Für Storch und Ehre – Kassels Gedenken

Manchmal tut sie es eben in doppelter Packung. Heute auf der ersten Seite äußert die HNA ihren Stolz, dass der Fieseler Storch aus Paderborn zurückkehrt. Der Fieseler Storch war Produkt deutscher Ingenieurskunst, die dazu gedacht war, der deutschen Volksgemeinschaft bei ihrem Angriffs- und Vernichtungskrieg zum Erfolg zu verhelfen. Eine nicht unbedeutende Rolle spielte der „Storch“ bei der Aufklärung im sogenannten Partisanenkrieg im Osten, der häufig eine schlichte Menschenjagd war. Immerhin wird erwähnt, dass bei der „Befreiung“ Mussolinis dieses Flugzeug eine wichtige Rolle spielte. Welche Rolle Mussolini nach seiner Befreiung einnahm, ist kein Thema.

In Kassel steht außerdem ein sogenanntes Ehrenmal. Das ehrt deutsche Soldaten beider Weltkriege. Auch der Spruch „Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen“ ist dort zu finden, und an einer Gedenktafel für das Panzerkorps Großdeutschland heißt es: „Es ward gespannt ein einig Band um alles deutsche Land.“ Weiter ist eine Tafel für eine motorisierte Infanteriedivision der 6. Armee zu finden, die ihr verdientes Ende in Stalingrad fand. Es gehört eigentlich zu den Erkenntnissen deutscher Geschichtswissenschaften, dass eine Trennung der Wehrmacht vom deutschen Angriffs- und Vernichtungskrieg nicht möglich ist, auch ist bekannt, dass die 6. Armee eine Blutspur auf ihren Raub- und Vernichtungszug durch Jugoslawien und den Süden Russlands zog.

Die Silhouette eines Panzers auf der Gedenktafel für das 1944 aufgestellte „Panzerkorps Großdeutschland“

Dieses Ehrenmal soll renoviert werden. Der von mir eigentlich geschätzte Kasseler Historiker Dr. Ditfried Krause Vilmar wird heute in der HNA zitiert: „Es gehe nicht um Ehre sondern um die Schrecken des Krieges, […] Der einfache Soldat, der etwa bei den Kämpfen um Stalingrad umgekommen ist, müsse mit einer Inschrift zu Wort kommen.“ Warum heißt dieses Mal eigentlich Ehrenmal? Deswegen: „Für Deutschlands gerechte Sache kämpften und starben […] Unserer Heimat das Recht und der Väter Sitte zu wahren hielten wir treulich die Wacht bis uns das Auge erlosch.“ Und trotzdem im Felde unbesiegt: „Den unbesiegten Toten der Eisenbahner-Kriegsteilnehmer“. So einige Inschriften in denen der einfache Soldat des 1. Weltkrieges zu Wort kommt. Und was propagieren sie: Ehre und Treue! Viele der sich unbesiegt wähnenden Überlebenden dieses Krieges bildeten die Grundlage des Nationalsozialismus. Die darum wussten, dass sie besiegt waren, dass ihre Freunde und Kameraden völlig sinnlos im Schützengraben verreckten, waren in den Augen der sich unbesiegt Wähnenden bekanntlich die Novemberverbrecher.

Krause Vilmars Satz ist ein Ausdruck dafür, wofür die deutsche Erinnerungskultur schon immer gestanden hat. Die Formierung einer großen Opfer-Volksgemeinschaft. Dass an diesem Ehrenmal auch den „Opfern des Faschismus“ gedacht wird steht daher nur scheinbar im Widerspruch zum Rest des Denkmals.

Volksgemeinschaft und U-Bootwaffe

Die HNA hat vom Bündnis gegen Antisemitismus Kassel in den letzten Monaten das eine oder andere verdiente Lob erhalten. Es ist ein paar Journalisten, insbesondere Tibor Pésza zu verdanken, dass in Bezug auf Israel sich dort eine, vom übergroßen Rest des deutschen Blätterwaldes wohltuend zu unterscheidende Berichterstattung durchgesetzt hat. Dieses mal hat das Blatt jedoch mal wieder einen Bock geschossen.

