Über den 22. Juni und die Erinnerung

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Das Bild zeigt Moskauer Bürger, wie sie am 22. Juni 1941 der Ankündigung des sowjetischen Rundfunksender über den deutschen Angriff zuhören. Der Fotograph dieses Bildes, Jewgeni Chaldej, notierte in seinem Tagebuch: „Wir begriffen, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.“

Jewgeni Chaldej  war Sohn einer jüdischen Familie aus der Ukraine. Seine Mutter wurde 1918 während eines Pogroms ermordet, er selbst schwer verletzt. 1941 oder 1942 wurden sein Vater und drei seiner Schwestern von den Deutschen ermordet. Chaldej war von 1941 bis 1945 offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee. Von Chaldej stammt das berühmte Bild der Rotarmisten auf dem Reichstag, die die sowjetische Fahne hissten. 1948 wird Chaldej aufgrund seiner jüdischen Herkunft bei der TASS entlassen.

Spuren im Sand

Spuren im Sand

„Deine Spuren im Sand“ heißt ein Schlager. Wie so oft, verbirgt sich in harmlos und unschuldig daherkommenden Metaphern deutscher Schlager das Grauen und verdeutlichen damit den Stellenwert der Erinnerung an das deutsche Morden mehr als alle Erinnerungsstätten in Deutschland.

„Die Menschen … betraten die schnurgerade, von Blumen und Tannen gesäumte Allee, …, die zur Mordstätte führte. … Der Weg war mit weißem Sand bestreut, und die da mit erhobenen Händen vorwärts gingen, erblickten in diesem Boden die frischen Abdrücke nackter Füße: kleine von Frauen, winzige von Kindern und schwere Abdrücke von den Alten. Diese flüchtigen Spuren im Sand waren alles, was von den Tausenden übriggeblieben war, die erst vor kurzem genauso über diese Straße gezogen waren, wie es jetzt die nach ihnen gekommenen viertausend Menschen taten und wie, wiederum zwei Stunden später, es noch Tausende tun würden, … Die Menschen gingen, wie andere gestern oder vor zehn Tagen gegangen waren und morgen oder in 50 Tagen gehen würden – so wie alle, die diese ganzen 13 Monate lang dahinzogen, in denen die Hölle von Treblinka existierte.“

Das schrieb der Journalist der Roten Armee Wassili Grossman in seinem Bericht „Treblinka“, der zusammen mit Konstantin Simonows Bericht über das Vernichtungslager Majdanek in einem Bändchen auch in deutscher Sprache 1945 publiziert wurde. Grossmans Text sollte auch im Buch „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetische Juden“ publiziert werden. Das Schwarzbuch war eine Sammlung von Dokumenten über den Mord der Deutschen an den sowjetischen Juden, das von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegeben werden sollte. Die Herausgabe dieses Buches war in der Sowjetunion nicht möglich. Erstmals gab es eine Ausgabe der russischen Fassung 1980 in Jerusalem. Das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAFK), dass diese Dokumentation veranlasste, wurde 1948 aufgelöst. Viele wichtige Mitstreiter des JAFK wurden während Stalins Herrschaft bis 1952 umgebracht.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion war die zwingende Folge der Naziideologie. In der Herrschaft der Bolschewiki sahen die Nazis eine Seite der Inkarnation der „jüdischen Weltherrschaft“*. Der Begriff „Jüdischer Bolschewismus“ war ein gebräuchliches Schlagwort in der Naziterminologie und wichtiger Bestandteil in der Ideologie des Nationalsozialismus. Schon nach dem Ersten Weltkrieg gehörte diese Propagandaformel zum Standardrepertoire der Nazis und extremen Rechten in Europa.

Dieser wesentliche Bestandteil der Naziideologie bestimmte daher auch das Vorgehen der deutschen Streitkräfte im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Die Begriffe Bolschewik, Jude und Partisan wurden gleichgesetzt. Gefangene Kommunisten (Kommissare) der Roten Armee und Juden (Zivilisten und Angehörige der Roten Armee)  wurden im deutschen Herrschaftsbereich von deutschen Sicherheitskräften gezielt ermordet. So wie der Antisemitismus zentraler Bestandteil der Naziideologie war, so war die Vernichtung der Juden eines der wichtigsten Ziele des deutschen Ostfeldzuges.**

Obwohl viele Sowjetbürger, unter ihnen auch viele Juden, den Kampf gegen die Nazibarbarei als antifaschistischen Kampf*** ansahen, setzte die stalinistische Führung auf die Mobilisierung vor allem des russischen Nationalismus und Patriotismus. Gleichwohl war in der sowjetischen Propaganda auf allen Ebenen permanent die Rede vom Kampf gegen den Faschismus. Der Begriff war Ausdruck der Dimitroffschen These vom Faschismus, der den Faschismus nur als besonders brutale Herrschaftsform des Kapitalismus erklärte. Angesicht der konkreten Barbarei, die von den deutschen Einheiten verübt wurde, war für viele Bürger der Kampf gegen die Sowjetunion keine Frage, doch es verbanden auch viele diesen Kampf nicht nur als einen für die Heimat, sondern auch einen explizit gegen den deutschen Nazifaschismus und mit einer Vorstellung von einer besseren Welt und Zukunft. Im Gegensatz zur Dimitroffschen These füllten sie somit den Begriff Antifaschismus mit konkreten Inhalten.

