Colonel Dr. Martin – Ein Agent in Deutschland

Mordechai Tadmor als Korrespondent der Jerusalem Post und als Colonel Dr. Martin in Deutschland

Im Folgenden eine kurze Episode aus dem Leben Mordechai Tadmors. Er lebte als Martin Kaufmann von 1922 – 1932 in Kassel (siehe hier mehr: Ungedanken – Kassel – Tel Aviv) und hielt sich in den fünfziger Jahren offiziell als Korrespondent der Jerusalem Post in Deutschland auf. Es war seine Decktätigkeit, seine eigentliche Aufgabe war eine andere. Aber er betätigte sich trotzdem auch journalistisch. In einem Gespräch erzählte er mir:

„Ich musste ja ausgebildet werden, denn ich hatte nicht die geringste Ahnung von Agententätigkeit. Klar ich wusste was man als Nachrichtenmann so macht, aber nichts davon, wie man z. B. Agenten führt. Ich absolvierte dann beim Schabak (Scherut haBitachon haKlali oder Shin Bet) einen Schnellkurs. Das war ziemlich unsolide alles und sehr spontan. Aber man sagte mir, Du wirst das schon irgendwie arrangieren. […] Sie zeigten mir wie man Geheimdokumente fotografiert, wie man tote Briefkästen anlegt, wie man Nachrichten chiffriert und dechiffriert usw.. Dann musste eine Abdeckung geschaffen werden und alles innerhalb von 14 Tagen. Heute dauert so etwas mindestens ein Jahr. So erschien ich zum einen als Korrespondent der Jerusalem Post aber ich bedurfte einer zusätzlichen Legende und in dieser sollte ich weder als Israeli noch als Deutscher auftreten, also gab man mir eine türkische Legende. So war ich dann der Colonel Dr. Martin. Das war alles ziemlich gewagt, denn ich hatte außer einem kurzen Besuch beim Militärattaché in Istanbul im Jahre 1950 mit der Türkei nie etwas zu schaffen und sprach auch kein türkisch aber ich konnte ein türkisches Lied singen und das reichte damals in Deutschland um als türkischer Offizier durchzugehen. Aber ich war auch kein ausgebildeter Journalist. Also musste ich auch in der kurzen Zeit lernen wie man Artikel verfasst, ich hatte bisher nur Dossiers über fremde Heeresabteilungen verfasst. Mein Ausbilder in Sachen Journalismus, wie man Artikel schreibt etc. war der damals bekannte Schriftsteller und Journalist Shabtay Teveth1. Leider ist er schon lange tot. Er schrieb viele Bücher, darunter eines über den 6-Tagekrieg: „Exponiert im Panzer“. Ich schulde ihm viel. Obwohl ich nur wenig Zeit hatte, brachte er mir die Elemente der Journalistik in einer Woche bei.“

Herr Tadmor erhielt als Anerkennung vom Bundeskanzler eine signierte Postkarte.

In Deutschland war Mordechai Tadmor der erste israelische Korrespondent überhaupt. In dieser Funktion lernte er Franz Josef Strauß kennen, der damals mit Shimon Peres wichtige Waffenlieferungen für Israel aushandelte. Insbesondere hatte es ihm aber Konrad Adenauer angetan. Adenauers Rolle in der Bundesrepublik sah Mordechai Tadmor vor allem im Zusammenhang mit dem Luxemburger Abkommen2 weitgehend positiv: „Konrad Adenauer und David Ben-Gurion hatten den Mut und die Voraussicht, dieses schwierige Thema anzugehen und auch durchzuführen. Die Wiedergutmachung ermöglichte letztendlich den Aufbau und die Industrialisierung Israels.“ Die Hochachtung Adenauers gegenüber beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. So erfuhr Mordechai Tadmor, dass Konrad Adenauer seine Berichterstattung schätzte. Er konnte ihn mehrfach bei seinen politischen Terminen und Wahlkampftouren begleiten.

„On the Road with Adenauer“ erschien in der Jerusalem Post am 15. September 1957. Der Artikel wurde auch in der Wochenzeitung rezipiert.

Mordechai Tadmor schrieb verschiedene Artikel für die Jerusalem Post über Adenauer. Der Artikel „On the road with Adenauer“ erzählt von einem längeren Gespräch mit Adenauer, das er auf einer der Wahlkampftouren mit ihm führte. Adenauer bekundet darin, dass er große Hochachtung gegenüber den Israelis habe und bemerkte ferner, dass er ihren Mut in den jüngsten militärischen Auseinandersetzungen bewundere. Außerdem betonte er, dass er sich zur Freundschaft zu Israel bekenne. In diesem Gespräch bemerkte Mordechai Tadmor Adenauer gegenüber, dass die Bewunderung des Mutes allein Israel im Kampf gegen die feindlich gesinnten Nachbarn wenig nützen würde. Dann sprach er seine Befürchtungen über die regen Waffenlieferungen der Sowjetunion an die arabischen Staaten an. Mordechai Tadmor beschloss den Artikel mit der Bemerkung, dass es ein seltsam beunruhigendes Gefühl für einen Israeli sei, den Deutschen Bundeskanzler bei seinen Wahlkampftouren so nahe gewesen sein zu dürfen. Doch obwohl dem Ausgang dieser Wahlen in Israel kaum Beachtung geschenkt wurde, allein die Möglichkeit eines israelischen Korrespondenten, den Bundeskanzler in dieser Form begleitet haben zu können, sei, so Mordechai Tadmor in seinem Artikel, Ausdruck Adenauers Größe.

Durch einen dummen Fehler fliegt Mordechai Tadmors Deckung als Colonel Martin auf. Für die Nazi-Zeitung Soldaten Zeitung ein gefundenes Fressen.

„Meine Arbeit war trotz der kurzen Ausbildung von Erfolg gekrönt. Sogar die Allgemeine – Wochenzeitung der Juden in Deutschland wollte mich als Redakteur und Bonner Korrespondent einstellen,“ so zog Mordechai Tadmor ein Resümee über seine Tätigkeit als Journalist. Doch die Tätigkeit bei der Jüdischen Allgemeinen blieb ihm verwehrt. Soweit kam es nicht, denn als die Deutsche Soldaten-Zeitung3 im Juli 1958 Mordechai Tadmor als israelischen Agenten aufdeckte, musste er Hals über Kopf Deutschland verlassen.

Eine umfangreichere Würdigung der Tätigkeiten Mordechai Tadmors nach 1945 wird in Form einer weiteren Broschüre erarbeitet.

Bisher erhältlich: Westlich des Suez

1 Shabtay Teveth, geb. 1925, gest. 2014 war Journalist, Schriftsteller und Historiker. Er schrieb unter anderem eine Biographie über David Ben Gurion.

2 Das Luxemburger Abkommen, in Deutschland auch „Wiedergutmachungsabkommen“ genannt, im englischen treffender Reperations Agreement wurde 1952 geschlossen. Deutschland verpflichtete sich damals zur Lieferung von Exportgütern und Dienstleistungen in der Höhe von 3,5 Mrd. DM und der Rückerstattung von Vermögenswerten. Dieses Abkommen konnte Adenauer nur mit den Stimmen der SPD gegen den Widerstand der Parteien der Regierungskoalition durchsetzen. Auch in der deutschen Bevölkerung fand das Abkommen nur wenig Unterstützung. Adenauer wurde vorgeworfen, ein Werkzeug des Weltjudentums zu sein. Aber auch in Israel war das Abkommen umstritten.

3 Die Deutsche Soldaten-Zeitung wurde 1950 von Nazis und ehemaligen SS-Leuten gegründet. In den späten Fünfziger Jahren übernahm der Nazi Gehard Frey die Zeitung und führte sie ab 1961 als alleiniger Besitzer unter dem Namen Deutsche Soldaten-Zeitung und National-Zeitung fort.

Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten

Ein Kasseler Junge als Soldat der britischen Armee in Nordafrika
(Update 31.10.2018)

Sie lesen hier einen kleinen Ausschnitt aus den Lebenserinnerungen eines Veteranen der britischen Armee und später der jüdischen Brigade, der gegen Nazideutschland kämpfte. Sie werden in der Form wiedergegeben, in der sie von Mordechai Tadmor mir erzählt wurden. Der Text ist daher in der Ich-Form gehalten. Mordechai Tadmor war Martin Kaufmann, der seine ersten 10 Lebensjahre in Kassel verbrachte, um dann 1932 mit seinen Eltern und zwei Brüdern die Stadt zu verlassen und mit ihnen nach Palästina / Israel auswanderte. Als er kurz vor der Auswanderung auf das Kasseler Wilhelmsgymnasium wechselte, erlebte er als Schüler antisemitische Anfeindungen der deutschen Volksgemeinschaft (Nachbarn, Schüler und Lehrer). Trotzdem erinnert er sich gerne an die Straßen und Plätze der Kassel Altstadt zurück, in denen er als „Gassenjunge“ lebte. Martin überlebte den Krieg und heißt seit 1948  Mordechai Tadmor.