Nach der unsäglich heimattümelnden Propaganda für ein einschlägig genutztes Kriegsflugzeug (z.B. HNA, 24.05.2013), der Fahrt mit dem Tiger durch die Ukraine (HNA, 28.07.2014), dem im Stil eines Landserheftes verfassten Bericht über einen Wehrmachtsoldaten an der Normandie (HNA, 06.06.2014) und der Schelte des Ilja Ehrenburg (HNA 10.05.2010), wird nun einem U-Boot-Kommandanten und seiner Besatzung eine ganze Seite gewidmet.

„Seeromantik“ und Nazikapitänsfressen

Der deutsche U-Bootkrieg sollte England und die Sowjetunion vom überlebenswichtigen Nachschub aus den USA abschneiden. 1.) England war die letzte verbliebene demokratische Nation, die sich seit Churchills Amtsantritt, Deutschland entgegenstellte, die Sowjetunion wurde ab 1941 mit dem mächtigsten Teil der deutschen Kriegsmaschinerie konfrontiert und mit einem in der Geschichte beispiellosen Vernichtungskrieg überzogen. Die USA lieferten den beiden letzten verbliebenen gegen Nazideutschland kämpfenden Nationen Waffen, Munition und Lebensmittel. Die Lieferungen wurden über den Atlantik mit dem Schiff abgewickelt. Kurzum, die sogenannte U-Boot-Waffe sollte dazu beitragen, die letzten Bollwerke gegen den deutschen Nazifaschismus niederzuringen. Die U-Boote samt Mannschaften waren also wichtiger Bestandteil des deutschen Vernichtungs- und Eroberungskrieges.

In der Heimat waren die U-Boot-Mannschaften eine Zeitlang sehr populär. Ähnlich wie heute Fußballstars, gab es damals beliebte Sammelbildchen von Mannschaft, Kapitän und Waffe. Die HNA schreibt, dass der aus Kassel stammende Kommandant Claus von Trotha Kontakt mit der Stadt aufnahm und fragte, ob die Stadt nicht eine Patenschaft für das U-Boot übernehmen wollte. Das sei damals „nicht unüblich gewesen und sollte den Soldaten signalisieren, dass die Bevölkerung hinter ihnen stand. […] Die Stadt vermittelte Brieffreundschaften zwischen jungen Soldaten und Mädchen“ und Weihnachtsgeschenke gab es auch. Darüber hinaus stellt der Bericht fest, dass das Volk gemeinschaftlich mit seinen U-Boot-Mannen in den Tod ging. Kurz bevor das U-Boot mitsamt Mannschaft versenkt wurde, wurde Kassel bombardiert 2.) und wie Trothas Vater fanden auch viele andere der Volksgenossen damals den Tod. Anstatt nun den Stolz auf die Krieger mit der Illustration heroischer Bilder von Kapitän, Smutje und Schiff hervorzukehren, hätte hier eine kritische Würdigung der sogenannten Volksgemeinschaft einsetzten können. Anstatt dessen werden die Maße und technischen Daten des Bootes bekannt gegeben und die Anzahl der ums Leben gekommenen U-Boot-Besatzungen genannt.

Bei der Verschiffung des Nachschubs für Großbritannien und die Sowjetunion über den Atlantik kamen über 60.000 alliierte Seeleute ums Leben. Sie gaben ihr Leben, damit der deutsche Nazifaschismus niedergerungen werden konnte. Die deutschen U-Boot-Leute kämpften bis 1945 dafür, dass die „Judenfrage“ einer „Endlösung“ zugeführt werden konnte, also in Auschwitz die Schornsteine qualmen konnten und im Osten die Bewohnern für deutschen Lebensraum vertrieben und ausgerottet wurden. Nebenbei sei angemerkt, 1917 und 1918 spielten deutsche Matrosen eine ganz andere Rolle und bewiesen damit, dass es kein Naturgesetz ist, auch im Krieg Befehlen Folge zu leisten.

Eine kleine Randnotiz: Auf der gleichen Seite der Zeitung findet sich eine Einladung des Friedensforums zum Gedenken. Bei dieser Veranstaltung sollte freilich nicht den zu Tode gekommenen U-Boot-Leuten, sondern den „Opfern“ eines „Terrorangriffs“ (ARTE, 08.08.2017) in Japan gedacht werden. (Zu diesem Kasseler Unrat mehr unter dem Tag: Hiroshima)

1.) Einen Überblick mit weiterführenden Literaturhinweisen zur „Atlantikschlacht“ findet sich bei Wikipedia.

