Sie seifen Euch ein: Das Gebet und der Trialog

„Nein, tun sie [die DITIB] nicht! Mit solchen Aussagen können sie vielleicht ahnungslose Politiker überzeugen, jedoch jeder, der sich mit dem Thema beschäftigt, weiß, dass ihr Islamverständnis, ihre Werte erst die Basis schafft, auf der Radikale ihre Ideologie aufbauen. Sie sind für die Entstehung der ‚Generation Allah‘ mitverantwortlich. Sie sind nicht Teil der Lösung, sie sind Teil des Problems! Ihre Politik, Ihre Moscheen (auch wenn sie nicht homogen sind) dienen nicht Deutschland, nicht unserer Verfassung oder Demokratie. Sie dienen einem antidemokratischen Regime, das Abschottung und Isolation zu seiner Maxime erklärt!“ (Ahmad Mansour, 2017)

Am 17. Juli 2016 gab es in Kassel eine Kundgebung anlässlich des Putschversuchs in der Türkei. Bis auf vereinzelte Stimmen blieb eine kritische Resonanz zu dem Ereignis in Kassel bis zum Dezember aus. Die HNA berichtete über eine friedliche Kundgebung. Die Überschrift, „Vereint im Protest gegen Putschversuch“ verdeutlicht die Wahrnehmung der Presse. Was zunächst unbeachtet blieb, war der Beitrag des Kasseler Imam Semih Ögrünc. Am 8. Dezember stellte die Initiative „DITIB – Die Marionetten Erdogans“ eine Übersetzung des Redebeitrags des Imams Ögrünc auf Facebook. Das Bündnis gegen Antisemitismus Kassel folgte am 9. Dezember. Danach herrschte wieder Grabesstille. Die HNA, wie auch der Hessische Rundfunk hatten dann Ende Januar, bzw. Anfang Februar den in vielen DITIB-Gemeinden gepredigten Juden- und Christenhass thematisiert um dann am 20. Februar die Sache auf dem Königsplatz an die große Glocke zu hängen. Am 27. Februar 2017 reagierte der Imam Ögrünc auf die späte Berichterstattung der HNA.

Seiner Replik vorangestellt sind auf türkisch genau die kritisierten Worte, nämlich dass man bereit sei, für das Vaterland und die Regierung Märtyrer zu werden. Danach beginnt er auf deutsch mit dem Mantra „Ich bin gegen jede Form von Diskriminierung, Terror und Gewalt und fördere den gesellschaftlichen Frieden“ gefolgt vom Bezug auf den Koran: „Wenn jemand einen Menschen tötet, ist es so, als hätte er die ganze Menschheit getötet und wenn jemand einem Menschen das Leben erhält, ist es so, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten.“ Und schon sind alle eingeseift und können sich wieder dem Schlafe hingeben, aus dem sie wohl nur kurz aufgeschreckt waren. Ungestört kann also der Imam weiter seine kruden Ansichten zum Besten geben. Seine Berufung sei es, „das Leben in Achtung und Respekt zu fördern.“ Was will er damit uns wohl sagen, wenn das Leben unter der Prämisse der Achtung und des Respekts zu fördern sei? Achtung vor wem und Respekt wem gegenüber? Das wird ausgelassen. Ist etwa das Leben desjenigen zu fördern, der den Islam achtet, der das Türkentum respektiert? Und überhaupt, was heißt hier Leben fördern? Das Leben vom Imam fördern zu lassen, heißt das, dass diejenigen, die sich nicht vom Imam das Leben fördern lassen wollen, zum Tode befördert werden? Eine Antwort darauf weiß nicht der Wind, sondern gibt sein „Gebet“.

Weiter beschwert sich der Imam, dass „in den letzten Tagen falsche Tatsachenbehauptungen gegen meine Person in der Öffentlichkeit tangiert haben.“ Er meint wohl, dass falsche Tatsachenbehauptungen über ihn lanciert wurden. Welche falsche Behauptungen sollen das sein? Ögrünc erklärt: „Bei dem Treffen in Kassel habe ich keine Rede gehalten sondern ein Gebet zelebriert.“ Klar ein Gebet ist Ausübung der Religion und die ist im Verständnis der Islamisten in Deutschland geschützt. Scheren wir uns an dieser Stelle mal einen feuchten Kehricht um das islamistische Verständnis von Religionsfreiheit, die Frage bleibt, was wurde da gebetet, bzw. gehetzt? Das Gebet oder die Rede hat sich positiv auf den Märtyrertod bezogen, hat von Parallelorganisationen und Mächten schwadroniert, den Allerbarmer um die Vernichtung und Verwahrlosung der Feinde angehalten und die Gemeinschaft gepriesen. Wahrhaftig ein Gebet, welches dem Islam zur Ehre gereicht. Die Initiative „DITIB – Marionetten Erdogans“ hatte den Bezug auf das Märtyrertum kritisiert, das Bga-Kassel, das Raunen über die Mächten, die Ideologie der Volksgemeinschaft, den Vernichtungswille und das Sein zum Tode (vgl., Die Todessehnsucht im Islam).

Der Imam Ögrünc geht in seiner Stellungnahme mit keinem Wort auf die inhaltliche Kritik ein. Er behauptet schlicht: „In meinem Gebet habe ich die Menschen zur Solidarität mit der Demokratie und dem Rechtsstaat in der Türkei eingeladen.“ Eine seltsam zweideutige Einladung. Entweder lädt man Mitstreiter dazu ein, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der Türkei einzutreten, was in der Türkei ein gefährliches Geschäft ist, weil dies gegen die herrschende Regierung und einer großen Mehrheit der türkischen Bevölkerung getan werden muss und hierzulande von den DITIB-Leuten im Auftrage der AKP beobachtet wird oder man lügt und betreibt die Propaganda Erdogans und seiner AKP-Regierung, indem man die Verhältnisse in der Türkei als demokratisch und rechtsstaatlich bezeichnet.

Im Folgenden gibt der Imam sich dann beleidigt und beginnt unverblümt zu drohen: „Es verletzt meine Kollegen und mich als Personen dargestellt zu werden die spalten, stigmatisieren und polarisieren.“ Na klar, er hat ja nur von einer Parallelgesellschaft schwadroniert, die die Einheit des Volkes gefährde, dafür kann er doch gerade in Deutschland Verständnis erwarten. Es dürfte klar sein, es ist nicht nur seine Person, die hier verletzt wird, sondern seine Ehre, denn er befürchtet „… das diese undifferenzierte Form der gesellschaftspolitischen Auseinandersetzung zwischen der nicht-muslimischen und der muslimischen Bevölkerung, insbesondere in der globalisierten Welt, tiefe Gräben schlägt“ und er mache sich dann „große Sorgen darüber, dass diese Umgangsformen insbesondere junge Muslime traumatisieren können. Am Ende würden solche potenziellen Umstände der gesellschaftlichen Vielfalt und dem harmonischen Zusammenleben leider nur schaden.“ Es hat ein paar Windungen und Zeilen gedauert, bevor er Klartext schreibt: Nehmt Euch in Acht, Kritik an unserer Gemeinschaft kann dazu führen, dass einige aus unserer Gemeinschaft die Contenance verlieren. Ja und wenn dann wieder einer über die Stränge schlägt und ein LKW besteigt, das Messer oder eine Schnellfeuerwaffe zückt oder eine Bombe platziert, es soll keiner sagen, er wäre nicht gewarnt worden. „In diesem Sinne wünsche ich Ihnen Frieden“ beendet der Imam seine Philippika.

In Kassel gibt es im Rahmen der „Woche der Brüderlichkeit“ seit ein paar Jahren eine Veranstaltung die sich „Trialog“ nennt. Dort sollen die drei großen Weltreligionen miteinander in den „Trialog“ treten. Die HNA vermeldet nun, dass die Ereignisse auf dem Königsplatz dazu geführt hätten, dass die Veranstalter den Wunsch äußerten, „die Veranstaltung nicht in der Moschee stattfinden zu lassen. … Als Ausweichort für den Trialogtag hat das Team das Gemeindehaus Oberzwehren, Berlitstraße 2, gewählt. Es liegt in der Nachbarschaft der Moschee.“

Der „Dialogbeauftragte“ und offiziell von Kassels 4. Gewalt im Amt bestätigte Nebelwerfer der DITIB hat verstanden. „Das war meine große Bitte“, so Eryilmaz. Dadurch könne die türkisch-islamische Gemeinde weiterhin ihre Gastgeberrolle einnehmen und müsse sich nicht abgestraft fühlen.“ Das was sich der Imam wünscht, findet also statt. Man bezeugt sich gegenseitig Respekt und Achtung, redet nicht über das, was ein Imam so hetzt, weil das ja ein Gebet ist, was als Religionsausübung zu respektieren ist und auch nicht darüber und was ihn und seine Spießgesellen so antreibt, weil das ja seine bzw. ihre Religion ist. Und die Nichtmuslime des Trialoges hoffen dann wohl darauf, dass die Jungs von der DITIB das ihrige Leben fördern. Und anstatt den Jungs von der DITIB einzuhämmern was Freiheit des Individuums, was Antisemitismus bedeutet, was es mit Staat, Recht und Gewaltenteilung so auf sich hat, was Vermittlung im Glauben heißen könnte, oder über das islamfaschistische Regiment Erdogans zu sprechen, von der DITIB das Nein – HAYIR – einzufordern, zusammen mit der DITIB die Freilassung Deniz Yüzels und aller anderen politischen Gefangenen in der Türkei proklamieren, salbadern sie über „Engel der Kulturen“, beraten über Übergang von Schule in den Beruf, über religiöse Bildung und ethische Wertorientierung. Warum nicht gleich die AfD und oder die NPD mit eingeladen wird, bleibt unklar.

Buchenwald und die Gemütlichkeit

Über die Rezeption von Befreiung und Widerstand in der postnazistischen Gesellschaft

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Jorge Semprun beschreibt in seinem Roman „Die große Reise“ folgende Begebenheit. Nach der Befreiung Buchenwalds laufen er, mittlerweile in Uniformen der US-Armee eingekleidet und weitere Kameraden durch die bei Buchenwald gelegenen Dörfer. Sie kommen an einem „ziemlich stattlichen“ Haus vorbei. Semprun fällt sofort auf, dass von diesem Haus aus, das Lager im Blickfeld der Aussicht gelegen haben muss. Er beschließt, dieses Haus zu betreten und die Leute kennen zu lernen, die dort die Jahre lebten und diese Aussicht hatten. Seine beiden Kameraden lehnen das Ansinnen ab, aber Semprun selber klopft an. Nachdem schließlich keiner aufmacht wird er massiver, „aufmachen“ schreit er, „los aufmachen!“ Semprun erschrickt über seinen Ton, der ihn an den der SS-Leute im Lager erinnert. Es öffnet ihm eine ältere grauhaarige Frau. Semprun betritt das Haus. Die Frau des Hauses folgt ihm auf Schritt und Tritt. Semprun sucht sofort das Stockwerk auf, von dem aus das Lager zu sehen sein muss. Schließlich betritt er ein Zimmer, dessen Fenster in Richtung des Lagers weisen. „Genau im Rahmen eines der Fenster zeichnet sich der viereckige Krematoriumsschornstein ab.“ Die Frau bemerkt, nachdem Semprun das Zimmer betreten hat, „ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?“ und antwortet auf seine Frage, wie denn dieses Zimmer genutzt worden sei, „in diesem Zimmer sitzen wir gewöhnlich.“ Nachdem er dann fragt, ob sie denn nicht das rauchende Krematorium bemerkt hätten, schlägt die Stimmung um, die Frau bekommt es mit der Angst zu tun, dann sagt sie, „meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.“ Semprun kann nicht viel mehr entgegnen, als „hoffentlich sind sie gefallen.“ Und verlässt konsterniert das „gemütliche Zimmer“.

Gedenkstätte Buchenwald, Mahnmal, Winter

Diese Szene steht symptomatisch für die bis heute währende Situation des, unterschiedliche Phasen durchlaufenden, Postnazismus. Die deutsche Bevölkerung richtete es sich im Nationalsozialismus gemütlich ein. Obwohl später durchweg bestritten, waren Millionen Deutsche nicht nur Zeugen der Massenvernichtung, des alltäglichen Terrors und der Verfolgung, sie waren Beteiligte und Profiteure. Und als sie dann im Laufe des Frühjahrs 1945 damit konfrontiert wurden, dass sie in dieser Rolle von den übrig gebliebenen Opfern und Vertretern der Siegermächte ertappt wurden, kehrten sie das eigene Leid hervor und erklärten sich zu Opfern derjenigen, denen sie kurz zuvor noch mit großer Begeisterung folgten oder die sie selber darstellten. In dem sie sich zudem als Opfer des Bombardements ihrer Städte, als heimatlos gewordene Flüchtlinge und Umgesiedelte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, als trauernde Angehörige gefallener Soldaten und schließlich als Hungerleider im folgenden Winter definierten, konnten sie sich darüber hinaus als Opfer eines Krieges definieren, der über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen sei, wie die Pest anno dazumal.

Buchenwald wurde vor 70 Jahren befreit. Anders als es das Narrativ in der DDR behauptete, waren es die herannahenden US-Truppen, die die SS-Einheiten dazu veranlassten, das Lager zu verlassen, was es dem in Buchenwald agierenden Widerstandskomitee ermöglichte, die Kontrolle des Lagers nach der Flucht der SS zu übernehmen und das Lager den kurz danach eintreffenden US-Truppen zu übergeben.

Aufstände gab es in einigen Lagern. In Treblinka, Sobibor, Auschwitz und in Mauthausen. In allen diesen Lagern war es den Aufständischen bewusst, dass sie der Vernichtung zugeführt werden sollten. Die Option auszuhalten und im letzten Augenblick, beim Herannahen der Truppen der Alliierten loszuschlagen, um wie in Buchenwald einer drohenden Liquidation des Lagers zuvorzukommen, bot sich in Treblinka oder Sobibor nicht oder führte wie in Auschwitz oder in Mauthausen zu Konflikten zwischen den Akteuren der Widerstandsgruppen und denen, die den Aufstand riskieren wollten. Die in Auschwitz und in Mauthausen agierenden Widerstandsgruppen setzten wie in Buchenwald darauf, den Augenblick abzuwarten, zu dem die alliierten Truppen vor den Toren des Lagers gestanden hätten – eine Option die den für die „Sonderkommandos“ abgestellten Häftlingen in Auschwitz (Juden) und den Häftlingen des Todesblocks (gefangene Rotarmisten) in Mauthausen nicht blieb. Sie sollten unabhängig vom Frontverlauf, wie ihre Leidensgenossen vernichtet werden.

In Auschwitz, Treblinka und Sobibor fand die nationalsozialistische Ideologie zu ihrer Vollendung, indem dort vor allem Juden, als „jüdische Rasse“ definiert und als halluziniertes Gegenprinzip zur deutschen Volksgemeinschaft verstanden, vernichtet wurden. Lager wie Buchenwald und Dachau waren hingegen Instrumente des Terrors, der sich vor allem gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus richtete, um sie einzuschüchtern und zu dezimieren. Ebenfalls sollten in diesen Lagern Unbotmäßige, „Arbeitsscheue“, „Asoziale“ und Kriminelle zu „ordentlichen Volksgenossen umerzogen“ werden. Während also die Inhaftierung von Juden in den Vernichtungslagern keinem anderen Zweck diente, als sie dort umzubringen, wurde in den übrigen Konzentrationslagern die politische Auseinandersetzung fortgeführt, die außerhalb der Lager (zunächst in Deutschland dann in den besetzten Gebieten) geführt wurde. Später dienten die Konzentrationslager auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dieser Unterschied setzte die o.g. unterschiedlichen Rahmenbedingungen für etwaigen Widerstand und dessen Aktionen.

Die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern bewegte sich zwischen 4.000 im Jahr 1935 und 60.000 Ende 1938. 1938 stellten Juden die Mehrheit der Häftlinge, sie wurden während der Reichspogromnacht festgenommen. Viele von ihnen wurden aber kurz danach wieder entlassen um sie in die Emigration zu treiben oder drei Jahre später in die Vernichtungslager zu deportieren. Diese Zahlen verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Opposition gegen Hitler in Deutschland und den Stellenwert der antisemitischen Verfolgung.  Erst nach Kriegsbeginn wuchs die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf mehrere 100.000 Häftlinge. Die größte Anzahl wurde nun von Häftlingen gestellt, die als Gegner der deutschen Besatzung aus ganz Europa in die Lager verschleppt wurden. Die deutschen Häftlinge stellten in den vierziger Jahren eine kleine Minderheit dar. Insgesamt schätzt man die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von denen ca. 450.000 umkamen.

Mehr als 3 Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern umgebracht, auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die Tatsache, dass es Aufstände in den Vernichtungslagern gab, nicht jedoch in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald usw., blieb in der DDR-Geschichtsschreibung unbenannt. Die Rolle der Vernichtungslager wie die der antisemitischen Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus wurde in der DDR nur am Rande thematisiert. Im Vordergrund stand die Befassung mit der politischen Auseinandersetzung zwischen Widerstand und dem NS-Regime, wobei durch die Überhöhung der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes die deutsche Volksgemeinschaft im Ergebnis wie im Westen exkulpiert wurde, nur auf andere Art und Weise.

Die Übernahme des KZs Buchenwald durch das Häftlingskommitee am 11. April 1945 kurz nachdem die SS geflohen war, wurde zum Aufstand des Antifaschismus in Deutschland uminterpretiert. Mangels eines Aufstandes des deutschen Proletariats oder der deutschen Bevölkerung gegen das NS-Regime wurde so der vermeintliche Aufstand in Buchenwald in der DDR zum zentralen Chiffre des antifaschistischen Widerstands. Dieses Ereignis diente der DDR, die sich von Beginn an positiv auf den antifaschistischen Widerstand bezog, als Bezugspunkt nationaler und politischer Identität, entsprechend bedeutsam waren sowohl Erzählungen über das Lager, das Lager als Initiationsstätte politischer Jugendorganisationen, als auch der jährlich stattfindende Erinnerungskult unter Einbindung des internationalen Buchenwaldkommitees.

Dass Buchenwald faktisch von den US-Truppen befreit wurde, heißt jedoch nicht, dass es dort keinen organisierten Widerstand gegeben hat, dass Buchenwald kein Vernichtungslager war nicht, dass es dort keinen tausendfachen Mord an Häftlingen, keinen entgrenzten Terror gegen wehrlose Gefangene gegeben hat. In Buchenwald gelang es dem von Kommunisten dominierten Lagerwiderstand trotz widrigster Umstände, eine Untergrundorganisation aufzubauen, aus dem schließlich das internationale Buchenwaldkommitee erwuchs, dem es gelang, wichtige Positionen im Lager zu übernehmen, die die SS vorsah, um den riesigen Terrorkomplex verwalten zu können. Diese Taktik des Widerstandes war damit verbunden, mit der SS in bestimmten Fragen zu kooperieren. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, aber es gelang so immer wieder einige bedrohte Personen zu schützen und zu helfen sowie eine im geheimen agierende Widerstandsorganisation aufzubauen, die sich sogar einige Waffen organisieren konnte. In den Lagern, in denen Kriminelle diese Positionen einnahmen, war dies so gut wie unmöglich. Dort waren die Häftlinge vollkommen schutzlos dem Terror der SS ausgeliefert, aber auch dem  der kriminellen Funktionshäftlinge. Es ist Ausdruck eines hermetisch-perfektionierten Terrorsystems sowie der völligen Abschottung von jeglicher Unterstützung durch ein Außen, dass die Handlungsoptionen eines sich formierenden Widerstands, auch wenn er vor dem Hintergrund eines ihm wohlwollend gegenüber positionierten, aber machtlosen Kollektivs agiert, äußerst begrenzt sind und die Grenze zwischen den für die Betroffenen nützlichen Handlungen und faktischer Kollaboration fließend sind. Dieser Widerstand ist aber auch Ausdruck eines ungebrochenen Kampfeswillens und eines äußersten Mutes, das vor allem, weil er völlig auf sich gestellt war. Diesen mutigen Widerstand gab es auf reichsdeutschem Gebiet vor allem in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald (und unter den Zwangsarbeitern).