Eine ausführlichere Fassung der Erzählungen ist unter dem Titel „Westlich des Suez“ in gedruckter Form erhältlich und kann beim Autor bestellt werden.

Am 30.10.2018 ist Mordechai Tadmor leider verstorben. Er hinterlässt seine Frau Edith, mit der er fast 70 Jahre verheiratet war, zwei Söhne, Enkel und Urenkel. Ihnen und Martins Eltern ist eine kleine Broschüre gewidmet. 

I. Weihnachten in Kairo

Wir Rekruten hatten unsere Grundausbildung im Sarafand (heute Tzrifin1) hinter uns, bekamen neue Uniformen (unsere alten waren Bestände aus dem ersten Weltkrieg) und bestiegen die Fahrzeuge, die uns über den Suezkanal nach Kairo brachten. Die meisten von unserer Gruppe kamen aus einem Kibbuz oder einer Siedlung. Sogar Tel Aviv war damals eher ein Schtetl, denn eine große Stadt. Kairo hingegen war eine Metropole mit Straßenbahnen, Museen und Vergnügungsstätten, die wir aber leider nicht besuchen konnten, da unser Sold dazu nicht ausreichte. Wir trafen Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Kairo, die für uns eine Art von Klub organisierten, wo man billig essen konnte. Die Leute sprachen untereinander französisch, arabisch nur mit den Dienstboten. Ihre Töchter ignorierten uns leider. Wir wurden dort im Militärlager Abbasiyah untergebracht, es lag inmitten der Stadt. Im Lager war Betrieb als wären wir noch im tiefsten Frieden und das obwohl Marschall Grazianis2 Armee schon an der ägyptischen Grenze stand.

Ein Erlebnis, das ich bis heute mit meinem Dienst in der britischen Armee verbinde, war das Weihnachtsfest 1940. Es war mein erstes und letztes Mal Weihnachten zu feiern. Normalerweise wurden wir täglich gedrillt und inspiziert und mussten viel Zeit totschlagen. Dann kam der 24. Dezember. Das Camp verwandelte sich. Plötzlich stand der Drill nicht mehr auf der Tagesordnung wir wurden weder inspiziert noch angeschnauzt. Am Abend wurden wir in den großen Speisesaal des Lagers geführt. Die Halle war festlich geschmückt. In der Ecke stand ein Weihnachtsbaum mit allem was dazugehört, Kerzen, Sterne und Lametta. Auf dem Tisch standen Teller und Gläser. Normalerweise aßen wir aus sogenannten Messtins, das sind zusammenklappbare Blechnäpfe, deren einer Teil für Getränke vorgesehen war, der andere Teil für das Essen. Auf dem Tisch standen Bierflaschen und Boxen mit Zigaretten und zwar von der Marke “Player“ und “Capstan“, nicht die Sorte Zigaretten, die wir sonst als Ration erhielten. Das waren welche mit dem Namen “Victory“. Denen wurde nachgesagt, dass sie aus purem Kamelmist bestehen würden – jedenfalls schmeckten sie so.

Die Feier wurde natürlich für die Engländer ausgerichtet, doch wir waren als Gäste geladen. Nachdem alle Platz genommen hatten, betrat der Regimental Sergeant Major die Halle. Ein Regimental Sergeant Major, der höchste Rang des Sergeanten, ist verantwortlich für die Ordnung und Disziplin und normalerweise versuchten wir ihm aus dem Weg zu gehen, denn er fand immer einen Grund uns anzuschnauzen oder zu einer Arbeit einzuteilen. Er trug zur Feier des Tages seine Friedensuniform und wir standen auf. Er hielt eine Ansprache, und wir wurden mit „Gentlemen“ angesprochen. Das hinterließ bei uns einen großen Eindruck. Danach wurde der Weihnachtsbaum angezündet. Wir tranken ein Toast auf Seine Majestät King George VI und es wurden Weihnachtslieder gesungen. Unter anderem „Oh come all ye faithfull“. Wir versuchten mehr schlecht als recht mitzusingen. Dann wurde das Festessen aufgetragen. An die Speisenfolge habe ich keine klare Erinnerung mehr, war es das gute und reichlich ausgeschenkte Bier, ich weiß es nicht mehr genau. Aber es gab Steak, Kidny Pie und Plumpudding. Natürlich waren wir sehr beeindruckt und vielleicht sogar ein wenig stolz, ein Teil von dieser Organisation zu sein. Später relativierte sich dieser Eindruck.

Am nächsten Morgen gab es keine “Reveille“ (Wecken). Britische Offiziere brachten uns sogar den Tee an unsere Pritschen. Später erklärte man uns, das wäre der Brauch in der Army in Friedenszeiten. Nach wenigen Tagen war das alles leider vorbei.

II. Libyen

Wir erreichten Tripolis nach 3 Jahren Krieg in der Wüste. Oft glaubten wir, wir hätten es schon fast geschafft. Aber dreimal wurden wir auf halben Weg zurück gejagt. Doch nach Montgomerys Sieg bei El-Alamein, waren wir dann endlich am Ziel. Schon der Weg dahin war eindrucksvoll: Auf der Strecke von Derna nach Tripolis blühte alles. Deswegen wurde die Gegend auch „Djebel Achdar“ genannt, der „Grüne Berg“. Dort lebten italienischen Bauern, die von Mussolini dort angesiedelt wurden und die Gegend in einen Garten verwandelten. Jahre nach dem Krieg, nachdem Gaddafi die Macht übernahm, wurden sie verjagt und das Land wurde wieder zu Wüste, wo die Senussibeduinen3 ihr Unwesen trieben, was sie bekanntlich heute noch tun.

Tripolis war zu unserer Zeit eine schöne Stadt, erbaut im italienischen Stil, mit eindrucksvollen Gebäuden und nahezu unbeschädigt. Wie die Stadt heutzutage aussieht, muss ein Alptraum sein. Der Krieg war zu der Zeit, wo ich dort stationiert war, schon ziemlich weit weg – an der Grenze zu Tunesien. Dort konnte Rommel den neu angekommenen Amerikanern lehren, was Krieg ist, bevor sie ihm dann das Laufen beibrachten. Wir waren eingesetzt, um den Nachschub an die Front zu sichern. So hielt sich unsere Belastung in Grenzen. Wir bezogen ein Camp am Stadtrand und richteten uns dort ein. Nur die nächtlichen Angriffe deutscher Bomber hielten uns auf Trab, aber daran waren wir schon gewöhnt. Unser Camp lag in der Nähe des Viertels Gargaresh, wohin die Italiener, seit der Verbindung mit Nazideutschland, die Juden von Tripolis4 verbannten. Das war also so eine Art von Ghetto. Dort lebten sowohl die ehemals wohlhabenden jüdischen Einwohner von Tripolis als auch die sehr armen. Wir organisierten sofort eine Art Gemeinschaftsleben, unterrichteten Hebräisch, lehrten hebräische Lieder und halfen so gut wir konnten. Die meisten Bewohner des Ghettos sprachen italienisch und so fing ich schon dort an, Italienisch zu lernen.

Oft wurden wir zum Essen Freitagabends, also zum Sabbath, eingeladen. Dort lernte ich zum ersten Mal den Freitagabendfisch der tripolitanischen Juden kennen. Später erfuhr ich, dass das auch die Art der tunesischen, marokkanischen und algerischen Juden war, den Fisch zuzubereiten. Das Essen nennt sich „Chreime“. Der so zubereitete Fisch war so scharf, dass uns die Tränen liefen. Nie wieder habe ich so einen Fisch gegessen. Dazu tranken wir Arrak und einen Wein, der – ich glaube – aus Datteln gekeltert war. Man nannte ihn „Legbe“. Heute kennt den glaube ich kein Mensch mehr.

