Der Tod eines freundlichen Nazis und andere Entbehrungen

Kassel, Reichskriegerhauptstadt, Stadt Roland Freislers, Produktionsstandort des Kampfpanzer Tigers, des Flugzeuges Fieseler Storch (auf letzteres ist man in Kassel bis heute stolz) usw. war im 2. Weltkrieg mehrfach Angriffsziel britischer und US-amerikanischer Bomberverbände. Bei den Angriffen wurde die Stadt nachhaltig bombardiert, was die Volksgenossen jedoch nicht dazu brachte die Volksgemeinschaft aufzukündigen. „Die Akten der Verfolger lassen […] erkennen, daß Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“ (Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft Volksfeinde, Kassel 1933 – 1945, Band 2)

Die Angriffe auf Nazideutschland forderten zahlreiche Opfer unter den Bomberbesatzungen, darunter auch die Besatzung eines Kampfbombers, der in ein bei Kassel gelegenes Dorf abstürzte. Dieser Absturz war am 29.09.2017 Gegenstand der Berichterstattung der hiesigen Lokalpresse. Der Artikel in der HNA zeigt exemplarisch, wie sich Volksgemeinschaft und Postnazismus im Gefühlshaushalt der Volksgenossen darstellt.

Memorial Kanadischer Soldaten, die im 2. Weltkrieg ihr Leben ließen. Das im Kampf gegen Nazideutschland in Istha gefallene Besatzungsmitglied Lionel G. Chaston ist dort aufgelistet.

Beim Absturz des getroffenen Kampfbombers der Royal Air Force kamen alle vier Besatzungsmitglieder und drei Dorfbewohner ums Leben. Einer von den ums Leben gekommenen Dorfbewohnern war der stellvertretende Bürgermeister des Ortes. Über den Tod des stellvertretenden Bürgermeisters heißt es in der HNA: Es habe große Trauer geherrscht, „weil er wegen seines freundlichen Wesens sehr beliebt war.“ Die politischen Ämter in den Kommunen waren bekanntlich von 1933 – 1945 von Nazis besetzt. Aber wenn es doch ein freundlicher Nazi war, dann wird man ja seinen Führer auch noch lieben und wenn er ins Gras beißt, auch betrauern dürfen.

Nebulös berichtet der Dorfchronist R. Brüning in der offiziellen Geschichtsschreibung des Ortes von „heute schwer nachvollziehbaren Konflikten“ im Dorf, die sich noch 1933, kurz nach dem die NSDAP in Deutschland bestimmende politische Kraft wurde, in Prügeleien entluden. Die NSDAP war im Wahlkreis Hessen Waldeck als auch in den Gemeinden Wolfhagen und Umgebung schon vor 1933 stärkste politische Kraft. Genauso wenig wie man näheres über die schwer nachvollziehbaren Konflikte erfährt, ist das was nach 1933 kam kein Thema in der historischen Darstellung. Erst über den Zeitpunkt, als sich amerikanische Truppen im Jahr 1945 dem Ort näherten, finden sich ein paar dürre Informationen. Es war „die günstige Verkehrsanbindungen“, die 1945 Probleme auch nach Istha brachten.

Die Bewohner des Dorfes sahen plötzlich das Wohl des Dorfes gefährdet, weil eine SS-Einheit den Kampf mit der US-Army aufnehmen wollte.  Eine Bewohnerin des Dorfes  weiß im Artikel der HNA zu berichten: „Der Krieg bedeutete viele Entbehrungen. ‚Wir sind mit kaltem Wasser aufgewachsen, und oft gab es nur trockenes Brot. Unsere Landwirtschaft hat uns am Leben gehalten’“ –  wenn das der Führer gewusst hätte! Eine andere Entbehrung der Volksgenossin war, dass sie nur eine Notkonfirmation feiern durfte. Schlimm dieser Krieg! Und hätten die Volksgenossen damals schon von Verkehrsberuhigung etwas gewusst, dann wären ihnen auch die Fährnisse des Einmarsches der Amerikaner erspart geblieben.

Während also junge Männer auch aus Kanada für die Royal Air Force im besten Alter ihr Leben für den Kampf gegen Nazideutschland gaben, warteten die Bewohner und ihr geliebtes Führungspersonal im Dorf bei Notkonfirmation, Wasser, Brot und landwirtschaftlichen Produkten ab, bis die amerikanischen Truppen kamen. Als es dann mit dem 1000-jährigen Reich auch in Istha vorbei war, empfand die zitierte Bewohnerin des Ortes die Ankunft der GIs als Befreiungsschlag. Antifaschismus in Deutschland ist – wenn es die Anderen machen. Ein anderer Dorfchronist wusste jedoch über weitere Probleme dieser Tage zu berichteten: „Plünderungen durch Ausländer, hauptsächlich Polen, waren an der Tagesordnung. Die Bevölkerung war machtlos.“

Woher kamen plötzlich diese zu Beginn dieser Glosse schon einmal erwähnten Ausländer? Dass sie für die Volksgemeinschaft an der Macht auf den Feldern der Volksgenossen (und in den Kasseler Fabriken) schufteten, damit diese mit den Produkten der Landwirtschaft wohlgenährt am Leben erhalten wurden, das ist jedenfalls weder Thema der Dorfchronisten noch der Berichterstattung über einen Absturz.

 

Über den 22. Juni und die Erinnerung

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Bürger in Moskau hören am 22. Juni 1941 die Nachrichten über den deutschen Angriff

Das Bild zeigt Moskauer Bürger, wie sie am 22. Juni 1941 der Ankündigung des sowjetischen Rundfunksender über den deutschen Angriff zuhören. Der Fotograph dieses Bildes, Jewgeni Chaldej, notierte in seinem Tagebuch: „Wir begriffen, dass etwas Furchtbares geschehen sein musste.“

Jewgeni Chaldej  war Sohn einer jüdischen Familie aus der Ukraine. Seine Mutter wurde 1918 während eines Pogroms ermordet, er selbst schwer verletzt. 1941 oder 1942 wurden sein Vater und drei seiner Schwestern von den Deutschen ermordet. Chaldej war von 1941 bis 1945 offizieller Kriegsfotograf der Roten Armee. Von Chaldej stammt das berühmte Bild der Rotarmisten auf dem Reichstag, die die sowjetische Fahne hissten. 1948 wird Chaldej aufgrund seiner jüdischen Herkunft bei der TASS entlassen.

Spuren im Sand

Spuren im Sand

„Deine Spuren im Sand“ heißt ein Schlager. Wie so oft, verbirgt sich in harmlos und unschuldig daherkommenden Metaphern deutscher Schlager das Grauen und verdeutlichen damit den Stellenwert der Erinnerung an das deutsche Morden mehr als alle Erinnerungsstätten in Deutschland.

„Die Menschen … betraten die schnurgerade, von Blumen und Tannen gesäumte Allee, …, die zur Mordstätte führte. … Der Weg war mit weißem Sand bestreut, und die da mit erhobenen Händen vorwärts gingen, erblickten in diesem Boden die frischen Abdrücke nackter Füße: kleine von Frauen, winzige von Kindern und schwere Abdrücke von den Alten. Diese flüchtigen Spuren im Sand waren alles, was von den Tausenden übriggeblieben war, die erst vor kurzem genauso über diese Straße gezogen waren, wie es jetzt die nach ihnen gekommenen viertausend Menschen taten und wie, wiederum zwei Stunden später, es noch Tausende tun würden, … Die Menschen gingen, wie andere gestern oder vor zehn Tagen gegangen waren und morgen oder in 50 Tagen gehen würden – so wie alle, die diese ganzen 13 Monate lang dahinzogen, in denen die Hölle von Treblinka existierte.“

Das schrieb der Journalist der Roten Armee Wassili Grossman in seinem Bericht „Treblinka“, der zusammen mit Konstantin Simonows Bericht über das Vernichtungslager Majdanek in einem Bändchen auch in deutscher Sprache 1945 publiziert wurde. Grossmans Text sollte auch im Buch „Das Schwarzbuch. Der Genozid an den sowjetische Juden“ publiziert werden. Das Schwarzbuch war eine Sammlung von Dokumenten über den Mord der Deutschen an den sowjetischen Juden, das von Wassili Grossman und Ilja Ehrenburg herausgegeben werden sollte. Die Herausgabe dieses Buches war in der Sowjetunion nicht möglich. Erstmals gab es eine Ausgabe der russischen Fassung 1980 in Jerusalem. Das Jüdische Antifaschistische Komitee (JAFK), dass diese Dokumentation veranlasste, wurde 1948 aufgelöst. Viele wichtige Mitstreiter des JAFK wurden während Stalins Herrschaft bis 1952 umgebracht.

Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion war die zwingende Folge der Naziideologie. In der Herrschaft der Bolschewiki sahen die Nazis eine Seite der Inkarnation der „jüdischen Weltherrschaft“*. Der Begriff „Jüdischer Bolschewismus“ war ein gebräuchliches Schlagwort in der Naziterminologie und wichtiger Bestandteil in der Ideologie des Nationalsozialismus. Schon nach dem Ersten Weltkrieg gehörte diese Propagandaformel zum Standardrepertoire der Nazis und extremen Rechten in Europa.

Dieser wesentliche Bestandteil der Naziideologie bestimmte daher auch das Vorgehen der deutschen Streitkräfte im deutschen Krieg gegen die Sowjetunion. Die Begriffe Bolschewik, Jude und Partisan wurden gleichgesetzt. Gefangene Kommunisten (Kommissare) der Roten Armee und Juden (Zivilisten und Angehörige der Roten Armee)  wurden im deutschen Herrschaftsbereich von deutschen Sicherheitskräften gezielt ermordet. So wie der Antisemitismus zentraler Bestandteil der Naziideologie war, so war die Vernichtung der Juden eines der wichtigsten Ziele des deutschen Ostfeldzuges.**

Obwohl viele Sowjetbürger, unter ihnen auch viele Juden, den Kampf gegen die Nazibarbarei als antifaschistischen Kampf*** ansahen, setzte die stalinistische Führung auf die Mobilisierung vor allem des russischen Nationalismus und Patriotismus. Gleichwohl war in der sowjetischen Propaganda auf allen Ebenen permanent die Rede vom Kampf gegen den Faschismus. Der Begriff war Ausdruck der Dimitroffschen These vom Faschismus, der den Faschismus nur als besonders brutale Herrschaftsform des Kapitalismus erklärte. Angesicht der konkreten Barbarei, die von den deutschen Einheiten verübt wurde, war für viele Bürger der Kampf gegen die Sowjetunion keine Frage, doch es verbanden auch viele diesen Kampf nicht nur als einen für die Heimat, sondern auch einen explizit gegen den deutschen Nazifaschismus und mit einer Vorstellung von einer besseren Welt und Zukunft. Im Gegensatz zur Dimitroffschen These füllten sie somit den Begriff Antifaschismus mit konkreten Inhalten.

Dass der deutsche Krieg nicht nur für die Sowjetunion, sondern insbesondere für die Juden in ganz Europa eine existenzielle Bedrohung war, wurde in der offiziellen Diktion der Sowjetunion jedoch ignoriert. Für viele Juden war diese Bedrohung hingegen von Beginn an klar. Sie stellten sich wie viele Sowjetbürger dem deutschen Angriff entgegen. Das JAFK sammelte sogar im Ausland Geld und warb für den Kampf der Sowjetunion. Doch im Zuge der in der Sowjetunion nach 1945 initiierten antizionistischen und antisemitischen Kampagne gegen den „Kosmopolitismus“ wurde die Erinnerung sowohl an den Massenmord an den Juden als auch an den Beitrag der Juden im Kampf gegen die Deutschen unterdrückt. ****

Auch in der, in Deutschland und anderen Ländern sich zunehmend durchsetzenden Interpretation des Krieges gegen die Sowjetunion, als ein Kampf zweier blutrünstiger Diktatoren oder zweier totalitärer Systeme, gerät die Interpretation des Kampfes gegen das Nazireich als ein antifaschistischer und die Bedeutung des Antisemitismus in der Naziideologie zunehmend in den Hintergrund. Diese Interpretation trägt dazu bei, dass zum einen der Antifaschismus vieler Rotarmisten und Partisanen in der Interpretation ihres Kampfes keine Rolle spielt, und dass z.B. Ukrainer und Balten als Opfer stalinistischer Repression und des deutschen Nazifaschismus gleichermaßen angesehen werden. Deren massenhafte Beteiligung am Kampf gegen Deutschland in der Roten Armee und in den Verbänden der Partisanen passt auch da nicht in das wohlfeile Geschichtsbild. Für den simplifizierenden Totalitarismus der mit einem unbestimmten Begriff von der Gewaltherrschaft hausieren geht, kann der Antifaschismus der vielen Kämpfer gegen den Nationalsozialismus nur Ausdruck herrschender Sowjetideologie sein und wird folglich zunehmend diskreditiert. Völlig sinnentleert wird der Antifaschismus als treibendes Element aber auch im gängigen Gebrauch russischer Erinnerungspolitik.

Die Ignoranz des Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie und des deutschen Krieges im Osten im nach 1945 vorherrschenden Antifaschismus (zunächst in der DDR und in Deutschland nach 1989 in den diversen Bewegungen) trägt bis heute dazu bei, dass zum einen die ermordeten Juden als eine Opferkategorie unter vielen subsumiert werden und zum anderen, das Wesen der Naziideologie nicht zu begreifen. Der Ostfeldzug wird in diesem Zusammenhang als extremes Beispiel des Imperialismus begriffen, was wiederum das Unvermögen erklärt, die Kriegshandlungen der Alliierten (und vieler Partisanen) als praktischen und den einzig wirksamen Antifaschismus zu begreifen und eben nicht als Antiimperialismus (den man praktischer Weise von der Roten Armee dann alleine vertreten sieht – und somit die wichtige Rolle der Westalliierten im Kampf gegen Nazideutschland gleich mit erledigt).

* Die andere Seite sahen sie in der „kapitalistischen Plutokratie“ und „Herrschaft des Finanzkapitals“.
**  Es ging aber auch um die Eroberung von „Lebensraum“. Dazu sollten die Bewohner der Sowjetunion hinter den Ural vertrieben und durch Aushungern erheblich  dezimiert werden.
*** Diesem Kampf setzte Wassili Grossman mit seinem zweiteiligen Roman „Die Wende an der Wolga“ und „Leben und Schicksal“ ein beeindruckendes Denkmal. Der zweite Teil seines Romans konnte zu Lebzeiten Grossmans in der Sowjetunion nicht veröffentlicht werden.
**** In der Rote Armee kämpften neben vielen anderen auch viele Balten und Ukrainer. In der Instrumentalisierung der Erinnerung an den sogenannten Großen Vaterländischen Krieg im Dienste eines russischen Chauvinismus gerät dies zunehmend in Vergessenheit.

Jews in the Red Army

Das Blücherviertel – ein Stadtviertel der nationalen Wiedererweckung?

Die Debatte um Karl Branner – Ein Streit der Exorzisten

Im Gespräch der Stadt ist aktuell der Name Karl Branner. Nach Karl Branner ist eine Brücke benannt, die die Unterneustadt mit der Innenstadt Kassels verbindet. Ferner wurde nach Karl Branner auch ein Flügel im Rathaus benannt. Der Name Branners ist in Verruf geraten. Eine Forschungsgruppe hatte anlässlich des 1100-jährigen Jubiläums Kassels herausgefunden, dass das SPD-Mitglied und der ehemalige Oberbürgermeister Kassels Branner Mitglied der NSDAP und anderer Naziorganisationen war. Er verfasste eine Doktorarbeit. In dieser Arbeit kennzeichnete er jüdische Autoren mit einem Stern, obwohl er es nicht „musste“. Die Doktorarbeit befasste sich mit dem Thema der Wirtschafts- und Sozialpolitik im Nationalsozialismus unter einer ausgeprägten völkischen Ausrichtung.

Branner ist schon lange tot, er wendete sich allem Anschein nach von der NSDAP bereits während des Krieges ab, engagierte sich in jugoslawischer Kriegsgefangenschaft im dortigen antifaschistischen Ausschuss (was ihm freilich negativ ausgelegt wird), war wie viele Deutsche nach 1945 kein Nazi mehr und machte sich in verschiedenen Bereichen für die Stadt durchaus verdient. Auch heute steht die Partei, der er nach 1945 angehörte, auch wenn man vieles an ihr kritisieren kann und muss, nicht in dem Ruf, eine Nachfolgeorganisation der NSDAP zu sein – warum also die ganze Aufregung?

Während der Kreis um den Oberbürgermeister versucht, Branner als Demokraten zu retten, wollen die anderen, teils aus antifaschistischer Überzeugung, teils aus durchsichtigen wahltaktischen Gründen, ihn ganz aus dem Gedächtnis der Stadt streichen. Wie sie es jedoch anpacken, sie werden ihn nicht los, den Schatten der Geschichte – was vermutlich der Grund für die ganze Aufregung ist.

Was hier deutlich wird, ist der Versuch aller Beteiligten, die Geschichte des Nationalsozialismus von der Geschichte Kassels oder eben auch von der Geschichte der SPD abzuspalten. Was sind schon 12 Jahre nationalsozialistische Herrschaft vor dem Hintergrund einer über 1100-jährigen Stadtgeschichte, einer 200-jährigen Idee von der deutschen Nation, einer bald 70 Jahre währenden Geschichte einer stabilen demokratischen Gesellschaft in Deutschland? Was sind ein paar Jahre Verirrungen eines jungen Mannes, dessen politisches Engagement ihn zu einer Partei führte, die seit über 150 Jahren für soziale Demokratie steht? Kann die Erinnerung an längst verstorbene politische Akteure der Stadt Kassel, die auch Beteiligte des nationalsozialistischen Regimes waren, den Ruf der Stadt schaden oder gar die Demokratie gefährden, erst Recht vor dem Hintergrund, dass sich alle wichtigen Parteien und soziale Akteure unserer Gesellschaft heute einig sind, dass es den Nationalsozialismus zu verurteilen gilt, dass dessen Opfer erinnert werden, dass über Verantwortung und Schlussfolgerungen angesichts der absoluten Barbarei reflektiert wird?

Doch so sehr dies der Fall ist, so sehr ist bei all diesem Bestreben und bei all denen, die sich durch ein solches Engagement hervortun, der Versuch offensichtlich, den Namen Deutschlands, den deutschen Nationalismus, die Begriffe von der deutschen Nation und dem deutschen Volk von den 12 Jahren Nationalsozialismus durch die einhellige Verdammung desselben abzuspalten und heute durch das immerwährende Gedenken und dem Mantra „Verantwortung zu übernehmen“ eine vom Nationalsozialismus befreite Identität Deutschlands zu behaupten. Besonders tricky ist die neueste Masche, Auschwitz zum Teil der deutschen Identität zu erklären, nicht etwa in dem Sinne, dass behauptet wird, dass der in Auschwitz zu sich selbst gekommene Antisemitismus parteienübergreifend fest zu Deutschland gehört, sondern insofern, als dass die als vorbildlich erklärte Vergangenheitsbewältigung Auschwitz positiv in einen Erinnerungskult aufgehoben hat und daran sich Deutschland neu begründen ließe.

Doch wie sie es auch versuchen, die Vergangenheit werden sie nicht los. Anstatt durch Verdrängung, oder die Beschwörung eines anderen Deutschlands nun die Beschwörung der Vergangenheitsbewältigung um einen geläuterten Nationalismus zu begründen. Die intendierte Trennung oder gar die besonders perverse Aufhebung wird nicht funktionieren, was an drei anderen Straßennamen im Folgenden deutlich wird.

