Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist aus Nordhessen

Langfassung als PDF: Sally Kaufmann – Herausgeber und Zionist

Sally Kaufmann lebte von 1918 bis 1932 in Kassel. Er wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar als Sohn des Lehrers Markus Kaufmann und dessen zweiter Ehefrau Betty geboren. Kaufmann wollte, wie sein Vater, Lehrer werden. Weil dieser jedoch schon 1893 starb, erlernte er nach dem Schulbesuch den Beruf des Kaufmanns um seine Familie finanziell unterstützen zu können. 1915 wurde Kaufmann in die kaiserliche Armee eingezogen und an die Front geschickt. An der Somme wurde er 1916 schwer verwundet und lag bis 1918 in verschiedenen Lazaretten. Nach den Lazarettaufenthalten besuchte Kaufmann die Abendschule, engagierte sich zunächst in der Kriegsblindenfürsorge und war als Geschäftsführer eines Glas- und Porzellangeschäfts in der Kasseler Innenstadt tätig. 1921 machte er sich mit der Gründung eines Lebensmittelladens in der Hohentorstraße selbständig. Kaufmann war seit 1924 Vorstandsmitglied der Kasseler Gruppe des Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF)1 und in der Kasseler Zionistischen Gruppe2, später auch im Elternbeirat der Jüdischen Volksschule, aktiv. 1924 gründete er, zunächst im Auftrag der Jüdischen Gemeinde Kassels, die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck. Ende der zwanziger Jahre war er dann Verleger diverser Zeitungen in verschiedenen Städten Deutschlands und organisierte Lesungen und Kulturabende in Kassel.

Sally Kaufmanns Verlag Jüdischer Gemeindeblätter. Anzeige aus dem Jahr 1931

In der ersten Ausgabe der Jüdischen Wochenzeitung formulierte Dr. Josef Prager3 die Ausrichtung der Zeitung wie folgt: „[…] in der Zeit des Aufbaus wollen auch wir daran gehen, den Ausbau des Alten und den Aufbau des Neuen mit aller Kraft vorzunehmen. […] jetzt […] finden sich alle diejenigen zusammen, die, unbeschadet ihrer verschiedenen Grundeinstellung, in dem Ziel einig sind, dem Judentum zu dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit einzutreten, und an der Verbreitung jüdischen Wissens, der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitzuarbeiten.“ Was jedoch dem Judentum am besten dient und in seinem Interesse sei, genau hierüber entbrannte sehr bald ein heftiger Streit auch in Kassel. Die Zeitung sollte laut Prager zwar „keiner Partei dienstbar sein“, sondern „alle Fragen behandeln, und alle Nachrichten vermitteln, die zu kennen für die Juden jeglicher Partei wichtig sind“ und wenn auch die gegensätzlichen Standpunkte der jüdischen Fraktionen und die Nachrichten aus der Gemeinde und etliche historische Abhandlungen über das nordhessische und Kasseler Judentum publiziert wurden, so lässt sich feststellen, dass die Jüdische Wochenzeitung die Zeitung der Kasseler Zionisten war.

Auch kulturelle Abende, hier ein Jüdischer Vortragsabend, wurden vom Verlag Sally Kaufmanns organisiert. Anzeige aus dem Jahr 1929.

Als Verfechter des Zionismus unter den Kasseler Autoren der Jüdischen Wochenzeitung sind vor allem Julius Dalberg4, Dr. Hermann Kugelmann5 und Walter Bacher6 zu nennen, die wie Kaufmann in der Kasseler Zionistischen Gruppe sowie auch in der zionistisch ausgerichteten Volkspartei aktiv waren. Zahllose Artikel der Jüdischen Wochenzeitung sind ohne Nennung eines Autors. Sally Kaufmann bezeichnete sich in einem Artikel als Schriftführer und war als Herausgeber und Redakteur verantwortlich für die nicht namentlich gekennzeichneten Artikel. Ob ein Teil der Artikel von ihm selbst stammt, ist ungewiss. Sie könnten auch von Dalberg, Bacher, Kugelmann oder anderen stammen. Von Sally Kaufmann gezeichnete Artikel sind nur wenige zu finden. Sie haben das Kürzel „Kfm.“ Möglicherweise sind auch die mit einem „K.“ gekennzeichneten Artikel ihm zuzuordnen.

Hier sollen die Artikel vorgestellt werden, die mit „Kfm.“ gekennzeichnet sind. Sie sind in den Jahren 1924 – 1926 veröffentlicht worden. Auch wenn Sally Kaufmann in einer Auseinandersetzung mit der Jüdischen Gemeinde seine Neutralität als Berichterstatter betonte und er im Jahr 1925 seine Position als zweiter Vorstand in der Zionistischen Ortsgruppe abgab, sind seine Sympathien eindeutig zu identifizieren.

Der erste von Kaufmann unterzeichnete Bericht ist ein Artikel über einen Vortragsabend des führenden Mitglieds des RjF, Segelfliegers und ehemaligen Kampffliegers des Ersten Weltkrieges, Jakob Ledermann7. Der Abend wurde vom Landesverband des RjF ausgerichtet. Kaufmann fasste in seinem Artikel, der am 31.10.1924 in der Jüdischen Wochenzeitung erschien, die von Ledermann propagierten Aufgaben des RjF so zusammen:

Der RjF sei „kein Kriegerverein [..], sondern [habe] in erster Linie die Aufgabe, die Wacht am Grabe der gefallenen 12.000 jüdischen Soldaten gegenüber Schmähungen und Verdächtigungen zu halten. Der RjF werde es nicht dulden, daß die Toten sowie die Lebenden an ihrer Ehre gekränkt und mit Haß und Mißgunst überhäuft würden. Ein vorzügliches Mittel in der Abwehrbewegung sieht Ledermann in der körperlichen Ertüchtigung der jüdischen Jugend. Schon von frühester Jugend an gehöre die Jugend in die jüdischen Sportvereine. Es ist dieses das große Verdienst des RjF, daß er die Turn- und Sportbewegung unter der jüdischen Jugend fördert, da dadurch immer weitere Kreise erfaßt werden, die sich teilweise früher ablehnend verhalten haben. Ledermann appelliert an die Anwesenden, besonders aber an die jüdische Jugend, eifrig Turnen und Sport zu treiben, und auf dem Wege der körperlichen Ertüchtigung weiter fortzuschreiten. Wer Turnen und Sport treibt, vermeide auch die Likörstuben und trete auch nach außen einfach und schlicht auf. Nur in einem gesunden Körper wohnt eine gesunde Seele.“

Kaufmann bezeichnete Ledermann als sympathischen Redner, der seinen einstündigen Vortrag so gestalten konnte, dass er das Publikum und offensichtlich auch Kaufmann bis zum Schluss fesselte.

Der nächste, ein am 28.11.1924 veröffentlichter Artikel, befasste sich mit einer Versammlung des Centralvereins (CV).8 Der Bericht über die Versammlung des CV, der sich schon 1925 erbitterte Auseinandersetzungen mit den Zionisten lieferte, ist nicht anders als wohlwollend zu bezeichnen. Der Artikel verweist darauf, dass Kaufmann dem Gebot der journalistischen Objektivität folgen konnte, wenn er wollte.

Kaufmann erwähnte zunächst die fruchtbare Zusammenarbeit des CV mit dem RjF im Abwehrkampf9: „Für den letzten Reichstagswahlkampf wurden von hier überall Redner gesandt, um auf den Landgemeinden den völkischen Agitatoren entgegenzutreten. Besonders bewährte sich die Arbeitsgemeinschaft mit dem Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, der stets dabei war, wenn es galt, den Antisemitismus zu bekämpfen. Auch bei dem diesmaligen Wahlkampf steht der R.J.F. mit dem Centralverein zusammen und hat sein Bureau Friedrich-Wilhelmsplatz 2 zum Abwehrkampf eingerichtet.“

Eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Völkischen nahm dabei das juristische Vorgehen gegen die „Protokolle der Weisen von Zion“ ein.  Kaufmann berichtete weiter: „Herr Dr. Holländer10, der nun das Wort ergriff, sprach über ‚Neue Wege der praktischen Arbeit‘. Seine Ausführungen, die mit starkem Beifall aufgenommen wurden, […] waren bemerkenswert. Besonders interessant war, wie er den Werdegang dieser Fälschung beschrieb. Er bezeichnete es als Barbarei, daß es heute noch möglich sei, eine solche Fälschung in die Welt zu setzen, die auch geglaubt würde, ohne daß der Beweis dafür von dem Fälscher gefordert würde.“

Kaufmann schloss den Artikel mit einem Problem ab, das schon vor der Machtübernahme der Nazis existierte und bis heute aktuell ist:  „Als besonders gefährlich schildert mit Recht Holländer die Boykottdrohungen, die besonders aus Pommern kommen, wo jüdischen Geschäften der Boykott angedroht sei. Einen sog. ‚trockenen Pogrom‘, wie Wulle ihn nennt. Auch dagegen sei der Centralverein gerüstet. Er schloß damit, daß er versicherte, daß der Centralverein jederzeit auf dem Platze sei, wenn es gelte, für Deutschland und Judentum zu kämpfen.“

Im Januar des Folgejahres lässt sich im Artikel über den Delegiertentag der deutschen Zionisten Kaufmanns politische Positionierung deutlicher herauslesen. An diesem Delegiertentag in Wiesbaden war der, wie es Kaufmann anmerkte, vom zahlreichen Publikum stürmisch begrüßte, Prof. Dr. Weizmann11 zugegen, der auch bei Kaufmann einen bleibenden Eindruck hinterließ. Kaufmann zitierte in seinem am 2. Januar 1925 erschienen Artikel die von Weizmann aufgegriffene und auf die aktuelle Entwicklung in Palästina umformulierte Botschaft Theodor Herzls12: „Er [der Zionismus; d.V.] ist aus der Zeit der Hoffnung auf ein Wunder auf das Gebiet der Wirklichkeit gelangt“ und schloss die Ausführungen über Weizmanns Ausführungen mit der Benennung des Zwecks des zionistischen Projekts ab, dass „Palästina das einzige Land der Welt ist, das ungehindert Juden einlasse, nachdem die Tore Amerikas für die Juden fast verschlossen sind. Welcher Jude würde es wagen, so schließt Prof. Weizmann, heute, wo besonders im Osten eine furchtbare Judennot bestände, seinen Arm gegen den Aufbau Palästinas zu erheben?“