Grundsätzlich davon verschieden ist die Situation in Deutschland außerhalb der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus, der als Konsensdiktatur zu begreifen ist. Natürlich gab es den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und einigen anderen auch außerhalb der Lager. Aber so gesellschaftlich isoliert die Widerstandskämpfer im Lager waren, so waren es sie auch außerhalb der Lager. Innerhalb der Lager gab es zwar auch Verrat und Ränkespiele, jedoch konnten die Widerstandskämpfer innerhalb des Lagers auf eine sie stützende Gemeinschaft bauen, wenn der Rückhalt der Häftlingsgemeinschaft auch häufig nur moralischer Natur war. Zwar gab es Deutschland auch während des Nationalsozialismus nonkonformistisches Verhalten, die Phänomene des sich Wegduckens und der inneren Immigration. Der angesichts des absoluten Antihumanismus und Nihilismus gebotene Widerstand blieb in Deutschland jedoch ein isoliertes Randphänomen. Die Politik des Nationalsozialismus war mehrheitsfähig und Hitler ein populärer Politiker. Die deutschen Volksgenossen wähnten sich herrlichen Zeiten entgegenzumarschieren und viele – sofern sie nicht gerade an den Eroberungs-, Raub-, und Vernichtungszügen teil hatten – richteten sich darob gemütlich ein.

Im Gegensatz zur SBZ und dann in der DDR war der Bezug auf den Widerstand in Westdeutschland ein marginales, z. T. sogar hinsichtlich der kommunistischen Tradition weiterhin verfolgtes Randphänomen. Anders als in der DDR, in der sich der Volksgenosse einem propagierten Antifaschismus anschließen konnte und somit sein schlechtes Gewissen über sein Mitmachen im Nationalsozialismus als Hass auf den kapitalistischen Feind projizieren konnte, blieben dem bis 1945 vorherrschenden gesellschaftlichen/politischen Bewusstsein im Westen die von den Alliierten nicht sanktionierten Formen. Diese waren der ideologisch überformte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit Eifer betriebene Wiederaufbau und die in den 50iger Jahren dominante Wir-sind-wieder-wer-Haltung des „Wirtschaftswunders“, sowie das Fortwesen des nationalsozialistisch geprägten Antikommunismus, der nun im aufkommenden Kalten Krieg anschlussfähig war.

Die in der BRD sich dann in den sechziger und siebziger Jahren gegen vielfältigen Widerstand etablierende Erinnerungskultur stellte vor allem den Widerstand des 20. Juli, den der Geschwister Scholl und den der bekennenden Kirche in den Vordergrund. Ohne die moralische Integrität vieler dieser an diesen Gruppen Beteiligten in Zweifel ziehen zu wollen, vielen aus diesen Kreisen war gemein, dass sie zunächst der NS-Diktatur gegenüber sich indifferent oder gar zustimmend verhielten, viele aus dem Kreis des 20. Juli sogar veritable Anhänger des NS-Regimes waren und erst, die Niederlage und die selbst zu verantwortende Barbarei vor Augen, durch einen Seitenwechsel, sich selbst und die Nation vor einem erwarteten Strafgericht versuchten zu retten. Obwohl also allen ein positiver Bezug zur deutschen Nation gemein war und sie gegen Hitler vor allem deswegen opponierten, weil ihm die Schuld zugeschoben wurde,  den Krieg zu verlieren, diese Haltung also durchaus an einen zum Kriegsende zunehmenden Überdruss angesichts Hitlers Versagen als Kriegsherr anknüpfte, herrschte in der Nachkriegszeit eine weit verbreitete Haltung vor, dem Widerstand Verrat an der deutschen Sache vorzuwerfen.

Diese Haltung änderte sich erst im Laufe der sechziger Jahre als es angesichts des Braunbuches, des Auschwitzprozesses, der beginnenden wissenschaftlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und einer vor allem von studentischen Kreisen eingeforderten Befassung mit den Verbrechen der Elterngeneration opportun wurde, einen positiven Bezug zur Gegnerschaft des Nationalsozialismus einzunehmen. Der Antinazismus bewies zunehmend Gesellschaftsfähigkeit, ohne jedoch die Konsequenz daraus zu ziehen, die in einer gründlichen Abrechnung mit der damals noch häufig in Amt und Würden agierenden Tätergeneration hätte einen angemessenen Ausdruck finden können. Auch die Bereitschaft zur Sühne und kostenpflichtigen Übernahme von Verantwortung für Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus (vor allem denen im Ausland), die konsequente Bekämpfung nazistischer (Wieder-)Betätigung sowie des Antisemitismus, der sich auch in einer bedingungslosen Solidarität gegenüber Israel auszudrücken hat, wären ein angemessener Ausdruck einer tatsächlich antinazistischen Politik. Sie fand nicht statt.

Hinsichtlich letzterem formiert sich die deutsche Volksgemeinschaft dahingehend, dass die Freunde des deutschen Friedens in schlechter Tradition des Antifaschismus den Hauptaspekt des Nationalsozialismus, den Antisemitismus verdrängten oder schlicht ignorierten. Der Faschismus, verstanden als terroristische Herrschaftsform des Kapitals über das deutsche Volk und der Krieg, mit dem Nazideutschland Europa überzog, waren Hauptaspekte des Verständnisses vom Nationalsozialismus, der so auch konsequent Faschismus bezeichnet wurde. Dazu gehört der um wesentliche Momente verkürzte Buchenwaldschwur „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“, der bis heute dieser Bagage als erhabene Parole dient, wenn es darum geht, vor allem das Land zu diffamieren und zu delegitimieren, dass sich gegen tätigen Antisemitismus zuverlässig und aktiv wehrt und denen in die Arme zu fallen, die die aufs Korn nehmen, die man als gefährlichste Bedrohung des jüdischen Staates bezeichnen muss.

Die literarischen und cineastischen Befassungen mit dem Nationalsozialismus, in denen versucht wird, den Widerstand gegen den NS als Massenphänomen zu begreifen oder Opfer unter der deutschen Volksgemeinschaft zu suchen, zählen Legion. Unwillige, unwissende oder verführte Soldaten, Kinder unter den Bombenopfern, vergewaltigte Frauen, die ums Leben und ihre Gesundheit gebrachten Volksgenossen, derer sind Viele, das Murren, das Wegducken, eine defätistische Bemerkung, Lästereien über Hitler und seine Satrapen, aber auch das Zustecken eines Brots für einen hungernden Zwangsarbeiter, all dies wird zu Widerstandsaktionen geadelt, was all dies – obwohl es durchaus auch gefährlich sein konnte – nicht war.

So, wie die nach Deutschland eintreffenden Vernehmungsoffiziere der US-Armee, der britischen und der Roten Armee damit konfrontiert wurden, nur noch Opfer und Gegner des Nationalsozialismus anzutreffen, so stellt sich das nationale Narrativ bis heute dar. Die quasi offiziösen Exkulpationsschinken „UMUV“, „Die Flucht“, „Wolfskinder“ usw. sind jüngste Beispiele hierfür, dass sich seit der Gruppe 47 und dem Film „Die Brücke“ nicht viel geändert hat, nur dass zuerst genannte entgegen den zuletzt genannten hegemoniale Bestandteile der Erinnerungskultur geworden sind und platter Geschichtsrevisionismus à la Konsalik, Mansteinliteratur etc. heute nicht mehr en vogue ist.

Auf der politischen Ebene sieht es dann so aus, dass zwar regional und überregional zu allen möglichen Anlässen den Opfern des NS gedacht wird und man mittlerweile (seit Bitburg) auch darum bemüht ist, nicht die ums Leben gekommenen Volksgenossen im gleichen Atemzug in das Gedenken mit einzubeziehen. Doch das vielerorts stattfindende regionale Gedenken an die Zerstörung der deutschen Städte, den, auf ihren europaweiten Raubmordzügen ums Leben gekommenen Soldaten und den, an der „Heimatfront“ im Bombenhagel ums Leben gekommenen Volksgenossen geltenden Trauer am Volkstrauertag, sowie das Bemühen, den „Vertriebenen“ ein Denkmal in Berlin zu errichten, all das spiegelt bis heute genau das wieder, was Semprun 1945 bei Weimar mit dem Verweis auf die gefallenen Söhne widerfuhr. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen der Exkulpation dienenden vor allem aufs symbolische abzielenden Erinnerungskultur und -politik in Verbindung mit dem Beharren am eigenen Status als Opfer ist dies das Fortwesen einer, die bundesdeutsche Gesellschaft wie eine Patina überziehende Haltung des Verdrängens und Vergessens.

Ganz andere Maßstäbe werden hingegen an den Widerstand in den KZs gelegt. Ein seit den Neunziger Jahren im Gestus der wissenschaftlichen Genauigkeit und in moralischer Überheblichkeit daherkommendes Beckmessertum wirft nunmehr den Widerstandsgruppen in Buchenwald vor, mit der SS zum eigenen Nutzen paktiert zu haben und sich in der Ergatterung der Funktionsstellen gemütlich eingerichtet zu haben. Diese Haltung steht spiegelbildlich zu jener, die vor einigen Jahrzehnten behauptete, man könne die Verhältnisse im NS nicht beurteilen und man sei von unerträglicher Moralität besessen, wenn man die Tätergeneration damit konfrontierte, was sie getan und unterlassen habe und im gleichen Augenblick nachschob, man hätte von nichts gewusst.

Während unter der Tätergeneration mit akribischen Eifer nach Widerstandshandlungen gesucht wird, jeder Volksgenosse der einem Zwangsarbeiter ein Brot zusteckte, einem Juden zur Flucht verhalf oder gar versteckte, zum großen oder kleinen Helden der Nation erklärt wird und als Filmheld auf die Leinwand oder als Romanheld zwischen die Buchdeckel gebannt wird, werden diejenigen, die dem unmittelbaren Terror der SS ausgesetzt waren, unter mörderischen Bedingungen Widerstand leisteten und das Überleben zu organisieren versuchten, zu selbstsüchtigen Anhängern eines dem NS ähnelnden Totalitarismus erklärt.

Die grau gewordenen Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen der Täter können sich es beim Fernsehschauen der jüngsten Machwerke deutscher Fernsehanstalten in ihren Wohnstuben gemütlich machen. Befürchtungen, es könnte ein Überlebender der Konzentrationslager an die Tür klopfen um den Blick aus dem Fenster einzufordern, müssen sie nicht mehr haben.

Vor 70 Jahren beendeten die Amerikaner die nationalsozialistische Herrschaft in Kassel

Hessen April 1945

Truppen des „aggressiven Westens“ marschieren im April 1945 in Kassel ein

Die Ostermarschierer marschieren jedoch nach wie vor unbeirrt gegen Amerika und „den Westen“

Vom deutschen Boden muss Frieden ausgehen, so das diesjährige Motto der Ostermarschierer. Die Welt (und im konkreten die Ukraine) mag mit einer aggressiven Politik Russlands konfrontiert sein, mit der allgemeinen Barbarei, in erster Linie durch Islamisten wie den IS, der Boko Haram, der Al Qaida/Al Nusra u.a., durch einen nach Atomwaffen strebenden Iran und seine durch ihn protegierten Terrorbanden alles egal, es gibt nur einen, den es zu verurteilen gibt und gegen den es zu marschieren gilt, den aggressiven Westen.

Der Staat, der sich dadurch definiert, dass er jedem Juden, jeder Jüdin das Versprechen ausspricht, im Falle der Verfolgung Aufnahme und Asyl zu gewähren, wird nach wie vor von Terrorbanden wie der Hamas, der Hisbollah u.a. bedroht und regelmäßig angegriffen, wird von einem Staat bedroht, der die Bewaffnung mit Atomwaffen anstrebt und die Absicht Israel zu vernichten in regelmäßigen Ansprachen von Regierungsvertretern beteuert. Die Ostermarschierer beschuldigen jedoch namentlich Israel mit angeblich völkerrechtswidriger Politik Unruhe und Unfrieden zu stiften.

Einer der angekündigten Redner ist der lokale VVN-Aktivist und Busenfreund des Friedensforums Dr. Ulrich Schneider. Es bedarf nicht viel Fantasie, voraussichtlich stellen sich die Ostermarschierer in die Tradition des Antifaschismus und werden wohlmöglich an die Befreiung Buchenwalds vor siebzig Jahren erinnern (auch Buchenwald wurde durch Truppen der Amerikaner befreit) und den dort getätigten, aber regelmäßig verkürzten Spruch „Nie wieder Krieg – Nie wieder Faschismus“ predigen.

Dies in Deutschland zu behaupten hat eine Menge mit Geschichtsvergessenheit zu tun. In Kassel wurde die Herrschaft des Nationalsozialismus nicht durch den antifaschistischen Widerstand beendet. Es war auch nicht eine deutsche Friedensbewegung, die die deutsche Wehrmacht daran hinderte, auch von Kassel aus, die deutsche Schreckensherrschaft in Europa durchzusetzen. Anfang April 1945 besetzten amerikanische Kampfeinheiten Kassel, und beendeten so in Kassel die Herrschaft der Nazis. Auch in Buchenwald waren es die sich rasch nähernden amerikanischen Truppen, vor denen die SS, die die Aufgabe hatte, das Lager zu liquidieren, schließlich flohen. Die Kampftruppen der tapferen Buchenwaldhäftlinge in Buchenwald, konnten die einige Wochen zuvor beginnenden Abtransporte der Häftlinge nicht verhindern und hätten gegen das Räumungskommando ebenfalls keine Chance gehabt. Erst nachdem der Hauptteil der SS-Mannschaften vor den heranrückenden US-Truppen geflohen waren, übernahm der Widerstand in Buchenwald das Kommando über das Lager und konnte so eine weitgehend geordnete Übergabe an die heranrückenden Befreier gewährleisten.

Die Ostermarschierer machen gerne Halt an den Mahnmalen für die „Opfer des Faschismus“, ohne sich bewusst zu sein, dass nicht Verhandlungen mit den Nazis, auch nicht ein Truppenabzug oder Abrüstung, sondern gut bewaffnete und kämpfende Einheiten sowjetischer, amerikanischer und englischer Armeen der Naziherrschaft ein Ende bereiteten. Erst danach war der demokratische Neuanfang (auch) in Kassel möglich.

Die Truppen der Alliierten stießen bis in die letzten Tage auf Widerstand deutscher Einheiten, auch im Raum um Kassel. Das lag daran, dass dieses Regime von einem großen Teil der deutschen Bevölkerung bis in die letzten Tage hinein getragen wurde.

Die Kasseler Geschichte ist für Deutschland typisch. Kurz vor Kriegsbeginn – vom 3.- 5. Juni 1939 – kommt es in Kassel zu einem Massenspektakel. Über 200.000 ehemalige Soldaten und Angehörige der Deutschen Wehrmacht kommen, um das militärische Spektakel des „Großdeutschen Reichskriegertags 1939“ zu erleben.

In Kassel gab es eine Tradition des Nationalismus, Militarismus, Autoritarismus und des Revanchismus. Rechte Parteien, wie die DNVP und die DVP, Krieger- und Vaterländische Vereine und der Stahlhelm beherrschten das politische Klima mit Massenaufmärschen, Gedenktagen und Versammlungen. Die NSDAP griff das Gedankengut dieser Gruppierungen in verschärfter und zugespitzter Form auf und fand daher auch in Kassel schnell eine breite Zustimmung. In einigen Stadtteilen erhielt sie weit über 50 % der abgegebenen Stimmen. 1932 wurde die NSDAP mit knapp unter 50% der Wählerstimmen dann die stärkste Partei.

Kassel war die Stadt Roland Freislers. Freisler war ein hoher Funktionär im NS-Staat, an der Wannseekonferenz beteiligt und dann berüchtigter Präsident des Volksgerichtshofes. Er war verantwortlich für etliche Todesurteile (z.B. gegen die Mitglieder der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“). Freislers Karriere begann in Kassel als gewählter Stadtverordneter.

In Nordhessen war Antisemitismus en Vogue. Bei den Reichstagswahlen 1907 und 1912 setzte sich der Kasseler Kandidat der „Wirtschaftspartei“, ein bekennender Antisemit, durch. Die Hälfte der 1907 und 1911 in den deutschen Reichstag gewählten Vertreter der Antisemiten, kam aus dem Kasseler Regierungsbezirk. Schon seit Mitte der zwanziger Jahre kam es in Kassel immer wieder zu antisemitischen Übergriffen gegen Juden. Der offene Terror gegen die Kasseler Juden begann mit der Machtergreifung des Nationalsozialismus 1933. Der erste Höhepunkt der Verfolgung fand mit dem Pogrom am 07. November 1938 in Kassel statt, zwei Tage vor der reichsweiten Reichspogromnacht. 1941 setzte die Deportation der Kassler Juden nach den Osten ein, wo sie umgehend ermordet wurden. Eine organisierte Form, ihre jüdischen Nachbarn vor der Ermordung zu schützen, gab es wie in ganz Deutschland auch in Kassel nicht. Vielmehr profitierten auch in Kassel viele vom „Verschwinden“ ihrer jüdischen Nachbarn.

Kassel war eine wichtige Stadt der Rüstung. Bis in die letzten Kriegstage wurden in den Kasseler Firmen Rüstungsgüter produziert, die die Wehrmacht für den Angriffs- und Vernichtungskrieg ausrüsteten. Panzer und Lastwagen durch die Firmen Henschel, Credé & Co. und Wegmann sowie Flugzeuge, Flugzeugmotoren und Flugbomben durch die Firmen Henschel, Fieseler und Junkers. Doch nicht nur das Kapital, sondern das auch deutsche Proletariat produzierte weitgehend reibungslos in den Fabriken die erforderlichen Waffen, sofern es nicht als Vernichtungskrieger seinem Handwerk in den Reihen der Wehrmacht nachging. Verweigerung, Sabotage und Aufbegehren leisteten trotz massiven Terrors der Gestapo in erster Linie die ausländischen Zwangsarbeiter in den Kasseler Fabriken.

Kassel war Garnisonsstadt der Wehrmacht. Mehrere Wehrmachtseinheiten waren in den verschiedenen Kasernen Kassels stationiert. Sie wurden gegen Polen eingesetzt. Von dort wiederkehrend, wurden sie von mehreren Tausend Bürgern feierlich begrüßt. Danach wurden sie in Frankreich und dann im Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion eingesetzt. Die Blutspur dieser Einheiten reichte bis kurz vor Moskau, bis sie dann in Stalingrad von der Roten Armee vernichtet wurden. Nur etwa 100 Nordhessen machten den Vernichtungskrieg nicht mit, desertierten oder liefen über.

