Murat Cakir oder das Man-wird-es-ja-noch-mal-sagen-dürfen-Prinzip

Ein Bürgermeisterkandidat gegen Israel

Die Partei „Die Linke“ hat in Kassel den Politiker Murat Cakir zum Kandidaten für die OB-Wahl gekürt. Cakir ist Mitglied der Partei „Die Linke“ und hauptamtlicher Funktionär der „parteinahen“ Rosa-Luxemburg-Stiftung. Auf seinem Blog bekundet er, Beiträge zur Türkei, zur „Kurdenfrage“ und zur gesellschaftlichen und politischen Linken beizusteuern. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung taucht in Kassel immer wieder als Mitveranstalterin von Veranstaltungen des Café Buch-Oase auf. Es dürfte also nahe liegen, eine gewisse Affinität der RLS, ihres regionalen Leiters und des besagten Cafés in Sachen Hass auf Israel zu vermuten. Und man muss nur ein bisschen suchen, dann wird man auch schon fündig.

Der Kandidat mit einschlägiger Lektüre

Der Kandidat mit einschlägiger Lektüre

Ein Versuch eines Abgrenzungsbeschlusses und der Mantel der Geschichte

2011 wollte die Bundestagsfraktion der Partei „Die Linke“ einen Beschluss fassen, der einen eher salomonischen denn klaren Trennungsstrich zu den Hardcore-Antizionisten in der eigenen Partei ziehen sollte. Aber auch das blieb nicht ohne Widerspruch. Einer der Widerspruchsführer war Cakir, der den Beschluss in einer längeren Ausführung auf seinem Blog den „dümmsten in der Geschichte der Fraktion“ nannte. Schauen wir da mal genauer hin (alle folgenden kursiv gesetzten Zitate sind dort zu finden):

Andersdenkende, die in Sachen Nahostkonflikt nicht die bundesdeutsche Staatsräson mittragen wollen, [werden] von eigenen GenossInnen als »Antisemiten« denunziert ...“

Als Mitarbeiter der RLS bemüht Cakir also das notorische Zitat der Luxemburg, um gegen eine Staatsräson zu argumentieren. Wohl an, das hört sich gut an, solange nicht formuliert wird, welche Staatsräson gemeint ist. Die hat Angela Merkel in der Knesset so umschrieben: „Diese historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar.“ Ohne es zu formulieren, munkelt Cakir, vom Mantel der Heroinen und Heroen der linken Geschichte umweht: Klar doch! Im Namen der Andersdenkenden, die Sicherheit des Staates Israel ist zur Disposition zu stellen.

Dieser Mantel der Geschichte umweht auch sein ganzes Statement. Die Tradition linker Geschichte bemühend will er seine Genossen Israelfresser unter Artenschutz stellen. „Dem Karl Liebknecht, dem haben wir’s geschworen. Der Rosa Luxemburg reichen wir die Hand“ und auch in Buchenwald haben wir es geschworen: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg …“ Also: Nur in einer „offene[n], auf den antifaschistischen, antirassistischen und demokratischen Traditionen stehende[n] und sich an der historischen Verantwortung am Holocaust sowie den Grundwerten der linken orientierende Debatte wäre dies möglich.“ Dies? – Dies was? Darüber frei zu debattieren nämlich, ob nicht Israels Sicherheit doch zur Disposition zu stellen ist. Klar doch, wenn es um Israel geht, geht nichts ohne den Verweis auf den Holocaust. Haben die Juden schon nichts aus Auschwitz gelernt, wir die deutschen Linken werden ihnen Mores lehren.

Mit diesem Pathos arbeitet dann Cakir drei Punkte durch, die ein Teil der Parteifraktionäre mit ihrem Beschluss am liebsten erledigt sehen wollten.

Grundsätzliche Fragen

Dass der Fraktionsbeschluss für eine solche Debatte“ – darüber, ob nicht Israels Sicherheit zur Disposition zu stellen ist – „untauglich ist, macht sich an dem endgültigen Charakter der drei Punkte (Ein-Staaten-Lösung, Boykottaufruf und Gaza-Flottille) deutlich, weil der Beschluss keine grundsätzlichen Fragen zulässt.“

Und weil nicht sein darf, was zu vermuten ist, dass die Verve, mit der hier das Grundrecht auf Israelkritik als grundsätzlicher Inhalt linker Politik verteidigt wird, daher rührt, dass die Leidenschaft und die Wut einer Weltanschauung anstatt abwägendes Urteilsvermögen und Rationalität Pate stehen, werden zunächst die Kronzeugen aufgeführt. Am besten eignen sich als Israelkritiker bekanntlich Juden, denn nur so kann man scheinbar unbefangen das Gerücht über den Staat Israel streuen und so wird man doch mal fragen dürfen „warum ein Ein-Staaten-Lösung als »antisemitisch« gesehen wird? [wo doch sogar jüdische] Menschen wie Hannah Arendt, Martin Buber, Albert Einstein und MitstreiterInnen von linkszionistischen Strömungen sich »für einen säkularen, demokratischen Staat, in dem Juden und Araber gemeinsam leben« engagiert hätten und [man wird es doch wohl mal fragen dürfen], ob eben sie »Antisemiten« seien.“ (Hervorhebungen im Original)

Dass in Israel Juden und Araber gemeinsam leben, dass der Staat, obwohl sich als jüdisch verstehend, trotzdem säkular und demokratisch ist, wen interessiert das schon. Ist aber nicht so, suggeriert Cakir mit dem Satz und seine Zeugen sind bekanntlich ehrwürdige Juden. Natürlich haben die linken Zionisten, aber auch die rechten – die Revisionisten – nie für einen Staat ohne Araber aber für eine jüdischen Staat plädiert. Die Kritik daran, einen jüdischen Staat zu gründen, formulierten nicht die Linkszionisten, sondern die Antizionisten, die es auch unter Juden gab. Die Argumentation Cakirs erspart sich jedoch die inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Umstand, dass es zwar tatsächlich eine lange Tradition des jüdischen Antizionismus gibt, die aber schon in den zwanziger Jahren, also durchaus zu Zeiten Bubers, auf sehr dünnem Eis stand und spätestens jedoch nach 1945 nicht mehr ernst genommen werden kann. Die Antwort warum dies so ist, gab nicht nur, aber auch der einst als Außenminister des Vaterlandes der Werktätigen tätige Gromyko, der deswegen hier zitiert wird, weil er ja in die Tradition gehört, die Cakir und Genossen gerne bemühen, wenn es ihnen zupass kommt:

„As we know, the aspirations of a considerable part of the Jewish people are linked with the problem of Palestine and of its future administration. This fact scarcely requires proof…. During the last war, the Jewish people underwent exceptional sorrow and suffering….
The United Nations cannot and must not regard this situation with indifference, since this would be incompatible with the high principles proclaimed in its Charter….
The fact that no Western European State has been able to ensure the defence of the elementary rights of the Jewish people and to safeguard it against the violence of the fascist executioners explains the aspirations of the Jews to establish their own State. It would be unjust not to take this into consideration and to deny the right of the Jewish people to realize this aspiration.“

Wenn es um Israel geht, gibt es selbst in der Partei Die Linke Staatskritiker

Aber anstatt sich mit der Geschichte des Zionismus auseinander zu setzten, sich mit den Hintergründen des Scheiterns der jüdischen Emanzipation in den bürgerlichen und sozialistischen Gesellschaften und sich mit den daraus resultierenden Folgen zu befassen, kehrt Cakir ein weiteres Lieblingsprojekt der Linksdeutschen hervor: die „Staatskritik“. Wenn auch die Partei Die Linke sonst mit Staatskritik nichts am Hut hat, wenn es um Israel geht, dann wird sie doch noch mal hervorgekramt.

Die Frage ist jedoch, ob diese Tatsache allein die Grundlage einer linken Antwort bleiben kann und ob nicht die linke Kritik an der Religion im Allgemeinen, an der Nation an sich und der nationalstaatlich Verfasstheit eine weitere Grundlage bilden sollte. …. Nation und Nationalstaaten sind als künstliche Produkte des Kapitalismus von Linken grundsätzlich in Frage zu stellen.

Es mutet schon seltsam an, wenn Vertreter dieser staatfetischistischen Linke auf einmal die Staatskritik entdecken. Aber weil wir es bei den Linken mit Freunden des naturgewachsenen Staats zu tun haben, die in Israel das künstlichste Gebilde aller künstlichen Gebilde sehen und es bei der linksdeutschen Partei keinen Begriff für radikale Staatskritik gibt, findet man auch keine Staatskritik, sondern eine „Ein-Staaten-Lösung“ und da wird man ja doch mal sagen dürfen:

Die pure Ablehnung einer Ein-Staaten-Lösung bedeutet im Umkehrsinn, die Befürwortung von monoethnisch bzw. monoreligiös ausgerichteten Nationalstaaten in Israel und Palästina, die keinen Raum für ethnische und religiöse Minderheiten zulassen.

So beiläufig wie demagogisch wird hier die gezielte Fehlinformation eingestreut, in Israel würde kein Raum für Minderheiten existieren. Was für alle anderen Staaten im Nahen und Mittleren Osten zwar bittere Realität ist, davon kann in Israel jedoch nicht die Rede sein. In keinem anderen Land des Nahen Osten gibt es so etwas wie Religionsfreiheit, haben Minderheiten die gleichen Bürgerrechte, sind Mann und Frau gleichgestellt, trauen sich Homosexuelle auf die Straßen und herrschen demokratische und rechtsstaatliche Verhältnisse.

Immerhin ist Cakir Realpolitiker und anstatt den revolutionären Vortänzer der infantilen Truppe von der REVO zu mimen und gleich Feuer und Flamme gegen Israel zu proklamieren, kommt er ganz staatsmännisch – denn er will ja OB werden – mit einer Frage und einer Antwort daher, die er gerne ein mal stellen und beantworten können will:

Nun sind Nationalstaaten die Realität in unserer Welt, aber das ändert grundsätzlich nichts an dieser Frage. Denkbar wäre hier eine linke Antwort, für den Nahen Osten eine soziale, gerechte, emanzipatorische, säkulare und demokratische – Union auf freiwilliger Basis der Völker – nicht nur der Israelis und PalästinenserInnen – zu fordern.

Ein Staat, nein eine Union, das hört sich nicht so abstrakt, respektive jüdisch an, auf freiwilliger Basis? Viel von Staatstheorie hat Cakir, wie man sieht, noch nicht vernommen, von Marx’scher Staatskritik schon gar nichts. Staaten sind der Inbegriff eines vermittelten Gewaltverhältnisses in dem nicht Völker, sondern Individuen die Subjekte sind und in denen Mechanismen wie Gewaltenteilung, Recht und Repräsentation Konflikte zwischen den Individuen nach rationalen Methoden austarieren. Dadurch werden die unmittelbaren Interessen der Subjekte in den politischen Willen und das Handeln der Parteien und Verbände transformiert, die dann als staatliches Agieren zu Tage treten. Völker als Subjekte der Staaten und Politik, das ist der urdeutsche Traum, der mit dem Ende des 1000-jährigen Reiches zunächst auf den Müllhaufen der Geschichte landete – aber in den Gedanken vieler Linker (und Rechter) fortwest – Aber und das nur nebenbei, was sagt uns der  von der Partei bestallte Antisemitismusforwurfforscher, völkisches Denken bei den Linken, das gibt es nicht.

Die Sache mit dem Boykott

Irgendwie schwant es dem Cakir, dass der Boykott israelischer Produkte an den Boykott jüdischer Läden anno dazumal 1933 erinnert, aber trotz aller Geschichtsbewusstheit, wenn es um das von der internationalen Linken beklagte staatliches Unrecht geht, wird man ja noch mal fragen (und antworten) dürfen. Also:

Zweitens ist die Frage zu stellen, warum DIE LINKE sich aus den Diskussionen um den Boykottaufruf für israelische Waren aus den besetzten Gebieten heraushalten sollte. … wie haben wir uns als Linke zu verhalten, wenn ein Staat einen Teil seiner StaatsbürgerInnen die vollen BürgerInnenrechte verwehrt; aus religiöser Motivation heraus den Grund und Boden seiner Nachbarn zu seinem Eigentum erklärt; nicht gewillt ist, UN-Resolutionen umzusetzen und sein nukleares Arsenal unter internationaler Kontrolle zu stellen; jegliche Standards eines demokratischen Rechtsstaates missachtet, gezielt »Staatsfeinde« exekutiert; Tausende ohne einen Gerichtsbeschluss inhaftiert; in fremden Gebieten, die sie besetzt hält, ein offenes Willkür- und Apartheidregime installiert hat, diese Gebiete mit international geächteten Munition bombardiert und bilaterale Abkommen mit den Nachbarstaaten als ein strategisches Instrument seiner weiteren Militarisierung sieht?