Der Konflikt mit dem Centralverein, der auf dem Delegiertentag einen Widerhall fand, wurde von Kaufmann wie folgt geschildert: „Zur innerjüdischen Politik stellte der Redner [Kurt Blumenfeld13; d.V.] fest, daß der deutsche Zionismus niemals – wie der Centralverein – nationale Autonomie für die deutsche Juden gefordert hat. Gegen die antizionistische Wahlparole des Centralvereins wandte sich Blumenfeld mit großer Schärfe und unter dem lebhaftesten Beifall des ganzen Delegiertentages; insbesondere mit dem Argument, daß der Centralverein das ganze deutsche Judentum uniformieren möchte und jeden ächte, der nicht hinein paßte.“

Darauf folgte von Kaufmann ein Artikel über die Hauptversammlung des Centralvereins in Berlin, der sich u.a. mit der Frage der Unterstützung des russischen Projektes „ORT“14 befasste. Kaufmann meinte, dass die Unterstützung der Tätigkeit des „ORT“ durch den Centralverein auch von den Zionisten, von denen er in diesem Zusammenhang von „wir Zionisten“ spricht, positiv vermerkt werden müsse, denn für „[…] diese Aktion [setzen sich] auch diejenigen Kreise ein, die vor nicht langer Zeit erklärt haben, es sei ein Verbrechen, wenn das in Deutschland gesammelte Geld einem ausländischen Land zugeführt würde.“ Und Kaufmann begann dann gegen seinen politischen Gegner regelgerecht zu keilen, indem er im Folgenden bissig bemerkte, „ […] ein bekannter deutscher Rabbiner verstieg sich zu dem ungeheuerlichen Ausspruch, daß es Landesverrat sei, Geld nach Palästina für den Keren Hajessod15 zu geben“ und merkte dann schon fast süffisant an, „und jetzt stehen gerade diese Kreise auf und fordern die deutschen Juden auf, ihr Geld nach Rußland für die Umschichtung der russischen Juden zu geben.“ Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung griff diese Haltung des CV in seinem Artikel nochmals auf, um dann gegen den CV zu polemisieren:

„Wie ist es nun möglich, daß auf einmal ein großer Umschwung in der Ansicht der früheren Leute im C.V. stattgefunden hat? Ja, zur selben Zeit, in der die eingangs erwähnte Versammlung stattfand, in der sich der Vorsitzende des C.V. erfreulicherweise für eine Sammlung für ein außerhalb Deutschlands liegendes Werk einsetzt, finden wir in der C.V-Zeitung einen Angriff auf den Keren Hajessod, der aus einer amerikanischen Zeitung entnommen ist und in der es heißt, ‚daß es eine Sünde ist, von den Juden dieser Länder (Deutschland, Polen, Rumänien usw.) soviel Geld ins Ausland zu senden, wenn es doch so dringend nötig in der Heimat gebraucht wird, um die Not in der Heimat zu heben‘. Das Organ des C.V. bemerkt dazu: ‚Wir haben nichts weiter hinzuzufügen.‘ Besteht nicht darin eine große Unlogik, daß man für die Sammlung in Rußland eintritt, und mit demselben Argument gegen eine Sammlung in Palästina ist? Oder liegt Rußland nicht mehr im Ausland?“

Auch in Kassel wurde der Konflikt mit Schärfe geführte. Den Zionisten wurde völkisches Denken und Nationalismus vorgehalten, die Zionisten warfen dem Centralverein einen nicht zu rechtfertigenden Alleinvertretungsanspruch, mangelnde Unterstützung bedürftiger Juden und mangelnde Unterstützung der jüdischen Auswanderung nach Palästina vor. Kaufmann steuerte mit seinem letzten persönlich gezeichneten Artikel eine scharfe Polemik bei. In einer am 14.05.1926 veröffentlichten Replik stellte er die, seiner Auffassung nach, unlauteren Methoden der Gegner des Zionismus bloß. In seinem mit „Darf man die Wahrheit über Palästina sagen?“ überschriebenen Artikel griff er in aller Schärfe einen als Kronzeugen präsentierten Autor an, auch indem er seine persönliche Integrität in Frage stellte. In der Jüdisch-liberalen Zeitung konnte ein Joachim Fischer, der sich länger in Palästina aufhielt, gegen den Zionismus Stellung beziehen.15 Kaufmann machte sich zunächst darüber lustig, dass der Autor Fischer seinen „ehrlichen“ Namen Chaim gegen Joachim ausgetauscht habe und durchschaute die bis heute gern verwendete Methode, mangels eigener überzeugender Argumente, jemanden in Stellung zu bringen, der allein aufgrund seiner Herkunft und / oder der vermeintlich oder tatsächlichen Lebenserfahrung nur Recht haben könne. Er schrieb, man solle sich vergegenwärtigen, mit welchen Mitteln „gegen das Aufbauwerk in Palästina gehetzt wird, wer die Kronzeugen der Gegner sind.“

Dann wird Fischer als Bankrotteur und Opportunist dargestellt, der Frau und Kinder mittellos zurückgelassen habe und Kaufmann schloss seine Polemik mit folgender Bemerkung launisch ab: „Wer dächte [im Falle Joachim Fischer; d.V.] nicht an den Schmock aus Freytags ‚Journalisten‘, der ‚da kann schreiben rechts und kann schreiben links?‘ Nur daß Schmock ein ehrlicher armer Teufel war und nicht Frau und Kinder im Stich gelassen hat. Mancher, der sich für den Aufbau Palästinas interessiert – auch der Nichtzionist – wird dabei an Friedrich des Großen Ausspruch beim Anblick gefangener Banduren denken: ‚Und mit solch einem Pack muß ich mich herumschlagen!’“

Kaufmanns Bericht über den 14. Zionistenkongress in Wien

Der 1925 von Kaufmann verfasste Bericht über den 14. Kongress der Zionisten sei zum Schluss nochmal ausführlich zitiert. Er drückt am deutlichsten Kaufmanns Haltung zum Zionismus aus.

„[…] der Kongreß [ist] das geblieben, was er von Anfang an war und als was sein Schöpfer sich ihn gedacht hat: die sichtbarste und repräsentativste Manifestation des Zionismus‘ und die stärkste Betonung des jüdischen nationalen Lebenswillens. Der Kongreß ist eine Erscheinung von stärkstem Interesse und seltenem Reiz für jeden, der Gelegenheit hat, daran teilzunehmen. Schon seine Zusammensetzung und die Art seiner Teilnehmer machen ihn zu einem Ereignis von ungewöhnlicher Art. Kaum ein zweiter nationaler Kongreß dürfte eine solche Mannigfaltigkeit und Differenziertheit unter seinen Delegierten, Journalisten und Gästen aufzuweisen haben, wie der Kongreß der Zionisten. Alle Länder der Welt, wo Juden wohnen, sind bei diesem Kongreß vertreten. […] Auch der entschiedenste Gegner der zionistischen Bewegung kann nicht bestreiten, dass in den 28 Jahren, seitdem durch Theodor Herzl diese jüdische Tribüne errichtet wurde, diese Bewegung ein großes Stück weitergekommen ist. Wohl demonstrieren wir auch heute durch unseren Weltkongreß, um der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit zu zeigen, daß der Zionismus lebt und daß er zu stärksten Potenz im jüdischen Leben geworden ist. Aber der Zionistenkongreß ist längst nicht bloß eine Demonstration, denn wenn er auch nur alle zwei Jahre für eine kurze Zeitspanne zusammentritt, so zeigt er der Welt mehr als eine Heerschau über die Stärke der zionistischen Bewegung. Aus den Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten, von denen dieser Kongreß ein klares und umfassendes Bild gibt, sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und für sein schöpferisches Leben in der Zukunft.“

Die Begeisterung, die dieser Kongress bei dem Berichterstatter auslöste, kann dieser kaum verhehlen, im Gegenteil: In der Beschreibung einzelner Szenen des Kongresses wird diese unmissverständlich deutlich. Den Auftritt Weizmann schilderte Kaufmann wie folgt: „Schon viele Stunden vor Beginn der Eröffnungssitzung war die Straße, in der der Kongreß tagte, schwarz von Menschen. Das Konzerthaus, ein Bau größer als die Stadthalle, konnte kaum die Hälfte der Menschen fassen, die Einlaß begehrten. Der Saal bietet mit seiner kunstvollen, vornehmen Ausstattung eine herrliche Umgebung für die Beratungen dieses Parlaments. Um 7.15 Uhr wird es plötzlich totenstill im Saal. Die Exekutive tritt ein. Dr. Weizmann schreitet zum Präsidentenpult. Und plötzlich bricht eine ungeheure stürmische Ovation los, die nicht enden will.“

Das Ende der Eröffnungsszene fasste Kaufmann, merklich in pathetischer Stimmung, wie folgt zusammen: „Und nun ist der Kongreß eröffnet. Zwei Jahre mühevoller Arbeit der zionistischen Organisation sind abgeschlossen, eine neue Arbeitsperiode, nicht minder mühevoll und schwer, hat begonnen. Der brausende Gesang der nationalen Hymne, in die die gewaltige Versammlung einstimmt, schließt wirkungsvoll die Eröffnungssitzung.“

Ein Ereignis trübte dann doch auch Kaufmanns begeisterte Berichterstattung über den Kongress. Eine nicht „unerhebliche“ Zahl an Hakenkreuzlern marschierten in Wien auf, um die Veranstaltung zu stören. Doch wurden sie von der „Polizei in andere Teile der Stadt abgedrängt, so daß die Begrüßung der Delegierten durch die Wiener zionistische Organisation völlig ohne Störung verlief.“ Kaufmann schrieb damals optimistisch, „man hat überhaupt den Eindruck, als ob die Wiener Bevölkerung mit Bedauern die Demonstrationen der Hakenkreuzler betrachtet“ und stellte fest, dass sie „zum großen Teil […] aus Deutschland gekommen sind, um anläßlich des Kongresses im Trüben zu fischen.“

Nach 1926 sind dann keine persönlich gezeichneten Artikel Kaufmanns mehr zu finden. Lediglich einige redaktionelle Bemerkungen und Hinweise finden sich hier und da, in denen er vor allem seine journalistische Integrität verteidigt. Die hier dargelegte Positionierung und Schärfe seiner Polemik findet sich nicht mehr. Angesichts des eingangs dargelegten, von Prager formulierten Anspruchs der Zeitung, drängt sich die Interpretation auf, dass sich Kaufmann als Herausgeber nicht zu sehr mit seinen eigenen Positionen exponieren wollte.