Dass der deutsche Krieg nicht nur für die Sowjetunion, sondern insbesondere für die Juden in ganz Europa eine existenzielle Bedrohung war, wurde in der offiziellen Diktion der Sowjetunion jedoch ignoriert. Für viele Juden war diese Bedrohung hingegen von Beginn an klar. Sie stellten sich wie viele Sowjetbürger dem deutschen Angriff entgegen. Das JAFK sammelte sogar im Ausland Geld und warb für den Kampf der Sowjetunion. Doch im Zuge der in der Sowjetunion nach 1945 initiierten antizionistischen und antisemitischen Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wurde die Erinnerung sowohl an den Massenmord an den Juden als auch an den Beitrag der Juden im Kampf gegen die Deutschen unterdrückt. ****

Auch in der, in Deutschland und anderen Ländern sich zunehmend durchsetzenden Interpretation des Krieges gegen die Sowjetunion, als ein Kampf zweier blutrünstiger Diktatoren oder zweier totalitärer Systeme, gerät die Interpretation des Kampfes gegen das Nazireich als ein antifaschistischer und die Bedeutung des Antisemitismus in der Naziideologie zunehmend in den Hintergrund. Diese Interpretation trägt dazu bei, dass zum einen der Antifaschismus vieler Rotarmisten und Partisanen in der Interpretation ihres Kampfes keine Rolle spielt, und dass z.B. Ukrainer und Balten als Opfer stalinistischer Repression und des deutschen Nazifaschismus gleichermaßen angesehen werden. Deren massenhafte Beteiligung am Kampf gegen Deutschland in der Roten Armee und in den Verbänden der Partisanen passt auch da nicht in das wohlfeile Geschichtsbild. Für den simplifizierenden Totalitarismus der mit einem unbestimmten Begriff von der Gewaltherrschaft hausieren geht, kann der Antifaschismus der vielen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus nur Ausdruck herrschender Sowjetideologie sein und wird folglich zunehmend diskreditiert. Völlig sinnentleert wird der Antifaschismus als treibendes Element aber auch im gängigen Gebrauch russischer Erinnerungspolitik.

Die Ignoranz des Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie und des deutschen Krieges im Osten im nach 1945 vorherrschenden Antifaschismus (zunächst in der DDR und in Deutschland nach 1989 in den diversen Bewegungen) trägt bis heute dazu bei, dass zum einen die ermordeten Juden als eine Opferkategorie unter vielen subsumiert werden und zum anderen, das Wesen der Naziideologie nicht zu begreifen. Der Ostfeldzug wird in diesem Zusammenhang als extremes Beispiel des Imperialismus begriffen, was wiederum das Unvermögen erklärt, die Kriegshandlungen der Alliierten (und vieler Partisanen) als praktischen und den einzig wirksamen Antifaschismus zu begreifen und eben nicht als Antiimperialismus (den man praktischer Weise von der Roten Armee dann alleine vertreten sieht – und somit die wichtige Rolle der Westalliierten im Kampf gegen Nazideutschland gleich mit erledigt).

* Die andere Seite sahen sie in der „kapitalistischen Plutokratie“ und „Herrschaft des Finanzkapitals“.
**  Es ging aber auch um die Eroberung von „Lebensraum“. Dazu sollten die Bewohner der Sowjetunion hinter den Ural vertrieben und durch Aushungern erheblich  dezimiert werden.
*** Diesem Kampf setzte Wassili Grossman mit seinem zweiteiligen Roman „Die Wende an der Wolga“ und „Leben und Schicksal“ ein beeindruckendes Denkmal. Der zweite Teil seines Romans konnte zu Lebzeiten Grossmans in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden.
**** In der Rote Armee kämpften neben vielen anderen auch viele Balten und Ukrainer. In der Instrumentalisierung der Erinnerung an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg im Dienste eines russischen Chauvinismus gerät dies zunehmend in Vergessenheit.

Jews in the Red Army

Tote auf Zwangsarbeit – Zum Aufstand der Sonderkommandos in Auschwitz vor 70 Jahren

„Wir sind Tote auf Urlaub“, rief der Kommunist Eugen Leviné seinen Richtern zu, die ihn 1919 in München zum Tode verurteilten und erschießen ließen. Sein Spruch wurde zum geflügelten Wort, wähnten sich die Kommunisten im revolutionären Klassenkampf auf der Abschussliste des weißen Terrors, aber auch als diejenigen, denen die Zukunft gehören sollte. Während der revolutionären Aufstände in Deutschland in den Jahren 1918 – 1923 wurden tatsächlich tausende Kommunisten, aber auch Anarchisten, Sozialisten, Freigeister und andere Revolutionäre von den marodierenden Freikorpssoldaten, denen die sozialdemokratische Reichsregierung dabei freie Hand ließ, erschossen und erschlagen. Nach der Niederschlagung der Aufstände wurden Kommunisten in der Weimarer Republik zwar immer wieder drangsaliert, aber weder systematisch verfolgt noch gar mit dem Tode bedroht. Das änderte sich erst nach 1933. Kommunisten wurden vom NS-Regime systematisch verfolgt, nach und nach wurde ein großer Teil der Parteimitglieder der KPD in Zuchthäuser und Konzentrationslager überstellt, viele von ihnen ermordet. Besonders die Konzentrationslager dienten dazu, die Gegner des Nationalsozialismus zu terrorisieren und unter unmenschlichen Bedingungen zu inhaftieren um so die Unbeugsamen unter ihnen zu brechen und zu dezimieren. Diese Tatsache trug dazu bei, dass der Charakter des NS-Regimes in der Sichtweise der KPD als ein gegen den revolutionären Teil der Arbeiterbewegung gerichtetes terroristisches Instrument der herrschenden Klassen wahrgenommen wurde. Die Konzentrationslager galten, neben Gestapo und SS somit als Innbegriff des als Faschismus wahrgenommenen Nationalsozialismus.