Wie überall in Deutschland leisteten einige mutige Nordhessen (Kommunisten, einzelne Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Humanisten, Christen u.a.) Widerstand gegen das NS-Regime. Es wurden Flugblätter und Zeitungen verteilt, Plakate geklebt und Parolen gegen die Nazipolitik an die Wände gemalt. Die gesellschaftliche Isolierung des Widerstandes, Zerwürfnisse untereinander, aber auch ihre häufig fatalen Fehleinschätzungen des Nationalsozialismus führten dazu, dass der Widerstand schnell zerschlagen wurde und wirkungslos blieb.

Das Gedenken der Friedensbewegung an den Mahnmalen für die Opfer des Faschismus ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Der Kampf gegen den Nationalsozialismus wird auf die Frage „Krieg und Frieden“ reduziert, der Begriff Faschismus negiert das spezifisch antisemitische Wesen des deutschen Nationalsozialismus und gerade der allgemeine Opferbegriff erlaubt es, auch deutsche Soldaten und Zivilisten als Opfer zu begreifen und nicht als Bestandteil einer zu allem entschlossenen Volksgemeinschaft gegen die es nur ein Mittel gab – den Krieg.

Tote auf Zwangsarbeit – Zum Aufstand der Sonderkommandos in Auschwitz vor 70 Jahren

„Wir sind Tote auf Urlaub“, rief der Kommunist Eugen Leviné seinen Richtern zu, die ihn 1919 in München zum Tode verurteilten und erschießen ließen. Sein Spruch wurde zum geflügelten Wort, wähnten sich die Kommunisten im revolutionären Klassenkampf auf der Abschussliste des weißen Terrors, aber auch als diejenigen, denen die Zukunft gehören sollte. Während der revolutionären Aufstände in Deutschland in den Jahren 1918 – 1923 wurden tatsächlich tausende Kommunisten, aber auch Anarchisten, Sozialisten, Freigeister und andere Revolutionäre von den marodierenden Freikorpssoldaten, denen die sozialdemokratische Reichsregierung dabei freie Hand ließ, erschossen und erschlagen. Nach der Niederschlagung der Aufstände wurden Kommunisten in der Weimarer Republik zwar immer wieder drangsaliert, aber weder systematisch verfolgt noch gar mit dem Tode bedroht. Das änderte sich erst nach 1933. Kommunisten wurden vom NS-Regime systematisch verfolgt, nach und nach wurde ein großer Teil der Parteimitglieder der KPD in Zuchthäuser und Konzentrationslager überstellt, viele von ihnen ermordet. Besonders die Konzentrationslager dienten dazu, die Gegner des Nationalsozialismus zu terrorisieren und unter unmenschlichen Bedingungen zu inhaftieren um so die Unbeugsamen unter ihnen zu brechen und zu dezimieren. Diese Tatsache trug dazu bei, dass der Charakter des NS-Regimes in der Sichtweise der KPD als ein gegen den revolutionären Teil der Arbeiterbewegung gerichtetes terroristisches Instrument der herrschenden Klassen wahrgenommen wurde. Die Konzentrationslager galten, neben Gestapo und SS somit als Innbegriff des als Faschismus wahrgenommenen Nationalsozialismus.

Buchenwaldhäftlinge verhaften SS-Männer

Häftlinge aus Buchenwald, nicht die deutsche Bevölkerung aus Weimar, nehmen kurz nach der Befreiung des Lagers SS-Männer gefangen.

Da die Naziherrschaft und deren Instrumente als Terrormaßnahme einer Clique von besonders üblen Kapitalisten angesehen wurde, um damit die Arbeiterklasse und das einfache Volk zu unterdrücken, galt der organisierte Widerstand der Kommunisten gegen den Nationalsozialismus in der DDR als zentraler Bestandteil des Antifaschismus des deutschen Volkes. Dass andere Nazigegner, wie Gewerkschafter, Sozialdemokraten, Anarchisten, Pazifisten usw., missliebige, wie Juden, Homosexuelle, „Asoziale“, Sinti und Roma u.a. verfolgt wurden, wurde zwar auch in der Geschichtswissenschaft der DDR anerkannt, aber diese Verfolgung galt eben nur als ein Merkmal der terroristischen Eigenschaft der Diktatur gegen das Volk neben anderen.

Die im Nationalsozialismus zentrale Bedeutung des Antisemitismus, die der Formierung der deutschen Volksgemeinschaft, die daraus folgerichtige Zuspitzung zum eliminatorischen Antisemitismus und seine Umsetzung wurden aber ausgeblendet. Diese Blindstelle und Sichtweise prägte auch die Sicht auf die Konzentrationslager und auch auf den Widerstand der dort inhaftierten Nazigegner. Auschwitz war Anfangs ein Konzentrationslager wie Buchenwald, Dachau oder Mauthausen. Der Umstand, dass dort ab 1942 ein zuvor an sowjetischen Kriegsgefangenen erprobter fabrikmäßig organisierter Mord an den Juden stattfand, wurde als allgemeines Merkmal des mörderischen Faschismus betrachtet, nicht als folgerichtige Zuspitzung des Antisemitismus und Besonderheit des Nationalsozialismus. Vernichtungslager wie Sobibor und Treblinka sowie die Killing-Fields in Osteuropa blieben eher ein randständiges Thema und in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Diese Sichtweise, Wahrnehmung und Wertung hatte auch einen bedeutenden Einfluss in der Wahrnehmung und Interpretation in Westdeutschland. In der Geschichtswissenschaft der BRD, die zwar die der DDR nur selten akzeptierte, interpretierte den Nationalsozialismus anders aber überwiegend mit einer ähnlichen Blindstelle.

Gemeinhin gilt der vermeintliche Aufstand der Lagerinsassen von Buchenwald am 11. April 1945 als Beispiel antifaschistischen Widerstands in den deutschen Konzentrationslagern. Die faktische Übergabe der Kommandogewalt über das Lager durch die SS an das Widerstandskomitee in Buchenwald wurde in der DDR-Historie zum erfolgreichen Rettungsakt verklärt. Dieser Mythos hat erst nach dem Zusammenbruch der DDR Risse bekommen.

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Die US-Armee konnte einige zehntausend Häftlinge in Buchenwald im April 1945 befreien

Mit dem 7. April begann die SS mit der „Evakuierung“ des Lagers. 28.000 Häftlinge wurden auf Todesmärschen in andere Teile des Landes geschickt. Am 10. April wurde die letzte Kolonne zusammengestellt. Diese Abmärsche konnte der Lagerwiderstand zwar behindern aber nicht verhindern. Am 11. April um 9.00 Uhr kündigte der Lagerkommandant Franz Eichhorn den Lagerältesten Hans Eiden und Franz Eichhorn an, den Häftlingen die Befehlsgewalt über das Lager nach dem Abzug der SS zu übergeben. Die noch zurückgebliebenen Wachposten der SS flohen, nachdem ihre Kaserne von US-Truppen besetzt wurde und sich Panzer dem Lager näherten. Das Lagertor wurde von den Widerstandsgruppen der Lagerinsassen gegen Mittag kampflos besetzt, weitere SS-Männer im und in unmittelbarer Nähe des Lager entwaffnet und um 16.45 Uhr übernahm das Lagerkomitee die Befehlsgewalt über das Lager Buchenwald. Um 17.00 Uhr rollt ein Jeep der US-Armee durch das Lagertor.

Diese hier kurz beschriebenen Tatsachen sollen nicht leugnen, dass es auch in Buchenwald einen Widerstand der Lagerinsassen gegeben hat. Auch soll dieser Widerstand nicht kleingeredet werden. Unter den Bedingungen der Terrorherrschaft durch die SS, angesichts der isolierten Lage des Widerstands in Deutschland überhaupt, kann der Mut der Lagerinsassen nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Das Ziel des Lagerwiderstands war es, zu versuchen zu überleben und die politische Arbeit fortzuführen. Es wurde versucht, die Kriminellen aus den Funktionsstellen zu verdrängen, man versuchte eigene Kameraden vor der Selektion, vor dem Hungertod o.a. für die Häftlinge tödliche Maßnahmen oder ihrer beabsichtigten Liquidation zu retten. Man brachte Kranke in die Krankenstuben, tauschte Lebende mit der Identität von Toten usw., das gelang aber manchmal nur dadurch, dass man andere, als weniger wichtig erachtete Häftlinge, als (vermeintliche oder tatsächliche) Verräter ausgewiesene, oder vom Tod schon gezeichnete auslieferte. Der Widerstand war vor dem Hintergrund des Möglichen mutig und bemerkenswert, konnte aber in dieser Form nur deswegen geleistet werden, weil Buchenwald kein Vernichtungslager war, sondern ein Konzentrationslager. Der Tod der Insassen wurde von der SS billigend in Kauf genommen, die Willkürherrschaft und der Terror der SS trugen dazu bei, dass der Tod für die Häftlinge unberechenbar war. Vernichtung durch Arbeit, massenweise Exekutionen, willkürlicher Mord, Tod durch Unterernährung und Krankheit waren ein Bestandteil der Terrorherrschaft der SS, nicht aber Bestandteil einer systematischen Vernichtung der Insassen. Die überwiegend politischen Häftlinge in den deutschen Konzentrationslagern galten als irregeleitete Arier oder Volksgenossen. Vernichtet werden sollte der Kommunismus, der, und das wussten die Nazis auch, den Kommunisten nicht angeboren war, sondern von dem sie als Menschen überzeugt waren. Der Kommunist war auch im Nationalsozialismus kein „Toter auf Urlaub“, seine Chancen auch im KZ zu überleben war zwar nicht groß, aber sie bestand.

Roza Robota

Roza Robota eine junge Frau aus der Haschomer Hazair unterstützte das Sonderkommando

„Tote auf Urlaub“ waren im Nationalsozialismus die Juden. Egal was ein Jude anstellt, der Antisemit will in logischer Konsequenz seiner Wahnidee den Tod des Juden, die Vernichtung der Juden. Der Nationalsozialismus, als der konsequent zum Ausdruck gebrachte Antisemitismus, sah für den Juden nur den Tod vor. Juden konnten zum Christentum konvertieren, vom Glauben ganz abschwören, konnten deutsch-national sein, konnten tapfere und ausgezeichnete Krieger im Ersten Weltkrieg gewesen sein, sie konnten bewährte Wissenschaftler, Facharbeiter, einflusslose einfache Bürger oder Obdachlose sein, per se harmlose Kinder, Greise und Großmütter usw. sein, es half alles nichts, es war bedeutungslos, im Blick der Nazis und der deutschen Volksgenossen blieben sie Juden und sie sollten der Vernichtung zugeführt werden. Aus diesem Grunde gab es nicht nur die oben beschriebenen Konzentrationslager sondern mit Beginn der systematischen Umsetzung der Ausrottung wurden die Vernichtungslager errichtet. Anfangs wurden in den Konzentrationslager auch viele Juden inhaftiert, als jedoch die Vernichtungsmaschinerie ab 1941 zu laufen begann, wurden die meisten jüdischen Insassen, sofern sie bis dahin in den Konzentrationslagern überlebten, in die Vernichtungslager überstellt.

In den Vernichtungslagern war die Widerstandsform, die in den Konzentrationslagern typisch war, den Juden nicht möglich. Hier war der Tod nicht das Ergebnis der Willkür der Lagerleitung, sondern alleiniger Zweck. Der Antisemitismus als zentrales Moment der Naziideologie fand in den Todeslagern und in den Menschenjagden in Osteuropa seine Erfüllung und Vollendung. In den Todeslagern wie Treblinka, Belzec und Sobibor wurde der Massenmord mit einer nach Gesichtspunkten fabrikmäßig organisierten Arbeitsteilung rationell durchgeführt. In Auschwitz und Majdanek waren diese Todesfabriken Teilkomplexe des jeweiligen Lagers. Die dorthin deportierten Juden, einige Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene wurden nach ihrer Ankunft in den jeweiligen Lagern sofort umgebracht. Widerstand fand auch hier statt, konnte naturgemäß aber nur spontan und vereinzelt sein und war häufig Ausdruck höchster Verzweiflung. Der bis heute nicht aus der Welt geschaffte Vorwurf, die Juden hätten sich wie Schafe zur Schlachtbank führen lassen, ist nicht nur falsch, sondern angesichts der Lage der Opfer anmaßend.

Bestandteil der Todesmaschinerie waren die sogenannten Sonderkommandos. Ausgesuchte Häftlinge wurden dazu gezwungen, die ankommenden Juden vor ihrer Ermordung zu den Entkleidungsräumen zu führen, ihnen die Haare abzuschneiden, ihre Wertsachen abzunehmen, sie dann in die Gaskammern zu führen, nach ihrer Ermordung sie aus den Gaskammern zu räumen, die Toten nach versteckten Wertsachen zu untersuchen und sie dann in den Krematorien zu verbrennen. Nach vier bis fünf Wochen wurden dann auch die Häftlinge der Sonderkommandos umgebracht. Die in die Sonderkommandos gezwungenen Häftlinge waren keine Toten auf Urlaub, sie waren Tote auf Zwangsarbeit. Im Gegensatz zu denen, die sofort in die Gaskammern gebracht wurden, oder an den Erschießungsplätzen erschossen wurden, trug die Überlebensfrist der Sonderkommandos dazu bei, dass sich unter ihnen Widerstandszellen bilden konnten. Die Aufstände in Treblinka und Sobibor wurden durch Häftlinge aus diesen Sonderkommandos angeführt. In beiden Aufständen gelang es einigen Insassen zu fliehen, sie schlugen sich z.T. zu den Partisanen durch, andere wurden von Bauern versteckt. In Sobibor trug der Aufstand dazu bei, dass das Lager aufgegeben wurde. Auch unter den Sonderkommandos, die auf den Killing Fields der Nazis, die Leichen beseitigen mussten, kam zu Widerstandsaktionen.

Auschwitz 27. Januar 1945

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz befreite, war die Vernichtung der Juden vollendet.

Aufgrund der Tatsache, dass Auschwitz sowohl ein Konzentrationslager als auch ein Vernichtungslager war, kam es notwendig zum Konflikt der Widerstand leistenden Angehörigen der Sonderkommandos mit der auch dort bestehenden Widerstandsorganisation im Lager, der Kampfgruppe Auschwitz. Diese versuchte ähnlich wie in den anderen Lagern, den Widerstand im Lager zu organisieren und auch hier galt es als ausgemacht, eine angesichts der militärischen Lage bevorstehende Liquidation des Lagers, von der man zu Recht befürchtete, dass dann alle Insassen umgebracht werden sollten, zu verhindern. Der Aufstand sollte so lange hinausgezögert werden, bis die Rote Armee von den Lagertoren stehen sollte.

„Die Zerstörung der Vernichtungsanlagen und die Vermeidung weiterer Opfer waren Ziele, die außerhalb der Planungen der „Kampfgruppe Auschwitz“ lagen. So wünschenswert dies jedem scheinen mochte, so undurchführbar erschien es dem Widerstand. Eine Selbstaufopferung, ein heldenhafter Opfertod für bedrohte Juden kamen nicht in Frage. Überleben im Lager statt Rettung des Lebens potentieller, anonymer Opfer war die Maxime des Lagerwiderstands.“ (Werner Renz, 1994)

Die Sonderkommandos in Auschwitz wurden 1942 gebildet. Die Angehörigen der Sonderkommandos wurden wie anderswo nach 4-5 Wochen umgebracht, bis die SS bemerkte, dass es effektiver war, einen erfahrenen Kern am Leben zu lassen. Bis Ende 1943 bildete sich ein Kern von Juden heraus, die den aktiven Teil des Lagerwiderstandes bildeten. Von ihnen hat keiner überlebt. Einige schriftliche Zeugnisse der Widerstandskämpfer wurden nach 1945 gefunden. Sie geben uns Zeugnis über ihre verzweifelte Situation.

Ein Mitglied des Widerstandes, Salmen Lewental, schrieb: „Bald darauf erfuhren wir, dass Vorbereitungen getroffen wurden, um die ungarischen Juden zu verbrennen. Da brachen wir schon vollkommen zusammen; also sollten wir eine Million ungarischer Juden verbrennen. Wir, die wir es schon satt haben, wir, die wir schon seit langem mehr als genug davon haben, wir sollen noch unsere Hände mit dem Blut ungarischer Juden besudeln. Dies führte dazu, dass ganz einfach das ganze Kommando, … anfing darauf zu dringen, endlich mit diesem Spiel ein Ende zu machen … und wenn es notwendig wäre sich selbst zu opfern. Wir begannen die anderen zu bestürmen, die von außerhalb zu fordern, aber leider kam es nicht so, wie wir es uns vorgestellt hatten. Inzwischen hatte die große Offensive der Roten Armee begonnen. … Da kamen andere zum Schluss, dass die ganze Arbeit schon überflüssig sei, dass es besser wäre, noch etwas zu warten.“ (zit. n. Reuben Ainsztein, 1993)

Auch aufgrund der nicht zu erwartenden Unterstützung von außen, etwa durch den nationalpolnischen Widerstand oder durch die Luftwaffe der Roten Armee, wurde der geplante Aufstand abgeblasen. Die Vernichtung der ungarischen Juden wurde im Sommer 1944 umgesetzt. Als diese dann vollendet war, wussten die Zwangsarbeiter der Sonderkommandos, dass nun auch sie an der Reihe sind. Der Aufstand des Sonderkommandos brach ohne Unterstützung der Kampfgruppe Auschwitz los. Er wurde niedergeschlagen, keiner der Aufständischen überlebte. Eine Krematoriumsanlage wurde gesprengt, eine beschädigt. Unterstützt wurden die Aufständischen von drei jungen Frauen aus dem Frauenlager, die Zwangsarbeit in der Munitionsfabrik verrichten mussten. Sie schmuggelten Sprengstoff aus der Fabrik in die Lager der Sonderkommandos. Ihre Gruppe wurde später entdeckt, die beteiligten Frauen nach schwerster Folter umgebracht. Kurz bevor die Anführerin der Gruppe Roza Robota umgebracht wurde, gelang es einen von ihr beschriebenen Zettel aus der Folterzelle zu schmuggeln. Sie bat darum, Rache zu üben und unterschrieb diesen mit dem Gruß der Haschomer Hazair: Chsak we’emaz (seid stark und tapfer).

IAF über Auschwitz

Sie üben keine Rache, sondern gedachten des Mutes und der Verzweiflung der Millionen Opfer und tragen heute dazu bei, dass sich etwas ähnliches nicht wiederholt.

Anlässlich des Aufstands des Sonderkommandos in Auschwitz vor 70 Jahren zeigt das BgA-Kassel im Filmladen Kassel am 8.10.2014 um 17.00 Uhr den Film die Grauzone.

Literatur:

Reuben Ainsztein, Jüdischer Widerstand im deutschbesetzten Osteuropa während des Zweiten Weltkrieges, Oldenburg 1993.
Auschwitz. Zeugnisse und Berichte, (Hg.) H.G. Adler, Hermann Langbein, Ella Lingens-Reiner, Köln 1962.
Arno Lustiger, Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933 – 1945, Köln 1994.
Werner Renz, Der Aufstand des Sonderkommandos in Auschwitz-Birkenau, Frankfurt 1994.