Die Erklärung „In eigener Sache“ vom 19.12.1930 schildert eine Auseinandersetzung mit einem Vertreter der Gemeindeältesten und dem Kreisvorsteher Lazarus, die der Jüdischen Wochenzeitung tendenziöse Berichterstattung vorwarfen. Dieser Vorwurf wurde in einer Erklärung der Gemeindeältesten entkräftet, eine Erklärung die in Abwesenheit Julius Goldbergs zustande kam, wie Sally Kaufmann betonte.

Die Tätigkeit als Verleger und Herausgeber trugen zu Wohlstand und gesellschaftlicher Reputation der Kaufmanns bei. Ende 1927 konnten sie sich in der Kölnischen Straße 77 ein Haus kaufen, in welchem sie ab 1931 eine großzügige und modern eingerichtete, von Kaufmann als „alles in gut-bürgerlicher Ausstattung“ beschriebene, Wohnung bewohnten. Kaufmann erwähnte 1955 in einem Schreiben an das Regierungspräsidium Kassel (die Entschädigungsbehörde), dass sich in der Wohnung u.a. eine Original-Radierung von Hermann Struck17 als auch eine wertvolle Bibliothek befanden. Das ehemalige Hausmädchen Katharina Kamman berichtete, dass die Kaufmanns häufig und viel Besuch empfingen. Von als eher in ärmlich und bescheiden zu bezeichnende Verhältnissen lebend, hatten es die Kaufmanns zu etwas gebracht.

Aufgrund wiederholter Konflikte mit dem damals in Kassel als Rechtsanwalt und Stadtverordneter der NSDAP tätigen Roland Freisler beschloss Kaufmann mit seiner Familie Kassel 1932 zu verlassen. Kaufmann ging nach Belgien. Der Rest der Familie verließ Kassel, um vorübergehend in Darmstadt bei den Eltern von Helene Kaufmann unter zu kommen. Sally Kaufmann arbeitete zunächst in Belgien als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung um dann mit seiner Familie im April 1933 nach Palästina auszureisen.

Kaufmanns Schwager und Prokurist seines Verlages, Ludwig Goldberg (Eleasar Gilad)18, führte die Jüdische Wochenzeitung noch bis in den April 1933 weiter, bis sie dann in ihrem 10. Erscheinungsjahr eingestellt wurde und Goldberg, wie er notiert, alles zurücklassend „Hals über Kopf flüchten“ musste. Die Kaufmanns reisten, wie der Sohn Mordechai Tadmor (Martin Kaufmann) berichtete, aufgrund eines „Kapitalistenzertifikates19 nach Palästina ein. Der größte Teil ihres Vermögens, der Hausbesitz, wie die Einrichtung der Wohnung und vermutlich große Teile der wertvollen Bibliothek, gingen jedoch verloren. Und so wie Arnold Zweig20, der einer der wichtigsten Autoren der Jüdischen Wochenzeitung war, und viele andere Jeckes, geriet Sally Kaufmann in Palästina nach seiner Ankunft schnell mit der Realität im Jishuw in Konflikt. Kaufmann weigerte sich, Hebräisch zu sprechen und konnte in keiner Hinsicht an seine gesellschaftliche Reputation und seinen wirtschaftlichen Erfolg, den er in Kassel erreichen konnte, anknüpfen. Versuche sich selbständig zu machen scheiterten. Schwer krank, in Kassel bis heute weitgehend vergessen, starb Sally Kaufmann verarmt21 1956 in Givayatim.

1 Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) war die Organisation der jüdischen Soldaten in Deutschland. 1919 gegründet, hatte er zeitweilig bis zu 55.000 Mitglieder. Der RjF war vor allem im Kampf gegen den Antisemitismus aktiv und vertrat mehrheitlich eine Politik der jüdischen Assimilation. 1938 wurde er zwangsweise aufgelöst.

2 In Kassel organisierte sich als lokale Organisation die Zionistische Gruppe, deren Vorsitz bis 1925 Dr. Hermann Kugelmann und Sally Kaufmann und dann Julius Dalberg und Dr. Willy Weisbecker innehatten. Deutschlandweit organisierte sich 1894 die Zionistische Vereinigung für Deutschland (ZvfD). Ihre Mitgliederzahl erreichte 1923 33.000, ging dann aber wieder zurück. Bis 1933 hatte das Hauptaugenmerk dieser Bewegung, die Einwanderung nach Palästina zu fördern, nur einen geringen Erfolg. Als Vertretung des Zionismus innerhalb der deutschen jüdischen Organisation trat die „Jüdische Volkspartei“ in Erscheinung, die in Kassel von Dr. Kugelmann und Dr. Weisbecker in Hessen Nassau u.a. von Josef Prager repräsentiert wurden. Auch in Kassel gab es eine heftige Auseinandersetzung mit den Vertretern des Centralvereins (CV; vgl. FN 8). In den Beilagen der Jüdischen Wochenzeitung (Mitteilungen der Zionistischen Ortsgruppe und Mitteilungen des Centralvereins, Ortsgruppe Kassel) im Jahr 1925 sind die gegensätzlichen Positionen beider Seiten dokumentiert.

3 Josef Prager, geb. 1885 (Hannover) – gest. 1983 (Haifa), Arzt, Vertreter der Jüdischen Volkspartei für Hessen Nassau, wanderte 1932 nach Palästina aus.

4 Julius Dalberg, geb. 1882 in Essento (Marsberg) – ermordet 1943 (Sobibor), Rechtsanwalt, im RjF und in der Zionistischen Gruppe Kassel aktiv, Vertreter der Gemeindeältesten der Jüdischen Gemeinde in Kassel. Von den Nazis 1933 schwer misshandelt, floh er nach Ende 1933 nach Holland.

5 Dr. Hermann Kugelmann, geb. 1891 (Witzenhausen) – gest. 1975 (Witzenhausen), Rechtsanwalt. Führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei in Hessen Nassau und Kassel. 1936 nach Palästina ausgewandert, nach dem Krieg nach Kassel zurückgekehrt. Kugelmann vertrat zeitweilig die Familie Kaufmann in den Verfahren der Entschädigung als Verfolgte des Nationalsozialismus.

6 Walter Bacher, geb. 1892 (Breslau) – ermordet 1944 (Buchenwald), Lehrer, Aktivist des RjF und der Zionistischen Ortsgruppe Kassel, kehrte nach einer Reise nach Palästina im Jahr 1936 nach Deutschland zurück. 1938 versuchte er mit seiner Frau vergeblich Deutschland zu verlassen. 1941 nach Riga deportiert.

7 Jakob Ledermann, geb. 1894 – gest. 1947 (Tel Aviv), Lehrer. Im Ersten Weltkrieg Kampfflieger, bis 1933 Generalsekretär des RjF.

8 Der bereits 1883 gegründete Centralverein (CV) war der größte jüdische Verband in der Weimarer Republik. Er positionierte sich gegen den Zionismus und sah sein Hauptbetätigungsfeld im Kampf gegen den Antisemitismus und gegen die Boykottbewegung.

9 Der Abwehrkampf war eines der Hauptbetätigungsfelder des CV. Abwehrkampf bezeichnete die juristische, agitatorische und vom RjF auch handgreiflich geführte Auseinandersetzung gegen die völkischen und antisemitischen Gruppierungen, deren Tätigkeiten 1922 mit der Ermordung Walter Rathenaus und 1923 mit einem Pogrom im Berliner Scheunentorviertel unrühmliche Höhepunkte fanden. Insbesondere richtete sich der Abwehrkampf gegen die antisemitische Boykottbewegung und gegen das weite Verbreitung findende antisemitische Pamphlet der „Protokolle der Weisen von Zion“.

10 Ludwig Holländer, geb. 1877 (Berlin) – gest. 1936 (Berlin), führender Aktivist und Jurist (Syndicus) für den Centralverband. Publizist und seit 1922 Chefredakteur der Centralverband-Zeitung.

11 Chaim Weizmann, geb. 1874 (Pinsk, Weißrussland) – gest. 1952 (Rechovot, Israel), Chemiker. Präsident der Zionistischen Weltorganisation, 1949 – 1952 Staatspräsident Israels

12 Der 1902 erschienene utopische Roman „Altneuland“ Theodor Herzls trug den Untertitel: „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen.

13 Kurt Blumenfeld, geb. 1884 (Marggrabowa, Ostpreußen) – gest. 1963 (Jerusalem), Jurist und Parteisekretär der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Generalsekretär des zionistischen Weltverbandes, seit 1936 Direktor des Keren Hayesod (vgl. FN 15), zog 1945 nach Palästina.

14 ORT = Organisation – Reconstruction – Training. 1880 in Russland zur Berufsausbildung von Juden in Russland gegründet. Vorübergehend auch in der Ansiedlung von Juden in einem Ansiedlungsrayon tätig. Seit 1921 als internationale Organisation in Berlin zur Ansiedlung und Berufsausbildung von Einwanderern nach Palästina / Israel tätig.

15 Der Keren Hayesod wurde 1920 auf dem Zionistischen Weltkongress zur Förderung der Einwanderung und Integration von Juden in Palästina / Israel gegründet. Hauptsächlich aktiv in der Spendensammlung.

16 Der Artikel erschien am 7. Mai 1926 in der Jüdisch-liberalen Zeitung in einem bis heute bei Antizionisten beliebten Duktus unter der Überschrift: „Warum soll man nicht die Wahrheit über Palästina veröffentlichen dürfen?“ Aber im Gegensatz zu Antizionisten von heute, stellt Fischer in erster Linie die Hoffnung auf eine positive Entwicklung der Wirtschaft der Einwanderungsgesellschaft in Frage. Die Jüdisch-liberale Zeitung erschien von 1920 bis 1936 und wurde von Julius Loeb in Breslau herausgegeben. (Vgl. Jüdisch-liberale Zeitung)

17 Hermann Struck, geb. 1876 (Berlin) – gest. 1944 (Haifa), Struck war um die Jahrhundertwende ein einflussreicher Zeichner, Maler, Radierer und Lithograf, der einige bekannte Porträts schuf. In Palästina half er bei der Gründung des Tel Aviv Museum of Art.