Der Vormärz: Franzosenhass, Aufklärungsfeindlichkeit und Antisemitismus

Der im Zeitalter der Napoleonischen Vorherrschaft hoch aufschäumende deutsche Nationalismus war nicht von den menschheitsbefreienden Ideen der Aufklärung, sondern von den Volkstumslehren romantischer Agitatoren wie Ernst Moritz Arndt und Friedrich Ludwig Jahn geprägt. Die Idee, die politische Zersplitterung zu überwinden und einen großen Einheitsstaat zu begründen, verband sich mit Doktrinen, die die Reinheit des germanischen Blutes postulierten, … und die traditionelle religiöse Judenfendschaft durch eine biologisch begründete … ersetzten. (Walter Grab)

Die Karl Branner-Brücke führt in die Unterneustadt. Ein Teil der Unterneustadt nennt sich Blücherviertel. Im Blücherviertel sind nicht nur die Blücherstraße zu finden, sondern auch eine Arndtstraße, eine Jahnstraße und eine Körnerstraße. Es erscheint als ein Treppenwitz der Geschichte, dass ausgerechnet eine Brücke mit dem Namen eines Nachkriegspolitikers, der während der NS-Zeit sich mit dem Regime identifizierte, wenn er nicht sogar ein Nazi war, in ein Viertel führt, in dem Straßen nach wichtigen Protagonisten benannt sind, die für die Begründung des deutschen Nationalismus stehen, der auf deutschtümelnden Franzosenhass, völkischer Ideologie und Antisemitismus, auf antiwestliche, antiaufklärerische und irrationale Orientierungen baut und eine Volksgemeinschaft konstruiert.

Ludwig Jahn, Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt (auch Blücher, der hier aber nicht weiter thematisiert werden soll) waren Akteure in den sogenannten Befreiungskriegen gegen die französische Herrschaft unter Napoleon. Napoleons Herrschaft war das Ergebnis der französischen Revolution, in der die Ziele der Aufklärung mit revolutionären und kriegerischen Mitteln gegen die beharrenden Kräfte des Absolutismus und Feudalismus durchgesetzt wurden. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit waren die Schlagworte, die für eine neue Epoche der menschlichen Geschichte stehen und unter denen, für die demokratische Gesellschaft, so elementare Grundsätze wie Gleichheit vor dem Gesetz, Freiheit von der Religion und individuelle Freiheit durchgesetzt werden sollten.

Eine wesentliche Errungenschaft dieser Revolution war die gesellschaftliche Gleichstellung der Juden. Wie ein roter Faden lässt sich seit dem frühen Mittelalter die Projektion alles Schlechten auf den jüdischen Teil der Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

In den Gebieten östlich des Rheines blieben die beharrenden Kräfte jedoch dominant. Aktionen deutscher Jakobiner blieben örtlich begrenzte und isolierte Phänomene, die schnell niedergeschlagen wurden. Erst mit der Besetzung und Unterwerfung der Gebiete östlich des Rheins durch Napoleons Truppen fanden die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution und eben auch die rechtliche Gleichstellung der Juden Einzug in die Gebiete, in denen später die deutsche Nation entstand. Gegen diese Kombination bürgerliche Errungenschaften, Aufklärung, rechtliche Gleichstellung der Juden und französische Besatzung formierte sich dann die deutsche Nationalbewegung. Teile von ihr formulierten durchaus antifeudale und reformorientierte Grundsätze, der maßgebliche Teil jedoch zeichnete sich dadurch aus, dass sie die Grundlagen einer völkisch-nationalistischen Ideologie formulierten und sich einer aggressiven antifranzösischen und antijüdischen Agitation befleißigten.

Vordenker dieser in der frühen deutschen Nationalbewegung dominanten Richtung waren u.a. der Turnwüterich (Karl Marx), besser bekannt als „Turnvater“ Jahn, und die auf den Straßenschildern der Unterneustadt als „Lyriker der Befreiungskriege“ und „Befreiungskämpfer“ titulierten Theodor Körner und Ernst Moritz Arndt. Jahn und Arndt formulierten an vielen Stellen ihres Werkes und Wirkens einen extremen Judenhass. Körner ist ein völkisch und aggressiv nationalistischer Barde der Volksgemeinschaft. Alle befleißigten sich einer antifranzösischen Propaganda und fabulierten von einer Einheit eines deutschen Volkes.Bevölkerung verfolgen. Juden waren folglich seit dem Mittelalter in allen europäischen Gesellschaften Objekt der Ausgrenzung, Verfolgung und des Hasses sowie Opfer immer wiederkehrender Pogrome und Vertreibungen. Für die Juden erwies sich die bisherige Geschichte der europäischen Gesellschaften als untrennbar mit dem Judenhass verbunden. Aus diesen Gründen blickten Juden mit großer Hoffnung auf das bürgerliche Aufbegehren gegen die überkommenen gesellschaftlichen Verhältnisse.

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T. Körner: „Freiheitskämpfer“ und „bedeutender Lyriker“

 

 

Ihr antisemitisches Gedankengut, ihre vom Judenhass geprägten Aussagen und germanophilen Konstrukte waren keine bedauerlichen Ausrutscher eines sonst zu verteidigenden Werkes oder Wirkens, sondern dessen integraler Bestandteil.

„Das Volk steht auf, der Sturm bricht los, wer legt noch die Hände feig in den Schoß?“ (Karl Theodor Körner)

 „Polen, Franzosen, Pfaffen, Junker und Juden sind Deutschlands Unglück“ (Ludwig Jahn)

 „Wie Fliegen und Mücken und anderes Ungeziefer flattert er [der Jude] umher, und lauert und hascht immer nach dem leichten und flüchtigen Gewinn, und hält ihn, …, mit blutigen und unbarmherzigen Klauen fest,“ (Ernst Moritz Arndt)

 „Auf, deutsches Volk, erwache! / Mir nach! Mir nach! Dort ist der Ruhm, / Ihr kämpft für euer Heiligtum. // … Frisch auf, mein Volk! Die Flammenzeichen rauchen, / Hell aus dem Norden bricht der Freiheit Licht / … Du sollst den Stahl ins Feindesherzen tauchen, / Frisch auf, mein Volk! / Auf deutsches Volk, zum Krieg! Wachse du Freiheit der deutschen Eichen, / Wachse empor über unsere Leichen!“ (Karl Theodor Körner)

Der vielfach im Netz zu findende Satz: „Noch sitzt ihr da oben ihr feigen Gestalten, vom Feinde bezahlt und dem Volke zum Spott. Doch einst wird wieder Gerechtigkeit walten, dann richtet das Volk und es gnade euch Gott!“  stammt offensichtlich nicht von Körner und ist ihm als Zitat von Nazis untergeschoben worden. Er trifft nicht ganz den Inhalt des Denkens des Körner, verweist aber darauf, dass er als Identifikationsfigur nationalrevolutionärer Kreise und einiger Linker funktioniert.

Arndt, Jahn und Körner sind keine Einzelfälle. Sie hatten viele Wegbegleiter wie Clemens Brentano, Johann Gottlieb Fichte, Karl Hoffmann u.a., die in ihren schriftstellerischen Kreisen den Ausschluss von Juden dekretierten und die die ideologischen Stichworte für die politische Ausrichtung der völkisch, nationalistisch und antisemitisch orientierten Burschenschaften lieferten, die gemeinhin als Nukleus deutschen Nationalbewusstseins gelten.

Vom Vormärz zum Nationalsozialismus

Man kann diese Figuren mit Fug und Recht als Begründer der spezifisch antiaufklärerischen, antisemitischen und antiwestlich konnotierten Begriffe von der deutschen Nation und vom deutschen Volk definieren. Sie begründeten eine Tradition, die schon 1817 zu den ersten Bücherverbrennungen auf dem Wartburgfest führte, die in den später folgenden antisemitischen Hep-Hep-Unruhen einen weiteren Ausdruck fand und die sich in der Welle des politischen Antisemitismus Deutschlands zum Ende des 19 Jahrhunderts manifestierte. Besonderes viele Anhänger fand der antisemitische Wahn auch in Nord- und Mittelhessen. Dieses ideologische Konglomerat fand seine Fortsetzung in der durchweg antisemitisch aufgeladenen Propaganda und Aktion der Feinde der demokratisch / proletarischen Revolution 1918 und war ideologische Grundlage vor allem der rechten und rechtsextremen Feinde der Weimarer Republik.

Die dichotomische Idee vom (deutschen) Volk und seinem Antipoden dem Juden fand jedoch auch einen Widerhall in der antikapitalistischen Agitation der KPD und anderer linker Gruppen. Der populäre Antikapitalismus nicht nur der Kommunisten stellte sich den zu kritisierenden Gegenstand häufig als personalisierenden Gegensatz von Ausbeutern und Proletariat dar. Nicht selten wurden die Ausgebeuteten mit dem (deutschen) Volk identifiziert und vermeintliche jüdische Attribute den Kapitalisten zugeordnet. Auch die KPD zeichnete sich in der Weimarer Republik dadurch aus, dass sie neben der Rechten gegen den Versailler Friedensvertrag polemisierte und von einer Fremdbestimmung der deutschen Nation durch imperialistische Mächte sprach. Der Ersetzung des Internationalismus und die Ergänzung der Orientierung auf den Klassenkampf durch die Propagierung einer nationalen Befreiung konnten ebenfalls auf den Begriff von der deutschen Nation Körners, Arndts und Jahns zurückgreifen. Nicht zufällig versuchte auch die DDR dann, Arndt, Jahn und Körner für eine in ihrem Sine positiv besetzte deutsche Nationalgeschichte zu reklamieren.

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In der DDR positiv besetzt: Deutsche Patrioten

Kurzum der Nationalsozialismus ist nicht völlig überraschend und beziehungslos in Deutschland aufgetaucht und zur Macht gekommen, auch ist er nicht durch eine Verschwörung besonders gieriger und aggressiver Kapitalisten an die Macht gebracht worden, er hat auch nicht das deutsche Volk verführt, betrogen oder unterworfen um dann in dessen Namen die Barbarei in die Welt hinauszutragen, sondern der Nationalsozialismus stellte die zwar radikale aber doch konsequente Zuspitzung völkischer, nationaler und antisemitischer Ideologie und politischer Tradition dar, die von Arndt, Jahn und Körner (und einigen anderen) im sogenannten Vormärz begründet wurden.

Der spezifisch deutsche Nationalismus und die Idee vom deutschen Volk als eine konsistente Ideologie der deutschen Nation interpretiert, fand einen zunehmend breiten Widerhall in der deutschen Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund konnten sich die, diese Ideen propagierenden, Parteien als hegemonialer Machtfaktor in der Weimarer Republik etablieren und somit, ohne auf (massen-)wirksamen Widerstand zu stoßen, der Machtübernahme der NSDAP und Hitler den Weg bahnen.

Das Fortwirken des spezifisch deutschen Nationalismus

Die Ideen der Aufklärung, des Weltbürgertums sowie die an Demokratie und Recht orientierte bürgerliche Tradition blieben dagegen in Deutschland immer randständig. Die Demokratie als staatliche Verfassung eines neu aufzubauenden Deutschlands wurde folglich 1945 in Deutschland auch nicht vom antifaschistischen Widerstand erkämpft, sondern musste von den Alliierten den Deutschen erst aufgezwungen werden. Deswegen fand auch die Geschichte des völkischen und antisemitisch aufgeladenen deutschen Nationalismus mit der Niederlage 1945 kein Ende. Bis heute lassen sich diese ideologischen Traditionslinien verfolgen.

Der die politische Kultur Deutschlands im 19. Jahrhundert bis 1945 prägende Hass auf Frankreich ist tatsächlich in den Jahren nach 1945 überwunden worden. Der Antisemitismus war nach 1945 nach wie vor virulent, wie einige Umfragen der US-amerikanischen Besatzungsbehörden herausfanden, er wurde jedoch nicht mehr oder kaum noch offen artikuliert und fristete lange ein Schattendasein in Kreisen der extremen Rechten und am Stammtisch. Erst nach dem Sieg der Israelis im Krieg gegen die arabischen Nachbarstaaten im Jahre 1967 kehrte er, in Form eines Antizionismus der Linken und einer „Israelkritik“ („man wird ja Israel noch kritisieren dürfen“) wieder. In dieser Form ist der Antisemitismus fester Bestandteil des Meines und der politischen Kultur in Deutschland.

Die Protagonisten der deutschen Nazigesellschaft, die Generation der ca. 1890 – 1923 Geborenen, die noch Jahrzehnte lang die Adenauer-Republik mit einer postnazistischen Ideologie (deutscher Antikommunismus, Verdrängung, Schuldabwehr, Opfermythos u.ä.) prägten, verloren 1968ff immer mehr an gesellschaftlicher Bedeutung und wurden schließlich durch den biologischen Altersprozess entsorgt.

Der Hass auf Frankreich, der in erster Linie einer gegen die Aufklärung und die Freiheit des Individuums war und der Hass auf die Juden stellen sich heute also in anderer Form dar. In der antiamerikanischen und antizionistischen Aufladung der Agitation vieler sozialer Bewegungen und linker Parteien, in ihren positiven Bezügen auf den Staat und das Volk (beiden lassen sich ohne Probleme das Attribut deutsch beifügen) und in einer Kapitalismuskritik die auf Personen abstellt, oder die bei einer Kritik am Finanzkapitalismus stehen bleibt, sowie in einer moralisierende Herrschaftskritik, ist diese Tradition ebenso wieder zu erkennen, wie in der unverhüllten und unvermittelten nationalistischen, rassistischen und antisemitischen Propaganda rechter und wutbürgerlicher Gruppen, die oft nur scheinbar im Gegensatz zu den erstgenannten stehen.

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In Berlin gegen TTIP: Ein Volk steht auf – der Sturm bricht los?

Die politische Mitte, die noch am ehesten dafür gesorgt hat, dass die deutsche Demokratie durch die Westbindung der Bundesrepublik zumindest partiell von der unheilvollen national-völkischen Tradition gelöst wurde, fällt immer wieder dadurch auf, dass versucht wird, den Begriff der deutschen Nation und die Idee vom deutschen Volk, von den ihnen untrennbar verbundenen Bestandteilen Antisemitismus, völkisches Denken und aggressiven Nationalismus dadurch zu trennen, indem dieser Zusammenhang schlicht geleugnet, verdrängt oder exorziert wird. Diese Strategie des Exorzismus deutscher Geschichtsbewältigung öffnet jedoch dem Gespenst des deutschen Nationalismus die Hintertür, um im politisch-gesellschaftlichen und kulturellem Mainstream sein Unwesen zu treiben. Auch ist die außenpolitische Anbindung Deutschlands an den Westen, sprich an die USA und Großbritannien keineswegs unumstritten. Sowohl in der SPD und bei den Grünen, als auch in Teilen der CDU gibt es immer wieder Kräfte, die auf einen von den USA unabhängigen außenpolitischen Kurs pochen, oder die EU explizit als Gegengewicht gegen die US-amerikanische Hegemonie geltend machen wollen.

Eine kritische Diskussion über den Namen Branner müsste unvermeidlich zu den Namen Arndt, Jahn und Körner führen, wobei die Brücke, die ja gerade in diese Richtung verweist, ein metaphorischer Wink mit dem Zaunpfahl ist – das ist jedoch nicht der Fall. Gerade der Versuch Branner zu retten wird deswegen nicht von Ewiggestrigen betrieben, sondern von politischen Akteuren, die sich zur Demokratie bekennen. Auch die zu erwartende Auskunft, Arndt, Jahn und Körner wären als Vorväter der heute demokratischen deutschen Nation und als Bestandteile deutschen Kulturgutes zu bewahren, ihr Antisemitismus, Franzosenhass und Deutschtümelei sei dagegen doch nur ein zeitgenössischer heute aber längst überwundener Teil ihres ansonsten wertvollen Oeuvres, sind Ausdruck dieses Exorzismus.

Warum eigentlich eine andere Namensgebung?

Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel will nun mit Moses Hess, Saul Ascher, Rudolf Hallo und Israel Jacobsohn vier Vertreter des kosmopolitischen Denkens in Erinnerung rufen, die im weitesten Sinne der hier problematisierten Tradition entgegenstehen. Alle vier setzten sich für die Emanzipation der Juden ein, agitierten gegen Antisemitismus und Deutschtümelei und kämpften für die Teilhabe der Juden an der deutschen Gesellschaft.

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Deutsche Tradition: Bücherverbrennung

Saul Ascher

„Volkstum, Nationalität, Deutschheit sind die Fetzen, um welche sich täglich ein neuer Haufen Kampflustiger sammelt, und von deren Gladiatorenkünsten Regierung und Volk irre zu werden täglich in Gefahr stehen.“ (Saul Ascher)

Am deutlichsten ist dies bei dem heute weitgehend vergessenen Saul Ascher nachzuvollziehen, der mit seiner Schrift „Germanomanie“ explizit dem von Jahn, Arndt und anderen vertretenen deutsch-messianischen Sendungsbewusstsein und den damit verbundenen Judenhass entgegentrat. Nicht zufällig wurden Aschers Schriften dann von Jahns Jüngern auf dem Wartburgfest mit dem Spruch „Wehe über die Juden …!“ dem Feuer übergeben.

Israel Jacobsohn

Israel Jacobsohn war einen Vorkämpfer der jüdischen Emanzipation, der 1808 unter König Jérome Präsident des israelitischen Konsistoriums mit Sitz in Kassel war. Jacobsohn begrüßte ausdrücklich die Schritte Napoleons, die Gleichberechtigung der Juden auch in den von Frankreich beherrschten Gebieten umzusetzen. Gegenüber König Jérome äußerte er in einer Festrede anlässlich seiner ihm verliehenen Bürgerrechte seinen Dank, dass er „seinen Unterthanen jüdischer Nation unbeschränktes Bürgerecht ertheilt“ hat. Die französische Herrschaft kannte Jacobsohn daher auch uneingeschränkt an. Nach dem Sturz der französischen „Fremdherrschaft“ kämpfte Jacobsohn unermüdlich gegen die Schritte der Restauration, insbesondere auch gegen die Bestrebungen der hessischen Kurfürsten, die Errungenschaften der jüdischen Emanzipation wieder rückgängig zu machen.

Moses Hess

[Der Sieg über die Franzosen] „hatte nicht nur in der Politik und Literatur, in der Religion und Kunst, sondern auch in der Philosophie eine Überhebung des Christlich-Germanischen Elements zu Wege gebracht; eine oscillierende Bewegung zwischen Revolution und Reaktion.“ (Moses Hess)

Moses Hess ist manchen vielleicht noch als Frühsozialist ein Begriff. Er war ein scharfer Kritiker des damals sich ausbildenden Kapitalismus, was ihn als Frühsozialisten aber auch nicht vor der Kritik Karl Marx bewahrte. Moses Hess war jedoch auch ein unerbittlicher Gegner des Antisemitismus, den er auch in den Reihen vieler seiner linken Weggefährten entdecken musste und gegen den er intervenierte. Gleichzeitig erkannte und propagierte er noch vor Theodor Herzl die Notwendigkeit, einen demokratischen und egalitären jüdischen Staat in Palästina zu gründen. Hess steht vielleicht für die linkssozialistische Tradition im Zionismus und der jüdischen Emanzipationsbewegung, die vom Nationalsozialismus vernichtet und vom Stalinismus unerbittlich bekämpft und verfolgt wurde.

Rudolf Hallo

Rudolf Hallo steht für eine kurze Blüte einer kontroversen jüdischen Debatte und Diskussion in Deutschland vor der Machtübernahme des Nationalsozialismus. Auch in Kassel fand diese Debatte jüdischer Denker mit den Protagonisten Rosenzweig und Gershom Sholem statt. In ihrem Disput ging es um das Verständnis vom Judentum und dessen Rolle in oder gegen Deutschland. Hallo gebührt das Verdienst die beiden Protagonisten zueinander in Beziehung gebracht zu haben. Der umfassend gebildete Hallo begründete aber auch das erste jüdische Museum in Kassel. Mit seinem Projekt wollte er dazu beitragen, das jüdische Leben als einem bisher unbekannten Teil Deutschland der Öffentlichkeit zu erschließen. Ein Versuch der von den Nazis samt dem jüdischen Leben dann vernichtet wurde und die somit vollzogen, was Arndt, Jahn und Co. propagierten.