Buchenwaldhäftlinge verhaften SS-Männer

Häftlinge aus Buchenwald, nicht die deutsche Bevölkerung aus Weimar, nehmen kurz nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen.

Da die Naziherrschaft und deren Instrumente als Terrormaßnahme einer Clique von besonders üblen Kapitalisten angesehen wurde, um damit die Arbeiterklasse und das einfache Volk zu unterdrücken, galt der organisierte Widerstand der Kommunisten gegen den Nationalsozialismus in der DDR als zentraler Bestandteil des Antifaschismus des deutschen Volkes. Dass andere Nazigegner, wie Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Anarchisten, Pazifisten usw., missliebige, wie Juden, Homosexuelle, „Asoziale“, Sinti und Roma u.a. verfolgt wurden, wurde zwar auch in der Geschichtswissenschaft der DDR anerkannt, aber diese Verfolgung galt eben nur als ein Merkmal der terroristischen Eigenschaft der Diktatur gegen das Volk neben anderen.

Die im Nationalsozialismus zentrale Bedeutung des Antisemitismus, die der Formierung der deutschen Volksgemeinschaft, die daraus folgerichtige Zuspitzung zum eliminatorischen Antisemitismus und seine Umsetzung wurden aber ausgeblendet. Diese Blindstelle und Sichtweise prägte auch die Sicht auf die Konzentrationslager und auch auf den Widerstand der dort inhaftierten Nazigegner. Auschwitz war Anfangs ein Konzentrationslager wie Buchenwald, Dachau oder Mauthausen. Der Umstand, dass dort ab 1942 ein zuvor an sowjetischen Kriegsgefangenen erprobter fabrikmäßig organisierter Mord an den Juden stattfand, wurde als allgemeines Merkmal des mörderischen Faschismus betrachtet, nicht als folgerichtige Zuspitzung des Antisemitismus und Besonderheit des Nationalsozialismus. Vernichtungslager wie Sobibor und Treblinka sowie die Killing-Fields in Osteuropa blieben eher ein randständiges Thema und in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Diese Sichtweise, Wahrnehmung und Wertung hatte auch einen bedeutenden Einfluss in der Wahrnehmung und Interpretation in Westdeutschland. In der Geschichtswissenschaft der BRD, die zwar die der DDR nur selten akzeptierte, interpretierte den Nationalsozialismus anders aber überwiegend mit einer ähnlichen Blindstelle.

Gemeinhin gilt der vermeintliche Aufstand der Lagerinsassen von Buchenwald am 11. April 1945 als Beispiel antifaschistischen Widerstands in den deutschen Konzentrationslagern. Die faktische Übergabe der Kommandogewalt über das Lager durch die SS an das Widerstandskomitee in Buchenwald wurde in der DDR-Historie zum erfolgreichen Rettungsakt verklärt. Dieser Mythos hat erst nach dem Zusammenbruch der DDR Risse bekommen.

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Die US-Armee konnte einige zehntausend Häftlinge in Buchenwald im April 1945 befreien

Mit dem 7. April begann die SS mit der „Evakuierung“ des Lagers. 28.000 Häftlinge wurden auf Todesmärschen in andere Teile des Landes geschickt. Am 10. April wurde die letzte Kolonne zusammengestellt. Diese Abmärsche konnte der Lagerwiderstand zwar behindern aber nicht verhindern. Am 11. April um 9.00 Uhr kündigte der Lagerkommandant Franz Eichhorn den Lagerältesten Hans Eiden und Franz Eichhorn an, den Häftlingen die Befehlsgewalt über das Lager nach dem Abzug der SS zu übergeben. Die noch zurückgebliebenen Wachposten der SS flohen, nachdem ihre Kaserne von US-Truppen besetzt wurde und sich Panzer dem Lager näherten. Das Lagertor wurde von den Widerstandsgruppen der Lagerinsassen gegen Mittag kampflos besetzt, weitere SS-Männer im und in unmittelbarer Nähe des Lager entwaffnet und um 16.45 Uhr übernahm das Lagerkomitee die Befehlsgewalt über das Lager Buchenwald. Um 17.00 Uhr rollt ein Jeep der US-Armee durch das Lagertor.