18 Goldberg war mit Mathilde Enoch, der jüngeren Schwester Helene Kaufmanns, verheiratet.

19 vgl.: Palästina als Zufluchtsort der Europäischen Juden. BpB, 16.09.2014

20 Arnold Zweig, geb. 1887 (Glogau) – gest. 1968 (Ost-Berlin), Schriftsteller (Der Streit um den Sergeanten Grisha; Das Beil von Wandsbek); in den zwanziger Jahren Anhänger des Zionismus, floh 1934 nach Haifa. Schon 1932 änderte sich seine Haltung zum Zionismus. In Palästina geriet er auch aufgrund seiner Bevorzugung der deutschen und jiddischen Sprache und als Vertreter einer Politik der Aussöhnung mit den Arabern in Konflikt mit jüdisch-nationalistischen Gruppen des Jishuw. Zweig kehrte 1948 nach Ost-Deutschland zurück, in der DDR Kulturfunktionär.

21 Die Abteilung für Sozialarbeit in Tel Aviv bescheinigte den deutschen Wiedergutmachungsbehörden im Jahr 1955, dass der mittlerweile schwer erkrankte Sally Kaufmann über kein Vermögen und nur über ein unzureichendes Einkommen verfügte.

Über Sally Kaufmann und seinen Sohn Mordechai Tadmor ist der Blogbeitrag Ungedanken – Kassel – Tel Aviv  veröffentlicht worden, indem auf die etwas ausführlichere Broschüre über die Familie Kaufmann verwiesen wird.
Einige Angaben über die Familie Kaufmann sind auf der Internetseite des Vereins Stolpersteine in Kassel zu finden.
Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar hat der Zeitung Sally Kaufmanns ebenfalls ein paar Absätze in seinem Aufsatz „Juden in Kassel. Ein Blick in die Vergangenheit der älteren Jüdischen Gemeinde“ gewidmet.

Jüdische Ethik und Kommunismus – Eine Debatte in einer Kasseler Zeitung

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck war eine inhaltlich sehr anspruchsvolle Zeitung. Sie erschien in den Zwanziger- und Dreißigerjahren und wurde von Sally Kaufmann herausgegeben. Nicht nur über Vorkommnisse der jüdischen Gemeinden und Verbände aus der Region wurde dort berichtet, sondern es erschienen immer wieder anspruchsvolle Artikel über die Fragen der Zeit. Autoren wie z.B. Max Brodt und Arnold Zweig waren in der Zeitung prominente Autoren. Inhaltlich herausragend sind die Auseinandersetzung über Zionismus und Assimilation, über moderne Wissenschaften wie z.B. Psychologie, zur aktuellen wie auch historischen Situation der Juden in Hessen und in anderen Ländern Europas. Dem Antisemitismus in Deutschland und anderswo, sowie der Besiedlung Palästinas sind viele Artikel gewidmet.

Und so überrascht es nicht, dass die damals spektakuläre Befreiungsaktion der Olga Benario einen Niederschlag fand und zu einer interessanten Debatte in dieser Zeitung führte. Olga Benario war Aktivistin der kommunistischen Jugend. Sie befreite mit der Waffe in der Hand den Kommunisten Otto Braun aus der Untersuchungshaft. Daraufhin wurde nach ihr deutschlandweit gefahndet. In dem Artikel „Das Fiasko einer freireligiösen Mädchenerziehung. Eine Mahnung an unsere jüdischen Eltern“ führt ein ungenannter Autor am 11. Mai 1928 zunächst die Erklärungsversuche des Vaters Leo Benario an. „Wie kommt im Jahre 1928 ein Bourgeois-Mädel vom Isarstrande dazu, das Elternhaus stolz zu verlassen, um bei Arbeitern in Neukölln wohnen zu wollen?“ Wie es die meisten Eltern tun würden, klagt er sich nicht öffentlich als Elternteil selbst an, sondern sieht die Handlungen seine Tochter als Ergebnis der seit der Marneschlacht existierenden „preußischen Schuld“, die die „leicht empfänglichen und kritikschwachen Gemüter beeinflusst hätte.“ Das sieht der Autor anders und fordert eine strengere religiöse Erziehung. Er ist der Meinung, dass der Weg zum politischen Verbrechertum Ergebnis dessen sei, dass dem Kind kein Ideal im Elternhause geboten worden sei. Statt eine Stütze im jüdischen Glauben zu finden, wäre das Mädchen von „modernen Literaturerzeugnissen überfüttert worden.“ Zum Schluss folgt das Plädoyer: „Gebt euren Kindern die richtigen Bücher in die Hand, damit sie nicht in fremden Lagern nach Idealen suchen müssen, damit ihr Tun nicht zum Chissul Haschem werde, dessen sich unsere Feinde rühmen …“

Dieser Kommentar führt zum Widerspruch. Der Münchner Rechtsanwalt Ernst Mosbacher fragt in seiner am 1. Juni 1928 veröffentlichten Entgegnung, „Olga Benario, die politische Verbrecherin“, wie es dazu kommt, dass die jüdische Jugend sich zum „religionslosen marxistischen Sozialismus“ bekenne. Dabei gehöre es doch zu den besten Eigenschaften der Juden, ein ausgeprägtes Sozialgefühl zu besitzen, nachdem „die sozialen Verhältnisse in prinzipieller Weise zu gestalten [seien], den Ausgleich von arm und reich nicht der privaten Wohltätigkeit zu überlassen.“ Im Folgenden führt er aus, dass die Religionen, sowohl die christliche als auch die jüdische, Machtmittel der herrschenden Klasse sei, obwohl doch beide die Gleichheit der Menschen einforderten. Und obwohl sich nach Ansicht Mosbachers das Judentum deutlicher der sozialen Frage widme als es das Christentum tue, würden von keiner jüdischen Organisation konkrete Maßnahmen zur Überwindung der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit erwogen. Über die Abwendung der Jugend müsse man sich also nicht wundern und der Appell, dem jüdischen Glauben zu befolgen wäre zwecklos, wenn nicht das Judentum als Protest gegen gesellschaftliche Ungerechtigkeit verstanden würde. Und gerade letzteres Verständnis rechtfertige nicht, die Benario zu verurteilen.

Die abschließenden Sätze lassen aufhorchen. Hier wendet sich Mosbacher gegen die von dem unbekannten Autor ausgeführte Befürchtung, dass Aktionen wie die der Benario den Antisemitismus befördern würde. Das Blicken nach der Meinung der Nichtjuden sei überkommener Ausdruck „ghettohafter Gesinnung“. Im Gegenteil, es dürfe kein Jude davon abgehalten werden, mannhaft für die ethischen Ideale einzutreten. Mosbacher nimmt keine Partei für die Art und Weise der Aktionen der Benario und die Brauns, die zu dessen Inhaftierung führte. Ihm geht es um die handlungsbegründenden Ideen der beiden Kommunisten. Diese seien die für eine bessere Welt und daher auch Grundlage des Glaubens.

In einem weiteren Artikel „Olga Benario, ein Typus heutige jüdischer Jugend“, vom 8. Juni 1928, insistiert ein Dr. Max Köhler darauf, Verfechtern des jüdischen Glaubens nicht vorzuwerfen, wenn diese nicht die Kraft besitzen, „objektiv die sozialen Grundsätze im Leben auszuführen, welche die Lehre gebietet.“ Aber auch er akzeptiert die subjektiven Motive des Handelns Olga Benarios, weist aber darauf hin, dass das Judentum sehr wohl Arm und Reich kenne und dass Armut und Elend „Prüfungen des Lebens (Hiob)“ seien. Gleichwohl müsse diese Erkenntnis nicht darauf hinauslaufen, schicksalergeben die bestehenden Verhältnisse hinzunehmen, nein, es sei durchaus angebracht „die Mängel der Zeit zu geißeln und alle mögliche Kraft aufzuwenden, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen.“ Köhler lehnt es aber strikt ab, Gewalt gegen den Staat und Ordnung auszuüben, denn sowohl die Erhaltung des staatlichen Rechts als auch der staatlichen Ordnung seien gerade für die Juden überlebenswichtig. Er beendet seinen Beitrag mit der altväterlich anmutenden Aufforderung: „Frag‘ deinen Vater, er wird es Dir sagen, frag‘ deine Alten (darunter sind die Autoritäten der Lehre gemeint) und sie werden es Dir künden.“

Liest man sich diese Diskussion durch, so wird zum einen die Unaufgeregtheit deutlich, mit der eine Aktion einer jungen Aktivistin debattiert wird, deren Motive auf der einen Seite ernst genommen werden und es gleichzeitig versucht wird diese zu erden und deren Aktionsform, in einer, aus heutiger Sicht fast prophetisch anmutender Weitsicht, einmütig abgelehnt wird und statt dessen, kritisches Denken und die gesellschaftliche Einmischung eingefordert wird.

Es wird deutlich, dass politisches Handelns (mit oder ohne Ausübung direkter Gewalt) einer auf die Möglichkeit einer besseren Welt reflektierenden ethischen Rückkoppelung bedarf, soll sie nicht zum Selbstzweck geraten.   – Eine durchaus aktuelle Diskussion und ein Anschauungsbeispiel dafür, inwiefern eine Religion sich dafür eignen kann, andere aber eben nicht.  Eine Diskussion, die nicht nur für ein regional erscheinende Zeitung, sondern auch für eine religiös motivierte Debatte bemerkenswert ist.

Olga Benario gelang es nach der Befreiung Otto Brauns nach Moskau zu fliehen. Dann ging sie nach Brasilien und nahm dort an einem Aufstandsversuch brasilianischer Kommunisten teil, der jedoch scheiterte. Sie wurde verhaftet und, weil schwanger, gesetzeswidrig an Nazideutschland ausgeliefert. Hier wurde sie im Frauengefängnis Barnimstraße in Berlin gefangen gehalten, dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht um von dort in die Euthanasieanstalt Berneburg verschleppt und ermordet zu werden.