In diesem Abschnitt lässt er alle Hemmungen fallen und zieht vom Leder, freilich in der rhetorischen Form einer offenen Fragestellung und ohne den Teufel in Staatsform namentlich zu nennen. Er fragt, wie haben wir uns zu verhalten, wenn ein Staat das tut, was er dann aufzählt. Meint er damit Russland, Tadschikistan, China, meint er damit den Iran, Syrien, den Sudan oder Saudi Arabien, meint er damit Uganda, Kolumbien, meint er damit die Philippinen, nein die meint er alle nicht. Selbst als Fachmann für die Türkei, meint er hier nicht die Türkei – eine Diskussion, türkische Produkte zu boykottieren, die gibt es nicht. Somit streut er das Gerücht über einen Staat, der ein offenes Willkür- und Apartheidregime installiert hätte und die anderen aufgezählten schlimmen Untaten begehen würde, die man diesem Staat so andichtet, ohne dies belegen zu müssen. Und weil ja jeder weiß, wer gemeint ist, wenn diese Stichworte fallen, nämlich: Israel, braucht er den Namen des Staates gar nicht in den Mund zu nehmen.

Die Bootsfahrt

Wenn VertreterInnen der Fraktion GUE/NGL im Europäischen Parlament, von jüdischen Organisationen aus Europa und USA, zahlreiche Linke aus Großbritannien, Frankreich, Kanada, Skandinavien und den USA sowie verschiedene linke aus Israel daran teilnehmen, die dem Aufruf von Organisationen in Israel folgen, wie haltbar ist dann die Behauptung, dass diese Flottille eine »antisemitische Aktion« ist?

Wieder bemüht er die rhetorische Figur, wenn eine oder mehrere der linken Bewegungen sogar jüdisch sind, was kann an deren Positionen in Bezug auf Israel dann falsch sein. Auch hier wird die perfide Logik dieser Volte klar, nicht die Inhalte sind entscheidend, sondern die Einteilung der Akteure gemäß der Nürnberger Gesetze. Wenn‘s gegen Israel geht, dann ist es entscheidend, welcher Abstammung, welchen Blutes der „Kritiker“ ist.

Nun mag man darüber streiten, ob es politisch korrekt ist, mit islamischen oder islamistischen Organisationen, welche die Hamas unterstützen, in einer Flottille gen Gaza zu reisen.“ Auch diese Frage wird man ja wohl noch stellen dürfen. Kann es nicht schnell genug gehen, den Staat zu boykottieren, der seinen Bürgern die gleichen Rechte gewährt, der seit Jahrzehnten versucht, mit seinen Nachbarn über ein einvernehmliches Nebeneinander zu verhandeln und mit Ägypten und Jordanien einen erträglichen Modus Vivendi auch gefunden hat. Israel, das diesen Weg mit der politischen Vertretung der unmittelbaren Nachbarn aus der Westbank, der Fatah und aus dem Gaza, der Hamas, mangels Ernst zu nehmender Angebote bis heute nicht finden konnte. Israel, dessen Armee versucht in militärischen Konflikten möglichst zu vermeiden, dass Unbeteiligte zu Schaden kommen, dessen rechtsstaatliche Gewaltenteilung besser funktioniert, als die mancher anderer Demokratien des Westens, usw., ja wer will denn da gleich vorab die Hamas oder die Hisbollah verurteilen und Bündnisse mit ihnen unterbinden? Cakir will es nicht.

Ihm schwant wohl, dass diese Bewegungen trotz internationaler Fürsprecher einen schlechten Leumund haben, und schlussfolgert daher: „Auch die Berechtigung einer linken Kritik an der Politik der Hamas oder der Fatah kann nicht in Abrede gestellt werden.“ Aber Morde an politischen Oppositionellen, Gewerkschaftern und Homosexuellen, Vernichtungsaufrufe gegen Israel, militärisch sinnloser Raketenbeschuss ziviler Ziele, die Berufung auf die Protokolle der Weisen von Zion usw. usf. hin oder her, darüber brauchen wir ja jetzt nicht zu reden, ging es doch auf der „letzten Fahrt [der] »Mavi Marmara« … [um die] eigentlichen Frage[n], ob der Versuch einer Durchbrechung der illegalen Blockade des Gaza-Streifens eine legitime Aktion ist und die völkerrechtswidrige Gaza-Politik der israelischen Regierung … hingenommen werden darf.“ Völkerrechtswidrig wird einfach mal gesetzt und ja, da kann man schon mal für die Hamas und mit islamistischen Organisationen gemeinsam in ein Boot steigen und zum Schutze dieser auch für militärisch Auslandseinsätze der Bundeswehr träumen. (Norman Paech: Im Zweifelsfall dem faschistischen Regime einen vor den Latz knallen)

Was hat das alles mit Kommunalpolitik zu tun? Auf den ersten Blick recht wenig. Aber in regelmäßigen Abständen kommt es in Kassel, wie anderswo auch, zu den antisemitischen Massenkundgebungen, gegen die ein deutliches Wort des Repräsentanten der Bürger dieser Stadt wünschenswert wäre. Der noch amtierende OB hatte 2014 sich, wenn auch mit reichlich Verspätung und eher nicht in der Öffentlichkeit, klar positioniert. Ein Cakir, so steht zu vermuten, würde zwar vielleicht nicht rufen „Zionisten = Faschisten“, oder „Israel = Kindermörder“ oder noch schlimmeres, er würde als guter Linker sich aber an die Spitze der Bewegung zu setzten versuchen und für die Radauantisemiten das Wort führen und ihrer Wut und Leidenschaft die Legitimation eines Linken, der aus der deutschen Geschichte gelernt hat, verleihen. Rosa Luxemburg würde sich ob solcher politischer Nachkommen vor Scham im Grabe umdrehen.

Ungedanken – Kassel – Tel Aviv: Die Geschichte einer Auswanderung

Sally und Helene Kaufmann, eine bemerkenswerte Zeitung aus Nordhessen und wie aus dem Kasseler Straßenjungen Martin Mordechai Tadmor wurde
(letztes Update: 31.10.2018)

Der folgende Text ist ein Auszug aus der gleichnamigen Broschüre (Die Geschichte einer Auswanderung) zu Sally Kaufmann und Mordechai Tadmor. Diese kann beim Autor zum Selbstkostenpreis (4,00 € + Versand) bestellt werden.

Im hohen Alter und nach einem erfüllten Leben ist Mordechai Tadmor am 30.10.2018 verstorben. Er konnte daher die Veröffentlichung der nächsten Broschüre nicht mehr erleben, deren Text er aber schon kannte und die er mit Spannung erwartete. Diese Broschüre wird sich den Erlebnissen Mordechai Tadmors als Soldat der 8. Britischen Armee in Nordafrika und in Italien widmen. Auszüge dieser Erlebnisse sind bereits hier veröffentlicht worden: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

Dem Autor bleibt es verwehrt, noch weitere geplante Gespräche über das Leben Mordechai Tadmors in Deutschland, Österreich, Frankreich und natürlich in und für Israel mit ihm zu führen. Der Termin hierfür stand schon fest – Daraus ist leider nichts geworden.  Es liegt aber schon jetzt so viel Material vor, dass auch diesem Lebensabschnitt eine dritte – dann aber lückenhafte – Broschüre folgen wird. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, den ein britisches Understatement auszeichnete, der sehr offenherzig, immer sehr freundlich und humorvoll war und der ein phänomenales Gedächtnis hatte und mit dem der Autor so manches gutes Glas Rotwein getrunken hat. Kurz: Er war ein wunderbarer Gesprächspartner, er wird mir fehlen.

Dies ist die Geschichte einer jüdischen Familie, deren Aufzeichnung zu einer Freundschaft des Autors mit einem in Kassel aufgewachsenen und seit 1932 in Israel lebenden Herren führte. Es begann mit einem nicht ganz alltäglichen Kontakt. Am 27. September 2015 postete das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf Facebook einen Artikel von Georg M. Hafner (Inszenierte Opfer) über die Praxis vieler Medien, mit gestellten oder gefakten Fotos im Nahen Osten Politik zu machen. Die Notiz des BgA-Kassel kommentierte ein Herr Mordechai Tadmor: „Es erinnert mich an meinen Vater, s.A. Er war der Herausgeber der ‚Juedischen Wochenzeitung‘ in Kassel in den Jahren 1928-1932. Sein Name war Sally Kaufmann (1890-1966).“ Diese Zeitung1 war mir ein Begriff, einige Notizen, nicht viel – aber das wesentliche – zu dieser Zeitung findet man in Kassels einschlägigen Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte.2

Zu Sally Kaufmann erfährt man aber nichts. Dieser Kommentar ließ mich aufhorchen. Ich nahm mit Herrn Tadmor Kontakt auf. Nach reger Korrespondenz verabredeten wir uns in Israel. Korrespondenz und Besuche waren sehr ergiebig, so dass ein mehrseitiges biographisches Interview dabei herauskam. Aus diesem sind die angeführten Zitate von Mordechai Tadmor entnommen. Mordechai Tadmor ist der älteste Sohn3 Sally Kaufmanns und lebt in Giv’Atajim. Giv’Atajim liegt bei Tel Aviv, direkt hinter dem Ayalon, der großen an Tel Aviv von Nord nach Süd vorbei führenden Autobahn. Ich erhoffte mir von dem Besuch bei Herrn Tadmor, mehr über den Menschen Sally Kaufmann in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich schnell heraus, dass Mordechai Tadmor über seinen Vater wenig berichten kann, dafür aber um so mehr aus seinem eigenen Leben.

Eine Kindheit in Kassel

Mordechai Tadmor wurde als Martin (Mordechai) Kaufmann 1922 in Darmstadt geboren. In Deutschland war sein Rufname Martin, gute Freunde nennen ihn bis heute Motke. In Darmstadt lebten die Eltern seiner Mutter Helene (Rikva) Kaufmann, geb. Enoch. Die Familie Enoch kam aus dem Dorf Oswiecim in Polen und stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Eine Woche nach seiner Geburt kam Martin dann mit seiner Mutter nach Kassel, um dort als kleiner Junge aufzuwachsen. Seine Eltern wanderten 1932 mit seinen Brüdern und ihm – dem damals zehnjährigen Kasseler Jungen – nach Palästina aus.4

Die Kaufmanns wohnten bis 1930 in der Hohentorstraße. Die Hohentorstraße gibt es heute nicht mehr. Sie verlief damals vom Lutherplatz an der Martinskirche vorbei Richtung Altmarkt, etwas südlich von der heutigen Kurt-Schuhmacher-Straße gelegen.

Die Hohentorstraße auf einer alten Postkarte. Vorne links ist die Hausnummer 3. Drei Häuser weiter ist das Haus in dem Sally Kaufmann und seine Familie bis 1930 lebten. Bis 1932 lebte und wohnte die Familie dann in der Kölnischen Straße 77. Dort sind für die Familie fünf Stolpersteine verlegt worden. (Bild: Uni Kassel)

Die schönsten Erinnerungen an Kassel verbindet Mordechai Tadmor mit dem Gelände an der Martinskirche. Dort rauchte er seine ersten Zigaretten (R6), sammelte im Frühling Maikäfer und verbrachte den Großteil seiner Zeit. Er erinnert sich: „Unser Stammplatz war die Anlage um die Martinskirche. Dort rauchten wir, trieben allerhand Unsinn und belästigten die Besucher.“ Mordechai Tadmor beschreibt sich selbst als Gassenjungen. Weil die Wohnverhältnisse in der Hohentorstraße sehr beengt waren und seine Mutter sich vor allem um seinen kränklichen Bruder Benno kümmern musste, schlief er öfters zusammen mit dem Hofhund Tell in dessen Hundehütte.

Martin Kaufmann Ende der Zwanziger. „Ich war ein ziemlicher Gassenjunge“ erinnert sich Herr Tadmor an seine Zeit als Kasseler Schlacke. (© J. D.)

Mordechai Tadmor erzählt von seiner Zeit als kleiner Junge in Kassel: „Manchmal strichen wir um die Geschäfte und klauten aus den Auslagen – das ist nach mehr als 85 Jahren hoffentlich verjährt. Ich stibitzte hauptsächlich Süßigkeiten. Nicht für mich selbst, sondern für die Gruppe – sozusagen zur Bestechung, damit ich mit ihnen Fußball spielen durfte. Denn ich war kein guter Spieler damals. Am liebsten aber ging ich allein in die Anlage an der Martinskirche. Dort saßen oft auf zwei Bänken alte Frauen und Männer, alle schwarz gekleidet (vielleicht waren das Insassen eines Altenheims) und sangen patriotische Lieder. Bruchteile dieser Lieder sind mir noch in Erinnerung:

‚Hörnerklang und wilder verwegner Jagdgesang‘.

‚Auf lasst die Faulen liegen, lasst sie in ihrer Ruh‘, wir rücken mit Vergnügen dem lieben König zu‘ ‚Schleswig-Holstein meerumschlungen‘.