Mitte August endete dann dieses Leben. Wir wurden in ein isoliertes Camp versetzt, weit entfernt von der Stadt und mitten in der Wüste. Wir durften keinen Kontakt mehr mit der Außenwelt haben, auch nicht schreiben. Unsere Fahrzeuge wurden wasserdicht gemacht. Alles Vorbereitungen für das Unternehmen „Bigot“, die Invasion Italiens. Im September 1943 landeten alliierte Truppen in Sizilien. In Folge der erfolgreichen Befreiung Siziliens wurde Mussolini gestürzt und Italien schied als Kriegsteilnehmer an der Seite Deutschlands aus. Deutsche Truppen besetzten daraufhin den nördlichen Teil Italiens und errichteten die „Republik Salo“, in der Mussolini als Oberhaupt fungierte. So endete das tripolitanische Intermezzo für uns. Ein Nachspiel gab es noch: Viele Jahre später traf ich zufällig in Givatayim einen Mann aus Tripolis. Er war ein Schneider, der meine Hosen flickte. Wir kannten uns vorher nicht, freundeten uns aber an und ich besuchte in oft. Natürlich tauschten wir unsere Erinnerungen an Tripolis aus und unterhielten uns auf italienisch. Er ist schon lange tot. Eine Plakette an seinem Haus erinnert an ihn.

Martin Kaufmann und sein bester Freund Israel Gefen
als Soldaten der britischen Armee in Nordafrika (© JD)

III. Italien

Wir haben die italienische Bevölkerung ganz unterschiedlich wahrgenommen und kennengelernt. Da waren, zum ersten, die italienischen Siedler in der Provinz Cyrenaika, die von Mussolini im fruchtbaren Teil Libyens angesiedelt wurden. Soweit sie nicht evakuiert waren, lernten wir sie als stolze Faschisten kennen, die nichts mit uns zu tun haben wollten. Ganz anders war die Situation nach der Landung der Alliierten in Sizilien und Salerno. Es kam zu einem Waffenstillstand, die Deutschen übernahmen das Land und die Italiener und wir waren auf einmal Verbündete.

Meine Abteilung wurde nach der Landung in die Nähe von Neapel versetzt. Neapel war der Hauptnachschubhafen für die 5. Amerikanische Armee, der wir unterstellt waren. Die Korruption war fürchterlich. Alles wurde verschoben, alles war zu haben, einschließlich Frauen – für eine Dose Cornedbeef oder eine Stange Zigaretten. Ich bin stolz auf die Tatsache, dass wir, d.h. meine Kompanie, im Großen und Ganzen sauber blieben. Wir waren eben immer noch Idealisten, so komisch das heute klingt.

Mit den Italienern kamen wir gut zurecht. Die meisten Italiener, besonders in den Dörfern, in denen wir kampierten, hatten keine Ahnung, wer wir waren und woher wir kamen. Wir wurden gefragt: „Woher kommt ihr ?“ Wir antworteten: „Aus Palästina“. Die Antwort: „Ah bene, siete da Palestrina“. Den Ort gibt es wirklich, in der Nähe von Rom. In Florenz, wo wir nach Kriegsende längere Zeit stationiert waren, gab es dann ziemlich viel Kontakt zwischen den Italienern und uns. Einige von uns heirateten sogar Florentinerinnen. Ich selbst schloss Freundschaft mit einem Italiener, der als Zivilangestellter bei uns arbeitete und besuchte ihn oft zu Hause. Er hatte eine 10-jährige Tochter, die mein Italienisch korrigierte, während ich ihre englischen Hausaufgaben durchsah. Mit dieser Familie korrespondierte ich noch Jahre danach. Die Liebe zu Italien, zur italienischen Sprache und zur Literatur ist mir bis heute geblieben.

Alles in Allem hatte ich in Florenz einen bequemen Job, der mir viel freie Zeit ließ. Diese Freizeit nutzte ich aus um Florenz kennen zu lernen. Ich verliebte mich in diese Stadt mit ihren historischen Brücken und Gebäuden. Auf einem meiner Streifzüge durch die Stadt lernte ich ein Mädchen kennen. Sie hieß Lina und arbeitete in einer Wäscherei, nicht weit von unserem Kompanie HQ. Auch sie wohnte in der Nähe. Sie lud mich ein, sie daheim zu besuchen. Ihre Eltern lebten in ärmlichen Verhältnissen. Da war noch ein kleiner Bruder, er hieß Gianpaolo. Die Eltern hatten keine Einwände gegen meine Besuche, denn meistens brachte ich etwas mit: Einige Dosen Corned Beef die mir mein Freund, der Küchenchef spendierte oder Zigaretten der Marke „Player“ aus unserer „NAAFI“ (Kantine). Wir unternahmen Streifzüge durch die Stadt und besichtigten die Sehenswürdigkeiten der Stadt, den Palazzo Vecchio und den Dom. Das war das erste Mal, dass ich eine Kirche von innen sah. Meine Mutter sagte immer: „Ein Jude geht nicht in eine Kirche“. Auch die Martinskirche in Kassel sah ich nie von innen. Lina führte mich auch an die Santa Trinita Brücke, dort wo Dante Beatrice zum ersten Mal sah. Jedes Kind in Florenz kennt die Geschichte der Stadt. Einmal bat sie mich, sie in eine Kirche in in der Nähe ihrer Wohnung zu begleiten, zur Beichte wie sie sagte. Während ich auf sie wartete, setzte sich ein Pater zu mir (ich glaube, es war arrangiert). Er stellte sich als Prete Giuseppe vor und stellte mir Fragen über meine Herkunft, Religion usw. Er war sehr angetan, als ich ihm erzählte, dass ich aus Palästina komme und er fing an über Jesus, Maria, und die Kreuzigung zu erzählen.

Am Ende des Gespräches lud er mich ein, an einem Sonntag an einer Messe teilzunehmen. Ich folgte seiner Einladung und war auch sehr von dem Zeremoniell beeindruckt, das so verschieden von dem Unseren war. Bei meinem letzten Besuch gab er mir ein Gebetbuch mit Gebeten in lateinischer Sprache mit, das ich bis Heute habe. Ich las oft darin und war sehr beeindruckt von der lateinischen Sprache und von dieser Zeit rührt mein Interesse an dieser Sprache. Doch bevor Lina und ich über eine gemeinsame Zukunft sprechen konnten wurden wir getrennt. Aber ich hatte auch noch keinen Begriff, wie eine solche Zukunft hätte aussehen können. Ich war noch absolut unreif und kindisch in dieser Beziehung, denn ich war zwar lange Soldat, hatte aber weder Beruf, Bildung noch Rückhalt in der Familie. Ich auch an ein Leben im Kibbuz. Vielleicht wären wir beide dort aufgenommen worden.

Mordechai Tadmor liebte nicht nur die italienische Sprache. Das ist Lina aus Florenz.

Auf jeden Fall aber, das Schicksal wollte es anders. Der Krieg war zu Ende und die dienstältesten Soldaten (ich war unter diesen, ich hatte die Dienstnummer 529) bekamen 56 Tage Heimaturlaub. Dieser Urlaub erwies sich für mich als Katastrophe – Alles war mir fremd geworden. Ich wollte zurück nach Italien aber dahin führte kein Weg zurück. Für meine Anstrengungen nach Italien zurückzukommen wurde ich auf einen Posten in der Negevwüste (Bir Asluj) verbannt wo ich bis zu meiner Entlassung aus dem Dienst bleiben musste. Lina heiratete einen Kameraden aus meiner Kompanie und kam mit ihm sogar nach Israel. Aber ich sah sie nie wieder. Bei der letzten Zusammenkunft unserer Kompanie im Jahre 1988, traf ich ihren Mann. Er erzählte mir, dass sie ein Jahr zuvor an Krebs starb. Ite, Missa est.

1 Tzifrin ist heute eine israelische Militärbasis. Sie liegt südöstlich von Tel Aviv.

2 Rudolfo Graziani war ein italienischer General. Er war u.a. für den Einsatz chemischer Waffen in Abessinien und völkermordähnlichen Deportationen in Libyen verantwortlich. 1940 scheiterte ein Angriff seiner Truppen auf Kairo. In der sogenannten Republik Salo war er Verteidigungsminister. Nach dem Krieg trat er 1955 der faschistischen MSI bei. Graziani starb 1955.

3 Senussi-Beduinen sind eine Bevölkerungsgruppe in Libyen, die stark vom Soufi-Orden beeinflusst waren. Viele von ihnen waren Gegner der italienischen Besatzung und kooperierten mit den Alliierten. Das Oberhaupt der Senussi-Beduinen wurde nach 1945 als Regent eingesetzt. Die Regierung wurde von Gaddafi gestürzt. Der Soufi-Orden war unter Gaddafi verboten, ohne jedoch den gesellschaftlichen Einfluss eingebüßt zu haben.

