Kurt Reuber und die Sehnsucht nach dem guten Deutschen

Vor 70 Jahren starb der Vernichtungskrieger, Arzt und „Anti-Nazi“ Kurt Reuber in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Der in Kassel geborene Reuber wurde 1939 in die Wehrmacht als Truppenarzt einberufen und auf dem Balkan und in der Sowjetunion eingesetzt – eben genau dort, wo die sechste Armee ihre Blutspur der Vernichtung zog. Dann nach Stalingrad geschickt, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Grund genug für die HNA an ihn im Artikel „Sinnbild sieghaften Lebens“ zu erinnern. Die HNA berichtet, dass Reuber dem religiösen Sozialismus nahe stand, seine Tochter wird zitiert: „Er war ganz stark Anti-Nazi“*. Aufgrund einer Predigt als Vikar zum Volkstrauertag hätten ihn SA-Männer später in Kassel zusammengeschlagen und er sei bespitzelt worden.

Es ist nicht zu leugnen, auch nach der Machtergreifung Hitlers ging das alltägliche Leben für die meisten Deutschen weiter. Eltern waren liebevoll, gleichgültig oder Ekelpakete, an der Arbeit hatte man Kollegen, auf die man sich verlassen konnte, welche vor denen man sich in Acht nehmen musste, es gab Chefs, mit denen konnte man auskommen und welche, die waren unerträglich. Auch nach 1933 blühten im Frühjahr die Obstbäume und wurden die Wälder im Herbst bunt, die Kinder spielten und lärmten in den Gärten und auf den Straßen und wer es sich leisten konnte, fuhr in den Urlaub und Sonntags ging es in die Badewanne. Viele ärgerten sich über alltägliche Probleme, von denen sie annahmen, es könnte auch anders sein, andere waren mit ihrem Leben rundum zufrieden. Lediglich für eine abnehmende Zahl an konsequenten Regimegegnern, für Juden, Sinti und Roma und für behinderte Menschen dürfte diese Feststellung nicht gelten.

Sinnbild einer deutschen Lüge

Sinnbild einer deutschen Lüge

Viele der politischeren Menschen, oder einfach diejenigen, für die Menschlichkeit keine hohle Phrase war, waren sicher befremdet und entsetzt, als sie feststellten mit welcher Brutalität die Nazis gegen Regimegegner, Juden, „Volksfeinde“ und „-schädlinge“ hetzten und vorgingen. Manche von ihnen machten vielleicht sogar den Mund auf, wenn ein ihnen bekannter Nazi im persönlichen Umkreis seine Meinung kund tat, andere wiederum halfen Verfolgten, oder zeigten mit Gesten, dass ihnen deren Schicksal nicht gleichgültig war und die sich formierende Volksgemeinschaft ein Gräuel. Andere, wie z.B. einige wenige Pfarrer hatten den Mut, ihren Zuhörern ins Gewissen zu reden – zu diesen Menschen gehörte wohl auch Reuber. Diese Menschen gehörten zu dem Teil der Bevölkerung, die der Hitlerpartei und die diese unterstützenden Parteien und Gruppierungen ihre Stimme bei den Wahlen nicht gaben, sondern SPD, KPD oder andere Parteien, Gruppierungen, Vereinigungen und/oder Zusammenhänge wählten und/oder unterstützten. 1933 machten sie, je nach Region etwa 1/3 bis zur Hälfte der Bevölkerung aus. Das war auch in und um Kassel so. In einigen Dörfern rund um Kassel, waren die Gegner der Nazis in der Mehrzahl, in Kassel selbst waren die Nazis überdurchschnittlich stark. Doch auch nach 1933 gingen sie – bis auf die Verhafteten und Erschlagenen – hier wie dort weiter arbeiten, lebten ihr Familienleben, ärgerten und freuten sich über Alltägliches. Zu diesen Menschen gehörte wohl auch jener Reuber.