Schlussbemerkung

Es gäbe noch viele andere bedeutende historische Figuren, die wie Georg Weerth, Leopold Eichelberg, Ludwig Börne etc. entweder für die 1933 beendete Tradition jüdischen Lebens in Deutschland stehen oder sich als kosmopolitische Gegner der Deutschtümelei erwiesen, an die man erinnern könnte. Das findet in Kassel ja auch zum Teil schon statt. Mit Heinrich Heine, Ludwig Mond, Lilli Jahn oder auch z. B. mit Franz Grillparzer und Ferdinand Freiligrath sind wichtige Protagonisten des demokratischen oder liberalen Denkens oder der jüdischen Geschichte Bestandteil des Stadtbildes geworden. Doch gerade letztere finden sich als Namen von Straßen beziehungslos neben solchen nach ausgewiesenen Judenhassern wie Brentano oder Arnim.

Wie in vielen anderen Städten, gibt es also auch in Kassel Straßen, die nach Personen mit einer fragwürdigen Geschichte verbunden sind. Über die bis jetzt genannten wären da noch die Waldemar-Petersen-Straße, die Steinigk-, Wissmann- und Lüderitzstraße und etliche Straßen, die die Protagonisten des hessischen Absolutismus verewigen, zu nennen. Auch der Namensgeber der jüngst erschlossenen Joseph-Beuys-Straße hinter dem Hauptbahnhof (Kuba) hat einen üblen Leumund und ob der in Kassel zentral gelegene Platz, der nach dem Bauernschlächter und Judenhasser Martin Luther benannt ist, nicht auch eine Umbenennung verdient hätte, wäre ebenfalls zu diskutieren. Schließlich hätte es auch die Germaniastraße verdient in Ben-Gurion-Straße umgetauft zu werden, alleine schon deswegen, weil diese Straße die Adresse des in der linksalternativen Szene Kassel allseits beliebten Café Buch-Oase ist.

Germania:
Alle Plätze, Trift und Stätten
Färbt mit ihren Knochen weiß;
Welchen Rab’ und Fuchs verschmähten
Gebet ihn den Fischern preis;
Dammt den Rhein mit ihren Leichen;
Laßt, gestäuft von ihrem Bein,
Schäumend um die Pfalz ihn weichen
Und ihn dann die Grenze sein!

Chor:
Eine Treibjagd, wie wenn Schützen
Auf der Spur dem Wolfe sitzen, –
Schlagt ihn tot! Das Weltgericht
Fragt euch nach den Gründen nicht.
(Heinrich von Kleist, Germania an ihre Kinder)

Im Blücherviertel versammeln sich jedoch an einer Ecke Straßennamen, die einen dazu sich hinreißen lassen könnten, anstatt vom Blücherviertel, vom Viertel der nationalen Wiedererweckung zu sprechen. Sie finden jedoch in der städtischen Debatte um die Brannerbrücke und um die Waldemar-Petersen-Straße keine weitere Beachtung.

Die Erläuterungen auf den Straßenschildern der Straßen im Blücherviertel verharmlosen und vernebeln die tatsächliche historische Bedeutung ihrer Namensgeber.

Literaturhinweise:

  • Claudia Glunz. Thomas Schneider (Hg.), Dichtung und Wahrheit. Literarische Kriegsverabeitung vom 17. bis zum 20. Jahrhundert, Osnabrück 2015
  • Walter Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern. Zur Geschichte der deutschen Jakobiner, Frankfurt 1984
  • Walter Grab, Der Deutsche Weg der Juden-Emanzipation 1789 – 1938, München 1991
  • Walter Grab, Uwe Friesel, Noch ist Deutschland nicht verloren. Unterdrückte Lyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung, München 1970
  • Dietfried Krause-Vilmar, Streiflichter zur neueren Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Kassel, in: Juden in Deutschland, (Hg.) Jens Fleming, Dietfried Krause-Vilmar, Wolfdietrich Schmied-Kowarzik, Kassel 2007
  • George L. Mosse, Die völkische Revolution, Königstein 1991
  • Marco Puschner, Antisemitismus im Kontext der politischen Romantik. Konstruktion des ‚Deutschen‘ und des ‚Jüdischen‘ bei Arnim, Brentano und Saul Ascher, Tübingen 2008
  • Ekkehard Schmidberger, Rudolf Hallo und das jüdische Museum in Kassel, in: Juden in Kassel 1808 – 1933, Kassel o.D. (1987)
  • Sabine Schneider u.a., Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Schüren 2015
  • Volker Weiß: »Moses Hess. Rheinischer Jude, Revolutionär, früher Zionist«. Greven, Köln 2015

Friedliche Zeiten und Störenfriede

Wie jedes Jahr bejammert die HNA die Bombardierung Kassels im Oktober 1943. Am 22.10.1943 flog ein britisches Bombergeschwader einen effektiven Angriff gegen Kassel und legte diese Stadt der Tiger- und Fieseler-Storch-Produzenten, die Stadt Roland Freislers und des vorauseilenden Judenpogroms, die Reichskriegerhauptstadt und die Stadt der nationalsozialistischen Massenaufmärsche in Schutt und Asche.

Und das, obwohl seit 1934 die Kasseler in friedlichen Zeiten lebten – unerhört!

HNA, 22.10.2015. Das Bild links, der abgebrannte Friedrichplatz 1943, das Bild rechts zeigt Bewohner Kassels 1934. Die HNA untertitelt das Bild rechts: "Foto aus friedlichen Zeiten. Diese Aufnahme aus dem Jahr 1934 ..."

HNA, 22.10.2015. Das Bild links, der abgebrannte Friedrichsplatz 1943, das Bild rechts zeigt Bewohner Kassels 1934. Die HNA untertitelt das Bild rechts: „Foto aus friedlichen Zeiten. Diese Aufnahme aus dem Jahr 1934 …“

 

Wahre Demokraten und andere Nazis

„Dass einer ein guter Nazi gewesen war, bedeutet trotzdem immer noch, dass mit ‚guter Nazi’ das rührige Mitglied einer hochgradig kriminellen Vereinigung gemeint war.“ (Eike Geisel)

Das Bedürfnis in Kassel nach Vergangenheiten und die Vergangenheit

„Vergangenheiten“ heißt ein Band, der kürzlich veröffentlicht wurde, um der Frage nachzugehen, inwieweit die ersten drei Kasseler Bürgermeister nach 1945 in das nationalsozialistische Regime „verstrickt“ waren. Der Titel ist Programm und Anspruch, geht es doch darum, in Sachen deutsche Vergangenheit zu differenzieren. So wie das Verb „verstrickt“ erheischt die, der Knoppschen Nebelwerferkompanie entstammende Phrase vom Differenzieren allgemeine Beliebtheit, wenn es um die deutsche Geschichte geht. Es besteht das große Bedürfnis, sich trotz Wissen um den Nationalsozialismus, positiv auf die Nation oder eben auf Kassel zu beziehen, beziehungsweise im konkreten Fall, positiv auf eine (sozial)demokratische Tradition, die es in Kassel zumindest nach 1945 gegeben haben soll.

2013 veröffentlichten die Wissenschaftler Jens Fleming und Dietfrid Krause-Vilmar den Band „Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte.“ Der Band will, so die Herausgeber, Tiefenbohrungen an „entscheidenden historischen Ereignissen und Konstellationen“ vornehmen, um die Stadtgeschichtsforschung unter neuen Aspekten wieder zu eröffnen. Man annonciert, sich vom Jubelband zur Tausendjahrfeier abzugrenzen, der 1913 erschien und Vergangenheit inszenierte.

Die beiden Wissenschaftlerinnen Anne Belke-Herwig und Barbara Orth schreiben in ihrem dort platzierten Beitrag „Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945“: „Es ist auffallend, dass nicht nur der erste Bürgermeister der Stadt Willi Seidel, sondern zugleich auch einige Dezernenten … bereits lange Jahre für das nationalsozialistische Kassel tätig gewesen waren … Obwohl sie weder an Verbrechen beteiligt waren noch justiziable Schuld auf sich geladen hatten, begründeten sie mit ihren persönlichen Vernetzungen Kontinuitäten, die einem grundlegenden Neuanfang nicht förderlich waren.“ In der Fußnote erwähnen sie, dass nicht nur Seidel, sondern auch die folgenden Oberbürgermeister Lauritz Lauritzen und Karl Branner im NS-Regime in unterschiedlicher Weise integriert waren.

In Seidel beschreiben die beiden Autorinnen einen Bürokraten der Verwaltung einer Provinzstadt im Nationalsozialismus und in Branner einen Ideologen, der seine Doktorarbeit der Umsetzung völkischer Ideologie in der Wirtschaft- und Steuerpolitik des NS-Staates widmet und es sich dabei nicht nehmen ließ, jüdische Autoren mit einem Stern zu markieren. Dass ihre Tätigkeit, einer verbrecherischen Gemeinschaft dienlich zu sein, nicht justiziabel war, sagt weniger etwas über ihre Tätigkeit aus, als vielmehr etwas über die deutsche Justiz und Rechtsprechung sowie dem Rechtsverständnis in der postnazistischen Gesellschaft.

Über die Wünsche des Kasseler Oberbürgermeisters und wie es in ihm denkt

Obwohl im Jargon deutscher Geschichtsaufarbeitung nur als Mitläufer oder eben als „Belastete“ der Nazigesellschaft ohne Verbrechen begangen zu haben, klassifiziert, führte die Feststellung der beiden Wissenschaftlerinnen dann dazu, dass der Kasseler Oberbürgermeister Bertram Hilgen in einem Interview mit der HNA am 12.10.2013 erklärte, „die Fairness gebietet es, mit Besonnenheit und Sorgfalt offene Fragen zu beantworten“ und suggerierte damit, die beiden Autorinnen wären ohne Besonnenheit und Sorgfalt zu Werke gegangen. Weiter forderte er, „renommierte Historiker“ sollten beauftragt werden, einen „Blick von außen“ auf die Angelegenheit zu richten, denn dies verspreche „unbefangen zu bleiben.“

Diese, den Forscherinnen gegenüber despektierlichen und abwertenden, Bemerkungen begründen sich in dem von ihm geforderten Ziel, „das Leben von Branner – auch das vor 1945 – nachzuvollziehen und seine Doktorarbeit im historischen Zusammenhang einzuordnen.“ In den historischen Zusammenhang zu stellen heißt, anders als suggeriert wird, im Zusammenhang des Nationalsozialismus dazu beizutragen, den Nationalsozialismus als einen von der deutschen Geschichte historisch abzutrennenden Kosmos mit eigenen Regeln zu betrachten, der 1933 begonnen und 1945 beendet wurde. In historistischer Manier wird somit der mit Beginn der deutschen Geschichte (1813/1815) gewachsene Zusammenhang von Volksgemeinschaft, Obrigkeitsdenken, konformistischer Revolte und Antisemitismus eliminiert, einem ideologischen Konglomerat das in der Ideologie der Nationalsozialisten und der deutschen Revolution 1933 staatsgewordene Erfüllung fand. Zur Geschichte Kassels gehört in diesem Zusammenhang, dass Nordhessen (neben Oberhessen) eine Hochburg des Antisemitismus im 19. Jahrhundert war, in Kassel die NSDAP vergleichsweise gute Wahlergebnisse erzielte und im Gegensatz zu den meisten anderen Städten in Deutschland, das Novemberpogrom 1938 gegen die Juden in Kassel zwei Tage vorher stattfand.

Das durchaus sehr unterschiedliche Tun und Lassen der Volksgenossen von 1933 bis 1945 wird nicht als konstituierender Bestandteil eben dieser Gesellschaftsform, sondern als Mimikry angesichts eines 1933 über die deutsche Gesellschaft hereingebrochen Unrechtssystems beurteilt. Als solches läßt sich das Agieren der Volksgenossen im Gesamtzusammenhang der NS-Gesellschaft vom Tatvorwurf verbrecherischen Mittuns freisprechen und anstatt dessen davon abstrahierend von Mitläufertum und Belasteten (unterschiedlichen Grades) reden. Nur so können dann die Volksgenossen nach 1945 als „wahre Demokraten“ wie Phönixe aus der Asche aufsteigen.

Damit man nicht allzu plump daher kommt, sich von der heute gern kritisch betrachteten Persilscheinpraxis der Nachkriegszeit und von dem Geschichtsrevisionismus rechter Provenienz zu unterscheiden, differenziert man zwischen bösen und nicht so bösen und guten und nicht so guten Volksgenossen, zwischen Widerstandskämpfern, Mitläufern, Belasteten und Tätern, erkennt lauter Verstrickungen und Nöte der Handelnden. Die Täter sind immer die anderen, sie sind Nazis, sozusagen Spezies aus dem Weltraum, die Deutschland um Ehre und Ansehen gebracht haben, die die Juden verfolgten und ausgerottet haben und damit Deutschland um wichtige Bestandteile der Wissenschaft, Kultur und Vielfalt beraubt hätten.

„Nicht alle Menschen waren damals Widerstandskämpfer, sonst hätte es das System nicht gegeben“ redet es aus dem Oberbürgermeister und bringt damit genau das zur Sprache, was das NS-Regime ausmachte. Der NS war eine Konsensdiktatur und Menschen wie Branner und Co. waren der personale Ausdruck dafür. Allein das „nicht alle“ im daher gesagten Satz des Oberbürgermeisters suggeriert, es hätte sie gegeben, die Widerstandskämpfer, das andere Deutschland, die Unentschiedenen, die die still hielten und insgeheim den Alliierten die Daumen drückten. Sie hat es auch gegeben, sicher, aber in Spurenelementen, in der Emigration, in den KZs und in den Gefängnissen – sie waren die Ausgestoßenen, die Verräter (und das bis weit in die Gegenwart hinein), sie waren wenige, sie waren nicht Bestandteil der Volksgemeinschaft.

Sekundiert wird des Oberbürgermeisters Rettungsversuch schließlich von einem Heinz Körner (SPD), der nun als „Kassel-Chronist“ meint, den Historikern einen verengten Blick vorwerfen zu müssen. Sie hätten nicht berücksichtigt, dass die NSDAP über allem stand und angesichts dieses misslichen Umstands habe sich das menschenfreundliche und demokratische Potential eines Seidel nicht entfalten können. Leider ganz umsonst, so führt dann Körner ein Beispiel an, habe Seidel bei den Kasseler Nazigrößen Lahmeyer und Weinrich um Nachsicht für einige seiner geprügelten Genossen gebeten.

Kramer führt jedoch nur ein Paradebeispiel an, wie das NS-Regime als Unstaat funktionierte. Die Versuche Seidels, etwas für seine Freunde und Bekannten zu tun ist typisch für eine Gesellschaft, in der Seilschaften und Banden, verschiedene, sich gegenseitig belauernden Cliquen, die um ihre Klientel besorgt waren und stets suchten, für sie etwas zu tun, um Einfluß ringen. Statt öffentliche Debatte, Vermittlung und Repräsentation, statt politische Auseinandersetzung, öffentlicher Protest und Aufstand das Kungeln, das Unmittelbare, das Fürsprechen bei den Mächtigen, von deren Willkür es dann abhing, ob der Fürsprache Erfolg beschieden war oder nicht.

Noch nach 1945 präsentierte sich Seidel als gelehriger Schüler der NS-Ideologie. Zum einen versuchte er sich nun als Fürsprecher des Nazibürgermeisters Gustav Lahmeyer und setzte den Nazi Albert Voßhage als Stadtkämmerer durch, auch kannte er nach 1945 weder Täter noch Opfer, sondern nur noch Kasseler und die, ihn selbst eingeschlossen, hatten dann eben für das Gemeinwohl die Schippe in die Hand zu nehmen um für die Umsetzung der Pläne, der von Seidel in Amt und Würde belassenen Nazistadtplanern den Schutt wegzuräumen. Selbstredend galt dies auch für die Überlebenden der KZs und für die vom Naziterror befreiten Sklavenarbeiter. Darin sieht Körner natürlich nicht eine besonders perfide Praxis der fortexistierenden Volksgemeinschaft, sondern denunziert die Kritik an diesem Gebaren des ersten Bürgermeisters als einen nicht zu duldenden Seitenhieb.

Über Forschungen und ihre Ergebnisse

Nachdem nun also der Oberbürgermeister befand, dass sich dem Thema besonnen und sorgfältig zu widmen sei, beauftragte die Stadt Kassel die Historikerin Sabine Schneider, das Thema der Nazi-Kollaboration der Nachkriegsbürgermeister erneut zu erforschen. Im nun erschienen Band wird festgestellt, dass Seidel, Lauritzen und Branner „keine NS-Verbrecher“ waren. „Aber sie haben, wie Millionen andere Deutsche … auf unterschiedliche Weisen den Nationalsozialismus unterstützt, zum Funktionieren des NS-Systems beigetragen.“ Im folgenden explizieren die Autoren noch was sie gemeint haben und eiern um die Erkenntnis herum, dass der Nationalsozialismus weder ideologisch und noch politisch homogen war und trotzdem als Einheit zu Begreifen ist, und es daher auch unmöglich ist, die Gruppe derjenigen, die wie im aktuellen Fall, euphemistisch als NS-belastet bezeichnet werden von den anderen, die nur allzu gern als belastet bezeichnet werden, zu unterscheiden. So lassen sich die einzelnen Volksgenossen immer als etwas besonderes darstellen und nicht als allgemeiner Ausdruck der Nazigesellschaft.

Prof. Jörg Kammler, einst Forscher in der von ihm mitbegründeten Forschungsgruppe „Nationalsozialismus in Nordhessen“, beschäftigte sich mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus in Kassel und Umgebung. In dem von ihm mit herausgegebenen Band „Volksgemeinschaft Volksfeinde“ führt er über das Thema Widerstand, Widerspruch, Mitläufertum und aktivem Mittun aus: „Verbunden waren ‚Kern’ und ‚Peripherie’ des Widerstandes durch die Qualität und Problematik individuellen Widerstehens.“ Hier versucht er noch eine Einheit von Widerstand und nörgelnden Volksgenossen herzustellen um darzustellen, dass der Widerstand nicht die Sache von ganz Wenigen war. Diese Sichtweise wird von ihm selbst im Laufe seines Aufsatzes revidiert. „Auch für den auf eine Gruppe bezogenen und politisch bewussten Gegner war es im persönlichen Handeln nicht mit der einmal getroffenen grundsätzlichen Entscheidung getan. Die Entscheidung musste immer erneut bekräftigt werden, und sie stand auch immer wieder in Frage. … Daß der Schritt von der bloßen oppositionellen Stimmung hin zum Handeln auch in aussichtslosen Situationen immer wieder getan wurde, hing im Ernstfall … vor allem von moralischer Sensibilität, dem Bewusstsein von einer zu verteidigenden Identität und schließlich von dem Willen, diese Identität auch um den Preis persönlicher Gefährdung zu bewahren.“

Obwohl es um Kassel herum einige rote Dörfer gab, in denen die KPD und/oder die SPD bis 1933 die beherrschenden politischen Kräfte waren und in denen die NS-Herrschaft mit terroristischen Methoden durchgesetzt werden mußte, insgesamt nahm der Widerstand gegen die NS-Herrschaft in und um Kassel herum wie in Deutschland insgesamt eine gesellschaftlich  unbedeutende Rolle ein. Nur wenige entschieden sich 1933ff trotz offensichtlichen Charakters des NS-Regimes richtig, nämlich in antifaschistischer Weise. Auch für die nach 1945 in Kasseler führenden Politiker gab es immer wieder Punkte, an denen sie aktiv handelten und Entscheidungen trafen. Der eine promovierte bei einem bekannten NS-Ideologen, der andere entschied sich für eine Karriere in der kommunalen Bürokratie des NS-Staates und alle drei traten irgendeiner der vielen Organisationen des NS-Apparates bei, entschieden sich also in wichtigen Situationen für die Option, mit dem NS zu paktieren. Körner bringt es auf den Punkt, Widerstand hätte Seidel den Posten gekostet, also entschied er sich dafür, beim NS-Staat mitzumachen. Sie handelten wie die meisten anderen, was ihr Handeln und ihre Entscheidung aber nicht exkulpiert, wie es der „Kassel-Chronist“ einem weismachen will, sondern symptomatisch für die gesellschaftliche Situation im NS-Staat steht. Ihre immer mal wieder zum Ausdruck gebrachten Nichteinverständnisse mit der einen oder anderen politischen Entscheidungen des NS-Staates machte sie weder zu heimlichen Opponenten oder gar zu Widerstehenden, sondern zu typischen Vertretern der NS-Gesellschaft.