Diese hier kurz beschriebenen Tatsachen sollen nicht leugnen, dass es auch in Buchenwald einen Widerstand der Lagerinsassen gegeben hat. Auch soll dieser Widerstand nicht kleingeredet werden. Unter den Bedingungen der Terrorherrschaft durch die SS, angesichts der isolierten Lage des Widerstands in Deutschland überhaupt, kann der Mut der Lagerinsassen nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das Ziel des Lagerwiderstands war es, zu versuchen zu überleben und die politische Arbeit fortzuführen. Es wurde versucht, die Kriminellen aus den Funktionsstellen zu verdrängen, man versuchte eigene Kameraden vor der Selektion, vor dem Hungertod o.a. für die Häftlinge tödliche Maßnahmen oder ihrer beabsichtigten Liquidation zu retten. Man brachte Kranke in die Krankenstuben, tauschte Lebende mit der Identität von Toten usw., das gelang aber manchmal nur dadurch, dass man andere, als weniger wichtig erachtete Häftlinge, als (vermeintliche oder tatsächliche) Verräter ausgewiesene, oder vom Tod schon gezeichnete auslieferte. Der Widerstand war vor dem Hintergrund des Möglichen mutig und bemerkenswert, konnte aber in dieser Form nur deswegen geleistet werden, weil Buchenwald kein Vernichtungslager war, sondern ein Konzentrationslager. Der Tod der Insassen wurde von der SS billigend in Kauf genommen, die Willkürherrschaft und der Terror der SS trugen dazu bei, dass der Tod für die Häftlinge unberechenbar war. Vernichtung durch Arbeit, massenweise Exekutionen, willkürlicher Mord, Tod durch Unterernährung und Krankheit waren ein Bestandteil der Terrorherrschaft der SS, nicht aber Bestandteil einer systematischen Vernichtung der Insassen. Die überwiegend politischen Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern galten als irregeleitete Arier oder Volksgenossen. Vernichtet werden sollte der Kommunismus, der, und das wussten die Nazis auch, den Kommunisten nicht angeboren war, sondern von dem sie als Menschen überzeugt waren. Der Kommunist war auch im Nationalsozialismus kein „Toter auf Urlaub“, seine Chancen auch im KZ zu überleben war zwar nicht groß, aber sie bestand.

Roza Robota

Roza Robota eine junge Frau aus der Haschomer Hazair unterstützte das Sonderkommando

„Tote auf Urlaub“ waren im Nationalsozialismus die Juden. Egal was ein Jude anstellt, der Antisemit will in logischer Konsequenz seiner Wahnidee den Tod des Juden, die Vernichtung der Juden. Der Nationalsozialismus, als der konsequent zum Ausdruck gebrachte Antisemitismus, sah für den Juden nur den Tod vor. Juden konnten zum Christentum konvertieren, vom Glauben ganz abschwören, konnten deutsch-national sein, konnten tapfere und ausgezeichnete Krieger im Ersten Weltkrieg gewesen sein, sie konnten bewährte Wissenschaftler, Facharbeiter, einflusslose einfache Bürger oder Obdachlose sein, per se harmlose Kinder, Greise und Großmütter usw. sein, es half alles nichts, es war bedeutungslos, im Blick der Nazis und der deutschen Volksgenossen blieben sie Juden und sie sollten der Vernichtung zugeführt werden. Aus diesem Grunde gab es nicht nur die oben beschriebenen Konzentrationslager sondern mit Beginn der systematischen Umsetzung der Ausrottung wurden die Vernichtungslager errichtet. Anfangs wurden in den Konzentrationslager auch viele Juden inhaftiert, als jedoch die Vernichtungsmaschinerie ab 1941 zu laufen begann, wurden die meisten jüdischen Insassen, sofern sie bis dahin in den Konzentrationslagern überlebten, in die Vernichtungslager überstellt.

In den Vernichtungslagern war die Widerstandsform, die in den Konzentrationslagern typisch war, den Juden nicht möglich. Hier war der Tod nicht das Ergebnis der Willkür der Lagerleitung, sondern alleiniger Zweck. Der Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie fand in den Todeslagern und in den Menschenjagden in Osteuropa seine Erfüllung und Vollendung. In den Todeslagern wie Treblinka, Belzec und Sobibor wurde der Massenmord mit einer nach Gesichtspunkten fabrikmäßig organisierten Arbeitsteilung rationell durchgeführt. In Auschwitz und Majdanek waren diese Todesfabriken Teilkomplexe des jeweiligen Lagers. Die dorthin deportierten Juden, einige Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene wurden nach ihrer Ankunft in den jeweiligen Lagern sofort umgebracht. Widerstand fand auch hier statt, konnte naturgemäß aber nur spontan und vereinzelt sein und war häufig Ausdruck höchster Verzweiflung. Der bis heute nicht aus der Welt geschaffte Vorwurf, die Juden hätten sich wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen, ist nicht nur falsch, sondern angesichts der Lage der Opfer anmaßend.

Bestandteil der Todesmaschinerie waren die sogenannten Sonderkommandos. Ausgesuchte Häftlinge wurden dazu gezwungen, die ankommenden Juden vor ihrer Ermordung zu den Entkleidungsräumen zu führen, ihnen die Haare abzuschneiden, ihre Wertsachen abzunehmen, sie dann in die Gaskammern zu führen, nach ihrer Ermordung sie aus den Gaskammern zu räumen, die Toten nach versteckten Wertsachen zu untersuchen und sie dann in den Krematorien zu verbrennen. Nach vier bis fünf Wochen wurden dann auch die Häftlinge der Sonderkommandos umgebracht. Die in die Sonderkommandos gezwungenen Häftlinge waren keine Toten auf Urlaub, sie waren Tote auf Zwangsarbeit. Im Gegensatz zu denen, die sofort in die Gaskammern gebracht wurden, oder an den Erschießungsplätzen erschossen wurden, trug die Überlebensfrist der Sonderkommandos dazu bei, dass sich unter ihnen Widerstandszellen bilden konnten. Die Aufstände in Treblinka und Sobibor wurden durch Häftlinge aus diesen Sonderkommandos angeführt. In beiden Aufständen gelang es einigen Insassen zu fliehen, sie schlugen sich z.T. zu den Partisanen durch, andere wurden von Bauern versteckt. In Sobibor trug der Aufstand dazu bei, dass das Lager aufgegeben wurde. Auch unter den Sonderkommandos, die auf den Killing Fields der Nazis, die Leichen beseitigen mussten, kam zu Widerstandsaktionen.