Leo Benario war Rechstanwalt, Autor und bekennender Sozialdemokrat in München. Nach dem ersten Weltkrieg trat er für eine demokratische Umgestaltung des Justizwesens ein. Leo Benario starb 1933 eines natürlichen Todes, seine Frau und sein Sohn waren wie Olga ebenfalls Opfer der Judenvernichtung der Deutschen. (vgl., R. Weber, Schicksal der jüdischen Rechtsanwälte in Bayern nach 1933, S. 24)

Otto Braun absolvierte eine militärische Ausbildung an der Militärakademi Frunse in der Sowjetunion und nahm dann als Beauftragter der Komintern am Langen Marsch Mao Tse Tungs teil. Er starb 1974 in der DDR.

Der Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung Sally Kaufmann wanderte mit seiner Familie 1932 nach Palästina aus. Der wichtigste Autor dieser Zeitung Julius Dalberg wurde mit seiner Frau von den Nazis nach Sobibor deportiert und dort umgebracht

Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei Max Köhler um ein in Kassel geborenen Rabbiner, der u.a. in Berlin, Frankfurt, Borken und zuletzt in Schweinfurt tätig war. Köhler konnte noch 1939 über England nach Israel emigrieren.

Ernst Mosbacher, Rechtsanwalt aus München war später auch als Theatersänger tätig und fand verschiedene Engagements an Schweizer Theatern. Zuletzt trat er auch in Frankreich auf, wo er als Jude von den Nazis verhaftet, nach Auschwitz deportiert und umgebracht wurde.

 

Ungedanken – Kassel – Tel Aviv: Die Geschichte einer Auswanderung

Sally und Helene Kaufmann, eine bemerkenswerte Zeitung aus Nordhessen und wie aus dem Kasseler Straßenjungen Martin Mordechai Tadmor wurde
(letztes Update: 31.10.2018)

Der folgende Text ist ein Auszug aus der gleichnamigen Broschüre (Die Geschichte einer Auswanderung) zu Sally Kaufmann und Mordechai Tadmor. Diese kann beim Autor zum Selbstkostenpreis (4,00 € + Versand) bestellt werden.

Im hohen Alter und nach einem erfüllten Leben ist Mordechai Tadmor am 30.10.2018 verstorben. Er konnte daher die Veröffentlichung der nächsten Broschüre nicht mehr erleben, deren Text er aber schon kannte und die er mit Spannung erwartete. Diese Broschüre wird sich den Erlebnissen Mordechai Tadmors als Soldat der 8. Britischen Armee in Nordafrika und in Italien widmen. Auszüge dieser Erlebnisse sind bereits hier veröffentlicht worden: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

Dem Autor bleibt es verwehrt, noch weitere geplante Gespräche über das Leben Mordechai Tadmors in Deutschland, Österreich, Frankreich und natürlich in und für Israel mit ihm zu führen. Der Termin hierfür stand schon fest – Daraus ist leider nichts geworden.  Es liegt aber schon jetzt so viel Material vor, dass auch diesem Lebensabschnitt eine dritte – dann aber lückenhafte – Broschüre folgen wird. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, den ein britisches Understatement auszeichnete, der sehr offenherzig, immer sehr freundlich und humorvoll war und der ein phänomenales Gedächtnis hatte und mit dem der Autor so manches gutes Glas Rotwein getrunken hat. Kurz: Er war ein wunderbarer Gesprächspartner, er wird mir fehlen.

Dies ist die Geschichte einer jüdischen Familie, deren Aufzeichnung zu einer Freundschaft des Autors mit einem in Kassel aufgewachsenen und seit 1932 in Israel lebenden Herren führte. Es begann mit einem nicht ganz alltäglichen Kontakt. Am 27. September 2015 postete das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf Facebook einen Artikel von Georg M. Hafner (Inszenierte Opfer) über die Praxis vieler Medien, mit gestellten oder gefakten Fotos im Nahen Osten Politik zu machen. Die Notiz des BgA-Kassel kommentierte ein Herr Mordechai Tadmor: „Es erinnert mich an meinen Vater, s.A. Er war der Herausgeber der ‚Juedischen Wochenzeitung‘ in Kassel in den Jahren 1928-1932. Sein Name war Sally Kaufmann (1890-1966).“ Diese Zeitung1 war mir ein Begriff, einige Notizen, nicht viel – aber das wesentliche – zu dieser Zeitung findet man in Kassels einschlägigen Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte.2

Zu Sally Kaufmann erfährt man aber nichts. Dieser Kommentar ließ mich aufhorchen. Ich nahm mit Herrn Tadmor Kontakt auf. Nach reger Korrespondenz verabredeten wir uns in Israel. Korrespondenz und Besuche waren sehr ergiebig, so dass ein mehrseitiges biographisches Interview dabei herauskam. Aus diesem sind die angeführten Zitate von Mordechai Tadmor entnommen. Mordechai Tadmor ist der älteste Sohn3 Sally Kaufmanns und lebt in Giv’Atajim. Giv’Atajim liegt bei Tel Aviv, direkt hinter dem Ayalon, der großen an Tel Aviv von Nord nach Süd vorbei führenden Autobahn. Ich erhoffte mir von dem Besuch bei Herrn Tadmor, mehr über den Menschen Sally Kaufmann in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich schnell heraus, dass Mordechai Tadmor über seinen Vater wenig berichten kann, dafür aber um so mehr aus seinem eigenen Leben.

Eine Kindheit in Kassel

Mordechai Tadmor wurde als Martin (Mordechai) Kaufmann 1922 in Darmstadt geboren. In Deutschland war sein Rufname Martin, gute Freunde nennen ihn bis heute Motke. In Darmstadt lebten die Eltern seiner Mutter Helene (Rikva) Kaufmann, geb. Enoch. Die Familie Enoch kam aus dem Dorf Oswiecim in Polen und stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Eine Woche nach seiner Geburt kam Martin dann mit seiner Mutter nach Kassel, um dort als kleiner Junge aufzuwachsen. Seine Eltern wanderten 1932 mit seinen Brüdern und ihm – dem damals zehnjährigen Kasseler Jungen – nach Palästina aus.4

Die Kaufmanns wohnten bis 1930 in der Hohentorstraße. Die Hohentorstraße gibt es heute nicht mehr. Sie verlief damals vom Lutherplatz an der Martinskirche vorbei Richtung Altmarkt, etwas südlich von der heutigen Kurt-Schuhmacher-Straße gelegen.

Die Hohentorstraße auf einer alten Postkarte. Vorne links ist die Hausnummer 3. Drei Häuser weiter ist das Haus in dem Sally Kaufmann und seine Familie bis 1930 lebten. Bis 1932 lebte und wohnte die Familie dann in der Kölnischen Straße 77. Dort sind für die Familie fünf Stolpersteine verlegt worden. (Bild: Uni Kassel)

Die schönsten Erinnerungen an Kassel verbindet Mordechai Tadmor mit dem Gelände an der Martinskirche. Dort rauchte er seine ersten Zigaretten (R6), sammelte im Frühling Maikäfer und verbrachte den Großteil seiner Zeit. Er erinnert sich: „Unser Stammplatz war die Anlage um die Martinskirche. Dort rauchten wir, trieben allerhand Unsinn und belästigten die Besucher.“ Mordechai Tadmor beschreibt sich selbst als Gassenjungen. Weil die Wohnverhältnisse in der Hohentorstraße sehr beengt waren und seine Mutter sich vor allem um seinen kränklichen Bruder Benno kümmern musste, schlief er öfters zusammen mit dem Hofhund Tell in dessen Hundehütte.

Martin Kaufmann Ende der Zwanziger. „Ich war ein ziemlicher Gassenjunge“ erinnert sich Herr Tadmor an seine Zeit als Kasseler Schlacke. (© J. D.)

Mordechai Tadmor erzählt von seiner Zeit als kleiner Junge in Kassel: „Manchmal strichen wir um die Geschäfte und klauten aus den Auslagen – das ist nach mehr als 85 Jahren hoffentlich verjährt. Ich stibitzte hauptsächlich Süßigkeiten. Nicht für mich selbst, sondern für die Gruppe – sozusagen zur Bestechung, damit ich mit ihnen Fußball spielen durfte. Denn ich war kein guter Spieler damals. Am liebsten aber ging ich allein in die Anlage an der Martinskirche. Dort saßen oft auf zwei Bänken alte Frauen und Männer, alle schwarz gekleidet (vielleicht waren das Insassen eines Altenheims) und sangen patriotische Lieder. Bruchteile dieser Lieder sind mir noch in Erinnerung:

‚Hörnerklang und wilder verwegner Jagdgesang‘.

‚Auf lasst die Faulen liegen, lasst sie in ihrer Ruh‘, wir rücken mit Vergnügen dem lieben König zu‘ ‚Schleswig-Holstein meerumschlungen‘.

Vielleicht waren das meine schönsten Stunden [in Kassel, d.V.].“

Kurz bevor die Kaufmanns nach Palästina auswanderten, zog die Familie Kaufmann in die Kölnische Straße um. Dort wurde der zweite Bruder Micha geboren. Martin besuchte als 10-Jähriger zuletzt das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Vorher besuchte er die Jüdische Volksschule in der Großen Rosenstraße. Die Zeit am Wilhelmsgymnasium und in der Kölnischen Straße hat er im Gegensatz zur Jüdischen Volksschule und zu seinem von ihm geliebten Lehrer Walter Bacher5 und der Kasseler Innenstadt in keiner guten Erinnerung behalten. „Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde sehr gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus. […]

Sally und Helene Kaufmann schalten eine Dankesanzeige in der Jüdischen Wochenzeitung für Aufmerksamkeit angesichts der Geburt Michas.

Vom Kibbuz zur britischen Armee

Über Haifa gelangte die Familie nach Tel Aviv. An Martins Leben auf der Straße ändert sich auch in Tel Aviv zunächst nichts. „Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht“, denkt Mordechai Tadmor zurück. Damals war Martin 10 Jahre alt, rebellisch und aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechseln musste

„Meine Eltern meldeten mich in der Tachkemonischule an, wohl um meinem Großvater einen Gefallen zu tun, denn diese Schule war eine sehr religiöse Schule. Sie lag an der Grenze zwischen dem damaligen Jaffa und Tel Aviv. Die Schüler kamen alle aus armen, zumeist orientalischen Familien. Alle anderen Einwandererkinder besuchten eine Schule im Norden Tel Avivs, die ihnen bei der Integration half. Meine Integration verlief anders. Als ich am ersten Schultag, sauber angezogen nach deutschem Muster, in der Schule eintraf, sorgte ich für eine Sensation. Die Schüler versammelten sich um mich herum und droschen auf mich ein. Dabei schrien sie: ‚Yecke Potz‘. Yecke ist der noch heute existierende Begriff für Juden deutscher Abstammung und Potz heißt Schwanz. Als ich mich wehrte, ließen sich die Angreifer zu Boden fallen und fingen an jämmerlich zu schreien. Die Lehrer eilten herbei und da war ich natürlich der böse Junge.“ Das ging an dieser Schule nicht lange gut, aber auch in den anderen Schulen war das nicht anders. Als alles nichts mehr half, wurde Motke dann von seinen Eltern in den Kibbuz geschickt.