Nur ganz Wenige entschieden sich für eine andere Option. Kammler beschreibt deren Lage als eine Situation, in der sie isolierte, gehetzte und ohnmächtige Individuen waren, „deren Handlungsspielraum sehr gering war.“ Ihnen gegenüber standen die Vielen, die zwar nicht mit allem einverstanden waren, Ablehnung zum Ausdruck brachten und vielleicht sogar gelegentlich dem Willen des NS-Staates zuwiderhandelten, doch tragender Bestandteil des Regimes waren. Ihr „persönliches Handeln bestimmte sich … überwiegend nach den Kategorien des Regimes“ resümierte Kammler und beantwortet damit die von ihm zu Beginn zur Diskussion gestellte Frage, wie eng der Begriff von Widerstand zu setzten ist.

Diese weit verbreiteten Haltung der nörgelnden Volksgenossen präsentierte nach Kriegsende der entsetzten Weltöffentlichkeit die Mär, nicht für das NS-Regime gestanden zu haben, sondern sogar Teil des Widerstands gewesen zu sein. Die, die Truppen der Alliierten begleitenden Offiziere der jeweiligen Aufklärungseinheiten wunderten sich daher, dass ihnen im niedergeworfenen Deutschland keine Nazis mehr begegneten. Kammler beschließt seine Betrachtung mit der Bemerkung „Die Akten der Verfolger lassen erkennen, dass Verweigerung und Aufbegehren in der Kasseler Arbeiterschaft während des Krieges in erster Linie die Sache der ausländischen Arbeiter war.“

Das Nachleben eines Kasseler Eichmanns und eines Kasseler Rosenbergs

Branner und Seidel sind typische Repräsentanten für das NS-Regime. Während Seidel als Bürokrat im Kasseler Rathaus wichtige Arbeit für das Funktionieren des NS-Regimes in der Provinz leistete und auch mit dem Raub jüdischen Eigentums befasst war, also ein kleiner Dutzend-Eichmann war, steht Branner für den Volksgemeinschaftsideologen, der seine wissenschaftliche Beschäftigung der Anpassung der Wirtschaftswissenschaft an die Volksgemeinschaftsideologie widmete, wirkte also wie etwa Alfred Rosenberg an der für den Nationalsozialismus zentralen Ideologie mit. Dass er nicht den Bekanntheitsgrad eines Rosenbergs erreichte, lag weniger an der Festigkeit seiner Gesinnung, als vielmehr daran, dass er nicht das Zeug dazu hatte zum Volkstribun zu werden und auch sein Thema nicht dazu taugte, ihn zum großen Ideologen zu werden zu lassen. Im Gegensatz zu den beiden hier genannten und allgemein als Nazis bekannten Eichmann und Rosenberg, wurden der Kasseler Westentaschenrosenberg und Dutzendeichmann nicht bestraft, sondern machten Karriere als „wahre Demokraten“ im Nachkriegsdeutschland, ein Weg, den die Bestraften, hätte man ihnen Bewährung gewährt, als ordentliche Deutsche auch gegangen wären.

Doch heute schauen sich auch Seidel, Branner und Lauritzen die Radieschen von unten an und da nur für Günter Grass schon zu Lebzeiten ein Museum und ein Denkmal errichtet wurde, warum nicht diese als Namenspatrone für Straßen, Brücken und Häuser auserwählen. Es gibt in Kassel ja auch eine Waldemar-Petersen-Straße, einen Fieseler-Storch-Kult, es gibt das Ehrenmal in der Aue, auf dem bis heute die Vernichtungskrieger und ihre Einheiten geehrt werden, usw., warum soll es dann keine Branner-Brücke, keine Willi-Seidelhaus etc. geben.

Alle sind „differenziert“ zu betrachten! Der Fieseler-Storch eine geniale Flugzeugkonstruktion eines „entjudeten“ Kasseler Betriebes, ein Waldemar Petersen ein genialer Ingenieur der auch in Kassel wichtigen AEG-Werke und die vielen Soldaten, die an allen Fronten für Vaterland und Führer das Leben ließen, waren doch auch Söhne dieser Stadt. Das geht nur dann, wenn Roland Freisler und der Gestapo-Chef Franz Marmon, die auch Söhne der Stadt waren, dafür herhalten müssen zu beweisen, dass die postnazistische Gesellschaft aus der Geschichte gelernt hat und den Nazifaschismus als unbenamte und undeutsche Gewaltherrschaft verurteilt. Hitler wie in Helsa die Ehrenbürgerschaft abzusprechen, Freisler und Marmon keine Straßennamen zu widmen ist Ausdruck dafür, sie aus der Identifikation stiftenden Geschichte zu extrahieren und dem Bösen zuzuordnen. Ob man jetzt wie die CDU und die Kasseler Linke versucht, Branner & Co zu „entehren“, oder wie die SPD in ihnen „wahre Demokraten“ zu sehen, beides ist der Versuch die deutsche, die Kasseler oder, im speziellem Kasseler Fall, die Geschichte der SPD zu retten. Deutschland ist heute ein anderer Staat und Kassel eine andere Stadt, so einfach ist das.

Sicher haben die Autoren von „Vergangenheiten“ Recht, wenn sie behaupten, dass die Integration der Nazis in die demokratische Gesellschaft wesentlich zur Befriedung der bundesdeutschen Nachkriegsgesellschaft beigetragen hat. Doch dies machte gerade das Unheimliche dieser Gesellschaft aus. Nicht die Nazis, sondern das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, erkannte Theodor W. Adorno als potentiell bedrohlich an. So kam es in Deutschland, anders als beispielsweise in Jugoslawien, nicht zur Tabula Rasa, und dass die gerade von den Alliierten abgesetzten Nazis, außer vereinzelt vor den gerade freigelassenen KZ-Häftlingen, nirgends wo beschützt werden mussten ist bezeichnend. Weil der antifaschistische Widerstand eben keine Basis in der deutschen Volksgemeinschaft hatte, wandten sich die Besiegten eben auch nicht der Rache gegen die Nazis, sondern beflissen dem Wiederaufbau ihrer in Trümmern liegenden Städte zu. So auch in Kassel.

Branner wurde dann doch von seiner Vergangenheit eingeholt. Nicht aber die als Nazi, sondern die als gewendeter Antifaschist fiel ihm auf die Füße. Branner geriet in Jugoslawien in Kriegsgefangenschaft und betätigte sich dort im Gefangenenlager als führende Kraft im antifaschistischen Komitee. Er beurteilte verschiedene Mitgefangene, was der jugoslawischen Lagerverwaltung als Anhaltspunkt für die mögliche Entlassung der Insassen diente. Nicht die Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der Soldaten als Teil der deutschen Vernichtungsmaschinerie zu Recht in einem Lager saßen und als solche von Branner eben als bockig und verstockt klassifiziert wurden, sondern dass Branner durch diese Tätigkeit als Kameradenschwein angesehen wurde, einen Vorwurf, den er nur mit Mühe von sich weisen konnte, steht für die Logik des Postnazismus, der in der despektierlichen Bemerkung der HNA über diese einzig zu begrüßende Tätigkeit Branners bis heute fortwirkt.

Literatur:

Anne Belke-Herwig, Barbara Orth, Mitläufer und Strategien der Selbstentlastung. Zum Umgang mit der nationalsozialistischen Zeit in der Stadtpolitik nach 1945, in: Kassel in der Moderne. Studien und Forschungen zur Stadtgeschichte, (Hg.) J. Flemming u. D. Krause-Vilmar, Marburg 2013

Jörg Kammler, Widerstand und Verfolgung – illegale Arbeiterbewegung, sozialistische Solidargemeinschaft und das Verhältnis der Arbeiterschaft zum NS-Regime, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2., (Hg) W. Frenz, J. Kammler, D. Krause-Vilmar, Kassel 1987

Erwin Knauß, Der politische Antisemitismus vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zum Ende des Kaiserreichs unter besonderer Berücksichtigung des nord- und mittelhessischen Raumes, in: Juden in Kassel 1808 – 1933. Eine Dokumentation anläßlich des 100. Geburtstages von Franz Rosenzweig, Kassel 1987.

Herbert Pinno, Ochshausen – 5. März 1933, eine rote Bastion wird geschleift, in: Volksgemeinschaft und Volksfeinde. Kassel 1933 – 1945, Band 2 (ob. zit.)

Sabine Schneider, Eckart Conze, Jens Fleming, Dietfrid Krause-Vilmar, Vergangenheiten. Die Kasseler Oberbürgermeister Seidel, Lauritzen, Branner und der Nationalsozialismus, Marburg 2015.

Vor 70 Jahren beendeten die Amerikaner die nationalsozialistische Herrschaft in Kassel

Hessen April 1945

Truppen des „aggressiven Westens“ marschieren im April 1945 in Kassel ein

Die Ostermarschierer marschieren jedoch nach wie vor unbeirrt gegen Amerika und „den Westen“

Vom deutschen Boden muss Frieden ausgehen, so das diesjährige Motto der Ostermarschierer. Die Welt (und im konkreten die Ukraine) mag mit einer aggressiven Politik Russlands konfrontiert sein, mit der allgemeinen Barbarei, in erster Linie durch Islamisten wie den IS, der Boko Haram, der Al Qaida/Al Nusra u.a., durch einen nach Atomwaffen strebenden Iran und seine durch ihn protegierten Terrorbanden alles egal, es gibt nur einen, den es zu verurteilen gibt und gegen den es zu marschieren gilt, den aggressiven Westen.

Der Staat, der sich dadurch definiert, dass er jedem Juden, jeder Jüdin das Versprechen ausspricht, im Falle der Verfolgung Aufnahme und Asyl zu gewähren, wird nach wie vor von Terrorbanden wie der Hamas, der Hisbollah u.a. bedroht und regelmäßig angegriffen, wird von einem Staat bedroht, der die Bewaffnung mit Atomwaffen anstrebt und die Absicht Israel zu vernichten in regelmäßigen Ansprachen von Regierungsvertretern beteuert. Die Ostermarschierer beschuldigen jedoch namentlich Israel mit angeblich völkerrechtswidriger Politik Unruhe und Unfrieden zu stiften.

Einer der angekündigten Redner ist der lokale VVN-Aktivist und Busenfreund des Friedensforums Dr. Ulrich Schneider. Es bedarf nicht viel Fantasie, voraussichtlich stellen sich die Ostermarschierer in die Tradition des Antifaschismus und werden wohlmöglich an die Befreiung Buchenwalds vor siebzig Jahren erinnern (auch Buchenwald wurde durch Truppen der Amerikaner befreit) und den dort getätigten, aber regelmäßig verkürzten Spruch „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“ predigen.

Dies in Deutschland zu behaupten hat eine Menge mit Geschichtsvergessenheit zu tun. In Kassel wurde die Herrschaft des Nationalsozialismus nicht durch den antifaschistischen Widerstand beendet. Es war auch nicht eine deutsche Friedensbewegung, die die deutsche Wehrmacht daran hinderte, auch von Kassel aus, die deutsche Schreckensherrschaft in Europa durchzusetzen. Anfang April 1945 besetzten amerikanische Kampfeinheiten Kassel, und beendeten so in Kassel die Herrschaft der Nazis. Auch in Buchenwald waren es die sich rasch nähernden amerikanischen Truppen, vor denen die SS, die die Aufgabe hatte, das Lager zu liquidieren, schließlich flohen. Die Kampftruppen der tapferen Buchenwaldhäftlinge in Buchenwald, konnten die einige Wochen zuvor beginnenden Abtransporte der Häftlinge nicht verhindern und hätten gegen das Räumungskommando ebenfalls keine Chance gehabt. Erst nachdem der Hauptteil der SS-Mannschaften vor den heranrückenden US-Truppen geflohen waren, übernahm der Widerstand in Buchenwald das Kommando über das Lager und konnte so eine weitgehend geordnete Übergabe an die heranrückenden Befreier gewährleisten.

Die Ostermarschierer machen gerne Halt an den Mahnmalen für die „Opfer des Faschismus“, ohne sich bewusst zu sein, dass nicht Verhandlungen mit den Nazis, auch nicht ein Truppenabzug oder Abrüstung, sondern gut bewaffnete und kämpfende Einheiten sowjetischer, amerikanischer und englischer Armeen der Naziherrschaft ein Ende bereiteten. Erst danach war der demokratische Neuanfang (auch) in Kassel möglich.

Die Truppen der Alliierten stießen bis in die letzten Tage auf Widerstand deutscher Einheiten, auch im Raum um Kassel. Das lag daran, dass dieses Regime von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung bis in die letzten Tage hinein getragen wurde.

Die Kasseler Geschichte ist für Deutschland typisch. Kurz vor Kriegsbeginn – vom 3.- 5. Juni 1939 – kommt es in Kassel zu einem Massenspektakel. Über 200.000 ehemalige Soldaten und Angehörige der Deutschen Wehrmacht kommen, um das militärische Spektakel des „Großdeutschen Reichskriegertags 1939“ zu erleben.

In Kassel gab es eine Tradition des Nationalismus, Militarismus, Autoritarismus und des Revanchismus. Rechte Parteien, wie die DNVP und die DVP, Krieger- und Vaterländische Vereine und der Stahlhelm beherrschten das politische Klima mit Massenaufmärschen, Gedenktagen und Versammlungen. Die NSDAP griff das Gedankengut dieser Gruppierungen in verschärfter und zugespitzter Form auf und fand daher auch in Kassel schnell eine breite Zustimmung. In einigen Stadtteilen erhielt sie weit über 50 % der abgegebenen Stimmen. 1932 wurde die NSDAP mit knapp unter 50% der Wählerstimmen dann die stärkste Partei.

Kassel war die Stadt Roland Freislers. Freisler war ein hoher Funktionär im NS-Staat, an der Wannseekonferenz beteiligt und dann berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofes. Er war verantwortlich für etliche Todesurteile (z.B. gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“). Freislers Karriere begann in Kassel als gewählter Stadtverordneter.

In Nordhessen war Antisemitismus en Vogue. Bei den Reichstagswahlen 1907 und 1912 setzte sich der Kasseler Kandidat der „Wirtschaftspartei“, ein bekennender Antisemit, durch. Die Hälfte der 1907 und 1911 in den deutschen Reichstag gewählten Vertreter der Antisemiten, kam aus dem Kasseler Regierungsbezirk. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre kam es in Kassel immer wieder zu antisemitischen Übergriffen gegen Juden. Der offene Terror gegen die Kasseler Juden begann mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus 1933. Der erste Höhepunkt der Verfolgung fand mit dem Pogrom am 07. November 1938 in Kassel statt, zwei Tage vor der reichsweiten Reichspogromnacht. 1941 setzte die Deportation der Kassler Juden nach den Osten ein, wo sie umgehend ermordet wurden. Eine organisierte Form, ihre jüdischen Nachbarn vor der Ermordung zu schützen, gab es wie in ganz Deutschland auch in Kassel nicht. Vielmehr profitierten auch in Kassel viele vom „Verschwinden“ ihrer jüdischen Nachbarn.

Kassel war eine wichtige Stadt der Rüstung. Bis in die letzten Kriegstage wurden in den Kasseler Firmen Rüstungsgüter produziert, die die Wehrmacht für den Angriffs- und Vernichtungskrieg ausrüsteten. Panzer und Lastwagen durch die Firmen Henschel, Credé & Co. und Wegmann sowie Flugzeuge, Flugzeugmotoren und Flugbomben durch die Firmen Henschel, Fieseler und Junkers. Doch nicht nur das Kapital, sondern das auch deutsche Proletariat produzierte weitgehend reibungslos in den Fabriken die erforderlichen Waffen, sofern es nicht als Vernichtungskrieger seinem Handwerk in den Reihen der Wehrmacht nachging. Verweigerung, Sabotage und Aufbegehren leisteten trotz massiven Terrors der Gestapo in erster Linie die ausländischen Zwangsarbeiter in den Kasseler Fabriken.

Kassel war Garnisonsstadt der Wehrmacht. Mehrere Wehrmachtseinheiten waren in den verschiedenen Kasernen Kassels stationiert. Sie wurden gegen Polen eingesetzt. Von dort wiederkehrend, wurden sie von mehreren Tausend Bürgern feierlich begrüßt. Danach wurden sie in Frankreich und dann im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eingesetzt. Die Blutspur dieser Einheiten reichte bis kurz vor Moskau, bis sie dann in Stalingrad von der Roten Armee vernichtet wurden. Nur etwa 100 Nordhessen machten den Vernichtungskrieg nicht mit, desertierten oder liefen über.

Wie überall in Deutschland leisteten einige mutige Nordhessen (Kommunisten, einzelne Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Humanisten, Christen u.a.) Widerstand gegen das NS-Regime. Es wurden Flugblätter und Zeitungen verteilt, Plakate geklebt und Parolen gegen die Nazipolitik an die Wände gemalt. Die gesellschaftliche Isolierung des Widerstandes, Zerwürfnisse untereinander, aber auch ihre häufig fatalen Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus führten dazu, dass der Widerstand schnell zerschlagen wurde und wirkungslos blieb.

Das Gedenken der Friedensbewegung an den Mahnmalen für die Opfer des Faschismus ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus wird auf die Frage „Krieg und Frieden“ reduziert, der Begriff Faschismus negiert das spezifisch antisemitische Wesen des deutschen Nationalsozialismus und gerade der allgemeine Opferbegriff erlaubt es, auch deutsche Soldaten und Zivilisten als Opfer zu begreifen und nicht als Bestandteil einer zu allem entschlossenen Volksgemeinschaft gegen die es nur ein Mittel gab – den Krieg.

Der 9. November und die Volksgemeinschaft

Der 9. November sei ein deutscher Schicksalstag heißt es gemeinhin. Die Daten weisen auf einen Zusammenhang hin, der von den meisten, die dieses Datum entweder in nationaler Ergriffenheit feierlich begehen, oder, sich zerknirscht gebend, in vermeintlicher Verantwortung vor der Geschichte, Deutschland zum Gedenkweltmeister küren, bewusst oder unbewusst befördert wird.

9. November

9. November 1848

Der revolutionäre Demokrat Robert Blum wird in Wien von Kräften der Reaktion erschossen. Dieser Mord steht für den Zusammenbruch des revolutionären Versuchs, eine demokratische Republik in Deutschland zu erkämpfen. Nicht Demokratie und Republikanismus, sondern das sich schon in den sogenannten Befreiungskriegen gegen Napoleon formierende und auf dem Wartburgfest sich artikulierende völkische Ideenkonglomerat, gepaart mit Obrigkeitshörigkeit, Staatsgläubigkeit und Antisemitismus begründen die Tradition des deutschen Nationalismus.

9. November 1918

Philipp Scheidemann (SPD) ruft in Berlin die Weimarer Republik aus. Eng verbunden ist diese Aktion mit dem Agieren Noskes (SPD), den Freikorps freie Hand für den Arbeitermord zu gewähren und Fritze Eberts Antipathie gegen die Revolution überhaupt. Die Revolte der Arbeiter und Soldaten gegen Krieg, Ausbeutung, Hunger und Nationalismus bleibt stecken und wird von den wütenden Freikorps im Blut erstickt. Diese nach 1848 nun schon zweite misslungene Revolution zeigt die Dominanz völkischer Strukturen und Staatsfrömmigkeit in Deutschland an.