Vor 70 Jahren: „Ich sah das Vernichtungslager“

Vor siebzig Jahren, am 23. Juli 1944 befreite die Rote Armee im Rahmen ihrer großen Sommeroffensive, das von der deutschen Wehrmacht verteidigte Vernichtungslager Maidanek. Der Schriftsteller Konstantin Simonow war Frontberichterstatter und schrieb den hier dokumentierten Bericht. Er war der erste Bericht eines alliierten Soldaten über ein aufgefundenes Vernichtungslager. Der Bericht zeigt zum einen die bei vielen Rotarmisten vorhandene antifaschistische Gesinnung und ihre Abscheu vor der nationalsozialistischen Barbarei und die Empathie für die Opfer. Diese Haltung trägt dazu bei, dass der Text immer wieder der offiziellen Sprachregelung in der Sowjetunion zuwiederläuft, die im Faschismus eine brutale Diktatur des Kapitals und den Faschismus als besondere Ausprägung des Imperialismus ansah, weniger oder gar nicht jedoch den Antisemitismus und die Volksgemeinschaft thematisierte. Man findet bei Simonow beides, Juden werden als Opfer benannt, dann sind es wieder Polen aus dem Warschauer Ghetto, die in Maidanek umgebracht wurden. Juden als Opfer des antisemitischen Vernichtungswahns zu beschreiben und diesen als Spezifikum des Nationalsozialismus zu kategorisieren, soweit geht Simonow nicht. Aber er beschreibt eindrücklich die Eigenart der Deutschen sich herausreden zu wollen und die Schuld am Geschehen den anderen zuzuschieben, der SS, dem SD, der GESTAPO etc. Smimonow kommt am Ende zu einer bemerkenswerten Schlußfolgerung als er zwei Tätertypen beschreibt, den Mörder und den Nutznießer. Beide umspannt eine Kette, die ganz Deutschland umspannt.

Das, worüber ich jetzt schreiben will, ist so ungeheuerlich und grauenhaft, daß man es in seinem ganzen Umfang gar nicht fassen kann. Mit der Untersuchung dieser grauenvollen Taten werden sich zweifellos Juristen, Ärzte, Historiker und Politiker noch lange beschäftigen. Und diese eingehenden Untersuchungen werden erst den ganzen Umfang dieses von Deutschen begangenen Verbrechens gegen die Menschheit in allen Einzelheiten ans Licht bringen. Mir sind bisher bei weitem noch nicht alle Tatsachen und alle Zahlen bekannt: ich sprach vielleicht nur mit einem Hundertstel der Zeugen und sah wohl nur ein Zehntel der vorhandenen Spuren des Verbrechens. Doch ein Mensch, der das gesehen hat, kann nicht schweigen und kann nicht warten. Ich möchte schon jetzt, gerade heute, von den ersten entdeckten Spuren des Verbrechens berichten, von dem, was ich in diesen Tagen gehört und mit eigenen Augen gesehen habe. Ende 1940 erschienen auf einem riesigen unbebauten Feld, das sich rechts von der Cholmer Landstraße, zwei Kilometer von Lublin, erstreckt, einige SS-Offiziere und Landvermesser mit ihren Arbeitsgeräten. Ein paar Tage später war hier ein riesiges Grundstück vermessen, das fast das ganze Feld umfaßte und eine Gesamtfläche von fünfundzwanzig Quadratkilometer einnahm. Auf dem in der Gestapo angefertigten Grundriß waren sechzehn riesige Quadrate eingezeichnet, und jedes Quadrat enthielt je zwanzig gleiche Rechtecke. Diese Rechtecke bezeichneten Baracken, und die Quadrate waren die sogenannten Felder oder Sektoren, die von allen Seiten mitStacheldraht umgeben waren. Oben auf dem Grundriß stand zuerst die späterverschwundene Überschrift: »Lager Dachau Nr. 2«.
Rotarmisten gedenken der Toten in Maidanek

Rotarmisten gedenken der Toten im gerade befreiten Maidanek

Die Gestapo begann bei Lublin mit dem Bau eines riesigen Konzentrationslagers, dass einem System nach eine genaue Kopie des berüchtigten Lagers Dachau in Deutschland darstellte, jedoch dieses an Größe mehrfach übertraf. Der Bau begann im Winter 1940/41. Anfangs wurde eine Anzahl polnischer Ingenieure und Arbeiter aus der Zivilbevölkerung zum Bau herangezogen, denen man bald darauf polnische und jüdische Kriegsgefangene als Hauptarbeitskräfte beigab, die während des deutsch-polnischen Krieges im Jahre 1939 gefangengenommen waren. Etwa imAugust 1941 wurde das erste Tausend russischer Kriegsgefangener und Zivilpersonen als Arbeitskräfte in das im Bau befindliche Lager eingeliefert. Zu dieser Zeit war dort das erste Feld, oder, wie die Deutschen es nannten, der »erste Block«, mit zehn Baracken zur Hälfte fertiggestellt.
Den ganzen Herbst 1941 und den Winter1942 hindurch wurde der Bau fortgesetzt. Die Zahl der mit dem Bau beschäftigten Menschen wuchs allmählich. Bald nach denRussen kamen große Gruppen politischer Gefangener – Tschechen und Polen – an sowie Menschen, die aus anderen Lagern übergeführt wurden, wo die meisten von ihnen schon seit 1933 gesessen hatten. Im Herbst 1941 wurden die ersten zweitausend Juden aus dem Lubliner Getto zur Arbeit hierher gebracht. Ihnen folgten im Dezember1941 siebenhundert Polen aus dem Lubliner Schloß. Dann gerieten vierhundert polnische Bauern ins Lager, die dem deutschen Staat nicht rechtzeitig die Steuern bezahlt hatten. Im April 1942 kamen Transporte von zwölftausend Personen aus der Slowakei – Juden und politische Gefangene – im Lager an. Den ganzen Mai hindurchtrafen immer neue Transporte aus Böhmen, Österreich und Deutschland ein. Der Bau des Lagers wurde äußerst beschleunigt, und im Mai waren die Baracken Nr. 1, 2, 3 und 4 für etwa vierzigtausend Personen vollendet. Den Monat Mai 1942 kann man als den Abschluß der ersten Etappe in der Geschichte des Lagers betrachten.
Das war die Periode einer fieberhaften Bautätigkeit, in der man unermüdlich bestrebt war, den allgemeinen Unterkunftsraum zu erweitern. Als die Baracken für vierzigtausend Personen fertig und die Haupt-, Neben- und Sonderbauten errichtet waren, als alles mit doppelten Reihen Stacheldraht, zum größten Teil unter Starkstrom, umgeben war, wurde das Lager von der Gestapo als betriebsfertig bezeichnet. Es wurde auch weiterhin ausgebaut und wäre ins Endlose weiter gebaut worden, hätten unsere Truppen Lublin nicht genommen. Doch das Bautempo war schon ein anderes. Vom Mai 1942 an wurde das Lager allmählich ausgebaut, ohne Hast, mit Einführung aller möglichen Vervollkommnungen. Dieses »Konzentrationslager der SS,Lublin«, wie es in amtlichen Papieren genannt wurde, hieß seit Mai 1942 in nichtamtlichen Dokumenten, Briefen, sonstigen Schriftstücken und von Mund zu Mund anders, und zwar »Vernichtungslager«. Auf dem zwei Kilometer von Lublin entfernten unbebauten Feld, rechts von der Cholmer Landstraße, errichteten die Deutschen die größte »Todesfabrik« Europas, einzig und allein dazu bestimmt, auf möglichst einfache, nutzbringende und schnellste Weise eine größtmögliche Anzahl von Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen zu vernichten.
Die Organisation des Lagers war in jeder Beziehung einzig dastehend. Findet man in anderen deutschen Mordeinrichtungen alle die Elemente des Systems aus dem Lubliner »Vernichtungslager« vereinzelt vor, so haben diese grauenhaften Erzeugnisse der deutschen Tollwut sich in dieser vollständigen, sozusagen lückenlosen Form noch nie so offensichtlich unseren Blicken dargeboten wie hier in Lublin. Uns sind Stätten bekannt wie Sobibor und Bjelshza, wo ganze Züge mit Todeskandidaten auf einer Schmalspurbahn auf ein abgelegenes ödes Feldgebracht wurden, wo man die Menschen erschoß und verbrannte. Wir kennen solche Lager wie Dachau und Auschwitz oder das »Großlazarett« in Slawuta, wo die Zivil-und Kriegsgefangenen durch Schläge; Hunger und Krankheiten allmählich umgebracht wurden. Aber im Lubliner »Vernichtungslager« waren alle diese Methoden kombiniert.Hier lebten in den Baracken Zehntausende Gefangene; die ununterbrochen ihr Gefängnis bauten, ausbauten und umbauten.
Es gab Tausende von Kriegsgefangenen, die vom Herbst 1942 an nicht zur Arbeit zugelassen wurden, deren Lebensmittelration noch kleiner war als die der anderen Gefangenen und die mit entsetzlicher Geschwindigkeit durch Hunger und Krankheiten umkamen. Es gab hier Todesfelder mit Scheiterhaufen und Leichenverbrennungsöfen, wo Tausende, ja Zehntausende von Menschen vernichtet wurden, die nur wenige Stunden oder Tage im Lager gehalten wurden, je nachdem, wie groß die Zahl der Angekommenen war und wieviel Zeit nötig war, um sie zu durchsuchen und nackt auszuziehen. Es gab hier »Gaswagen« vom gewöhnlichen Typus und stabil gebaute, betonierte Bunker für Zyklongasvergiftungen. Hier wurden die Menschen auch auf altindische Art verbrannt, auf die allerprimitivste Weise: eine Reihe Holzscheite, darauf eine Reihe Leichen, dann wieder eine Reihe Holzscheite und wieder eineReihe Leichen. Hier wurde die Verbrennung in primitiven Kremationsöfenvorgenommen, die wie große eiserne Kessel gebaut waren, und man benutzte auch ein besonders vervollkommnetes Krematorium für Blitzverbrennung.
Die einen wurden in Gräben erschossen, anderen wurde der Halswirbel mit einem eisernen Stock durchschlagen. Hier wurden Menschen im Wasserbecken ertränkt und auf verschiedenste Arten erhängt; es gab gewöhnliche Galgen mit einer Querstange und vervollkommnete transportable Galgen mit Flaschenzug und Schwungrad. Lublin war eine Todesfabrik, wo die Zahl der täglichen Todesfälle von zwei Faktoren geregelt wurde: von der Anzahl der ins Lager eingelieferten Menschen und von den in einerbestimmten Phase benötigten Arbeitskräften für den endlos fortgesetzten Bau. Endgültige Zahlen wird man erst später genau feststellen. Aber einige vorläufige Zahlen lassen sich schon heute erkennen. Alles in allem war das Lager über drei Jahre lang im Betrieb. Als die Rote Armee nach Lublin kam, fand sie im Lager nur einige hundert Russen vor; als sie im Frühling auf Kowel vorrückte, evakuierten die Deutschen nach Zeugenaussagen zwölf- bis sechzehntausend Gefangene aus demLager. Selbst wenn wir die Zahl Sechzehntausend annehmen, so enthielt das Lager vor seiner Auflösung insgesamt kaum siebzehntausend Personen.
Die durchschnittliche Zahl der Gefangenen betrug jedoch nach den Tagesberichten der Lagerkommandantur im Jahre 1943 ungefähr vierzigtausend Personen, die nach oben oder unten um einige Tausende schwankte. Nehmen wir jedoch die Gesamtzahl der Menschen, die im Laufe von über drei Jahren ins Lager eingeliefert wurden, so stellt sich heraus, daß zwischen der Endzahl von siebzehntausend und der Zahl der Eingelieferten ein Unterschied von vielen Hunderttausenden besteht. Dieser Unterschied gibt annähernd die Zahl der Menschen wieder, die unmittelbar im Lager umgebracht wurden, abgesehen von denen, die, ohne erst im Lager registriert zu werden, getötet wurden. Alle diese Angaben sind den amtlichen Rechenschaftsberichten der Verwalter des Lagers für die ganze Zeit seines Bestehens entnommen. Als ich von den Gefangeneneinlieferungen während der ersten Bauperiode des Lagers sprach, verwies ich auf den Monat Mai 1942. Im April und Mai 1942 wurden massenhaft Juden aus den Gettos von Lublin und Umgebung ins Lager eingeliefert: ImLaufe des Sommers kamen weitere achtzehntausend Personen aus der Slowakei und aus Böhmen an. Im Juli 1942 brachte man die erste Gruppe Polen, die beschuldigt wurden, sie seien Partisanen gewesen. Schon dieser erste Transport bestand aus fünfzehnhundert Personen. Im selben Monat wurde eine große Zahl politischer Gefangener aus Deutschland übergeführt. Im Dezember 1942 brachte man einigetausend Juden und Griechen aus dem Auschwitz-Lager bei Krakau; am 17. Januar 1943 fünfzehnhundert Polen und vierhundert Polinnen aus Warschau. Am 2. Februar trafen neunhundertfünfzig Polen aus Lemberg ein, am 4. Februar viertausend Polen und Ukrainer aus Taloma und Tarnopol. Im Mai 1943 kam ein Transport von sechzigtausend Menschen aus dem Warschauer Getto an. Den ganzen Sommer und Herbst 1943 über wurden mit Unterbrechungen von einigen Tagen Gefangenentrupps aus allen deutschen Hauptlagern – Sachsenhausen, Dachau, Flossenburg, Neuhamm, Großenrosen und Buchenwald – eingeliefert. Keiner dieser Transporte war unter tausend Mann stark.
Die Herkunft der Neuangekommenen erfuhr man im Lager nicht nur aus ihrenErzählungen, man erkannte sie auch gleich äußerlich, denn jedes Lager hinterließ bei den Insassen seinen besonderen Stempel. In Auschwitz zum Beispiel war es Sitte, allen Gefangenen, auch den Frauen, die Köpfe kahl zu scheren und ihnen die Gefangenennummer nicht wie anderswo um den Hals zu hängen, sondern in die Handfläche einzubrennen. Aus Buchenwald kamen Menschen an, die nur schwer Sonnenlicht vertragen konnten: in einer Filiale von Buchenwald, dem »Dora-Lager«, befand sich ein in den Felsen gehauenes unterirdisches Werk, in dem die berüchtigte »V-1 «-Waffe – die deutschen Flügelbomben – hergestellt wurde. Dort arbeiteten ausschließlich Slawen, hauptsächlich Polen und Russen. Sie arbeiteten, ohne ans Tageslicht zu kommen, und nach einem halben Jahr unterirdischer Arbeit büßten sie ihr Sehvermögen so stark ein, daß sie unverzüglich gruppenweise ins Lubliner »Vernichtungslager« geschickt wurden.Ich habe nur einige Zahlen und Lager genannt, nicht um eine vollständige Berechnung der Umgekommenen aufzustellen, sondern um zu helfen, sich wenigstens ein ungefähres Bild von dem Geschehenen zu machen. Ergänzend noch einiges über die nationale Zugehörigkeit der hier Eingelieferten. Die im Lager Umgebrachten waren meistenteils Polen. Unter ihnen waren Geiseln, echte und angebliche Partisanen und Angehörige von Partisanen, außerdem sehr viele Bauern, besonders solche, die aus Bezirken ausgesiedelt worden waren, in denen die deutsche Kolonisierung vor sich ging. Nach den Polen bilden Russen und Ukrainer die größte Zahl der Ermordeten. Ebenso groß ist die Zahl der von den Deutschen vernichteten Juden, die buchstäblich aus allen Ländern Europas, von Polen bis Holland, im Lager zusammengetrieben wurden. Dann folgen ansehnliche Zahlen, jede über mehrere tausend: das sind Franzosen, Italiener, Holländer und Griechen. Eine kleinere,aber ebenfalls beträchtliche Zahl entfällt auf Belgier, Serben, Kroaten, Ungarn,und Spanier (die letzteren gehörten offenbar zu den in Frankreich festgenommen Republikanern). Aus den gefundenen Personalausweisen ersieht man, daß hier Bürger aus aller Herren Länder eingeliefert waren, und zwar Norweger, Schweizer, Türken und sogar Chinesen.