Auschwitz 27. Januar 1945

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreite, war die Vernichtung der Juden vollendet.

Aufgrund der Tatsache, dass Auschwitz sowohl ein Konzentrationslager als auch ein Vernichtungslager war, kam es notwendig zum Konflikt der Widerstand leistenden Angehörigen der Sonderkommandos mit der auch dort bestehenden Widerstandsorganisation im Lager, der Kampfgruppe Auschwitz. Diese versuchte ähnlich wie in den anderen Lagern, den Widerstand im Lager zu organisieren und auch hier galt es als ausgemacht, eine angesichts der militärischen Lage bevorstehende Liquidation des Lagers, von der man zu Recht befürchtete, dass dann alle Insassen umgebracht werden sollten, zu verhindern. Der Aufstand sollte so lange hinausgezögert werden, bis die Rote Armee von den Lagertoren stehen sollte.

„Die Zerstörung der Vernichtungsanlagen und die Vermeidung weiterer Opfer waren Ziele, die außerhalb der Planungen der „Kampfgruppe Auschwitz“ lagen. So wünschenswert dies jedem scheinen mochte, so undurchführbar erschien es dem Widerstand. Eine Selbstaufopferung, ein heldenhafter Opfertod für bedrohte Juden kamen nicht in Frage. Überleben im Lager statt Rettung des Lebens potentieller, anonymer Opfer war die Maxime des Lagerwiderstands.“ (Werner Renz, 1994)

Die Sonderkommandos in Auschwitz wurden 1942 gebildet. Die Angehörigen der Sonderkommandos wurden wie anderswo nach 4-5 Wochen umgebracht, bis die SS bemerkte, dass es effektiver war, einen erfahrenen Kern am Leben zu lassen. Bis Ende 1943 bildete sich ein Kern von Juden heraus, die den aktiven Teil des Lagerwiderstandes bildeten. Von ihnen hat keiner überlebt. Einige schriftliche Zeugnisse der Widerstandskämpfer wurden nach 1945 gefunden. Sie geben uns Zeugnis über ihre verzweifelte Situation.

Ein Mitglied des Widerstandes, Salmen Lewental, schrieb: „Bald darauf erfuhren wir, dass Vorbereitungen getroffen wurden, um die ungarischen Juden zu verbrennen. Da brachen wir schon vollkommen zusammen; also sollten wir eine Million ungarischer Juden verbrennen. Wir, die wir es schon satt haben, wir, die wir schon seit langem mehr als genug davon haben, wir sollen noch unsere Hände mit dem Blut ungarischer Juden besudeln. Dies führte dazu, dass ganz einfach das ganze Kommando, … anfing darauf zu dringen, endlich mit diesem Spiel ein Ende zu machen … und wenn es notwendig wäre sich selbst zu opfern. Wir begannen die anderen zu bestürmen, die von außerhalb zu fordern, aber leider kam es nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Inzwischen hatte die große Offensive der Roten Armee begonnen. … Da kamen andere zum Schluss, dass die ganze Arbeit schon überflüssig sei, dass es besser wäre, noch etwas zu warten.“ (zit. n. Reuben Ainsztein, 1993)

Auch aufgrund der nicht zu erwartenden Unterstützung von außen, etwa durch den nationalpolnischen Widerstand oder durch die Luftwaffe der Roten Armee, wurde der geplante Aufstand abgeblasen. Die Vernichtung der ungarischen Juden wurde im Sommer 1944 umgesetzt. Als diese dann vollendet war, wussten die Zwangsarbeiter der Sonderkommandos, dass nun auch sie an der Reihe sind. Der Aufstand des Sonderkommandos brach ohne Unterstützung der Kampfgruppe Auschwitz los. Er wurde niedergeschlagen, keiner der Aufständischen überlebte. Eine Krematoriumsanlage wurde gesprengt, eine beschädigt. Unterstützt wurden die Aufständischen von drei jungen Frauen aus dem Frauenlager, die Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik verrichten mussten. Sie schmuggelten Sprengstoff aus der Fabrik in die Lager der Sonderkommandos. Ihre Gruppe wurde später entdeckt, die beteiligten Frauen nach schwerster Folter umgebracht. Kurz bevor die Anführerin der Gruppe Roza Robota umgebracht wurde, gelang es einen von ihr beschriebenen Zettel aus der Folterzelle zu schmuggeln. Sie bat darum, Rache zu üben und unterschrieb diesen mit dem Gruß der Haschomer Hazair: Chsak we’emaz (seid stark und tapfer).

IAF über Auschwitz

Sie üben keine Rache, sondern gedachten des Mutes und der Verzweiflung der Millionen Opfer und tragen heute dazu bei, dass sich etwas ähnliches nicht wiederholt.