9. November 1923

Hitler putscht in München und versucht den Marsch Mussolinis auf Rom in Deutschland nachzuahmen. Diese Aktion bricht zusammen, nicht so sehr aufgrund der wenig entschlossenen Gegenwehr der Republik, sondern weil Hitler noch an den Anfängen steht, eine Massenbewegung zu formieren. Hitler wird zu ein paar Monaten sogenannter Festungshaft bestraft und schreibt „Mein Kampf“. Das Buch wird in Deutschland und im arabischen Raum (bis heute) zum Bestseller.

9. November 1938

Die Situation sieht 15 Jahre später ganz anders aus. Hitler und der NSDAP ist es gelungen, die deutsche Volksgemeinschaft zu formieren. Der Widerstand von Teilen des Proletariats und anderer ist zersplittert und zunehmend isoliert. Die meisten Hitlergegner werden von der wachsamen Volksgemeinschaft denunziert und von der Gestapo als „Volksschädlinge unschädlich“ gemacht. 1938 randaliert die Volksgemeinschaft unter Führung der NSDAP vor und in den Synagogen und anderen jüdischen Einrichtungen, viele Juden werden misshandelt und ermordet. Der Versuch des Georg Elsers, Hitler am 8. November 1939 in die Luft zu sprengen, steht symptomatisch für den Widerstand in Deutschland. Es ist die konsequente und mutige Tat eines völlig isoliert agierenden Einzelnen. In der deutschen Vernichtungspolitik gegen die Juden findet der Antisemitismus der deutschen Volksgemeinschaft zu sich selbst.

9. November 1969

Die linksradikalen Tupamaros in Berlin verüben einen Brandanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin. Bewusst wählen sie diese Einrichtung aus. Nicht Deutschland habe ein Naziproblem, sondern in Israel herrsche ein Nazistaat, wofür von den deutschen Revoluzzern die in Deutschland lebenden Juden verantwortlich gemacht werden. Einer ihrer Wortführer beklagt den deutschen Judenknacks, der die Volksgenossen daran hindere, es den Juden zu zeigen und ihnen Mores zu lehren. Dieses Datum begründet die Tradition des Antisemitismus von Links neu. Die sogenannte Israelkritik wird, befördert durch die Propagandatätigkeit der Friedensbewegung, zunehmend zum salonfähigen Ausdruck des antisemitischen Bodensatzes der Deutschen. Im Sommer 2014 kommt es dann zum Umschlag, der Antizionismus schlägt in offenen Antisemitismus um. Judenfeindliche Parolen werden öffentlich und lautstark artikuliert. Widerspruch von Links und dem Rest der Volksgemeinschaft bleibt aus.

9. November 1989

Nachdem das deutsche Proletariat sich als unfähig oder unwillig erwies 1914, 1933, 1938 oder 1942 (Wannseekonferenz) zur revolutionären Tat zu schreiten um der deutschen Barbarei Einhalt zu gebieten, formierte sich im Herbst 1989 die deutsche Volksgemeinschaft, nach 1953 zum zweiten Mal, und stürzte diesesmal erfolgreich die anachronistische Herrschaft der SED in der DDR. Der zunächst von einigen wenigen mutigen Demokraten formulierte Spruch „Wir sind das Volk“ wird in den Spruch der völkischen Massen „Wir sind ein Volk“ transformiert. Hiermit bringt die deutschen Nationalbewegung ihr Anliegen auf den Begriff, das sie seit 1815 umtreibt.

Die deutsche Volksgemeinschaft erkämpft sich gegen eine weitgehend paralysierte Staatsmacht das Recht auf ein deutsches Wir-Gefühl und einem Wohlstand nach westlichem Maßstab. Dies soll nicht für alle gelten: in Mölln, Rostock-Lichtenhagen et al. wird dies unmissverständlich klar gemacht. Die völkische Wut auf die, die auch etwas vom Kuchen abhaben wollen bricht sich weitgehend ungehindert Bahn, wird in den Jahren danach jedoch in zivile Bahnen gelenkt. Das Asylgesetz wird verschärft und faktisch abgeschafft, das Grenzregime weiter nach Osten, Südosten und den Süden verlagert, wo die Toten tausende zählen.

Der 9. November ist der Tag, der darauf verweist, dass Volksgemeinschaft, deutscher Nationalismus, Antisemitismus und Chauvinismus untrennbar zusammen gehören.

 

Vor 70 Jahren: „Ich sah das Vernichtungslager“

Vor siebzig Jahren, am 23. Juli 1944 befreite die Rote Armee im Rahmen ihrer großen Sommeroffensive, das von der deutschen Wehrmacht verteidigte Vernichtungslager Maidanek. Der Schriftsteller Konstantin Simonow war Frontberichterstatter und schrieb den hier dokumentierten Bericht. Er war der erste Bericht eines alliierten Soldaten über ein aufgefundenes Vernichtungslager. Der Bericht zeigt zum einen die bei vielen Rotarmisten vorhandene antifaschistische Gesinnung und ihre Abscheu vor der nationalsozialistischen Barbarei und die Empathie für die Opfer. Diese Haltung trägt dazu bei, dass der Text immer wieder der offiziellen Sprachregelung in der Sowjetunion zuwiederläuft, die im Faschismus eine brutale Diktatur des Kapitals und den Faschismus als besondere Ausprägung des Imperialismus ansah, weniger oder gar nicht jedoch den Antisemitismus und die Volksgemeinschaft thematisierte. Man findet bei Simonow beides, Juden werden als Opfer benannt, dann sind es wieder Polen aus dem Warschauer Ghetto, die in Maidanek umgebracht wurden. Juden als Opfer des antisemitischen Vernichtungswahns zu beschreiben und diesen als Spezifikum des Nationalsozialismus zu kategorisieren, soweit geht Simonow nicht. Aber er beschreibt eindrücklich die Eigenart der Deutschen sich herausreden zu wollen und die Schuld am Geschehen den anderen zuzuschieben, der SS, dem SD, der GESTAPO etc. Smimonow kommt am Ende zu einer bemerkenswerten Schlußfolgerung als er zwei Tätertypen beschreibt, den Mörder und den Nutznießer. Beide umspannt eine Kette, die ganz Deutschland umspannt.

Das, worüber ich jetzt schreiben will, ist so ungeheuerlich und grauenhaft, daß man es in seinem ganzen Umfang gar nicht fassen kann. Mit der Untersuchung dieser grauenvollen Taten werden sich zweifellos Juristen, Ärzte, Historiker und Politiker noch lange beschäftigen. Und diese eingehenden Untersuchungen werden erst den ganzen Umfang dieses von Deutschen begangenen Verbrechens gegen die Menschheit in allen Einzelheiten ans Licht bringen. Mir sind bisher bei weitem noch nicht alle Tatsachen und alle Zahlen bekannt: ich sprach vielleicht nur mit einem Hundertstel der Zeugen und sah wohl nur ein Zehntel der vorhandenen Spuren des Verbrechens. Doch ein Mensch, der das gesehen hat, kann nicht schweigen und kann nicht warten. Ich möchte schon jetzt, gerade heute, von den ersten entdeckten Spuren des Verbrechens berichten, von dem, was ich in diesen Tagen gehört und mit eigenen Augen gesehen habe. Ende 1940 erschienen auf einem riesigen unbebauten Feld, das sich rechts von der Cholmer Landstraße, zwei Kilometer von Lublin, erstreckt, einige SS-Offiziere und Landvermesser mit ihren Arbeitsgeräten. Ein paar Tage später war hier ein riesiges Grundstück vermessen, das fast das ganze Feld umfaßte und eine Gesamtfläche von fünfundzwanzig Quadratkilometer einnahm. Auf dem in der Gestapo angefertigten Grundriß waren sechzehn riesige Quadrate eingezeichnet, und jedes Quadrat enthielt je zwanzig gleiche Rechtecke. Diese Rechtecke bezeichneten Baracken, und die Quadrate waren die sogenannten Felder oder Sektoren, die von allen Seiten mitStacheldraht umgeben waren. Oben auf dem Grundriß stand zuerst die späterverschwundene Überschrift: »Lager Dachau Nr. 2«.
Rotarmisten gedenken der Toten in Maidanek

Rotarmisten gedenken der Toten im gerade befreiten Maidanek

Die Gestapo begann bei Lublin mit dem Bau eines riesigen Konzentrationslagers, dass einem System nach eine genaue Kopie des berüchtigten Lagers Dachau in Deutschland darstellte, jedoch dieses an Größe mehrfach übertraf. Der Bau begann im Winter 1940/41. Anfangs wurde eine Anzahl polnischer Ingenieure und Arbeiter aus der Zivilbevölkerung zum Bau herangezogen, denen man bald darauf polnische und jüdische Kriegsgefangene als Hauptarbeitskräfte beigab, die während des deutsch-polnischen Krieges im Jahre 1939 gefangengenommen waren. Etwa imAugust 1941 wurde das erste Tausend russischer Kriegsgefangener und Zivilpersonen als Arbeitskräfte in das im Bau befindliche Lager eingeliefert. Zu dieser Zeit war dort das erste Feld, oder, wie die Deutschen es nannten, der »erste Block«, mit zehn Baracken zur Hälfte fertiggestellt.
Den ganzen Herbst 1941 und den Winter1942 hindurch wurde der Bau fortgesetzt. Die Zahl der mit dem Bau beschäftigten Menschen wuchs allmählich. Bald nach denRussen kamen große Gruppen politischer Gefangener – Tschechen und Polen – an sowie Menschen, die aus anderen Lagern übergeführt wurden, wo die meisten von ihnen schon seit 1933 gesessen hatten. Im Herbst 1941 wurden die ersten zweitausend Juden aus dem Lubliner Getto zur Arbeit hierher gebracht. Ihnen folgten im Dezember1941 siebenhundert Polen aus dem Lubliner Schloß. Dann gerieten vierhundert polnische Bauern ins Lager, die dem deutschen Staat nicht rechtzeitig die Steuern bezahlt hatten. Im April 1942 kamen Transporte von zwölftausend Personen aus der Slowakei – Juden und politische Gefangene – im Lager an. Den ganzen Mai hindurchtrafen immer neue Transporte aus Böhmen, Österreich und Deutschland ein. Der Bau des Lagers wurde äußerst beschleunigt, und im Mai waren die Baracken Nr. 1, 2, 3 und 4 für etwa vierzigtausend Personen vollendet. Den Monat Mai 1942 kann man als den Abschluß der ersten Etappe in der Geschichte des Lagers betrachten.
Das war die Periode einer fieberhaften Bautätigkeit, in der man unermüdlich bestrebt war, den allgemeinen Unterkunftsraum zu erweitern. Als die Baracken für vierzigtausend Personen fertig und die Haupt-, Neben- und Sonderbauten errichtet waren, als alles mit doppelten Reihen Stacheldraht, zum größten Teil unter Starkstrom, umgeben war, wurde das Lager von der Gestapo als betriebsfertig bezeichnet. Es wurde auch weiterhin ausgebaut und wäre ins Endlose weiter gebaut worden, hätten unsere Truppen Lublin nicht genommen. Doch das Bautempo war schon ein anderes. Vom Mai 1942 an wurde das Lager allmählich ausgebaut, ohne Hast, mit Einführung aller möglichen Vervollkommnungen. Dieses »Konzentrationslager der SS,Lublin«, wie es in amtlichen Papieren genannt wurde, hieß seit Mai 1942 in nichtamtlichen Dokumenten, Briefen, sonstigen Schriftstücken und von Mund zu Mund anders, und zwar »Vernichtungslager«. Auf dem zwei Kilometer von Lublin entfernten unbebauten Feld, rechts von der Cholmer Landstraße, errichteten die Deutschen die größte »Todesfabrik« Europas, einzig und allein dazu bestimmt, auf möglichst einfache, nutzbringende und schnellste Weise eine größtmögliche Anzahl von Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen zu vernichten.
Die Organisation des Lagers war in jeder Beziehung einzig dastehend. Findet man in anderen deutschen Mordeinrichtungen alle die Elemente des Systems aus dem Lubliner »Vernichtungslager« vereinzelt vor, so haben diese grauenhaften Erzeugnisse der deutschen Tollwut sich in dieser vollständigen, sozusagen lückenlosen Form noch nie so offensichtlich unseren Blicken dargeboten wie hier in Lublin. Uns sind Stätten bekannt wie Sobibor und Bjelshza, wo ganze Züge mit Todeskandidaten auf einer Schmalspurbahn auf ein abgelegenes ödes Feldgebracht wurden, wo man die Menschen erschoß und verbrannte. Wir kennen solche Lager wie Dachau und Auschwitz oder das »Großlazarett« in Slawuta, wo die Zivil-und Kriegsgefangenen durch Schläge; Hunger und Krankheiten allmählich umgebracht wurden. Aber im Lubliner »Vernichtungslager« waren alle diese Methoden kombiniert.Hier lebten in den Baracken Zehntausende Gefangene; die ununterbrochen ihr Gefängnis bauten, ausbauten und umbauten.
Es gab Tausende von Kriegsgefangenen, die vom Herbst 1942 an nicht zur Arbeit zugelassen wurden, deren Lebensmittelration noch kleiner war als die der anderen Gefangenen und die mit entsetzlicher Geschwindigkeit durch Hunger und Krankheiten umkamen. Es gab hier Todesfelder mit Scheiterhaufen und Leichenverbrennungsöfen, wo Tausende, ja Zehntausende von Menschen vernichtet wurden, die nur wenige Stunden oder Tage im Lager gehalten wurden, je nachdem, wie groß die Zahl der Angekommenen war und wieviel Zeit nötig war, um sie zu durchsuchen und nackt auszuziehen. Es gab hier »Gaswagen« vom gewöhnlichen Typus und stabil gebaute, betonierte Bunker für Zyklongasvergiftungen. Hier wurden die Menschen auch auf altindische Art verbrannt, auf die allerprimitivste Weise: eine Reihe Holzscheite, darauf eine Reihe Leichen, dann wieder eine Reihe Holzscheite und wieder eineReihe Leichen. Hier wurde die Verbrennung in primitiven Kremationsöfenvorgenommen, die wie große eiserne Kessel gebaut waren, und man benutzte auch ein besonders vervollkommnetes Krematorium für Blitzverbrennung.
Die einen wurden in Gräben erschossen, anderen wurde der Halswirbel mit einem eisernen Stock durchschlagen. Hier wurden Menschen im Wasserbecken ertränkt und auf verschiedenste Arten erhängt; es gab gewöhnliche Galgen mit einer Querstange und vervollkommnete transportable Galgen mit Flaschenzug und Schwungrad. Lublin war eine Todesfabrik, wo die Zahl der täglichen Todesfälle von zwei Faktoren geregelt wurde: von der Anzahl der ins Lager eingelieferten Menschen und von den in einerbestimmten Phase benötigten Arbeitskräften für den endlos fortgesetzten Bau. Endgültige Zahlen wird man erst später genau feststellen. Aber einige vorläufige Zahlen lassen sich schon heute erkennen. Alles in allem war das Lager über drei Jahre lang im Betrieb. Als die Rote Armee nach Lublin kam, fand sie im Lager nur einige hundert Russen vor; als sie im Frühling auf Kowel vorrückte, evakuierten die Deutschen nach Zeugenaussagen zwölf- bis sechzehntausend Gefangene aus demLager. Selbst wenn wir die Zahl Sechzehntausend annehmen, so enthielt das Lager vor seiner Auflösung insgesamt kaum siebzehntausend Personen.
Die durchschnittliche Zahl der Gefangenen betrug jedoch nach den Tagesberichten der Lagerkommandantur im Jahre 1943 ungefähr vierzigtausend Personen, die nach oben oder unten um einige Tausende schwankte. Nehmen wir jedoch die Gesamtzahl der Menschen, die im Laufe von über drei Jahren ins Lager eingeliefert wurden, so stellt sich heraus, daß zwischen der Endzahl von siebzehntausend und der Zahl der Eingelieferten ein Unterschied von vielen Hunderttausenden besteht. Dieser Unterschied gibt annähernd die Zahl der Menschen wieder, die unmittelbar im Lager umgebracht wurden, abgesehen von denen, die, ohne erst im Lager registriert zu werden, getötet wurden. Alle diese Angaben sind den amtlichen Rechenschaftsberichten der Verwalter des Lagers für die ganze Zeit seines Bestehens entnommen. Als ich von den Gefangeneneinlieferungen während der ersten Bauperiode des Lagers sprach, verwies ich auf den Monat Mai 1942. Im April und Mai 1942 wurden massenhaft Juden aus den Gettos von Lublin und Umgebung ins Lager eingeliefert: ImLaufe des Sommers kamen weitere achtzehntausend Personen aus der Slowakei und aus Böhmen an. Im Juli 1942 brachte man die erste Gruppe Polen, die beschuldigt wurden, sie seien Partisanen gewesen. Schon dieser erste Transport bestand aus fünfzehnhundert Personen. Im selben Monat wurde eine große Zahl politischer Gefangener aus Deutschland übergeführt. Im Dezember 1942 brachte man einigetausend Juden und Griechen aus dem Auschwitz-Lager bei Krakau; am 17. Januar 1943 fünfzehnhundert Polen und vierhundert Polinnen aus Warschau. Am 2. Februar trafen neunhundertfünfzig Polen aus Lemberg ein, am 4. Februar viertausend Polen und Ukrainer aus Taloma und Tarnopol. Im Mai 1943 kam ein Transport von sechzigtausend Menschen aus dem Warschauer Getto an. Den ganzen Sommer und Herbst 1943 über wurden mit Unterbrechungen von einigen Tagen Gefangenentrupps aus allen deutschen Hauptlagern – Sachsenhausen, Dachau, Flossenburg, Neuhamm, Großenrosen und Buchenwald – eingeliefert. Keiner dieser Transporte war unter tausend Mann stark.
Die Herkunft der Neuangekommenen erfuhr man im Lager nicht nur aus ihrenErzählungen, man erkannte sie auch gleich äußerlich, denn jedes Lager hinterließ bei den Insassen seinen besonderen Stempel. In Auschwitz zum Beispiel war es Sitte, allen Gefangenen, auch den Frauen, die Köpfe kahl zu scheren und ihnen die Gefangenennummer nicht wie anderswo um den Hals zu hängen, sondern in die Handfläche einzubrennen. Aus Buchenwald kamen Menschen an, die nur schwer Sonnenlicht vertragen konnten: in einer Filiale von Buchenwald, dem »Dora-Lager«, befand sich ein in den Felsen gehauenes unterirdisches Werk, in dem die berüchtigte »V-1 «-Waffe – die deutschen Flügelbomben – hergestellt wurde. Dort arbeiteten ausschließlich Slawen, hauptsächlich Polen und Russen. Sie arbeiteten, ohne ans Tageslicht zu kommen, und nach einem halben Jahr unterirdischer Arbeit büßten sie ihr Sehvermögen so stark ein, daß sie unverzüglich gruppenweise ins Lubliner »Vernichtungslager« geschickt wurden.Ich habe nur einige Zahlen und Lager genannt, nicht um eine vollständige Berechnung der Umgekommenen aufzustellen, sondern um zu helfen, sich wenigstens ein ungefähres Bild von dem Geschehenen zu machen. Ergänzend noch einiges über die nationale Zugehörigkeit der hier Eingelieferten. Die im Lager Umgebrachten waren meistenteils Polen. Unter ihnen waren Geiseln, echte und angebliche Partisanen und Angehörige von Partisanen, außerdem sehr viele Bauern, besonders solche, die aus Bezirken ausgesiedelt worden waren, in denen die deutsche Kolonisierung vor sich ging. Nach den Polen bilden Russen und Ukrainer die größte Zahl der Ermordeten. Ebenso groß ist die Zahl der von den Deutschen vernichteten Juden, die buchstäblich aus allen Ländern Europas, von Polen bis Holland, im Lager zusammengetrieben wurden. Dann folgen ansehnliche Zahlen, jede über mehrere tausend: das sind Franzosen, Italiener, Holländer und Griechen. Eine kleinere,aber ebenfalls beträchtliche Zahl entfällt auf Belgier, Serben, Kroaten, Ungarn,und Spanier (die letzteren gehörten offenbar zu den in Frankreich festgenommen Republikanern). Aus den gefundenen Personalausweisen ersieht man, daß hier Bürger aus aller Herren Länder eingeliefert waren, und zwar Norweger, Schweizer, Türken und sogar Chinesen.