1940 mussten dann „Freiwillige“ für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen die Truppen Italiens, dann gegen die Wehrmacht kämpften. „Ich war 18 Jahre alt, unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht“, erinnert sich Mordechai Tadmor. Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen. Von dort sollte es im Bündnis mit den antienglisch und judenfeindlich eingestellten und aufständischen Arabern aus Palästina, Syrien und aus dem Irak weiter nach Russland gehen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Vor Tobruk wehrte Herr Tadmor als „Soldat King Georges“, wie er sich selbst mir gegenüber bezeichnet, mit einem MG bewaffnet deutsche Fliegerangriffe ab. „Dafür bekam ich später die ‚Silberne 8‘ meiner Afrikamedaille.“

Herrn Tadmors Auszeichnung der Britischen Armee für den Kampf gegen Nazideutschlands Armee (© J.D.)

Bei Tobruk konnten sich die britischen Truppen 1941 in schweren Kämpfen nur knapp behaupten und wurden mehrere Monate lang von Wehrmachtseinheiten belagert. In seiner sympathischen und bescheidenen Art erzählt Mordechai Tadmor, von seinen Erlebnisse in Tobruk: „Meine Einheit, die 5 M.T. (später 178.) des Royal Armee Service Corp (RASC) war die einzige jüdisch-palästinensische vor Ort. Wir waren keine Helden, sondern nur müde, staubige und durstige Männer, die sich so gut es ging, gegen Fliegen, Sandflöhe (die uns die Italiener vererbten) , Stuckas, Messerschmidts und Heinkels wehrten. Es herrschte viel Chaos um uns und wilde Gerüchte machten die Runde.“ Erst im November 1942 bei El-Alamein konnten die britischen Truppen den Vormarsch der deutschen Truppen stoppen und die Pläne der Nazis vereiteln. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina leisteten dazu einen Beitrag. Später dann wurde aus den Freiwilligen die Jüdische Brigade gebildet, die über Italien sich bis zur Kapitulation Deutschlands an Österreich heran kämpfte.

Herr Tadmor als britischer Soldat in Nordafrika. „Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg.“ (© J.D.)

Mordechai Tadmor nahm als Soldat in der Jüdischen Brigade an all ihren Einsätzen in Italien teil. Nach der Kapitulation Deutschlands beteiligte er sich aktiv an der Überführung vieler Holocaustüberlebender nach Palästina. 1946 wurde er nach 5 fünf Jahren und 348 Tagen (davon vier Jahre und 221 Tage außerhalb Palästinas) und Träger des „Africa Star“ der 8. Armee entlassen.

Die Entlassungsurkunde aus dem Jahr 1946. Mordechai Tadmor diente fünf Jahre und 348  Tage in der britischen Armee, davon über vier Jahre außerhalb Palästinas. Er wurde in Nordafrika und in Italien eingesetzt.

Von Ungedanken nach Kassel

Mordechai Tadmors Vater, Sally Kaufmann, wurde 1890 als Sohn des Lehrers Markus (Mordechay) Kaufmann und seiner Frau Bettina (geb. Katzenberg) in Ungedanken, einem kleinen Dorf bei Fritzlar, geboren. In der Jüdischen Wochenzeitung widmet sich ein mehrteiliger Artikel von Elias Lissauer (Lissauer entstammt einer in Ungedanken ansässigen Familie der Thoraschreiber) diesem Dorf.

Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Ungedanken eine israelitische Gemeinde. Unter dem Schutz des Kurfürsten von Mainz ließen sich dort Juden nieder. Man nimmt an, dass sie als Flüchtlinge aus Polen kamen, als dort der Kosakenführer Bogdan Chielmicki das Land verwüstete und es zu zahllosen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam. In der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das jüdische Gemeindeleben in Ungedanken. Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Ungedankens Juden.

Über Markus Kaufmann schreibt Lissauer: „Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine israelitische Volksschule errichtet. In derselben wirkten die Lehrer Edelmuth Lange von 1862 – 1869, Frank von 1869 – 1873, Kaufmann von 1873 – 1893 und Kaschmann von 1893 – 1901. Die Höchstzahl der Schüler betrug 45 – 50. […] Lehrer Markus Kaufmann, der 1893 starb, war nicht nur im Jüdischen, sondern auch im Deutschen ein großer Gelehrter. Die Gemeinde nahm in seiner Zeit einen großen Aufschwung und […] das religiöse Leben [stand] während seiner Amtszeit auf der Höhe. Auch die Schülerzahl war damals die höchste.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 17, 1927; Der Artikel und weitere Angaben sind auf der Seite alemannia-judaica.de zu finden.)

Der Grabstein des Lehrers Markus Kaufmann auf dem Friedhof in Ungedanken. Die Inschrift des Grabsteins ist hier übersetzt. Von der kleinen jüdischen Gemeinde Ungedankens ist außer den Grabsteinen des Friedhofs nichts übrig geblieben. Ein Gedenkstein vor dem Friedhof erinnert an die Opfer des Holocaust.

Sally Kaufmann: Herausgeber, Patriot, Zionist und Nazigegner

Sally Kaufmann wollte wie sein Vater Lehrer werden. Weil sein Vater jedoch früh starb erlernte er den Beruf des Kaufmanns. 1915 wurde er als Soldat eingezogen und im Juni 1916 an der Somme als Unteroffizier in die Schlacht gegen englische Truppen geschickt. Er hatte Glück im Unglück und überlebte schwer verletzt und als Träger des Eisernen Kreuzes das Gemetzel. Nach längeren Lazarettaufenthalten und Tätigkeiten in verschiedenen Läden eröffnete er 1921 seinen eigenen Kolonialwarenladen in der Hohentorstraße. Im gleichen Jahr heirateten Sally Kaufmann und Helene Enoch.  Der Laden in der Hohentorstraße war zugleich die Adresse der von ihm ab 1924 herausgegebenen Zeitung. Von Mordechai Tadmor will ich mehr über seinen Vater Sally Kaufmann erfahren. „Ich war nie innerhalb des Geschäfts meines Vaters, ich kannte auch nicht das Sortiment oder die Kunden“, so Mordechai Tadmor über die Tätigkeiten seines Vaters. „Oft, wenn viel Betrieb im Geschäft war, rief mein Vater meine Mutter zu Hilfe und sie ließ mich dann allein zurück. Sie sah oft sehr verbittert aus, lächelte nie und umarmte mich nicht. Ich glaube, es passte ihr nicht, die Frau eines Kolonialwarenhändlers zu sein. Später, als mein Vater die Jüdische Wochenzeitung herausgab und wir in die Kölnische Straße zogen, änderte sich die Lage. Wir waren irgendwie Prominenz. In der Gemeinde wurden wir respektiert.“

Sally Kaufmann als Soldat im ersten Weltkrieg. 12.000 deutsche Juden werden in diesem Krieg „für Deutschland“ fallen. Sally Kaufmanns Sohn kämpfte 25 Jahre später für die britische Armee gegen Nazideutschland.

Mordechai Tadmor erzählte mir, dass das Verhalten seines Vaters ihm gegenüber und in der Familie stark von der Kaiserzeit und vom Soldatentum geprägt war. „Er war durch und durch Unteroffizier. Sein Verlangen mir gegenüber, ihm zu gehorchen war sein ständiges Kredo.“ Mit den Kindern redete der Vater nicht viel. Über seine politischen Ansichten und Tätigkeiten schon gar nicht. „Mein Vater war einfach da, ohne viele Worte zu verlieren. Sein ganzes Wesen drückte einen für ihn selbstverständlichen Patriotismus aus. […] Seine Erinnerungen an das ‚Feld‘, das Eiserne Kreuz, sein Silbernes Verwundetenabzeichen prägten sein Auftreten in der Familie.“

Eine Werbeanzeige Sally Kaufmanns Kolonialwarenhandel aus dem Jahre 1925

Sally Kaufmann hinterließ weder Tagebücher oder Notizen, noch überlieferte er den Nachkommen seine Gedanken und Ideen. Lediglich in der Akte seines Antrags zur Entschädigung nationalsozialistischer Unrechtsmaßnahmen sind ein paar autobiographische Notizen zu finden. Dort beschreibt er sich als Gegner des in Kassel tätigen Roland Freisler. Neben der Berücksichtigung der Tatsache, dass er organisiertes und aktives Mitglied des keineswegs monolithischen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) und der ebenso ausgeprägten Zionistischen Ortsgruppe Kassel war, ist das Studium seiner von ihm herausgebrachten Zeitung und der wenigen Artikel und Notizen, die ihm zugeordnet werden können, der einzige Weg, um etwas über seine Gedankenwelt und seine politische Haltung in der Weimarer Republik zu erfahren.

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck trat am 4. April 1924 mit einem ambitionierten Anspruch an die Öffentlichkeit. Sally Kaufmanns Ehefrau Helene notierte 1965, dass es auch ihre Idee war, diese Zeitung zu gründen. Sie beteiligte sich aktiv an der Erstellung dieser Zeitung und bezog dafür auch ein Gehalt. Zunächst weist nichts darauf hin, dass diese Zeitung von Sally Kaufmann herausgegeben wurde. Erst in der Nummer 11 des ersten Jahrgangs taucht sein Name als inhaltlich Verantwortlicher auf der Titelseite auf. In der ersten Nummer der Zeitung umriss Dr. Joseph Prager das Programm der Zeitung. Prager war ein führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei. Prager schrieb in seinem Leitartikel, dass vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs und Niedergangs, in den er auch das jüdische Leben in Deutschland mit einbezog, ein Neuaufbau nötig sei. Die Zeitung solle dem Judentum dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit eintreten und an der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitarbeiten. Prager betonte, dass die Zeitung keiner Partei im Judentum dienstbar sein solle, vielmehr sollten alle Fragen behandelt und alle Nachrichten vermittelt werden, „die zu kennen für Juden jeglicher Partei wichtig sind.“ Der Focus sei auf die heimatlichen Angelegenheiten, die Geschichte und das Wirken der örtlichen Gemeinden zu richten. Prager plädierte dafür, den Kampf gegen Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit aufzunehmen und hoffte darauf, für diesen Kampf alle Parteien des Judentums zu gewinnen.