Vielleicht waren das meine schönsten Stunden [in Kassel, d.V.].“

Kurz bevor die Kaufmanns nach Palästina auswanderten, zog die Familie Kaufmann in die Kölnische Straße um. Dort wurde der zweite Bruder Micha geboren. Martin besuchte als 10-Jähriger zuletzt das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Vorher besuchte er die Jüdische Volksschule in der Großen Rosenstraße. Die Zeit am Wilhelmsgymnasium und in der Kölnischen Straße hat er im Gegensatz zur Jüdischen Volksschule und zu seinem von ihm geliebten Lehrer Walter Bacher5 und der Kasseler Innenstadt in keiner guten Erinnerung behalten. „Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde sehr gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus. […]

Sally und Helene Kaufmann schalten eine Dankesanzeige in der Jüdischen Wochenzeitung für Aufmerksamkeit angesichts der Geburt Michas.

Vom Kibbuz zur britischen Armee

Über Haifa gelangte die Familie nach Tel Aviv. An Martins Leben auf der Straße ändert sich auch in Tel Aviv zunächst nichts. „Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht“, denkt Mordechai Tadmor zurück. Damals war Martin 10 Jahre alt, rebellisch und aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechseln musste

„Meine Eltern meldeten mich in der Tachkemonischule an, wohl um meinem Großvater einen Gefallen zu tun, denn diese Schule war eine sehr religiöse Schule. Sie lag an der Grenze zwischen dem damaligen Jaffa und Tel Aviv. Die Schüler kamen alle aus armen, zumeist orientalischen Familien. Alle anderen Einwandererkinder besuchten eine Schule im Norden Tel Avivs, die ihnen bei der Integration half. Meine Integration verlief anders. Als ich am ersten Schultag, sauber angezogen nach deutschem Muster, in der Schule eintraf, sorgte ich für eine Sensation. Die Schüler versammelten sich um mich herum und droschen auf mich ein. Dabei schrien sie: ‚Yecke Potz‘. Yecke ist der noch heute existierende Begriff für Juden deutscher Abstammung und Potz heißt Schwanz. Als ich mich wehrte, ließen sich die Angreifer zu Boden fallen und fingen an jämmerlich zu schreien. Die Lehrer eilten herbei und da war ich natürlich der böse Junge.“ Das ging an dieser Schule nicht lange gut, aber auch in den anderen Schulen war das nicht anders. Als alles nichts mehr half, wurde Motke dann von seinen Eltern in den Kibbuz geschickt.

1940 mussten dann „Freiwillige“ für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen die Truppen Italiens, dann gegen die Wehrmacht kämpften. „Ich war 18 Jahre alt, unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht“, erinnert sich Mordechai Tadmor. Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen. Von dort sollte es im Bündnis mit den antienglisch und judenfeindlich eingestellten und aufständischen Arabern aus Palästina, Syrien und aus dem Irak weiter nach Russland gehen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Vor Tobruk wehrte Herr Tadmor als „Soldat King Georges“, wie er sich selbst mir gegenüber bezeichnet, mit einem MG bewaffnet deutsche Fliegerangriffe ab. „Dafür bekam ich später die ‚Silberne 8‘ meiner Afrikamedaille.“

Herrn Tadmors Auszeichnung der Britischen Armee für den Kampf gegen Nazideutschlands Armee (© J.D.)

Bei Tobruk konnten sich die britischen Truppen 1941 in schweren Kämpfen nur knapp behaupten und wurden mehrere Monate lang von Wehrmachtseinheiten belagert. In seiner sympathischen und bescheidenen Art erzählt Mordechai Tadmor, von seinen Erlebnisse in Tobruk: „Meine Einheit, die 5 M.T. (später 178.) des Royal Armee Service Corp (RASC) war die einzige jüdisch-palästinensische vor Ort. Wir waren keine Helden, sondern nur müde, staubige und durstige Männer, die sich so gut es ging, gegen Fliegen, Sandflöhe (die uns die Italiener vererbten) , Stuckas, Messerschmidts und Heinkels wehrten. Es herrschte viel Chaos um uns und wilde Gerüchte machten die Runde.“ Erst im November 1942 bei El-Alamein konnten die britischen Truppen den Vormarsch der deutschen Truppen stoppen und die Pläne der Nazis vereiteln. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina leisteten dazu einen Beitrag. Später dann wurde aus den Freiwilligen die Jüdische Brigade gebildet, die über Italien sich bis zur Kapitulation Deutschlands an Österreich heran kämpfte.

Herr Tadmor als britischer Soldat in Nordafrika. „Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg.“ (© J.D.)

Mordechai Tadmor nahm als Soldat in der Jüdischen Brigade an all ihren Einsätzen in Italien teil. Nach der Kapitulation Deutschlands beteiligte er sich aktiv an der Überführung vieler Holocaustüberlebender nach Palästina. 1946 wurde er nach 5 fünf Jahren und 348 Tagen (davon vier Jahre und 221 Tage außerhalb Palästinas) und Träger des „Africa Star“ der 8. Armee entlassen.

Die Entlassungsurkunde aus dem Jahr 1946. Mordechai Tadmor diente fünf Jahre und 348  Tage in der britischen Armee, davon über vier Jahre außerhalb Palästinas. Er wurde in Nordafrika und in Italien eingesetzt.

Von Ungedanken nach Kassel

Mordechai Tadmors Vater, Sally Kaufmann, wurde 1890 als Sohn des Lehrers Markus (Mordechay) Kaufmann und seiner Frau Bettina (geb. Katzenberg) in Ungedanken, einem kleinen Dorf bei Fritzlar, geboren. In der Jüdischen Wochenzeitung widmet sich ein mehrteiliger Artikel von Elias Lissauer (Lissauer entstammt einer in Ungedanken ansässigen Familie der Thoraschreiber) diesem Dorf.

Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Ungedanken eine israelitische Gemeinde. Unter dem Schutz des Kurfürsten von Mainz ließen sich dort Juden nieder. Man nimmt an, dass sie als Flüchtlinge aus Polen kamen, als dort der Kosakenführer Bogdan Chielmicki das Land verwüstete und es zu zahllosen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam. In der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das jüdische Gemeindeleben in Ungedanken. Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Ungedankens Juden.

Über Markus Kaufmann schreibt Lissauer: „Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine israelitische Volksschule errichtet. In derselben wirkten die Lehrer Edelmuth Lange von 1862 – 1869, Frank von 1869 – 1873, Kaufmann von 1873 – 1893 und Kaschmann von 1893 – 1901. Die Höchstzahl der Schüler betrug 45 – 50. […] Lehrer Markus Kaufmann, der 1893 starb, war nicht nur im Jüdischen, sondern auch im Deutschen ein großer Gelehrter. Die Gemeinde nahm in seiner Zeit einen großen Aufschwung und […] das religiöse Leben [stand] während seiner Amtszeit auf der Höhe. Auch die Schülerzahl war damals die höchste.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 17, 1927; Der Artikel und weitere Angaben sind auf der Seite alemannia-judaica.de zu finden.)

Der Grabstein des Lehrers Markus Kaufmann auf dem Friedhof in Ungedanken. Die Inschrift des Grabsteins ist hier übersetzt. Von der kleinen jüdischen Gemeinde Ungedankens ist außer den Grabsteinen des Friedhofs nichts übrig geblieben. Ein Gedenkstein vor dem Friedhof erinnert an die Opfer des Holocaust.

Sally Kaufmann: Herausgeber, Patriot, Zionist und Nazigegner

Sally Kaufmann wollte wie sein Vater Lehrer werden. Weil sein Vater jedoch früh starb erlernte er den Beruf des Kaufmanns. 1915 wurde er als Soldat eingezogen und im Juni 1916 an der Somme als Unteroffizier in die Schlacht gegen englische Truppen geschickt. Er hatte Glück im Unglück und überlebte schwer verletzt und als Träger des Eisernen Kreuzes das Gemetzel. Nach längeren Lazarettaufenthalten und Tätigkeiten in verschiedenen Läden eröffnete er 1921 seinen eigenen Kolonialwarenladen in der Hohentorstraße. Im gleichen Jahr heirateten Sally Kaufmann und Helene Enoch.  Der Laden in der Hohentorstraße war zugleich die Adresse der von ihm ab 1924 herausgegebenen Zeitung. Von Mordechai Tadmor will ich mehr über seinen Vater Sally Kaufmann erfahren. „Ich war nie innerhalb des Geschäfts meines Vaters, ich kannte auch nicht das Sortiment oder die Kunden“, so Mordechai Tadmor über die Tätigkeiten seines Vaters. „Oft, wenn viel Betrieb im Geschäft war, rief mein Vater meine Mutter zu Hilfe und sie ließ mich dann allein zurück. Sie sah oft sehr verbittert aus, lächelte nie und umarmte mich nicht. Ich glaube, es passte ihr nicht, die Frau eines Kolonialwarenhändlers zu sein. Später, als mein Vater die Jüdische Wochenzeitung herausgab und wir in die Kölnische Straße zogen, änderte sich die Lage. Wir waren irgendwie Prominenz. In der Gemeinde wurden wir respektiert.“

Sally Kaufmann als Soldat im ersten Weltkrieg. 12.000 deutsche Juden werden in diesem Krieg „für Deutschland“ fallen. Sally Kaufmanns Sohn kämpfte 25 Jahre später für die britische Armee gegen Nazideutschland.

Mordechai Tadmor erzählte mir, dass das Verhalten seines Vaters ihm gegenüber und in der Familie stark von der Kaiserzeit und vom Soldatentum geprägt war. „Er war durch und durch Unteroffizier. Sein Verlangen mir gegenüber, ihm zu gehorchen war sein ständiges Kredo.“ Mit den Kindern redete der Vater nicht viel. Über seine politischen Ansichten und Tätigkeiten schon gar nicht. „Mein Vater war einfach da, ohne viele Worte zu verlieren. Sein ganzes Wesen drückte einen für ihn selbstverständlichen Patriotismus aus. […] Seine Erinnerungen an das ‚Feld‘, das Eiserne Kreuz, sein Silbernes Verwundetenabzeichen prägten sein Auftreten in der Familie.“

Eine Werbeanzeige Sally Kaufmanns Kolonialwarenhandel aus dem Jahre 1925

Sally Kaufmann hinterließ weder Tagebücher oder Notizen, noch überlieferte er den Nachkommen seine Gedanken und Ideen. Lediglich in der Akte seines Antrags zur Entschädigung nationalsozialistischer Unrechtsmaßnahmen sind ein paar autobiographische Notizen zu finden. Dort beschreibt er sich als Gegner des in Kassel tätigen Roland Freisler. Neben der Berücksichtigung der Tatsache, dass er organisiertes und aktives Mitglied des keineswegs monolithischen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) und der ebenso ausgeprägten Zionistischen Ortsgruppe Kassel war, ist das Studium seiner von ihm herausgebrachten Zeitung und der wenigen Artikel und Notizen, die ihm zugeordnet werden können, der einzige Weg, um etwas über seine Gedankenwelt und seine politische Haltung in der Weimarer Republik zu erfahren.

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck trat am 4. April 1924 mit einem ambitionierten Anspruch an die Öffentlichkeit. Sally Kaufmanns Ehefrau Helene notierte 1965, dass es auch ihre Idee war, diese Zeitung zu gründen. Sie beteiligte sich aktiv an der Erstellung dieser Zeitung und bezog dafür auch ein Gehalt. Zunächst weist nichts darauf hin, dass diese Zeitung von Sally Kaufmann herausgegeben wurde. Erst in der Nummer 11 des ersten Jahrgangs taucht sein Name als inhaltlich Verantwortlicher auf der Titelseite auf. In der ersten Nummer der Zeitung umriss Dr. Joseph Prager das Programm der Zeitung. Prager war ein führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei. Prager schrieb in seinem Leitartikel, dass vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs und Niedergangs, in den er auch das jüdische Leben in Deutschland mit einbezog, ein Neuaufbau nötig sei. Die Zeitung solle dem Judentum dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit eintreten und an der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitarbeiten. Prager betonte, dass die Zeitung keiner Partei im Judentum dienstbar sein solle, vielmehr sollten alle Fragen behandelt und alle Nachrichten vermittelt werden, „die zu kennen für Juden jeglicher Partei wichtig sind.“ Der Focus sei auf die heimatlichen Angelegenheiten, die Geschichte und das Wirken der örtlichen Gemeinden zu richten. Prager plädierte dafür, den Kampf gegen Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit aufzunehmen und hoffte darauf, für diesen Kampf alle Parteien des Judentums zu gewinnen.

Die erste Nummer der jüdischen Wochenzeitung aus dem Jahr 1924. Den Aufmacher schrieb Dr. Joseph Prager.