 
In einem Zimmer der Lagerkanzlei, wo ein großer Haufen von Papieren, Pässen undPersonalausweisen der Getöteten auf dem Boden lag, fand ich, als ich aufs Geratewohl diese Papiere herausgriff, im Laufe von zehn Minuten Dokumente Angehöriger fast aller europäischen Nationen. Da war der Paß von Sophia Jakowlewna Dussewitsch aus dem Dorf Konstantinowka im Kiewer Gebiet, einer ukrainischen Arbeiterin, geboren im Jahre 1917. Da war der Paß mit dem Stempel »RepubliqueFrancaise« auf den Namen Eugene Duramer, Franzose, Metallarbeiter, geboren in LeHavre am 22. September 1888. Ein von der Volksschule in Banja-Luka ausgestelltes Zeugnis für Ralo Zunic, Mohammedaner, der die Schule im Jahre 1937 mit dem Zeugnis»dobar«, d. h. »gut« in »Moral, Naturkunde und Geschichte« abgeschlossen hatte. Ein in Kroatien ausgestellter Paß lautete auf den Namen Jatiranowic, geboren in Zagreb, den dieser am 2. Januar 1941 erhielt. Da war der Paß Jakob Borchardts, geboren in Rotterdam am 10. November 1918, ein Personalausweis von Eduard Alfred Saka, geboren im Jahre 1914 in Mailand auf der Via Plimo Nr. 29, »Größe 175,Körperbau stark, besondere Kennzeichen keine«. Da war ein Personalausweis Nr.8544, ausgestellt für Savaranti, Grieche, von der Insel Kreta. Ein deutscher Reisepaß lautete auf Ferdinand Lotmann, Ingenieur aus Berlin, geboren am 19.August 1872; da war ein Arbeitsbuch mit dem Stempel »Generalgouvernement«, ausgestellt für Sigmund Remak, polnischer Arbeiter, geboren am 20. März 1924 in Krakau. Da gab es eine chinesische Legitimation mit Photo und Hieroglyphen, die ich nicht lesen konnte. Es gab Personalausweise mit Blutflecken, andere waren durch Wasser aufgeweicht, es gab Papiere, die mitten durchgerissen, und andere, die zertrampelt waren. Dieser grauenhafte Berg von Personalausweisen war ein Grabhügel ganz Europas, eingezwängt in die vier Wände eines Zimmers.Es läßt sich sogar schwerlich voraussagen, welche ungeheuerlichen Einzelheiten beider eingehenden Untersuchung dieser Papiere und bei dem Verhör der unzähligen Zeugen zutage kommen werden.
Wie viele furchtbare Enthüllungen über das Schicksal der verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Winkeln Europas werden erst gemacht werden, wenn das ganze Material ans Tageslicht kommt und alle Zeugen vernommen werden? Geht man die Cholmer Landstraße entlang, so sieht man rechter Hand in etwa dreihundert Meter Entfernung die Umrisse einer ganzen Stadt emporwachsen: Hunderte niedriger, grauer Dächer, gebaut in genau ausgerichteten Reihen, getrennt durch Stacheldraht. Es ist eine große Stadt mit Raum für Zehntausende von Menschen. Man biegt von der Landstraße ab und fährt durch ein Tor auf die andere Seite des Stacheldrahtverhaus. Saubere Baracken mit gepflegten Vorgärten und aus Birkenholzgezimmerten Sesseln und Bänken stehen in Reihen. Das sind die Baracken der SS-Wache und der Lagerleitung. Hier ist auch das »Soldatenheime, eine etwas kleinere Baracke, in der das Bordell für die Lagerwache untergebracht war; die Frauen waren ausschließlich Gefangene, und sobald eine schwanger wurde, wurde sie umgebracht. Dann kommen die Desinfektionskammern für die den Gefangenen abgenommenen Kleider. Durch in die Decke eingelassene Rohre wurden Desinfektionsmittel geschüttet, dann wurden die Rohre verkittet, die Türen hermetisch verschlossen, und die Desinfizierung konnte beginnen. Die Bretterwände der Baracken und die leichtgebauten, nicht mit Eisen beschlagenen Türen bezeugen, daß hier tatsächlich nur Kleiderdesinfizierungen vorgenommen werden konnten. Doch nun öffnen wir die nächste Tür und gelangen in eine zweite Desinfektionskammer, die schon nach einem ganz anderen Prinzip gebaut ist. Ein quadratischer Raum, etwas über zwei Meter hoch, mit einer Bodenfläche von etwa sechs mal sechs Meter, Wände, Decke und Boden sind aus kompaktem grauem Beton. Kleiderhaken wie im ersten Raum gibt es hier nicht. Alles ist kahl und leer. DerEingang zum Raum wird von einer einzigen großen Stahltür mit riesigen Stahlriegeln von außen her hermetisch verschlossen.
Die Wände dieser Betonkammer haben drei Öffnungen: zwei von ihnen bestehen ausRohren, die von außen nach innen führen, die dritte ist ein Guckloch. Es ist ein kleines viereckiges Fensterchen, geschützt durch ein innen in der Betonwand angebrachtes starkes und dichtes Stahlgitter. Das dicke Glas ist von außen so eingesetzt, daß man es durchs Gitter nicht erreichen kann. Wohin sieht man durchs Guckloch? Um auf diese Frage Antwort zu bekommen, öffnen wir die Tür und treten aus der Kammer. Neben ihr ist eine zweite kleine Betonkammer angebaut, in die eben das Guckloch führt. Hier gibt es elektrisches Licht und einen Schalter. Von hier aus kann man durch das Guckloch die ganzeKammer übersehen. Auf dem Boden stehen einige runde, hermetisch verschlossene Behälter mit der Aufschrift »Zyklon« und darunter in kleiner Druckschrift: »Zur besonderen Verwendung in den Ostgebieten«. Der Inhalt eben dieser Behälter wurde durch die Rohre in die benachbarte Kammer geschüttet, wenn sie voller Menschen war. Die Menschen waren nackt und so dicht aneinandergedrängt, daß sie wenig Platz einnahmen. In der Kammer mit einer Bodenfläche von etwa vierzig Quadratmeter wurden über zweihundertfünfzig Menschen zusammengepfercht. Sie wurden hineingestoßen, die Stahltür von außen verriegelt und zur besseren Abdichtung verkittet, ein Sonderkommando in Gasmasken entleerte die runden »Zyklon«-Behälterin die Rohre. In den Behältern waren blaue, harmlos aussehende kleine Kristalle, die bei Verbindung mit Sauerstoff Giftstoff aussondern, der sofort auf alle Zentren des menschlichen Körpers einwirkt. Durch die Rohre wurde »Zyklon«geschüttet, der die Erstickung leitende SS-Mann drehte den Schalter an, die Kammer wurde hell beleuchtet, und er beobachtete von seinem Kommandopunkt durchs Guckloch den Erstickungsprozeß, der, verschiedenen Aussagen zufolge, zwei bis zehn Minuten dauerte. Durchs Guckloch konnte er ungefährdet alles sehen, sowohl die verzerrtenGesichter der Sterbenden wie auch die fortschreitende Wirkung des Gases. Das Guckloch ist gerade in Augenhöhe eingebaut.
Und wenn die Menschen starben, brauchte der Beobachter nicht hinabzusehen : sie fielen nicht um im Sterben, die Kammer war so vollgepfropft, daß auch die Toten aufrecht standen. Übrigens ist »Zyklon« wirklich ein Desinfektionsmittel. Mit ihm wurden tatsächlich in den Nebenkammern Kleider desinfiziert. Alles ist makellos, alles ist in Ordnung, alles entspricht der Wirklichkeit. Es handelt sich nur darum, wie groß die Dosis »Zyklon« ist, die in die Kammer geschüttet wird. Gehen wir einige hundert Schritte weiter. Ein leerer Platz. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß hier früher einmal ein Gebäude gestanden haben muß. Ja, hier war bis zum vorigen Herbst ein Krematorium. Im Herbst wurde der Bau eines anderen, vervollkommneten Krematoriums beendet, zu dem wir später kommen werden; das alte, primitiv gebaute Krematorium wurde zerstört, da seine Leistungsfähigkeitwesentlich hinter der rationalisierten, vervollkommneten Gaskammer zurückblieb. Jenes Krematorium bestand einfach aus einer geräumigen Baracke mit Zementboden, wo auf Ziegelfundamenten zwei riesige Eisenkessel der Länge nach aufgestellt waren. Die Verbrennung ging in diesen Kesseln viel zu langsam vor sich. Zwar erwartete man hier nicht die endgültige Einäscherung der Leichen, doch schon der Zerfall der Leiche in morsche Knochen dauerte hier wenigstens zwei Stunden. In beide Verbrennungsräume kamen gleichzeitig je vierzehn Leichen. Das Krematorium konnte also täglich nicht mehr als hundertfünfzig Leichen verbrennen, während in der Gaskammer sogar bei nur einer, wie man sich hier ausdrückte, »Vergasung« dreihundert Personen täglich getötet wurden. Deshalb mußte vor dem Bau des neuen Krematoriums an den großen Vernichtungstagen ein bedeutender Teil der Leichen von hier mit Lastkraftwagen auf ein Feld hinter den Lagern gebracht und dort verscharrt werden. Der Zaun besteht aus zwei Reihen vier Meter hoher Pfosten mit Stacheldraht, der oben in Halbdachform nach innen gebogen ist. Beide Pfostenreihen stehen zwei Meter voneinander, und quer durch diesen Zwischenraum zieht sich im Diagonal, von der Spitze des einen Pfostens bis zum Fuß des gegenüberstehenden, eine dritte Reihe Stacheldraht.
Der Draht läuft über Isolationsrollen und war elektrisch geladen: durch ihn wurde ein tödlicher Starkstrom geleitet, der jede Fluchtmöglichkeit ausschloß. Dieses elektrifizierte System war anfangs nicht eingeführt. Ursprünglich ging durch den Drahtverhau kein elektrischer Strom. Der Übergang zum elektrischen System wurde durch folgenden Vorfall hervorgerufen. Im Mai 1942 erschlug eine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die Erschossene im nahe liegenden Krempezker Wald begraben sollten, mit ihren Spaten sieben deutsche Wächter und flüchtete. Zwei von ihnen wurden gefangen, die übrigen fünfzehn entkamen. Da wurden die imLager verbliebenen hundertdreißig Kriegsgefangenen (von den tausend im August 1941eingelieferten Kriegsgefangenen waren nur hundertdreißig am Leben geblieben) in den Block übergeführt, wo die Häftlinge aus der Zivilbevölkerung untergebrachtwaren. Eines Abends Ende Juni entschlossen sich die russischen Kriegsgefangenen, als sie sahen, daß sie hier sowieso zugrunde gehen würden, zu einem Fluchtversuch. Einige Dutzend der Häftlinge gingen nicht mit. Die Kriegsgefangenen sammelten alle vorhandenen Bettdecken, legten sie zu je fünf Stück zusammen, breiteten sie als Brücken über den Stacheldraht aus und flohen. Die Nacht war finster, nur vier derFlüchtlinge wurden erschossen, die übrigen entkamen. Die zurückgebliebenen fünfzig Mann wurden sofort nach Entdeckung der Flucht in den Hof geführt, mußten sich auf die Erde legen und würden aus Maschinenpistolen erschossen. Doch die Deutschen begnügten sich nicht mit dieser Strafmaßnahme. Die gelungene Flucht blieb eineTatsache, und die Deutschen elektrifizierten eiligst vier der fünf Blocks. Nur einer der Blocks war nicht elektrifiziert: dort befanden sich Frauen, von denen man wohl schwerlich einen Fluchtversuch erwarten konnte. Wir gelangen zu einem anderen Nebenblock. Er ist weniger sorgfältig abgezäunt als die Wohnblocks. Daran ist übrigens nichts Erstaunliches, denn hierher kamen die Toten oder Halbtoten oder solche, die unter verstärkter Bewachung zur Tötung vorgesehen waren. Hier, hinter diesem Draht, lebte, mit Ausnahme der SS und der Leichenverbrennungsmannschaft niemand länger als eine Stunde.
Mitten auf einem leeren Feld sehen wir einen hohen viereckigen Schornstein aus Steinen mit einem anschließenden langen, niedrigen rechteckigen Ziegelsteingebäude. Das ist das Krematorium. Es ist vollkommen erhalten geblieben. Etwas weiter finden wir die Überreste eines großen Ziegelsteinbaus: In den wenigen Stunden, die der Lagermannschaft zwischen der Nachricht vom Durchbruch der Front und der Ankunft unserer Truppen zur Verfügung standen, versuchte sie, die Spuren zu verwischen. Sie schaffte es nicht, das Krematorium in die Luft zu sprengen, aber das Nebengebäude setzten sie in Brand. Trotzdem legen die Spuren ein beredtes Zeugnis ab. Ein fürchterlicher Leichengestank erfüllt die Luft. Die Nebenräume des Krematoriums bestehen aus drei Hauptkammern. Die eine Kammer ist vollgestopft mit halbverbrannten Kleidungsstücken. Das sind die noch nicht weggebrachten Kleider der letzten Gefangenen, die hier ermordet wurden. Von derKammer nebenan ist nur ein Teil der Wand übriggeblieben. In diese Wand sind mehrere Rohre kleineren Durchmessers eingelassen als die in der Gaskammer, die wir schon gesehen haben. Das ist auch eine Gaskammer zur Vergiftung (bisher ist noch nicht aufgeklärt, ob mit »Zyklon« oder mit einem anderen Gas). Wenn besondersviele ausgerottet werden sollten, konnte die Hauptgaskammer nicht alles bewältigen, und ein Teil der Menschen wurde hierhergeführt und unmittelbar neben dem Krematorium »vergast«. Die dritte und geräumigste Kammer war offenbar für die Aufstapelung der Leichen bestimmt, die hier lagen, bis sie an die Reihe kamen, um verbrannt zu werden.
Der ganze Boden ist mit halbverwesten Skeletten, Schädeln undKnochen bedeckt. Dies rührt nicht von einer planmäßigen Verbrennung her, sondern das ganze Gebäude wurde niedergebrannt: als die Deutschen die dritte Kammer anzündeten, verbrannten die dort aufgehäuften Leichen. Es sind ihrer viele, vielleicht Dutzende, vielleicht Hunderte – das ist schwer zu sagen, denn diese Menge halbverwester Knochen mit Stücken halbverbrannten Fleisches daran läßt sich nicht zählen.
Jetzt sind es nur noch wenige Schritte zum eigentlichen Krematorium. Es stellt ein großes Rechteck dar, gebaut aus feuerfesten Ziegeln, aus Dinassteinen. In diese Steinwand sind fünf große Feueröffnungen nebeneinander eingelassen mit hermetisch verschließbaren gußeisernen Ofentüren. Die runden Ofentüren stehen jetzt offen. Die tiefen Verbrennungsräume sind zur Hälfte,- mit verbrannten Knochen und Asche gefüllt. Vor den Öfen liegen auf dem Platz vor den Feueröffnungen halbverkohlte Menschenskelette, die die Deutschen verbrennen wollten und die nun durch die Feuersbrunst zerstört wurden. Vor drei Feueröffnungen liegen Männer- oderFrauenskelette, vor den beiden anderen liegen Skelette von Kindern im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren – nach der Größe zu urteilen. Vor jedem Feuerlochliegen fünf bis sechs Skelette. Das entspricht ihrem Fassungsvermögen: in jedenVerbrennungsraum wurden sechs Leichen auf einmal gestopft. Wenn die sechste Leiche nicht Platz fand, schlug die Verbrennungsmannschaft den nicht hineingehendenKörperteil – die Hand oder das Bein oder den Kopf – einfach ab und schloß darauf hermetisch die Ofentür. Im ganzen gibt es dort fünf Verbrennungsräume. Ihre Leistungsfähigkeit war sehr groß. Das Krematorium war so berechnet, daß die Verbrennung der Leichen innerhalb von fünfundvierzig Minuten erfolgte. Doch allmählich lernten es die Deutschen, denVerbrennungsprozeß zu beschleunigen, und verdoppelten durch Erhöhung der Temperatur die Leistungsfähigkeit: die Dauer der Leichenverbrennung wurde von fünfundvierzig Minuten auf fünfundzwanzig Minuten und sogar auf weniger verkürzt. Sachverständige haben bereits diese Dinassteine untersucht und an ihrer Deformierung und Strukturveränderung erkannt, daß die Temperatur hier überfünfzehnhundert Grad betrug. Als ergänzender Beweis dienen die gußeisernen Schieber, die auch deformiert und geschmolzen sind. Nehmen wir als Durchschnittan, daß die Verbrennung jeder Partie Leichen eine halbe Stunde dauerte, und fügen wir hinzu, daß nach übereinstimmenden Aussagen der Schornstein des Krematoriums vom Herbst 1943 an ununterbrochen Tag und Nacht rauchte und das Krematorium wie ein Hochofen keine Minute stillstand, dann ergibt sich, daß ungefähr,vierzehnhundert Leichen täglich verbrannt wurden. Zum Bau des Krematoriums sahen sich die Deutschen besonders auch durch dieVorgänge bei dem Fall »Katyn« genötigt. Sie fürchteten weitere Enthüllungen beider Öffnung der Gruben mit den verscharrten Leichen der Ermordeten, und deshalb unternahmen sie auf dem Gelände des Lubliner Lagers vom Herbst 1943 anumfangreiche Ausgrabungen. Sie gruben aus den vielen umliegenden Gräben die halbvermoderten Leichen der Erschossenen aus und verbrannten sie im Krematorium,um die Spuren endgültig zu verwischen. Die Asche und die verkohlten Knochen aus den Verbrennungsräumen des Krematoriumswurden in dieselben Gräben geschüttet, aus denen die Leichen ausgegraben wurden. Einer dieser Gräben ist schon geöffnet worden. Man fand dort eine fast meterdicke Aschenschicht.
Hinter dem Lager steht noch ein unvollendeter Block. Innerhalb des Stacheldrahts sind nur Ziegelfundamente zu sehen. Die Mauern sind noch nicht errichtet; nur eine Baracke ist fertiggebaut, aber nicht mit Pritschen versehen. Sie war unbewohnt, und dennoch wurde sie vielleicht zum grauenhaftesten Zeugen dessen, was hier vor sich ging. Diese einige Dutzend Meter lange und breite Baracke ist in ihrer ganzen Ausdehnung und in halber Deckenhöhe, d. h. über zwei Meter hoch, angefüllt mit dem Schuhzeug der hier im Laufe von drei Jahren hingerichteten Menschen. Es ist schwer zu sagen, wieviel Paar Schuhe hier liegen. Vielleicht eine Million, vielleicht mehr. Das Schuhzeug hat keinen Platz in der Baracke und fällt aus Fenstern und Türen heraus. An einer Stelle hat sein Gewicht die Wand durchgedrückt, und ein Stück der Wand ist zusammen mit einem Berg von Schuhen eingefallen. Hier finden wir alles: zerrissene russische Soldatenstiefel und polnische Militärstiefel, Männerschuhe und Damenhalbschuhe, Galoschen und vor allem – was das Furchtbarste ist – zehntausende Paar Kinderschuhe: Sandalen, Halbschuhe und Schuhchen für Zehnjährige, Achtjährige, Sechsjährige und Babyschuhe. Man kann sich kaum etwas Grauenvolleres vorstellen als dieses Bild. Ein furchtbares, stummes Zeugnis für die Ermordung Hunderttausender von Männern, Frauen und Kindern! Steigt man über diesen Schuhberg hinweg und gelangt in den rechten Winkel des Schuppens, findet man sogleich die Erklärung für das Bestehen dieses ungeheuerlichen Lagerraums. Hier sind Tausende, ja Zehntausende von Sohlen und Oberleder zusammengelegt und Lederstücke einzeln gesammelt. Hier wurde der Teil des Schuhwerks, der als Fußbekleidung schon unbrauchbar war, aufgetrennt und sortiert, und die Sohlen, Absätze und Oberleder wurden gesondert abgelegt. Wie alles im Todeslager hatte auch diese Sammelstelle ihren nutzbringenden Zweck: von den Ermordeten durfte nichts verlorengehen – weder ihre Kleider noch ihr Schuhzeug, noch ihre Knochen, noch ihre Asche.
In einem der großen Häuser in Lublin ist die letzte Abteilung des Lagers untergebracht. In Dutzenden von Räumen, in Dutzenden großer und kleiner Zimmer ist dort eine riesige Sortierungsstelle für alle Hinterlassenschaften der Ermordeten eingerichtet. In einem Zimmer sehen wir Zehntausende von Frauenkleidern, in einem anderen, einige zehntausend Paar Beinkleider, in einem dritten Zehntausende vonWäschestücken, in einem vierten Tausende von Damentäschchen, in einem fünften Zehntausende von Kinderanzügen und -kleidern, in einem sechsten Rasierzeug, in einem siebenten Mützen und Hüte. Ich sprach mit gefangenen Deutschen, die am Krematorium und an den Leichengräben vorbeikamen. Sie stritten ihre Teilnahme an all dem ab. Sie sagten, nicht sie hätten das getan, sondern die SS. Aber als ich später einen im Lager beschäftigten SS-Mann verhörte, behauptete er, daß die Massenhinrichtungen nicht die SS, sondernder SD, d. h. die Gestapo, vollzogen hätte. Die Gestapoleute hingegen beschuldigten die SS. Ich weiß nicht, wer von ihnen die Menschen verbrannte, wer sie schlechtweg erschlug, wer ihnen die Schuhe von den Füßen zog und wer die Damenwäsche und die Kinderkleidchen sortierte – ich weiß das nicht. Aber beim Anblick dieser Kleidersammelstelle denke ich daran, daß eine Nation,welche Leute hervorgebracht hat, die zu all dem fähig waren, sowohl die volleVerantwortung wie auch den Fluch für die Untaten ihrer Repräsentanten auf sich nehmen muß und nehmen wird. Die Geschichte des Lubliner »Vernichtungslagers« habe ich schon erzählt und sein heutiges Aussehen geschildert. Verweilen wir jetzt bei den Aussagen einzelner Zeugen, mit denen ich gesprochen habe. Ihre Aussagen umfassen vielleicht nur denhundertsten Teil jener Beweismittel, die später das Material für die Untersuchungskommission bilden werden. Ich sprach mit dem russischen kriegsgefangenen Arzt Baritschew, Oberarzt im Lagerlazarett für Kriegsgefangene, und auch mit einem Heilgehilfen desselben Lazaretts, mit Ingenieuren und Arbeitern aus der Zivilbevölkerung, die beim Bau des Lagers tätig waren, und mit Lagerinsassen, sowohl Häftlingen als auch Kriegsgefangenen; ich sprach ebenfalls mit den SS-Leuten, die das Lager bewachten. Aus all diesen Gesprächen erhielt ich ein Gesamtbild über das Leben im »Vernichtungslager«, über das man hier sprechen muß. Die erste Voraussetzung, von der die im Lager herrschenden SS-Leute ausgingen, war folgende: alle, die ins Lager kommen, seien es Kriegsgefangene oder Häftlinge aus der Zivilbevölkerung, seien es Russen, Ukrainer, Polen, Bjelorussen oder Juden, Franzosen oder Griechen usw., sie alle werden früher oder später umgebrachtwerden, nie wird einer lebend aus diesem Lager herauskommen und erzählen können,was dort vor sich geht. Diese erste Voraussetzung bestimmte sowohl das Vorgehen der Wachmannschaft als auch die Methoden für die Ausrottung der Menschen in diesem Lager. Die Toten sind stumm und können nichts mehr erzählen. Sie können von keinen Einzelheiten berichten und diese Einzelheiten mit Dokumenten belegen.