Anlässlich des Aufstands des Sonderkommandos in Auschwitz vor 70 Jahren zeigt das BgA-Kassel im Filmladen Kassel am 8.10.2014 um 17.00 Uhr den Film die Grauzone.

Literatur:

Reuben Ainsztein, Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993.
Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, (Hg.) H.G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, Köln 1962.
Arno Lustiger, Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933 – 1945, Köln 1994.
Werner Renz, Der Aufstand des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau, Frankfurt 1994.

14. Oktober 1943 – Aufstand in Sobibor

No one can do our work for us

Tell me,“ a trembling voice came from a corner, „if there are so many partisans, why don’t they attack our camp?“ “The partisans have their tasks. No one can do our work for us.” (Alexander (Sasha) Pechersky, zit.n. Yuri Suhl).

Zusammen mit Leon Feldhendler organisierte Sasha Pechersky den Aufstand in Sobibor, der als einer der wichtigsten des jüdischen Widerstands gegen Nazideutschland gelten kann. As for the revolt, said Pechersky, „It was not crushed. It was successful. Practically all of the prisoners had escaped. It was this that compelled the fascists to liquidate the camp.“ (Pechersky, zit.n. Yuri Suhl)

Der Aufstand – Wiederaneignung von Kraft und Gewalt

Sowohl die Verlassenheit der jüdischen Bevölkerung angesichts des deutschen Vernichtungsfurors, als auch die Erkenntnis von der Voraussetzungen für die einzig verbliebene Wahl, das Überleben und/oder die Würde durch den Versuch des (bewaffneten) Aufstandes zu verteidigen sind das, was die Aufstände in Warschau, Treblinka und Sobibor und anderer eher unbekannterer Orte bemerkenswert machen. Claude Lanzmann führt dies in seinem Film Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr wie folgt aus: Der Aufstand ist ein paradigmatisches Beispiel für das, was ich andernorts “die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden” genannt habe. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern eben auch ein Massaker an wehrlosen Menschen … abgesehen von den großen Aufständen, wie den im Warschauer Ghetto, gab es in den Lagern und Ghettos zahlreiche – individuelle wie kollektive- Akte der Tapferkeit und Freiheit: Beschimpfungen, Verwünschungen, Selbstmorde, verzweifelte Angriffe. Es stimmt jedoch, dass eine tausendjährige Tradition des Exils und der Verfolgung die große Mehrheit der Juden nicht auf die tatsächliche Ausübung von Gewalt vorbereitet hatte, die auf zwei untrennbare Voraussetzungen beruht: psychologische Veranlagung und technisches Wissen, d.h. Vertrautheit im Umgang mit Waffen. Es war ein jüdischer sowjetischer Offizier – Alexander Petscherski, ein Berufssoldat, und also geübt im Umgang mit Waffen -, der den Aufstand in nicht einmal sechs Wochen beschloss, plante und organisierte.“

Um die Schreie der gemarterten und dem Tode nahen Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Deutsche Kreativität: Um die Schreie der gemarterten und der verängstigten, dem Tode geweihten Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Die Vernichtung und die Passivität

Die Bewegung, die sich die Befreiung der Menschheit auf die Fahne geschrieben hatte, blieb angesichts der beispiellosen Barbarei weitgehend passiv. Der Vorwurf, passiv geblieben zu sein, richtete sich – z. T. schon während der gemeinsamen Inhaftierung in den KZs – jedoch an die Juden. Sie hätten sich passiv wie Schafe auf die Schlachtbank in die Gaskammern führen lassen. Seitens der Linke blieb eine Reflektion auf das eigene, sowohl theoretische, den Nationalsozialismus zu verstehen, als auch auf das praktische Versagen, die deutsche Barbarei zu verhindern, weitgehend aus. Mehr als ein „Nie wieder Krieg!“, das gerne gegen Israel oder gegen die USA vorgebracht wird, ein hilfloses weil weitgehend begriffsloses „Wehret den Anfängen!“ und der modifizierte Aufguss der Dimitroff-Thesen ist seitens der Arbeiterbewegung (ihrer politischen Organisationen und ihrer Erben, die sogenannte Linke) nicht zustande gebracht worden.

Erinnerung

Der Aufstand in Sobibor hat keinen großen Stellenwert in der deutschen Gedenkkultur, denn er lässt sich nicht für die Zwecke deutscher Erinnerungsarbeit instrumentalisieren. Man erinnert an den 9. November, an den 27. Januar, an den 20. Juli und an den 1. September, neuerdings auch an den 8. Mai. Alles Daten, die mit der Herrschaft der Nazis im Zusammenhang stehen und durchaus an die Opfer dieser Gewaltherrschaft verweisen oft aber auch auf das allgemeine Phänomen Krieg und Gewalt, dem ein „Nie Wieder!“ entgegengebracht werden soll, nicht aber – mit Ausnahme des 20. Juli – auf die Möglichkeit und Notwendigkeit des Widerstands. Die nach wie vor zu beobachtende Fokussierung auf Krieg und Gewalt erlaubt ein Abstrahieren vom politischen Gehalt des NS, dem Blick auf die Opfer geht der penetrante Versuch einher, die Eingemeindung großer Teile der deutschen Bevölkerung in die Gemeinschaft der Opfer zu betreiben.