4 In Tripolis gab es wie in vielen anderen nordafrikanischen Städten, wie auch im schon erwähnten Kairo, seit der Antike eine uralte jüdische Gemeinde. Unter italienischer Herrschaft wuchs diese Gemeinde zunächst an und erfuhr auch nach der Einführung antisemitischer Gesetze in Italien keine Benachteiligung. Erst nach der Besetzung Libyens durch deutsche Truppen, wurde ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung Libyens interniert und in ein Zwangsarbeiterlager deportiert, wo viele Juden umgebracht wurden, oder an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen starben. Nach dem Krieg kam es dann schon 1945 zu einem Pogrom, bei dem über 100 Juden von einem Mob umgebracht wurden. 1948 kam es erneut zu Angriffen auf die jüdische Bevölkerung, die sich jedoch verteidigte. Danach begann die Vertreibung des Großteils der jüdischen Bevölkerung aus Libyen (wie aus den anderen arabischen Staaten). Die letzten verbliebenen Juden wurden 1967 aus Tripolis vertrieben.

Ungedanken – Kassel – Tel Aviv: Die Geschichte einer Auswanderung

Sally und Helene Kaufmann, eine bemerkenswerte Zeitung aus Nordhessen und wie aus dem Kasseler Straßenjungen Martin Mordechai Tadmor wurde
(letztes Update: 31.10.2018)

Der folgende Text ist ein Auszug aus der gleichnamigen Broschüre (Die Geschichte einer Auswanderung) zu Sally Kaufmann und Mordechai Tadmor. Diese kann beim Autor zum Selbstkostenpreis (4,00 € + Versand) bestellt werden.

Im hohen Alter und nach einem erfüllten Leben ist Mordechai Tadmor am 30.10.2018 verstorben. Er konnte daher die Veröffentlichung der nächsten Broschüre nicht mehr erleben, deren Text er aber schon kannte und die er mit Spannung erwartete. Diese Broschüre wird sich den Erlebnissen Mordechai Tadmors als Soldat der 8. Britischen Armee in Nordafrika und in Italien widmen. Auszüge dieser Erlebnisse sind bereits hier veröffentlicht worden: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

Dem Autor bleibt es verwehrt, noch weitere geplante Gespräche über das Leben Mordechai Tadmors in Deutschland, Österreich, Frankreich und natürlich in und für Israel mit ihm zu führen. Der Termin hierfür stand schon fest – Daraus ist leider nichts geworden.  Es liegt aber schon jetzt so viel Material vor, dass auch diesem Lebensabschnitt eine dritte – dann aber lückenhafte – Broschüre folgen wird. Es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, den ein britisches Understatement auszeichnete, der sehr offenherzig, immer sehr freundlich und humorvoll war und der ein phänomenales Gedächtnis hatte und mit dem der Autor so manches gutes Glas Rotwein getrunken hat. Kurz: Er war ein wunderbarer Gesprächspartner, er wird mir fehlen.

Dies ist die Geschichte einer jüdischen Familie, deren Aufzeichnung zu einer Freundschaft des Autors mit einem in Kassel aufgewachsenen und seit 1932 in Israel lebenden Herren führte. Es begann mit einem nicht ganz alltäglichen Kontakt. Am 27. September 2015 postete das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel auf Facebook einen Artikel von Georg M. Hafner (Inszenierte Opfer) über die Praxis vieler Medien, mit gestellten oder gefakten Fotos im Nahen Osten Politik zu machen. Die Notiz des BgA-Kassel kommentierte ein Herr Mordechai Tadmor: „Es erinnert mich an meinen Vater, s.A. Er war der Herausgeber der ‚Juedischen Wochenzeitung‘ in Kassel in den Jahren 1928-1932. Sein Name war Sally Kaufmann (1890-1966).“ Diese Zeitung1 war mir ein Begriff, einige Notizen, nicht viel – aber das wesentliche – zu dieser Zeitung findet man in Kassels einschlägigen Veröffentlichungen zur jüdischen Geschichte.2

Zu Sally Kaufmann erfährt man aber nichts. Dieser Kommentar ließ mich aufhorchen. Ich nahm mit Herrn Tadmor Kontakt auf. Nach reger Korrespondenz verabredeten wir uns in Israel. Korrespondenz und Besuche waren sehr ergiebig, so dass ein mehrseitiges biographisches Interview dabei herauskam. Aus diesem sind die angeführten Zitate von Mordechai Tadmor entnommen. Mordechai Tadmor ist der älteste Sohn3 Sally Kaufmanns und lebt in Giv’Atajim. Giv’Atajim liegt bei Tel Aviv, direkt hinter dem Ayalon, der großen an Tel Aviv von Nord nach Süd vorbei führenden Autobahn. Ich erhoffte mir von dem Besuch bei Herrn Tadmor, mehr über den Menschen Sally Kaufmann in Erfahrung zu bringen. Es stellte sich schnell heraus, dass Mordechai Tadmor über seinen Vater wenig berichten kann, dafür aber um so mehr aus seinem eigenen Leben.

Eine Kindheit in Kassel

Mordechai Tadmor wurde als Martin (Mordechai) Kaufmann 1922 in Darmstadt geboren. In Deutschland war sein Rufname Martin, gute Freunde nennen ihn bis heute Motke. In Darmstadt lebten die Eltern seiner Mutter Helene (Rikva) Kaufmann, geb. Enoch. Die Familie Enoch kam aus dem Dorf Oswiecim in Polen und stammte aus ärmlichen Verhältnissen. Eine Woche nach seiner Geburt kam Martin dann mit seiner Mutter nach Kassel, um dort als kleiner Junge aufzuwachsen. Seine Eltern wanderten 1932 mit seinen Brüdern und ihm – dem damals zehnjährigen Kasseler Jungen – nach Palästina aus.4

Die Kaufmanns wohnten bis 1930 in der Hohentorstraße. Die Hohentorstraße gibt es heute nicht mehr. Sie verlief damals vom Lutherplatz an der Martinskirche vorbei Richtung Altmarkt, etwas südlich von der heutigen Kurt-Schuhmacher-Straße gelegen.

Die Hohentorstraße auf einer alten Postkarte. Vorne links ist die Hausnummer 3. Drei Häuser weiter ist das Haus in dem Sally Kaufmann und seine Familie bis 1930 lebten. Bis 1932 lebte und wohnte die Familie dann in der Kölnischen Straße 77. Dort sind für die Familie fünf Stolpersteine verlegt worden. (Bild: Uni Kassel)

Die schönsten Erinnerungen an Kassel verbindet Mordechai Tadmor mit dem Gelände an der Martinskirche. Dort rauchte er seine ersten Zigaretten (R6), sammelte im Frühling Maikäfer und verbrachte den Großteil seiner Zeit. Er erinnert sich: „Unser Stammplatz war die Anlage um die Martinskirche. Dort rauchten wir, trieben allerhand Unsinn und belästigten die Besucher.“ Mordechai Tadmor beschreibt sich selbst als Gassenjungen. Weil die Wohnverhältnisse in der Hohentorstraße sehr beengt waren und seine Mutter sich vor allem um seinen kränklichen Bruder Benno kümmern musste, schlief er öfters zusammen mit dem Hofhund Tell in dessen Hundehütte.

Martin Kaufmann Ende der Zwanziger. „Ich war ein ziemlicher Gassenjunge“ erinnert sich Herr Tadmor an seine Zeit als Kasseler Schlacke. (© J. D.)

Mordechai Tadmor erzählt von seiner Zeit als kleiner Junge in Kassel: „Manchmal strichen wir um die Geschäfte und klauten aus den Auslagen – das ist nach mehr als 85 Jahren hoffentlich verjährt. Ich stibitzte hauptsächlich Süßigkeiten. Nicht für mich selbst, sondern für die Gruppe – sozusagen zur Bestechung, damit ich mit ihnen Fußball spielen durfte. Denn ich war kein guter Spieler damals. Am liebsten aber ging ich allein in die Anlage an der Martinskirche. Dort saßen oft auf zwei Bänken alte Frauen und Männer, alle schwarz gekleidet (vielleicht waren das Insassen eines Altenheims) und sangen patriotische Lieder. Bruchteile dieser Lieder sind mir noch in Erinnerung:

‚Hörnerklang und wilder verwegner Jagdgesang‘.