2.) Mehr zu diesem Evergreen hier: Bomben auf Kassel

Vor 75 Jahren*

veronika-alexandrowna-opachowa-und-toechter

Veronika Alexandrowna Opachowa und ihre Töchter im Frühjahr 1942 in Leningrad

Und Städte wechseln ihre Namen, und
Die Zeugen dessen, was geschah, sind tot,
Und niemand tauscht mit uns Erinnerungen
Und weint mit uns. Die Schatten gehn und schwinden.
Nicht dürfen wir sie bitten umzukehren,
Denn furchtbar träf uns, kehrten sie zurück.
Einmal erwachen wir, und wir erkennen,
Daß wir den Weg dorthin vergessen haben,
Und laufen, atemlos vor Scham und Zorn,
Zu jenem Haus, – doch wie so oft im Traum –
Ist alles anders: Menschen, Dinge, Mauern.
Und niemand kennt und liebt uns – wir sind Fremde
Am fremden Ort. Wir gingen fehl … O Gott!
Und dann erst kommt das Bitterste: wir sehen,
Daß wir in unsres Lebens Grenzen nicht
Jene Vergangenheit zu halten wußten,
Daß sie uns fast so fremd geworden ist
Wie jenen, die mit uns das Haus bewohnen,
Daß wir die Toten nimmermehr erkennten,
Daß die, von denen Gott uns trennte, glänzend
Zu leben wußten ohne uns, und daß
Zum Besten war, was je an uns geschah …

(Anna Achmatowa 1945**)

*Vor 75 Jahren begann die deutsche Wehrmacht Leningrad zu belagern. Die Einwohner dieser Stadt sollten keine Chance haben, denn eine Kapitulation hätte sie nicht gerettet. Die Stadt sollte ausgelöscht werden. Ca. 1. Million Menschen starben aufgrund dieser deutschen Strategie – sie waren keine „Kollateral-Schäden“, sie sollten sterben. Jeder der sich ein wenig mit der Geschichte des 2. Weltkrieges auskennt, weiß darüber.

Dass ähnliches heute nicht geschehe, diese Lehre wurde freilich nicht gezogen, auch nicht in dem Land, in dem dieses schreckliche Kriegsverbrechen geschah, und das heute das Massenelend in Aleppo mit zu verantworten hat, auch nicht von jenen, die Jahrzehnte lang (zurecht) in der Sowjetunion das Land erkannten, das am meisten unter der deutschen Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie gelitten hatte und daraus den Schluss zogen: Nie wieder Krieg.

Diese Geschichtsvergessenheit hat auch damit zu tun, dass Leningrad lieber als Heldenstadt, denn als Stätte eines der schlimmsten Verbrechen in der Moderne betrachtet wurde. Dass auch aufgrund der militärischen Inkompetenz und russischen Großmannssucht der stalinschen Führung und der Roten Armee dieses Verbrechen nicht verhindert werden konnte, ist mit einer der Gründe, weswegen in der Sowjetunion lange über die tatsächliche Opferzahl Nebelkerzen verbreitet wurden, dass das erste Museum, das unmittelbar nach Kriegsende errichtet wurde, wieder geschlossen wurde und dass wichtige Protagonisten der politischen Führung während der Blockade den Justizmorden der sogenannten Leningrader Affäre zum Opfer fielen. Die Geschichtsvergessenheit auf der anderen Seite zeigt sich in der unterkomplexen Dichotomie von Krieg und Frieden, mit der vor allem in der überwiegend russlandfreundlichen Friedensbewegung der deutsche Vernichtungskrieg betrachtet wurde und wird.

Das Verbrechen damals wurden jedoch von Deutschen begangen. Einige gefangen genommene Offiziere der Wehrmacht wurden in Leningrad hingerichtet, sonst wurde dieses Verbrechen aber nie angemessen gesühnt. Einer der Täter konnte später sogar Bundeskanzler in Deutschland werden.


**  Anstatt die Fakten in den Vordergrund zu stellen, die Interessierten überall zugänglich sind, ein Auszug aus Achmatowas „Poem ohne Held“. Achmatowa verlor fast alle ihre Freundinnen und Freunde durch den stalinschen Terror, verfolgte aber aus Taschkent, wohin sie während der Belagerung ausgeflogen wurde, „begierig alle Nachrichten über Leningrad“. Als sie im Juni 1944 nach Leningrad zurückkehrte war sie schockiert über das „gespenstische Antlitz“ ihrer Stadt.