen Krieges, die Atomwaffen der Sowjetunion, selbst als diese in der DDR stationiert waren, standen bei der deutschen Friedensbewegung nie im Fokus der Aufmerksamkeit – unbeachtlich bleibt auch das Streben nach Atomwaffen des Irans. Im Gegenteil, die Friedensbewegung, die den Schulterschluss zur Anti-AKW-Bewegung suchte, skandalisierte nie das sowohl zivile als auch militärische Atomprogramm im Iran, sondern sah stets dessen Ursache in der vermeintlich aggressiven Politik der USA und Israel gegen den Iran. Das Streben des Iran nach der Atombombe wurde mit der Abschreckungspolitik der Großmächte im Kalten Krieg gleich gestellt und indirekt gerechtfertigt, wenn nicht sogar betont wurde, dass auch der Iran ein Recht auf die Anwendung der Atomtechnologie besäße. 

70 Jahre nach dem Atombombenabwurf wird voraussichtlich wieder eine Gedenkveranstaltung am sogenannten Hiroshimaufer stattfinden. Die Friedensbewegten werden, wenn sie denn auf das Thema Iran zu sprechen kommen, das Abkommen mit dem Iran mutmaßlich begrüßen und somit gemeinsam mit der Kasseler Industrie und Handelskammer eine Einheitsfront als „Jubelperser“ bilden. (25.07.215)

In Kassel findet alljährlich zum Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima ein Gedenktag statt. Initiiert hat das Ganze die Kasseler Friedensbewegung. Wie in Hiroshima gibt es in Kassel einen kleinen Fluss. Dort versammeln sich die Friedensaktivisten und werfen brennende Kerzen auf Holzbootchen montiert in den Fluss, singen ergriffen Lieder und sprechen die dazugehörigen Reden, um an die US-amerikanische Untat zu erinnern. 2009 ließ sich die Stadt Kassel dazu hinreißen, diesen Uferabschnitt „Hiroshimaufer“ zu nennen.

Natürlich fällt dem Kasseler Bürgermeister, der zur Umbenennung des Ufers ein Grußwort beisteuerte und eine Rede hielt, sofort Kassel ein, wenn er an Hiroshima denkt. Denn Kassel wurde ebenfalls zerstört und „viele Menschen starben“. Und so wie die meisten Kasseler die Zerstörung der eigenen Stadt am liebsten nicht mit Ursache und Wirkung, mit Notwendigkeit und Verantwortung in Verbindung bringen, so fällt dem Oberbürgermeister natürlich auch nichts dazu ein, was Voraussetzung für den Atombombenabwurf in Japan war. Und noch viel weniger ist davon die Rede, wo Engagement gegen Atombewaffnung heute vielleicht Sinn machen würde.

Die Abwürfe der Atombomben auf Hiroshima am 6. August und Nagasaki am 9. August 1945 waren eine überaus grausame und vielleicht barbarische Kriegshandlung und sie war in dem Sinne nicht mehr „militärisch notwendig“, als das Japan, militärisch betrachtet, am Ende war. Doch was heißt das schon. Deutschland war ein Jahr vorher, nach der Zerschlagung der Heeresgruppe Mitte durch die Rote Armee und der Landung der Alliierten in Frankreich, ebenfalls am Ende, kämpfte aber fast ein ganzes Jahr lang weiter. Die Erfahrungen, die die US-Truppen in Okinawa machten, sprachen ebenfalls nicht dafür, dass Japan, obwohl militärisch am Ende, aufgeben würde.

Es spricht auch vieles dafür, dass der Atombombenabwurf in der spätestens ab 1945 wieder auflebenden Systemauseinandersetzung ein politisches Zeichen gegen die Sowjetunion war. Und nicht zuletzt: Die Bombenabwürfe trafen vor allem die Zivilbevölkerung, für die es kein Entrinnen gab. Diese beiden Argumente sind nicht von der Hand zu weisen. Diese Argumentation führt aber in der Regel dazu, wichtige Kategorien zu Beurteilung militärischer Gewalt, Verbrechen im Krieg und verbrecherischer Kriege durcheinander zu werfen.