‚Auf lasst die Faulen liegen, lasst sie in ihrer Ruh‘, wir rücken mit Vergnügen dem lieben König zu‘ ‚Schleswig-Holstein meerumschlungen‘.

Vielleicht waren das meine schönsten Stunden [in Kassel, d.V.].“

Kurz bevor die Kaufmanns nach Palästina auswanderten, zog die Familie Kaufmann in die Kölnische Straße um. Dort wurde der zweite Bruder Micha geboren. Martin besuchte als 10-Jähriger zuletzt das Kasseler Wilhelmsgymnasium. Vorher besuchte er die Jüdische Volksschule in der Großen Rosenstraße. Die Zeit am Wilhelmsgymnasium und in der Kölnischen Straße hat er im Gegensatz zur Jüdischen Volksschule und zu seinem von ihm geliebten Lehrer Walter Bacher5 und der Kasseler Innenstadt in keiner guten Erinnerung behalten. „Als ich von der Jüdischen Volksschule in die Sexta des Wilhelmsgymnasiums wechselte, war ich dort der einzige jüdische Schüler und wurde sehr gequält. Ich war aber nicht lange an dieser Schule. Noch im laufenden Schuljahr wanderten wir nach Palästina aus. […]

Sally und Helene Kaufmann schalten eine Dankesanzeige in der Jüdischen Wochenzeitung für Aufmerksamkeit angesichts der Geburt Michas.

Vom Kibbuz zur britischen Armee

Über Haifa gelangte die Familie nach Tel Aviv. An Martins Leben auf der Straße ändert sich auch in Tel Aviv zunächst nichts. „Ich habe es meinen Eltern nicht leicht gemacht“, denkt Mordechai Tadmor zurück. Damals war Martin 10 Jahre alt, rebellisch und aufmüpfig in der Schule, so dass er in Tel Aviv mehrmals die Schule wechseln musste

„Meine Eltern meldeten mich in der Tachkemonischule an, wohl um meinem Großvater einen Gefallen zu tun, denn diese Schule war eine sehr religiöse Schule. Sie lag an der Grenze zwischen dem damaligen Jaffa und Tel Aviv. Die Schüler kamen alle aus armen, zumeist orientalischen Familien. Alle anderen Einwandererkinder besuchten eine Schule im Norden Tel Avivs, die ihnen bei der Integration half. Meine Integration verlief anders. Als ich am ersten Schultag, sauber angezogen nach deutschem Muster, in der Schule eintraf, sorgte ich für eine Sensation. Die Schüler versammelten sich um mich herum und droschen auf mich ein. Dabei schrien sie: ‚Yecke Potz‘. Yecke ist der noch heute existierende Begriff für Juden deutscher Abstammung und Potz heißt Schwanz. Als ich mich wehrte, ließen sich die Angreifer zu Boden fallen und fingen an jämmerlich zu schreien. Die Lehrer eilten herbei und da war ich natürlich der böse Junge.“ Das ging an dieser Schule nicht lange gut, aber auch in den anderen Schulen war das nicht anders. Als alles nichts mehr half, wurde Motke dann von seinen Eltern in den Kibbuz geschickt.

1940 mussten dann „Freiwillige“ für die britische Armee aufgestellt werden, die in Nordafrika zunächst gegen die Truppen Italiens, dann gegen die Wehrmacht kämpften. „Ich war 18 Jahre alt, unverheiratet und wurde als Freiwilliger vom Kibbuz ausgesucht“, erinnert sich Mordechai Tadmor. Das Ziel der Wehrmacht war es, bis nach Palästina durchzustoßen. Von dort sollte es im Bündnis mit den antienglisch und judenfeindlich eingestellten und aufständischen Arabern aus Palästina, Syrien und aus dem Irak weiter nach Russland gehen. Die Wehrmacht begleitete ein von Walter Rauff geführtes SS-Kommando, das den Judenmord auch in Palästina (und in Nordafrika) organisieren sollte. Vor Tobruk wehrte Herr Tadmor als „Soldat King Georges“, wie er sich selbst mir gegenüber bezeichnet, mit einem MG bewaffnet deutsche Fliegerangriffe ab. „Dafür bekam ich später die ‚Silberne 8‘ meiner Afrikamedaille.“

Herrn Tadmors Auszeichnung der Britischen Armee für den Kampf gegen Nazideutschlands Armee (© J.D.)

Bei Tobruk konnten sich die britischen Truppen 1941 in schweren Kämpfen nur knapp behaupten und wurden mehrere Monate lang von Wehrmachtseinheiten belagert. In seiner sympathischen und bescheidenen Art erzählt Mordechai Tadmor, von seinen Erlebnisse in Tobruk: „Meine Einheit, die 5 M.T. (später 178.) des Royal Armee Service Corp (RASC) war die einzige jüdisch-palästinensische vor Ort. Wir waren keine Helden, sondern nur müde, staubige und durstige Männer, die sich so gut es ging, gegen Fliegen, Sandflöhe (die uns die Italiener vererbten) , Stuckas, Messerschmidts und Heinkels wehrten. Es herrschte viel Chaos um uns und wilde Gerüchte machten die Runde.“ Erst im November 1942 bei El-Alamein konnten die britischen Truppen den Vormarsch der deutschen Truppen stoppen und die Pläne der Nazis vereiteln. Die jüdischen Kämpfer aus Palästina leisteten dazu einen Beitrag. Später dann wurde aus den Freiwilligen die Jüdische Brigade gebildet, die über Italien sich bis zur Kapitulation Deutschlands an Österreich heran kämpfte.

Herr Tadmor als britischer Soldat in Nordafrika. „Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg.“ (© J.D.)

Mordechai Tadmor nahm als Soldat in der Jüdischen Brigade an all ihren Einsätzen in Italien teil. Nach der Kapitulation Deutschlands beteiligte er sich aktiv an der Überführung vieler Holocaustüberlebender nach Palästina. 1946 wurde er nach 5 fünf Jahren und 348 Tagen (davon vier Jahre und 221 Tage außerhalb Palästinas) und Träger des „Africa Star“ der 8. Armee entlassen.

Die Entlassungsurkunde aus dem Jahr 1946. Mordechai Tadmor diente fünf Jahre und 348  Tage in der britischen Armee, davon über vier Jahre außerhalb Palästinas. Er wurde in Nordafrika und in Italien eingesetzt.

Von Ungedanken nach Kassel

Mordechai Tadmors Vater, Sally Kaufmann, wurde 1890 als Sohn des Lehrers Markus (Mordechay) Kaufmann und seiner Frau Bettina (geb. Katzenberg) in Ungedanken, einem kleinen Dorf bei Fritzlar, geboren. In der Jüdischen Wochenzeitung widmet sich ein mehrteiliger Artikel von Elias Lissauer (Lissauer entstammt einer in Ungedanken ansässigen Familie der Thoraschreiber) diesem Dorf.

Seit Ende des 16. Jahrhunderts gab es in Ungedanken eine israelitische Gemeinde. Unter dem Schutz des Kurfürsten von Mainz ließen sich dort Juden nieder. Man nimmt an, dass sie als Flüchtlinge aus Polen kamen, als dort der Kosakenführer Bogdan Chielmicki das Land verwüstete und es zu zahllosen Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung kam. In der Mitte des 17. Jahrhunderts begann das jüdische Gemeindeleben in Ungedanken. Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast ein Viertel der Einwohner Ungedankens Juden.

Über Markus Kaufmann schreibt Lissauer: „Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde eine israelitische Volksschule errichtet. In derselben wirkten die Lehrer Edelmuth Lange von 1862 – 1869, Frank von 1869 – 1873, Kaufmann von 1873 – 1893 und Kaschmann von 1893 – 1901. Die Höchstzahl der Schüler betrug 45 – 50. […] Lehrer Markus Kaufmann, der 1893 starb, war nicht nur im Jüdischen, sondern auch im Deutschen ein großer Gelehrter. Die Gemeinde nahm in seiner Zeit einen großen Aufschwung und […] das religiöse Leben [stand] während seiner Amtszeit auf der Höhe. Auch die Schülerzahl war damals die höchste.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 17, 1927; Der Artikel und weitere Angaben sind auf der Seite alemannia-judaica.de zu finden.)

Der Grabstein des Lehrers Markus Kaufmann auf dem Friedhof in Ungedanken. Die Inschrift des Grabsteins ist hier übersetzt. Von der kleinen jüdischen Gemeinde Ungedankens ist außer den Grabsteinen des Friedhofs nichts übrig geblieben. Ein Gedenkstein vor dem Friedhof erinnert an die Opfer des Holocaust.