Das mittlerweile durchaus gängige Bekenntnis zur Schuld wird hintertrieben oder ins Abstrakte aufgelöst, indem mit dem Blick auf den und mit der der Betonung des Widerstands in Deutschland gegen die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland die Erkenntnis verwässert wird, dass dieser eine Ausnahme war, eine Randerscheinung, eine isolierte Maßnahme ohne Anklang in der Bevölkerung, dass die Volksgemeinschaft, nach anfänglichem und vergeblichen Versuch vor allem der Kommunisten, einen breit organisierten Widerstand zu organisieren, fast alle Schichten der deutschen Bevölkerung durchdrang und Hitler ein zunehmend populärer Politiker wurde. Kurz, dass es das andere Deutschland nicht gab. Das Gleiche lässt sich von der Bereitschaft sagen, Juden vor der Verfolgung zu verstecken. Ein absolutes Randphänomen. (Vgl.: Uni Bielefeld, Trügerische Erinnerungen – Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert)

„Verantwortung“ und Politik

Das staatsoffizielle mantrahafte Beschwören einer Verantwortung vor der Geschichte in Deutschland hat sowohl paternalistische wie auch vor allem selbstbezügliche Züge. Man schwingt sich als Lehrmeister im Gedenken und Aufarbeiten auf, fertigt Erinnerungsstätten und belästigt zu staatsoffiziellen Anlässen Veteranen und Überlebende des deutschen Terrors mit Umarmungen und dem Verlangen nach Versöhnung. Vor allem in der staatlich subventionierten kulturindustriellen Film- und Literaturproduktion geht es darum, die eigene Nation von Schuld und Verantwortung zu befreien und darüber hinaus Volk und Nation in eine Gemeinschaft der Opfer einzugemeinden. Doch dieses Unterfangen ist billig – denn praktische Folgen hat dies heute nicht. (Siehe hierzu auch die Stellungnahme der Initiative Zug der Erinnerung)

Zu einer Zeit, wo diese möglich und zeitgemäß gewesen wären, blieb eine strafrechtliche Verfolgung und/oder Auslieferung deutscher Straftäter an die Länder, in denen sie ihre barbarischen Verbrechen begangen hatten, weitgehend aus, eine finanzielle Entschädigung für die Überlebenden und Hinterbliebenen deutscher Verfolgung blieb entweder aus oder kam über symbolische Summen nie hinaus, angemessene Reparationsleistungen für die von den Deutschen völlig verwüsteten und ausgeraubten Volkswirtschaften überfallener Nationen standen nie zur Diskussion. Es waren die Zeiten, in denen die Erinnerung an den NS häufig noch mit dem Vorwurf der Nestbeschmutzung und/oder mit dem Verlangen nach einem Schlussstrich konfrontiert wurde.

Und Lehren für die aktuelle Politik? Auch heute kann von einer strikten Außenhandelskontrolle, die effektiv verhindern würde, dass an alle möglichen Potentaten Bauteile zur Verfertigung von Chemie- und Atomwaffen sowie Rüstungsgüter geliefert werden, nicht die Rede sein. Deutscher Geschäftssinn trägt mit dazu bei, dass der Antisemitismus bewaffnet bleibt. Eine Vorreiterrolle darin, auf EU-Ebene dafür zu sorgen, dass Organisationen wie die Hisbollah und die Hamas als das bezeichnet werden, was sie sind, nämlich faschistoide Terrororganisationen – weit gefehlt.

Statt dessen sieht sich auch Deutschland besonders gern in der Verantwortung, wenn es darum geht, den Staat Israel dann zu ermahnen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, wenn dieser Schritte unternimmt, seine Bürger gegen Terror und Vernichtungsdrohungen zu schützen, wenn er genau das tut, was Lanzmann beschrieben hat: Durch die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt zu verhindern, wehrloses Opfer zu sein.

Alexander Peshersky
Thomas Blatt, Sobibor – The forgotten Revolt
2. August 1943 – Aufstand in Treblinka
Vor siebzig Jahren: Aufstand des Warschauer Ghett

2. August 1943 – Aufstand in Treblinka

Vor 70 Jahren, am 2. August 1943, brach der Aufstand in Treblinka aus. Zum Aufstand ist z. B. hier alles wichtige zu finden. Wir beschränken uns heute auf einen kleinen Ausschnitt des Alltags in diesem Vernichtungslager.

Das jüdische Mädchen Ruth, kurz bevor sie in den Gaskammern Treblinkas umgebracht wurde.

Das jüdische Mädchen Ruth, kurz bevor sie in den Gaskammern Treblinkas umgebracht wurde. (Skulptur: Samuel Willenberg)

„… An diesem Tag gingen an die hundert Frauen an mir vorbei. Einmal kam eine junge, gut aussehende Frau zu mir. Sie war nicht älter als zwanzig Jahre alt. Unsere Bekanntschaft dauerte nicht länger als ein paar kurze Minuten, …  Sie war sich bewusst, was sie erwartete und versteckte dies nicht vor mir. In ihren schönen Augen konnte ich keine Angst und keine Traurigkeit erkennen. Nur unglaubliche Wehmut sprach aus ihnen. Mit matter Stimme fragte sie mich, wie lange sie leiden würde. Ich antwortete, nur ein paar Minuten. Eine Schwere fiel ihr vom Herzen und Tränen traten uns in die Augen. Und das war schon alles. Ein SS-Mann ging an uns vorbei und ich war gezwungen, weiter ihre langen, seidigen Haare abzuschneiden. Schließlich stand sie auf, warf mir einen letzten merkwürdig verlangenden Blick zu, so als ob sie sich von mir und dem Rest der mitleidlosen Welt verabschieden wollte und entfernte sich langsam auf ihren letzten Weg. Später hörte ich das Brummen des Motors, der die Abgase produzierte, und vor meinem geistigen Auge sah ich Ruth in der Masse der nackten Körper, schon nicht mehr lebend.“ (Aus: Samuel Willenberg, Treblinka, Unrast-Verlag 2009)