Auch in der Wehrmacht, die in fast alle europäischen Länder einmarschierte, um dort ein verbrecherisches Raub- und Terrorregime zu errichten, gab es vielleicht bisweilen nur ein Drittel überzeugte Regimeanhänger. Der Rest der Mannschaften nahmen vielleicht eine gleichgültige oder z.T. sogar ablehnende Haltung gegenüber dem Naziregime ein. Das war in den Einsatzgruppen, die hinter der Front ihr Vernichtungswerk ausübten nicht viel anders. Die Entscheidung, den Schritt zu tun, sich aktiv gegen das Regime zu wenden, taten weder diese Menschen in der Wehrmacht, noch die an der „Heimatfront“. Kurzum, die Deutschen verhielten sich zwischen 1933 und 1945 ganz alltäglich. Sie hatten es aber mit nichtalltäglichen Verhältnissen zu tun, oder anders formuliert, das Alltägliche war in Deutschland das unvorstellbare Grauen – für die Anderen. Während z.B. Reuber die Maria und das Christuskind für die eingekesselten Soldaten zeichnete, wurden in ganz Europa Juden aufgespürt und zusammen getrieben, um in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Maidanek wie Ungeziefer vernichtet zu werden. Während Reuber „12 Stunden“ (Wikipedia) am Tag operierte, also bis zur Erschöpfung die Landser wieder zusammenflickte, deren Aufgabe es war, die Rote Armee daran zu hindern, der deutschen Vernichtungspolitik den Garaus zu bereiten, rotteten deutsche Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in Handarbeit die Juden aus.

Der deutsche Alltag war ab 1933 sowohl im Frieden als auch im Krieg untrennbar verknüpft mit der sämtliche menschlichen Werte negierenden deutschen Politik. Der liebevolle Vater, der mit schallendem Lachen sein Kind etwas vorsang und es herzte ist untrennbar verbunden mit dem auf der Bogerschaukel gemarterten KZ-Häftling, ein heilender Arzt war untrennbar verbunden mit den in den Gaskammern Eingeschlossenen, die in Todesangst die Klappe im Auge hatten, durch die das Zyklon B hineingeworfen wurde, das sie grausam ersticke. Der Wunsch nach dem Abstellen des Friedenswidrigen, der Reuber wie sicher auch viele andere Menschen in Deutschland umtrieb, war untrennbar verbunden mit dem deutschen Maschinengewehr- und Kanonenfeuer auf die, gegen die deutschen Stellungen anrennenden und dabei millionenfach verreckenden Rotarmisten, die es unter dem Einsatz ihres Lebens versuchen mussten, diejenigen aus ihrem Land und schließlich den osteuropäischen Ländern zu vertreiben, die die Vernichtungspolitik vollzogen und/oder erst möglich gemacht hatten.

Hitlerdeutschand verkörperte sich nicht nur in den braunen Hitler zujubelnden Horden, nicht nur in jenen, die sich das Eigentum der Vertriebenen und Ermordeten aneigneten und nicht nur in dem Agieren der KZ-Wächter und Einsatzgruppen, sondern eben auch im ganz normalen Alltag der Deutschen. Der im Mai blühende Kirschbaum im deutschen Vorgarten stand genauso für Hitlerdeutschland, wie singende und lachende blondbezopfte und wohlgenährte Kinder, die darunter Ringel-Rein tanzten, der mit seinen Angehörigen an einem deutschen See in der Sonne liegende Urlaubsgänger genauso, wie der, heimlich seine Faust in der Tasche ballende, Unzufriedene und in innerer Emigration verweilende Humanist. Es gab kein anderes Deutschland. Diejenigen, die ob der offensichtlichen Barbarei den einzig gültigen kategorischen Imperativ vollzogen, nämlich aktiven Widerstands zu leisten oder zu emigrieren, waren die wenigsten. Es waren z.B. Thomas Mann und  Marlene Dietrich und jene schnell weniger werdenden Kommunisten und Sozialisten, die zu Beginn der Naziherrschaft (und später auch die Gruppe um die Geschwister Scholl), auf den Aufstand gegen Hitler hoffend, noch tausendfach Flugblätter verteilten, Parolen an die Wände pinselten und hin und wieder eine rote Fahne an einen Fabrikschornstein hissten, oder gar ein paar SA-Männer verdroschen. Es waren Einzelgänger wie Georg Elser, der mit Sprengstoff Hitler zu beseitigen versuchte, es war die Baumgruppe, die in Berlin einen Brandanschlag auf eine Propagandaausstellung verübte, es war die Rote Kapelle, die wichtige Daten an die Sowjetunion weitergab und es waren die Zwangsarbeiter, die in den Rüstungsbetrieben Sand in die Panzer- und Flugzeuggetriebe streuten, die Zünder der Granaten falsch zusammenmontierten und ähnliche Sabotageaktionen vollzogen.