Sally Kaufmann: Herausgeber, Patriot, Zionist und Nazigegner

Sally Kaufmann wollte wie sein Vater Lehrer werden. Weil sein Vater jedoch früh starb erlernte er den Beruf des Kaufmanns. 1915 wurde er als Soldat eingezogen und im Juni 1916 an der Somme als Unteroffizier in die Schlacht gegen englische Truppen geschickt. Er hatte Glück im Unglück und überlebte schwer verletzt und als Träger des Eisernen Kreuzes das Gemetzel. Nach längeren Lazarettaufenthalten und Tätigkeiten in verschiedenen Läden eröffnete er 1921 seinen eigenen Kolonialwarenladen in der Hohentorstraße. Im gleichen Jahr heirateten Sally Kaufmann und Helene Enoch.  Der Laden in der Hohentorstraße war zugleich die Adresse der von ihm ab 1924 herausgegebenen Zeitung. Von Mordechai Tadmor will ich mehr über seinen Vater Sally Kaufmann erfahren. „Ich war nie innerhalb des Geschäfts meines Vaters, ich kannte auch nicht das Sortiment oder die Kunden“, so Mordechai Tadmor über die Tätigkeiten seines Vaters. „Oft, wenn viel Betrieb im Geschäft war, rief mein Vater meine Mutter zu Hilfe und sie ließ mich dann allein zurück. Sie sah oft sehr verbittert aus, lächelte nie und umarmte mich nicht. Ich glaube, es passte ihr nicht, die Frau eines Kolonialwarenhändlers zu sein. Später, als mein Vater die Jüdische Wochenzeitung herausgab und wir in die Kölnische Straße zogen, änderte sich die Lage. Wir waren irgendwie Prominenz. In der Gemeinde wurden wir respektiert.“

Sally Kaufmann als Soldat im ersten Weltkrieg. 12.000 deutsche Juden werden in diesem Krieg „für Deutschland“ fallen. Sally Kaufmanns Sohn kämpfte 25 Jahre später für die britische Armee gegen Nazideutschland.

Mordechai Tadmor erzählte mir, dass das Verhalten seines Vaters ihm gegenüber und in der Familie stark von der Kaiserzeit und vom Soldatentum geprägt war. „Er war durch und durch Unteroffizier. Sein Verlangen mir gegenüber, ihm zu gehorchen war sein ständiges Kredo.“ Mit den Kindern redete der Vater nicht viel. Über seine politischen Ansichten und Tätigkeiten schon gar nicht. „Mein Vater war einfach da, ohne viele Worte zu verlieren. Sein ganzes Wesen drückte einen für ihn selbstverständlichen Patriotismus aus. […] Seine Erinnerungen an das ‚Feld‘, das Eiserne Kreuz, sein Silbernes Verwundetenabzeichen prägten sein Auftreten in der Familie.“

Eine Werbeanzeige Sally Kaufmanns Kolonialwarenhandel aus dem Jahre 1925

Sally Kaufmann hinterließ weder Tagebücher oder Notizen, noch überlieferte er den Nachkommen seine Gedanken und Ideen. Lediglich in der Akte seines Antrags zur Entschädigung nationalsozialistischer Unrechtsmaßnahmen sind ein paar autobiographische Notizen zu finden. Dort beschreibt er sich als Gegner des in Kassel tätigen Roland Freisler. Neben der Berücksichtigung der Tatsache, dass er organisiertes und aktives Mitglied des keineswegs monolithischen Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) und der ebenso ausgeprägten Zionistischen Ortsgruppe Kassel war, ist das Studium seiner von ihm herausgebrachten Zeitung und der wenigen Artikel und Notizen, die ihm zugeordnet werden können, der einzige Weg, um etwas über seine Gedankenwelt und seine politische Haltung in der Weimarer Republik zu erfahren.

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck

Die Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck trat am 4. April 1924 mit einem ambitionierten Anspruch an die Öffentlichkeit. Sally Kaufmanns Ehefrau Helene notierte 1965, dass es auch ihre Idee war, diese Zeitung zu gründen. Sie beteiligte sich aktiv an der Erstellung dieser Zeitung und bezog dafür auch ein Gehalt. Zunächst weist nichts darauf hin, dass diese Zeitung von Sally Kaufmann herausgegeben wurde. Erst in der Nummer 11 des ersten Jahrgangs taucht sein Name als inhaltlich Verantwortlicher auf der Titelseite auf. In der ersten Nummer der Zeitung umriss Dr. Joseph Prager das Programm der Zeitung. Prager war ein führendes Mitglied der Jüdischen Volkspartei. Prager schrieb in seinem Leitartikel, dass vor dem Hintergrund des allgemeinen Zusammenbruchs und Niedergangs, in den er auch das jüdische Leben in Deutschland mit einbezog, ein Neuaufbau nötig sei. Die Zeitung solle dem Judentum dienen, für seine äußere Würde und Sicherheit eintreten und an der Vertiefung aller jüdischen Interessen mitarbeiten. Prager betonte, dass die Zeitung keiner Partei im Judentum dienstbar sein solle, vielmehr sollten alle Fragen behandelt und alle Nachrichten vermittelt werden, „die zu kennen für Juden jeglicher Partei wichtig sind.“ Der Focus sei auf die heimatlichen Angelegenheiten, die Geschichte und das Wirken der örtlichen Gemeinden zu richten. Prager plädierte dafür, den Kampf gegen Interessenlosigkeit und Gleichgültigkeit aufzunehmen und hoffte darauf, für diesen Kampf alle Parteien des Judentums zu gewinnen.

Die erste Nummer der jüdischen Wochenzeitung aus dem Jahr 1924. Den Aufmacher schrieb Dr. Joseph Prager.

Sally Kaufmann tauchte als Autor in seiner Zeitung fast nie namentlich auf. Es gibt ein paar wenige, von Sally Kaufmann namentlich gezeichnete Anmerkungen und zitierte Briefe. Einige Artikel jedoch, insbesondere aus dem Jahr 1925, führen das Kürzel „Kfm.“, auch taucht das Kürzel „K.“ in einem Artikel der Redaktion einmal auf. Sie könnten also von ihm stammen. Dass es aber nur wenige Artikel von ihm gibt, lag an seiner Kriegsverletzung, die ihm das Schreiben mit der rechten Hand wohl sehr erschwerten. Zusammen mit seinen Mitstreitern aus der örtlichen Gruppe des RjF, der Zionistischen Ortsgruppe, den Redakteuren und Autoren Julius Dalberg, Ludwig Horwitz, Walter Bacher und anderen z.T. prominenten Artikelschreibern entwickelte er aber das Wochenblatt in dieser Zeit zu einer beachtlichen und niveauvollen Zeitung. Später wurde Sally Kaufmann dann zum Verleger der Jüdischen Wochenzeitung, die auch in Hannover, Braunschweig, Chemnitz und anderen Städten erschien. Es gibt wichtige Artikel über die regionale Geschichte der Juden in Nordhessen. Viele davon wurden neben dem schon erwähnten Elias Lissauer von Ludwig Horwitz, dem Leiter der Jüdischen Volksschule, und von Rudolf Hallo, dem Gründer des jüdischen Museums in Kassel, beigesteuert.

Die Autoren der Zeitung mischten sich mit ihren Beiträgen auch in die zeitgenössischen politischen Debatten ein. Es schrieben neben den Redakteuren auch berühmte Autoren wie Wolfgang von Weisel, Arnold Zweig, Theodor Lessing und Max Brod und viele andere für die Zeitung, aber auch nichtjüdische Autoren wie z.B. Philipp Scheidemann und Heinz Pollack. Lesenswerte Nachrufe, z.B. auf Paul Levi, Franz Rosenzweig und Friedrich Ebert wurden veröffentlicht. Man beschäftigte sich ausführlich mit Stefan Zweig, Franz Kafka, Moses Mendelssohn, Eduard Bernstein u.v.a..

Der Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar schreibt über diese Zeitung völlig zurecht: „Politisch fällt die Nähe zur demokratischen Republik auf, die sich durch alle Jahrgänge […] beobachten lässt.“ (Vgl., Fn. 2) Immer wieder sind nicht nur Aufrufe, sondern auch Leitartikel zu finden, die es den Lesern eindringlich nahe legen, nicht nur zu den Wahlen zu gehen, sondern ihre Stimmen den demokratischen Parteien oder den republikanischen Kandidaten zu geben und die Jüdische Wochenzeitung bezog immer häufiger gegen den Nationalsozialismus Stellung und positionierte sich klar für den Zionismus.6 In den vielen Ausgaben, die Sally Kaufmann bis 1932 herausbrachte, wurde regelmäßig über die Entwicklung im damaligen Mandatsgebiet Palästina berichtet.