Im Gedenken an die Atombombenabwürfe geraten die Kategorien vom jus ad bellum (dem Recht einen Krieg zu führen) und dem jus in bello (dem Recht im Krieg) durcheinander. Auch in einem rechtmäßigen Krieg kommt es zwangsläufig zu Verstößen gegen allgemeine menschliche Moralvorstellungen, auch zu Verstößen gegen das Kriegsrecht, also zu Kriegsverbrechen. Die Abwürfe waren fragwürdige militärische Handlungen eines rechtmäßigen Krieges, nämlich des Befreiungskrieges der Alliierten gegen Japan und Deutschland, ob sie den Tatbestand eines Kriegsverbrechens erfüllen ist umstritten.

In einem unrechtmäßigen Krieg kann es dem einzelnen Soldat zwar dünken, er verhielte sich anständig und rechtmäßig, aber wie der Mitläufer in einer kriminellen Straßengang, der bei der begangenen Straftat selbst keine Hand anlegt hat – sondern vielleicht nur Schmiere gestanden hat, oder dem Entführungsopfer das Essen gebracht hat, bleibt auch er ein krimineller Mittäter. Die Soldaten der Armeen der Achsenmächte, ob sie nun wie der deutsche Soldat beim Mord an den Juden, ob wie der japanische beim Mord an den Chinesen Hand an legten oder nicht, waren Mittäter einer unvergleichlichen kriminellen Tat. Jede Tat, jede Handlung, jede Unterstützung im Krieg der Achsenmächte war Teil des verbrecherischen Krieges. Die Achsenmächte (Deutschland, Japan und bis 1943 Italien) hatten einen Krieg begonnen (Japan gegen China schon 1931), der von Anfang an ein unrechtmäßiger Krieg war, und der als Vernichtungskrieg und totaler Krieg sich von allen bisher geführten Kriegen der Moderne unterschied. Die militärischen Aktionen der Achsenmächte richteten sich bewusst und gezielt gegen die Zivilbevölkerung der gegnerischen Staaten und banden im Konzept des totalen Krieges ebenfalls die eigene Zivilbevölkerung in das Kriegsgeschehen ein.

Deutschland führte darüber hinaus einen rassistisch motivierten Ausrottungsfeldzug. Zu den militärischen Operationen, sowohl Deutschlands als auch Japans, gehörte die Schaffung von „Toten Zonen“. Tote Zonen sind Gebiete, in denen die Zivilbevölkerung von militärischen Einheiten ausgerottet, manchmal auch „nur“ vertrieben oder verschleppt wurde. Die Strategie der „Toten Zonen“ fand vor allem Anwendung durch deutsche Truppen in Weißrussland und durch japanisches Militär in vielen Landstrichen Chinas. Hier nannte sich diese Strategie die Politik der „Drei Alles“: Alles töten – Alles verbrennen – Alles plündern.

Das japanische Militär stand in Sachen Grausamkeit, gezieltem Massenmord, Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung und Missachtung der Haager Landkriegsordnung den deutschen Nazitruppen in Nichts nach. Der einzige Unterschied zur deutschen Politik war das Fehlen des antisemitischen Vernichtungswahns. Japans Politik zielte nicht darauf ab, eine bestimmte Gruppe von Menschen unabhängig von militärischen Erwägungen systematisch zu vernichten. Die Vernichtungsaktionen gegen Zivilisten und Gefangene durch japanisches Militär waren zwar auch durch rassistische Überlegenheitsideologien begründet, fanden i.d.R. aber im Kontext militärischer Strategien und Aktionen statt.

  • In China führten japanische Flieger erstmalig ein Flächenbombardement gegen eine Stadt durch (Shanghai 1932).

  • In China kamen ca. 10 Millionen Zivilisten durch Säuberungsaktionen der japanischen Armeen um. 2 Millionen Vietnamesen und bis zu 4 Millionen Indonesier verhungerten während der japanischen Besatzung.

  • In Nanking brachten japanische Einheiten binnen weniger Tage ca. 200.000 Zivilisten und bereits entwaffnete chinesische Kriegsgefangene um.

  • In China erprobte das japanische Militär bakterielle und chemische Waffen an Kriegsgefangenen und setzten biologische (Milzbrand, Beulenpest, Cholera) und chemische (Senfgas, Lewisite) Waffen im großen Stil gegen die chinesische Zivilbevölkerung ein. Ca. 580.000 Menschen starben durch diese Waffeneinsätze.