In Treblinka wurden von den Deutschen fast eine Million europäische Juden umgebracht. Beim Aufstand gelang es einer Gruppe von etwas mehr als 200 Menschen zu fliehen, vorher steckten sie noch weite Teile des Lagers in Brand. Die meisten von ihnen fielen den deutschen Sicherheitskräften, die sich gleich auf die Suche nach den Flüchtenden machten, zum Opfer.

Empfehlenswerte Literatur:

Yuri Suhl, They Fought Back. The Story of the Jewish Resistance in Nazi Europe, New York 1967.
Reuben Ainsztein, Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993.

Das Bildungswerk Stanislaw Hantz organisiert verschiedene Bildungsreisen, u.a. auch nach Sobibor. Dort fand vor siebzig Jahren, am 14.10.1943, ebenfalls ein Aufstand statt.

Vor siebzig Jahren: Aufstand des Warschauer Ghettos

Vor siebzig Jahren waren von den einst hunderttausenden von den Deutschen ins Warschauer Ghetto verschleppten Juden noch ca. 40.000 übrig geblieben. Am 19. April 1943 erhoben sich die dort noch verbliebenen Juden. Unter der Führung der beiden Organisationen ZOB (Jüdische Kampforganisation) und ZZW (Jüdischer Militärverband) schlugen bewaffnete Gruppen der eingepferchten Juden gegen die in das Ghetto vordringenden SS-Einheiten und Polizei-Einheiten los. Obwohl nur sehr unzureichend bewaffnet und fast ohne Hilfe von außen, gelang es den ca. 1.000 – 1.500 Ghettokämpfern mehrere Wochen lang gegen die, an Mannschaftsstärke und Bewaffnung, weit überlegenen deutschen Einheiten, die von Panzern und Sturzkampfbombern unterstützt wurden, Widerstand zu leisten.

Kämpferinnen und Kämpfer des Warschauer Ghettos werden vonn SS-Einheiten gefangen genommen. Kurz danach wurden sie erschossen oder in die Vernichtungslager deportiert

Kämpferinnen und Kämpfer des Warschauer Ghettos ergeben sich den SS-Einheiten. Kurz danach wurden sie erschossen oder in die Vernichtungslager deportiert

Emanuel Ringelblum, der das Untergrundarchiv des Ghettos aufbaute, beschrieb die Intention der Kämpfenden: „Unser Schicksal steht im voraus fest – so wurde gesagt. Der Jude trägt das Todesurteil in der Tasche, das vom größten Mörder aller Zeiten gefällt wurde. Deswegen müssen wir nicht so sehr an die Rettung unseres Lebens denken, die sehr problematisch scheint, als an einen ehrenhaften Tod, den Tod mit der Waffe in der Hand.“

Eine der wenigen, die den Aufständischen zur Hilfe kamen, war die junge Niuta Tajtelbaum. Sie war Kommandantin einer kleinen Einheit der kommunistischen Gwardia Ludowa, die schon vor dem Aufstand des Ghettos spektakuläre und erfolgreiche Einsätze gegen die deutschen Besatzer durchführte. Am 19. April 1943 gelang es ihr mit ihren Kämpferinnen eine deutsche Maschinengewehreinheit zu vernichten, die von außerhalb der Ghettomauern die Ghettokämpfer beschoss. Im Juli 1943 gelang es der Gestapo sie zu verhaften, sie starb nach schweren Folterungen noch im gleichen Monat.

In Erinnerung an die mutige Kämpferin Niuta Tajtelbaum

Niuta Tajtelbaum

Die bis zum Aufstand noch im Ghetto verbliebenen Juden wurden während oder kurz nach dem Ende der Kämpfe  von den deutschen Einheiten massakriert, etwa 7.000 in die Vernichtungslager gebracht um dort ermordet zu werden. Eine kleine Anzahl von Kämpfern und Ghettobewohnern überlebte in Verstecken oder konnte zu Partisaneneinheiten fliehen. Einige von ihnen wanderten in die USA aus, andere gründeten in Israel den Kibbuz Lochamej haGeta’ot. 1952 entstand dort das erste Holocaustmuseum, das Haus der Ghettokämpfer.

Ein kurzer Überblick über den Aufstand im Warschauer Ghetto findet sich hier. Auch ist der Wikipedia-Artikel als Einstiegslektüre mit weiterem Literaturüberblick zu empfehlen.

Sonst:

Reuben Ainsztein, Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges.
Reuben Ainsztein, Revolte gegen die Vernichtung. Der Aufstand im Warschauer Ghetto.
Marek Edelman: Das Ghetto kämpft.
Arno Lustiger,Zum Kampf auf Leben und Tod.

J.D.