Auch der Autor „Kfm.“, vermutlich also Sally Kaufmann schrieb: „Aus den [zionistischen] Ideen einzelner und den Forderungen, die eine kleine Zahl von Menschen vor achtundzwanzig Jahren erhoben hat, sind inzwischen Realitäten geworden, die in der Welt der Tatsachen ihre Geltung gefunden haben. Die stärkste Realität ist das jüdische Palästina mit seinen wachsenden Städten, blühenden Kolonien, der auffallenden hebräischen Sprache und seinen arbeitenden Menschen. Diese Realitäten … , sind die stärkste Grundlage für die weitere Existenz des jüdischen Volkes in der Gegenwart und … in der Zukunft.“ Prophetisch anmutende Zeilen, aus denen eine große Begeisterung spricht.

Der Zionisten-Kongreß. Ein Artikel der wahrscheinlich von Sally Kaufmann geschrieben wurde.

Gegen den Nationalsozialismus

In der Jüdischen Wochenzeitung wurden zahlreiche Artikel prominenter Autoren über den Nationalsozialismus publiziert, so z.B. 1929 ein sehr ausführlicher von Heinz Pol. (d.i. Pollack, s.o.). Pollack legt in seinen Ausführungen dar, dass der Antisemitismus in der Ideologiebildung des Nationalsozialismus das wichtigste Element sei. Er erkannte ferner, dass der Faschismus nur ein Element der nationalsozialistischen Bewegung ausmache. Darüber hinaus seien eine „jungnationale“ Bewegung an den Universitäten und Teile der Wandervogeljugend wichtige Elemente des Nationalsozialismus. Er hob auch die Rolle der anscheinend antikapitalistischen Agitation kleinbürgerlicher und bäuerlicher Elemente hervor. In diesem Zusammenhang agitierten die Nationalsozialisten gegen Großgrundbesitz und Warenhäuser und knüpften dabei immer wieder auch erfolgreich an Themen und Aktionsfelder linker Parteien an. Gleichzeitig stellte Pollack aber heraus, dass die nationalsozialistische Bewegung auch aus Kreisen der Industrie finanziert wurde. (Jüdische Wochenzeitung Nr. 29, 26. Juli 1927)

Besonderen Raum nehmen die vielen Berichte über die unzähligen Untaten und Übergriffe von Nazis und ihren Spießgesellen in ganz Deutschland wie auch in Kassel und im Umland ein. Sie wurden laufend dokumentiert und thematisiert. 1926 druckte die Jüdische Wochenzeitung z.B. einen Artikel über den antisemitischen Antiquitätenhändler Edler von Dolsperg aus Kassel ab. Im Schaufenster seines Ladens am Ständeplatz hatte dieser einen illustrierten Bericht über die Ritualmordlegende ausgehängt. Es kam zur Anklage gegen den Händler. Dieser wurde von Roland Freisler verteidigt, der vor Gericht mit wüsten antisemitischen Beschimpfungen auftrat, die er auch explizit gegen Sally Kaufmann, den Herausgeber der Jüdischen Wochenzeitung richtete. (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 24, 1927)

In einem Artikel, der mit „Nationalsozialistische Frechheit“ überschrieben ist, berichtete Sally Kaufmann selbst von einer lokalen Begebenheit: Als 1929 in einer Ausflugsgaststätte am Brasselsberg Nazis ihre Fahnen präsentierten, schrieb Sally Kaufmann einen Brief an die Wirtin und fragte sie, warum sie dies nicht unterbunden habe und ob sie künftig noch Juden als Gäste wünsche. Die Wirtin beteuerte in ihrer Antwort, keine Handhabung gegen die Präsentation der Nazifahnen gehabt zu haben, da man auf jeden Gast angewiesen sei. Sie würde es jedoch auch zukünftig begrüßen, „viele Angehörige Ihrer Kreise“ als Gäste willkommen zu heißen. Der Briefwechsel wurde von der örtlichen NS-Zeitung als „jüdische Frechheit“ denunziert und es wurde unmissverständlich gedroht: „Diesen Juden, S. Kaufmann, Hohentorstr. 9, wollen wir uns merken.“ (Jüdische Wochenzeitung, Nr. 34, 1929)

Das Vermächtnis des Sally Kaufmann

1933 hatten sich die Mehrheitsverhältnisse in Deutschland geändert. Das zur „Volksgemeinschaft“ formierte deutsche Volk verriet die Republik, plünderte seine jüdischen Nachbarn zunächst aus und lieferte sie dann an den antisemitischen Mob und seine Henker aus. Die nationalsozialistische Bewegung unter der Führung Hitlers hatte die Macht ergriffen und der Antisemitismus war zur deutschen Staatsräson geworden. Der „Bestand“ des Judentums, auf den Sally Kaufmann hoffte, wurde weder vom (internationalen) Proletariat noch von dessen „Vaterland“ und auch nicht von den westeuropäischen Demokratien gegen diejenigen verteidigt, die sich mit Mehrheit gegen eine Zukunft für die Juden entschieden und zur antisemitischen Tat schritten: Zuerst in Deutschland, dann in fast ganz Europa.

Die Entwicklung war für hellsichtige Köpfe, wie Sally Kaufmann offensichtlich einer war, schon vor 1933 absehbar. Sally Kaufmann fand sich, wie viele andere Anhänger der Republik, zunehmend isoliert und musste sich als Jude ausgestoßen fühlen. Da er mit dem in Kassel als Anwalt und Abgeordneten der NSDAP agierenden und späteren Präsidenten des „Volksgerichtshofs“ Roland Freisler aneinander geriet, fühlte sich Sally Kaufmann zurecht bedroht und setzte sich schon 1932 aus Kassel ab. Ein paar Monate später wurde die zunächst von seinem Schwager Ludwig Goldberg kommissarisch weiter herausgegebene Jüdische Wochenzeitung eingestellt.

Sally Kaufmann verlor durch diese Entwicklung Deutschland, Nordhessen und Kassel als seinen Bezugs- und Identifikationspunkt sowie als Heimat. Mordechai Tadmor sagte zu mir: „Sein Leben hörte auf, als er Kassel verließ. Er war Zionist und auch aktiv, aber ich glaube es war mehr ideologisch als praktisch. Denn als er mit der Wirklichkeit im Jishuw konfrontiert wurde, brach für ihn eine Welt zusammen.“ In Israel vergrub er sich in sein Bücherantiquariat, das er dort mit wenig Erfolg führte. Da er kein Hebräisch sprach und es auch nicht lernen wollte, musste sein Sohn Benno ihm im Laden helfen. Ein Land, das jedem verfolgten Juden Schutz vor antisemitischer Verfolgung bot, gab es damals noch nicht. Gleichwohl konnten sich diejenigen Juden vor der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik retten, die rechtzeitig den Weg – trotz aller Hindernisse – nach Palästina in den Jishuw fanden.

Dass es den deutschen Truppen nicht gelang, bis nach Palästina vorzustoßen, daran waren auch Juden aus dem Jishuw beteiligt. Viele von ihnen waren, wie Martin Kaufmann, erst vor kurzem dort eingetroffen.

So wie Mordechai Tadmor als „Soldat King Georges“ seinen Beitrag in der jüdischen Brigade zum Sieg über den deutschen Nazifaschismus beisteuerte und damit auch die Juden in Palästina gegen den Zugriff der deutschen Vernichtungspläne verteidigte, so kämpfte er als Offizier zunächst der Hagana im Unabhängigkeitskrieg, dann für die IDF von Beginn an für die Existenz und Sicherheit Israels. Ihm war schnell klar geworden, dass von der arabischen Seite nichts Gutes zu erwarten war. Die größenwahnsinnigen Pläne des Muftis von Jerusalem und seiner Verbündeten waren ihm und seinen Kameraden in der jüdischen Brigade bewusst. „Wir wussten, und das kam in unzähligen Gesprächen unter dem Wüstenhimmel zur Sprache: Dieser Krieg wird siegreich enden und was uns betrifft, so konnten wir nur hoffen, uns auf das Kommende gut vorzubereiten. Mit anderen Worten: Im Krieg gegen Nazideutschland sahen wir uns als Sieger. Unsere Sorgen galten der Zeit nach dem Krieg. Wir haben uns bekanntlich nicht geirrt.“

Herr Tadmor während des Sechs-Tage-Krieges (© J.D.)