Sally Kaufmann tauchte als Autor in seiner Zeitung fast nie namentlich auf. Es gibt ein paar wenige, von Sally Kaufmann namentlich gezeichnete Anmerkungen und zitierte Briefe. Einige Artikel jedoch, insbesondere aus dem Jahr 1925, führen das Kürzel „Kfm.“, auch taucht das Kürzel „K.“ in einem Artikel der Redaktion einmal auf. Sie könnten also von ihm stammen. Dass es aber nur wenige Artikel von ihm gibt, lag an seiner Kriegsverletzung, die ihm das Schreiben mit der rechten Hand wohl sehr erschwerten. Zusammen mit seinen Mitstreitern aus der örtlichen Gruppe des RjF, der Zionistischen Ortsgruppe, den Redakteuren und Autoren Julius Dalberg, Ludwig Horwitz, Walter Bacher und anderen z.T. prominenten Artikelschreibern entwickelte er aber das Wochenblatt in dieser Zeit zu einer beachtlichen und niveauvollen Zeitung. Später wurde Sally Kaufmann dann zum Verleger der Jüdischen Wochenzeitung, die auch in Hannover, Braunschweig, Chemnitz und anderen Städten erschien. Es gibt wichtige Artikel über die regionale Geschichte der Juden in Nordhessen. Viele davon wurden neben dem schon erwähnten Elias Lissauer von Ludwig Horwitz, dem Leiter der Jüdischen Volksschule, und von Rudolf Hallo, dem Gründer des jüdischen Museums in Kassel, beigesteuert.

Die Autoren der Zeitung mischten sich mit ihren Beiträgen auch in die zeitgenössischen politischen Debatten ein. Es schrieben neben den Redakteuren auch berühmte Autoren wie Wolfgang von Weisel, Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod und viele andere für die Zeitung, aber auch nichtjüdische Autoren wie z.B. Philipp Scheidemann und Heinz Pollack. Lesenswerte Nachrufe, z.B. auf Paul Levi, Franz Rosenzweig und Friedrich Ebert wurden veröffentlicht. Man beschäftigte sich ausführlich mit Stefan Zweig, Franz Kafka, Moses Mendelssohn, Eduard Bernstein u.v.a..

Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar schreibt über diese Zeitung völlig zurecht: „Politisch fällt die Nähe zur demokratischen Republik auf, die sich durch alle Jahrgänge […] beobachten lässt.“ (Vgl., Fn. 2) Immer wieder sind nicht nur Aufrufe, sondern auch Leitartikel zu finden, die es den Lesern eindringlich nahe legen, nicht nur zu den Wahlen zu gehen, sondern ihre Stimmen den demokratischen Parteien oder den republikanischen Kandidaten zu geben und die Jüdische Wochenzeitung bezog immer häufiger gegen den Nationalsozialismus Stellung und positionierte sich klar für den Zionismus.6 In den vielen Ausgaben, die Sally Kaufmann bis 1932 herausbrachte, wurde regelmäßig über die Entwicklung im damaligen Mandatsgebiet Palästina berichtet.

Auch der Autor „Kfm.“, vermutlich also Sally Kaufmann schrieb: „Aus den [zionistischen] Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten … , sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und … in der Zukunft.“ Prophetisch anmutende Zeilen, aus denen eine große Begeisterung spricht.

Der Zionisten-Kongreß. Ein Artikel der wahrscheinlich von Sally Kaufmann geschrieben wurde.

Gegen den Nationalsozialismus

In der Jüdischen Wochenzeitung wurden zahlreiche Artikel prominenter Autoren über den Nationalsozialismus publiziert, so z.B. 1929 ein sehr ausführlicher von Heinz Pol. (d.i. Pollack, s.o.). Pollack legt in seinen Ausführungen dar, dass der Antisemitismus in der Ideologiebildung des Nationalsozialismus das wichtigste Element sei. Er erkannte ferner, dass der Faschismus nur ein Element der nationalsozialistischen Bewegung ausmache. Darüber hinaus seien eine „jungnationale“ Bewegung an den Universitäten und Teile der Wandervogeljugend wichtige Elemente des Nationalsozialismus. Er hob auch die Rolle der anscheinend antikapitalistischen Agitation kleinbürgerlicher und bäuerlicher Elemente hervor. In diesem Zusammenhang agitierten die Nationalsozialisten gegen Großgrundbesitz und Warenhäuser und knüpften dabei immer wieder auch erfolgreich an Themen und Aktionsfelder linker Parteien an. Gleichzeitig stellte Pollack aber heraus, dass die nationalsozialistische Bewegung auch aus Kreisen der Industrie finanziert wurde. (Jüdische Wochenzeitung Nr. 29, 26. Juli 1927)

Besonderen Raum nehmen die vielen Berichte über die unzähligen Untaten und Übergriffe von Nazis und ihren Spießgesellen in ganz Deutschland wie auch in Kassel und im Umland ein. Sie wurden laufend dokumentiert und thematisiert. 1926 druckte die Jüdische Wochenzeitung z.B. einen Artikel über den antisemitischen Antiquitätenhändler Edler von Dolsperg aus Kassel ab. Im Schaufenster seines Ladens am Ständeplatz hatte dieser einen illustrierten Bericht über die Ritualmordlegende ausgehängt. Es kam zur Anklage gegen den Händler. Dieser wurde von Roland Freisler verteidigt, der vor Gericht mit wüsten antisemitischen Beschimpfungen auftrat, die er auch explizit gegen Sally Kaufmann, den Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung richtete. (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 24, 1927)

In einem Artikel, der mit „Nationalsozialistische Frechheit“ überschrieben ist, berichtete Sally Kaufmann selbst von einer lokalen Begebenheit: Als 1929 in einer Ausflugsgaststätte am Brasselsberg Nazis ihre Fahnen präsentierten, schrieb Sally Kaufmann einen Brief an die Wirtin und fragte sie, warum sie dies nicht unterbunden habe und ob sie künftig noch Juden als Gäste wünsche. Die Wirtin beteuerte in ihrer Antwort, keine Handhabung gegen die Präsentation der Nazifahnen gehabt zu haben, da man auf jeden Gast angewiesen sei. Sie würde es jedoch auch zukünftig begrüßen, „viele Angehörige Ihrer Kreise“ als Gäste willkommen zu heißen. Der Briefwechsel wurde von der örtlichen NS-Zeitung als „jüdische Frechheit“ denunziert und es wurde unmissverständlich gedroht: „Diesen Juden, S. Kaufmann, Hohentorstr. 9, wollen wir uns merken.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 34, 1929)

Das Vermächtnis des Sally Kaufmann

1933 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland geändert. Das zur „Volksgemeinschaft“ formierte deutsche Volk verriet die Republik, plünderte seine jüdischen Nachbarn zunächst aus und lieferte sie dann an den antisemitischen Mob und seine Henker aus. Die nationalsozialistische Bewegung unter der Führung Hitlers hatte die Macht ergriffen und der Antisemitismus war zur deutschen Staatsräson geworden. Der „Bestand“ des Judentums, auf den Sally Kaufmann hoffte, wurde weder vom (internationalen) Proletariat noch von dessen „Vaterland“ und auch nicht von den westeuropäischen Demokratien gegen diejenigen verteidigt, die sich mit Mehrheit gegen eine Zukunft für die Juden entschieden und zur antisemitischen Tat schritten: Zuerst in Deutschland, dann in fast ganz Europa.

Die Entwicklung war für hellsichtige Köpfe, wie Sally Kaufmann offensichtlich einer war, schon vor 1933 absehbar. Sally Kaufmann fand sich, wie viele andere Anhänger der Republik, zunehmend isoliert und musste sich als Jude ausgestoßen fühlen. Da er mit dem in Kassel als Anwalt und Abgeordneten der NSDAP agierenden und späteren Präsidenten des „Volksgerichtshofs“ Roland Freisler aneinander geriet, fühlte sich Sally Kaufmann zurecht bedroht und setzte sich schon 1932 aus Kassel ab. Ein paar Monate später wurde die zunächst von seinem Schwager Ludwig Goldberg kommissarisch weiter herausgegebene Jüdische Wochenzeitung eingestellt.

Sally Kaufmann verlor durch diese Entwicklung Deutschland, Nordhessen und Kassel als seinen Bezugs- und Identifikationspunkt sowie als Heimat. Mordechai Tadmor sagte zu mir: „Sein Leben hörte auf, als er Kassel verließ. Er war Zionist und auch aktiv, aber ich glaube es war mehr ideologisch als praktisch. Denn als er mit der Wirklichkeit im Jishuw konfrontiert wurde, brach für ihn eine Welt zusammen.“ In Israel vergrub er sich in sein Bücherantiquariat, das er dort mit wenig Erfolg führte. Da er kein Hebräisch sprach und es auch nicht lernen wollte, musste sein Sohn Benno ihm im Laden helfen. Ein Land, das jedem verfolgten Juden Schutz vor antisemitischer Verfolgung bot, gab es damals noch nicht. Gleichwohl konnten sich diejenigen Juden vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik retten, die rechtzeitig den Weg – trotz aller Hindernisse – nach Palästina in den Jishuw fanden.

Dass es den deutschen Truppen nicht gelang, bis nach Palästina vorzustoßen, daran waren auch Juden aus dem Jishuw beteiligt. Viele von ihnen waren, wie Martin Kaufmann, erst vor kurzem dort eingetroffen.

So wie Mordechai Tadmor als „Soldat King Georges“ seinen Beitrag in der jüdischen Brigade zum Sieg über den deutschen Nazifaschismus beisteuerte und damit auch die Juden in Palästina gegen den Zugriff der deutschen Vernichtungspläne verteidigte, so kämpfte er als Offizier zunächst der Hagana im Unabhängigkeitskrieg, dann für die IDF von Beginn an für die Existenz und Sicherheit Israels. Ihm war schnell klar geworden, dass von der arabischen Seite nichts Gutes zu erwarten war. Die größenwahnsinnigen Pläne des Muftis von Jerusalem und seiner Verbündeten waren ihm und seinen Kameraden in der jüdischen Brigade bewusst. „Wir wussten, und das kam in unzähligen Gesprächen unter dem Wüstenhimmel zur Sprache: Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg. Wir haben uns bekanntlich nicht geirrt.“

Herr Tadmor während des Sechs-Tage-Krieges (© J.D.)

Es sollte Mordechai Tadmors berufliches Lebenswerk werden, für den Staat Israel einzutreten und somit das ideelle Lebenswerk seines Vaters fortzusetzen. Wenn er auch nach 1945, zu seinem großen Bedauern, nicht mehr in den Einheiten in vorderster Linie kämpfen sollte, so waren die militärischen Einsätze seiner Einheit für die Existenz dieses Staates genauso wichtig. Mordechai Tadmors Einheit sicherte 1948 die existentiell wichtige Versorgungslinie nach Jerusalem, die sogenannte Burma Road. Zuletzt wurde er als Reservist im 6-Tagekrieg 1967 an der syrischen Front eingesetzt. Wie sein Vater in publizistischer Hinsicht gegen Nazis und für eine sichere Heimstatt der Juden eintrat, so tat dies sein Sohn Mordechai Tadmor mit der Waffe in der Hand: Bis 1945 gegen die deutsche Wehrmacht und nach 1945 gegen die Umsetzungsversuche der Vernichtungsphantasien arabischer Führer. Als Offizier der IDF arbeitete Mordechai Tadmor auch für den Dienst des „Institutes für Aufklärung und besondere Aufgaben“ und als Korrespondent und Mitarbeiter im diplomatischen Dienst in verschiedenen Städten Europas. Sein Augenmerk galt dabei den alten und neuen Nazis als auch den sowjetischen Umtrieben und Absichten, die arabischen Führer in ihren Plänen, Israel von der Landkarte zu tilgen, zu unterstützen. Dafür erhielt er den Orden als verdienter Kämpfer im Befreiungskrieg und als Kämpfer gegen die Nazis

Herr Tadmors Orden als Kämpfer gegen Nazis und als Kämpfer im Befreiungskrieg (© J.D.)

Erinnerung

Sally Kaufmanns wichtigstem Mitstreiter Julius Dalberg gelang wie Walter Bacher die Flucht aus dem Machtbereich der Nazis nicht. Dalberg und seine Frau wurden in Sobibor ermordet.

Der Erinnerungsstein für Julius Dalberg und seine Frau Bella in Sobibor.

Was heute an ihn in Kassel erinnert, ist ein unscheinbarer Stolperstein vor dem Gloriakino am Ständeplatz. Von ihm nimmt nur derjenige Notiz, der weiß, wonach er suchen muss. Für einen Hinweis auf die Tätigkeit Dalbergs ist auf dem Stein zu wenig Platz. Dass Dalberg selbst aktiver Anhänger des Zionismus war und eine Zeitung mitherausgegeben hat, die durchweg Stellung für das zionistische Projekt bezogen hat, wird von den z.T. stramm antizionistisch gesinnten Stolpersteinlegern auf ihrer Homepage inzwischen immerhin erwähnt. Im Mai 2017 wurden dann auch für die Familie Kaufmann in der Kölnischen Straße 77 Stolpersteine gelegt. Die Initiative dazu ging von Mordechai Tadmors rühriger Großcousine Daniela Ebstein aus, die am Tag der Verlegung ausdrücklich betonte, dass Israel zur Heimat der vielen Nachkommen der Familie Kaufmann wurde. Auf der Homepage des Kasseler Stolpersteinvereins sind mittlerweile auch weitere biographische Daten zu Sally Kaufmann zu finden.