Die erste Nummer der jüdischen Wochenzeitung aus dem Jahr 1924. Den Aufmacher schrieb Dr. Joseph Prager.

Sally Kaufmann tauchte als Autor in seiner Zeitung fast nie namentlich auf. Es gibt ein paar wenige, von Sally Kaufmann namentlich gezeichnete Anmerkungen und zitierte Briefe. Einige Artikel jedoch, insbesondere aus dem Jahr 1925, führen das Kürzel „Kfm.“, auch taucht das Kürzel „K.“ in einem Artikel der Redaktion einmal auf. Sie könnten also von ihm stammen. Dass es aber nur wenige Artikel von ihm gibt, lag an seiner Kriegsverletzung, die ihm das Schreiben mit der rechten Hand wohl sehr erschwerten. Zusammen mit seinen Mitstreitern aus der örtlichen Gruppe des RjF, der Zionistischen Ortsgruppe, den Redakteuren und Autoren Julius Dalberg, Ludwig Horwitz, Walter Bacher und anderen z.T. prominenten Artikelschreibern entwickelte er aber das Wochenblatt in dieser Zeit zu einer beachtlichen und niveauvollen Zeitung. Später wurde Sally Kaufmann dann zum Verleger der Jüdischen Wochenzeitung, die auch in Hannover, Braunschweig, Chemnitz und anderen Städten erschien. Es gibt wichtige Artikel über die regionale Geschichte der Juden in Nordhessen. Viele davon wurden neben dem schon erwähnten Elias Lissauer von Ludwig Horwitz, dem Leiter der Jüdischen Volksschule, und von Rudolf Hallo, dem Gründer des jüdischen Museums in Kassel, beigesteuert.

Die Autoren der Zeitung mischten sich mit ihren Beiträgen auch in die zeitgenössischen politischen Debatten ein. Es schrieben neben den Redakteuren auch berühmte Autoren wie Wolfgang von Weisel, Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod und viele andere für die Zeitung, aber auch nichtjüdische Autoren wie z.B. Philipp Scheidemann und Heinz Pollack. Lesenswerte Nachrufe, z.B. auf Paul Levi, Franz Rosenzweig und Friedrich Ebert wurden veröffentlicht. Man beschäftigte sich ausführlich mit Stefan Zweig, Franz Kafka, Moses Mendelssohn, Eduard Bernstein u.v.a..

Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar schreibt über diese Zeitung völlig zurecht: „Politisch fällt die Nähe zur demokratischen Republik auf, die sich durch alle Jahrgänge […] beobachten lässt.“ (Vgl., Fn. 2) Immer wieder sind nicht nur Aufrufe, sondern auch Leitartikel zu finden, die es den Lesern eindringlich nahe legen, nicht nur zu den Wahlen zu gehen, sondern ihre Stimmen den demokratischen Parteien oder den republikanischen Kandidaten zu geben und die Jüdische Wochenzeitung bezog immer häufiger gegen den Nationalsozialismus Stellung und positionierte sich klar für den Zionismus.6 In den vielen Ausgaben, die Sally Kaufmann bis 1932 herausbrachte, wurde regelmäßig über die Entwicklung im damaligen Mandatsgebiet Palästina berichtet.

Auch der Autor „Kfm.“, vermutlich also Sally Kaufmann schrieb: „Aus den [zionistischen] Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten … , sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und … in der Zukunft.“ Prophetisch anmutende Zeilen, aus denen eine große Begeisterung spricht.

Der Zionisten-Kongreß. Ein Artikel der wahrscheinlich von Sally Kaufmann geschrieben wurde.

Gegen den Nationalsozialismus

In der Jüdischen Wochenzeitung wurden zahlreiche Artikel prominenter Autoren über den Nationalsozialismus publiziert, so z.B. 1929 ein sehr ausführlicher von Heinz Pol. (d.i. Pollack, s.o.). Pollack legt in seinen Ausführungen dar, dass der Antisemitismus in der Ideologiebildung des Nationalsozialismus das wichtigste Element sei. Er erkannte ferner, dass der Faschismus nur ein Element der nationalsozialistischen Bewegung ausmache. Darüber hinaus seien eine „jungnationale“ Bewegung an den Universitäten und Teile der Wandervogeljugend wichtige Elemente des Nationalsozialismus. Er hob auch die Rolle der anscheinend antikapitalistischen Agitation kleinbürgerlicher und bäuerlicher Elemente hervor. In diesem Zusammenhang agitierten die Nationalsozialisten gegen Großgrundbesitz und Warenhäuser und knüpften dabei immer wieder auch erfolgreich an Themen und Aktionsfelder linker Parteien an. Gleichzeitig stellte Pollack aber heraus, dass die nationalsozialistische Bewegung auch aus Kreisen der Industrie finanziert wurde. (Jüdische Wochenzeitung Nr. 29, 26. Juli 1927)

Besonderen Raum nehmen die vielen Berichte über die unzähligen Untaten und Übergriffe von Nazis und ihren Spießgesellen in ganz Deutschland wie auch in Kassel und im Umland ein. Sie wurden laufend dokumentiert und thematisiert. 1926 druckte die Jüdische Wochenzeitung z.B. einen Artikel über den antisemitischen Antiquitätenhändler Edler von Dolsperg aus Kassel ab. Im Schaufenster seines Ladens am Ständeplatz hatte dieser einen illustrierten Bericht über die Ritualmordlegende ausgehängt. Es kam zur Anklage gegen den Händler. Dieser wurde von Roland Freisler verteidigt, der vor Gericht mit wüsten antisemitischen Beschimpfungen auftrat, die er auch explizit gegen Sally Kaufmann, den Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung richtete. (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 24, 1927)

In einem Artikel, der mit „Nationalsozialistische Frechheit“ überschrieben ist, berichtete Sally Kaufmann selbst von einer lokalen Begebenheit: Als 1929 in einer Ausflugsgaststätte am Brasselsberg Nazis ihre Fahnen präsentierten, schrieb Sally Kaufmann einen Brief an die Wirtin und fragte sie, warum sie dies nicht unterbunden habe und ob sie künftig noch Juden als Gäste wünsche. Die Wirtin beteuerte in ihrer Antwort, keine Handhabung gegen die Präsentation der Nazifahnen gehabt zu haben, da man auf jeden Gast angewiesen sei. Sie würde es jedoch auch zukünftig begrüßen, „viele Angehörige Ihrer Kreise“ als Gäste willkommen zu heißen. Der Briefwechsel wurde von der örtlichen NS-Zeitung als „jüdische Frechheit“ denunziert und es wurde unmissverständlich gedroht: „Diesen Juden, S. Kaufmann, Hohentorstr. 9, wollen wir uns merken.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 34, 1929)

Das Vermächtnis des Sally Kaufmann

1933 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland geändert. Das zur „Volksgemeinschaft“ formierte deutsche Volk verriet die Republik, plünderte seine jüdischen Nachbarn zunächst aus und lieferte sie dann an den antisemitischen Mob und seine Henker aus. Die nationalsozialistische Bewegung unter der Führung Hitlers hatte die Macht ergriffen und der Antisemitismus war zur deutschen Staatsräson geworden. Der „Bestand“ des Judentums, auf den Sally Kaufmann hoffte, wurde weder vom (internationalen) Proletariat noch von dessen „Vaterland“ und auch nicht von den westeuropäischen Demokratien gegen diejenigen verteidigt, die sich mit Mehrheit gegen eine Zukunft für die Juden entschieden und zur antisemitischen Tat schritten: Zuerst in Deutschland, dann in fast ganz Europa.

Die Entwicklung war für hellsichtige Köpfe, wie Sally Kaufmann offensichtlich einer war, schon vor 1933 absehbar. Sally Kaufmann fand sich, wie viele andere Anhänger der Republik, zunehmend isoliert und musste sich als Jude ausgestoßen fühlen. Da er mit dem in Kassel als Anwalt und Abgeordneten der NSDAP agierenden und späteren Präsidenten des „Volksgerichtshofs“ Roland Freisler aneinander geriet, fühlte sich Sally Kaufmann zurecht bedroht und setzte sich schon 1932 aus Kassel ab. Ein paar Monate später wurde die zunächst von seinem Schwager Ludwig Goldberg kommissarisch weiter herausgegebene Jüdische Wochenzeitung eingestellt.

Sally Kaufmann verlor durch diese Entwicklung Deutschland, Nordhessen und Kassel als seinen Bezugs- und Identifikationspunkt sowie als Heimat. Mordechai Tadmor sagte zu mir: „Sein Leben hörte auf, als er Kassel verließ. Er war Zionist und auch aktiv, aber ich glaube es war mehr ideologisch als praktisch. Denn als er mit der Wirklichkeit im Jishuw konfrontiert wurde, brach für ihn eine Welt zusammen.“ In Israel vergrub er sich in sein Bücherantiquariat, das er dort mit wenig Erfolg führte. Da er kein Hebräisch sprach und es auch nicht lernen wollte, musste sein Sohn Benno ihm im Laden helfen. Ein Land, das jedem verfolgten Juden Schutz vor antisemitischer Verfolgung bot, gab es damals noch nicht. Gleichwohl konnten sich diejenigen Juden vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik retten, die rechtzeitig den Weg – trotz aller Hindernisse – nach Palästina in den Jishuw fanden.

Dass es den deutschen Truppen nicht gelang, bis nach Palästina vorzustoßen, daran waren auch Juden aus dem Jishuw beteiligt. Viele von ihnen waren, wie Martin Kaufmann, erst vor kurzem dort eingetroffen.