 
In einem Zimmer der Lagerkanzlei, wo ein großer Haufen von Papieren, Pässen undPersonalausweisen der Getöteten auf dem Boden lag, fand ich, als ich aufs Geratewohl diese Papiere herausgriff, im Laufe von zehn Minuten Dokumente Angehöriger fast aller europäischen Nationen. Da war der Paß von Sophia Jakowlewna Dussewitsch aus dem Dorf Konstantinowka im Kiewer Gebiet, einer ukrainischen Arbeiterin, geboren im Jahre 1917. Da war der Paß mit dem Stempel »RepubliqueFrancaise« auf den Namen Eugene Duramer, Franzose, Metallarbeiter, geboren in LeHavre am 22. September 1888. Ein von der Volksschule in Banja-Luka ausgestelltes Zeugnis für Ralo Zunic, Mohammedaner, der die Schule im Jahre 1937 mit dem Zeugnis»dobar«, d. h. »gut« in »Moral, Naturkunde und Geschichte« abgeschlossen hatte. Ein in Kroatien ausgestellter Paß lautete auf den Namen Jatiranowic, geboren in Zagreb, den dieser am 2. Januar 1941 erhielt. Da war der Paß Jakob Borchardts, geboren in Rotterdam am 10. November 1918, ein Personalausweis von Eduard Alfred Saka, geboren im Jahre 1914 in Mailand auf der Via Plimo Nr. 29, »Größe 175,Körperbau stark, besondere Kennzeichen keine«. Da war ein Personalausweis Nr.8544, ausgestellt für Savaranti, Grieche, von der Insel Kreta. Ein deutscher Reisepaß lautete auf Ferdinand Lotmann, Ingenieur aus Berlin, geboren am 19.August 1872; da war ein Arbeitsbuch mit dem Stempel »Generalgouvernement«, ausgestellt für Sigmund Remak, polnischer Arbeiter, geboren am 20. März 1924 in Krakau. Da gab es eine chinesische Legitimation mit Photo und Hieroglyphen, die ich nicht lesen konnte. Es gab Personalausweise mit Blutflecken, andere waren durch Wasser aufgeweicht, es gab Papiere, die mitten durchgerissen, und andere, die zertrampelt waren. Dieser grauenhafte Berg von Personalausweisen war ein Grabhügel ganz Europas, eingezwängt in die vier Wände eines Zimmers.Es läßt sich sogar schwerlich voraussagen, welche ungeheuerlichen Einzelheiten beider eingehenden Untersuchung dieser Papiere und bei dem Verhör der unzähligen Zeugen zutage kommen werden.
Wie viele furchtbare Enthüllungen über das Schicksal der verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Winkeln Europas werden erst gemacht werden, wenn das ganze Material ans Tageslicht kommt und alle Zeugen vernommen werden? Geht man die Cholmer Landstraße entlang, so sieht man rechter Hand in etwa dreihundert Meter Entfernung die Umrisse einer ganzen Stadt emporwachsen: Hunderte niedriger, grauer Dächer, gebaut in genau ausgerichteten Reihen, getrennt durch Stacheldraht. Es ist eine große Stadt mit Raum für Zehntausende von Menschen. Man biegt von der Landstraße ab und fährt durch ein Tor auf die andere Seite des Stacheldrahtverhaus. Saubere Baracken mit gepflegten Vorgärten und aus Birkenholzgezimmerten Sesseln und Bänken stehen in Reihen. Das sind die Baracken der SS-Wache und der Lagerleitung. Hier ist auch das »Soldatenheime, eine etwas kleinere Baracke, in der das Bordell für die Lagerwache untergebracht war; die Frauen waren ausschließlich Gefangene, und sobald eine schwanger wurde, wurde sie umgebracht. Dann kommen die Desinfektionskammern für die den Gefangenen abgenommenen Kleider. Durch in die Decke eingelassene Rohre wurden Desinfektionsmittel geschüttet, dann wurden die Rohre verkittet, die Türen hermetisch verschlossen, und die Desinfizierung konnte beginnen. Die Bretterwände der Baracken und die leichtgebauten, nicht mit Eisen beschlagenen Türen bezeugen, daß hier tatsächlich nur Kleiderdesinfizierungen vorgenommen werden konnten. Doch nun öffnen wir die nächste Tür und gelangen in eine zweite Desinfektionskammer, die schon nach einem ganz anderen Prinzip gebaut ist. Ein quadratischer Raum, etwas über zwei Meter hoch, mit einer Bodenfläche von etwa sechs mal sechs Meter, Wände, Decke und Boden sind aus kompaktem grauem Beton. Kleiderhaken wie im ersten Raum gibt es hier nicht. Alles ist kahl und leer. DerEingang zum Raum wird von einer einzigen großen Stahltür mit riesigen Stahlriegeln von außen her hermetisch verschlossen.
Die Wände dieser Betonkammer haben drei Öffnungen: zwei von ihnen bestehen ausRohren, die von außen nach innen führen, die dritte ist ein Guckloch. Es ist ein kleines viereckiges Fensterchen, geschützt durch ein innen in der Betonwand angebrachtes starkes und dichtes Stahlgitter. Das dicke Glas ist von außen so eingesetzt, daß man es durchs Gitter nicht erreichen kann. Wohin sieht man durchs Guckloch? Um auf diese Frage Antwort zu bekommen, öffnen wir die Tür und treten aus der Kammer. Neben ihr ist eine zweite kleine Betonkammer angebaut, in die eben das Guckloch führt. Hier gibt es elektrisches Licht und einen Schalter. Von hier aus kann man durch das Guckloch die ganzeKammer übersehen. Auf dem Boden stehen einige runde, hermetisch verschlossene Behälter mit der Aufschrift »Zyklon« und darunter in kleiner Druckschrift: »Zur besonderen Verwendung in den Ostgebieten«. Der Inhalt eben dieser Behälter wurde durch die Rohre in die benachbarte Kammer geschüttet, wenn sie voller Menschen war. Die Menschen waren nackt und so dicht aneinandergedrängt, daß sie wenig Platz einnahmen. In der Kammer mit einer Bodenfläche von etwa vierzig Quadratmeter wurden über zweihundertfünfzig Menschen zusammengepfercht. Sie wurden hineingestoßen, die Stahltür von außen verriegelt und zur besseren Abdichtung verkittet, ein Sonderkommando in Gasmasken entleerte die runden »Zyklon«-Behälterin die Rohre. In den Behältern waren blaue, harmlos aussehende kleine Kristalle, die bei Verbindung mit Sauerstoff Giftstoff aussondern, der sofort auf alle Zentren des menschlichen Körpers einwirkt. Durch die Rohre wurde »Zyklon«geschüttet, der die Erstickung leitende SS-Mann drehte den Schalter an, die Kammer wurde hell beleuchtet, und er beobachtete von seinem Kommandopunkt durchs Guckloch den Erstickungsprozeß, der, verschiedenen Aussagen zufolge, zwei bis zehn Minuten dauerte. Durchs Guckloch konnte er ungefährdet alles sehen, sowohl die verzerrtenGesichter der Sterbenden wie auch die fortschreitende Wirkung des Gases. Das Guckloch ist gerade in Augenhöhe eingebaut.
Und wenn die Menschen starben, brauchte der Beobachter nicht hinabzusehen : sie fielen nicht um im Sterben, die Kammer war so vollgepfropft, daß auch die Toten aufrecht standen. Übrigens ist »Zyklon« wirklich ein Desinfektionsmittel. Mit ihm wurden tatsächlich in den Nebenkammern Kleider desinfiziert. Alles ist makellos, alles ist in Ordnung, alles entspricht der Wirklichkeit. Es handelt sich nur darum, wie groß die Dosis »Zyklon« ist, die in die Kammer geschüttet wird. Gehen wir einige hundert Schritte weiter. Ein leerer Platz. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß hier früher einmal ein Gebäude gestanden haben muß. Ja, hier war bis zum vorigen Herbst ein Krematorium. Im Herbst wurde der Bau eines anderen, vervollkommneten Krematoriums beendet, zu dem wir später kommen werden; das alte, primitiv gebaute Krematorium wurde zerstört, da seine Leistungsfähigkeitwesentlich hinter der rationalisierten, vervollkommneten Gaskammer zurückblieb. Jenes Krematorium bestand einfach aus einer geräumigen Baracke mit Zementboden, wo auf Ziegelfundamenten zwei riesige Eisenkessel der Länge nach aufgestellt waren. Die Verbrennung ging in diesen Kesseln viel zu langsam vor sich. Zwar erwartete man hier nicht die endgültige Einäscherung der Leichen, doch schon der Zerfall der Leiche in morsche Knochen dauerte hier wenigstens zwei Stunden. In beide Verbrennungsräume kamen gleichzeitig je vierzehn Leichen. Das Krematorium konnte also täglich nicht mehr als hundertfünfzig Leichen verbrennen, während in der Gaskammer sogar bei nur einer, wie man sich hier ausdrückte, »Vergasung« dreihundert Personen täglich getötet wurden. Deshalb mußte vor dem Bau des neuen Krematoriums an den großen Vernichtungstagen ein bedeutender Teil der Leichen von hier mit Lastkraftwagen auf ein Feld hinter den Lagern gebracht und dort verscharrt werden. Der Zaun besteht aus zwei Reihen vier Meter hoher Pfosten mit Stacheldraht, der oben in Halbdachform nach innen gebogen ist. Beide Pfostenreihen stehen zwei Meter voneinander, und quer durch diesen Zwischenraum zieht sich im Diagonal, von der Spitze des einen Pfostens bis zum Fuß des gegenüberstehenden, eine dritte Reihe Stacheldraht.
Der Draht läuft über Isolationsrollen und war elektrisch geladen: durch ihn wurde ein tödlicher Starkstrom geleitet, der jede Fluchtmöglichkeit ausschloß. Dieses elektrifizierte System war anfangs nicht eingeführt. Ursprünglich ging durch den Drahtverhau kein elektrischer Strom. Der Übergang zum elektrischen System wurde durch folgenden Vorfall hervorgerufen. Im Mai 1942 erschlug eine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die Erschossene im nahe liegenden Krempezker Wald begraben sollten, mit ihren Spaten sieben deutsche Wächter und flüchtete. Zwei von ihnen wurden gefangen, die übrigen fünfzehn entkamen. Da wurden die imLager verbliebenen hundertdreißig Kriegsgefangenen (von den tausend im August 1941eingelieferten Kriegsgefangenen waren nur hundertdreißig am Leben geblieben) in den Block übergeführt, wo die Häftlinge aus der Zivilbevölkerung untergebrachtwaren. Eines Abends Ende Juni entschlossen sich die russischen Kriegsgefangenen, als sie sahen, daß sie hier sowieso zugrunde gehen würden, zu einem Fluchtversuch. Einige Dutzend der Häftlinge gingen nicht mit. Die Kriegsgefangenen sammelten alle vorhandenen Bettdecken, legten sie zu je fünf Stück zusammen, breiteten sie als Brücken über den Stacheldraht aus und flohen. Die Nacht war finster, nur vier derFlüchtlinge wurden erschossen, die übrigen entkamen. Die zurückgebliebenen fünfzig Mann wurden sofort nach Entdeckung der Flucht in den Hof geführt, mußten sich auf die Erde legen und würden aus Maschinenpistolen erschossen. Doch die Deutschen begnügten sich nicht mit dieser Strafmaßnahme. Die gelungene Flucht blieb eineTatsache, und die Deutschen elektrifizierten eiligst vier der fünf Blocks. Nur einer der Blocks war nicht elektrifiziert: dort befanden sich Frauen, von denen man wohl schwerlich einen Fluchtversuch erwarten konnte. Wir gelangen zu einem anderen Nebenblock. Er ist weniger sorgfältig abgezäunt als die Wohnblocks. Daran ist übrigens nichts Erstaunliches, denn hierher kamen die Toten oder Halbtoten oder solche, die unter verstärkter Bewachung zur Tötung vorgesehen waren. Hier, hinter diesem Draht, lebte, mit Ausnahme der SS und der Leichenverbrennungsmannschaft niemand länger als eine Stunde.
Mitten auf einem leeren Feld sehen wir einen hohen viereckigen Schornstein aus Steinen mit einem anschließenden langen, niedrigen rechteckigen Ziegelsteingebäude. Das ist das Krematorium. Es ist vollkommen erhalten geblieben. Etwas weiter finden wir die Überreste eines großen Ziegelsteinbaus: In den wenigen Stunden, die der Lagermannschaft zwischen der Nachricht vom Durchbruch der Front und der Ankunft unserer Truppen zur Verfügung standen, versuchte sie, die Spuren zu verwischen. Sie schaffte es nicht, das Krematorium in die Luft zu sprengen, aber das Nebengebäude setzten sie in Brand. Trotzdem legen die Spuren ein beredtes Zeugnis ab. Ein fürchterlicher Leichengestank erfüllt die Luft. Die Nebenräume des Krematoriums bestehen aus drei Hauptkammern. Die eine Kammer ist vollgestopft mit halbverbrannten Kleidungsstücken. Das sind die noch nicht weggebrachten Kleider der letzten Gefangenen, die hier ermordet wurden. Von derKammer nebenan ist nur ein Teil der Wand übriggeblieben. In diese Wand sind mehrere Rohre kleineren Durchmessers eingelassen als die in der Gaskammer, die wir schon gesehen haben. Das ist auch eine Gaskammer zur Vergiftung (bisher ist noch nicht aufgeklärt, ob mit »Zyklon« oder mit einem anderen Gas). Wenn besondersviele ausgerottet werden sollten, konnte die Hauptgaskammer nicht alles bewältigen, und ein Teil der Menschen wurde hierhergeführt und unmittelbar neben dem Krematorium »vergast«. Die dritte und geräumigste Kammer war offenbar für die Aufstapelung der Leichen bestimmt, die hier lagen, bis sie an die Reihe kamen, um verbrannt zu werden.
Der ganze Boden ist mit halbverwesten Skeletten, Schädeln undKnochen bedeckt. Dies rührt nicht von einer planmäßigen Verbrennung her, sondern das ganze Gebäude wurde niedergebrannt: als die Deutschen die dritte Kammer anzündeten, verbrannten die dort aufgehäuften Leichen. Es sind ihrer viele, vielleicht Dutzende, vielleicht Hunderte – das ist schwer zu sagen, denn diese Menge halbverwester Knochen mit Stücken halbverbrannten Fleisches daran läßt sich nicht zählen.
Jetzt sind es nur noch wenige Schritte zum eigentlichen Krematorium. Es stellt ein großes Rechteck dar, gebaut aus feuerfesten Ziegeln, aus Dinassteinen. In diese Steinwand sind fünf große Feueröffnungen nebeneinander eingelassen mit hermetisch verschließbaren gußeisernen Ofentüren. Die runden Ofentüren stehen jetzt offen. Die tiefen Verbrennungsräume sind zur Hälfte,- mit verbrannten Knochen und Asche gefüllt. Vor den Öfen liegen auf dem Platz vor den Feueröffnungen halbverkohlte Menschenskelette, die die Deutschen verbrennen wollten und die nun durch die Feuersbrunst zerstört wurden. Vor drei Feueröffnungen liegen Männer- oderFrauenskelette, vor den beiden anderen liegen Skelette von Kindern im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren – nach der Größe zu urteilen. Vor jedem Feuerlochliegen fünf bis sechs Skelette. Das entspricht ihrem Fassungsvermögen: in jedenVerbrennungsraum wurden sechs Leichen auf einmal gestopft. Wenn die sechste Leiche nicht Platz fand, schlug die Verbrennungsmannschaft den nicht hineingehendenKörperteil – die Hand oder das Bein oder den Kopf – einfach ab und schloß darauf hermetisch die Ofentür. Im ganzen gibt es dort fünf Verbrennungsräume. Ihre Leistungsfähigkeit war sehr groß. Das Krematorium war so berechnet, daß die Verbrennung der Leichen innerhalb von fünfundvierzig Minuten erfolgte. Doch allmählich lernten es die Deutschen, denVerbrennungsprozeß zu beschleunigen, und verdoppelten durch Erhöhung der Temperatur die Leistungsfähigkeit: die Dauer der Leichenverbrennung wurde von fünfundvierzig Minuten auf fünfundzwanzig Minuten und sogar auf weniger verkürzt. Sachverständige haben bereits diese Dinassteine untersucht und an ihrer Deformierung und Strukturveränderung erkannt, daß die Temperatur hier überfünfzehnhundert Grad betrug. Als ergänzender Beweis dienen die gußeisernen Schieber, die auch deformiert und geschmolzen sind. Nehmen wir als Durchschnittan, daß die Verbrennung jeder Partie Leichen eine halbe Stunde dauerte, und fügen wir hinzu, daß nach übereinstimmenden Aussagen der Schornstein des Krematoriums vom Herbst 1943 an ununterbrochen Tag und Nacht rauchte und das Krematorium wie ein Hochofen keine Minute stillstand, dann ergibt sich, daß ungefähr,vierzehnhundert Leichen täglich verbrannt wurden. Zum Bau des Krematoriums sahen sich die Deutschen besonders auch durch dieVorgänge bei dem Fall »Katyn« genötigt. Sie fürchteten weitere Enthüllungen beider Öffnung der Gruben mit den verscharrten Leichen der Ermordeten, und deshalb unternahmen sie auf dem Gelände des Lubliner Lagers vom Herbst 1943 anumfangreiche Ausgrabungen. Sie gruben aus den vielen umliegenden Gräben die halbvermoderten Leichen der Erschossenen aus und verbrannten sie im Krematorium,um die Spuren endgültig zu verwischen. Die Asche und die verkohlten Knochen aus den Verbrennungsräumen des Krematoriumswurden in dieselben Gräben geschüttet, aus denen die Leichen ausgegraben wurden. Einer dieser Gräben ist schon geöffnet worden. Man fand dort eine fast meterdicke Aschenschicht.
Hinter dem Lager steht noch ein unvollendeter Block. Innerhalb des Stacheldrahts sind nur Ziegelfundamente zu sehen. Die Mauern sind noch nicht errichtet; nur eine Baracke ist fertiggebaut, aber nicht mit Pritschen versehen. Sie war unbewohnt, und dennoch wurde sie vielleicht zum grauenhaftesten Zeugen dessen, was hier vor sich ging. Diese einige Dutzend Meter lange und breite Baracke ist in ihrer ganzen Ausdehnung und in halber Deckenhöhe, d. h. über zwei Meter hoch, angefüllt mit dem Schuhzeug der hier im Laufe von drei Jahren hingerichteten Menschen. Es ist schwer zu sagen, wieviel Paar Schuhe hier liegen. Vielleicht eine Million, vielleicht mehr. Das Schuhzeug hat keinen Platz in der Baracke und fällt aus Fenstern und Türen heraus. An einer Stelle hat sein Gewicht die Wand durchgedrückt, und ein Stück der Wand ist zusammen mit einem Berg von Schuhen eingefallen. Hier finden wir alles: zerrissene russische Soldatenstiefel und polnische Militärstiefel, Männerschuhe und Damenhalbschuhe, Galoschen und vor allem – was das Furchtbarste ist – zehntausende Paar Kinderschuhe: Sandalen, Halbschuhe und Schuhchen für Zehnjährige, Achtjährige, Sechsjährige und Babyschuhe. Man kann sich kaum etwas Grauenvolleres vorstellen als dieses Bild. Ein furchtbares, stummes Zeugnis für die Ermordung Hunderttausender von Männern, Frauen und Kindern! Steigt man über diesen Schuhberg hinweg und gelangt in den rechten Winkel des Schuppens, findet man sogleich die Erklärung für das Bestehen dieses ungeheuerlichen Lagerraums. Hier sind Tausende, ja Zehntausende von Sohlen und Oberleder zusammengelegt und Lederstücke einzeln gesammelt. Hier wurde der Teil des Schuhwerks, der als Fußbekleidung schon unbrauchbar war, aufgetrennt und sortiert, und die Sohlen, Absätze und Oberleder wurden gesondert abgelegt. Wie alles im Todeslager hatte auch diese Sammelstelle ihren nutzbringenden Zweck: von den Ermordeten durfte nichts verlorengehen – weder ihre Kleider noch ihr Schuhzeug, noch ihre Knochen, noch ihre Asche.
In einem der großen Häuser in Lublin ist die letzte Abteilung des Lagers untergebracht. In Dutzenden von Räumen, in Dutzenden großer und kleiner Zimmer ist dort eine riesige Sortierungsstelle für alle Hinterlassenschaften der Ermordeten eingerichtet. In einem Zimmer sehen wir Zehntausende von Frauenkleidern, in einem anderen, einige zehntausend Paar Beinkleider, in einem dritten Zehntausende vonWäschestücken, in einem vierten Tausende von Damentäschchen, in einem fünften Zehntausende von Kinderanzügen und -kleidern, in einem sechsten Rasierzeug, in einem siebenten Mützen und Hüte. Ich sprach mit gefangenen Deutschen, die am Krematorium und an den Leichengräben vorbeikamen. Sie stritten ihre Teilnahme an all dem ab. Sie sagten, nicht sie hätten das getan, sondern die SS. Aber als ich später einen im Lager beschäftigten SS-Mann verhörte, behauptete er, daß die Massenhinrichtungen nicht die SS, sondernder SD, d. h. die Gestapo, vollzogen hätte. Die Gestapoleute hingegen beschuldigten die SS. Ich weiß nicht, wer von ihnen die Menschen verbrannte, wer sie schlechtweg erschlug, wer ihnen die Schuhe von den Füßen zog und wer die Damenwäsche und die Kinderkleidchen sortierte – ich weiß das nicht. Aber beim Anblick dieser Kleidersammelstelle denke ich daran, daß eine Nation,welche Leute hervorgebracht hat, die zu all dem fähig waren, sowohl die volleVerantwortung wie auch den Fluch für die Untaten ihrer Repräsentanten auf sich nehmen muß und nehmen wird. Die Geschichte des Lubliner »Vernichtungslagers« habe ich schon erzählt und sein heutiges Aussehen geschildert. Verweilen wir jetzt bei den Aussagen einzelner Zeugen, mit denen ich gesprochen habe. Ihre Aussagen umfassen vielleicht nur denhundertsten Teil jener Beweismittel, die später das Material für die Untersuchungskommission bilden werden. Ich sprach mit dem russischen kriegsgefangenen Arzt Baritschew, Oberarzt im Lagerlazarett für Kriegsgefangene, und auch mit einem Heilgehilfen desselben Lazaretts, mit Ingenieuren und Arbeitern aus der Zivilbevölkerung, die beim Bau des Lagers tätig waren, und mit Lagerinsassen, sowohl Häftlingen als auch Kriegsgefangenen; ich sprach ebenfalls mit den SS-Leuten, die das Lager bewachten. Aus all diesen Gesprächen erhielt ich ein Gesamtbild über das Leben im »Vernichtungslager«, über das man hier sprechen muß. Die erste Voraussetzung, von der die im Lager herrschenden SS-Leute ausgingen, war folgende: alle, die ins Lager kommen, seien es Kriegsgefangene oder Häftlinge aus der Zivilbevölkerung, seien es Russen, Ukrainer, Polen, Bjelorussen oder Juden, Franzosen oder Griechen usw., sie alle werden früher oder später umgebrachtwerden, nie wird einer lebend aus diesem Lager herauskommen und erzählen können,was dort vor sich geht. Diese erste Voraussetzung bestimmte sowohl das Vorgehen der Wachmannschaft als auch die Methoden für die Ausrottung der Menschen in diesem Lager. Die Toten sind stumm und können nichts mehr erzählen. Sie können von keinen Einzelheiten berichten und diese Einzelheiten mit Dokumenten belegen.