„Mein Vater liebte Hessen“, erzählt Mordechai Tadmor, „er liebte Fritzlar, Ungedanken, das Edertal, die grünen Wiesen, die bewaldeten Hügel.“ Sally Kaufmann war durch und durch Deutscher und fasste keinen Fuß mehr in Israel. Ein Umstand, der angesichts Sallys Kaufmanns aktiven Tuns in Kassel nur schwer nach zu vollziehen ist.

Aus Martin Kaufmann ist Mordechai Tadmor geworden. Herr Tadmor und seine Frau Edith sind Eltern von 2 Söhnen, 6 Enkeln und 4 Urenkeln. Die Entscheidung von Sally Kaufmann, 1932 trotz seines Patriotismus aus Deutschland auszuwandern, hat dazu beigetragen, dass es mittlerweile vier Generationen der Familie Kaufmann und Tadmor gibt. Das ist in Israel keine Selbstverständlichkeit, vielmehr alles andere als die Regel. Herr Tadmor lebt mit seiner Frau heute in Giv’Atajim und erinnert sich gerne an eine Stadt, die es so, wie die Hohentorstraße, eine gute Wochenzeitung und die Kasseler Juden nicht mehr gibt. Kassel war seine Heimat.

Sally und Helene Kaufmann mit Enkel Joav, erster Sohn von Mordechai und Edith Tadmor. (© J.D.)

Martin (Mordechai) Kaufmann als Soldat der britischen Armee und jüdischen Brigade in Nordafrika und Italien: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

1 Die „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck“ ist in Teilen im Netz auf der Seite des Leo Baeck Institutes hinterlegt. Die Jahrgänge 1924 – 1933 sind komplett in der Murhardschen Landesbibliothek in Kassel vorhanden und können dort eingesehen werden. Auf diesem Blog werden unter dem Tag „Jüdische Wochenzeitung für Cassel“ verschiedene Themen, die in diese Zeitung behandelt wurden, in loser Reihenfolge abgehandelt.

2 Im Buch „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg) J. Fleming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 1973″, widmet der Kasseler Wissenschaftler und Mitherausgeber des Bandes Dietfrid Krause-Vilmar der Jüdischen Wochenzeitung im Aufsatz „Juden in Kassel“ ein paar Seiten, ebda., S. 176ff
Siehe Auch: Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13, Kassel 2014, S. 38f

Ben-Zion (Benno) Kaufmann (1924 – 2017); Micha Kaufmann (1931 – 2006)

Sally Kaufmann stellte in den fünfziger Jahren einen Antrag gemäß des Hessischen Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Die Angaben hinsichtlich des Datums der Auswanderung sind in der Akte über diesen Vorgang nicht eindeutig. Sicher ist nur, dass Sally Kaufmann sich und seine Familie im September 1933 in Kassel polizeilich abgemeldet hat. Die Angaben in der Akte deuten darauf hin, dass Sally Kaufmann bereits im September Kassel 1932 verlassen hat und vorübergehend für die Frankfurter Zeitung gearbeitet hat und sich dazu aber bereits in Belgien aufgehalten hat. Frau und Söhne dürften zu einem ähnlichen Zeitpunkt die Kasseler Wohnung verlassen haben und sich zunächst in Darmstadt, dann ebenfalls kurze Zeit in Belgien aufgehalten haben, bevor sie dann, wahrscheinlich im April 1933 nach Israel weiterreisten.

Walter Bacher war Lehrer an der an der Jüdischen Volksschule. Auch Bacher war Autor in der Jüdischen Wochenzeitung. Bacher kehrte 1936 nach einer Palästinareise nach Deutschland zurück. Ihm gelang es danach nicht mehr zu fliehen. Er wurde 1941 wie alle Kasseler Juden nach Riga deportiert und starb 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. (Vgl.: Namen und Schicksal der Juden Kassels 1933 – 1945. Ein Gedenkbuch. (Hg.) Magistrat der Stadt Kassel 1986, S.86f)

Die zionistische Bewegung war alles andere als eine homogene politische Bewegung. Grob lassen sich der kulturelle Zionismus vom staatsbegründenden Zionismus unterscheiden, wobei letzterer ebenfalls unterschiedliche Richtungen aufwies. Hierzu näher: Walter Laquer, Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus, Wien 1975 und Moshe Zimmermann, Die Deutschen Juden 1914 – 1945, Oldenburg 1997

©Alle Rechte des Textes liegen beim Autor. Der Text und die entsprechend gekennzeichneten Fotos und Abbildungen unterliegen dem Urheberrecht und sind -auch auszugsweise- nur mit Genehmigung des Autors zu verwenden.

In loser Reihenfolge werden auf diesem Blog verschiedene Artikel zu Themen, die in der Jüdischen Wochenzeitung intensiv diskutiert wurden, veröffentlicht.

Antisemitismus und die Kapitulation des Rechtstaates

Demonstranten kennen das. Protestkundgebungen gegen Nazis, die mehr tun, als nur ihren Unmut zu äußern, werden vom stets in ausreichender Zahl vorhandenem Polizeiaufgebot wirksam daran gehindert, Demonstrationsrouten zu blockieren oder Nazis daran zu hindern ihre volksverhetzenden Reden zu halten. Auch Kundgebungen gegen das „Finanz-Kapital“ in Frankfurt, für Käfer am Stuttgarter Hauptbahnhof oder gegen die Atomenergie in Hamburg haben Bekanntschaft mit kompromisslosen, teilweise nachträglich als rechtswidrig erklärten, Einsätzen gemacht. Sprich der Staat ist durchaus in der Lage für Ruhe und Ordnung auf der Straße zu sorgen, wenn er es denn will. Dass er das tut, wenn Bürger sich nachdrücklich dafür einsetzten von ihrem Recht auf Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen, spricht nicht für die Ausprägung des deutschen Rechtsstaates, dass er das tut, wenn sich andere dazu anschicken das Recht in die eigenen Hände zu nehmen spricht – auch wenn die Rechtslage der eigenen politischen Überzeugung widerspricht – wiederum für ihn. Wenn Nazis ungehindert rassistische, antisemitische und NS-verherrlichende Parolen von sich geben und die Polizei so tut, als würde es sich um das Anpreisen von zu verkaufenden Gemüse handeln, dann könnten sich die Nazigegner auf das Recht auf Widerstand berufen und versuchen verfassungsrechtliche gebotene antinazistische Grundsätze selbst durchzusetzen, sprich den Nazis das Maul stopfen. Nazigegner würden also mit ihren militanten Aktionen mit einer solchen Aktion eher keine Akte der Selbstjustiz ausüben, sondern Rechtsgrundsätze verteidigen.

Im Zusammenhang des Krieges zwischen der Hamas und Israel ist es in Deutschland schon mehrfach zu Aufläufen gekommen, auf denen die Demonstranten ihrem Hass auf Israel, auf den Zionismus und auf Juden – sprich offenem Antisemitismus – freien Lauf ließen. Passanten die der Auffassung sind, dass Israel unsere Solidarität verdient, das Antisemitismus in der Öffentlichkeit nicht hinzunehmen ist, taten etwas für ihre Gesundheit und ihre körperliche Unversehrtheit, sich nicht erkennen zu geben. In Kassel waren wir 2009 anderer Meinung und hielten dagegen. Die damals unvorbereitete und überforderte Polizei konnte den rasenden Mob nicht aufhalten, es waren letztlich die Organisatoren des „Friedensmarsches“ die ihre antisemitischen Freunde davon abhielten, uns krankenhausreif zu prügeln. Uns hielt man seitens der Lokalpresse, der Polizei und von Seiten der Friedensfreunde damals vor, die Sache provoziert zu haben – so ist das, wenn man auf Israelhass und Antisemitismus aufmerksam macht, man ist Provokateur.

Kinder-Mörder Israel aus dem Lautsprecher des Polizeiwagen

Hier spricht die Polizei: „Kinder-Mörder Israel“, „Allahu Akbar“ (Frankfurt 2014)

In Frankfurt vorgestern. Die dort abgehaltene Kundgebung war Teil einer deutschlandweiten Kampagne, die Kundgebung stellt sich vor die, von Israel aktuell bekämpfte Hamas. Nach außen hin, für den mit dem Thema nicht informierten und naiven Zeitgenossen, ein zunächst plausibel und rechtschaffen erscheinendes Motiv, kommen doch bei den militärischen Aktionen der IDF zahllose unbeteiligte Zivilisten ums Leben und werden schwer verletzt, müssen Kinder einen von Angst und Schrecken erfüllten Alltag erleben. Die Zahlen sprechen dann ebenfalls fürs einfache Gemüt der Scheinheiligen, über Tausend Tote und Verletzte im Gaza gegenüber ein paar Dutzend in Israel. Geschichtliche und ideologische Hintergründe, tatsächliche Motive der Beteiligten, politische Konstellationen im Nahen Osten alles scheißegal. Tritt eine solche Situation im Nahen Osten ein, liefern die Medien Bilder von weinenden, verletzten und toten Kindern und schreienden Eltern, ist der Schuldige schnell ausgemacht: Der Jud war’s! Ach nein, so darf man das ja seit 1945 nicht mehr sagen, also Israel und seine rachelüsternde Bevölkerung war’s! Gewaltspirale, Auge um Auge, Zahn um Zahn usw. Das alles bleibt weitgehend unwidersprochen. Also wird mobilisiert um auf Seiten des  vermeintlichen David für Frieden und Gerechtigkeit gegen den als Goliath identifizierten Stellung zu beziehen. Die Apologeten der Djihadisten, Islamisten, arabischen und türkischen Nationalisten gehen dann gemeinsam mit Linken, Friedensfeunden und Nazis auf die Straße um ihre obskuren Friedensvorstellungen zu preisen und ihrem Israel- und Judenhass freien Lauf zu lassen. Der Hass ist dermaßen überbordend, dass die Züge latent und akut gewalttätig daher kommen. Die Polizei, die 2009 Erfahrungen mit solchen Zusammenrottungen gemacht hatte, sollte also wissen, mit wem sie es zu tun hat.

In Frankfurt zog sie daraus eine Lehre. „Deeskalation“ hieß das Motto, man überließ das Mikro eines Polizeiwagens einem Aktivisten, die tobende Masse beruhigte sich darob zunächst, dann, der Wagen wurde nicht von den Demonstranten erobert, die Polizisten vertrieben, nein, die Polizei stellte weiterhin ihren Wagen den Demonstranten zur Verfügung. Mit Blaulicht tönten dann aus dem Lautsprecher des Polizeiwagens die sattsam bekannten Rufe: „Kindermörder Israel“, „Allahu akbar“.

Die gern behauptete Verantwortung vor der Geschichte, das besondere Verhältnis zu Israel, das sich der deutsche Staat und seine Repräsentanten gerne auf die Brust heften, die vermeintliche Staatsräson von der unbedingt zu verteidigenden Sicherheit Israels, das alles ist pure Heuchelei von denen, die gerne auf Empfängen Schnittchen und israelischen Wein konsumieren, die auf Staatsbanketten sich gerne dem Blitzlichtgewitter aussetzten, die Hände wichtiger Repräsentanten schütteln, die an den Gedenktagen bedeutungsschwangere Reden halten – all das ist heiße Luft verachtenswerter Wichtigtuer und das gilt nicht nur auf der bundespolitischen Ebene, sondern auch auf der Ebene der Länder und Kommunen. Gerade letztere brüsten sich gerne damit, Partnerstädte in Israel zu haben, Jugendaustausche zu unterstützen, Gedenksteine zu verlegen und einzuweihen, die jüdische Gemeinde vor Ort lobend zu erwähnen und Freude darüber auszudrücken, dass diese ja nunmehr wieder eine Anzahl an Mitgliedern haben wie damals, als dann plötzlich der Nationalsozialismus über Deutschland kam und die Juden verschwanden.

Politisches Engagement und effektives Vorgehen gegen die antiisraelische Boykottbewegung, gegen die Absicht des Irans Israel zu vernichten, gegen die terroristischen Gruppierungen Hamas und Hisbollah, gegen die scheinheilige und korrupte Regierung der Palästinensischen Autonomiebehörde, gegen den weit verbreiteten Judenhass in der arabischen Community, gegen die scheinheilige Friedensheuchelei der Friedensfreunde, gegen die merkwürdige Berichterstattung in den Medien und gegen die nach 1945 massiven antisemitischen Zusammenrottungen sieht anders aus.

Der Herr Carl hat eine Meinung

Nach der Entführung und auch nachdem klar war, dass die drei Jungs ermordet wurden, war die fast einhellige Reaktion der deutschen Medien widerlich. Geheuchelte Anteilnahme und die eigentliche Ermahnung an Israel, sich doch zurückzuhalten. Wichtige, auch als seriös geltenden Zeitungen, drückten durch die Verwendung des Begriffs „Siedlerkinder“ klammheimlich Verständnis für die Tat aus, machten die Opfer – vielleicht nicht direkt die Jungs -, aber doch deren Eltern und vor allem Israel für den terroristischen Akt verantwortlich. Die Verwendung des Begriffs „Siedlerkinder“ ist Ausdruck für die allgemein gültige Verurteilung Israels, das darauf besteht, dass auch Juden in einem Gebieten wohnen und leben sollen, dass vielleicht einmal ein arabischer Staat werden soll. Zu verhindern, dass in einem arabischen Staat Juden leben werden, dafür ist den politisch Verantwortlichen in den arabischen Ländern jedes Mittel recht – und in Europa besteht Verständnis dafür, dass die Wahl der Mittel skrupellos ist.