Daher wird niemand Beweise in der Hand haben, und das war, nach Auffassung der Deutschen, das Wichtigste. Natürlich konnten Berichte über das Lager als Ganzes, als Todeslager, zu der Bevölkerung der Umgegend dringen, aber das beunruhigte die Deutschen nicht. Sie fühlten sich in Polen wie zu Hause. Das »Polnische Generalgouvernement« war für sie ein für immer erobertes Land. Die, die hier amLeben geblieben waren, sollten vor allem vor den Deutschen Angst haben, und deshalb waren die entsetzlichen Gerüchte, die über das Lubliner Lager in ganz Polen umgingen, den Deutschen sogar erwünscht. Der Leichengeruch, der an Tagen besonders großer Massenmorde aus dem Lager in die Umgebung drang und die Menschen sogar in Lublin zwang, sich Tücher vors Gesicht zu halten, flößte den Bewohnern der Umgegend Furcht ein. Das sollte ganz Polen eine Vorstellung vermitteln von der Stärke der deutschen Herrschaft und von den Schrecken, denen alle, die Widerstand zu leisten wagten, ausgeliefert waren. Die Rauchsäule, die wochen und monatelangüber dem hohen Schornstein des Hauptkrematoriums stand, war weithin sichtbar, aber das störte die Deutschen nicht. Dieser entsetzliche Rauch sollte ebenso wie der Leichengeruch der Bevölkerung Schrecken einflößen. Tausendköpfige Menschenkolonnen marschierten vor aller Augen über die Cholmer Landstraße, und hatte sich das Tor des Lubliner Lagers hinter ihnen geschlossen, kehrten sie nie wieder von dortzurück. Auch das sollte die Stärke der Deutschen beweisen, die meinten, sich alles, was ihnen beliebte, erlauben zu können und sich dafür vor niemandem verantworten zu müssen. Ich möchte meinen Bericht mit der Beschreibung der »humansten« Einrichtung desLagers, dem Lazarett, beginnen. Alle ins Lager Eingelieferten kamen, bevor sie in die allgemeinen Baracken übergeführt wurden, laut strengster medizinischer Vorschrift für 21 Tage unter Quarantäne. Das entsprach fraglos den Erfordernissen der Hygiene. Hier muß man nur eine Kleinigkeit hinzufügen: alle Kriegsgefangenen, die unter Quarantäne ins Lazarett kamen, wurden laut Befehl der Lagerkommandantur ausschließlich in Baracken untergebracht, in denen Kranke mit offener Tuberkulose lagen.
In jede dieser schrecklich überfüllten Baracken, wo zweihundert Kranke mit offener Tuberkulose lagen, wurden noch je zweihundert Menschen hineingepfercht, die unter Quarantäne standen. Wenn man diese kleine Einzelheit berücksichtigt, so wird es verständlich, daß die Todesursache bei 70 bis 80 Prozent der Menschen, die im Lager sozusagen eines natürlichen Todes starben, Tuberkulose war. Eigentlich war das Lazarett nichts weiter als eine Abteilung des»Vernichtungslagers«. Hier wandten die Deutschen Mordmethoden an, die manchmal schneller wirkten als die in den gewöhnlichen Baracken. Wenn man überhaupt von den Methoden der Ermordung spricht, so muß bemerkt werden, daß sie äußerst mannigfaltig waren und entsprechend der Vergrößerung des Lagers progressiv zunahmen. Der erste Platz für die Massenausrottung war eine Bretterbude, die anfangs, als das Lager gebaut wurde, zwischen zwei Reihen Stacheldraht errichtet wurde. Durch diese Bretterbude lief unter der Decke ein langer Balken, an dem ständig acht Lederschlingen hingen. Hier wurden alle Entkräfteten erhängt. In der ersten Zeit gab es im Lager nicht genügend Arbeitskräfte, und die SS-Leute konnten nicht einfach zu ihrem Vergnügen töten. Sie töteten keinen Gesunden. Sie erhängten nur diejenigen, die durch Hunger und Krankheiten entkräftet waren. Dabei hatten die Kriegsgefangenen eine Vergünstigung. In dieser Bretterbude wurden nur Häftlinge aus der Zivilbevölkerung erhängt. Die Gruppen der entkräfteten und zur Arbeit untauglichen Kriegsgefangenen wurden aus dem Lager hinausgeführt und erschossen. Kriegsgefangene wurden nur dann erhängt, wenn keine ganze Gruppe zusammengestellt werden konnte und es sich nicht lohnte, einen oder zwei Mann in den Wald zuführen. Da wurden ein bis zwei Kriegsgefangene zusammen mit den Häftlingenerhängt. Bald war das erste primitive Krematorium aus zwei Öfen, von dem schonfrüher die Rede war, fertiggestellt. Die Gaskammer kam erst später zur Anwendung,sie war noch nicht fertiggebaut.
Zu dieser Zeit war die Hauptmethode zur Ermordung der Kranken und Geschwächten folgende: an das Krematorium wurde ein kleines Zimmer mit sehr engem und niedrigem Eingang angebaut. Dieser Eingang war so niedrig, daß sich der Eintretende unbedingt bücken mußte. Zwei SS-Leute standen zu beiden Seiten der Tür, und jeder von ihnen hielt eine kurze und schwere Eisenstange in der Hand. Wenn der Mensch, der durch die Tür gehen sollte, mit gebeugtem Kopf eintrat, erhielt er von einem SS-Mann einen Schlag mit der Eisenstange gegen den Halswirbel. Wenn der eine SS-Mann daneben schlug, half der andere nach. Wenn das Opfer dann noch nicht tot war, sondern nur die Besinnung verlor, hatte das keine Bedeutung. Der Gestürzte galt als tot und kam in den Verbrennungsraum des Krematoriums. Allgemein bestand im Lager folgende Regel: wer hingefallen war und nicht mehr aufstehen konnte, galt als tot. Manchmal wurden die erschöpften Opfer stundenlang in den Hof getrieben, damit sie in der Kälte umkamen. Hier muß noch die sogenannte Abendgymnastik erwähnt werden. Sie bestand darin, daß die Leute, die ohnehin entkräftet und durch den Arbeitstagaufs äußerste erschöpft waren, nach der abendlichen Kontrolle gezwungen wurden, anderthalb Stunden lang durch kniehohen Morast – im Winter durch den Schnee und im Sommer in der Hitze – um den ganzen Wohnblock zu rennen. Dieser Weg ist über einen Kilometer lang. Am Morgen wurden die Leichen, die am Zaun des Blocks lagen,eingesammelt. Das waren sozusagen die üblichen, alltäglichen Tötungsmethoden. Aber die Bestien, die schon Menschenblut geschmeckt hatten, benügten sich nicht mitgewöhnlichen Methoden. Die Ermordung ihrer Opfer war nicht nur eine Arbeit,sondern auch eine Zerstreuung. Wir wollen nicht über die »Zerstreuungen« sprechen, die in allen deutschen Lagern üblich waren, wie z. B. das Schießen von denWachtürmen auf Häftlinge, die als Zielscheibe dienten, oder das Totprügeln von Hunderten halb verhungerter Menschen, wenn sie sich auf ihnen hingeworfene Knochen stürzten. Wir erwähnen hier nur einige Zerstreuungen, die typisch für das LublinerLager waren.
Der erste »geistreiche Spaß« sah so aus: einer der SS-Leute schikanierte irgendeinen Häftling und erklärte, daß dieser die Lagerordnung verletzt habe und deshalb erschossen werde. Der Häftling wurde an die Wand gestellt, und der SS-Mann zielte mit seinem Parabellum auf dessen Stirn. In Erwartung des Schusses schloß das Opfer in 99 Fällen von 100 instinktiv die Augen. Da schoß der SS-Mann in die Luft, während ein anderer SS-Mann, der sich inzwischen unbemerkt an den Häftling her angeschlichen hatte, ihm mit einem dicken Brett einen Schlag auf den Kopf versetzte. Der Häftling verlor die Besinnung und fiel hin: Wenn er dann ein paarMinuten später zu sich kam und die Augen öffnete, sagten die vor ihm stehenden SS-Leute lachend: »Siehst du, jetzt bist du im Jenseits. Auch auf der anderen Welt sind Deutsche. Wie du siehst, kannst du dich vor ihnen nirgends retten.« Da der blutüberströmte Mensch gewöhnlich nicht mehr die Kraft hatte, sich zu erheben, so galt er als dem Tode verfallen und wurde schließlich und endlich, nach dem man sich so ergötzt hatte, erschossen. Der »Spaß« Nr. 2 wurde in einem großen Wasserbecken durchgeführt, das sich in einer der Lagerbaracken befand. Der Häftling, den man als Schuldigen auserkor, wurde ausgezogen und in dieses Becken gestoßen. Er versuchte, wieder nach oben zu kommen und aus dem Becken zu klettern. Die SS-Leute, die in seiner Nähe standen, stießen ihn mit ihren Stiefeln wieder ins Wasser zurück. Wenn es ihm gelang, den Schlägen zu entgehen, hatte er das Recht, wieder herauszuklettern. Dabei mußte er aber noch eine Bedingung erfüllen: sich in drei Sekunden völlig ankleiden. Die SS-Leute kontrollierten das mit der Uhr in der Hand. Natürlich konnte sich niemand in drei Sekunden ankleiden. Und er wurde wieder ins Wasser gestoßen, wurde von neuem gequält, bis er ertrank. Der »Spaß«Nr. 3 hatte unbedingt den Tod des Opfers zur Folge, an dem man sich ergötzte. Bevor der Schuldige umgebracht wurde, führte man ihn in die Wäscherei zur silbrigglänzenden Wringmaschine und zwang ihn, die Fingerspitzen zwischen die schweren Gummirollen zu stecken.
Dann begann einer der SS-Leute oder auf ihren Befehl einer der Häftlinge, die Kurbel der Maschine zu drehen. Der Arm des Opfers wurde bis zum Ellbogen oder bis zur Schulter in diese Maschine gepreßt. Das Geschrei des Gemarterten war dabei der Hauptspaß. Selbstverständlich wurde ein Mensch mit zerquetschtem Arm, wie jeder andere, der nicht arbeitsfähig war, gleich nach der Marter umgebracht. Die hier aufgezählten »Vergnügungen« waren sozusagen allgemein üblich. Einzelne SS-Leute ergötzten sich noch auf ihre besondere Art. Ich will nur ein Beispiel anführen, das von zwei Zeugen bestätigt wird. Einer der SS-Leute, der die Arbeiter beim Bau des neuen Krematoriums bewachte, ein neunzehnjähriger Bursche, trat ohne jeden Grund an den gesündesten und hübschesten der dort Arbeitenden heran, befahl ihm, sich zu bücken, und schlug ihn mit aller Kraft mit einem Knüppel auf den Hals. Als jener hinfiel, befahl der SS-Mann zwei anderen Häftlingen, den am BodenLiegenden an den Füßen zu nehmen und ihn mit dem Gesicht nach unten umherzuschleifen, damit er wieder zu sich komme. Als man ihn jedoch hundert Meter über den gefrorenen Boden geschleift hatte, war er noch nicht zu sich gekommen und lag regungslos. Da packte der SS-Mann ein hohles Zementrohr, das für dieKanalisation bestimmt war, hob es auf und warf es dem am Boden Liegenden auf denRücken. Dann hob er das Rohr wieder auf, warf es wieder, und das wiederholte er fünf mal. Nach dem ersten Schlag mit dem Rohr zuckte der am Boden Liegende im Todeskrampf. Nach dem zweiten Schlag war er wieder reglos. Nach dem fünften Schlagbefahl der SS-Mann, ihn umzudrehen, und schob ihm mit seinem Stock die Augenlider hoch. Als sich der SS-Mann überzeugt hatte, daß sein Opfer tot war, spie er aus, zündete sich eine Zigarette an und ging seines Wegs, als ob nichts geschehen wäre. Nebenbei gesagt, war das nicht nur das Resultat seiner persönlichen ungeheuerlichen Veranlagung. In den Herbst- und Wintermonaten 1943 hielt es jederSS-Mann für seine Pflicht, damit zu prahlen, daß er am Tage nicht weniger als fünf Häftlinge umgebracht habe. Ich möchte noch über die Frauen sprechen.
In manchen Monaten waren im Lager bis zu zehntausend Frauen. Sie wurden genau so wie die Männer behandelt, nur mit dem einen Unterschied, daß sie von SS-Weibern bewacht wurden. Ich will über eine dieser Furien erzählen, die im Unteroffiziersrang stand und Oberaufseherin der Frauenbaracken war. Leider ist es bisher noch nicht gelungen, ihren Namen festzustellen, weil sie bei allen einfach nur unter der verstümmelten deutschen Bezeichnung »Lagerseherka« bekannt war. Diese »Lagerseherka« erschien nie ohne eine Peitsche. Ein zwei Meter langer, elastischer Stahldraht, umwickelt mit Gummi und mit Leder bespannt – das war die Peitsche. Die »Lagerseherka« war eine mißgestaltete hagere Megäre, die sich durch perversen Sadismus auszeichnete und halb verrückt war. Bei der Morgen- und Abendkontrolle suchte sie unter den erschöpften und abgemagerten Frauen die hübscheste aus, die noch mehr oder minder menschlich aussah, und schlug sie grundlos mit der Peitsche auf die Brust. Wenn das Opfer, von diesem Schlag getroffen, zu Boden fiel, erhielt es einen zweiten Peitschenschlag zwischen die Beine, wohin dann ein dritter Stoß mit dem beschlagenen Stiefel folgte. Gewöhnlich konnte sich eine solche Frau nicht mehr erheben und mußte, bevor sie aufstand, noch lange auf dem Boden kriechen, wobei sie Blutspuren hinterließ. Nach eineroder zwei solcher Mißhandlungen wurden die Frauen zu Krüppeln und starben bald. Es fällt schwer, über all das zu sprechen. Es bleibt nur noch zu hoffen, daß dieses entsetzliche Geschöpf und Tausende, die ihr gleichen, beim Namen genannt, ausfindig gemacht und hingerichtet werden, also wenigstens den hundertsten Teil der verdienten Strafe büßen werden.
Bisher sprachen wir über die Martern und den Tod jener, die eine mehr oder minderlange Zeit im Lager waren. Aber das Lager bei Lublin war eine echte Todesfabrik, und viele Menschen wurden hier sofort nach ihrem Eintreffen umgebracht. Solche sind in drei Jahren zu Hunderttausenden durch dieses Lager gegangen. Fast täglichwurden Opfer aufs Todesfeld geführt. In den Nächten ratterten innerhalb des Lagers Traktoren, eigens angekurbelt, um das Knattern der automatischen Pistolen und die Schreie der zu Tode Getroffenen zu übertönen. Wenn der Traktor zu rattern begann, wußten im Lager alle, daß für Tausende die letzte Stunde geschlagen hat. Wir wollen nur ein paar Worte über eine einzige dieser Erschießungen sagen, über die größte Erschießung, die am 3. November 1943 vor sich ging. Frühmorgens wurde die ganze Wache alarmiert und das Lager durch eine Doppelkette von Gestapoleuten abgesperrt. Von der Cholmer Landstraße zog sich durch das Lager ein endloser Menschenzug, dessen Reihen aus je fünf an den Händen zusammen gebundenen Personen bestanden. Ihre Zahl betrug an diesem Tage achtzehntausend. Die eine Hälfte bestand aus Männern, die andere aus Frauen undKindern. Die Kinder bis zu acht Jahren gingen zusammen mit den Frauen, die älteren Kinder bildeten eine Gruppe für sich. Sie gingen auch zu fünft in einer Reihe undwaren ebenfalls an den Händen zusammengebunden. Zwei Stunden, nachdem die Spitze des Zuges im Lager verschwunden war, ertönte im ganzen Lager und in seiner Umgebung Musik. Aus Dutzenden von Lautsprechern schallten ohrenbetäubende Foxtrotts und Tangos. Das Radio spielte den ganzen Morgen, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Diese achtzehntausend Personen wurden auf offenem Feld neben dem neuen Krematorium erschossen. Einige zwei Meter breite und mehrere hundert Meter lange Gräben wurden ausgehoben. Zunächst wurden alle dem Tode Geweihten völlig ausgezogen und mußten sich nackt in diese Gräben legen. Kaum lag eine Reihe Menschen im Graben, wurden sie aus automatischen Pistolen von oben erschossen. Dann wurde die zweite Schicht hineingelegt, und wieder begann die Erschießung. Und das dauerte so lange, – bis der Graben angefüllt war. Dann mußten die am Leben Gebliebenen diesen Graben mit Erde zuschütten, und sie selbst kamen in den nächsten Graben, wo nun sie erschossen wurden. Nur die letzte Reihe der Ermordetenin dem letzten Graben wurde von den Gestapoleuten selbst zugeschüttet. Man vergrubsie so, daß sie nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt waren.
Am nächsten Tag begann man, die Leichen der Ermordeten mit ungewöhnlicher Hast ind en Öfen des neuen Krematoriums zu verbrennen. Auf diese Weise brachten die Deutschen an einem Tag achtzehntausend Menschen um. Zum Schluß müssen noch zwei Deutsche erwähnt werden, oder richtiger, ein Deutscher und eine Deutsche, die gefangengenommen worden sind. Der Deutsche hatte direkt, die Deutsche indirekt damit zu tun, was im Todeslager vorging. Der Deutsche heißt Theodor Schollen. Ihn hat noch nicht die verdiente Strafe ereilt, er lebt noch. Er ist 41 Jahre alt. Geboren ist er in Düsseldorf. 1937 trat er in die Nationalsozialistische Partei und später in eine SS-Abteilung ein. Im Juli 1942 kam er im Lubliner Lager an und wurde dort Rottenführer der SS. Seinem Beruf nach ist er Fleischer aus dem Berliner Schlachthaus, und im Lager übte er das Amt eines Verwalters aus. Zu seinen Pflichten gehörte es, die im Lager eintreffenden Häftlinge auszuziehen, zu durchsuchen, ihnen ihre Kleider abzunehmen, bevor sie in die Gaskammer geschickt wurden. Er nennt sich Lagerverwalter und sagt, daß er derSS-Abteilung irrtümlich in betrunkenem Zustand beigetreten sei. Er sagt, daß er sich zu den Häftlingen äußerst human benommen habe, und plärrt, wenn bei der Gegenüberstellung die Zeugen, die durch seine Hände gegangen sind, ihn daran erinnern, wie er auf der Suche nach Brillanten, die in der Zahnhöhle versteckt sein konnten, mit einer Schlosserzange den Leuten die Zähne herausgerissen und die Goldkronen von den Zähnen gebrochen hat, die in den amtlichen Listen über die abgenommenen Gegenstände nicht geführt wurden und die er sich also aneignen konnte. Er schwört, daß er nichts weiter als Unteroffizier bei der SS war und die Menschen von dem SD, d. h. Gestapo, umgebracht wurden. Als er entlarvt wird, lügt er und vergießt so dicke Tränen, daß ihm ein naiver Mensch im ersten Augenblick glauben könnte. Das über den Deutschen.
Nun zu der Deutschen. Sie heißt Edith Schostek, ist einundzwanzig Jahre alt und stammt aus Mitteldeutschland. Sie kam vor zwei Jahren nach Lublin laut Gesetz, nach dem alle deutschen Mädchen, die neunzehn Jahre alt geworden sind, für den Staat arbeiten müssen. Sie kam für ein Jahr und blieb zwei Jahre. Sie mordete nicht und schlug die Frauen nicht mit der Peitsche vor die Brust. Sie war nur eine Stenotypistin beim deutschen Direktor des Lubliner Kraftwerks, und ihre Hände sind nicht mit Blut befleckt. Aber wie wir sie eingehend verhören, stellt sich eine Kleinigkeit heraus. Sie und ihre Schwester, die auch in Lublin arbeitete, erhielten als zusätzliche Entschädigung Kleidungsstücke aus jener Sammelstelle für die Hinterlassenschaft der Hingerichteten, die dem Leser schon bekannt ist. Sie und ihre Schwester erhielten von dort Spitzen und Schuhe. Andere erhielten vielleicht Wäsche und Kleider. Wieder andere, die Kinder hatten, bekamen Kinderhemdchen und Schuhe der ermordeten Kinder. So schließt sich die Kette, die ganz Deutschland umspannt. An einem Ende dieserKette steht der Henker Theodor Schollen, der den Leuten die Goldzähne heraus riß und sie in die Gaskammer stieß, am anderen Ende der Kette steht Edith Schostek, die lediglich für ihre Arbeit die Kleidungsstücke der Ermordeten erhielt. Sie stehen an verschiedenen Enden der Kette, aber es ist die gleiche Kette. Mehr oder minder werden sich alle verantworten müssen. Mögen sie einander nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Mögen sie ein für allemal begreifen: sie alle werden für ihre Taten einstehen müssen.