Daher wird niemand Beweise in der Hand haben, und das war, nach Auffassung der Deutschen, das Wichtigste. Natürlich konnten Berichte über das Lager als Ganzes, als Todeslager, zu der Bevölkerung der Umgegend dringen, aber das beunruhigte die Deutschen nicht. Sie fühlten sich in Polen wie zu Hause. Das »Polnische Generalgouvernement« war für sie ein für immer erobertes Land. Die, die hier amLeben geblieben waren, sollten vor allem vor den Deutschen Angst haben, und deshalb waren die entsetzlichen Gerüchte, die über das Lubliner Lager in ganz Polen umgingen, den Deutschen sogar erwünscht. Der Leichengeruch, der an Tagen besonders großer Massenmorde aus dem Lager in die Umgebung drang und die Menschen sogar in Lublin zwang, sich Tücher vors Gesicht zu halten, flößte den Bewohnern der Umgegend Furcht ein. Das sollte ganz Polen eine Vorstellung vermitteln von der Stärke der deutschen Herrschaft und von den Schrecken, denen alle, die Widerstand zu leisten wagten, ausgeliefert waren. Die Rauchsäule, die wochen und monatelangüber dem hohen Schornstein des Hauptkrematoriums stand, war weithin sichtbar, aber das störte die Deutschen nicht. Dieser entsetzliche Rauch sollte ebenso wie der Leichengeruch der Bevölkerung Schrecken einflößen. Tausendköpfige Menschenkolonnen marschierten vor aller Augen über die Cholmer Landstraße, und hatte sich das Tor des Lubliner Lagers hinter ihnen geschlossen, kehrten sie nie wieder von dortzurück. Auch das sollte die Stärke der Deutschen beweisen, die meinten, sich alles, was ihnen beliebte, erlauben zu können und sich dafür vor niemandem verantworten zu müssen. Ich möchte meinen Bericht mit der Beschreibung der »humansten« Einrichtung desLagers, dem Lazarett, beginnen. Alle ins Lager Eingelieferten kamen, bevor sie in die allgemeinen Baracken übergeführt wurden, laut strengster medizinischer Vorschrift für 21 Tage unter Quarantäne. Das entsprach fraglos den Erfordernissen der Hygiene. Hier muß man nur eine Kleinigkeit hinzufügen: alle Kriegsgefangenen, die unter Quarantäne ins Lazarett kamen, wurden laut Befehl der Lagerkommandantur ausschließlich in Baracken untergebracht, in denen Kranke mit offener Tuberkulose lagen.
In jede dieser schrecklich überfüllten Baracken, wo zweihundert Kranke mit offener Tuberkulose lagen, wurden noch je zweihundert Menschen hineingepfercht, die unter Quarantäne standen. Wenn man diese kleine Einzelheit berücksichtigt, so wird es verständlich, daß die Todesursache bei 70 bis 80 Prozent der Menschen, die im Lager sozusagen eines natürlichen Todes starben, Tuberkulose war. Eigentlich war das Lazarett nichts weiter als eine Abteilung des»Vernichtungslagers«. Hier wandten die Deutschen Mordmethoden an, die manchmal schneller wirkten als die in den gewöhnlichen Baracken. Wenn man überhaupt von den Methoden der Ermordung spricht, so muß bemerkt werden, daß sie äußerst mannigfaltig waren und entsprechend der Vergrößerung des Lagers progressiv zunahmen. Der erste Platz für die Massenausrottung war eine Bretterbude, die anfangs, als das Lager gebaut wurde, zwischen zwei Reihen Stacheldraht errichtet wurde. Durch diese Bretterbude lief unter der Decke ein langer Balken, an dem ständig acht Lederschlingen hingen. Hier wurden alle Entkräfteten erhängt. In der ersten Zeit gab es im Lager nicht genügend Arbeitskräfte, und die SS-Leute konnten nicht einfach zu ihrem Vergnügen töten. Sie töteten keinen Gesunden. Sie erhängten nur diejenigen, die durch Hunger und Krankheiten entkräftet waren. Dabei hatten die Kriegsgefangenen eine Vergünstigung. In dieser Bretterbude wurden nur Häftlinge aus der Zivilbevölkerung erhängt. Die Gruppen der entkräfteten und zur Arbeit untauglichen Kriegsgefangenen wurden aus dem Lager hinausgeführt und erschossen. Kriegsgefangene wurden nur dann erhängt, wenn keine ganze Gruppe zusammengestellt werden konnte und es sich nicht lohnte, einen oder zwei Mann in den Wald zuführen. Da wurden ein bis zwei Kriegsgefangene zusammen mit den Häftlingenerhängt. Bald war das erste primitive Krematorium aus zwei Öfen, von dem schonfrüher die Rede war, fertiggestellt. Die Gaskammer kam erst später zur Anwendung,sie war noch nicht fertiggebaut.
Zu dieser Zeit war die Hauptmethode zur Ermordung der Kranken und Geschwächten folgende: an das Krematorium wurde ein kleines Zimmer mit sehr engem und niedrigem Eingang angebaut. Dieser Eingang war so niedrig, daß sich der Eintretende unbedingt bücken mußte. Zwei SS-Leute standen zu beiden Seiten der Tür, und jeder von ihnen hielt eine kurze und schwere Eisenstange in der Hand. Wenn der Mensch, der durch die Tür gehen sollte, mit gebeugtem Kopf eintrat, erhielt er von einem SS-Mann einen Schlag mit der Eisenstange gegen den Halswirbel. Wenn der eine SS-Mann daneben schlug, half der andere nach. Wenn das Opfer dann noch nicht tot war, sondern nur die Besinnung verlor, hatte das keine Bedeutung. Der Gestürzte galt als tot und kam in den Verbrennungsraum des Krematoriums. Allgemein bestand im Lager folgende Regel: wer hingefallen war und nicht mehr aufstehen konnte, galt als tot. Manchmal wurden die erschöpften Opfer stundenlang in den Hof getrieben, damit sie in der Kälte umkamen. Hier muß noch die sogenannte Abendgymnastik erwähnt werden. Sie bestand darin, daß die Leute, die ohnehin entkräftet und durch den Arbeitstagaufs äußerste erschöpft waren, nach der abendlichen Kontrolle gezwungen wurden, anderthalb Stunden lang durch kniehohen Morast – im Winter durch den Schnee und im Sommer in der Hitze – um den ganzen Wohnblock zu rennen. Dieser Weg ist über einen Kilometer lang. Am Morgen wurden die Leichen, die am Zaun des Blocks lagen,eingesammelt. Das waren sozusagen die üblichen, alltäglichen Tötungsmethoden. Aber die Bestien, die schon Menschenblut geschmeckt hatten, benügten sich nicht mitgewöhnlichen Methoden. Die Ermordung ihrer Opfer war nicht nur eine Arbeit,sondern auch eine Zerstreuung. Wir wollen nicht über die »Zerstreuungen« sprechen, die in allen deutschen Lagern üblich waren, wie z. B. das Schießen von denWachtürmen auf Häftlinge, die als Zielscheibe dienten, oder das Totprügeln von Hunderten halb verhungerter Menschen, wenn sie sich auf ihnen hingeworfene Knochen stürzten. Wir erwähnen hier nur einige Zerstreuungen, die typisch für das LublinerLager waren.
Der erste »geistreiche Spaß« sah so aus: einer der SS-Leute schikanierte irgendeinen Häftling und erklärte, daß dieser die Lagerordnung verletzt habe und deshalb erschossen werde. Der Häftling wurde an die Wand gestellt, und der SS-Mann zielte mit seinem Parabellum auf dessen Stirn. In Erwartung des Schusses schloß das Opfer in 99 Fällen von 100 instinktiv die Augen. Da schoß der SS-Mann in die Luft, während ein anderer SS-Mann, der sich inzwischen unbemerkt an den Häftling her angeschlichen hatte, ihm mit einem dicken Brett einen Schlag auf den Kopf versetzte. Der Häftling verlor die Besinnung und fiel hin: Wenn er dann ein paarMinuten später zu sich kam und die Augen öffnete, sagten die vor ihm stehenden SS-Leute lachend: »Siehst du, jetzt bist du im Jenseits. Auch auf der anderen Welt sind Deutsche. Wie du siehst, kannst du dich vor ihnen nirgends retten.« Da der blutüberströmte Mensch gewöhnlich nicht mehr die Kraft hatte, sich zu erheben, so galt er als dem Tode verfallen und wurde schließlich und endlich, nach dem man sich so ergötzt hatte, erschossen. Der »Spaß« Nr. 2 wurde in einem großen Wasserbecken durchgeführt, das sich in einer der Lagerbaracken befand. Der Häftling, den man als Schuldigen auserkor, wurde ausgezogen und in dieses Becken gestoßen. Er versuchte, wieder nach oben zu kommen und aus dem Becken zu klettern. Die SS-Leute, die in seiner Nähe standen, stießen ihn mit ihren Stiefeln wieder ins Wasser zurück. Wenn es ihm gelang, den Schlägen zu entgehen, hatte er das Recht, wieder herauszuklettern. Dabei mußte er aber noch eine Bedingung erfüllen: sich in drei Sekunden völlig ankleiden. Die SS-Leute kontrollierten das mit der Uhr in der Hand. Natürlich konnte sich niemand in drei Sekunden ankleiden. Und er wurde wieder ins Wasser gestoßen, wurde von neuem gequält, bis er ertrank. Der »Spaß«Nr. 3 hatte unbedingt den Tod des Opfers zur Folge, an dem man sich ergötzte. Bevor der Schuldige umgebracht wurde, führte man ihn in die Wäscherei zur silbrigglänzenden Wringmaschine und zwang ihn, die Fingerspitzen zwischen die schweren Gummirollen zu stecken.
Dann begann einer der SS-Leute oder auf ihren Befehl einer der Häftlinge, die Kurbel der Maschine zu drehen. Der Arm des Opfers wurde bis zum Ellbogen oder bis zur Schulter in diese Maschine gepreßt. Das Geschrei des Gemarterten war dabei der Hauptspaß. Selbstverständlich wurde ein Mensch mit zerquetschtem Arm, wie jeder andere, der nicht arbeitsfähig war, gleich nach der Marter umgebracht. Die hier aufgezählten »Vergnügungen« waren sozusagen allgemein üblich. Einzelne SS-Leute ergötzten sich noch auf ihre besondere Art. Ich will nur ein Beispiel anführen, das von zwei Zeugen bestätigt wird. Einer der SS-Leute, der die Arbeiter beim Bau des neuen Krematoriums bewachte, ein neunzehnjähriger Bursche, trat ohne jeden Grund an den gesündesten und hübschesten der dort Arbeitenden heran, befahl ihm, sich zu bücken, und schlug ihn mit aller Kraft mit einem Knüppel auf den Hals. Als jener hinfiel, befahl der SS-Mann zwei anderen Häftlingen, den am BodenLiegenden an den Füßen zu nehmen und ihn mit dem Gesicht nach unten umherzuschleifen, damit er wieder zu sich komme. Als man ihn jedoch hundert Meter über den gefrorenen Boden geschleift hatte, war er noch nicht zu sich gekommen und lag regungslos. Da packte der SS-Mann ein hohles Zementrohr, das für dieKanalisation bestimmt war, hob es auf und warf es dem am Boden Liegenden auf denRücken. Dann hob er das Rohr wieder auf, warf es wieder, und das wiederholte er fünf mal. Nach dem ersten Schlag mit dem Rohr zuckte der am Boden Liegende im Todeskrampf. Nach dem zweiten Schlag war er wieder reglos. Nach dem fünften Schlagbefahl der SS-Mann, ihn umzudrehen, und schob ihm mit seinem Stock die Augenlider hoch. Als sich der SS-Mann überzeugt hatte, daß sein Opfer tot war, spie er aus, zündete sich eine Zigarette an und ging seines Wegs, als ob nichts geschehen wäre. Nebenbei gesagt, war das nicht nur das Resultat seiner persönlichen ungeheuerlichen Veranlagung. In den Herbst- und Wintermonaten 1943 hielt es jederSS-Mann für seine Pflicht, damit zu prahlen, daß er am Tage nicht weniger als fünf Häftlinge umgebracht habe. Ich möchte noch über die Frauen sprechen.
In manchen Monaten waren im Lager bis zu zehntausend Frauen. Sie wurden genau so wie die Männer behandelt, nur mit dem einen Unterschied, daß sie von SS-Weibern bewacht wurden. Ich will über eine dieser Furien erzählen, die im Unteroffiziersrang stand und Oberaufseherin der Frauenbaracken war. Leider ist es bisher noch nicht gelungen, ihren Namen festzustellen, weil sie bei allen einfach nur unter der verstümmelten deutschen Bezeichnung »Lagerseherka« bekannt war. Diese »Lagerseherka« erschien nie ohne eine Peitsche. Ein zwei Meter langer, elastischer Stahldraht, umwickelt mit Gummi und mit Leder bespannt – das war die Peitsche. Die »Lagerseherka« war eine mißgestaltete hagere Megäre, die sich durch perversen Sadismus auszeichnete und halb verrückt war. Bei der Morgen- und Abendkontrolle suchte sie unter den erschöpften und abgemagerten Frauen die hübscheste aus, die noch mehr oder minder menschlich aussah, und schlug sie grundlos mit der Peitsche auf die Brust. Wenn das Opfer, von diesem Schlag getroffen, zu Boden fiel, erhielt es einen zweiten Peitschenschlag zwischen die Beine, wohin dann ein dritter Stoß mit dem beschlagenen Stiefel folgte. Gewöhnlich konnte sich eine solche Frau nicht mehr erheben und mußte, bevor sie aufstand, noch lange auf dem Boden kriechen, wobei sie Blutspuren hinterließ. Nach eineroder zwei solcher Mißhandlungen wurden die Frauen zu Krüppeln und starben bald. Es fällt schwer, über all das zu sprechen. Es bleibt nur noch zu hoffen, daß dieses entsetzliche Geschöpf und Tausende, die ihr gleichen, beim Namen genannt, ausfindig gemacht und hingerichtet werden, also wenigstens den hundertsten Teil der verdienten Strafe büßen werden.
Bisher sprachen wir über die Martern und den Tod jener, die eine mehr oder minderlange Zeit im Lager waren. Aber das Lager bei Lublin war eine echte Todesfabrik, und viele Menschen wurden hier sofort nach ihrem Eintreffen umgebracht. Solche sind in drei Jahren zu Hunderttausenden durch dieses Lager gegangen. Fast täglichwurden Opfer aufs Todesfeld geführt. In den Nächten ratterten innerhalb des Lagers Traktoren, eigens angekurbelt, um das Knattern der automatischen Pistolen und die Schreie der zu Tode Getroffenen zu übertönen. Wenn der Traktor zu rattern begann, wußten im Lager alle, daß für Tausende die letzte Stunde geschlagen hat. Wir wollen nur ein paar Worte über eine einzige dieser Erschießungen sagen, über die größte Erschießung, die am 3. November 1943 vor sich ging. Frühmorgens wurde die ganze Wache alarmiert und das Lager durch eine Doppelkette von Gestapoleuten abgesperrt. Von der Cholmer Landstraße zog sich durch das Lager ein endloser Menschenzug, dessen Reihen aus je fünf an den Händen zusammen gebundenen Personen bestanden. Ihre Zahl betrug an diesem Tage achtzehntausend. Die eine Hälfte bestand aus Männern, die andere aus Frauen undKindern. Die Kinder bis zu acht Jahren gingen zusammen mit den Frauen, die älteren Kinder bildeten eine Gruppe für sich. Sie gingen auch zu fünft in einer Reihe undwaren ebenfalls an den Händen zusammengebunden. Zwei Stunden, nachdem die Spitze des Zuges im Lager verschwunden war, ertönte im ganzen Lager und in seiner Umgebung Musik. Aus Dutzenden von Lautsprechern schallten ohrenbetäubende Foxtrotts und Tangos. Das Radio spielte den ganzen Morgen, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Diese achtzehntausend Personen wurden auf offenem Feld neben dem neuen Krematorium erschossen. Einige zwei Meter breite und mehrere hundert Meter lange Gräben wurden ausgehoben. Zunächst wurden alle dem Tode Geweihten völlig ausgezogen und mußten sich nackt in diese Gräben legen. Kaum lag eine Reihe Menschen im Graben, wurden sie aus automatischen Pistolen von oben erschossen. Dann wurde die zweite Schicht hineingelegt, und wieder begann die Erschießung. Und das dauerte so lange, – bis der Graben angefüllt war. Dann mußten die am Leben Gebliebenen diesen Graben mit Erde zuschütten, und sie selbst kamen in den nächsten Graben, wo nun sie erschossen wurden. Nur die letzte Reihe der Ermordetenin dem letzten Graben wurde von den Gestapoleuten selbst zugeschüttet. Man vergrubsie so, daß sie nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt waren.
Am nächsten Tag begann man, die Leichen der Ermordeten mit ungewöhnlicher Hast ind en Öfen des neuen Krematoriums zu verbrennen. Auf diese Weise brachten die Deutschen an einem Tag achtzehntausend Menschen um. Zum Schluß müssen noch zwei Deutsche erwähnt werden, oder richtiger, ein Deutscher und eine Deutsche, die gefangengenommen worden sind. Der Deutsche hatte direkt, die Deutsche indirekt damit zu tun, was im Todeslager vorging. Der Deutsche heißt Theodor Schollen. Ihn hat noch nicht die verdiente Strafe ereilt, er lebt noch. Er ist 41 Jahre alt. Geboren ist er in Düsseldorf. 1937 trat er in die Nationalsozialistische Partei und später in eine SS-Abteilung ein. Im Juli 1942 kam er im Lubliner Lager an und wurde dort Rottenführer der SS. Seinem Beruf nach ist er Fleischer aus dem Berliner Schlachthaus, und im Lager übte er das Amt eines Verwalters aus. Zu seinen Pflichten gehörte es, die im Lager eintreffenden Häftlinge auszuziehen, zu durchsuchen, ihnen ihre Kleider abzunehmen, bevor sie in die Gaskammer geschickt wurden. Er nennt sich Lagerverwalter und sagt, daß er derSS-Abteilung irrtümlich in betrunkenem Zustand beigetreten sei. Er sagt, daß er sich zu den Häftlingen äußerst human benommen habe, und plärrt, wenn bei der Gegenüberstellung die Zeugen, die durch seine Hände gegangen sind, ihn daran erinnern, wie er auf der Suche nach Brillanten, die in der Zahnhöhle versteckt sein konnten, mit einer Schlosserzange den Leuten die Zähne herausgerissen und die Goldkronen von den Zähnen gebrochen hat, die in den amtlichen Listen über die abgenommenen Gegenstände nicht geführt wurden und die er sich also aneignen konnte. Er schwört, daß er nichts weiter als Unteroffizier bei der SS war und die Menschen von dem SD, d. h. Gestapo, umgebracht wurden. Als er entlarvt wird, lügt er und vergießt so dicke Tränen, daß ihm ein naiver Mensch im ersten Augenblick glauben könnte. Das über den Deutschen.
Nun zu der Deutschen. Sie heißt Edith Schostek, ist einundzwanzig Jahre alt und stammt aus Mitteldeutschland. Sie kam vor zwei Jahren nach Lublin laut Gesetz, nach dem alle deutschen Mädchen, die neunzehn Jahre alt geworden sind, für den Staat arbeiten müssen. Sie kam für ein Jahr und blieb zwei Jahre. Sie mordete nicht und schlug die Frauen nicht mit der Peitsche vor die Brust. Sie war nur eine Stenotypistin beim deutschen Direktor des Lubliner Kraftwerks, und ihre Hände sind nicht mit Blut befleckt. Aber wie wir sie eingehend verhören, stellt sich eine Kleinigkeit heraus. Sie und ihre Schwester, die auch in Lublin arbeitete, erhielten als zusätzliche Entschädigung Kleidungsstücke aus jener Sammelstelle für die Hinterlassenschaft der Hingerichteten, die dem Leser schon bekannt ist. Sie und ihre Schwester erhielten von dort Spitzen und Schuhe. Andere erhielten vielleicht Wäsche und Kleider. Wieder andere, die Kinder hatten, bekamen Kinderhemdchen und Schuhe der ermordeten Kinder. So schließt sich die Kette, die ganz Deutschland umspannt. An einem Ende dieserKette steht der Henker Theodor Schollen, der den Leuten die Goldzähne heraus riß und sie in die Gaskammer stieß, am anderen Ende der Kette steht Edith Schostek, die lediglich für ihre Arbeit die Kleidungsstücke der Ermordeten erhielt. Sie stehen an verschiedenen Enden der Kette, aber es ist die gleiche Kette. Mehr oder minder werden sich alle verantworten müssen. Mögen sie einander nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Mögen sie ein für allemal begreifen: sie alle werden für ihre Taten einstehen müssen.