Die Nordhessische Zeitung HNA berichtet über Dinge, die in der Welt passieren auf den hinteren Seiten. Vorher wird viel über Wichtiges und Unwichtiges aus der Provinz berichtet. Im Teil über die internationale Politik kommen, sofern nicht einfach von der FAZ abgeschrieben wird, auch Redakteure und Journalisten zu Wort, zuletzt der „Herr „Carl über die Kriegsgefahr in Nahost“ (HNA, 03.07.14). Nein nicht der Herr mit K, – obwohl man es meinen könnte, nein, ein Herr Carl. Er lamentiert über die „Gefahr eines Krieges“. Mit diesem Satz bedeutet der Herr Carl seinen hunderttausenden Lesern, es gibt (noch) keinen, keinen Krieg. Tatsächlich weigern sich die arabischen Staaten (bis auf Ägypten und Jordanien, immerhin) bisher standhaft, mit Israel einen Friedensvertrag zu schließen, geschweige denn, den jüdischen Staat als solchen anzuerkennen. 1948 erklärten die arabischen Staaten Israel den Krieg – das war vor 66 Jahren. Auch den täglichen Beschuss Israels mit Raketen aus dem Gaza kann man wohl auch kaum als Zustand bezeichnen, der mit „Frieden“ zu umschreiben wäre.

Dann zählt Herr Carl „vier Jugendliche“, die „im Westjordanland“ ermordet wurden. Drei: Eyal, Gilad und Naftali wurden im Westjordanland entführt – viele Zeitungen schrieben verschollen, verschwunden … – und dann ermordet. Ein Jugendlicher, der 16-jährige Mohamed wurde in Jerusalem ermordet, doch Jerusalem ist die Hauptstadt Israels, der Tatort befindet sich also in Israel.

Ist der Herr Carl ist ein Ignorant oder ein Dummkopf?

Als die drei Jungs entführt wurden, waren halbgare Distanzierungen eines Teils der Verantwortlichen der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) zu hören, die der Fatah angehören, ein anderer Teil der Regierung, die Hamas äußerte offen Verständnis für den Terrorakt, wenn sie nicht gar für die Entführung verantwortlich gewesen ist. Dem in großen Teilen der arabischen Bevölkerung zu vernehmenden Jubel über diese Untat, traten die Regierungsoffiziellen der PA nicht entgegen. Die angesichts der Entführung vielfach in Israel (und anderswo) zu vernehmenden Rache- und Vergeltungsschwüre gegen Araber sind jedoch nicht offizielle Politik Israels, im Gegenteil, nachdem der Mord an Mohamed bekannt wurde, rief der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu alle Israelis dazu auf, „das Gesetz nicht in die eigenen Hände zu nehmen. Israel ist ein Rechtsstaat und jeder muss sich nach dem Gesetz richten.“ Die Strafverfolgungsbehörden sollen „so schnell wie möglich herausfinden, wer hinter dem verachtenswerten Mord … steckt.“ Bisher ist unklar wer hinter der Tat steht, auch ein krimineller Hintergrund wird von der Polizei nicht ausgeschlossen. Herr Carl weiß mehr, „ein krimineller Hintergrund [sei] ausgeschlossen“, es ginge hier um „das Prinzip Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Er suggeriert, dass der Mord an Mohamed eine Reaktion auf die Ermordung Eyals, Gilads und Naftalis gewesen sein könnte. Der Antisemitismus ist das Gerücht über den Juden und das antisemitisch konnotierte Vorurteil vom rachsüchtigen Juden spricht hier aus dem Herrn der Zeitung. Rache sei das leitende Motiv der Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästinensern, der durch eine „endlose Schlucht von Blut, Leid und Tränen“ führt. Starke Metaphern um eine vollkommen hirnlose Behauptung bar jeden Sinnes.

Im Nahen Osten gibt es gegensätzliche Interessen, die schwer zu vereinbaren sind. Der Konflikt ist durch einen tief sitzenden Antisemitismus seitens der arabischen Bevölkerung aufgeladen. Diese im arabischen Teil hegemoniale Ideologie blockiert sämtliche Friedensbemühungen und ist treibendes Motiv für die unerbittliche Haltung, keinen jüdischen Staat im Nahen Osten zu akzeptieren sowie treibendes Motiv des arabischen Terrors. Freilich gibt es auch auf israelischer Seite Extremisten, Rechtsradikale und Rassisten, diese finden in der israelischen Gesellschaft aber immer offenen Widerspruch. Sicherheitspolitische Hardliner wie Avigdor Liebermann und stramme Nationalisten wie Naftali Bennet sind weitgehend in die an einer Realpolitik orientierten Regierung Netanjahus eingebunden. Terroristische Aktionen israelischer Extremisten sind kein Bestandteil israelischer Politik und werden in Israel auch nicht geduldet, wenn man sich auch eine konsequentere Ahndung wünschen darf.

Herr Carl plädiert für einen Dialog, der „Verbrechen und Verzweiflung auf beiden Seiten“ überwinden soll. Welche Verbrechen auf beiden Seiten? Stellt Herr Carl die Entführung der drei Israelis mit der Ermordung Mohameds gleich? Ja, das tut er. Klar der Mord an eine Person ist immer ein Verbrechen. Der Mord an Mohamed ist genauso abscheulich wie der an Eyal, Gilad und Naftali. Dies muss man der israelischen Regierung und der großen Mehrheit der Israelis jedoch nicht erklären, im Unterschied zu dem Teil der Regierung, die dem Verbrechen offenen Beifall spendete. Es ist dies ein Teil einer Regierung, die als Einheitsregierung von Europa und den USA einhellig begrüßt und mit einem unaufhörlichen und unerhörten Geldfluss gesponsert wird. Eine Einheitsregierung aus Fatah und Hamas. Dies alles auf eine Ebene zu stellen ist Israel mit zweierlei Maß zu messen. Es ist der Standard der sogenannten Israelkritik, es ist das Vehikel des Antisemitismus, in einer gesellschaftlich akzeptierten Form einen Ausdruck zu finden. Sicherheitspolitik und Terror ist gleichermaßen zu verurteilen, nein der Terror ist ja der Schritt der Verzweifelten, also noch irgendwie zu rechtfertigen, die Verzweiflung rührt ja von der unbarmherzigen Politik der rachsüchtigen Israelis her, hier gehört dann die Mahnung zum Dialog her, wie der Korn zum Gedeck.

Ist der Herr Carl ein Ignorant oder ein Opportunist oder ein Dummkopf ?

Die Forderung nach einem Dialog im Nahen Osten ist so abgestanden, wie das Bier in einer Schneckenfalle nach sieben Tagen mit einem Dutzend aufgelöster Schnecken drin. Keine Forderung nach einem Dialog wird die Kontrahenten des Nahen Ostens auf einen Friedensweg bringen. Ein Friedensprozess wird nur dann erreicht werden, wenn die Europäer klipp und klar jede weitere Unterstützung der PA davon abhängig machen, dass diese ohne wenn und aber die antisemitische Propaganda in ihren Medien und Bildungsinstitutionen unterbindet, wenn sie die Unterstützung der PA davon abhängig macht, dass diese Israel als jüdischen Saat anerkennt, wenn der Tatbestand, dass Juden im Westjordanland leben, kein Skandal mehr ist, wenn die Hamas als Terrororganisation geächtet wird, wenn das Atomprogramm im Iran beendet wird und die islamistische Regierung im Iran (und in den anderen arabischen Staaten) durch eine demokratische abgelöst wird und wenn den Boykottbestrebungen in Europa gegen israelische Produkte deutlich entgegen getreten wird.

Aber was bringt das Ganze hier. Der Herr Carl wird sich von dieser Invektive nicht beeindrucken lassen, sofern er sie überhaupt registriert. Den hunderttausenden Lesern dieses opportunistischen Mitläufers oder Propagandisten des ganz normalen antiisraelischen Ressentiments in Nordhessen stehen ein paar hundert gegenüber, die diese Zeilen registrieren. Es gibt wichtigere und besser Informierte, die gegen den bundesdeutschen Mainstream anschreiben, aber auch sie erreichen wenig, selbst wenn sie in größeren Blättern wie „Die Welt“ oder gelegentlich auch mal wie im Tagesspiegel zu Wort kommen. Als Eyal, Gilad und Naftali entführt wurden, standen wir in Kassel mit einem guten Dutzend Menschen auf dem Opernplatz um unser Entsetzten über das Verbrechen gegen unschuldige Teenager und unsere Solidarität mit den Jungs, den Eltern und den Staat Israel zu bekunden. In anderen Städten waren es mehr, aber die Teilnehmerzahl erreichte nirgends eine dreistellige Zahl.

Sollte Israel sich dazu entscheiden, gegen die Infrastruktur und gegen vermutete Stellungen von Terroristen im Gazastreifen vorzugehen, härtere Maßnahmen gegen ebensolche im Westjordanland durchzuführen – es wird dazu kommen, dass wieder Leute in fünfstelliger Zahl, im Bündnis mit allen möglichen Wohlmeinenden und weniger Wohlmeinenden die Straßen füllen und vor einer Gewaltspirale mahnen, Rüstungslieferungen an Israel skandalisieren, Israel einen Terrorstaat nennen, Israel Nazimethoden vorwerfen, Israel als den ewigen Unruhestifter, als Kindermörder und Brunnenvergifter anklagen, „Juden raus!“ – nein „Stoppt die Siedlungspolitik!“ und „Kauf nicht beim Juden!“ – nein „Kauft nicht vom Siedler!“ rufen. Dass dies so ist, dazu trägt ein Herr Carl in Nordhessen bei, wie die vielen anderen größeren und kleineren Herren mit K und einer Meinung.

Ist der Herr Carl ein Antisemit oder hat er nur eine Meinung?

66 Jahre Israel – Mazal Tov!

Am 14. Mai 1948 – vor 66 Jahren – wurde Israel gegründet. Dieses Jahr wurde am 5. Mai der Unabhängigkeitstag (Yom Haatzma’ut) in Israel begangen. Das Datum des Festtages verschiebt sich in Israel jedes Jahr um ein paar Tage, weil der jüdische Kalender zugrunde gelegt wird.

Der Leiter der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der israelischen Botschaft Tal Gat hat anläßlich des 66. Jahrestages der Gründung Israels eine Rede in Ravensbrück gehalten. Ravensbrück ist am 30. April 1945 von Soldaten der Roten Armee befreit worden, das Konzentrationslager war jedoch bis auf ein paar Schwerkranke von den Nazis bereits geräumt worden. Die Anderen wurden auf einem Todesmarsch nach Westen getrieben. Am 3. Mai 1945 holten die sowjetischen Soldaten diesen Marsch ein und konnten den Rest der Übriggebliebenen befreien. Die Deutschen ermordeten in den Jahren 1939 – 1945 über 100.000 Menschen in Ravensbrück.

Ink_flag

Nie wieder! – Hier: Nicht nur leere Worte

Wir möchten die Rede Tal Gats dokumentieren, die in prägnanter Weise das auf den Punkt bringt, was einmal Detlev Claussen so zusammengefasst hat. „Wer von Israel spricht, thematisiert, ob er will oder nicht, die Massenvernichtung der europäischen Juden. Der Antizionismus suspendiert diesen Zusammenhang.“  Tal Gat suspendiert diesen Zusammenhang nicht, im Gegenteil – wie im Folgenden zu lesen sein wird:

„Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin sehr dankbar dafür, heute zu Ihnen sprechen zu dürfen. Dies ist alles andere als selbstverständlich.

In meiner offiziellen Funktion, als leitender Attaché der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Botschaft Israels in Deutschland, nehme ich an unzähligen Veranstaltungen und Begegnungen teil, bei denen wir, als Nachkommen der Täter und der Nachkommen der Opfer, die Brücke zu erneuern versuchen, die unsere beiden Völker verband. Wir stellen uns gemeinsam den Fragen nach Identität, nach Verantwortung und Verpflichtung. Gemeinsam versuchen wir, Begriffen wie zikaron und hantzacha, also Gedenken und Bewahrung – oder Verewigung – Bedeutung zu verleihen, und Lehren aus der Vergangenheit zu formulieren. Manchmal ist dies ein Dialog auf politischer und moralischer Ebene, und manchmal spielen auch ganz persönliche Perspektiven eine Rolle …“ weiter geht’s hier: Rede von Tal Gat in Ravensbrück am 4. Mai 2014.