  • In Gefangenenlagern führten japanische Militärs (die berüchtigtste Einheit war die 731ste in Harbin) Menschenversuche an chinesischen Gefangenen und Zivilisten durch. Ein Veteran der Einheit 731 führte nach dem Krieg Japans größtes Pharmaunternehmen.

  • Ca. 200.000 koreanische, chinesische und südostasiatische Frauen wurden von japanischen Militärs zur Prostitution gezwungen (also systematisch vergewaltigt) und müssen heute noch endlos verschleppte, demütigende Prozesse um ihre Entschädigung führen.

  • Mehrere 10.000 alliierte Kriegsgefangene der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, Großbritanniens, Hollands und Australiens und mehrere 100.000 asiatische Kriegsgefangene kamen in japanischen Gefangenenlagern durch willkürliche Tötungen, Misshandlungen, Hunger und Zwangsarbeit um.

Vor dem ersten Atombombenabwurf ergingen deutliche Aufforderungen an die japanische Regierung, den Krieg sofort zu beenden – auch nach dem ersten Abwurf wurde diese Aufforderung wiederholt. Obwohl es Stimmen in Japan gab, den Krieg sofort zu beenden, die Forderungen zu kapitulieren, wurden von den maßgeblich führenden japanischen Militärs abgelehnt. Verantwortlich für den Einsatz der Atombomben als Kriegshandlung zur Unterwerfung des Feindes waren die führenden amerikanischen Militärs und Politiker, die wussten was sie taten. Ob diese Tat, ein Angriff gegen eine Stadt eines kriegsführenden Staates, als Kriegsverbrechen zu bewerten ist, ist umstritten. Es spricht mehr gegen eine solche Wertung als dafür (Barton J. Bernstein). Verantwortlich dafür, dass der Krieg – mit all seinen möglichen Konsequenzen – nicht vorher beendet wurde, war jedoch Japan.

Bis heute fokussiert das Gedenken in Japan die eigenen Opfer, bis heute werden in das offizielle Gedenken japanische Kriegsverbrecher einbezogen. Über die gebotene Kapitulation und erst Recht über die Opfer des japanischen Krieges wird weitgehend geschwiegen. Auch das Gedenken in Deutschland an Hiroshima trägt dazu bei, dass durch das Herausheben einer barbarischen Tat in einem gerechtfertigten Krieg, dessen Charakter dem des ungerechtfertigten gleichgesetzt wird. Fokussiert man tatsächliche oder vermeintliche Kriegsverbrechen alliierter Truppen, wird aus einem verabscheuungswürdigem Angriffs- und Vernichtungskrieg der Deutschen und der Japaner ein Krieg, dessen einzelne Taten aus dem Kontext gelöst werden um dann diese mit den Taten eines zu begrüßenden Befreiungskrieges auf eine Stufe zu stellen. Von der gebotenen Unterscheidung eines Befreiungskrieges von einem Vernichtungskrieg bleibt im Knoppschen Duktus der allgemein „verdammenswerte Krieg“. Der Krieg wird so seines politischen Inhaltes entledigt. Die Argumentation gegen den Krieg als allgemein grausame und daher abzulehnende Erscheinung ist bestenfalls unpolitisch. Die, die das Augenmerk auf einzelne Handlungen, wie z. B. den Atombombeneinsatz richten, tragen in ehrenwerter Absicht zwangsläufig zum geschichtspolitischen Revisionismus bei.

Dass ausgerechnet die deutsche Gesellschaft einer barbarischen kriegerischen Handlung der Alliierten, durch die Benennung eines städtischen Ufers (in anderen Städten gibt es auch den einen oder anderen so benannten Platz) einen besonderen Stellenwert des Gedenkens einräumt, muss in einem schiefen Licht erscheinen, vor allem auch deswegen, weil es in Kassel (und wahrscheinlich in keiner anderen deutschen Stadt) keinen Platz, keine Straße und auch kein Ufer gibt, das Orte oder Vorkommnisse deutscher oder japanischer Kriegsverbrechen benennt oder ausdrücklich an die damit verbundenen Schicksale erinnert.

Aktivisten des BgA-Kassel fragen sich, warum in Kassel – einer deutschen Stadt – gerade Hiroshima als Namen für eine Ortsbezeichnung gewählt wird

Das Nebeneinander würde dies aber auch nicht besser machen. Ein Hiroshima-Ufer neben einem Platz „900 Tage Belagerung Leningrads“ oder einer Babi-Jar-Straße, würde das verwischen, was die kriegerischen Handlungen der Alliierten von denen der Achsenmächte prinzipiell unterscheidet.