So wie Mordechai Tadmor als „Soldat King Georges“ seinen Beitrag in der jüdischen Brigade zum Sieg über den deutschen Nazifaschismus beisteuerte und damit auch die Juden in Palästina gegen den Zugriff der deutschen Vernichtungspläne verteidigte, so kämpfte er als Offizier zunächst der Hagana im Unabhängigkeitskrieg, dann für die IDF von Beginn an für die Existenz und Sicherheit Israels. Ihm war schnell klar geworden, dass von der arabischen Seite nichts Gutes zu erwarten war. Die größenwahnsinnigen Pläne des Muftis von Jerusalem und seiner Verbündeten waren ihm und seinen Kameraden in der jüdischen Brigade bewusst. „Wir wussten, und das kam in unzähligen Gesprächen unter dem Wüstenhimmel zur Sprache: Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg. Wir haben uns bekanntlich nicht geirrt.“

Herr Tadmor während des Sechs-Tage-Krieges (© J.D.)

Es sollte Mordechai Tadmors berufliches Lebenswerk werden, für den Staat Israel einzutreten und somit das ideelle Lebenswerk seines Vaters fortzusetzen. Wenn er auch nach 1945, zu seinem großen Bedauern, nicht mehr in den Einheiten in vorderster Linie kämpfen sollte, so waren die militärischen Einsätze seiner Einheit für die Existenz dieses Staates genauso wichtig. Mordechai Tadmors Einheit sicherte 1948 die existentiell wichtige Versorgungslinie nach Jerusalem, die sogenannte Burma Road. Zuletzt wurde er als Reservist im 6-Tagekrieg 1967 an der syrischen Front eingesetzt. Wie sein Vater in publizistischer Hinsicht gegen Nazis und für eine sichere Heimstatt der Juden eintrat, so tat dies sein Sohn Mordechai Tadmor mit der Waffe in der Hand: Bis 1945 gegen die deutsche Wehrmacht und nach 1945 gegen die Umsetzungsversuche der Vernichtungsphantasien arabischer Führer. Als Offizier der IDF arbeitete Mordechai Tadmor auch für den Dienst des „Institutes für Aufklärung und besondere Aufgaben“ und als Korrespondent und Mitarbeiter im diplomatischen Dienst in verschiedenen Städten Europas. Sein Augenmerk galt dabei den alten und neuen Nazis als auch den sowjetischen Umtrieben und Absichten, die arabischen Führer in ihren Plänen, Israel von der Landkarte zu tilgen, zu unterstützen. Dafür erhielt er den Orden als verdienter Kämpfer im Befreiungskrieg und als Kämpfer gegen die Nazis

Herr Tadmors Orden als Kämpfer gegen Nazis und als Kämpfer im Befreiungskrieg (© J.D.)

Erinnerung

Sally Kaufmanns wichtigstem Mitstreiter Julius Dalberg gelang wie Walter Bacher die Flucht aus dem Machtbereich der Nazis nicht. Dalberg und seine Frau wurden in Sobibor ermordet.

Der Erinnerungsstein für Julius Dalberg und seine Frau Bella in Sobibor.

Was heute an ihn in Kassel erinnert, ist ein unscheinbarer Stolperstein vor dem Gloriakino am Ständeplatz. Von ihm nimmt nur derjenige Notiz, der weiß, wonach er suchen muss. Für einen Hinweis auf die Tätigkeit Dalbergs ist auf dem Stein zu wenig Platz. Dass Dalberg selbst aktiver Anhänger des Zionismus war und eine Zeitung mitherausgegeben hat, die durchweg Stellung für das zionistische Projekt bezogen hat, wird von den z.T. stramm antizionistisch gesinnten Stolpersteinlegern auf ihrer Homepage inzwischen immerhin erwähnt. Im Mai 2017 wurden dann auch für die Familie Kaufmann in der Kölnischen Straße 77 Stolpersteine gelegt. Die Initiative dazu ging von Mordechai Tadmors rühriger Großcousine Daniela Ebstein aus, die am Tag der Verlegung ausdrücklich betonte, dass Israel zur Heimat der vielen Nachkommen der Familie Kaufmann wurde. Auf der Homepage des Kasseler Stolpersteinvereins sind mittlerweile auch weitere biographische Daten zu Sally Kaufmann zu finden.

„Mein Vater liebte Hessen“, erzählt Mordechai Tadmor, „er liebte Fritzlar, Ungedanken, das Edertal, die grünen Wiesen, die bewaldeten Hügel.“ Sally Kaufmann war durch und durch Deutscher und fasste keinen Fuß mehr in Israel. Ein Umstand, der angesichts Sallys Kaufmanns aktiven Tuns in Kassel nur schwer nach zu vollziehen ist.

Aus Martin Kaufmann ist Mordechai Tadmor geworden. Herr Tadmor und seine Frau Edith sind Eltern von 2 Söhnen, 6 Enkeln und 4 Urenkeln. Die Entscheidung von Sally Kaufmann, 1932 trotz seines Patriotismus aus Deutschland auszuwandern, hat dazu beigetragen, dass es mittlerweile vier Generationen der Familie Kaufmann und Tadmor gibt. Das ist in Israel keine Selbstverständlichkeit, vielmehr alles andere als die Regel. Herr Tadmor lebt mit seiner Frau heute in Giv’Atajim und erinnert sich gerne an eine Stadt, die es so, wie die Hohentorstraße, eine gute Wochenzeitung und die Kasseler Juden nicht mehr gibt. Kassel war seine Heimat.

Sally und Helene Kaufmann mit Enkel Joav, erster Sohn von Mordechai und Edith Tadmor. (© J.D.)

Martin (Mordechai) Kaufmann als Soldat der britischen Armee und jüdischen Brigade in Nordafrika und Italien: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

1 Die „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck“ ist in Teilen im Netz auf der Seite des Leo Baeck Institutes hinterlegt. Die Jahrgänge 1924 – 1933 sind komplett in der Murhardschen Landesbibliothek in Kassel vorhanden und können dort eingesehen werden. Auf diesem Blog werden unter dem Tag „Jüdische Wochenzeitung für Cassel“ verschiedene Themen, die in diese Zeitung behandelt wurden, in loser Reihenfolge abgehandelt.

2 Im Buch „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg) J. Fleming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 1973″, widmet der Kasseler Wissenschaftler und Mitherausgeber des Bandes Dietfrid Krause-Vilmar der Jüdischen Wochenzeitung im Aufsatz „Juden in Kassel“ ein paar Seiten, ebda., S. 176ff
Siehe Auch: Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13, Kassel 2014, S. 38f

Ben-Zion (Benno) Kaufmann (1924 – 2017); Micha Kaufmann (1931 – 2006)

Sally Kaufmann stellte in den fünfziger Jahren einen Antrag gemäß des Hessischen Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Die Angaben hinsichtlich des Datums der Auswanderung sind in der Akte über diesen Vorgang nicht eindeutig. Sicher ist nur, dass Sally Kaufmann sich und seine Familie im September 1933 in Kassel polizeilich abgemeldet hat. Die Angaben in der Akte deuten darauf hin, dass Sally Kaufmann bereits im September Kassel 1932 verlassen hat und vorübergehend für die Frankfurter Zeitung gearbeitet hat und sich dazu aber bereits in Belgien aufgehalten hat. Frau und Söhne dürften zu einem ähnlichen Zeitpunkt die Kasseler Wohnung verlassen haben und sich zunächst in Darmstadt, dann ebenfalls kurze Zeit in Belgien aufgehalten haben, bevor sie dann, wahrscheinlich im April 1933 nach Israel weiterreisten.

Walter Bacher war Lehrer an der an der Jüdischen Volksschule. Auch Bacher war Autor in der Jüdischen Wochenzeitung. Bacher kehrte 1936 nach einer Palästinareise nach Deutschland zurück. Ihm gelang es danach nicht mehr zu fliehen. Er wurde 1941 wie alle Kasseler Juden nach Riga deportiert und starb 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. (Vgl.: Namen und Schicksal der Juden Kassels 1933 – 1945. Ein Gedenkbuch. (Hg.) Magistrat der Stadt Kassel 1986, S.86f)

Die zionistische Bewegung war alles andere als eine homogene politische Bewegung. Grob lassen sich der kulturelle Zionismus vom staatsbegründenden Zionismus unterscheiden, wobei letzterer ebenfalls unterschiedliche Richtungen aufwies. Hierzu näher: Walter Laquer, Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus, Wien 1975 und Moshe Zimmermann, Die Deutschen Juden 1914 – 1945, Oldenburg 1997

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In loser Reihenfolge werden auf diesem Blog verschiedene Artikel zu Themen, die in der Jüdischen Wochenzeitung intensiv diskutiert wurden, veröffentlicht.

Antizionismus und das Bündnis mit der Reaktion

Eine Tradition der radikalen Linken: Der Pakt mit den Antisemiten

In einer kurzen Meldung, die mit einer Überschrift das auf den Punkt bringt, was zu kritisieren war, wird die Haltung der KPD zu auf den Punkt gebracht: „Die ‚Rote Fahne‘ fordert die Kommunisten in Palästina auf, Schulter an Schulter mit den Arabern ein Vernichtungskampf gegen die Juden zu führen.“

Rote Fahne JWC

Die Jüdische Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck formuliert ohne große Worte dazu zu verlieren den moralischen Bankrott der stalinistischen KPD. Die Meldung ist Bestandteil einer ausführlichen Berichterstattung über die vom Mufti von Jerusalem antisemitisch angeheizten Unruhen im Mandatsgebiet Palästina und die darauf folgenden Pogrome  gegen die jüdische Bevölkerung.

Die Zeitung wurde von Sally Kaufmann herausgegeben. Sally Kaufmann wurde 1890 in Ungedanken bei Fritzlar geboren, lebte nach 1918 in Kassel und gründete 1924 seine Zeitung. 1932 wanderte Sally Kaufmann nach Tel Aviv aus. Die Zeitung existierte noch bis in die Dreißiger Jahre und ging mit der jüdischen Gemeinde Kassels, wie das europäische Judentum insgesamt, im Strudel des Vernichtungsfurors des deutschen Nazifaschismus unter.

Es gibt zwei Traditionen, die eine wurde von den Deutschen vernichtet, die andere, der Israelhass und Antizionismus setzt sich bis heute fort (und ist kein Alleinstellungsmerkmal der Stalinisten mehr).

Der Blog wird sich in den nächsten Monaten mit der Jüdischen Wochenzeitung für Cassel, Hessen und Waldeck und Sally Kaufmann intensiv beschäftigen.