Allen Zerstörungsphantasien zum Trotz, umgeben von einem Meer des Hasses und nach vielen Kriegen ist es Israel dennoch gelungen, zu überleben und Juden aus der ganzen Welt aufzunehmen und vor Verfolgung zu schützen. Darüber hinaus ist vor 66 Jahren nicht einfach irgendein Staat gegründet worden sie, sondern eine „lebendige Demokratie, die jedem ihrer Bürger – jüdischen wie nicht-jüdischen – Freiheit und Schutz garantiert.“ (Netanyahu)

Das ist etwas Einzigartiges im Nahen Osten, das auch viele arabische Bürger Israels zu schätzen wissen, wenn sie ihren Blick nach dem Libanon, nach Syrien, Jordanien, Ägypten, Saudi Arabien oder in die palästinensischen Autonomiegebiete richten. Meinungsfreiheit, regelmäßig demokratische Wahlen, Gleichberechtigung der Frauen, Religionsfreiheit und eine säkulare Ausrichtung der Gesellschaft, eine unabhängige Justiz und Gewaltenteilung, all das ist das wovon ein Teil der jungen arabischen Bürger und Bürgerinnen träumten, als sie in Tunesien, Ägypten und in Syrien auf die Straße gingen.

Doch Israel ist nicht nur ein freier, demokratischer und säkularer Staat, er ist auch ein jüdischer Staat. Israel ist die umgesetzte Utopie der zionistischen Bewegung, die sich Ende des letzten Jahrhunderts entfaltete und an Bedeutung gewann. Ziel war es, den in aller Welt verstreuten jüdischen Menschen eine Heimstatt zu schaffen und zum anderen ihnen einen sicheren und wehrhaften Zufluchtort zu geben, in dem sie ein für alle mal, vor antisemitischer Verfolgung geschützt sind. Gerade in Deutschland ist es daher wichtig auf diesen Umstand der Gründung Israels aufmerksam zu machen und Israel und den dort lebenden Menschen für die Zukunft viel Glück, Erfolg, Sicherheit und Frieden zu wünschen.

Unser Flugblatt: 66 Jahre Israel
Unser Aufsteller: 1948

Das BgA-Kassel wird am 14. Mai 2014 ab 16.30 Uhr in Kassel am Opernplatz mit einem Stand präsent sein. Wir wollen über den 66. Jahrestag der Gründung des Staates Israel informieren und auf die Erfolgsgeschichte dieses Staates anstoßen.

Am 14. Mai findet an vielen anderen Orten in Deutschland der Israeltag statt, federführend ist der ILI – I Like Israel e.V..

im Wind

Friedensverhandlungen und der unerklärte Krieg gegen Israel

Vortragabend mit Tilman Tarach

Die seit mehreren Monaten andauernden Versuche des US-amerikanischen Außenministers John Kerry, einen Modus-Vivendi zwischen der israelischen Regierung und der Autonomiebehörde zu erreichen, um ernsthafte Friedensgespräche auf den Weg zu bringen, scheinen gescheitert zu sein. Nachdem, entgegen vorheriger Verabredungen, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Mahmud Abbas die Aufnahme der PA in weiteren UN-Behörden anstrebte, um so den Status der Autonomiegebiete als Staat voranzutreiben, hat Israel die Freilassung weiterer, häufig als Mörder, Terrorattentäter und -unterstützer überführter und verurteilter, Palästinenser auf Eis gelegt.

Vor einigen Tagen verkündete Abbas, dass er den Staat Israel als jüdischen Staat nicht anerkennen wird. Flankiert wird diese Haltung mit der Forderung nach dem so genannten Rückkehrrecht. Beides ist Ausdruck dafür, dass Israel seitens der politischen Vertreter der PA entgegen aller Lippenbekenntnisse noch immer faktisch keine Anerkennung findet. (Von der im Gaza regierenden Hamas wollen wir an dieser Stelle schweigen.)

Mehr oder weniger dauernd wurden die Verhandlungsrunden von einem unaufhörlichen Raketenfeuer aus dem Gazastreifen auf Israel begleitet. Nun hat Israel darauf reagiert und die Stellungen der palästinensischen Milizen im Gaza bombardiert. In der HNA heißt es am 05.04.14: „Israel greift wieder im Gazastreifen an.“

Unabhängig dieser Begebenheiten wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass die jüdische Siedlungstätigkeit im Westjordanland – die faktisch Wohnungsbaumaßnahmen im Gebiet um Jerusalem sind – das Hindernis für einen Frieden schlechthin seien.

Die ganze Situation spitzt sich für Israel dahingehend zu, dass Europa und zunehmend auch die USA bereit sind, Israel mit verschiedenen Maßnahmen unter Druck zu setzten – offensichtlich um einen Frieden um jeden Preis zu erreichen. Angesichts der politischen Ziele der palästinensischen Kräfte im Nahen Osten würde dies jedoch eine noch bedrohlichere Situation für den jüdischen Staates heraufbeschwören, als dies jetzt schon der Fall ist. Schon 1976 schrieb der Schriftsteller Dürrenmatt zur allgemeinen Haltung gegenüber Israel: „In Wirklichkeit wird jedoch schon das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen, daß es beinahe einer Kriegserklärung gleichkommt.“ Eine Feststellung, die nach wie vor Aktualität hat.

Im Vortrag wird Tilman Tarach über die Geschichte Israels und die Bedeutung der Friedensverhandlungen referieren.

Der Vortrag findet am Donnerstag, den 10.04.2014 um 19.00 Uhr im Philipp-Scheidemann-Haus satt.

Der Aufstieg des Faschismus und die Ablehnung des jüdischen Staates

Eine kleine Randnotiz in der Lokal-Postille (HNA) meldete vorgestern, dass die arabischen Staaten Israel als jüdischen Staat ablehnen. Gleiches tat vor ein paar Tagen Mahmud Abbas vor dem „Revolutionsrat“. In der deutschen Presselandschaft wurde daraufhin nicht etwa vermeldet, dass ein Frieden im Nahen Osten aufgrund dieser arabischen Haltung unmöglich sei oder dass die Friedensdiplomatie des US-amerikanischen Außenministers Kerry an der arabischen Haltung endgültig gescheitert ist. Dieses wird erst dann wieder geschlussfolgert, wenn ein Häuserblock für jüdische Bewohner im Westjordanland errichtet wird, oder wenn israelische Truppen auf den unaufhörlichen Beschuss aus dem GAZA reagieren.

In Frankreich ist der rechtsextreme Front National auf Erfolgskurs, in Griechenland spielt die faschistische Partei Morgenröte eine wichtige Rolle bei der Artikulation von Unzufriedenheit der Massen. Die Massenbewegung in der Ukraine, die den Sturz des Janukowitsch-Regimes bewirkte, stützte sich auf bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Kräfte, Kräfte, die sich bis in jüngste Zeit auch dezidiert antisemitisch äußerten und die auf eine lange Tradition des praktizierten Judenmords zurückblicken können. Angesichts dieser Konstellationen wird erneut deutlich, dass bei der Delegitimierung linker oder rechter staatstragender Parteien in der kapitalistischen Krise oder bei einem Zusammenbruch staatlicher Strukturen nicht die menschliche Emanzipation auf der Tagesordnung steht, sondern der antisemitische Mob und/oder deren parlamentarischer Flügel.

Die Propaganda Russlands, die den Antisemitismus der Anti-Janukowitsch-Bewegung anklagte, bedeutet allerdings nicht, dass Russland wegen angezündeter Synagogen oder bedrohter Rabbis und/oder sich als Juden erkenntlich zeigender Passanten in die Ukraine einmarschiert, das Interesse Russlands galt der Krim, dort wo die Hauptbasis der russischen Schwarzmeerflotte liegt und wo eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung sich Russland zugehörig fühlt – die Lage aber, bis zum Eintreffen russischer Bewaffneter ruhig geblieben war. Auch vom Westen kann nicht erwartet werden, dass wegen solcher Tendenzen Sanktionen gegen die Ukraine ausgesprochen werden, dass die Konten der Swoboda-Partei eingefroren werden, oder deren Vertreter zur Persona non grata erklärt werden. Wie die EU auf solche Tendenzen reagiert, ist seit Jahren in Ungarn zu beobachten und wird gegenüber des Front National nicht anders sein.

Den einzigen Schutz, auf den sich Juden verlassen können ist Israel. Doch nicht erst die oben angesprochenen Erklärungen arabischer Politiker zeigen, dass der Staat Israel (nicht nur) bei seinen Nachbarn unerwünscht ist. Diese Situation ist ein Kontinuum in der Geschichte dieses Landes, wie es auch die Interpretation ist, in Israel den Schuldigen zu sehen, wenn ein Friedensschluss im Nahen Osten in weiter Ferne zu liegen scheint. Diese Interpretation wird von einer breiten Front getragen und propagiert, die bei denen anfängt, die sich offen als Feinde Israels zu erkennen geben, bis hin zu denen, die sich als Freunde Israels ausgeben.

J.D.

Antisemitismus in der konformistischen Revolte, der Frieden und die prekäre Lage Israels

Die Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus hat in der Auseinandersetzung um die Ukraine eine wichtige Rolle gespielt. Der Aufstand gegen die ukrainische Regierung unter Janukowitsch war vor allem auch deswegen erfolgreich, weil die Massenbewegung des Maidan Unterstützung durch bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Gruppierungen fand, die in der Ukraine eine lange und schreckliche Tradition haben. Russland und andere um den Weltfrieden besorgte Kräfte warn(t)en vor Antisemitismus und Faschismus, so dass man sich verwundert die Augen reibt, waren diesen das Schicksal der lebenden Juden doch bisher eher gleichgültig, bzw. taten und tun diese sich in der Vergangenheit und Gegenwart besonders dadurch hervor, die Feinde des jüdischen Staates unter besondere Protektion zu stellen und den jüdischen Staat zu delegitimieren. Die Beteiligung der extremistischen und antisemitischen Kräfte am Aufstand und an der ukrainischen Übergangsregierung hat auf der anderen Seite Politiker der EU und der USA – wenn überhaupt – zu bisher eher lauwarmen Erklärungen veranlasst, von einer gebotenen Isolierung und Ächtung dieser Kräfte, gar von Sanktionsdrohungen, sollten diese Kräfte an der Regierung beteiligt bleiben, keine Spur.

Andere versuch(t)en sich in Zweckoptimismus und geben sich der Hoffnung hin, dass der Einfluss von Antisemiten und extremen Nationalisten in der Ukraine (und anderswo in Europa) begrenzt bleibt. Einige hoffen, dass auf die Erklärung der ukrainischen Nationalisten, sich ihrer antisemitischen Tradition entledigt zu haben, Verlass ist und dass es die demokratischen Kräfte sein werden, denen die Zukunft in der Ukraine gehört. Obwohl Israel die in dieser Situation einzig bedeutsame Erklärung abgab, dass für die bedrohten Juden die Möglichkeit der Emigration nach Israel und in der Schulung in Selbstverteidigung besteht, geriet der nahe liegende Zusammenhang von der Bedeutung Israels für die Sicherheit des jüdischen Individuums angesichts einer manifesten antisemitischen Drohkulisse nie in den Blick der sich häufig als Freunde Israels gerierenden Regierungsvertreter der EU-Staaten.

Angesichts aufbegehrender Massen in einer konformistischen Revolte ist es um den Schutz insbesondere des jüdischen Individuums traditionell schlecht bestellt. Die Aufstände in den arabischen Nationen, die Zuspitzung der kapitalistischen Krise in Griechenland, die in Europa und auch in Deutschland zu beobachtenden Protestformen und die sie begleitenden ideologischen Rechtfertigungen verweisen darauf, dass die Ukraine nicht die letzte Gesellschaft gewesen ist, in der es zum Aufbegehren der Massen gekommen ist, das sich gegen die für das Individuum existentiell bedrohlichen Erscheinungen der kapitalistischen Moderne richtet, ohne deren Grundlagen in Frage zu stellen. Die Geschichte beweist, es ist häufig nur ein kurzer Schritt vom konformistischen Massenprotest zum Pogrom. Seit Jahrhunderten suchten die Juden – nicht immer vergeblich – den Schutz bei den Mächtigen und setzten – fast immer vergeblich – auf die Hoffnung, dass die Vernunft gegenüber der Raserei Oberhand behielte. Auch die Hoffnung auf die Proklamation der Bürgerrechte, auf den demokratischen Staat oder dessen Pendant, den sozialistischen erwies sich als Illusion. Es sind eben nicht nur die rasenden Massen, die zur Gefahr werden und die ggf. vom Staat noch in die Schranken gewiesen werden könnten. Weil die Politik kapitalistischer Krisenbewältigung zur Delegitimierung staatstragender Parteien des demokratischen Spektrums führen muss, entwickelt sich auch das, u.a. im Wahlverhalten Ausdruck suchende, Unbehagen sich sonst eher passiv verhaltener Massen, zu einer besorgniserregenden Situation des Bedeutungszuwachses rechtsextremer Parteien, die in der Regel mit dem verharmlosenden Begriff des Rechtspopulismus belegt werden, ohne dabei zu reflektieren, dass die populistischste Partei der Rechten die NSDAP war. Die Entwicklung in Frankreich kann einem daher nur Angst und Bange machen. Ebenfalls ist nicht ausgemacht, dass es in Deutschland „nur“ bei der bisherigen Paktiererei staatlicher Exekutivorgane mit Naziterroristen bleibt. Auch sonst ist die Situation in Europa nicht beruhigend