Antisemitismus in der konformistischen Revolte, der Frieden und die prekäre Lage Israels

Die Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus hat in der Auseinandersetzung um die Ukraine eine wichtige Rolle gespielt. Der Aufstand gegen die ukrainische Regierung unter Janukowitsch war vor allem auch deswegen erfolgreich, weil die Massenbewegung des Maidan Unterstützung durch bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Gruppierungen fand, die in der Ukraine eine lange und schreckliche Tradition haben. Russland und andere um den Weltfrieden besorgte Kräfte warn(t)en vor Antisemitismus und Faschismus, so dass man sich verwundert die Augen reibt, waren diesen das Schicksal der lebenden Juden doch bisher eher gleichgültig, bzw. taten und tun diese sich in der Vergangenheit und Gegenwart besonders dadurch hervor, die Feinde des jüdischen Staates unter besondere Protektion zu stellen und den jüdischen Staat zu delegitimieren. Die Beteiligung der extremistischen und antisemitischen Kräfte am Aufstand und an der ukrainischen Übergangsregierung hat auf der anderen Seite Politiker der EU und der USA – wenn überhaupt – zu bisher eher lauwarmen Erklärungen veranlasst, von einer gebotenen Isolierung und Ächtung dieser Kräfte, gar von Sanktionsdrohungen, sollten diese Kräfte an der Regierung beteiligt bleiben, keine Spur.

Andere versuch(t)en sich in Zweckoptimismus und geben sich der Hoffnung hin, dass der Einfluss von Antisemiten und extremen Nationalisten in der Ukraine (und anderswo in Europa) begrenzt bleibt. Einige hoffen, dass auf die Erklärung der ukrainischen Nationalisten, sich ihrer antisemitischen Tradition entledigt zu haben, Verlass ist und dass es die demokratischen Kräfte sein werden, denen die Zukunft in der Ukraine gehört. Obwohl Israel die in dieser Situation einzig bedeutsame Erklärung abgab, dass für die bedrohten Juden die Möglichkeit der Emigration nach Israel und in der Schulung in Selbstverteidigung besteht, geriet der nahe liegende Zusammenhang von der Bedeutung Israels für die Sicherheit des jüdischen Individuums angesichts einer manifesten antisemitischen Drohkulisse nie in den Blick der sich häufig als Freunde Israels gerierenden Regierungsvertreter der EU-Staaten.

Angesichts aufbegehrender Massen in einer konformistischen Revolte ist es um den Schutz insbesondere des jüdischen Individuums traditionell schlecht bestellt. Die Aufstände in den arabischen Nationen, die Zuspitzung der kapitalistischen Krise in Griechenland, die in Europa und auch in Deutschland zu beobachtenden Protestformen und die sie begleitenden ideologischen Rechtfertigungen verweisen darauf, dass die Ukraine nicht die letzte Gesellschaft gewesen ist, in der es zum Aufbegehren der Massen gekommen ist, das sich gegen die für das Individuum existentiell bedrohlichen Erscheinungen der kapitalistischen Moderne richtet, ohne deren Grundlagen in Frage zu stellen. Die Geschichte beweist, es ist häufig nur ein kurzer Schritt vom konformistischen Massenprotest zum Pogrom. Seit Jahrhunderten suchten die Juden – nicht immer vergeblich – den Schutz bei den Mächtigen und setzten – fast immer vergeblich – auf die Hoffnung, dass die Vernunft gegenüber der Raserei Oberhand behielte. Auch die Hoffnung auf die Proklamation der Bürgerrechte, auf den demokratischen Staat oder dessen Pendant, den sozialistischen erwies sich als Illusion. Es sind eben nicht nur die rasenden Massen, die zur Gefahr werden und die ggf. vom Staat noch in die Schranken gewiesen werden könnten. Weil die Politik kapitalistischer Krisenbewältigung zur Delegitimierung staatstragender Parteien des demokratischen Spektrums führen muss, entwickelt sich auch das, u.a. im Wahlverhalten Ausdruck suchende, Unbehagen sich sonst eher passiv verhaltener Massen, zu einer besorgniserregenden Situation des Bedeutungszuwachses rechtsextremer Parteien, die in der Regel mit dem verharmlosenden Begriff des Rechtspopulismus belegt werden, ohne dabei zu reflektieren, dass die populistischste Partei der Rechten die NSDAP war. Die Entwicklung in Frankreich kann einem daher nur Angst und Bange machen. Ebenfalls ist nicht ausgemacht, dass es in Deutschland „nur“ bei der bisherigen Paktiererei staatlicher Exekutivorgane mit Naziterroristen bleibt. Auch sonst ist die Situation in Europa nicht beruhigend

Israel ist der notwendig staatlich gewordene Ausdruck für die bittere Lehre, dass nur die Organisation der Selbstverteidigung eine Gewähr für das Überleben der Juden bietet. Insofern ist dieser Staat ein ständiges Ärgernis des in seiner latenten und manifesten Daseinsform existierenden Antisemitismus und so spielt die „Suche nach einer Lösung des Nah-Ost-Konflikts“, die Israel als handelndes Subjekt oder gar in Gänze in Frage stellt, eine zentrale Rolle seit der Gründung dieses Staates. Schon 1967 stellte der Dichter Dürrenmatt fest, dass das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen wird, dass dies „beinahe einer Kriegserklärung“ an Israel gleichkommt. Gemeinsamer Nenner dieser Friedensdiskurse ist, dass die israelische Politik und die israelischen Interessen zu zentralen Problemen erklärt werden und im Kleinbeigeben des „Störenfrieds“ Israels die Schlüsselrolle für eine friedvolle Zukunft des Nahen-Ostens gesehen wird. Und so sieht sich die israelische Regierung einem besonderen Druck der so genannten Friedensdiplomatie ausgesetzt. Die EU und auch die USA – so scheint es – wollen endlich „Ruhe“ im Nahen Osten und stellen sich der im Nahen Osten nach wie bedeutsamen Option von der Eliminierung Israels – für die insbesondere die Politik des Irans steht – gegenüber zunehmend taub. Es wird alles daran gesetzt, dass Israel einer „Endlösung“ zustimmt, die zur Preisgabe sicherheitspolitischer Interessen Israels und seiner Rolle als Nation, die das Schicksal in den eigenen Händen behält, führen wird. Die Möglichkeit den vom Antisemitismus bedrohten Juden eine sichere Heimstatt zu bieten wird somit die Grundlage entzogen.

Insofern sind sowohl der Antisemitismus in der Ukraine, in Ungarn und anderswo als auch die Ignoranz oder Beschwichtigung diesem gegenüber* sowie die Versuche der Entmündigung des israelischen Staates in der Friedensdiplomatie gleichermaßen ideologischer Ausdruck einer Gesellschaftsform, in der nicht die revolutionäre Umwerfung der verkehrten Verhältnisse auf der Tagesordnung steht sondern die institutionalisierte Krisenbewältigung und/oder die konformistischer Revolte. Dass sich in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands alle Spielarten dieser Ideologie wiederfinden – Gerhard Schröders Putinapologie, Frank-Walter Steinmeiers nassfrosche Ignoranz der Schlägertrupps auf dem Maidan und Siegmar Gabriels  und Martin Schulz‘ Schelte Israels – verdeutlicht diesen Zusammenhang.

* die Warnung vor Antisemitismus und Faschismus der russischen Regierung und Medien sind instrumenteller Natur und haben daher keine andere Qualität als die weitgehende Ignoranz vieler Regierungsoffizieller in den EU-Staaten gegenüber den antisemitischen Strömungen.

J.D.

Das Bündnis gegen Antisemitismus lädt am 10.04.2014 zu einer Veranstaltung mit Tilman Tarach ein. Dort soll die Rolle der Friedensverhandlungen vor dem Hintergrund der israelischen Geschichte diskutiert werden.

Babij Jar

Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang – der eine, unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein Jude.
Wir ziehn aus Ägyptenland aus, ich zieh mit.
Man schlägt mich ans Kreuz, ich komm um,
und da, da seht ihr sie noch: die Spuren der Nägel.
Dreyfus, auch er,
das bin ich.
Der Spießer
denunziert mich,
der Philister
spricht mir das Urteil.
Hinter Gittern bin ich.
Umstellt.
Müdgehetzt.
Und bespien.
Und verleumdet.
Und es kommen Dämchen daher, mit Brüsseler Spitzen,
und kreischen
und stechen mir ins Gesicht
mit Sonnenschirmchen.
Ich glaube, ich bin jetzt,
ein kleiner Junge in Bialystok.
Das Blut fließt über die Diele, in Bächen.
Gestank von Zwiebel und Wodka, die Herren
Stammtisch-Häuptlinge lassen sich gehn.
Ein Tritt mit dem Stiefel, ich lieg in der Ecke.
Ich fleh die Pogrombrüder an, ich flehe – umsonst.
«Hau den Juden, rette Rußland!» -:
der
Mehlhändler hat meine Mutter erschlagen.
Mein
russisches
Volk!
Internationalistisch
bist du, zuinnerst, ich weiß.
Dein Name ist fleckenlos, aber
oft in Hände geraten, die waren nicht rein;
ein Rasselwort in diesen Händen, das war er.
Meine Erde – ich kenne sie, sie ist gut, sie ist gütig.
Und sie, die Antisemiten, die nieder-
trächtigen, daß
sie großtun mit diesem Namen:
«Bund des russischen Volks»!
Und nicht beben und zittern!
Ich glaube, ich bin jetzt sie:
Anne Frank.
Licht-
durchwoben, ein Zweig
im April.
Ich liebe.
Und brauche nicht Worte und Phrasen.
Und brauche:
daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.
Wenig Sichtbares noch,
wenig Greifbares!
Die Blätter – verboten.
Der Himmel – verboten.
Aber einander umarmen, leise,
das dürfen, das können wir noch.
Sie kommen?
Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.
Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.
Rück näher.
Mit deinen Lippen. Wart nicht.
Sie rennen die Tür ein?
Nicht sie. Was du hörst, ist der Eisgang,
die Schneeschmelze draußen.
Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum am,
mit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde grau.
Und bin – bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
tausend Begrabene hin.
Jeder hier erschossene Greis -:
ich.
Jedes hier erschossene Kind -:
ich.
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!
Die Internationale —
ertönen, erdröhnen soll sie,
wenn der letzte Antisemit, den sie trägt, diese Erde,
im Grab ist, für immer.
Ich habe kein jüdisches Blut in den Adern.
Aber verhaßt bin ich allen Antisemiten.
Mit wütigem, schwieligem Haß,
so hassen sie mich –
wie einen Juden.
Und deshalb bin ich
ein wirklicher Russe.

Jewgeni Jewtuschenko 1961 (Übersetzt von Paul Celan)
(In englisch und in transliterierter russischer Fassung, hier)

In Babij Jar – eine Schlucht in der Umgebung Kiews – wurden am 29. und 30. September 1941 mehr als 33.000 Juden von deutschen Einheiten (des SD und der 6. Armee der Wehrmacht) erschossen. In den folgenden Tagen wurde weitere 20.000 Juden umgebracht. Bis zur Einnahme Kiews durch die Rote Armee wurden dort mehr als 100.000 Menschen von deutschen Tätern ermordet.

Erst 1976 wurde ein Mahnmal in Babij Jar errichtet, das jedoch den Mord an den Juden nicht thematisierte. Mittlerweile existiert in Babi Jar eine Gedenkstätte*, die den ermordeten Juden gewidmet ist.

Roland Lauder, Massaker von Babyn Jar. Wir brauchen mehr Gedenken an den Holocaust, nicht weniger, in: Die Welt, 29.09.2016

Die Schatten von Babij Jar“ in der Jüdische Allgemeine 29.09.2011.

Die Fernsehserie „Holocaust“ und der – jedoch kritikwürdige – Film „Babij Jar. Das vergessene Verbrechen“ beschäftigen sich mit diesem Thema.

Der Dichter Jewgeni Jewtuschenko wurde mit seinem 1961 in der Literaturnaya Gazeta erschienenen Gedicht Babij Jar auch im Westen bekannt. Das Gedicht Jewtuschenkos verarbeitete der Komponist Dmitiri Schostakowitsch in seiner 13. Sinfonie (13. Sinfonie). Übersetzt wurde das Gedicht von Paul Celan. Paul Celan überlebte als einziger seiner Familie die deutsche Ausrottungspolitik und thematisierte als einer der ganz wenigen Autoren im Nachkriegsdeutschland die deutsche Vernichtungspolitik.

Babij Jar ist Thema des gleichnamigen Romans des sowjetischen Autors  A. Anatoli (Kusnezow), der das Massaker als Kind mit angesehen hatte. Sein Roman erschien in der Sowjetunion (und in der DDR) nur in einer zensierten Fassung. 1970 erschien der Roman im Westen erstmals in einer unzensierten Fassung. Die in der Sowjetunion gestrichenen Passagen wurden in dieser Ausgabe kenntlich gemacht.

Ilja Ehrenburg befasste sich mit Babij Jar im dritten Abschnitt seines Romans Sturm und schrieb schon 1944 das Gedicht Babij Jar. Auf deutsch ist dieses Gedicht meines Wissens nie erschienen. (Eine Übertragung in das Deutsche wurde mir freundlicher Weise von einem aufmerksamen Leser zur Verfügung gestellt.)

Siehe auch den Beitrag von Rupert Moreton, Babi Yar (Бабий Яр), Ilya Ehrenburg

БАБИЙ ЯР

К чему слова и что перо,
Когда на сердце этот камень,
Когда, как каторжник ядро,
Я волочу чужую память?
Я жил когда-то в городах,
И были мне живые милы,
Теперь на тусклых пустырях
Я должен разрывать могилы,
Теперь мне каждый яр знаком,
И каждый яр теперь мне дом.
Я этой женщины любимой
Когда-то руки целовал,
Хотя, когда я был с живыми,
Я этой женщины не знал.
Мое дитя! Мои румяна!
Моя несметная родня!
Я слышу, как из каждой ямы
Вы окликаете меня.
Мы понатужимся и встанем,
Костями застучим - туда,
Где дышат хлебом и духами
Еще живые города.
Задуйте свет. Спустите флаги.
Мы к вам пришли. Не мы - овраги.

(1944)

* Zur Gedenkstätte in Babij Jar informiert die Seite Gendenkstättenportal zu Orten der Erinnerung in Europa: Denkmalanlage Babij Jar