In Hiroshima hielten sich im August 1945 viele Zivilisten und kaum Soldaten auf. Trotzdem war die japanische Gesellschaft zu diesem Zeitpunkt keine zivile Gesellschaft. Sie befand sich – wie übrigens auch Deutschland seit 1943 – in einer Phase der allgemeinen Mobilisierung aller gesellschaftlichen Kräfte für einen totalen Krieg.

Wird dann der vermeintlich zivile Status der Opfer durch die Bombardierung der Alliierten besonders hervorgehoben, so ist dies Teil der Strategie, den Unterschied von Opfer und Täter zu verwischen. Das Beklagen der zivilen Opfer der Achsenmächte durch die Friedenspriester unterscheidet sich daher nicht vom Trauertag der Volksgenossen, wenn sie an den in Stein gemeißelten Gedenkstätten ihre Kränze abwerfen. Wenn der deutsche Volksgenosse den gefallenen Großvater betrauert, so betrauert der Friedensmichel das zukünftige Opfer seines Volkes in einem herbei fantasierten atomaren Holocaust oder die Opfer der, gerne als angloamerikanische oder zionistische Luftgangster bezeichneten, Streitkräfte des Westens oder Israels in gegenwärtigen Kriegen.

Immer dann, wenn die USA in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind, wird die Gleichung Guernica – Coventry – Dresden – Hiroshima und je nach dem eine entsprechende Stadt des Landes, das in den zeitgenössischen Krieg verwickelt war/ist hinzugefügt. Und natürlich spielt Hiroshima eine herausragende Rolle, wenn es um den massenhaften Tod von Zivilisten geht und die Analogie zum Holocaust ist schnell gezogen.

In den achtziger Jahren gefiel sich die deutsche Gesellschaft besonders gut in der Opferrolle. Angesichts der tatsächlich zugespitzten Konfrontation im Zusammenhang der in Folge des so genannten Nato-Doppelbeschlusses durchgeführten Ausrüstung der NATO mit atomar bestückten Mittelstreckenraketen war die Gefahr eines auch unbeabsichtigten atomaren Schlagabtausches nicht von der Hand zu weisen. Gleichwohl war die Bewegung gegen diese Politik auch durch eine nekrophile Selbstbezüglichkeit, durch Irrationalismus und Nationalismus geprägt, als deren besonders groteskes Beispiel die Kinderbuchautorin Gudrun Pausewang gelten darf.

Die Veranstaltung zum Bombenabwurf in Hiroshima ist heute mindestens ein Anachronismus. Denn seit seit Ende der achtziger Jahren besteht keine realistische Gefahr mehr, die von den Atomwaffen der ehemaligen Gegner im Kalten Krieg ausgeht. Selbst den übrig gebliebenen Atomwaffen in Europa und Deutschland droht wohl eher der Fraß durch den Rost als das Verglühen durch eine Kernspaltung. Die Veranstaltung ist aber vor allem scheinheilig: Über die beiden Mächte Korea und Iran, die tatsächlich Länder mit Atomwaffen bedrohen, bzw. wie der Iran, der Israel wörtlich die Vernichtung androht und an der Atomwaffe bastelt, wird in der Gedenkveranstaltungen kein Wort fallen – natürlich auch nicht über die, denen der Atomtod dann tatsächlich droht.

Quellen:

Gar Alperovitz, Hiroshima. Die Entscheidung für den Abwurf der Bombe, Hambur 1995.
Barton J. Bernstein, Understanding the Atomic bomb and the Japanese Surrender: Missed Opportunities, Little-Known Near Disasters, and Modern Memory. Diplomatic History 1995.
Yuji Ishida, Die japanischen Kriegsverbrechen in China 1931-1945, in: W.Wette u. Ueberschär, Kriegsverbrechen im 20. Jahrhundert, Darmstadt 2001.
John W. Dower, War Without Mercy: Race and Powerin the Pacific War, 1987 Pantheon
Vern Weitzel, Vietnam needs to remember famine of 1945, Singapore 2008

Babi Jar
Death-Railway-Platz
Leningrad
Nanking-Ufer

J.D. & J.H.