Israel ist der notwendig staatlich gewordene Ausdruck für die bittere Lehre, dass nur die Organisation der Selbstverteidigung eine Gewähr für das Überleben der Juden bietet. Insofern ist dieser Staat ein ständiges Ärgernis des in seiner latenten und manifesten Daseinsform existierenden Antisemitismus und so spielt die „Suche nach einer Lösung des Nah-Ost-Konflikts“, die Israel als handelndes Subjekt oder gar in Gänze in Frage stellt, eine zentrale Rolle seit der Gründung dieses Staates. Schon 1967 stellte der Dichter Dürrenmatt fest, dass das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen wird, dass dies „beinahe einer Kriegserklärung“ an Israel gleichkommt. Gemeinsamer Nenner dieser Friedensdiskurse ist, dass die israelische Politik und die israelischen Interessen zu zentralen Problemen erklärt werden und im Kleinbeigeben des „Störenfrieds“ Israels die Schlüsselrolle für eine friedvolle Zukunft des Nahen-Ostens gesehen wird. Und so sieht sich die israelische Regierung einem besonderen Druck der so genannten Friedensdiplomatie ausgesetzt. Die EU und auch die USA – so scheint es – wollen endlich „Ruhe“ im Nahen Osten und stellen sich der im Nahen Osten nach wie bedeutsamen Option von der Eliminierung Israels – für die insbesondere die Politik des Irans steht – gegenüber zunehmend taub. Es wird alles daran gesetzt, dass Israel einer „Endlösung“ zustimmt, die zur Preisgabe sicherheitspolitischer Interessen Israels und seiner Rolle als Nation, die das Schicksal in den eigenen Händen behält, führen wird. Die Möglichkeit den vom Antisemitismus bedrohten Juden eine sichere Heimstatt zu bieten wird somit die Grundlage entzogen.

Insofern sind sowohl der Antisemitismus in der Ukraine, in Ungarn und anderswo als auch die Ignoranz oder Beschwichtigung diesem gegenüber* sowie die Versuche der Entmündigung des israelischen Staates in der Friedensdiplomatie gleichermaßen ideologischer Ausdruck einer Gesellschaftsform, in der nicht die revolutionäre Umwerfung der verkehrten Verhältnisse auf der Tagesordnung steht sondern die institutionalisierte Krisenbewältigung und/oder die konformistischer Revolte. Dass sich in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands alle Spielarten dieser Ideologie wiederfinden – Gerhard Schröders Putinapologie, Frank-Walter Steinmeiers nassfrosche Ignoranz der Schlägertrupps auf dem Maidan und Siegmar Gabriels  und Martin Schulz‘ Schelte Israels – verdeutlicht diesen Zusammenhang.

* die Warnung vor Antisemitismus und Faschismus der russischen Regierung und Medien sind instrumenteller Natur und haben daher keine andere Qualität als die weitgehende Ignoranz vieler Regierungsoffizieller in den EU-Staaten gegenüber den antisemitischen Strömungen.

J.D.

Das Bündnis gegen Antisemitismus lädt am 10.04.2014 zu einer Veranstaltung mit Tilman Tarach ein. Dort soll die Rolle der Friedensverhandlungen vor dem Hintergrund der israelischen Geschichte diskutiert werden.

Israels Position zum Genfer Abkommen P5 + 1

Das Genfer Abkommen der P5+1 mit Iran zeigt, trotz aller Gedenkzeremonielle anlässlich des 9. November, auf Deutschland ist kein Verlass! In den Medien wird dieses Abkommen als großer Erfolg gefeiert und erfährt international größtmögliche Aufmerksamkeit. Israels Position wird, ohne dies näher zu begründen, als massive Contra-Haltung dargestellt. Im Folgenden geben wir ungekürzt eine Sonder-Nachricht der israelischen Botschaft wieder, die die Position Israels zum Genfer Abkommen nach der Stellungnahme des Ministerpräsidenten Binyamin Netanyahu und des Botschafters Yakov Hadas-Handelsman umfassend und substantiell argumentativ erläutert. Wir bitten alle, die diese lesen, sie zu verbreiten:

Grundsätzlich zieht Israel eine diplomatische Lösung des Atomkonflikts Irans mit der internationalen Gemeinschaft vor. In diesem Zusammenhang ist der Erfolg der bisherigen Sanktionspolitik hervorzuheben, die den Iran an den Verhandlungstisch gebracht hat. Nun kommt es darauf an, das angesetzte Ziel – nämlich den vollständigen Abbau des Atomprogramms  – nicht aus den Augen zu verlieren. Kompromisse und das lediglich vorübergehende Aussetzen des Atomprogramms widersprechen allen bisherigen Bedenken der internationalen Gemeinschaft, dem iranischen Regime potentiellen Zugriff auf Atomwaffen zu ermöglichen.

Bei der Eröffnung der wöchentlichen Kabinettssitzung sagte Ministerpräsident Netanyahu am Sonntag (24.11.): „Was gestern Abend in Genf erreicht wurde, ist kein historisches Abkommen; es ist ein historischer Fehler. Die Welt ist ein gefährlicherer Ort geworden, weil das gefährlichste Regime der Welt dem Besitz der gefährlichsten Waffe der Welt entscheidend näher gekommen ist. Zum ersten Mal haben die führenden Mächte in der Welt der Urananreicherung im Iran zugestimmt, und damit die Entscheidungen des UN-Sicherheitsrates ignoriert, dem sie selbst vorstehen.

Die Sanktionen, die über viele Jahre mühsam etabliert wurden, bieten das beste Mittel für eine friedliche Lösung. Diese Sanktionen wurden zugunsten kosmetischer Zugeständnisse des Iran preisgegeben, die innerhalb von Wochen rückgängig gemacht werden können.

Trotz aller Reden, aus der Geschichte zu lernen, von Deutschland hat Israel nichts zu erwarten, wenn es gilt, die iransische Bombe zu verhindern.

Trotz aller Reden, aus der Geschichte zu lernen, von Deutschland hat Israel nichts zu erwarten, wenn es gilt, die iranische Bombe zu verhindern. Verlass ist auf diese Damen hier, sie stehen stellvertretend für die, die unsere kompromisslose Solidarität benötigen!

Das Abkommen und seine Folgen bedrohen viele Länder, natürlich einschließlich Israels. Israel ist nicht an dieses Abkommen gebunden. Das iranische Regime ist entschlossen, Israel zu zerstören und darum hat Israel das Recht und Pflicht, sich selbst gegen jede Bedrohung zu verteidigen. Als Ministerpräsident Israels möchte ich klarstellen: Israel wird nicht zulassen, dass der Iran Atomwaffen erlangen kann.“

Im Rahmen der Verleihung des EMET-Preises sagte Ministerpräsident Netanyahu später: „Je mehr wir über die Details des Abkommens erfahren, desto deutlicher wird, wie schlecht und gefährlich es für die Welt, die Region und Israel ist. Der Iran erhält Milliarden von Dollar durch die gelockerten Sanktionen, ohne einen echten Preis dafür bezahlen zu müssen. Außerdem bekommt der Iran die schriftliche Genehmigung, die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates zu verletzen. Dieses Abkommen befreit den Iran in erheblichem Maße von dem Druck, unter dem er stand und verleiht ihm die internationale Legitimität, das Atomprogramm fortzuführen. Dies ist ein schlechtes Abkommen.“

Der Botschafter des Staates Israel in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, legte im Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin heute ebenfalls die israelische Position zum Abkommen dar. Das Interview finden Sie hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2035046/Israel:-Zu-gro%C3%9Fe-Kompromisse-mit-Iran

Im Folgenden Israels Argumente hinter den Schlagzeilen in Bezug auf das Genfer Abkommen:

Es handelt sich bei dem Genfer Abkommen um die beispiellose internationale Anerkennung des iranischen Atomprogramms zur Urananreicherung, denn mit dem Genfer Abkommen wird der Iran seine Fähigkeiten zur Urananreicherung vollständig beibehalten – sowohl in der ersten 6-monatigen Phase, innerhalb welcher alle beteiligten Parteien Maßnahmen ergreifen, als auch im letzten Schritt, wenn die endgültige Verständigung über das Atomprogramm Irans erfolgt. Das bedeutet konkret, dass zum ersten Mal seit Beginn der Verhandlungen im Jahr 2003 die internationale Gemeinschaft Irans Atomprogramm akzeptiert und nicht fordert, dass es vollständig gestoppt wird. Diese Haltung widerspricht der langjährigen Politik zum vollständigen Programmstopp, welche auch in zahlreichen UN-Sicherheitsratsresolutionen enthalten ist.

Die Bestandteile des Abkommens lassen jede Forderung nach dem Abbau des Schwerwasserreaktors Arak vermissen. Das Abkommen erwähnt lediglich die Notwendigkeit, Bedenken bezüglich des Reaktors  zu formulieren. Damit wird dem Iran de facto die Möglichkeit gegeben, die Anlage weiterhin zu betreiben,  was bspw. zwingend notwendig zur Produktion von waffenfähigem Plutonium ist.

Auch erlaubt das Abkommen dem Iran weiterhin im Bereich der Zentrifugenforschung aktiv zu sein, was dem Iran erlauben wird, seine Anreicherungsfähigkeiten in Einklang mit dem Abkommen dennoch massiv auszubauen und zu stärken. Das heißt konkret, dass der Iran in einer besseren Ausgangsposition sein wird, Uran anzureichern, wenn er dies beschließt.

Ein zusätzlicher Aspekt, der zu bedenken ist, ist, dass der bestehende Vorrat von bis 5% angereichertem Uran bestehen bleibt, was derzeit 7 Tonnen Uran entspricht, und ihn nicht auszubauen. Obwohl das Abkommen erfordert, dass der Iran in der ersten Phase sämtliches in Natanz und Fordow produzierte, schwach angereicherte Uran (LEU = low enriched uranium) in Oxid umwandelt, hängt diese Umwandlung von der Verfügbarkeit der entsprechenden Umwandlungseinrichtungen ab.

Angesichts der iranischen Strategie der Zeitgewinnung wäre es keine Überraschung, wenn der Iran weiter Material ansammelt, noch vor dem Inkrafttreten der ersten Phase und darüber hinaus.

Das Abkommen versetzt Iran zudem in die bedenkliche Lage, jederzeit die in den kommenden sechs Monaten geforderten Maßnahmen rückgängig zu machen, da das Abkommen keine Forderungen bspw. dahingehend erhebt, die Anlagen abzubauen. Da die nukleare Infrastruktur vollständig erhalten bleibt, kann Iran jederzeit die Anlagen in vollen Betrieb nehmen.

Ein weiterer bedenklicher Aspekt des Abkommens ist die militärische Dimension, die vollständig vernachlässigt wird. Es werden in dem Abkommen in keiner Weise von Iran Informationen, Antworten, oder Zugang zu den militärischen Dimensionen des iranischen Atomprogramms gefordert. Das eigentliche Kernproblem des Atomkonfliktes liegt doch darin, dass der Iran die Produktion von Atomwaffen betreibt. Dass davon keine Rede ist, lässt in einem Abkommen, welches vor allem das Vertrauen in die friedvollen Absichten Irans schaffen soll, große Bedenken aufkommen.

Zudem unterminieren die Lockerungen der Sanktionen den mit ihnen auf den Iran ausgeübten Druck. Dass Iran letztlich an den Verhandlungstisch gebracht wurde, ist der Erfolg der verhängten Sanktionen. Diese Sanktionen nun ohne relevante Zugeständnisse seitens Irans zu lockern ist extrem kontraproduktiv, da Iran nun keine Veranlassung hat, relevante Einschränkungen seines Atomprogramms zu akzeptieren.

Vor allem mag im privaten Wirtschaftssektor das Abkommen als Signal gesehen werden, dass Iran auf dem Weg aus der internationalen Isolation heraus ist. Das kann dem Handel mit Iran neuen Aufschwung verleihen.

Die große Gefahr bei Interimsabkommen, wie es die ersten sechs Monate des Genfer Abkommens darstellen, liegt darin, dass sie zu einem Dauerzustand werden können. Dadurch würde verhindert, dass hinter der Fassade des Abkommens die ursprünglichen und tatsächlichen Konfliktpunkte konkret angegangen oder nachhaltig gelöst werden. Angesichts der vorgetragenen Beobachtungen wird deutlich, dass dem Iran mit internationaler Zustimmung der Weg bereitet wird, eine Atommacht zu werden.

Wir hoffen,  Ihnen Israels Bedenken verdeutlicht zu haben, die in der aktuellen Berichterstattung verkürzt dargestellt werden.

Alle vorangehenden und weiterführenden Stellungnahmen und Hintergründe der Position Israels zu Iran finden Sie auch unter diesem Link:

http://mfa.gov.il/MFA/FOREIGNPOLICY/IRAN/Pages/default.aspx