Es sollte Mordechai Tadmors berufliches Lebenswerk werden, für den Staat Israel einzutreten und somit das ideelle Lebenswerk seines Vaters fortzusetzen. Wenn er auch nach 1945, zu seinem großen Bedauern, nicht mehr in den Einheiten in vorderster Linie kämpfen sollte, so waren die militärischen Einsätze seiner Einheit für die Existenz dieses Staates genauso wichtig. Mordechai Tadmors Einheit sicherte 1948 die existentiell wichtige Versorgungslinie nach Jerusalem, die sogenannte Burma Road. Zuletzt wurde er als Reservist im 6-Tagekrieg 1967 an der syrischen Front eingesetzt. Wie sein Vater in publizistischer Hinsicht gegen Nazis und für eine sichere Heimstatt der Juden eintrat, so tat dies sein Sohn Mordechai Tadmor mit der Waffe in der Hand: Bis 1945 gegen die deutsche Wehrmacht und nach 1945 gegen die Umsetzungsversuche der Vernichtungsphantasien arabischer Führer. Als Offizier der IDF arbeitete Mordechai Tadmor auch für den Dienst des „Institutes für Aufklärung und besondere Aufgaben“ und als Korrespondent und Mitarbeiter im diplomatischen Dienst in verschiedenen Städten Europas. Sein Augenmerk galt dabei den alten und neuen Nazis als auch den sowjetischen Umtrieben und Absichten, die arabischen Führer in ihren Plänen, Israel von der Landkarte zu tilgen, zu unterstützen. Dafür erhielt er den Orden als verdienter Kämpfer im Befreiungskrieg und als Kämpfer gegen die Nazis

Herr Tadmors Orden als Kämpfer gegen Nazis und als Kämpfer im Befreiungskrieg (© J.D.)

Erinnerung

Sally Kaufmanns wichtigstem Mitstreiter Julius Dalberg gelang wie Walter Bacher die Flucht aus dem Machtbereich der Nazis nicht. Dalberg und seine Frau wurden in Sobibor ermordet.

Der Erinnerungsstein für Julius Dalberg und seine Frau Bella in Sobibor.

Was heute an ihn in Kassel erinnert, ist ein unscheinbarer Stolperstein vor dem Gloriakino am Ständeplatz. Von ihm nimmt nur derjenige Notiz, der weiß, wonach er suchen muss. Für einen Hinweis auf die Tätigkeit Dalbergs ist auf dem Stein zu wenig Platz. Dass Dalberg selbst aktiver Anhänger des Zionismus war und eine Zeitung mitherausgegeben hat, die durchweg Stellung für das zionistische Projekt bezogen hat, wird von den z.T. stramm antizionistisch gesinnten Stolpersteinlegern auf ihrer Homepage inzwischen immerhin erwähnt. Im Mai 2017 wurden dann auch für die Familie Kaufmann in der Kölnischen Straße 77 Stolpersteine gelegt. Die Initiative dazu ging von Mordechai Tadmors rühriger Großcousine Daniela Ebstein aus, die am Tag der Verlegung ausdrücklich betonte, dass Israel zur Heimat der vielen Nachkommen der Familie Kaufmann wurde. Auf der Homepage des Kasseler Stolpersteinvereins sind mittlerweile auch weitere biographische Daten zu Sally Kaufmann zu finden.

„Mein Vater liebte Hessen“, erzählt Mordechai Tadmor, „er liebte Fritzlar, Ungedanken, das Edertal, die grünen Wiesen, die bewaldeten Hügel.“ Sally Kaufmann war durch und durch Deutscher und fasste keinen Fuß mehr in Israel. Ein Umstand, der angesichts Sallys Kaufmanns aktiven Tuns in Kassel nur schwer nach zu vollziehen ist.

Aus Martin Kaufmann ist Mordechai Tadmor geworden. Herr Tadmor und seine Frau Edith sind Eltern von 2 Söhnen, 6 Enkeln und 4 Urenkeln. Die Entscheidung von Sally Kaufmann, 1932 trotz seines Patriotismus aus Deutschland auszuwandern, hat dazu beigetragen, dass es mittlerweile vier Generationen der Familie Kaufmann und Tadmor gibt. Das ist in Israel keine Selbstverständlichkeit, vielmehr alles andere als die Regel. Herr Tadmor lebt mit seiner Frau heute in Giv’Atajim und erinnert sich gerne an eine Stadt, die es so, wie die Hohentorstraße, eine gute Wochenzeitung und die Kasseler Juden nicht mehr gibt. Kassel war seine Heimat.

Sally und Helene Kaufmann mit Enkel Joav, erster Sohn von Mordechai und Edith Tadmor. (© J.D.)

Martin (Mordechai) Kaufmann als Soldat der britischen Armee und jüdischen Brigade in Nordafrika und Italien: Erinnerungen eines jüdischen Veteranen der Alliierten.

1 Die „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck“ ist in Teilen im Netz auf der Seite des Leo Baeck Institutes hinterlegt. Die Jahrgänge 1924 – 1933 sind komplett in der Murhardschen Landesbibliothek in Kassel vorhanden und können dort eingesehen werden. Auf diesem Blog werden unter dem Tag „Jüdische Wochenzeitung für Cassel“ verschiedene Themen, die in diese Zeitung behandelt wurden, in loser Reihenfolge abgehandelt.

2 Im Buch „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg) J. Fleming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 1973″, widmet der Kasseler Wissenschaftler und Mitherausgeber des Bandes Dietfrid Krause-Vilmar der Jüdischen Wochenzeitung im Aufsatz „Juden in Kassel“ ein paar Seiten, ebda., S. 176ff
Siehe Auch: Wolfgang Matthäus, Kaiserstraße 13, Kassel 2014, S. 38f

Ben-Zion (Benno) Kaufmann (1924 – 2017); Micha Kaufmann (1931 – 2006)

Sally Kaufmann stellte in den fünfziger Jahren einen Antrag gemäß des Hessischen Gesetzes zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Die Angaben hinsichtlich des Datums der Auswanderung sind in der Akte über diesen Vorgang nicht eindeutig. Sicher ist nur, dass Sally Kaufmann sich und seine Familie im September 1933 in Kassel polizeilich abgemeldet hat. Die Angaben in der Akte deuten darauf hin, dass Sally Kaufmann bereits im September Kassel 1932 verlassen hat und vorübergehend für die Frankfurter Zeitung gearbeitet hat und sich dazu aber bereits in Belgien aufgehalten hat. Frau und Söhne dürften zu einem ähnlichen Zeitpunkt die Kasseler Wohnung verlassen haben und sich zunächst in Darmstadt, dann ebenfalls kurze Zeit in Belgien aufgehalten haben, bevor sie dann, wahrscheinlich im April 1933 nach Israel weiterreisten.

Walter Bacher war Lehrer an der an der Jüdischen Volksschule. Auch Bacher war Autor in der Jüdischen Wochenzeitung. Bacher kehrte 1936 nach einer Palästinareise nach Deutschland zurück. Ihm gelang es danach nicht mehr zu fliehen. Er wurde 1941 wie alle Kasseler Juden nach Riga deportiert und starb 1944 im Konzentrationslager Buchenwald. (Vgl.: Namen und Schicksal der Juden Kassels 1933 – 1945. Ein Gedenkbuch. (Hg.) Magistrat der Stadt Kassel 1986, S.86f)

Die zionistische Bewegung war alles andere als eine homogene politische Bewegung. Grob lassen sich der kulturelle Zionismus vom staatsbegründenden Zionismus unterscheiden, wobei letzterer ebenfalls unterschiedliche Richtungen aufwies. Hierzu näher: Walter Laquer, Der Weg zum Staat Israel. Geschichte des Zionismus, Wien 1975 und Moshe Zimmermann, Die Deutschen Juden 1914 – 1945, Oldenburg 1997

©Alle Rechte des Textes liegen beim Autor. Der Text und die entsprechend gekennzeichneten Fotos und Abbildungen unterliegen dem Urheberrecht und sind -auch auszugsweise- nur mit Genehmigung des Autors zu verwenden.

In loser Reihenfolge werden auf diesem Blog verschiedene Artikel zu Themen, die in der Jüdischen Wochenzeitung intensiv diskutiert wurden, veröffentlicht.