Vor 70 Jahren: D-Day

Ein entscheidender Schritt, Europa vom Nazifaschismus zu befreien

Now the Germans played on all their instruments, and I could not find any hole between the shells and bullets that blocked the last twenty-five yards to the beach. I just stayed behind my tank, repeating a little sentence from my Spanish Civil War days, „Es una cosa muy seria. Es una cosa muy seria.“*

Der so genannte D-Day gab Nazideutschland den Rest. Am 6. Juni 1944 landeten in einem gewagten und gewaltigen Unternehmen Truppen der West-Alliierten an der Normandie. Die ein paar Tage nach der Landung in der Normandie einsetzende Offensive der Roten Armee Bagration zerschlug im Osten die gewaltige Heeresgruppe Mitte und verhinderte, dass die Wehrmacht weitere Truppen freisetzten konnte um sie gegen die Westalliierten einzusetzen. Trotzdem dauerte es noch ein knappes Jahr, bis Deutschland die Waffen streckte. Verschiedentlich hält sich der Vorwurf, zu spät die zweite Front eröffnet zu haben, in unzulässiger Weise abgewartet zu haben, bis die Rote Armee der deutschen Wehrmacht das Rückgrat gebrochen hatte und in einigen Kreisen wird geraunt, dass nur die materielle Übermacht gegen einen schlecht bewaffneten Gegner den Sieg der Alliierten gesichert hätte.

Wahr ist, dass die Rote Armee bis zur Landung der West-Alliierten in Italien 1943 auf dem europäischen Festland fast auf sich alleine gestellt war und dass mit der Abwehr des Angriffs auf Moskau, der Schlacht in Stalingrad und dann in der am Kursker Bogen der Wehrmacht schwere und entscheidende Niederlagen beigebracht wurden, die mit einem äußerst hohen Blutzoll seitens der Rotarmisten erkauft wurden. Im Westen gab es nach der Niederlage in Frankreich zunächst keine Möglichkeiten der westlichen Alliierten mehr, der deutschen Wehrmacht auf dem Land Einhalt zu gebieten. Nach der Eroberung Frankreichs beherrschte Deutschland den westeuropäischen Kontinent. Lediglich aus der Luft und im Atlantik wurde ein konsequenter Kampf gegen Nazideutschland geführt.

My beautiful France lookes sordid and uninviting, and a German machine gun, spitting bullets around the barge, fully spoiled my return. The men from my barge waded in the water. Waist-deep, with rifles ready to shoot, with the invasion obstacles and the smoking beach in the background – this was good enough for photographer.

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GIs am 6. Juni 1944: Kein happy-day, aber ein guter Tag für Europa (Foto: R. Capa)

Der von Seiten der West-Alliierten geführte Krieg aus der Luft trug dazu bei, dass die deutsche Luftwaffe erheblich geschwächt wurde, so dass die sowjetische Luftwaffe an der Ostfront die Oberhand gewinnen konnte, was mit eine Voraussetzung für die erfolgreichen Operationen der Roten Armee gewesen war. Im Atlantik kämpften die West-Alliierten die deutsche U-Bootflotte nieder, um den Nachschub sowohl nach England als auch in die Sowjetunion zu sichern. In die Sowjetunion konnten so kriegswichtige Güter geliefert werden, die entgegen der häufig kolportieren Auffassung nicht nur Dosenfleisch enthielten, sondern für die Rote Armee durchaus brauchbares und nützliches Kriegsmaterial. Insbesondere die Lieferung Tausender Lastwagen schuf die Voraussetzung für eine erheblich gesteigerte Beweglichkeit der sowjetischen Truppen. Sowohl die Atlantik- als auch die Luftkriegsoperationen gegen Deutschland waren effektive Massnahmen und bedeuteten eine logistische Meisterleistung und waren für die West-Alliierten äußerst verlustreich.

Doch auch auf dem Landweg kämpften sich alliierte Truppen an den deutschen Herrschaftsbereich heran. 1942 landeten US-Truppen in Nordafrika um dort das deutsche Expeditionsheer endgültig zu vernichten, dass sich angeschickt hatte, über Ägypten nach Palästina und dann weiter über den Irak und den Iran zum damals besetzten Kaukasus vorzustoßen, daran aber von englischen Truppen gehindert wurde. 1943 landeten dann die Alliierten in Italien, was dazu beitrug, dass die Italiener Mussolini stürzten und Italien als erster Bündnispartner sich von Nazideutschland löste.

The tide was coming in and now the water reached the farewell letter to my family in my brest pocket. Behind the human cover of the last two guys, I reached the beach. I threw myself flat and my lips touched the earth of France. I had no desire to kiss it.

D-Day war kein happy-day

Der D-Day war kein happy-day. We would have to be unhappy in the water before we could be unhappy on the shore stellte der großartige Fotograf Robert Capa lakonisch fest. Capa, geboren 1913 als André Friedmann in Ungarn, schoss neben vielen weiteren (von denen aber nur elf erhalten blieben) das oben gezeigte Foto, als er als Journalist die US-Truppen am ersten Tag der Invasion begleitete.

The empty camera trembled in my hands. It was a new kind of fear shaking my body from toe to hair, and twisting my face. I unhooked my shovel and tried to dig a hole. The shovel hit stone under the sand and I hurles it away. The men around me lay motionless. Only the dead on the waterline rolled with the waves.

Mehrere tausend GIs, Kanadier, Engländer u.a. verloren an diesem Tag ihr Leben, Männer die vorher Bauern, Angestellte, Arbeiter usw. waren, die lieber bei ihren Frauen, Kindern, Geschwistern, Eltern oder Freunden geblieben wären, als sich dem deutschen Feuer auszusetzen, um Europa vom Nationalsozialismus zu befreien. Auch 20.000 Zivilisten kamen bei den Kämpfen der Alliierten gegen die Nazitruppen ums Leben.

Die Landung in der Normandie war Auftakt dafür, die deutsche Naziherrschaft in Frankreich zu beenden. Die Alliierten kämpften sich in Frankreich zu einem Zeitpunkt vor, als die letzte Phase der Vernichtung der Juden, das sogenannte „Erntefest“,  in Frankreich seitens der deutschen Besatzung umgesetzt werden sollte. Die bis dahin in der Judenvernichtung zögerliche und widerstrebende Haltung der Vichy-Behörden trug dazu bei, dass ein großer Teil der französischen Juden bis zu diesem Zeitpunkt nicht deportiert werden konnte, das sollte nun unter deutscher Federführung anders werden. Für viele Juden in Frankreich – vor allem Kinder – kamen die Alliierten trotzdem zu spät.

Deutscher Professionalismus und Dilettantismus

Doch anstatt Widerstand gegen Nazis, leisteten die Deutschen noch fast zwölf Monate lang professionellen Widerstand gegen die Truppen der Alliierten, schufen so die Voraussetzung, dass Auschwitz noch über 6 Monate weiter betrieben werden konnte und so die Vernichtung der letzten europäischen Juden in präziser Perfektion fortgeführt wurde, dass in den anderen Konzentrationslagern das Morden weiterging, dass der Volksgerichtshof die wenigen deutschen Widerstandskämpfer unter das Schafott schickte, dass die, die nicht mehr mitmachen wollten, an die Bäume geknüpft wurden und dass abertausende Soldaten der Alliierten und andere europäische Antifaschisten ihr Leben, ihre Gesundheit und ihre jugendliche Unbeschwertheit verloren. Nicht der Rede Wert ist der dilettantische Versuch einen Monat nach der Landung – am 20. Juli 1944 – gegen Hitler zu putschen. Heute wird gerne an den 20. Juli erinnert und man versucht, sich mit den Gegnern von damals zu verbrüdern. Das was Deutschland am besten konnte, darüber wird vornehm geschwiegen.

The mess boys who had served our coffee in white jackets and with white gloves at three in the morning were covered with blood and were sewing the dead in white sacks. The sailors were hoisting stretchers from sinking barges alongside. I started taking pictures. Then things got confused … I woke up in a bunk. My naked body was covered with a rough blanket. On my neck, a piece of paper read: „Exhaustion case. No dog tags.“ … In the second bunk was another naked young man, his eyes staring at the ceiling. The tag around his neck said only: „Exhausting case.“ He said: „I am a coward.“ He was the only survivor from the ten amphibious tanks …

Zur politischen Einschätzung des D-Day sei auf die Seite der Freunde aus Stuttgart verwiesen: Danke, liebe Amis …

*kursiv: Zitate aus Robert Capa, Slightly Out of Focus, New York 2001 (zuerst erschienen 1947). Dort schildert er seine Eindrücke der Landung, an der er am 06.06. an der „Omaha-Beach“ beteiligt war.

Informationen über die Bedeutung und Voraussetzungen alliierter Kriegshandlungen findet man bei Richard Overy, Die Wurzeln des Sieges. Warum die Alliierten den Zweiten Weltkrieg gewannen, Hamburg 2002.

Vor 70 Jahren: Nach 900 Tagen beendeten Rotarmisten die deutsche Hungerblockade Leningrads

Vor siebzig Jahren, am 27. Januar 1944, wurde die Belagerung Leningrads nach vielen für die Rote Armee äußerst verlustreichen Entsatzversuchen endgültig von der Roten Armee gesprengt. Während der Belagerung dieser Stadt kamen ca. 1. Million Leningrader Bewohner ums Leben. Ihr Sterben war Ziel und Plan der deutschen Regierung, umgesetzt durch die deutschen Soldaten unter General Leeb* und Küchler unterstützt durch die Heimatfront in Deutschland, die Soldaten und Waffen lieferte.

Das Mädchen Tanja Savicheva war eines der Opfer. Bis kurz vor ihrem Tod schrieb sie Tagebuch. Auf der letzten Seite führte sie aus: „Alle sind gestorben, nur Tanja ist geblieben.“

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Tanja Savicheva und Zettel aus ihrem Tagebuch

Der Junge Jura Rjabinkin führte in seinem letzten Eintrag, am 6. Januar 1942 aus: „Ich kann fast überhaupt nicht mehr gehen oder arbeiten. Bin völlig entkräftet. Mutter schleppt sich auch gerade noch umher. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, wie sie das schafft. Sie schlägt mich jetzt oft, schimpft, schreit, hat nervöse Anfälle und kann meinen nichtsnutzigen Anblick nicht ertragen – den eines vor Kräftemangel schwachen, hungernden, erschöpftem Menschen, der sich kaum vom Fleck rühren kann, der stört und krank und kraftlos ‚tut‘. Aber ich simuliere doch meine Schwäche nicht. Nein! Das ist keine Heuchelei, meine Kräfte schwinden unablässig. Und die Zeit dehnt sich, dehnt sich und ist lang, lang! Oh Gott, was geht in mir vor? Und jetzt ich, ich, ich …“ Und dann kam der ersehnte Augenblick – der Tag der Evakuierung. Das wenige, was man für die Reise brauchte und mitnehmen konnte, war auf einem Schlitten verpackt. Auch Jura richtete sich im Bett auf, tastete nach seinem Stöckchen, versuchte aufzustehen, konnte es nicht und fiel aufs Bett zurück.  Aus: A. Adamowitsch u. D. Granin, Das Blockadebuch.

Jura Rjabinkin

Jura Rjabinkin

Anläßlich des Holocaustgedenktages sprach der russische Schriftsteller Daniil Granin im Bundestag.

* nach Leeb war bis 1992 eine Kaserne der Bundeswehr benannt.

Kurt Reuber und die Sehnsucht nach dem guten Deutschen

Vor 70 Jahren starb der Vernichtungskrieger, Arzt und „Anti-Nazi“ Kurt Reuber in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Der in Kassel geborene Reuber wurde 1939 in die Wehrmacht als Truppenarzt einberufen und auf dem Balkan und in der Sowjetunion eingesetzt – eben genau dort, wo die sechste Armee ihre Blutspur der Vernichtung zog. Dann nach Stalingrad geschickt, geriet er in Kriegsgefangenschaft. Grund genug für die HNA an ihn im Artikel „Sinnbild sieghaften Lebens“ zu erinnern. Die HNA berichtet, dass Reuber dem religiösen Sozialismus nahe stand, seine Tochter wird zitiert: „Er war ganz stark Anti-Nazi“*. Aufgrund einer Predigt als Vikar zum Volkstrauertag hätten ihn SA-Männer später in Kassel zusammengeschlagen und er sei bespitzelt worden.

Es ist nicht zu leugnen, auch nach der Machtergreifung Hitlers ging das alltägliche Leben für die meisten Deutschen weiter. Eltern waren liebevoll, gleichgültig oder Ekelpakete, an der Arbeit hatte man Kollegen, auf die man sich verlassen konnte, welche vor denen man sich in Acht nehmen musste, es gab Chefs, mit denen konnte man auskommen und welche, die waren unerträglich. Auch nach 1933 blühten im Frühjahr die Obstbäume und wurden die Wälder im Herbst bunt, die Kinder spielten und lärmten in den Gärten und auf den Straßen und wer es sich leisten konnte, fuhr in den Urlaub und Sonntags ging es in die Badewanne. Viele ärgerten sich über alltägliche Probleme, von denen sie annahmen, es könnte auch anders sein, andere waren mit ihrem Leben rundum zufrieden. Lediglich für eine abnehmende Zahl an konsequenten Regimegegnern, für Juden, Sinti und Roma und für behinderte Menschen dürfte diese Feststellung nicht gelten.

Sinnbild einer deutschen Lüge

Sinnbild einer deutschen Lüge

Viele der politischeren Menschen, oder einfach diejenigen, für die Menschlichkeit keine hohle Phrase war, waren sicher befremdet und entsetzt, als sie feststellten mit welcher Brutalität die Nazis gegen Regimegegner, Juden, „Volksfeinde“ und „-schädlinge“ hetzten und vorgingen. Manche von ihnen machten vielleicht sogar den Mund auf, wenn ein ihnen bekannter Nazi im persönlichen Umkreis seine Meinung kund tat, andere wiederum halfen Verfolgten, oder zeigten mit Gesten, dass ihnen deren Schicksal nicht gleichgültig war und die sich formierende Volksgemeinschaft ein Gräuel. Andere, wie z.B. einige wenige Pfarrer hatten den Mut, ihren Zuhörern ins Gewissen zu reden – zu diesen Menschen gehörte wohl auch Reuber. Diese Menschen gehörten zu dem Teil der Bevölkerung, die der Hitlerpartei und die diese unterstützenden Parteien und Gruppierungen ihre Stimme bei den Wahlen nicht gaben, sondern SPD, KPD oder andere Parteien, Gruppierungen, Vereinigungen und/oder Zusammenhänge wählten und/oder unterstützten. 1933 machten sie, je nach Region etwa 1/3 bis zur Hälfte der Bevölkerung aus. Das war auch in und um Kassel so. In einigen Dörfern rund um Kassel, waren die Gegner der Nazis in der Mehrzahl, in Kassel selbst waren die Nazis überdurchschnittlich stark. Doch auch nach 1933 gingen sie – bis auf die Verhafteten und Erschlagenen – hier wie dort weiter arbeiten, lebten ihr Familienleben, ärgerten und freuten sich über Alltägliches. Zu diesen Menschen gehörte wohl auch jener Reuber.

Auch in der Wehrmacht, die in fast alle europäischen Länder einmarschierte, um dort ein verbrecherisches Raub- und Terrorregime zu errichten, gab es vielleicht bisweilen nur ein Drittel überzeugte Regimeanhänger. Der Rest der Mannschaften nahmen vielleicht eine gleichgültige oder z.T. sogar ablehnende Haltung gegenüber dem Naziregime ein. Das war in den Einsatzgruppen, die hinter der Front ihr Vernichtungswerk ausübten nicht viel anders. Die Entscheidung, den Schritt zu tun, sich aktiv gegen das Regime zu wenden, taten weder diese Menschen in der Wehrmacht, noch die an der „Heimatfront“. Kurzum, die Deutschen verhielten sich zwischen 1933 und 1945 ganz alltäglich. Sie hatten es aber mit nichtalltäglichen Verhältnissen zu tun, oder anders formuliert, das Alltägliche war in Deutschland das unvorstellbare Grauen – für die Anderen. Während z.B. Reuber die Maria und das Christuskind für die eingekesselten Soldaten zeichnete, wurden in ganz Europa Juden aufgespürt und zusammen getrieben, um in den Gaskammern von Auschwitz, Treblinka, Sobibor und Maidanek wie Ungeziefer vernichtet zu werden. Während Reuber „12 Stunden“ (Wikipedia) am Tag operierte, also bis zur Erschöpfung die Landser wieder zusammenflickte, deren Aufgabe es war, die Rote Armee daran zu hindern, der deutschen Vernichtungspolitik den Garaus zu bereiten, rotteten deutsche Einsatzgruppen in den besetzten Gebieten der Sowjetunion in Handarbeit die Juden aus.