Kirschbaum

Auch die Kirschen blühten in den Jahren 1933 – 1945 in Deutschland. „Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt.“ (T.W. Adorno)

Die Madonna Reubers ist nicht der Inbegriff der Grausamkeit des Krieges, sondern Sinnbild der deutschen Lüge, dass es ein gutes Leben, dass es den guten Deutschen auch unter Hitler geben konnte. Als weiterer aktueller Ausdruck dieses Wunsches in Kassel steht auch die vereinte Abwehr gegen die Erkenntnis zweier Historikerinnen, dass der Kasseler Oberbürgermeister und Sozialdemokrat Karl Branner ein Nazi war, die soweit führt, dass nun eine Historikerkommission ins Leben gerufen wird, um die schlichte Schlussfolgerung der Forscherinnen zu hinterfragen, dass jemand, der den Nazijargon in seiner wissenschaftlichen Arbeit benutzt, Naziuniformen trägt und Naziorganisationen angehört, ein Nazi – und somit Täter – war. Die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in der Nazidiktatur ist unmittelbar mit der ewigen Litanei des Wunsches nach Versöhnung verknüpft, für die dann in der HNA nur drei Tage nach der Litanei über Reuber die Schwester eines in der Sowjetunion gefallenen und jüngst identifizierten Vernichtungskriegers aus Kassel herhalten muss. Dieser Wunsch nach Versöhnung spiegelt sich auf der nationalen Ebene bis heute in der unablässigen Erinnerungsarbeit der Deutschen wieder.

Doch weder Reuber noch seine Madonna, noch die frommen Wünsche einer Schwester eines gefallenen Wehrmachtsangehörigen und noch viel weniger die offiziöse Gedenkpolitik in Deutschland können ein Beitrag zur Versöhnung sein. Der deutsche Arzt, der die deutschen Truppen auf ihrem Vernichtungsfeldzug begleitete, sah, wie vermutlich viele andere halbwegs klar denkenden Wehrmachtsangehörigen auch, in den Steppen keine Untermenschen, sondern Menschen mit reinen Augen und Kinder die hinter ihm herliefen. Es waren Verlorene, Hoffnungslose und Verängstigte, die keine Kraft mehr besaßen, um gegenüber den Angehörigen der deutschen Besatzungstruppen wenigstens die ihnen gebührende Verachtung auszudrücken, oder ihnen ein Messer in den Rücken zu stoßen, eine Handgranate in ihr Truppenquartier zu schmuggeln, sie hinterrücks mit einer Pistole zu erschießen etc.

Der Inbegriff des deutschen Krieges bleibt Auschwitz, bleibt das belagerte Leningrad, bleiben die Gruben von Babi Jar usw. Auschwitz, Leningrad, Babi Jar als Inbegriffe deutschen Vernichtungsfurors werden nie einen Anlass zur Versöhnung bieten können – nur Anlass zur Sühne. Im Gegensatz zu den Versuchen, sich über den Gräbern gefallener Soldaten die Hand zur Versöhnung zu reichen, was nach 1918 vielleicht noch eine adäquate Geste gewesen wäre, wäre und ist dieser Akt über der Asche der Verbrannten in Auschwitz, Sobibor, Treblinka, den Erschossenen in Babi Jar und den Ausgehungerten in Leningrad usw. undenkbar, es wäre und ist ein Akt der Verhöhnung. Stalin schlug gegen Ende des Krieges vor, mehrere 10.000 deutsche Offiziere zu erschießen, dieser Akt wäre sicher eine Genugtuung für den einen oder anderen Überlebenden gewesen. Eine angemessene Sühne für die Jahre währende deutsche Terrorherrschaft wäre auch dies nicht gewesen.

J.D.

* kursiv: Zitate aus „Sinnbild sieghaften Lebens“ (HNA, 20.01.2014).