Der deutsche Alltag war ab 1933 sowohl im Frieden als auch im Krieg untrennbar verknüpft mit der sämtliche menschlichen Werte negierenden deutschen Politik. Der liebevolle Vater, der mit schallendem Lachen sein Kind etwas vorsang und es herzte ist untrennbar verbunden mit dem auf der Bogerschaukel gemarterten KZ-Häftling, ein heilender Arzt war untrennbar verbunden mit den in den Gaskammern Eingeschlossenen, die in Todesangst die Klappe im Auge hatten, durch die das Zyklon B hineingeworfen wurde, das sie grausam ersticke. Der Wunsch nach dem Abstellen des Friedenswidrigen, der Reuber wie sicher auch viele andere Menschen in Deutschland umtrieb, war untrennbar verbunden mit dem deutschen Maschinengewehr- und Kanonenfeuer auf die, gegen die deutschen Stellungen anrennenden und dabei millionenfach verreckenden Rotarmisten, die es unter dem Einsatz ihres Lebens versuchen mussten, diejenigen aus ihrem Land und schließlich den osteuropäischen Ländern zu vertreiben, die die Vernichtungspolitik vollzogen und/oder erst möglich gemacht hatten.

Hitlerdeutschand verkörperte sich nicht nur in den braunen Hitler zujubelnden Horden, nicht nur in jenen, die sich das Eigentum der Vertriebenen und Ermordeten aneigneten und nicht nur in dem Agieren der KZ-Wächter und Einsatzgruppen, sondern eben auch im ganz normalen Alltag der Deutschen. Der im Mai blühende Kirschbaum im deutschen Vorgarten stand genauso für Hitlerdeutschland, wie singende und lachende blondbezopfte und wohlgenährte Kinder, die darunter Ringel-Rein tanzten, der mit seinen Angehörigen an einem deutschen See in der Sonne liegende Urlaubsgänger genauso, wie der, heimlich seine Faust in der Tasche ballende, Unzufriedene und in innerer Emigration verweilende Humanist. Es gab kein anderes Deutschland. Diejenigen, die ob der offensichtlichen Barbarei den einzig gültigen kategorischen Imperativ vollzogen, nämlich aktiven Widerstands zu leisten oder zu emigrieren, waren die wenigsten. Es waren z.B. Thomas Mann und  Marlene Dietrich und jene schnell weniger werdenden Kommunisten und Sozialisten, die zu Beginn der Naziherrschaft (und später auch die Gruppe um die Geschwister Scholl), auf den Aufstand gegen Hitler hoffend, noch tausendfach Flugblätter verteilten, Parolen an die Wände pinselten und hin und wieder eine rote Fahne an einen Fabrikschornstein hissten, oder gar ein paar SA-Männer verdroschen. Es waren Einzelgänger wie Georg Elser, der mit Sprengstoff Hitler zu beseitigen versuchte, es war die Baumgruppe, die in Berlin einen Brandanschlag auf eine Propagandaausstellung verübte, es war die Rote Kapelle, die wichtige Daten an die Sowjetunion weitergab und es waren die Zwangsarbeiter, die in den Rüstungsbetrieben Sand in die Panzer- und Flugzeuggetriebe streuten, die Zünder der Granaten falsch zusammenmontierten und ähnliche Sabotageaktionen vollzogen.

Kirschbaum

Auch die Kirschen blühten in den Jahren 1933 – 1945 in Deutschland. „Noch der Baum, der blüht, lügt in dem Augenblick, in welchem man sein Blühen ohne den Schatten des Entsetzens wahrnimmt.“ (T.W. Adorno)

Die Madonna Reubers ist nicht der Inbegriff der Grausamkeit des Krieges, sondern Sinnbild der deutschen Lüge, dass es ein gutes Leben, dass es den guten Deutschen auch unter Hitler geben konnte. Als weiterer aktueller Ausdruck dieses Wunsches in Kassel steht auch die vereinte Abwehr gegen die Erkenntnis zweier Historikerinnen, dass der Kasseler Oberbürgermeister und Sozialdemokrat Karl Branner ein Nazi war, die soweit führt, dass nun eine Historikerkommission ins Leben gerufen wird, um die schlichte Schlussfolgerung der Forscherinnen zu hinterfragen, dass jemand, der den Nazijargon in seiner wissenschaftlichen Arbeit benutzt, Naziuniformen trägt und Naziorganisationen angehört, ein Nazi – und somit Täter – war. Die Sehnsucht nach dem guten Deutschen in der Nazidiktatur ist unmittelbar mit der ewigen Litanei des Wunsches nach Versöhnung verknüpft, für die dann in der HNA nur drei Tage nach der Litanei über Reuber die Schwester eines in der Sowjetunion gefallenen und jüngst identifizierten Vernichtungskriegers aus Kassel herhalten muss. Dieser Wunsch nach Versöhnung spiegelt sich auf der nationalen Ebene bis heute in der unablässigen Erinnerungsarbeit der Deutschen wieder.

Doch weder Reuber noch seine Madonna, noch die frommen Wünsche einer Schwester eines gefallenen Wehrmachtsangehörigen und noch viel weniger die offiziöse Gedenkpolitik in Deutschland können ein Beitrag zur Versöhnung sein. Der deutsche Arzt, der die deutschen Truppen auf ihrem Vernichtungsfeldzug begleitete, sah, wie vermutlich viele andere halbwegs klar denkenden Wehrmachtsangehörigen auch, in den Steppen keine Untermenschen, sondern Menschen mit reinen Augen und Kinder die hinter ihm herliefen. Es waren Verlorene, Hoffnungslose und Verängstigte, die keine Kraft mehr besaßen, um gegenüber den Angehörigen der deutschen Besatzungstruppen wenigstens die ihnen gebührende Verachtung auszudrücken, oder ihnen ein Messer in den Rücken zu stoßen, eine Handgranate in ihr Truppenquartier zu schmuggeln, sie hinterrücks mit einer Pistole zu erschießen etc.

Der Inbegriff des deutschen Krieges bleibt Auschwitz, bleibt das belagerte Leningrad, bleiben die Gruben von Babi Jar usw. Auschwitz, Leningrad, Babi Jar als Inbegriffe deutschen Vernichtungsfurors werden nie einen Anlass zur Versöhnung bieten können – nur Anlass zur Sühne. Im Gegensatz zu den Versuchen, sich über den Gräbern gefallener Soldaten die Hand zur Versöhnung zu reichen, was nach 1918 vielleicht noch eine adäquate Geste gewesen wäre, wäre und ist dieser Akt über der Asche der Verbrannten in Auschwitz, Sobibor, Treblinka, den Erschossenen in Babi Jar und den Ausgehungerten in Leningrad usw. undenkbar, es wäre und ist ein Akt der Verhöhnung. Stalin schlug gegen Ende des Krieges vor, mehrere 10.000 deutsche Offiziere zu erschießen, dieser Akt wäre sicher eine Genugtuung für den einen oder anderen Überlebenden gewesen. Eine angemessene Sühne für die Jahre währende deutsche Terrorherrschaft wäre auch dies nicht gewesen.

J.D.

* kursiv: Zitate aus „Sinnbild sieghaften Lebens“ (HNA, 20.01.2014).

Vor siebzig Jahren – Bomben auf Kassel

Eine Filmpräsentation zum Jahrestag

Im Oktober 2013 jährt sich zum 70. Mal der Luftangriff auf Kassel. Zur Einordnung des Bombenkriegs gegen Deutschland und des Angriffs auf Kassel sei auf unsere Artikel  „Bomben auf Kassel – vor 68 Jahren“ und „Aufregung um die Ehrung des Bombercommands“ verwiesen.

Nach dem Krieg blieb die Strategie der alliierten Luftstreitkräfte im Focus öffentlicher Anklage. Obwohl heute die Verbrechen des Naziregimes in der umfassenden „Erinnerungsarbeit“ deutscher Fernsehfilme kein Tabu mehr sind, hat sich an dieser Sichtweise auf die alliierten Kriegshandlungen wenig geändert, was sich geändert hat, ist, dass man auch den deutschen Tätern eine Traumatisierung zubilligt und so auch diese in die immer größer werdende Gemeinschaft der Opfer eingemeindet.

Anders arbeiten die beiden, völlig sich voneinander unterscheidenden, Filme, die nun in Kooperation mit dem Filmladen und der vhs-Region Kassel präsentiert werden. Beide Filme thematisieren die Bombardierungen alliierter Luftstreitkräfte und nehmen Abstand davon, eine Perspektive der deutschen Tätergemeinschaft einzunehmen.

Gregory Peck

Zeit zu Leben und Zeit zu Sterben„, USA 1958, Regie: Douglas Sirk, mit John Gavin und Lilo Pulver. Der Film thematisiert in einzigartiger Weise anhand der Geschichte des an der Ostfront eingesetzten deutschen Soldaten Schuld und Sühne. Obwohl der Soldat Graeber kein Anhänger des Naziregimes ist, beteiligt er sich am Mord an sowjetischen Partisanen. Nebenaspekt aber keine zufällige Rolle spielt ein Luftangriff auf eine deutsche Stadt. Der Film beruht auf dem Roman von Erich Maria Remarque, der in Deutschland lange nur in einer zensierten Fassung im Handel war. Da Remarque auf die Verfilmung seines Romans keinen Einfluss nehmen konnte, protestierte er gegen seine Nennung als Drehbuchautor. Remarque ist aber auch als Schauspieler im Film zu sehen. (Einführung: Jonas Dörge, Der Krieg der Nazis und die individuelle Verantwortung bei Remarque)

Wann: 22.10.2013, 17.00 Uhr Wo: Kleines Bali-Kino am Kulturbahnhof.

Der Kommandeur“ (Twelve O’Clock High), USA 1949, Regie: Henry King, mit Gregory Peck und Dean Jagger: Im Mittelpunkt der Handlung stehen die Besatzungen einer US-amerikanischen Bomberstaffel, die Einsätze gegen Nazideutschland fliegen. Die Flieger sind aufgrund der hohen Verluste unter ihren Kameraden zunehmend demoralisiert. Aus diesem Grund wird ihr beliebter Chef durch einen erfahrenen, von Gregory Peck gespielten, Flieger ersetzt. Doch auch die Methoden des neuen Kommandeurs bringen zunächst nicht die erhofften Ergebnisse. Im Lexikon des internationalen Film heißt es: „… handwerklich solide Darstellung des Luftkriegs gegen Deutschland aus alliierter Sicht. Ein seriöser, fesselnder Kriegsfilm mit überzeugender Charakterzeichnung.“ (Einführung: Jonas Dörge, Mythen und Fakten des alliierten Luftkrieges)

Wann: 23.10.2013, 17.00 Uhr Wo: Kleines Bali-Kino am Kulturbahnhof.

14. Oktober 1943 – Aufstand in Sobibor

No one can do our work for us

Tell me,“ a trembling voice came from a corner, „if there are so many partisans, why don’t they attack our camp?“ “The partisans have their tasks. No one can do our work for us.” (Alexander (Sasha) Pechersky, zit.n. Yuri Suhl).

Zusammen mit Leon Feldhendler organisierte Sasha Pechersky den Aufstand in Sobibor, der als einer der wichtigsten des jüdischen Widerstands gegen Nazideutschland gelten kann. As for the revolt, said Pechersky, „It was not crushed. It was successful. Practically all of the prisoners had escaped. It was this that compelled the fascists to liquidate the camp.“ (Pechersky, zit.n. Yuri Suhl)

Der Aufstand – Wiederaneignung von Kraft und Gewalt

Sowohl die Verlassenheit der jüdischen Bevölkerung angesichts des deutschen Vernichtungsfurors, als auch die Erkenntnis von der Voraussetzungen für die einzig verbliebene Wahl, das Überleben und/oder die Würde durch den Versuch des (bewaffneten) Aufstandes zu verteidigen sind das, was die Aufstände in Warschau, Treblinka und Sobibor und anderer eher unbekannterer Orte bemerkenswert machen. Claude Lanzmann führt dies in seinem Film Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr wie folgt aus: Der Aufstand ist ein paradigmatisches Beispiel für das, was ich andernorts “die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt durch die Juden” genannt habe. Die Shoah war nicht nur ein Massaker an Unschuldigen, sondern eben auch ein Massaker an wehrlosen Menschen … abgesehen von den großen Aufständen, wie den im Warschauer Ghetto, gab es in den Lagern und Ghettos zahlreiche – individuelle wie kollektive- Akte der Tapferkeit und Freiheit: Beschimpfungen, Verwünschungen, Selbstmorde, verzweifelte Angriffe. Es stimmt jedoch, dass eine tausendjährige Tradition des Exils und der Verfolgung die große Mehrheit der Juden nicht auf die tatsächliche Ausübung von Gewalt vorbereitet hatte, die auf zwei untrennbare Voraussetzungen beruht: psychologische Veranlagung und technisches Wissen, d.h. Vertrautheit im Umgang mit Waffen. Es war ein jüdischer sowjetischer Offizier – Alexander Petscherski, ein Berufssoldat, und also geübt im Umgang mit Waffen -, der den Aufstand in nicht einmal sechs Wochen beschloss, plante und organisierte.“

Um die Schreie der gemarterten und dem Tode nahen Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Deutsche Kreativität: Um die Schreie der gemarterten und der verängstigten, dem Tode geweihten Menschen zu übertönen, hielten die Wachmannschaften in Sobibor Gänse

Die Vernichtung und die Passivität

Die Bewegung, die sich die Befreiung der Menschheit auf die Fahne geschrieben hatte, blieb angesichts der beispiellosen Barbarei weitgehend passiv. Der Vorwurf, passiv geblieben zu sein, richtete sich – z. T. schon während der gemeinsamen Inhaftierung in den KZs – jedoch an die Juden. Sie hätten sich passiv wie Schafe auf die Schlachtbank in die Gaskammern führen lassen. Seitens der Linke blieb eine Reflektion auf das eigene, sowohl theoretische, den Nationalsozialismus zu verstehen, als auch auf das praktische Versagen, die deutsche Barbarei zu verhindern, weitgehend aus. Mehr als ein „Nie wieder Krieg!“, das gerne gegen Israel oder gegen die USA vorgebracht wird, ein hilfloses weil weitgehend begriffsloses „Wehret den Anfängen!“ und der modifizierte Aufguss der Dimitroff-Thesen ist seitens der Arbeiterbewegung (ihrer politischen Organisationen und ihrer Erben, die sogenannte Linke) nicht zustande gebracht worden.

Erinnerung

Der Aufstand in Sobibor hat keinen großen Stellenwert in der deutschen Gedenkkultur, denn er lässt sich nicht für die Zwecke deutscher Erinnerungsarbeit instrumentalisieren. Man erinnert an den 9. November, an den 27. Januar, an den 20. Juli und an den 1. September, neuerdings auch an den 8. Mai. Alles Daten, die mit der Herrschaft der Nazis im Zusammenhang stehen und durchaus an die Opfer dieser Gewaltherrschaft verweisen oft aber auch auf das allgemeine Phänomen Krieg und Gewalt, dem ein „Nie Wieder!“ entgegengebracht werden soll, nicht aber – mit Ausnahme des 20. Juli – auf die Möglichkeit und Notwendigkeit des Widerstands. Die nach wie vor zu beobachtende Fokussierung auf Krieg und Gewalt erlaubt ein Abstrahieren vom politischen Gehalt des NS, dem Blick auf die Opfer geht der penetrante Versuch einher, die Eingemeindung großer Teile der deutschen Bevölkerung in die Gemeinschaft der Opfer zu betreiben.

Das mittlerweile durchaus gängige Bekenntnis zur Schuld wird hintertrieben oder ins Abstrakte aufgelöst, indem mit dem Blick auf den und mit der der Betonung des Widerstands in Deutschland gegen die nationalsozialistische Herrschaft in Deutschland die Erkenntnis verwässert wird, dass dieser eine Ausnahme war, eine Randerscheinung, eine isolierte Maßnahme ohne Anklang in der Bevölkerung, dass die Volksgemeinschaft, nach anfänglichem und vergeblichen Versuch vor allem der Kommunisten, einen breit organisierten Widerstand zu organisieren, fast alle Schichten der deutschen Bevölkerung durchdrang und Hitler ein zunehmend populärer Politiker wurde. Kurz, dass es das andere Deutschland nicht gab. Das Gleiche lässt sich von der Bereitschaft sagen, Juden vor der Verfolgung zu verstecken. Ein absolutes Randphänomen. (Vgl.: Uni Bielefeld, Trügerische Erinnerungen – Wie sich Deutschland an die Zeit des Nationalsozialismus erinnert)

„Verantwortung“ und Politik

Das staatsoffizielle mantrahafte Beschwören einer Verantwortung vor der Geschichte in Deutschland hat sowohl paternalistische wie auch vor allem selbstbezügliche Züge. Man schwingt sich als Lehrmeister im Gedenken und Aufarbeiten auf, fertigt Erinnerungsstätten und belästigt zu staatsoffiziellen Anlässen Veteranen und Überlebende des deutschen Terrors mit Umarmungen und dem Verlangen nach Versöhnung. Vor allem in der staatlich subventionierten kulturindustriellen Film- und Literaturproduktion geht es darum, die eigene Nation von Schuld und Verantwortung zu befreien und darüber hinaus Volk und Nation in eine Gemeinschaft der Opfer einzugemeinden. Doch dieses Unterfangen ist billig – denn praktische Folgen hat dies heute nicht. (Siehe hierzu auch die Stellungnahme der Initiative Zug der Erinnerung)

Zu einer Zeit, wo diese möglich und zeitgemäß gewesen wären, blieb eine strafrechtliche Verfolgung und/oder Auslieferung deutscher Straftäter an die Länder, in denen sie ihre barbarischen Verbrechen begangen hatten, weitgehend aus, eine finanzielle Entschädigung für die Überlebenden und Hinterbliebenen deutscher Verfolgung blieb entweder aus oder kam über symbolische Summen nie hinaus, angemessene Reparationsleistungen für die von den Deutschen völlig verwüsteten und ausgeraubten Volkswirtschaften überfallener Nationen standen nie zur Diskussion. Es waren die Zeiten, in denen die Erinnerung an den NS häufig noch mit dem Vorwurf der Nestbeschmutzung und/oder mit dem Verlangen nach einem Schlussstrich konfrontiert wurde.

Und Lehren für die aktuelle Politik? Auch heute kann von einer strikten Außenhandelskontrolle, die effektiv verhindern würde, dass an alle möglichen Potentaten Bauteile zur Verfertigung von Chemie- und Atomwaffen sowie Rüstungsgüter geliefert werden, nicht die Rede sein. Deutscher Geschäftssinn trägt mit dazu bei, dass der Antisemitismus bewaffnet bleibt. Eine Vorreiterrolle darin, auf EU-Ebene dafür zu sorgen, dass Organisationen wie die Hisbollah und die Hamas als das bezeichnet werden, was sie sind, nämlich faschistoide Terrororganisationen – weit gefehlt.

Statt dessen sieht sich auch Deutschland besonders gern in der Verantwortung, wenn es darum geht, den Staat Israel dann zu ermahnen, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, wenn dieser Schritte unternimmt, seine Bürger gegen Terror und Vernichtungsdrohungen zu schützen, wenn er genau das tut, was Lanzmann beschrieben hat: Durch die Wiederaneignung von Kraft und Gewalt zu verhindern, wehrloses Opfer zu sein.

Alexander Peshersky
Thomas Blatt, Sobibor – The forgotten Revolt
2. August 1943 – Aufstand in Treblinka
Vor siebzig Jahren: Aufstand des Warschauer Ghett